Posts by Königsbau

    Vorliebe für Säulen und Stuck


    Traditionelle Baukunst ist gefragt. An Alster und Elbe wird immer öfter im alten Stil gebaut. Doch es gibt Widerstände.


    Von Holmer Stahncke


    Auf den ersten Blick sieht es so aus als werde ein gründerzeitliches Haus renoviert. Bei näherem Hinsehen ist aber zu sehen, daß auf der Baustelle am Harvesterhuder Weg 77 - 79 Gebäude im klassizistischen Stil errichtet werden. Doch entsteht hier nicht einfach die Kopie einer hundert Jahre alten Vorlage, sondern etwas vollkommen Neues - aber mit alten Stilelementen und verbundem mit einem neuen Wohnkonzept.


    ...Die Erwartungen, die die weiße, dezent geschmückte Fassade in dem Betrachter weckt, werden im Inneren des Hauses erfüllt. Drei Meter hohe Räume mit Kamin und Stuckverzierungen, handgearbeitete Türen, Marmor mit Blaustein, verzierte Treppengeländer und Parkettfußböden aus Eiche verbreiten das Flair eines stilvollen alten Hauses.


    "Und das bei modernster Haustechnik mit Schallschutz, Tiefgarage und Fahrstuhl", so Makler Tom Kirst von Dahler & Company. "Das Haus wurde nach den Wünschen unserer Kunden gebaut, so wie wir sie seit Jahren wahrnehmen." Der Erfolg gibt dem Konzept recht. Lediglich zwei "Häuser", die jeweils um die zwei Millionen Euro kosten, und eine Wohnung für 860 000 Euro sind noch nicht verkauft. "Gerade in Gegenden wie an der Alster oder an der Elbe, wo der klassizistische Stil vorherrscht, gibt es eine große Nachfrage nach solchen Häusern", weiß auch Maklerin Ruth Kurtze von Gustafsen & Co. "Die modernen Glas-Beton-Geschichten lassen sich in gewachsenen traditionellen Vierteln nur schwer verkaufen." Sie rät Investoren, sich bei Neubauten dem Stil der Staße anzupassen und sich an klassischer Bauweise zu orientieren. Eine Forderung, die auch der Architekt Fridtjof Herzog vertritt: "Diese Architektur paßt sich nicht nur in die vorhandene Umgebung ein, sie spricht auch viele Menschen an, die tagsüber in modernen Bürogebäuden arbeiten, privat aber eine traditionelle stilvolle Umgebung suchen."


    Auch Tom Kirst stellt fest, daß traditionelle Häuser an der Alster leichter zu verkaufen sind als moderne. Beispiel ist die alte "Englische Schule" an der Ecke Bellevue/Rondeel . Auf dem großen Grundstück stehen ein modernes und ein historisches Gebäude nebeneinander. Das historische ist bereits verkauft. Ursprünglich sollte es zugunsten eines modernen Neubaus abgerissen werden. "Wir haben es abgerissen, weil die Bausubstanz eine Sanierung nicht rechtfertigte", so Architekt Helmut Slupik vom Büro Koller & Slupik. "Aber auf Anordnung des Bauamtes des Bezirks Nord mußten wir es originalgetreu wieder aufbauen." Im Dach des neuen "historischen" Gebäudes wurde eine Penthouse-Wohnung eingebaut, die über das angrenzende moderne Gebäude zu erreichen ist.


    Doch in der Regel, so sagt Architekt Matthias Ocker, Experte für klassizistische Bauweise, seien die Behörden nicht erfreut über Projekte mit historischem Profil. "Obwohl in den Alster- und Elblagen die traditionelle Architektur zuhause ist, präferieren die Behörden und Bezirkspolitiker hier eine zeitgemäße Bebauung", kritisiert er.


    Diese Behördensicht hätte, bestätigt Tom Kirst, beinahe auch das "Stadthausensemble" am Harvestehuder Weg verhindert. Das Bezirksamt Eimsbüttel wollte einen modernen Glasbau und habe erst nach langen Auseinandersetzungen mit dem Bauherrn eingelenkt. Ocker dazu: "Es darf nicht sein, daß in Fragen der Baukultur ein bestimmter Stil verordnet wird, obwohl viele Menschen einen anderen Stil bevorzugen." Man solle Architekten zutrauen, daß sie die klassische Formensprache so einsetzten, daß Gebäude sich der gewachsenen Umgebung anpaßten, ohne diese uniform zu machen. Ocker ist jedoch zuversichtlich: Er hat die Erfahrung gemacht, daß in den Behörden jüngere Mitarbeiter meist ein offeneres Ohr für diese Thematik haben. "Anhänger der Moderne sind sehr oft die Alten. Die Jüngeren führen die Diskussion weniger dogmatisch."


    erschienen am 27. August 2005
    Hamburger Abendblatt



    http://www.abendblatt.de/daten/2005/03/12/409158.html

    Ingeborg Flagge weiß aber schon, wie erfolgreich und beliebt der "Ausverkauf an Ideen, der von mangelndem Mut zur Gegenwart zeugt" in Dresden ist?
    Mir fällt in heutiger Zeit nichts mutigeres ein, als bei dem ideologischen Gegenwind Rekonstruktionen zu fordern, oder besser noch, umzusetzen.
    Solange die mutlose Gegenwartsarchitektur beansprucht zu sektieren, und damit auf breiter Ebene scheitert, werden Rekonstruktionen - mangels überzeugenderer Alternative - weiterhin eine große Zustimmung finden. Ob man in Frankfurt eine Bürgerbefragung diesbezüglich scheut?


    Forum der Frankfurter Rundschau zum Thema:
    http://forum.fr-aktuell.de/forum/showthread.php?t=113

    Pflegen bringt Segen


    Was ist ein Denkmal? Vor hundert Jahren skizzierte Georg Dehio erste Antworten. Eine Jubiläums-Ausstellung in Dresden



    ".......
    Was macht ein Denkmal aus und seine Erhaltungswürdigkeit? Welcher Zustand soll erhalten oder womöglich zurückgewonnen werden? Und wie ist es für die Zukunft zu sichern?


    Fragen, die nun in der Dresdner Ausstellung nochmals gestellt werden. Sie präsentiert zwei Jahrhunderte deutsche Denkmalpflege – anlässlich der Hundertjahrfeier des Dehio-Handbuchs. Als sich die Bauhistoriker Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem ersten „Tag für Denkmalpflege“ in der kunstsinnigen Residenzstadt Dresden trafen, schickte der Straßburger Ordinarius Georg Dehio (1850–1932) den Entwurf einer Denkmalinventarisierung für das ganze Deutsche Reich. So ward’s beschlossen, und fünf Jahre später, vor genau einhundert Jahren, lag der erste unter seiner Leitung erstellte Band des „Handbuchs der Deutschen Kunstdenkmäler“ vor.


    Anfang 1905 hielt Dehio außerdem eine weithin beachtete Rede, die zur Grundlage der Denkmalpflege in Deutschland wurde. Seine damals formulierten Prinzipien beherzigen die Denkmalpfleger bis auf den heutigen Tag. Die von ihm begründete Topografie, nach zunächst fünf schmalen Bänden auf verbreiteter Grundlage fortgeführt, verzeichnet mittlerweile 23 dickleibige Bücher, die jedem Kunst- und Architekturhistoriker nur als „der Dehio“ geläufig sind.


    Denkmal und kein Ende? Die Zentenarfeier des Handbuchs bietet Anlass genug, zwei Jahrhunderte Revue passieren zu lassen, die durch Dehios Grundlegungen streng voneinander geschieden sind. Das 19. Jahrhundert galt der „Entdeckung“ der zumeist national verklärten Denkmale, ihrer Wiederherstellung und oft überhaupt erst Vollendung, aber auch Verfälschung. Und im 20. Jahrhundert forschte man systematisch und bewahrte – nach dem zentralen Dehio-Diktum „Konservieren, nicht restaurieren“.


    Das griffige Motto ist längst zum Dogma erstarrt; in der „Charta von Venedig“ hat es 1966 weltweite Bestätigung gefunden. Doch der Paradigmenwechsel von 1900/05 wird nicht der letzte gewesen sein. Wiederum ist Dresden Schauplatz für die drängenden Fragen der Gegenwart – ist doch die Wiedererrichtung des Schlosses selbst ein Musterbeispiel heutigen Umgangs mit zerstörter Bausubstanz. Vor allem aber wuchs in Sichtweite der Residenz die Nachschöpfung der ausgeglühten Frauenkirche heran, als zentrales Dresdner Identifikationsobjekt. Ihre herrliche Kuppel krönt erneut die Silhouette der Stadt und bildet im Verein mit den Türmen von Hofkirche und Schloss jenes Sehnsuchtsbild, das vom jenseitigen Elbufer her als „CanalettoBlick“ verewigt ist.


    Derlei ist der herkömmlichen Denkmalpflege suspekt. „Den Raub der Zeit durch Trugbilder ersetzen zu wollen, ist das Gegenteil von historischer Pietät“, befand Dehio, der 1872 als 22-Jähriger in Geschichte promovierte, sich dann der Kunst zuwandte und stets über Fachgrenzen hinaus dachte. Aber die Lebensleistung des in Reval, dem heutigen Tallinn, gebürtigen Dehio wird erst verständlich vor dem Hintergrund des wilhelminischen Denkmalskults, der in der Kontroverse um die Wiederherstellung des von französischen Truppen 1693 zerstörten Heidelberger Schlosses gipfelte. Ihren weniger exemplarischen Rundkurs mit über 1000 teils noch nie gezeigten Objekten verdichtet die am Wochenende eröffnete, anschauliche Ausstellung in einem dem Namenspatron gewidmeten Saal. Er lässt die Person Dehios ebenso hervortreten wie etwa die Heidelberger Kontroverse. Freie Nachschöpfung eines ungenügend überlieferten Zustandes, ein Idealbild aus dem Geist des Historismus? Dagegen schleuderte Dehio seine Worte.


    Zur Jahrhundertwende lag die Vollendung des Kölner Doms als Nationaldenkmal im Jahr 1880 noch nicht einmal eine Generation zurück. Was heute als Höhepunkt der Gotik auf deutschem Boden erscheint, war bis dahin Bauruine. An den auf Goethes Wunsch hin kolorierten Aufrissen der Westfassade, die nach den in den Wirren der napoleonischen Besetzung verstreuten und 1816 aufgefundenen Originalplänen des 14. Jahrhunderts entstanden, zeigt die Ausstellung die Denkmalspraxis vor Dehio. Büsten von Schinkel und Goethe, aber auch des Engländers Ruskin und des Franzosen Viollet-le-Duc spannen den Bogen des 19. Jahrhunderts. Vor diesem Hintergrund agierte Dehio, als er es der Wissenschaft zur ersten Pflicht machte, überhaupt einmal zu erfassen, was Denkmal genannt zu werden verdient.


    „Wie kann die Menschheit die geistigen Werte, die sie hervorbringt, sich dauernd erhalten?“, fragte Dehio 1905. Von derart grundsätzlichem Nachdenken hat sich die Denkmalpflege unterdessen entfernt. Denn Zerstörungen hatte zwar bereits der Erste Weltkrieg mit sich gebracht, aber die Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs waren bis dahin unvorstellbar. Dies führte zu einem nüchterneren, allerdings auch quantitativ weiter gefassten Denkmalsbegriff. Das nach 1945 nochmals beschleunigte Verschwinden der materiellen Geschichtszeugnisse rückte auch bislang kaum beachtete Objekte ins Blickfeld. Am ideologisch begründeten Zurechtbiegen von Denkmalen während der Nazi-Zeit einerseits, am Umgang mit deren Hinterlassenschaften bis hin zu KZ-Baracken andererseits demonstriert die von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger und der Dehio-Vereinigung ausgerichtete Ausstellung diesen zeitbedingten Wandel des Denkmalsverständnisses.


    Vom Audienzsessel des prestigehungrigen Königs August von 1718 bis zu der noch 1980 geschändeten Gedenkstele vom sowjetischen Kriegsgräberfriedhof in Bergen-Belsen reichen die Objekte. Sie machen anschaulich, wie viele Zeit- und Bedeutungsschichten in einem Denkmalsfragment stecken. Und sie lassen erahnen, dass sich der Denkmalscharakter im materiellen Objekt nicht zur Gänze erklärt. Ein Denkmal „ist“ nicht. Es entsteht, indem ihm diese Eigenschaft zugeschrieben wird. Bedeutungen werden ihm angeheftet und wieder genommen. Georg Dehio steht mit seinem, in der Ausstellung mit Büchern, Manuskripten, Zeichnungen und Aquarellen lebendig gemachten Werk für den Umbruch dieser Diskussion von der Nationalidentität zur Wissenschaft – aber auch von der Einzigartigkeit des Einzelbauwerks zur inflationär ausgeweiteten Auflistung.


    Wäre es nicht möglich, fragte Dehio 1905, „den zerstörenden Mächten entgegenzutreten und die Daseinsdauer unseres Kunst- und Denkmalsschatzes um eine gute Frist wenigstens zu verlängern?“ Die harmlose Frage berührt den Kern unseres Umgangs mit Geschichte. Ihre Zeugnisse sind endlicher Natur. Bewahren gelingt nur, wo das Denkmal als solches begriffen wird. Das aber muss jede Gegenwart aufs Neue leisten. Dass sich unsere Zeit mit dem Verlust identitätsstiftender Denkmäler nicht mehr abfinden mag, wie Dresdens Frauenkirche vor Augen führt, bedeutet eine Herausforderung an die Denkmalpflege, der sie mit bloßem Beharren auf Dehio nicht mehr gerecht werden kann. So steht die Dresdner Ausstellung „Zeitschichten“ an der Schwelle zu einem abermals gewandelten Denkmalsverständnis."


    Der Tagesspiegel, 01.08.2005


    http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/01.08.2005/1964857.asp

    "Am Standort wird ein 6-geschossiges, freistehendes Eckgebäude mit ausgebautem Dachgeschoss entstehen, dessen Architektur sich mit einer historisch nachempfundenen Fassadengestaltung wunderbar in die stilvolle Umgebungsbebauung einfügt."



    Quelle: http://www.planethome.de\r
    http://www.planethome.de


    Das ist doch mal erfreulich! Da hast du eine tolle Entdeckung gemacht Booni. Wer mag denn wohl der Architekt sein?

    :applaus::applaus::applaus:


    Danke Herr Gerth, für den Mut zu diesem Artikel, der gehört dazu wenn man gegenüber Architekten und Entscheidungsträgern "Majestätsbeleidigung" betreibt, und sei sie noch so zutreffend.

    Es mußte nicht sein...ein völlig unnötiger Vorgang und die Allianz Immobilien schert sich garantiert nicht übermäßig darum ob sich die Europapassage gut einfügt oder eine wirklich langlebige Architektur aufweist, selbst die jetzige Umsetzung wurde ja nur aufgrund durch Überarbeitung gewährleistet.
    Das Europahaus war ein schönes und gut nutzbares Gebäude, aber es mußte ja unbedingt diese Einkaufspassage her. :augenrollen:

    Solche Ansichten schmerzen, wenn man die Vorkriegsbilder kennt. Aber vielleicht bekommt auch der Wilhelmsplatz irgendwann eine Chance zur Wiederauferstehung...und selbst wenn es nur eine "kritische" Rekonstruktion wäre, alles ist besser als der jetzige Zustand.
    Trotz des schauerlichen Anblicks, Danke für die Dokumentation :zwinkern:

    Gibt es im Moment etwas spannenderes als zu sehen, wie Dresden in einem sehr klassischen Sinne wieder schön wird?
    Auch in Berlin hätte ich wenigstens eine historisch getreue Platzrekonstruktion ungleich spannender gefunden als die ausdruckslosen Bürogebäude, die jetzt an vielen Ecken bestimmend sind und selbst manchen ehemals als "magisch" bezeichneten Ort ruinieren.
    Eine ausgewogene Mischung aus beidem, Neuerfindung und Wiedererweckung, wäre spannend. In deutschen Städten dominiert jedoch deutlich sichtbar der Versuch des Ersteren und das Scheitern von Beidem. Entscheidend ist, was man anstrebt: der Versuch und die Mühe einer behutsamen Wiederangleichung des Stadtbilds an europäische Pendants, oder die Aufrechterhaltung der Sonderstellung mit den Mitteln, die unsere Städte nach 1945 geprägt haben. Auch wenn mancher Besucher dies ungewöhnlich oder gar interessant finden mag, den Weg zu den Herzen ihrer Bewohner hat es bisher nicht erfolgreich gefunden.

    Danke für das Lob, es zeigt daß man in diesem Forum nicht automatisch einer Meinung sein muß um sich in gutem Stil auszutauschen.
    Ich sehe die Legitimation von Rekonstruktionen vor allem in einem persönlichen, von Ihrer Seite vielleicht als subjektiv bezeichneten, Befund, den auch der Journalist Rainer Haubrich teilt, daß es nämlich "aus der Nachkriegszeit nicht eine Platzschöpfung gibt, die mit den historischen Orten konkurrieren könnte." und daß "der Verlust an architektonischer Verfeinerung auffällt, der Mangel an nuancierten Profilierungen und Details, die die meisten heutigen Architekten nicht mehr entwerfen wollen oder können."
    Solange die Gegenwartsarchitektur diese Qualitäten nicht zu erreichen vermag und weiterhin zu einseitig auf den funktionalen Aspekt setzt, befürworte ich jede Rekonstruktion, die uns unsere architektonisch oft bestürzend ausdrucksarme Zeit vor Augen führt und uns zu einer neuen Betrachtung mahnt. Einige prominente Baukünstler wie Herr Kollhoff oder Christoph Mäckler wagen dies ja mittlerweile auch auszusprechen, auch wenn es bislang leider noch Einzelstimmen sind.


    Aber nun vielleicht doch besser wieder zurück zum ursprünglichen Thema. :zwinkern:

    Ein augezeichneter Beitrag im "Kulturform Dialog":


    Scharoun als statisches Modell

    Noch ist die Zeit nicht gekommen, die sechziger und siebziger Jahre jenseits pauschaler Vorurteile zu betrachten. Am Beispiel des Kulturforums erfährt man ja auch gegenwärtig, wie belastet die Auseinandersetzung ist. Noch immer gibt es eine streitbare Gruppe, die mit geradezu ideologischer Militanz auf die Vollendung der damals geträumten Sehnsüchte pocht.

    Natürlich steht dahinter ein quasireligiöses Sendungsbewusstsein, das sich nur mühsam mit der Würdigung des Großmeisters Scharoun bemäntelt. Eigentlich ist es die sture Uneinsichtigkeit, nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen, dass sich die Erde bewegt. Die Wisnewskis von Berlin beharren auf einem statischen Modell, das für sie zugleich ein finales ist: Die letztgültige Wahrheit, dies ist der Kern der Lehre, hatte Scharoun gefunden. Deshalb müssen sich seine Jünger bis zum jüngsten Tag berufen fühlen, die Mission zu erfüllen. Ein gespenstisches Denken!


    Respekt wird mit Dogma verwechselt. Das Fortschreiten in der Zeit muß ignoriert werden, damit die ursprünglichen Ideen rein bleiben. Problematisch ist, dass sowohl Scharoun als auch dessen Planungen noch immer von einer Aura umweht werden. Dieser Heiligenschein erschwert, nein, er verhindert eine nüchterne Auseinandersetzung. Doch ist die Verschränkung von Scharoun und der Mythenbildung zugleich der Nährboden für das fortwährende Problem. Zugespitzt: Selbst mit den besten Argumenten lässt sich mit den Wisnewskis keine Debatte führen, weil es sich um ein hermetisches Glaubenssystem handelt. Jeder Einwurf wird folgerichtig als Häresie abgetan.


    Scharoun hatte als Präsident der Akademie der Künste zu einer Aktion aufgerufen, um endlich der verhassten Stadt des 19. Jahrhunderts den Garaus zu machen: "Schlagt den Stuck von den Fassaden, wo ihr ihn trefft, denn der Stuck an den Häusern entspricht dem Stuck in den Köpfen!" Solche Radikalität zielte auf entschlossene Umerziehung auch derjenigen, die dazu nicht willens waren. Heute reklamieren die Wisnewskis eine Art Musealisierung ihrer damaligen Intentionen. Wenngleich es aussichtslos sein dürfte, diesen Sendboten ihre Vergeblichkeit zu erläutern, sollte in der öffentlichen Diskussion das jeweils Zeitgebundene des gestalteten Raums nicht verschwiegen werden. Insofern ist es völlig absurd, vierzig Jahre alte Handskizzen im vergangenen Geist auferstehen zu lassen.


    Duewel


    http://www.stadtentwicklung.be…8&view=detail&id_item=211

    Diese Entwürfe würde ich immernoch nur als Musterbeispiele der jeweiligen Architekturbüros ansehen, wie auch auf der offiziellen Projektseite angegeben. Das obige Beispiel des "London-Townhouse" wird dagegen höchstwahrscheinlich wie im Entwurf umgesetzt, denn es wird bereits auf immobilienscout24 beworben.
    Bei townhouses-berlin.de handelt es sich um ein Entwurfsseminar an der Technischen Universität Berlin.


    Bemerkenswert ist, daß sich lediglich ein Entwurf vom Diktat des ausschließlichen rechten Winkels befreit, ansonsten wird, einschließlich bei den eher traditionalistischen Beispielen, eisern daran festgehalten. In dieser Reihung wird die ganze Absurdität und Lächerlichkeit dieses Dogmas deutlich. Sollte es in der Form umgesetzt werden, muß man vielleicht eher von Tragikomik sprechen.