Posts by haussmann

    Puh, ich habe überhaupt keine Zeit mehr..dabei habe ich so viele Fotos auf Halde, teils auf Film der darauf wartet, gescannt zu werden.
    Vor allem habe ich tausende Dias von meinem Opa aus den 70ern und 80ern, da dürften längst abgerissene Schätze drauf zu finden sein.
    Ich poste hier aber sowieso nichts größeres mehr ohne HH-Untersektion, weil es Unsinn ist das in "Inland" untergehen zu lassen. Wollte eine eigene Site machen, aber.. genau, keine Zeit.


    Der Neubau am Schulterblatt ist mir schon öfters aufgefallen, da brauchen wir wirklich mal ein paar Bilder.

    Kaum zu fassen: das im kilometerweiten Umkreis wohl als einziges klar als gründerzeitlich zu erkennende Gebäude unmittelbar am Stadtrand Hamburgs wurde abgerissen. Dort ist jetzt eine Brache, ein Parkplatz eines Autohändlers. Bin fast vom Fahrrad gefallen, als ich das gesehen habe.
    Ich habe mich endlos geärgert, nie Bilder von dem markanten Gebäude gemacht zu haben. Immerhin existieren solche öffentlich verfügbar:
    http://www.bildarchiv-hamburg.de/hamburg/strassen/langenhorner_chaussee/index2.htm\r
    http://www.bildarchiv-hamburg.de/hambur ... index2.htm


    Dies ist eine weitere Niederlage für die Entwicklung meiner Geburtsstadt. In Ochsenzoll, am äußersten Rand der Stadt, nur 300m entfernt von Wald & Wiesen, war dieses Gebäude geradezu eine Attraktion.
    Eine Katastrophe, was hier passiert ist. Die ganze Umgebung ist zweifellos erheblich unwirtlicher geworden (die obigen Bilder geben das nicht wieder, aber das Gebäude wirkte sehr präsent an der Hauptstraße. Es waren eigenartige (chinesische?) Ornamente an der linken Seite, die nicht im Bild zu sehen sind).

    Quote from "RMA"

    Vor diesem Hintergrund kannst du vielleicht verstehen, wieso der Abriss von einigen einfachen (!) Bauten des 19. Jahrhunderts, die zumindest auf den existierenden Bildern in Heuersdorf zu sehen sind, m. E. noch vertretbar ist. Anbetrachts dessen, wie vergleichsweise einfach ein Fachwerkhaus zu translozieren ist, wäre die Denkmalpflege auch sicher tätig geworden, würde dort ein für die Geschichte und oder Entwicklung des Fachwerkbaus bedeutendes Gebäude stehen.


    Ehrlich gesagt kann ich das absolut nicht verstehen. Und wenn ich das Wort "bedeutendes" lese, gehen bei mir die Alarmglock an - zu oft habe ich als Ex-Sportschütze von den Vorschriften für das Waffensammeln und deren Willkürlichkeit gelesen ("kulturhistorisch bedeutsame Sammlung" für Ausnahmegenehmigungen).
    Denn in dem Fall entscheiden Theoretiker, die mit der umittelbaren Wirkung nichts am Hut haben. Wenn ein Gebäude die Wohnlichkeit und Wirtlichkeit der Umgebung unterstützt, ist das für mich bedeutsam genug. Deine theoretischen Erläuterungen sind für mich als Architekturlaien zwar überaus interessant, aber nicht bedeutsam in Bezug auf den Wunsch des Erhalts.

    Quote from "RMA"

    Kunsthistorisch halte ich das Ganze für vertretbar, da ich auf den Bildern außer der Kirche nichts sehe, was es wirklich noch millionenfach in Deutschland gäbe (v. a. schlichte Fachwerkhäuser des 19. Jahrhunderts).


    Wegen des riesigen Kriegsverlusts finde ich es überhaupt nicht vertretbar, _irgendein_ Vorkriegsgebäude, wo auch immer, zu opfern.
    Ich möchte auch mal wissen, wo denn diese ganzen Fachwerkhäuser sein sollen. Ich sehe hier um HH herum jedenfalls nur diese typischen Einfamilienhaussiedlungen, alle völlig unattraktiv und die Häuser vor allem immer jeweils nur mit einem einzigen Vollgeschoß (eine besondere Krankheit, wirkt so noch provinzieller und langweiliger). Die abgebildeten Fachwerkhäuser sind immerhin teils noch Zweigeschosser.
    Ehrlich gesagt kann ich mich gar nicht erinnern, wann ich sowas mal in Natura gesehen habe. Millionenfach? Sicher nicht hier oben.

    Quote from "wmt"

    Das Abendblatt berichtet in drei Artikeln über die unterschiedlichen Bemühungen, die gewachsenen Strukturen (Villen/Einzelhaubebauung) und Altbauten durch Strukturpläne zu erhalten.


    Einerseits nicht schlecht (Erhaltung von Altbauten).
    Andererseits wären die Gründerzeitviertel mit ihren Fünfgeschossern, teilweise um kleine Bauernkaten herumgebaut wie die Wolkenkratzer in Manhatten um alte Kirchen, bei so einer Satzung bestimmt nicht entstanden!

    Etwas OT, aber: diese "übereinandergelegten" Schwarzpläne sind ja wirklich mal interessant. Man sieht die bis heute nicht behobene Ausdünnung auf einen Blick.
    Können wir denn nicht sowas mal sammeln? Existieren solche Pläne von jeder Großstadt in verschiedenen Zeitabschnitten?

    @Samuel:
    Und wenn es perfekt demokratisch abgelaufen wäre?
    Erstmal war das so jetzt gar nicht möglich, weil die Gruppe von Leuten, die bei so einem Internetforum mitmacht, nicht repräsentativ ist.
    Glück für uns, denn wäre sie es, müssten wir uns eingestehen, dass die Mehrheit durchaus zufrieden ist mit der durchlöcherten ("aufgelockerten") Stadt mit ihren unwirtlichen Brachen mittendrin!


    Aber sieh die gute Seite: mit diesem Entwurf ist ein Wiederaufbau für die Zukunft immerhin noch wahrscheinlicher, als wenn da jetzt jemand ein Bürohochhaus hingestellt hätte.


    Die Route über den Hopfenmarkt wäre nur halb so häßlich, wenn man nicht auf der rechten Seite den Altbau abgerissen hätte (hinter dem Baum)...

    Benni:
    Eben nicht zu schade, ehemaliges Gebiet mit Mischstruktur. Die Diskussion hatten wir schon: irgendwo/-wann muss man ja mal mit dem Wiederaufbau anfangen, oder sollen die wenigen km² Altbauinseln pro deutscher Großstadt weiterhin knappe Spekulationsobjekte bleiben, weil sich um den Rest keiner kümmert?


    Habe heute neue Bilder gemacht von dem Haus auf meiner Tour durch Hamm & Wilhelmsburg.
    Die zu geringe Deckenhöhe und der simple Mittelteil zeigen dann leider doch deutlich den Unterschied zur Stimmigkeit von Altbauten - schade, dass der alte Stil hier nicht konsequent beibehalten wurde.

    Der vorstehende Teil ist ganz hevorragende Architektur:


    Die Scheibe hat die optische Wirkung von Sicherheitsglas, der Teil des Gebäudes erinnert deshalb an eine Sicherheitsschleuse.
    Es handelt sich dabei also um eine geschickte Anspielung an das neuentdeckte Sicherheitsbedürfnis der heutigen Gesellschaft.
    Durch die Nähe zum historischen Gebäude aus einer Zeit, in der Sicherheit durch Kaiser und Staat bereitgestellt wurde, wird gerade vor dem historischen Hintergrund des Landes, in dem Ruhe einst als erste Bürgerpflicht bezeichnet ward, ein auffälliger Spannungsbogen hergestellt, der die Geschichte unserer Nation auf erlebbare Weise, sozusagen als nicht nur Geschichten, sondern auch Geschichte erzählendes Ensemble, allen Bürgern nahebringt.

    Heute ging diese Mail an die Teilnehmer des Domplatz-Forums. Es wird sicher wieder mal nichts mit einer vernünftigen Neubebauung:



    In einer Pressemitteilung stellte die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) gestern einen Entwurf der Hamburger Garten-
    und Landschaftsarchitekten Breimann & Bruun vor, der bereits bis Sommer 2008 realisiert werden soll.


    Senator Axel Gedaschko: ~DDas Internet-Forum zum Domplatz hat gezeigt, dass die Menschen sich eine grüne Oase in der Stadt
    wünschen und gleichzeitig einen Ort, der an die Geschichte Hamburgs erinnert. Dieser Entwurf kommt dem Wunsch schon sehr nahe
    und muss deshalb auch keine Zwischenlösung bleiben. Wir werden den Dialog mit allen Interessierten fortsetzen und auch die
    zahlreichen Ideen weiter diskutieren. Mit der jetzigen Lösung ist das Etappenziel für den Domplatz klar, das Ende aber immer
    noch offen.~S

    Quote from "spacecowboy"

    Wieviele Hochbunker gibt es denn in Hamburg?


    Ich weiß es nicht, aber es müssen hunderte sein. Es gibt streckenweise alle 2-3 Straßen einen.


    Quote

    Mein ganz persönlicher Eindruck ist ohnehin, dass sich Neubauten in einer von Nachkriegsbebauung gezeichneten Gegend grundsätzlich auch an dieser Nachkriegsbebauung orientieren.


    Absolut. Ich vermute halt, daß das sogar per Bauordnung so festgelegt ist. So kann es nichts werden.


    Hier ein Bild des Turms, das ich vor ca. 2 Jahren gemacht habe:


    Der Eingang ist in Nähe von U-/S-Bahn Sternschanze. Es geht aber eher darum, daß man Störer draußen halten will.

    Mal allgemein zur Bausituation:
    Es ist mir heute schon wieder aufgefallen, daß sich hier im Ostteil der Stadt gerade neue Wohnbauten durchweg an der Höhe der 50er-Jahre-Kästen orientieren.
    Das sieht ganz einer mißlungenen Bauvorschrift aus. So wird die Provinzialität der "wiederaufgebauten" Stadtteile leider auch noch zementiert.


    Meist deuten nur die Hochbunker auf die alte Giebelhöhe hin.

    Quote from "Heimdall"

    Inwiefern sich Kultur und und eine "grundlegende Ästhetik" und "Funktionalität" (diese wird ja gerade von Anhängern der Baumoderne oft als Argument wider eine historisierende Ästhetik ins Feld gebracht) widersprechen, verstehe ich nicht.


    Ich sagte nicht, daß es sich widerspricht. Ich meinte, daß diese Ästhetik keine besondere kulturelle bzw. künstlerische Schöpfungshöhe voraussetzt, nach der hier anscheinend gerne gerufen wird. Ein Gründerzeitler aus dem Katalog tut es voll und ganz.

    Quote

    Das alles mag architektonisch auch nett sein, wenn die Bauten sich primär danach ausrichten, inhaltlich wirklich befriedigen wird es aber längerfristig nicht.


    Wonach richteten sich übliche Gründerzeitwohnblocks sonst? Oder überhaupt der Bauschmuck jeglicher Epochen, abgesehen von einigen repräsentativen Werken wie Kirchen. Da ging es doch nicht hochtrabend um Inhalte.
    Hier wurde einfach Schönheit geschaffen, ähnlich wie bei klassischer Landschaftsmalerei, die Kunstkritiker heute für ihren "dumpfen Realismus" tadeln.
    Für inhaltliche Befriedigung bieten modernistische Bauten mit ihren abstrakten Formen wohl mehr.

    Quote

    Zudem hinkt der Vergleich des China-Dorfes mit dem Historismus der Gründerzeit natürlich etwas. Der Historismus spielte - von geringen Ausnahmen abgesehen (z.B. orientalische Badehäuser o.ä.) - immerhin mit den überkommenen Elementen der eigenen Baugeschichte.(...) Dabei stimmt das Bild nicht ganz, daß in der Gründerzeit sämtliche Stilelemente "munter durcheinandergewürfelt" wurden. Das kam vielleicht in der Spätphase des öfteren mal vor


    Nun, ich habe da schon auf ein reales Beispiel abgezielt. Ein denkmalgeschütztes Arbeiterwohnhaus von 1879 unter dem Rest HH-Hammerbrooks, direkt an der Bahnstrecke. Als es unter Schutz gestellt wurde, wurde in der entsprechenden Bekanntmachung auf die Durchmischung von Stilen inklusive italienischem Stil (der 1. Stock sieht wirklich wie ein italienisches Wohnhaus aus) auf engem Raum hingewiesen. Es war teilweise schon recht abgefahren, und '79 ist ja nun kaum die Spätphase.
    Aber selbst wenn eigene Stile verarbeitet werden, na und? Die profane Weise der Entleihung bei der Masse der Gebäude war doch auch nur auf dem Niveau heutiger Popkultur. So kommt mir das zumindest vor. Falls es stimmt, daß man damals Fassadenelemente von der Stange aus dem Katalog aussuchen konnte, dürfte der Eindruck auch berechtigt sein.

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    Ich habe über dieses Thema einmal eine Seminararbeit verfasst.


    Studierst du Architektur? Kann man die Arbeit irgendwo lesen?

    Quote

    Schon damals hieß das nicht, daß man auf schöne Optik, auf Funktionalität und Kleinteiligkeit im Städtebau verzichten soll. Und daß guter Städtebau das Entstehen von Kultur begünstigen kann, ist selbstverständlich unwidersprochen. Ich denke, hier ist überhaupt kein Gegensatz in unseren Positionen.


    Der Gegensatz ist wohl die Frage, ob es auf die besagte kulturelle Schöpfungshöhe ankommt. Und da meine ich, es kommt allein auf das Ergebnis und die Wirkung auf die Lebensqualität im Viertel an, und wenn man ohne jegliche Kreativität einfach 1:1-kopiert hat.

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    Daß allerdings die heutige Architektur beliebig irgendwelche Baustile der Weltkulturen kopieren sollte, um sie dann als Retortenareale in unsere Landschaft zu klotzen, bedient nur einen oberflächlichen Event-Drang für Ausflügler


    Das Bauwerk in meinem Avatarbild wurde anfänglich als genau so eine Effekthascherei verdammt. Künstler gaben öffentlich bekannt, daß das nicht mehr 'ihr Paris' sei und sie wegziehen werden.
    Ich halte dagegen: die Wirkung von Gebäuden _ist_ oberflächlich. Ansonsten müßte man tiefsinnige Texte auf die Fassade schreiben. Den gescheiterten Versuch, durch abstrakte Ausdrucksformen einen Mehrwert zu schaffen, beobachten wir beim Modernismus.
    Die Wirkung eines typischen Altbaus ist nun einmal unmittelbar, es bedarf nur eines Blickes und keiner konzentrierten Beschäftigung mit dem Bauwerk. Diese kann die Wirkung höchstens noch vertiefen, aber zunächst einmal kommt sie aus dem Bauch.

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    China-Dörfer bedienen also nur.


    Besser bedienen als von oben herab diktieren oder gar abschrecken, wie das heute leider oft passiert.
    Um es klarzustellen, ich sehe da auch durchaus Risiken. Vor allem die Gefahr einer deplatzierten und kitschigen Wirkung.
    Aber im Angesicht der gigantischen Masse an gähnend langweiligen und häßlichen Bauten in Deutschland ist dieses Risiko denkbar gering. So viel China kann man hier gar nicht hinbauen, daß das ach so schreckgespenstische Disneyland Wirklichkeit wird.


    Und abgesehen davon, daß in Ordnung ist, was den Leuten gefällt (ansonsten kommen wir wieder zur Emporhebung des Künstlers bzw. Fachmanns über die Bedürfnisse der Bürger): Ästhetik ist anders als durch solche Experimente momentan eben nicht zu erwarten.


    Ihr habt wahrscheinlich einen fachlichen Hintergrund?

    Husseins Einstellung ist mir bekannt, mein Vater kommt von dort. =)
    Ich war ein einziges Mal dort, Mitte der 80er. Es wirkte ein wenig wie klein Amerika, Bagdad war erstaunlich modern und prächtig (typisch Diktatur, Betonung der Hauptstadt). Ein starker Kontrast zum damals vergleichsweise muffigen Hamburg. Ich weiß gar nicht, ob wir noch Bilder haben - Fotografieren war verboten, aber mein Vater hatte sich getraut, einige Filme herauszuschmuggeln.


    Mit der Bevölkerungsmehrheit war es da aber schon ein wenig länger vorbei. Die Christen waren und sind eine kleine Minderheit, inzwischen es ist um ihre Religionsfreiheit aber wohl weniger gut bestellt.
    Interessanterweise beklagten christliche Vertreter, von britischen und amerikanischen Kreisen bei der Bildung des neuen Staates übergangen worden zu sein (kein einziger Vertreter dabei). Haben wohl nicht genug Macht, um interessant zu sein...


    Wieder zum Thema: Ich bin als eher antireligiöser Mensch allgemein gegen den Bau von Gotteshäusern. Weitere davon brauchen wir nicht, seine Religion kann man außerdem auch ohne solche Bauwerke ausüben. Aber immerhin waren Moscheen oft noch nett anzusehen.
    Im Gegensatz zu Nachkriegskirchen, die mit ihrem häßlichen Turm mit Gitterrost fürs Leitwerk und dem Kirchenschiff aus Ziegeln+Stahl schon mal als Mischung aus Umspannwerk und Fabrikhalle rüberkommen.
    Und nun sollen dazu noch Kaufhof-Moscheen kommen? Na vielen Dank.


    In HH-St. Georg gibt es übrigens eine Moschee, bei der man offensichtlich einfach auf einen Altbau die Türme aufgepflanzt hat. Wenn ich mich recht erinnere so ein großer Kasten Typ Kontorhaus 1910, der von der einen Straße bis zur anderen mit Flachdach in der Mitte durchgeht.

    Man hat hier durchaus kein Monopol auf Religionsfreiheit. Im Irak des Saddam Hussein war an Weihnachten arbeitsfrei für Christen. Man stelle sich das hier mal für einen hohen islamischen Feiertag vor.


    Handwerkskunst schätzen Leute von dort genauso wie wir hier. Der Kommentar mit dem Nachkriegsstädtebau und dem Straßengewirr (??) wirkt ziemlich verständnislos und provinziell.
    Es ist nur eben auch eine Geldfrage. Aber warum es gerade wie ein Kaufhof von 1965 aussehen muß..

    Hm, ich meinte natürlich "kaum weniger unverschämt" im letzten Satz...


    Quote

    Indes, von der "Anmaßung", die beinhaltet, "Leuten vorzugeben, wonach sie zu suchen haben" war nicht die Rede. Hier ging es nicht um die baupolitische Vorgehensweise, allenfalls um die "Anmaßung", einen eigenen Standpunkt zu vertreten.


    Da kann ich nicht ganz folgen. Du hast geschrieben, daß "der Klimbim" den Leuten Spaß mache, aber sie auf der Suche nach der eigenen Form ablenke. Was soll das sonst sein, als die Kritisierung der angenommenen Wirkung einer Baupolitik? Oder sind mit den Leuten nur die Benutzer hier im Forum gemeint?
    Vertreten kannst du davon abgesehen natürlich, was du willst.


    Die Formulierungen jetzt von dir finde ich akzeptabler, ich bekräftige aber meine Meinung, daß die "oberflächliche Befriedigung von diffusen Stimmungen" eben doch den Kern der Sache trifft und Priorität hat. Natürlich kann man das auch übertreiben, und ein Garant für Lebendigkeit ist es sowieso nicht.


    Besagte lebendige und ansehnliche Stadt entsteht meiner Ansicht nach eben nicht "aus Kultur", sondern aus einer grundlegenden Ästhetik und Funktionalität. Diese wurde in der Gründerzeit mit einem gesunden Maß an Verspieltheit geschaffen, das später leider abhandengekommen ist. Das Bedienen an der Kultur erscheint eher als Nebeneffekt, wenn an einer Putzfassade italienische, griechische und andere Stilelemente munter durcheinandergewürfelt werden.


    Und bei dir wieder diese bedeutungsschwangere Kultursuche. Glaubst du ernsthaft, daß Altbauviertel vielerorts zu Trendvierteln wurden aufgrund ihres kulturellen Hintergrunds? Oder nicht vielleicht doch ganz profan wegen der Optik und der Funktionalität (dichte Bebauung, Ladenzeile, billig zu mietende Geschäftsräume im Hinterhof)? Gesucht wird dabei höchstens eine Illusion von Kultur, denn mehr sind die gründerzeitlichen Fassaden nicht.
    Die Funktionalität begünstigt aber ihrerseits das Entstehen von Kultur durch die Menschen selbst (Beispiele: Künstleratelier im Hinterhaus, Alltagsfotografie ("street photography") in den belebten Gassen).

    Ah, da werde ich mal mitmischen.


    Samuel, wenn du mal Gelegenheit dazu hast, dort vorbeizuschauen (ich weiß nicht, ob ich in nächster Zeit da hinkomme): im Schanzenviertel, Ecke Schulterblatt-Juliusstraße, wird neben der Flora etwas gebaut, was zumindest in dem Zustand, in dem ich es letztes Mal sah, nach dem ersten (wahrsch. vereinfachten) hiesigen Klon eines gründerzeitlichen Wohnhauses aussieht. Es waren historisierende Gauben erkennbar und das Gebäude hat sogar exakt die Deckenhöhe des Altbaus links daneben. Daß sowas, genau wie das Bauwerk in Altona, immer nur entstehen kann, wenn die Umgebung das bereits vorgibt! Aber das ist eben ein Problem der Denkweise, die ich im "Chinesisches Viertel"-Thread beschrieben habe.


    Außerdem habe ich neulich vom Zug aus (HH->Süden, links der Strecke in Fahrtrichtung) ein Bauprojekt an alten Lagerhallen gesehen. Einiges scheint abgerissen, aber das meiste lediglich entkernt worden zu sein.

    Quote from "Heimdall"

    In diesem Punkt gehe ich - bei sicherlich aller Zustimmung in der Grundrichtung - nicht mit "Haussmann" zusammen.


    Das war und ist mir absolut bewußt. Wir haben da ein unterschiedliches Verständnis der Funktion von Architektur.


    Für die meisten Nutzer dieses Forums scheint sie Träger "hehrer Ziele" der Kunst zu sein. In dem Punkt ergibt sich eine Gemeinsamkeit mit euren/unseren Gegnern, den Verfechtern des Modernismus.
    Ich dagegen will einfach nur eine lebendige und ansehnliche Stadt haben, egal auf welche Weise. Wenn ein Nachbau der Pyramiden das leistet, prima. Wenn es die Reko eines Renaissance-Palais ist, gut. Wenn die 1:1-Kopie zweier 0815-Gründerzeitblöcke, immer wieder aneinandergereiht zu einem ganzen Stadtviertel (!) das leistet, bin ich sogar damit zufrieden.


    Quote

    beinhaltet weder Kreativität noch Auseinandersetzung mit dem Ort und mit dem eigenen kulturellen Weg.


    Die auch nicht weiter notwendig sind. Modernistische Bauweise kann durchaus kreativ sein, sich mit dem Ort auseinandersetzen und einen eigenen kulturellen Weg gehen. Trotzdem kommt dabei regelmäßig Schund heraus, weil der öffentliche Raum als Verwirklichung des hochtrabenden künstlerischen Anspruchs verstanden wird.
    Ich ziele auf die Grundsatzdiskussion ab, ob das denn wirklich sein muß. Die von dir genannten Qualitäten haben mit der Lebensqualität, den das Bauwerk ermöglicht, nicht im Entferntesten etwas zu tun.


    Quote

    Ich finde es eher schlimmer, als irgendeine Stahl- und Glaskastenwüste. Letztere ist in ihrer Brutalität immerhin ehrlich, man kann sich an ihr "abarbeiten". Sie ist ein Produkt unserer Lebensweise und der weltweit herrschenden Strukturen.


    Damit redest du aber schon wieder den Vertretern besagter Brutalität nach dem Mund. Daß sie ehrlich ist, nützt eben niemandem etwas, außer dem Architekten, der sein Geisteskonstrukt manifestiert sieht!


    Quote

    China-Häuser oder afrikanische Runddörfer nach Deutschland zu verfrachten, bedient einen diffusen Drang nach Geborgenheit oder Verspieltheit, ohne zu den Ursachen des Ganzen vorzudringen. Es bleibt Event oder "Kitsch", statt wirkliches Ringen um die richtige Form.


    Und das Ringen um die richtige Form entsteht um der Richtigkeit willen, nicht etwa aus dem diffusen Drang nach obiger Manifestation? Da habe ich aber starke Zweifel.


    Quote

    Daß solcher Klimbim den Leuten Spaß macht, steht außer frage


    Na also. Darauf kommt es an. Architektur für den Menschen (siehe Forumstitel), nicht als Spielwiese für Gedankenexperimente. Genau letzteres ist das Problem.


    Quote

    aber gerade das lenkt sie davon ab, nach der eigenen Tradition, der eigenen Form zu suchen. Eine qualitative Verbesserung ist davon nicht zu erwarten. Fatal.


    Alles andere als fatal. Wenn es Spaß macht, ist die qualitative Verbesserung bereits erreicht, übliche hiesige Architektur macht derzeit nämlich keinen.
    Und abgesehen davon, daß ich bei Tradition per se keinen Wert sehe (genausowenig wie bei Veränderung), wüßte ich nicht, warum sich jemand nicht "mit der eigenen Form" beschäftigen sollte wegen solcher Bauwerke. Beschäftigt er sich eher damit, wenn er das Reihenhaus Modell "Regina" oder den Betonklotz vor der Nase hat?
    Und es ist nicht anmaßend, den Leuten vorzugeben, wonach sie zu suchen haben und wonach nicht? Genau das ist doch das Schaffen von häßlichen, zugigen Bauwerken und deren aufwendige theoretische Rechtfertigung. Verächtlich wird dem Kritiker entgegengeschleudert, daß er das großartige Kunstwerk eben nicht verstanden habe.


    Das ist keine Architektur für den Menschen, sondern Selbstverwirklichung des Künstlers auf Kosten der Allgemeinheit. Der Pomp der heutigen Zeit, kaum unverschämter aufgetragen als der vergangener Epochen.

    Haha; diese Behauptung, es sei schwierig, ein Stadtviertel auf einen Schlag zu bauen. Die Deutschen seien gewachsene Viertel gewohnt.


    Ganz bestimmt. Zum Beispiel die Viertel der Gründerzeit, die zur Bevölkerungsexplosion so schnell aus dem Boden gestampft wurden, wie das mit damaliger Bautechnik eben möglich war. Oder die Backsteinwüste, in der ich hier lebe, zum allergrößten Teil erbaut 1952/53.


    Immer wieder diese billige Ausrede für schlechte, weil utopische und ideologisch verbrämte Planung.
    Bei den zahllosen städtebaulichen Pleiten hier wird natürlich nun auch bei so einem Projekt gleich mal wieder das Schlimmste befürchtet.


    Aber in diesem Fall finde sogar ich den Pessimismus weit übertrieben. Nur gehört sowas tatsächlich eher in eine Großstadt. Trotzdem, besser in Oranienburg als gar nicht.


    Heimdall:
    Die politiknahe Verkrampftheit der "Hüter der Baukunst" bei uns hat die deutschen Städte zu dem gemacht, was sie heute leider sind.
    Wie man sich hier heute noch solche Diskussionen leisten kann, ist mir rätselhaft. Jedes kostengünstig 1:1-kopierte Viertel aus Rom oder Paris wäre um Klassen besser als alles, über was bei uns theoretisiert wird.
    Da man sich offensichtlich sowieso weigert, vernünftige heimische Formen der Architektur und des Städtebaus wieder aufzugreifen, soll man meinetwegen Deutschland mit Kopien vollstellen. Schlimmer kann es wirklich nicht mehr werden.

    Quote from "PB"

    Ein ganzes Stadtviertel ist schon möglich. Allerdings bräuchte ich dazu Material (Fotos, Fassadenzeichnungen, Grundrisse).
    [...]
    Wenn man ein ganzes Viertel mit mehreren Häusern nachbaut, dann müsste man schon ein Areal wählen, dessen Nachbau sich lohnt.


    Fotos sind ja kein Problem, aber bei den beiden letzteren Anforderungen wirds etwas schwierig =).


    Ist jetzt etwas OT, aber: Ich denke, daß es sich überall dort lohnt, wo vor dem Krieg inmitten dichter und ästhetisch ansprechender Bebauung reges öffentliches Leben herrschte und wo nun eine Brache, ein Industriegebiet oder Schmuddelviertel ist.
    Dann würde man mit der Kamera dort durchfahren, dabei hin und wieder zwischen den Zuständen hin- und herblenden. Das könntest du ja auch bei den Sälen der Glyphothek machen.


    Das Problem ist natürlich, daß man, wenn es wirklich überzeugend sein soll, die frühere Lebendigkeit auch darstellen muß. Und das wird wahrscheinlich ein Heidenaufwand bei der Modellierung, falls es nicht inzwischen Softwarewerkzeuge gibt, die das stark vereinfachen. Danach sieht es aber nicht aus, wenn man die leergefegten Straßen bei vielen Modellen betrachtet.


    Wie schon öfters gesagt; die meisten hier sehen Architektur recht isoliert, ich mache mir eher Gedanken um die Auswirkungen aufs Stadtleben. Diese sind drastisch und gehen über den Verlust an Ästhetik weit hinaus.