Posts by Mündener

    Quote from Tegula

    Deutschland besitzt als ein Kernland der christlichen Missionierung im Mittelalter ein sehr dichtes Netz an Bischofssitzen. Frankreich, England und vielleicht Italien dürften wohl auf ähnlichem Niveau mitspielen, ohne dass ich das auf die Schnelle mit konkreten Zahlen belegen könnte.

    Dem würde ich teilweise zustimmen, nämlich für das Rheintal, wo die großen Städte im Wesentlichen römische Gründungen sind. Generell haben die Regionen des ehem. römischen Reichs eine sehr hohe Dichte an Bistümern, aufgrund der Stellung der Bischöfe im frühen Christentum, die als Metropoliten jeweils einer (i. d. Regel städtischen) Gemeinde vorstanden, sodass jede Civitas und damit jede Gemeinde ein Bistum bildete. Die heute übliche Stellung der Bischöfe in der kirchlichen Hierarchie ist ein Resultat der christlichen Missionierung in der Breite seit der Spätantike, aufgrund derer die Bischöfe von Gemeindevorstehern zu Metropoliten einer ganzen Diözese von Pfarreien wurden (die Entwicklung von Pfarreien im heutigen Sinne ist die Antwort des Christentums auf die Gegebenheiten ländlicher Regionen außerhalb der römischen Gebiete, wo die Methoden der städtischen Gemeinde an Grenzen stießen). Als Folge dieses Bedeutungswandels der Bischöfe und deren hoher Stellung in der sich bildenden kirchlichen Hierarchie im Frühmittelalter gab es für die neu christianisierten Gebiete dieser Zeit (Hessen, Bayern, Sachsen) erheblich weniger Bistümer, die allesamt Missionszentren waren - im Gebiet der Sachsen Münster, Osnabrück, Paderborn und Minden, in Hessen und Thüringen Büraburg, Fulda und später Erfurt. Letztere wurden allerdings alle wieder von Mainz aufgelöst, als man deren Aufgabe - die Missionierung - als erledigt ansah, was die große Lücke ohne Bischofssitze in Hessen und Thüringen erklärt.

    Das gleiche Prinzip wiederholte sich etwa 200 Jahre später bei der Slawenmission, deren Bistümer mangels einer klaren Oberhoheit einer Erzdiözese (Madgeburg als Solche war selbst noch jung und nicht in der Stellung wie Mainz) aber im Wesentlichen bis zur Reformation überlebten (der Verlust der Bistümer Havelberg und Brandenburg in Folge des Slawenaufstands 983 blieb eine Episode, die Rückverlegung des Bistums Zeitz nach Naumburg hatte Bestand). Dennoch waren alle diese Diözesen deutlich größer bemessen als jede mit römischen Wurzeln an Rhein und Donau.


    Zur gleichen Zeit wie die deutschen Bistümer der Slawenmission ist übrigens auch der Großteil der Diözesen in Polen (Posen 10. Jhd, Gnesen 1000, Krakau ebenfalls ca. 1000), in Böhmen/Mähren (Prag 973, Olmütz 1063) und in Ungarn (Gran 1000, Vác 1004, Eger 10. Jahrhundert, Pécs 1009) entstanden - die Strukturen und Größen sind dabei vergleichbar.

    Quote from Onkel Henry

    Reden wir jetzt von Deutschland oder den heiligen römischen Reich?

    Ich sprach bewusst vom HRR, weil ich es für widersinnig halte, Entwicklungen und Themen des Mittelalters in den politischen Grenzen größtenteils des 19. und 20. Jahrhunderts zu beurteilen, und damit unter Umständen wichtige Aspekte auszuklammern.

    Quote from tegula

    Dort wo sie der Spätgotik zuzurechnen sind oder in einer Region entstanden, in der die Hallenkirche sich bereits seit dem 12. Jahrhundert heimisch war (z.B. Westfalen), die Hallenkirche auch im Kathedralbau wie selbstverständlich auftaucht.

    Ich denke, dass es auch ein gewisses Nord-Süd-Gefälle gibt - bemerkenswert finde ich die Bauten in Augsburg (der Chor ist vermutlich ein Werk der Parler-Familie) und Passau (begonnen mit einem Baumeister, der zuvor mit der Landshuter Martinskirche eine der bedeutendsten Hallenkirchen begonnen hatte), die beide in sonst von Hallenkirchen dominierten Regionen stehen. Aber auch hier passen sie ins Bild der Assoziation von Basiliken mit der Würde einer Kathedralkirche; nicht umsonst hat man diese Bauform hier auch bei besonders ambitionierten Stadtkirchen (Ulm nach Planwechsel, Freiburg im Breisgau, Bern, Freiburg im Üechtland, Reutlingen, Colmar, Schlettstadt, Nabburg, Deggendorfer Heilig-Blut-Kirche, Amberger Georgskirche, Münchener Peterskirche) noch im 14. und 15. Jahrhundert gerne gewählt.


    Dagegen sind in Norddeutschland Beispiele für dieses Phänomen seltener, in Westfalen, Friesland, sämtlichen Welfischen Territorien, Sachsen, Mecklenburg jenseits der Küstenstädte, Pommern und in der Mark Brandenburg waren Hallenkirchen ja nach Region spätestens seit dem 14. Jahrhundert das Nonplusultra, Ausnahmen sind hier selten (Norden, Lüneburg, Hildesheim, Eberswalde), die Basiliken der Hanseatischen Backsteingotik werden ihren Ursprung aber vermutlich in derselben Überlegung haben wie die oben genannten süddeutschen Stadtkirchen. Schlesien fällt hier ein wenig aus dem Rahmen, wo während des gesamten Mittelalters großformatige Basiliken ebenso häufig wie Hallenkirchen errichtet wurden, genau wie im Südlich angrenzenden Böhmen und Mähren.


    Interessant ist der Westen - die Häufung von Basiliken im Elsass hatte ich bereits oben erwähnt. Nach Norden nimmt die Konzentration ab, die spätgotischen Basiliken entlang des gesamten Rheins zeigen aber, dass man sich während der gesamten Gotik noch kreativ und teils innovativ mit dem Bautypus der Basilika beschäftigt hat (Oppenheim, Oberwesel, Münstermaifeld, Xanten, Wesel).

    Quote

    Da ist die Frage bereits falsch gestellt. Natürlich ist Deutschland voller gotischer Kathedralen. In Deutschland nahm die Gotik aber einen etwas anderen Weg als in Frankreich. So war hier vor allem im Spätmittelalter die Halle die prägende Raumform.

    Schaut man sich die (während des Mittelalters als Solche fungierenden) Kathedralen im Heiligen Römischen Reich an, die im gotischen Stil neu- oder bedeutend umgebaut wurden, so stellt man fest, dass im Gegensatz zur Situation bei den Stadtkirchen die Basilika noch eine recht bedeutende Stellung hat.

    Von Nord nach Süd:


    -Lübeck (Halle, gotischer Neubau)

    -Cammin (Basilika)

    -Schwerin (Basilika, gotischer Neubau)

    -Verden/Aller (Halle, gotischer Neubau)

    -Havelberg (Basilika, Umbau der romanischen Basilika)

    -Brandenburg/Havel (Basilika, Umbau der romanischen Basilika)

    -Utrecht (Basilika, gotischer Neubau)

    -Minden (Halle, gotischer Neubau)

    -Osnabrück (Basilika, Neubau des 13. Jahrhunderts im Übergangsstil)

    -Magdeburg (Basilika, gotischer Neubau)

    -Halberstadt (Basilika, gotischer Neubau)

    -Fürstenwalde/Spree (de-facto Kathedrale des Bistums Lebus, Halle, gotischer Neubau)

    -Münster (Basilika, Neubau des 13. Jahrhunderts im Übergangsstil unter Einbeziehung ottonischer Bauteile)

    -Paderborn (Halle, gotischer Neubau)

    -Merseburg (Halle, gotisches Langhaus des frühen 16. Jahrhunderts)

    -Meißen (Halle, gotischer Neubau)

    -Köln (Basilika, gotischer Neubau)

    -Tournai (Basilika, gotischer basilikaler Chor)

    -Lüttich (Basilika, gotischer Neubau)

    -Cambrai (Basilika, gotischer Neubau)

    -Prag (Basilika, gotischer Neubau)

    -Leitomischl (vermutlich Basilika, gotischer Neubau)

    -Olmütz (Basilika, Umbau der romanischen Basilika)

    -Metz (Basilika, gotischer Neubau)

    -Eichstätt (Halle, gotischer Neubau)

    -Regensburg (Basilika. gotischer Neubau)

    -Toul (Basilika, gotischer Neubau)

    -Straßburg (Basilika. gotischer Neubau unter Einbeziehung des spätromanischen Chors)

    -Passau (Basilika, gotischer Neubau)

    -Augsburg (Basilika, gotischer West- und Ostchor und Umbau des romanischen Langhauses)

    -Chiemsee (wahrscheinlich gotischer Umbau der romanischen Basilika des Klosters Herrenchiemsee, de facto - St. Mariä Himmelfahrt in St. Johann i. Tirol, Saalkirche)

    -Wien (Halle, gotischer Neubau)

    -Brixen (Halle, gotischer Hallenchor)

    -Lausanne (Basilika, gotischer Neubau)


    Lässt man die Kathedralen, die nicht im weitestgehend deutschen Sprachraum lagen, aus (Niederlande, Flandern, Wallonien, Böhmen & Mähren, Lothringen) , so kommt man immer noch auf 13 Basiliken gegenüber 10 Hallenkirchen. Bei Stadtkirchen hingegen muss man abseits der deutschen Ostseeküste, Böhmens und des Elsasses schon fast suchen, um mal eine Basilika anzutreffen - vom klassischen Kathedralschema frz. Provenienz noch ganz zu schweigen. Letzterem fehlte im deutschen Sprachraum schlicht und ergreifend die Verankerung in der Tradition, die ja jene der normannischen und französischen Romanik war. Ausnahmen wie Köln, Regensburg, Straßburg und Limburg (an alle Kunsthistoriker - ja, rheinische Romanik hin oder her - ich weigere mich, Limburg der Spätromanik zuzuordnen, während die stilistisch auf gleicher Stufe stehenden Kathedralen in Laon und Roskilde schon zur Frühgotik gezählt werden) bestätigen da die Regel.


    Ich denke, die Basilika als der Kathedrale angemessene Bauform behielt ihre Stellung während des gesamten Mittelalters zu einem gewissen Maße, wobei auch oft der Mode vor der Tradition Vorrang gegeben wurde. Vergleicht man die Situation bei den Kathedralen mit den Stadtkirchen, so stellt man jedoch ein deutlich ausgeprägteres Traditionsbewusstsein fest als bei den i. d. Regel der Mode folgenden Stadtkirchen.


    PS: Ich hab Cammin in der Aufzählung vergessen, aber was solls, ist ja ne Basilika und spielt daher in der Statistik keine große Rolle mehr :biggrin:

    PPS: Eichstätt fehlt auch noch.

    PPS die Zweite: Das unfassbar relevante Bistum Chiemsee fehlt auch noch ablachen:) Nehm ich jetzt die Herrenchiemseer Klosterkirche als Kathedrale oder die für einen Großteil seiner Existenzzeit de-facto-Kathedrale, die Dekanatskirche St. Mariä Himmelfahrt in St. Johann in Tirol? :lachen:

    Quote

    Zumal sich hier die Frage stellt, woher man bis ins Detail zuverlässiger Vorlagen bekommen möchte, um den Turm in seiner ursprünglichen Gestalt präzise zu rekonstruieren.

    Wenn ich mich richtig erinnere (Quellen würde ich bei Interesse recherchieren), wurde der Nordturm der Kirche seinerzeit, nachdem die statischen Probleme schon länger bekannt waren, unter Leitung von Viollet-le-Duc nach akribischer Planung und unter genauer Dokumentation Stein für Stein abgebaut und teilweise für eine spätere Rekonstruktion eingelagert.

    Unter anderen Umständen würde man die Rekonstruktion vermutlich auch nicht in Betracht ziehen.

    Den Schutz von Kunstgut in allen Ehren, aber was hier teilweise so vorgeschlagen wird, reicht von hanebüchen bis gefährlich.


    Es soll also das Grundgesetz geändert werden, sodass Straftätern mit ausländischen Vorfahren die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen werden kann, selbst wenn besagte Straftäter dadurch staatenlos werden.


    Wohlgemerkt, die den Mitgliedern des Remmo-Clans im Fall Dresden wahrscheinlich nachzuweisenden Straftaten wären Diebstahl in besonders schwerem Fall nach §243 StGB, Sachbeschädigung nach §303 StGB und eventuell bewaffneter Diebstahl nach §244 StGB. Keiner dieser Delikte wird mit mehr als 10 Jahren Gefängnis bestraft.


    Demnach darf man davon ausgehen, dass für sämtliche Delikte mit gleichem oder höherem Strafmaß Ähnliches gelten soll, sprich: quasi alle Gewaltdelikte, Sexualdelikte, usw. und darüber hinaus ein guter Teil der Wirtschaftsdelikte.

    Da würde es beim einem Anteil der hierzulande lebenden Menschen mit Migrationshintergrund von 26% der Gesamtbevölkerung Deutschlands ne Menge Staatenlose geben.


    Und um dies zu vermeiden, soll dann auch noch in ohnehin labilen Staaten wie etwa dem Libanon der Korruption von staatlicher Seite Vorschub geleistet werden.


    Quote

    Mit Geld geht das vor allem im korrupten Libanon. Ist auf Dauer auch billiger als solche Typen im Land zu behalten. Ein Winkelzug, welcher notwendig wird, weil man solchen Typen ansonsten nicht beikommt.


    Abgesehen von Vergleichen zu ähnlich lautenden Verordnungen im Nationalsozialismus und in der DDR - dort waren die mit Entzug der Staatsbürgerschaft belegten "Straftaten" etwa "Verletzung der Pflicht zur Treue gegen Reich und Volk" oder "Schädigung deutscher Belange" - wäre das hier erdachte Konstrukt so dermaßen unlogisch und an allen Prinzipien des Rechtsstaats vorbei, dass vermutlich nicht einmal die NPD dem zustimmen würde, wenn sie es könnte.


    Oder kurz gefasst: Ist mir zu doof, ich bin raus.

    Quote

    Welche zweite Kirche du nun genau meinst, kann ich leider nicht nachvollziehen.


    Ich sprach von den Kirchen in Milevsko und Třeboň, die Kirche in Kájov wurde ja von Ursus ins Spiel gebracht.

    Außerordentlich herzlichen Dank für die Belehrung!

    Mit „Spätgotik im Wald-/Mühl- und Mostviertel“ meinte ich jedoch ausschließlich jene Sonderformen, die Ursus hier in diesem Strang thematisiert, und die nahezu komplett in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts und im frühen 16. Jahrhundert auftraten.

    Damit war nicht beabsichtigt, die beiden böhmischen Vorläuferbauten ebendieser Spätgotik als Hochgotik zu bezeichnen, wobei zumindest die Maßwerkformen beider Kirchen durchaus noch hochgotisch sind und noch nichts vom Parler‘schen Avantgardismus der Parger, Kolíner und Kuttenberger Kirchen an sich haben.

    Ich denke, Kájov/Gojau dürfte mit ihren schlanken kapitelllosen Pfeilern und dem Springrautengewölbe noch in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts und damit zu den Vorläufern der Spätgotik in Wald-/Mühl- und Mostviertel gehören, ähnlich wie die wahrscheinlich noch etwas älteren Ägidiuskirchen in Milevsko/Mühlhausen und Wittingau/Třeboň mit weitgehend identischen Gewölbekonfigurationen (wobei das Langhausgewölbe in Milevsko vermutlich nie eingezogen wurde; die Rippenansätze lassen aber keinen Zweifel an der geplanten Form).

    Unabhängig von Mutmaßungen zur Urheberschaft der Brände muss man leider auch sagen, dass Hann. Münden nicht zu den Städten gehört, die ihren Bürgern in historischer Zeit die Errichtung von Brandmauern abverlangt haben, ähnlich wie auch die meisten anderen Städte des südniedersächsischen Raums. Die Folge daraus ist eben auch, dass der bauliche Brandschutz immer noch auf dem Stand des Mittelalters/der frühen Neuzeit ist, und großflächige Stadtbrände bis teils ins frühe 20. Jahrhundert hinein zeigen, dass auch der heutige sehr gute Brandschutz der Haustechnik nicht immer vor Allem schützen kann. Und wenn es erst einmal brennt, dann auch schnell recht großflächig.


    Der einzige Trost für mich ist, dass keiner der Brände in den vergangenen Jahren die kunst- bzw bauhistorisch wertvollste Substanz betraf (Bauten des 14. und 15. Jahrhunderts sowie die Prachtbauten der Renaissance und des Barocks).

    Nein, Sázava / Sasau ist es nicht, wiewohl dieses Kloster auch einstmals befestigt war. Aber eine komplette Burg gab es dort nicht. Zudem ist der heutige Zustand des Langhauses der Kirche in Sázava auch der Mittelalterliche; man hat das Langhaus nie vollendet (aller Wahrscheinlichkeit nach aufgrund der Plünderung(en) durch die Hussiten. Dabei erging es Sázava (und auch dem von mir gezeichneten Kloster) recht glimpflich; die Klostergebäude blieben weitgehend intakt. Andere Klöster wie etwa Skalitz wurden von den Hussiten nahezu komplett zerstört.


    Ein weiterer Tipp: In Böhmen ist es nicht.

    Gut, einen Hinweis sollte ich vielleicht schon geben, zumal die stilistische Einordnung nicht ganz einfach ist und heute nur noch wenig mittelalterliche Substanz existiert (Der Chor der Kirche, Kernsubstanz des Langhauses, drei Joche Kreuzgang und ein Gewölbekeller).


    Die Befestigungsanlagen wurden als Reaktion auf eine Brandschatzung durch die Hussiten errichtet.

    Was denkt ihr über das Haus schräg gegenüber?


    3, Rue du Général Braun: (noch nicht verifiziert)

    https://goo.gl/maps/uKYW37fggp3Lc6kr9

    Gestern hab ichs noch als neuzeitlich betrachtet. Bei näherer Betrachtung gerade eben fiel mir auf, dass sich am rechten Ständer ein leerer Blattsitz für einen aufgeblatteten Riegel befindet. Kann also für meine Begriffe durchaus auf die Liste. Vermutlich ist es auch ein recht später Bau, Anfang 16. Jahrhundert.


    Ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster und behaupte, dass dir da wohl der mit bedeutendste Fund der Liste bisher geglückt ist. Denn dieses Haus stellt genau die Brücke dar zwischen den sehr einfachen und spät datierten Bauernhäusern der Rheinebene (Muttersholtz etc. ) und dem alemannischen Fachwerk der Städte und Weinbaudörfer. Aufgrund der konstruktiven Details wird es wohl aus dem 15. Jahrhundert stammen, und die Firstsäulenkonstruktion und vor allem das Pfettendach fallen in der Region komplett aus dem (bekannten Rahmen).


    Korrektur: Wie mir bei eingehenderer Betrachtung auffiel, sind die Dächer sowohl in Gertwiller als auch in Muttersholtz &Artolsheim keine Pfetten-, sondern Sparrendächer. Dennoch gleichen sich deren Konstruktionen.

    Quote


    Ich frage mich allerdings, ob diese Holzsichtigkeit tatsächlich so ursprünglich gewollt war.


    Eine sehr interessante Frage, die ich mir selbst bislang auch nicht wirklich gestellt hatte und auf die ich auch keine auf verlässlichen Quellen basierende Antwort geben kann.

    Aufgrund von Indizien würde ich sagen: Jein.


    Dass die Gebäude von Anfang an für den Verputz vorgesehen waren, würde ich ausschließen. Dafür hat man an viel zu vielen Stellen die Techniken des Holzbaus bewusst betont, etwa bei der genannten Abfasung, die sonst eher bei Deckenbalken der Zeit zu finden ist, oder bei den vorstehenden Eckverkämmungen der obersten Bohlenlagen der Erdgeschosse beider Bauten, und beim Haus Am Graben 23 zusätzlich bei der untersten Bohlenlage. All dies kann man beim Blockbau wunderbar weglassen und eine makellos glatte und für den Verputz ideale Fassade errichten.


    Hat man aber nicht.


    Dennoch würde es mich erstaunen, wenn die Fassaden - angesichts vielfältiger Bemalungsreste am Außenbau spätgotischer Backsteinbauten in Landshut - komplett unbehandelt holzsichtig gedacht waren. Für wahrscheinlicher halte ich (ohne dafür Beweise vorlegen zu können) eine dünne Kälkung/Schlämmung in weiß oder grau, dazu die farbliche Absetzung der wenigen Gestaltungselemente (Abfasung, etvl Fensterfaschen). So käme man dem Steinbau näher, würde aber gleichzeitig der damaligen Mode der Holzgestaltung folgen (dass die Erbauer durchaus dem Stil der Zeit folgten, zeigt sich an einem erhaltenen Türpfosten im Inneren, auf dem noch die Vertiefungen für die Türbeschläge vorhanden sind. Türbeschläge dieser Art sind im 15. Jahrhundert im ganzen Altbaiern verbreitet. Beispiele finden sich vielerorts an Kirchtüren, außerdem kommt ein solcher Beschlag im Fundmaterial der Ausgrabung der 1469/70 zerstörten Burg Altnußberg im Bayerischen Wald vor, und noch in situ erhalten im Schlierseer Heimatmuseum, einem Blockbau von 1447.)

    Ob für meine These bei den Restaurierungen irgendwelche Belege gefunden wurden, weiß ich allerdings nicht. Vielleicht wird sich ja in der diesjährigen Broschüre zur bayerischen Denkmalschutzmedaille etwa dazu finden.

    Ich übernehme heute einmal die dankbare Rolle des Überbringers froher Kunde aus Landshut - ja, man mag es kaum glauben, dass es nach all den Abrissen et cetera auch mal was Gutes zu berichten gibt.


    Wie wahrscheinlich den meisten nicht bekannt ist, gibt es in Landshut neben einer Vielzahl prominenter Sakral- und Profanbauten des Spätmittelalters aus Backstein auch eine überschaubare, aber für altbairische Verhältnisse sehr bedeutende Gruppe Blockbauten des ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts. Besondere Beachtung verdient dabei der Umstand, dass es sich bei den vier bisher bekannten Bauwerken ausschließlich um Nebengebäude und Vorstadthäuser handelt.


    Und nun zur frohen Kunde:


    Zwei dieser Bauten wurden vor Kurzem bzw werden im Moment vorbildlich saniert und damit zumindest in einem Fall buchstäblich in letzter Sekunde gerettet.


    Fangen wir mit dem Haus am Graben Nr. 23, gelegen oberhalb der Burg Trausnitz im Stadtteil Landshut-Berg in einer Gruppe sehr bedeutender Vorstadthäuser des 15.-18- Jahrhunderts. Der eingeschossige Vollblockbau mit steilem Dach ist dendrochronologisch datiert in die Jahre 1494/1495 und wurde damit aller Wahrscheinlichkeit nach im Jahr 1496 errichtet. Bis ins 19. Jahrhundert blieb der Bau wohl weitgehend unverändert, dann mauerte man bis auf Höhe der Fensterbrüstungen im Erdgeschoss eine dünne Backsteinwand vor den Blockbau, darüber wurde nur eine dünne Holzlattung als Träger für den Verputz angebracht. Die Fenster wurden zum größten Teil im 18. oder 19. Jahrhundert vergrößert. Im späten 19. Jahrhundert wurden die Fenster der Straßenfassade erneut ausgetauscht, und die letzten Erneuerungen waren wohl um 1960 der Schornstein und die Dachantenne. Danach passierte erstmal nichts mehr. Wohl seit den 80er oder 90er Jahren stand das Haus leer und faulte vor sich hin. Zuletzt war es in einem erbärmlichen Zustand und stark einsturzgefährdet, mit einem Abriss war jederzeit zu rechnen.


    Bilder des Zustands vor der Sanierung, die ich 2013 aufgenommen habe.


    31032-a5b349c6-large.jpg


    Landshut am Graben 23 Vorzustand 3


    Landshut am Graben 23 Vorzustand 2



    Wie man erkennen kann, war der Abrissbagger nicht mehr weit weg. Wohl in den Jahren 2016/2017 jedoch erwarb das Architekturbüro Wager Gärtner Knoch aus Landshut das Haus und restaurierte es bis 2018 mit großem Aufwand, um es danach als Sitz des Büros zu nutzen.


    (Bilder der Sanierung auf der Website des Büros)


    Letztes Wochenende nun bin ich selbst hingefahren, um mir das Resultat in natura anzuschauen.


    Landshut am Graben 23 heutiger Zustand 1


    Landshut am Graben 23 heutiger Zustand 3


    Landshut am Graben 23 heutiger Zustand 4


    Landshut am Graben 23 heutiger Zustand 2



    Für meine Begriffe eine vollumfänglich gelungene Sanierung; es wurde so viel wie möglich Substanz innen und außen bewahrt. Als Auszeichnung dafür gab es in diesem Jahr dann die Bayerische Denkmalschutzmedaille.



    Nun zum zweiten Haus - mein Beitrag dazu wird wesentlich kürzer ausfallen, da ich es erst vor wenigen Wochen zum ersten Mal gesehen habe. Es handelt sich um das Haus Pfettrachgasse 7 in der alten nördlichen Vorstadt um das Kloster Seligenthal. Die dendrochronologische Untersuchung ergab hier das Jahr 1482, auch in diesem Fall wird das Haus wohl im Folgejahr erbaut worden sein. Über die weitere Baugeschichte weiß ich nicht allzu viel; irgendwann wird man auch hier die Fenster erneuert haben, zudem wurde die rechte Traufwand in Backstein neu errichtet. Zuletzt gab es wohl in den 80er Jahren eine sehr umfangreiche Sanierung, bei der man aber erstaunlicherweise nicht im Geringsten erkannte, was man da vor sich hatte.


    Vom Zustand nach dieser Sanierung und bis zum letzten Jahr gibt es dieses Bild aus der Wikipedia.


    Auch dort bin ich am letzten Wochenende vorbeigekommen; es sieht dort natürlich noch etwas anders aus als beim letzten Haus, da die Sanierung noch in vollem Gange ist. Was aber schon zu erkennen ist, ist die hohe Qualität der ausgeführten Arbeiten, die sich insbesondere bei den schon ersetzten Fenstern zeigt.


    Im Gegensatz zum Haus Am Graben 23 bestand hier keine Einsturzgefahr, sodass man das Haus problemlos in seiner historischen Schieflage belassen konnte. Das Obergeschoss ist in diesem Fall nur teilweise aus Blockbau ausgeführt, die Seitenbereiche waren wohl ursprünglich verbrettert und werden es nach der Sanierung wohl auch wieder sein.


    Landshut Pfettrachgasse 7 1



    Die Fenster wurden auf die anzunehmende Ursprungsgröße zurückgebaut. Das neue Holz drumherum sticht momentan sehr stark hervor, wird sich aber wohl in den nächsten Jahren durch die einsetzende Verwitterung gräulich verfärben und sich dem historischen Bestand angleichen.


    Landshut Pfettrachgasse 7 3



    Über die gesamte Breite der Giebelseite hat sich hier an der Oberkante des Erdgeschosses eine spätgotische Abfasung erhalten, die für die Landshuter Holzhäuser der Zeit charakteristisch zu sein scheint.


    Landshut Pfettrachgasse 7 2


    Zuletzt noch ein Fenster der linken Traufseite, das neben dem linken EG-Fenster das Einzige ist, dessen Größe nie verändert wurde. Vermutlich gehörten beide Fenster ursprünglich zur Stube.


    Landshut Pfettrachgasse 7 4



    Damit beende ich die guten Nachrichten aus Landshut und hoffe auf baldigen Anlass für eine Fortsetzung.

    Meine wohl schönste Überraschung war bislang Passau - wie so oft den Umständen des ersten "Besuchs" geschuldet. Es war abends, ich kam gerade aus Tschechien von Bergreichenstein und Winterberg zurück nach Bayern, hatte weder Mobilfunkempfang noch Karte und musste daher nach Schildern fahren. Irgendwie habe ich es geschafft, den schnellen Weg zurück zur A3 zu verpassen, sodass ich schlussendlich bei schönstem Abendrot an der Ilzstadt, den Burgen und der gesamten Altstadt vorbeifuhr.


    Auch wenn ich bei einigen späteren Besuchen einige nicht so schöne Seiten der Stadt kennen lernen musste (etwa, dass östlich des Doms fast sämtlicher Einzelhandel am Boden liegt), aber dieser erste Eindruck hat mein Bild von Passau nachhaltig geprägt.