Posts by Mündener

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    Aufgrund der verwendeten Abbundzeichen (hier: Kästchennummerierung) im Dachstuhl ist davon auszugehen, dass der Bau auf jeden Fall vor 1500 errichtet wurde.

    Mittlerweile hat man den Bau auch dendrochronologisch datiert; als Errichtungsjahr wurde dabei das Jahr 1475 ermittelt (ob 1475 das tatsächliche Ergebnis der Dendro oder das im Folgejahr angesetzte Errichtungsjahr ist, weiß ich nicht).

    Unabhängig davon, dass zumindest mal zwei der anderen abgegebenen Entwürfe den Respekt vor der gotischen Fassade doch stark vermissen lassen, halte ich den nun favorisierten Entwurf auch für recht gelungen. Auch die Entscheidung, den Vorbau zugunsten besserer Proportionen größer zu gestalten als technisch notwendig, halte ich für gut.

    Mich stört allerdings, dass man mal wieder die Traufkante bewusst nicht mit einem Profil versehen hat. Die Folge ist, dass die Fassade innerhalb weniger Jahre verdreckt sein wird. Wie es besser geht, kann man direkt dahinter an den gotischen Türmen sehen.

    Hier steige ich fachlich aus, aber Löffler schreibt dazu ebenfalls:

    Danke jedenfalls für die interessanten Ausführungen, Mündener!

    Nein, ich habe zu danken für die Hilfe, nachdem ich offenbar sogar zu blöd für die Grundsatzrecherche war.


    Jetzt kann man natürlich noch versuchen, die Architektur der spätgotischen Kirche genauer zu analysieren - und da fangen die Fragen schon beim Grundriss an - hatte der spätgotische Chor einen dreiseitigen oder einen fünfseitigen Chorschluss? Die Quellen sprechen da keine eindeutige Sprache, allerdings zeichnet sich eine Tendenz ab. Während die Stadtansicht von 1634 und ein Grundriss aus dem 18. Jahrhundert klar einen fünfseitigen Chorschluss zeigen, sieht es in der sehr detaillierten Ansicht der Kirche von 1686 (bzw deren Reproduktion aus dem 19. Jahrhundert -> potentielle Fehlerquelle, hier aber nicht anzunehmen) nach einem dreiseitigen Chorschluss aus. Die Innenansicht des 18. Jahrhunderts kann man in beide Richtungen interpretieren; ich lasse sie bei dieser Betrachtung daher erst einmal außenvor.

    Hier weist die Tendenz allerdings deutlich in Richtung des fünfseitigen Chorschluss. Zunächst einmal steht es bei der Anzahl der Quellen zwei gegen eine (was natürlich nichts heißen muss), aber bei der Evaluierung möglicher Fehlerquellen in den Darstellungen muss man davon ausgehen, dass es deutlich einfacher ist, den Chorschluss in der Ansicht falsch zu zeichnen, als sich im Grundriss derart deutlich zu verhauen. Und dann ist da ja noch die zweite Ansicht, die den Grundriss stützt.


    Das gleiche Problem gibt es auch bei den Fenstern des Chors. Während die Ansicht von 1686 durchgehend fünfbahnige Maßwerkfenster zeigt, sind die Fenster der Innenansicht dreibahnig, und auch die im Grundriss eingezeichneten Fenster sind definitiv zu schmal für fünfbahniges Maßwerk. Die Stadtansicht von 1634 ist in diesem Fall (in der mir zur Verfügung stehenden Auflösung) nicht hilfreich.

    Auch hier gehe ich allerdings davon aus, dass die Ansicht von 1686 falsch liegt, genauer gesagt einer optischen Täuschung der architektonischen Gestaltung aufsitzt, wie ein Vergleich mit der bereits erwähnten Bernburger Marienkirche zeigt. Dort gibt es dreibahnige Maßwerkfenster, die in tiefen Fenstergewänden sitzen und vor denen sich eine spitzbögige Rahmung mit Blendmaßwerkkante befindet, genau wie sie die Darstellung der Kreuzkirche von 1686 ebenfalls zeigt. Meine Vermutung ist daher, dass der Zeichner jener Ansicht die breiten Fenstergewände (die vllt. durch das davorliegende Blendmaßwerk verschattet waren und eventuell sogar selbst noch mit Blendmaßwerk verziert waren) für Teile des Fensters gehalten hat. Eventuell hat sich hier der Fehler auch bei der Übersetzung der Vorzeichnung in den Stich eingeschlichen. Zudem fällt bei genauer Betrachtung der Ansicht auf, dass der Zeichner zwar sehr bemüht war, die Details der gotischen Architektur möglichst genau darzustellen, sie aber in ihrer Funktion und Gestaltung nicht wirklich verstanden hat, was solche Fehler natürlich stark begünstigt.


    Wenn man nun beide Beobachtungen zusammenfügt, erhält man eine Architektur, die der des Bernburger Chors sehr ähnlich sieht. Lediglich die Maßwerke sind (wenn man nach der Darstellung von 1686 geht) erheblich anders. Ansonsten wäre es eventuell interessant zu prüfen, ob beide Chorbauten aus der Hand desselben Baumeisters stammten (Gurlitt erwähnt in seinem Werk Baumeister, die etwa zur Bauzeit des Chors in Dresden nachzuweisen sind; vielleicht kann man die gleichen Namen ja auch in Bernburg auftreiben).

    Damit stellt Löffler aber indirekt auch klar, dass der gotische Basilika-Schnitt Gurlitts nicht zu halten ist, wenn beim Neubau 1401 explizit nur der Chor betroffen ist (eine durchaus übliche Maßnahme bei der Errichtung von Kollegiatstiften, um Platz für die Unterbringung der Stiftsherren im Chor zu bekommen), und ab 1447 schon der Umbau der Basilika (der immer noch spätromanischen/frühgotischen Basilika) zur Hallenkirche erwähnt wird.


    Spätromanische Basiliken waren in den Stadtgründungen Mitteldeutschlands sehr verbreitet, in Sachsen sind sie teilweise noch erhalten (Nikolaikirche in Dippoldiswalde, Kunigundenkirche in Borna, mehrere Beispiele in Freiberg, dann Bad Lausick, Grimma, etc.); andererseits gab es aber auch in bedeutenden Stadtgründungen (Chemnitz) noch Saalkirchen als Stadtkirchen - im Dresdener Fall ist aufgrund der Doppelturmanlage aber nicht davon auszugehen.


    Nach allem, was ich jetzt gelesen habe, ergibt sich bis etwa 1500 eine Baugeschichte ziemlich ähnlich zur Nikolaikirche in Geithain
    - Spätromanische/frühgotische Basilika (mit oder ohne Querhaus, vermutlich eher ohne) als Ursprungsbau (vllt. mit provisorischem Vorgängerbau)

    - Um 1400 Neubau des Chors (in Dresden aufgrund der angestrebten Stiftsgründung wesentlich ambitionierter, in Geithain teilweise noch erhalten)

    - Im 15. Jahrhundert Umbau/Neuerrichtung des Langhauses als Halle (in Dresden schon ab 1442, dann weitgehende Erneuerung nach 1491, in Geithain insgesamt erst kurz vor 1500)


    Und wenn man sich dann die kuriose Westseite der Geithainer Nikolaikirche mit den sehr kurzen Türmen heute anschaut, dann versteht man auch, wieso man in Dresden nach 1500 recht zügig die beiden Westtürme verbunden und zu einem Querturm aufgestockt hat.

    DresdenKreuzkircheEntwicklung.jpg


    Zum Chorbau in Dresden kann man noch annehmen, dass er sich stilistisch irgendwo im Spannungsfeld zwischen den Neubauten der Hallenser Moritzkirche (nach 1388), den Parler'schen Bauten des späten 14. Jahrhunderts in Böhmen (Prag, Kolín, Kutná Hora) und der Bernburger Marienkirche (um 1420) einordnen lässt - die angedachte Bauzeit um 1401/02 passt da gut ins Bild.

    Okay, ich stell mich dann mal beschämt in die Ecke... offenbar war ich zu blöd, eine Commons-Kategorie durchzuschauen :kopfschuetteln:. Wobei ich mir sicher war, sie schon durchgesehen zu haben. Vielleicht hatte ich eine englische Commons-Seite zur Hand; teils gibts da ja Parallelstrukturen... ich weiß es nicht.


    Danke dennoch für die Nachhilfe und die Mühen, das alles für mich aufzulisten. Einzig, nach der Lektüre aller dort vorhandenen Blätter aus Gurlitts Werk bleiben mir mehr Fragen als Antworten.

    Zum Beispiel, was Herrn Gurlitt vermuten lässt, für den 2. Bau der Kreuzkirche (der ja entweder direkt nach 1400, zusammen mit dem Chor, oder nach dem Brand 1442 neu entstand oder zumindest stark umgebaut wurde*) eine Basilika mit Querhaus und offenem Strebewerk rekonstruiert - völlig ohne Parallelen im Sachsen des 15. Jahrhunderts, wo selbst die regionale Kathedralkirche in Meißen schon Ende des 13. Jahrhunderts als Halle errichtet wurde. Zumindest der dritte Bau erscheint mir in Gurlitts Darstellung aber nun schlüssig; er dürfte zumindest zeitweise der Geithainer Nikolaikirche mit dem hohen Dach und den noch kurzen Türmen nicht unähnlich gesehen haben.


    *wobei ich für den Chor jetzt auch schon zwei Datierungen gelesen habe - 1401 (im Wikipedia-Text, ohne Quellenangabe, daher sehr fragwürdig) und, bei Gurlitt, um 1420; letzteres passt zeitlich gut zum stilistisch sehr ähnlichen Chorbau der Bernburger Marienkirche

    Die Quellen der Wikipedia sind mir bekannt - aber da ist leider zum Grundriss der romanischen und gotischen Vorgängerkirchen nichts zu holen; allenfalls die Nordansicht der Kirche vor 1760 und die Innenansicht des Chors aus derselben Zeit sowie die Canaletto-Ansicht der Westfront geben etwas Aufschluss zu den Vorgängerbauten. Aber dadurch erfährt man natürlich nicht sehr viel über bspw. die genauen Maße des Langhauses und Chors der gotischen und romanischen Kirche, weil ja heutzutage jedweder Referenzpunkt fehlt.

    Ich habe mal eine Frage zu einem Thema jenseits der Rekonstruktionen und Sanierungsprojekte in Dresden, und zwar zur Kreuzkirche. Da ich dabei nach eigener Recherche mit leeren Hände dastehe, würde mich interessieren, ob es in der Kirche während der letzten 150 Jahre archäologische Grabungen gegeben hat, bei denen man u. U. Reste der romanischen und gotischen Vorgängerbauten gefunden hat. Dokumentarisch ist ja zumindest die spätgotische Kirche recht gut überliefert, aber alles davor und auch die genauen Maße der Kirche wären für mich sehr interessant, aber ohne solche Quellen nicht zu erschließen/rekonstruieren.

    Der Emir hat ja auch im Jahr seines Amtsantritts 1911 ein erstklassiges Farbphoto von sich im Prachtgewand durch Sergei Prokudin-Gorski anfertigen lassen; eine Rarität in dieser Qualität und heutzutage sogar gemeinfrei:


    2369px-Alim_Khan_%281880%E2%80%931944%29%2C_Emir_of_Bukhara%2C_photographed_by_S.M._Prokudin-Gorskiy_in_1911.jpg

    Abgesehen davon, dass die Architektur etwa dem Niveau eines durchschnittlichen Gewerbegebiets entspricht, verstehe ich auch das Konzept hinter den Erweiterungsplänen nicht. Den Aufzug kann man ja noch nachvollziehen, um das Gebäude barrierefrei zu bekommen. Aber wozu bitte will man das bestehende Standesamt mit Trauungsraum mit einem Konferenzraum erweitern. Und, für mich die absolute Krönung, wieso soll dieser Konferenzraum eine direkte Verbindung mit dem Trauungszimmer bekommen?


    Ich denke sogar, dass man - unabhängig von den inhaltlichen Zweifeln am Konzept - den Anbau recht ansprechend und nicht störend umsetzen kann. In Lübeck wurde ja unlängst bewiesen, dass man mit qualitätvollen (und in der Regel traditionellen) Bau- und Fassadenmaterialien hochwertige moderne Architektur hinbekommen kann. Dort ist es in der Regel Ziegel, hier wären Mauerwerk (Sandstein, notfalls auch Kalksandstein oder Beton, dann aber geschlämmt oder mit Kalkputz) und Holz die Materialien der Wahl. Der Aufzug hätte dann die Optik eines Treppenturms (wie es sie ja an Renaissanceschlössern des Öfteren gab), und den Rest könnte man schön dezent dahinter platzieren, vielleicht mit etwa mehr Abstand zum Schloss, verbunden über einen überdeckten offenen Gang oder dergleichen.


    Es braucht halt nur ein wenig Vorstellungskraft.

    Die Dorfkirche im brandenburgischen Bardenitz (seit 2002 Stadtteil von Treuenbrietzen) verfügt in der Sakristei aus dem frühen 16. Jahrhundert über ein Zellengewölbe - hier das einzige Bild, das ich vom Gewölbe finden konnte.

    Rauchstuben, Rauchöffnungen und Fenstergruppen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wohnbau Europas

    Verbreitung, Gestalt und Datierung


    Mit diesem Strang schneide ich ein Thema an, das mich nun seit ein paar Jahren beschäftigt und dessen Dimensionen mir erst im Laufe der Zeit durch immer wieder neue kleine Entdeckungen klar geworden sind. Auch scheint mir, dass sich mit dem Thema immer zwar wieder und bereits seit langer Zeit in der Wissenschaft befasst wurde, dabei jedoch stets nur Teilbereiche und nie das gesamte Phänomen betrachtet wurden.



    Einordnung des Themas


    Die Stube als primärer beheizter Wohnraum ist seit dem Hochmittelalter ein zentraler Bestandteil der Wohnkultur in Mittel- und Osteuropa. Ihre Entwicklung ging mit dem Aufkommen kleinformatiger Öfen, die neben der Beheizung häufig auch zum Kochen dienten, einher. Archivalische Nachweise für Stuben gibt es seit dem 13. Jahrhundert, anzunehmen ist ein Aufkommen wohl etwas früher, ab dem 12. Jahrhundert, und zuerst im Burgenbau und im Raumprogramm der Klöster. Zunächst waren diese Stuben in aller Regel mit frontbefeuerten Lehmöfen ausgestattet, deren Rauchgase in die Stube entlüfteten und mittels unterschiedlicher Methoden wieder hinausgeleitet wurden; diese Entwicklungsstufe bezeichnet man als Rauchstube. Ebenfalls seit dem 13. Jahrhundert kam die Verkleidung der Stubenöfen mit Keramikkacheln auf; eine Entwicklung, die in mehreren Stufen in die heute noch verbreiteten Formen des Kachelofens mündete. Während jedoch Kacheln als besserer Wärmeleiter sich vergleichsweise schnell verbreiteten, zog sich die Ausbreitung von der Rückseite befeuerter Öfen, sogenannter Hinterladeröfen, vielerorts über Jahrhunderte hin, sodass Rauchstuben mancherorts noch bis ins 18. Jahrhundert weit verbreitet waren und sich eine Vielzahl verschiedener Bauformen bildete.


    An dieser Stelle setzt mein Thema an. Behandelt werden sollen insbesondere Bauformen und Beispiele des 13. bis 17. Jahrhunderts; in der darauffolgenden Spätphase beschränkt sich das Vorkommen im Wesentlichen auf den Raum Kärnten und ist bereits durch die ältere Forschung gut abgedeckt.


    Begriffserklärungen


    Da das Thema eine größere Anzahl ähnlich klingender Fachbegriffe erfordert, werde ich die Wichtigsten hier definieren, damit die darauffolgenden Erläuterungen eindeutig und klar verständlich bleiben:


    Rauchstube

    Eine Stube, deren Ofen die entstehenden Rauchgase in den Innenraum der Stube abgibt, von dem aus sie durch Öffnungen meist in den Wänden abgeleitet werden.


    Rauchöffnung

    Öffnungen im oberen Bereich der Stubenwände, deren primärer Zweck die Ableitung der Rauchgase aus der Stube ist. Vereinzelt wird zu klären sein, ob die Öffnungen tatsächlich dem Ableiten der Ofenabgase dienten, oder ob sie lediglich den Rauch von Beleuchtungsmitteln, insbesondere Kienspänen, ausleiteten.


    Fenstergruppe

    Eine besondere Gestaltungsform, die Stubenfenster und Rauchöffnungen zu einem gemeinsamen architektonischen Element zusammenfasst. Ob dies jeweils der Fall ist, muss im Einzelfall erörtert werden.


    Verbreitung


    Das Verbreitungsgebiet von Rauchstuben und Rauchöffnungen umfasst einen großen Teil Mittel- und Osteuropas. Zweifelsfrei nachgewiesene Beispiele sind mir bisher bekannt aus Württemberg, Mittel- und Oberfranken, der Oberpfalz, Niederbayern, ganz Böhmen, Niederösterreich, Wien, Kärnten, der Steiermark, Südtirol, der Zentralslowakei, West- und Zentralungarn sowie aus Siebenbürgen. Auffällige Lücken stellen bisher Nordtirol, Oberbayern und Oberösterreich dar, wobei sich diese vermutlich bei genauerer Recherche noch schließen lassen. Das westlichste mir bekannte Beispiel findet sich in Esslingen am Neckar, das östlichste und gleichzeitig südlichste in Hermannstadt (Sibiu) und das nördlichste auf der Burg Bösig / Bezděz in Nordböhmen.


    Liste der bekannten Beispiele


    Nachfolgend werde ich eine Liste aller mir bekannten Beispiele für Rauchstuben und / oder Rauchöffnungen führen. Diese Liste wird fortlaufend ergänzt werden.

    Das Schema der Einträge wird stets wie folgt lauten: [Ort], [Anschrift und/oder Objektname], [erhaltene Bauteile], [Datierung, dendrochronologische Datierung markiert mit (d)] - [evtl. Bildlink]


    Baden-Württemberg (keine genauere Aufteilung bisher, da nur wenige Beispiele zu erwarten sind)


    Esslingen am Neckar, Hafenmarkt 8, zweitverbaute Bohlenwand mit zwei Rauchöffnungen mit Rundbogenabschlüssen, vermutlich 2. Hälfte 13. Jahrhunderts.


    Ingelfingen, Schmiedgasse 15, vollständig erhaltene Bohlenstube mit zwei runden Rauchfenstern, 1293-95 (d) - Außenansicht, Innenansicht Stube

    Ein respektabler Entwurf; wäre auch interessant zu sehen, die die Grundrisse über der kleinen Bodenfläche funktionierten. Allerdings muss ich auch sagen, dass das Haus mit seinen Erkern, dem Ecktürmchen und der Pseudomansarde ungefähr genauso wenig in die Lübecker Altstadt passt wie so mancher der in den letzten Jahren beseitigten Nachkriegsbauten im Gründerviertel.

    Hat zufällig jemand Informationen dazu, ob für dieses Haus (Sattlertorstraße 9) in absehbarer Zeit eine Sanierung in Aussicht steht - ich habe auch nach einer Weile der Recherche nichts finden können. Wenn man sich die Bilder der letzten Jahre anschaut, schreitet der Verfall schnell voran, und der Verlust des Gebäudes wäre ein herber Verlust, da es sich hier, anders als der Eintrag in der Denkmalliste...

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    Dreigeschossiges Giebelhaus, Giebel mit Nachbarhaus Nr. 7 zusammengefasst, nach Westen Pultdach, verputztes Fachwerk, wohl 16. Jahrhundert, 1899 rückwärtig erweitert

    ... definitiv um ein Gebäude des 15. Jahrhunderts handelt, wie man mittlerweile dank des abblätternden Putzes an einigen Stellen klar erkennen kann.


    Gesamtansicht:


    Forchheim, Sattlertorstr. 9, Gesamtansicht



    Eckdetail mit angeblattetem Fußband:


    Forchheim, Sattlertorstr. 9, Detail angeblattetes Fußband



    Durchzeichnung aller erkennbaren Balken nach starker Erhöhung des Kontrasts beim Gesamtbild:


    Forchheim, Sattlertorstr. 9, Durchzeichnung des Fachwerks

    Der Eintrag in der Denkmalliste wurde zwischenzeitlich angepasst - angesichts der doch recht eindeutigen Beweise für das Alter recht vorsichtig formuliert, aber auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung.

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    Gasthaus Zur Linde, zweigeschossiger und traufständiger Walmdachbau, nach Süden mit Halbwalm, nach Westen als Frackdach, Fachwerkobergeschoss, im Kern mittelalterlich, Umbau im 17./18. Jh.

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    Der hat natürlich ein ureigenes Interesse, dass vom Hausschwamm befallene Haus so schnell wie möglich zu sanieren.

    Schön wär's, wenn das immer so natürlich wäre - andernorts hab das schon anders erlebt. In diesem Falle wird aber wohl der einzige Gegner der Sanierung die Birke sein, die so keck aus dem Erker hinauswächst.


    Darüber hinaus vielen Dank für die tolle Nachricht! :thumbsup:

    Nun zum zweiten Teil. Man wird merken, dass ich die Kirche vor allem ihrer gotischen Ausstattung wegen besucht habe. Alles Andere wird eher am Rande auftauchen.


    So ging es auch dem Retabel des Hauptaltars, einem neugotischen Werk des späten 19. Jahrhunderts, qualitativ weder besonders gut noch besonders schlecht. Von ihm habe ich keine Detailaufnahme. Der eigentliche Altar hingegen, also der Altarblock, stammt noch aus dem 15. Jahrhundert und ist mit schlichten Rankenmalereien verziert. Die ungewöhnliche Gestaltung ist vermutlich ein verstümmelter Zustand nach dem Abschlagen des hervorstehenden Dekors im Barock, wie auch beim Sakramentshaus, das uns noch begegnen wird.


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    Vom gotischen Retabel hat sich nur wenig erhalten. Immerhin einige Holzskulpturen existieren noch und wurden im Langhaus aufgestellt. Die Qualität der Schnitzereien ist gut, aber nicht überragend.


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    Ebenfalls keine eigenen Aufnahmen habe ich von den spätbarocken Seitenaltären; in diesem Fall werde ich auf die Wikipedia zurückgreifen müssen, siehe Hier und Hier.


    Nun aber zum eigentlichen Höhepunkt der Kirche - ihrer Freskenausstattung.

    Den Anfang macht eine Christophorusdarstellung aus dem späten 15. Jahrhundert am Chorbogen. Zu Füßen des Heiligen ist, entsprechend den damaligen Gepflogenheiten, wahrscheinlich ein Stifter des Kirchenbaus dargestellt.


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    Nun geht es einmal in der Runde im Chor herum. Zunächst die recht einfach gehaltene Sakristeitür.


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    Auch die Gewölbevorlagen waren bemalt - erhalten hat sich davon wenig. Das Fenster in der Südwand des Chorjochs führte vermutlich schon immer in den Dachraum der Sakristei.


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    Das nächste Fresko ist hinter dem Hauptaltar gelegen. Im unteren Teil ist die Kreuztragung dargestellt, beim oberen Teil muss ich passen. Zum Glück gab es keine Alarmanlage, sonst wäre mir der Anblick von alldem hier wohl verwehrt geblieben. Interessant ist hier auch der obere Abschluss der Malereien, der vermuten lässt, dass das Gewölbe ursprünglich ein ganzes Stück tiefer ansetzte.


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    Außerdem in diesem Wandfeld gelegen ist eine kleine Nische mit oberem Abschluss in Segmentbogenform. Der Zweck dieser Nische erschließt sich mir nicht - die Malereien belegen, dass wohl kein Holzschrank eingebaut war, und eine Piscina würde ich an dieser Stelle auch nicht vermuten.


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    An der Nordwand des Chors angekommen sehen wir im nächsten Wandfeld die kläglichen Reste des einst prachtvollen Sakramentshauses, dass man wohl im Barock beseitigte. Trotz aller Verstümmelungen denke ich, dass man mit der Aufstellung der barocken Skulptur (Christkind?) den Überresten ein wenig Würde zurückgegeben hat.


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    Nun zum - wie ich finde - Höhepunkt der Ausstattung, den Fresken am Turmportal. Selbiges ist erstaunlicherweise wesentlich aufwändiger bemalt als sein südliches Gegenstück, obwohl es "nur" in den Turm führt. Die Fresken zeigen oben vier Apostel (wo die restlichen 8 sich befanden, will ich nicht mutmaßen), unten die Ölbergszene und die Gefangennahme Christi.


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    Und weils so schön war, noch einmal in größer.


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    Als letztes Bild gibt es noch das Turmportal in voller Größe mit der ganzen Pracht der es umgebenden Rankenmalereien.


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    Damit endet mein Bilderzyklus zu Lappach.


    Abschließend kann ich sagen, dass die Kirche durchaus einen Ausflug wert ist - wenn man halbwegs in der Nähe wohnt oder vorbeikommt und außerdem die Schlosskapelle Blutenburg und die Kirche in Pipping schon gesehen hat, wobei insbesondere Letztere allerdings sehr restriktive Öffnungszeiten hat (verständlicherweise, bei der Ausstattung).

    Genau dieses Problem hat allerdings auch die Lappacher Kirche - sie ist wie die meisten Filialkirchen in Oberbayern in aller Regel zu. Einen Schlüssel wird man wohl vermutlich im Ort bekommen können, aber wer will schon unter den momentanen Umständen bei fremden Leuten klingeln und nach einem Schlüssel fragen. Ich für meinen Teil hatte das große Glück, dass gerade zufällig ein Handwerker vor Ort war, der einen Schlüssel dabeihatte und mich auch noch hineinließ.

    Lappach ist, trotz des nicht gerade klischeehaft bayerisch klingenden Namens, ein typisch oberbayerischer Ort. Politisch wie auch kirchlich seit Jahrhunderten untrennbar mit dem nahen Pfarrsitz und bekannten Wallfahrtsort St. Wolfgang verbunden, ist Lappach wohl immer schon ein kleiner Weiler mit Kirche gewesen, im bayerischen Urkataster des frühen 19. Jahrhunderts bestehend aus 2 Höfen und der Kirche sowie dem dazugehörigen Mesnerhof.

    Eben jene Kirche allerdings, korrekt betitelt als Filialkirche St. Remigius, sticht in ihrer Region aus der Vielzahl an Gotteshäusern weit hervor und soll daher das Thema dieses Beitrags werden.

    Errichtet wurde sie vermutlich ab dem dritten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts nach wohl recht vollständiger Zerstörung ihres Vorgängers in einer mit Waffengewalt ausgetragenen Auseinandersetzung zwischen den Landshuter Wittelsbachern und den Grafen von Haag in den Jahren 1421-22, die unter dem Namen Ochsenkrieg in die Geschichte eingegangen ist. Die Gewölbe sind mit 1467 datiert (vermutlich am Schlussstein; ich konnte die Inschrift nicht ausfindig machen); letztendlich wird die endgültige Fertigstellung wohl irgendwann in den 1480er Jahren gewesen sein.

    Der Bau ist in vielerlei Hinsicht typisch oberbayerisch, beginnend schon mit dem nahezu universal angewendeten Grundrissschema mit kurzem Langhaus, Chorflankenturm und leicht eingezogenem Chor mit dreiseitig geschlossenem Chorhaupt. Auch das verwendete Baumaterial - Backstein - ist in Oberbayern der Standard im Spätmittelalter. Genauso typisch ist darüber hinaus auch, dass man ebenjenen Backstein an nicht einer einzigen Stelle am Außenbau sehen kann - einzig die flachen Lisenen und insbesondere die Friese nach Art des deutschen Bandes am Turm verraten, was unter dem Putz liegt.

    Eher unüblich hingegen ist der gute Erhaltungszustand der spätgotischen Architektur bis ins Detail. Denn wiewohl die Mehrzahl der bayerischen Dorfkirchen (irgendwo las ich einmal die Zahl 60-70%) zumindest im Kern aus gotischer Bausubstanz besteht, sind am Außenbau in aller Regel die Maßwerke und Portalgewände, im Innenraum die Gewölberippen und die Ausstattung den allgegenwärtigen barocken Umbaumaßnahmen zum Opfer gefallen und sind dann allenfalls sporadisch als meist eher qualitativ minderwertige neugotische Rekonstruktionen wieder angebracht worden. In Lappach ist die komplette gotische Architektur hingegen noch im Original vorhanden. Und auch von der Ausstattung haben sich bedeutende Teile erhalten - doch dazu später mehr.


    Wir beginnen selbstverständlich außen - der Lage südlich der Hauptstraße geschuldet ist der Haupteingang nebst bauzeitlicher Vorhalle an der Nordseite zu suchen. Die ungewöhnlich steile Proportionierung der Kirche, insbesondere aber ihres Turms, fällt direkt ins Auge.


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    Wenn man sich dem Turm dann nähert fällt auf, dass der Backstein erfreulicherweise nur recht dünn verputzt wurde. Hier und da scheint die Struktur des Mauerwerks leicht durch. Aber auch die Gestaltung der recht willkürlich platzierten kleinen Öffnungen am Turmunterbau gibt das Baumaterial doch recht deutlich preis. Die Gestaltung des Turmhelms mit den vier über Eck gestellten Spitzgiebeln ist übrigens eine lokale Eigenheit, die sich beispielsweise auch an der Kirche in St. Wolfgang und darüber hinaus noch an einigen anderen Kirchtürmen im Dorfener Raum und auf dem Gebiet der alten Grafschaft Haag wiederfindet.


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    Am Chorhaupt angekommen lässt die vollständige Erhaltung der gotischen Gestaltung einige Rückschlüsse auf ihre Erbauer zu. So verweist das Profil etwas unter der Dachkante auf einen ehemaligen gemalten Maßwerkfries und damit auf die Landshuter Bauschule, wohingegen die spitz zulaufenden Strebepfeiler eher in den Münchener Raum verweisen (Salmdorf, Dornach). Die Wahrheit wird wohl irgendwo dazwischen liegen.


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    Abschließend zum Außenbau noch ein Bild eines Maßwerkfensters der Nordseite. Wie bereits erwähnt handelt es sich hier um ein Original der Erbauungszeit. Vermutlich wird hier, wie üblich in Oberbayern, nur das eigentliche Maßwerk aus Naturstein bestehen, das Stabwerk hingegen aus Backstein-Formsteinen (so von mir beobachtet u.a. an der Schlosskapelle Blutenburg).


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    Betreten wir nun die Kirche. Von der Vorhalle hab ich törichterweise keine Außenaufnahme gemacht, dafür allerdings ein Bild vom Gewölbe, dessen Schlussstein ein Wappen ziert - vermutlich dasjenige eines adeligen Stifters. Identifizieren konnte ich es bislang nicht.


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    Durch eine weitere Tür geht es in den Kirchenraum. Das Türgewände ist in spätmittelalterlicher Manier als Segmentbogenportal ausgeführt, der darin eingefügte Spitzbogen allenfalls Zierde. Das Türblatt samt Beschlägen ist wohl neuzeitlich.


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    Schaut man nun Richtung Hauptaltar, fällt sofort auf, dass wir es hier nicht mit irgendeiner stinknormalen bayerischen Dorfkirche zu tun haben. Alles weitere dazu gibt es dann aber im zweiten Teil der Galerie.


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    Ich habe mal die zuständigen Stelle des BLfD zum Gasthaus zur Linde zur Thematik mit der Datierung kontaktiert. Dort hieß es, dass evtl. die Daten, die bei der letzten Sanierung 2018 erhoben wurden, es wohl noch nicht bis in die Denkmalliste geschafft haben. Da diese Sanierung (die nach einem Brand nötig wurde) recht umfangreich war (neue Fenster und Gauben, neie Dachdeckung, Anstrich, Umbau des Schornsteins), könnte mit etwa Glück sogar eine dendrologische Datierung dabei sein. Falls es wider Erwarten doch keine neue Begutachtung gab, soll bei Gelegenheit einmal das Gebäude besichtigt und auf die Angaben, die ich zur zeitlichen und stilistischen Einordnung gemacht habe, überprüft werden.