Posts by Königsbau

    Es mußte nicht sein...ein völlig unnötiger Vorgang und die Allianz Immobilien schert sich garantiert nicht übermäßig darum ob sich die Europapassage gut einfügt oder eine wirklich langlebige Architektur aufweist, selbst die jetzige Umsetzung wurde ja nur aufgrund durch Überarbeitung gewährleistet.
    Das Europahaus war ein schönes und gut nutzbares Gebäude, aber es mußte ja unbedingt diese Einkaufspassage her. :augenrollen:

    Solche Ansichten schmerzen, wenn man die Vorkriegsbilder kennt. Aber vielleicht bekommt auch der Wilhelmsplatz irgendwann eine Chance zur Wiederauferstehung...und selbst wenn es nur eine "kritische" Rekonstruktion wäre, alles ist besser als der jetzige Zustand.
    Trotz des schauerlichen Anblicks, Danke für die Dokumentation :zwinkern:

    Gibt es im Moment etwas spannenderes als zu sehen, wie Dresden in einem sehr klassischen Sinne wieder schön wird?
    Auch in Berlin hätte ich wenigstens eine historisch getreue Platzrekonstruktion ungleich spannender gefunden als die ausdruckslosen Bürogebäude, die jetzt an vielen Ecken bestimmend sind und selbst manchen ehemals als "magisch" bezeichneten Ort ruinieren.
    Eine ausgewogene Mischung aus beidem, Neuerfindung und Wiedererweckung, wäre spannend. In deutschen Städten dominiert jedoch deutlich sichtbar der Versuch des Ersteren und das Scheitern von Beidem. Entscheidend ist, was man anstrebt: der Versuch und die Mühe einer behutsamen Wiederangleichung des Stadtbilds an europäische Pendants, oder die Aufrechterhaltung der Sonderstellung mit den Mitteln, die unsere Städte nach 1945 geprägt haben. Auch wenn mancher Besucher dies ungewöhnlich oder gar interessant finden mag, den Weg zu den Herzen ihrer Bewohner hat es bisher nicht erfolgreich gefunden.

    Danke für das Lob, es zeigt daß man in diesem Forum nicht automatisch einer Meinung sein muß um sich in gutem Stil auszutauschen.
    Ich sehe die Legitimation von Rekonstruktionen vor allem in einem persönlichen, von Ihrer Seite vielleicht als subjektiv bezeichneten, Befund, den auch der Journalist Rainer Haubrich teilt, daß es nämlich "aus der Nachkriegszeit nicht eine Platzschöpfung gibt, die mit den historischen Orten konkurrieren könnte." und daß "der Verlust an architektonischer Verfeinerung auffällt, der Mangel an nuancierten Profilierungen und Details, die die meisten heutigen Architekten nicht mehr entwerfen wollen oder können."
    Solange die Gegenwartsarchitektur diese Qualitäten nicht zu erreichen vermag und weiterhin zu einseitig auf den funktionalen Aspekt setzt, befürworte ich jede Rekonstruktion, die uns unsere architektonisch oft bestürzend ausdrucksarme Zeit vor Augen führt und uns zu einer neuen Betrachtung mahnt. Einige prominente Baukünstler wie Herr Kollhoff oder Christoph Mäckler wagen dies ja mittlerweile auch auszusprechen, auch wenn es bislang leider noch Einzelstimmen sind.


    Aber nun vielleicht doch besser wieder zurück zum ursprünglichen Thema. :zwinkern:

    Ein augezeichneter Beitrag im "Kulturform Dialog":


    Scharoun als statisches Modell

    Noch ist die Zeit nicht gekommen, die sechziger und siebziger Jahre jenseits pauschaler Vorurteile zu betrachten. Am Beispiel des Kulturforums erfährt man ja auch gegenwärtig, wie belastet die Auseinandersetzung ist. Noch immer gibt es eine streitbare Gruppe, die mit geradezu ideologischer Militanz auf die Vollendung der damals geträumten Sehnsüchte pocht.

    Natürlich steht dahinter ein quasireligiöses Sendungsbewusstsein, das sich nur mühsam mit der Würdigung des Großmeisters Scharoun bemäntelt. Eigentlich ist es die sture Uneinsichtigkeit, nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen, dass sich die Erde bewegt. Die Wisnewskis von Berlin beharren auf einem statischen Modell, das für sie zugleich ein finales ist: Die letztgültige Wahrheit, dies ist der Kern der Lehre, hatte Scharoun gefunden. Deshalb müssen sich seine Jünger bis zum jüngsten Tag berufen fühlen, die Mission zu erfüllen. Ein gespenstisches Denken!


    Respekt wird mit Dogma verwechselt. Das Fortschreiten in der Zeit muß ignoriert werden, damit die ursprünglichen Ideen rein bleiben. Problematisch ist, dass sowohl Scharoun als auch dessen Planungen noch immer von einer Aura umweht werden. Dieser Heiligenschein erschwert, nein, er verhindert eine nüchterne Auseinandersetzung. Doch ist die Verschränkung von Scharoun und der Mythenbildung zugleich der Nährboden für das fortwährende Problem. Zugespitzt: Selbst mit den besten Argumenten lässt sich mit den Wisnewskis keine Debatte führen, weil es sich um ein hermetisches Glaubenssystem handelt. Jeder Einwurf wird folgerichtig als Häresie abgetan.


    Scharoun hatte als Präsident der Akademie der Künste zu einer Aktion aufgerufen, um endlich der verhassten Stadt des 19. Jahrhunderts den Garaus zu machen: "Schlagt den Stuck von den Fassaden, wo ihr ihn trefft, denn der Stuck an den Häusern entspricht dem Stuck in den Köpfen!" Solche Radikalität zielte auf entschlossene Umerziehung auch derjenigen, die dazu nicht willens waren. Heute reklamieren die Wisnewskis eine Art Musealisierung ihrer damaligen Intentionen. Wenngleich es aussichtslos sein dürfte, diesen Sendboten ihre Vergeblichkeit zu erläutern, sollte in der öffentlichen Diskussion das jeweils Zeitgebundene des gestalteten Raums nicht verschwiegen werden. Insofern ist es völlig absurd, vierzig Jahre alte Handskizzen im vergangenen Geist auferstehen zu lassen.


    Duewel


    http://www.stadtentwicklung.be…8&view=detail&id_item=211

    Diese Entwürfe würde ich immernoch nur als Musterbeispiele der jeweiligen Architekturbüros ansehen, wie auch auf der offiziellen Projektseite angegeben. Das obige Beispiel des "London-Townhouse" wird dagegen höchstwahrscheinlich wie im Entwurf umgesetzt, denn es wird bereits auf immobilienscout24 beworben.
    Bei townhouses-berlin.de handelt es sich um ein Entwurfsseminar an der Technischen Universität Berlin.


    Bemerkenswert ist, daß sich lediglich ein Entwurf vom Diktat des ausschließlichen rechten Winkels befreit, ansonsten wird, einschließlich bei den eher traditionalistischen Beispielen, eisern daran festgehalten. In dieser Reihung wird die ganze Absurdität und Lächerlichkeit dieses Dogmas deutlich. Sollte es in der Form umgesetzt werden, muß man vielleicht eher von Tragikomik sprechen.

    Stuttgart (eh)
    CDU, FDP und Freie Wähler im Stuttgarter Gemeinderat sind sich einig: Die Konrad-Adenauer-Straße soll das Stadtzentrum nicht weiter trennen. Und da ebenerdige Fußgängerüberquerungen dem jetzt vorliegenden Gutachten des Büros Karajan zufolge erhebliche Nachteilige Auwirkungen auf den Verkehrsfluss hätten, sprechen sich die drei Fraktionen für die Untertunnelung aus, die in Teilabschnitten realisiert werden solle. Zugleich erteilten sie der Stadtverwaltung den Auftrag, mit dem Land Gespräche wegen einer finanziellen Beteiligung zu führen eine Steilvorlage für Schuster, der sich die zumindest teilweise Überdeckelung der Stadtautobahn zu einer der wichtigsten Aufgaben seiner zweiten Amtszeit erklärte. Große Hoffnungen setzt er auf Günther Oettinger, den neuen Ministerpräsidenten des Landes einem Bürger der Landeshauptstadt. Ich bin sicher, dass sich seine Amtszeit positiv für Stuttgart auswirkt, so der OB. Denn Oettinger habe bei einem mit ihm in der vergangenen Woche im Rathaus auch großes Interesse für die weitere Entwicklung Stuttgarts gezeigt. Dabei sei es auch um den etwa 50 Millionen Euro teuren B-14-Tunnel gegangen
    ...
    Die Bauarbeiten könnten jedoch auch im günstigsten Falle nicht vor 2007 beginnen. Da im nächsten Jahr jedoch mit der Fußball-WM ein medienträchtiges Großereignis ins Haus steht, lässt Schuster im eigenen Hause ein Provisorium prüfen: den Bau von zwei Stegen. Möglichst schon in der Sitzung des gemeinderätlichen Umwelt- und Technikausschusses am 10. Mai soll Technik-Bürgermeister Dirk Thürnau Ideen präsentieren.


    22.04.2005


    Quelle:http://www.ez-online.de/lokal/…uttgart/Artikel110264.cfm

    Um die veränderten Altbauten ist es besonders schade, denn sie böten durch ihre immer als Voraussetzung angeführte "Authentizität" eine Rechtfertigung für eine Wiederherstellung von historischen Fassaden. In Leipzig oder Hamburg wurde dies mehrfach mit Erfolg umgesetzt. Natürlich muß man bei der Beseitigung eines ohnehin zur Unkenntlichkeit entstellten Gebäudes wenig Protest befürchten, denn der Wert der noch vorhandenen Grundsubstanz und die damit mögliche Alternative ist nur wenigen ersichtlich bzw. bekannt. Es ist wichtig, derartige Beispiele - auf gleicher Ebene wie Komplettrekonstruktionen oder Neubauten - aufzulisten und zu veranschaulichen, denn diese Gebäude finden wenig Beachtung und sind umso mehr gefährdet, dabei bergen sie enormes Potential zur innerstädtischen (Wieder-)aufwertung.

    Auffallend bei der Marktgalerie ist, daß alle Formen in den rechten Winkel gezwungen werden. Es "fällt der Verlust an architektonischer Verfeinerung auf, der Mangel an nuancierten Profilierungen und Details, die die meisten heutigen Architekten nicht mehr entwerfen wollen oder können" (Rainer Haubrich, damals über den Pariser Platz). Auch Mäckler scheint besonders der "als sentimental empfundenen Wirkung" von Rundbögen (noch) aus dem Weg gehen zu wollen. Immerhin, das Gebäude muß man dennoch über dem Durchschnitt dessen einordnen, was in der Leipziger Innenstadt in den letzten Jahren gebaut wurde.

    In diesem Fall wirkt auf mich die neue Lösung mit Eingang am Eck vorteilhafter als die Beibehaltung des historischen Zustands, da sich das Gebäude so an seinem markantesten Bereich öffnet. Schade jedoch daß der Eckturm nicht wiederhergestellt wurde.

    Das Schloß würde ja total verrammelt :o Das darf so nicht kommen. Die Schloßfreiheit sollte auf keinen Fall neu bebaut werden, einen zusätzlichen Anbau an der Domseite könnte man, so deplaziert er ist, zu einem späteren Zeitpunkt wieder entfernen.
    Auf schlossberlin.de ist jedenfalls nach wie vor zu lesen: "Wie mit der Schlossfreiheit am Spreekanal umgegangen werden soll, ist noch offen. Bisherige Überlegungen beinhalten sowohl die Wieder- errichtung einer überwiegenden Wohnbebauung als auch die Nutzung des erhaltenen Denkmalsockels. "

    Folgendes findet sich in dem Stadtentwicklungskonzept 2004 der Stadt Stuttgart zum Thema "Urbanität und Ortsverbundenheit" unter Punkt 3.2, verfasst von den Architekten/Stadtplanern Pesch & Partner:


    "In der architektonischen Ausdrucksform sind zeitgemäße Lösungen mit der Stuttgarter Tradition zu vereinbaren. Eine vordergründig dekorative Anpassungsarchitektur ist in der Stadt der Weißenhofsiedlung nicht akzeptabel."


    Dazu meine Antwort an Pesch&Partner:
    Solange derartige Vorgaben in der städtebaulichen Frage unantastbar bleiben, wird ein wesentlicher Bestandteil ausgeklammert und eine Diskussion über die adäquaten architektonischen Stilmittel von vornherein erheblich eingeschränkt. Dieses Konzept ist autoritär und NICHT zeitgemäß.


    Kritische Anmerkungen können an pps@pesch-partner.de gerichtet werden.



    Stadtentwicklungskonzept 2004 (pdf-Format):
    http://www.stuttgart.de/sde/gl…ung/stek_entwurf_2004.pdf


    Auf dem Friedrichswerder entsteht ein "Townhouse-Quartier" nach britischem Vorbild. Eine kleinteilige und individuell bebaubare Parzellierung mit anspruchsvollen architektonischen Vorgaben läßt ein bürgerliches Wohnquartier wieder neu entstehen.


    Auf dem Eckgrundstück Kleine Jägerstraße/Niederwallstraße wird ein Neubau mit Klinkermauerwerk im Stil eines Londoner Stadthauses entstehen.
    In der Oxford Residenz werden lediglich 16 Wohnungen und ein Ladengeschäft entstehen.


    DKB Grundbesitzvermittlung GmbH Büro Berlin




    Im Grunde ein schönes Projekt, aber wieso muß man sich am Stil eines Londoner Stadthauses orientieren wenn es genügend Vorbilder vor Ort gibt?
    Wie auch immer, die Richtung hin zu klassischer Formgebung ist jedenfalls erfreulich. :)

    Hier ein Auszug aus einer Publikation von Prof. Christoph Mäckler (Architekt der Neuen Marktgalerie in Leipzig), Ordentlicher Professor an der Universität Dortmund:




    "Heimat - Ort der Identität"


    "....
    In einer Zeit, in der wir jährlich 60 Mio. Tonnen Bauschutt produzieren und in der der Bauherr als verantwortlich handelnder Hausbesitzer eher zur Ausnahme geworden ist,
    in einer Zeit, in der unsere Städte noch immer an den Zerstörungen des Krieges, und schlimmer noch, an den Folgen des sogenannten "Wiederaufbaus", der nur scheinbar ein Wiederaufbau war, leiden,
    in einer Zeit, in der die Architektur mehr und mehr von anonymen Großbüros bestimmt wird, deren Qualität sich ausschließlich über die Qualität des angestellten Mitarbeiters bestimmt,
    in einer Zeit, in der dem Gestaltungsbedürfnis des freien Architekten darüber hinaus keine Grenzen gesetzt sind, in einer solchen Zeit muss der staatlichen Denkmalpflege eine andere Rolle zukommen, eine Rolle, die den baukulturellen Gesamtzusammenhang eines Ortes höher bewertet als den Einzelbau als Zeitdokument.
    Und es ist mir dabei bewusst, dass es sich bei der Erfüllung dieser neuen Aufgabe nur um ein Korrektiv handeln kann, ein Korrektiv für eine Übergangszeit, in der wir Architekten uns einer ortsgebundeneren Architektur zuwenden müssen,
    einer Architektur, die sich mehr dem städtischen Ensemble denn der Selbstdarstellung widmet,
    einer Architektur, die sich von scheinbar avantgardistischen Strömungen befreit und sich die Baugeschichte als Grundlage ihrer Ausformung zu eigen macht, ohne sich stilistisch anzubiedern.
    Es ist wichtig, zu erkennen, dass der Moderne eine gesellschaftspolitische Dimension innewohnt, die eine stilistische Übernahme vergangener Bauepochen grundsätzlich ausschließt. Auszuschließen aber sind nicht jene Bauelemente und Konstruktionen, die die Moderne als unzeitgemäß und damit unzulässig verwarf. Sie zu erforschen und in unsere Zeit der Nachmoderne zu übersetzen, empfinden wir als eine große Herausforderung.
    Und so beschäftigen wir uns seit einigen Jahren mit der Konstruktion unterschiedlicher Dachformen, mit Dachgauben, Fenstergewänden, Fensterläden und der Ausbildung von Erkern. Wir versuchen uns in der Anlage des Vollmauerwerkes mit der Erfahrung, dass komplizierte Fensteranschlüsse, Hinterlüftungen, Abfangen von Vormauerschalen das aufwändige Unsichtbarmachen von Dehnfugen entfallen können, wir erforschen die Anmutung des steinmetztechnisch bearbeiteten Natursteins und die Wirkung verschiedener Steinformate und der unterschiedlichen Verbände des Ziegelmauerwerkes, tauschen den Balkon gegen die Loggia, die Aufständerung des Bauwerkes gegen den Arkadenraum und ersetzen den Dreh-/ Kippbeschlag durch den Lüftungsflügel und vieles mehr.
    All dies gibt uns die Möglichkeit, differenzierter auf den jeweiligen Ort, an dem neue Architektur entsteht, einzugehen und in Selbstverständlichkeit zu reagieren.
    Von großer Wichtigkeit für die Tradition eines Ortes scheint uns auch die Wahl der Materialien und deren perfekte Verarbeitung in selbstverständliche Formen zu sein.
    Erst sie garantieren Beständigkeit über Generationen und damit eine örtliche Tradition, die öffentlich wahrgenommen werden kann. Viele unserer europäischen Plätze haben sich in ihrem Äußeren seit Generationen kaum geändert. Ihr Äußeres hat Tradition, der Ort hat Tradition und er hat eine eigene Identität, ein Wiedererkennungswert, der für das Wohlbefinden des Menschen von unmessbarem Wert ist.
    Man kann den Ort der örtlichen Tradition am besten am eigenen Wohnzimmer ablesen. Um sich wohl zu fühlen, um sich zu Hause zu fühlen, spielt die Beständigkeit der Anordnung des Mobiliars, die Beständigkeit seiner Farbe, seiner Form und seiner Materialität eine unbedingte Rolle. Kein Mensch ändert ununterbrochen das Aussehen seines Zuhauses, ohne dass dies eine Auswirkung auf sein persönliches Wohlbefinden hätte. Lässt sich diese örtliche Tradition über das Wohnzimmer hinaus auf das Haus, in dem sich das Wohnzimmer befindet, auf die Straße, den Platz oder gar den Ort hin ausdehnen, steigt das persönliche Wohlbefinden des Stadtbewohners um ein Vielfaches.
    Doch während wir auf die Beständigkeit unseres persönlichen Zuhauses selbstverständlich Einfluss nehmen, scheinen uns die politischen Werkzeuge für die Einflussnahme auf die Beständigkeit der örtlichen Tradition, der Straße, des Platzes oder gar eines gesamten Ortes zu fehlen.
    Sie sind uns abhanden gekommen, weil uns das Bewusstsein für den Wert der Beständigkeit des Ortes, für den Wert von Hegels Hausflur abhanden gekommen ist.
    Obwohl man ohne Mühe die Regeln für den Erhalt und die Alterungsfähigkeit von Bauwerken aufzuzählen vermag, scheint die Gesellschaft über diese Gesetzmäßigkeiten wenig informiert zu sein. Wie sonst ließen sich die vielen architektonischen Fehlgriffe in unseren Städten und der Abriss von nicht einmal 40 Jahre alten Gebäuden erklären?
    Während wir dem funktionalen Städtebau unsere ganze Aufmerksamkeit widmen, bleiben die Wahl und die Verarbeitung des Materials eines Bauwerkes und dessen architektonisches Erscheinungsbild völlig unberücksichtigt und dies obwohl ein jedes Haus im Zusammenspiel mit den Nachbarhäusern das städtebauliche Gesamtbild einer Straße oder eines Platzes prägt. Wir beachten die Höhe eines Hauses, ob eine Fassade aber aus Sandstein, rotem Ziegel, Putz oder aus Spiegelglas errichtet ist, entzieht sich dem öffentlichen Interesse.
    Man überlässt es vielmehr dem Architekten, seine Vorstellungen frei zu realisieren und überlässt die städtebauliche Qualität und die Chance, eine örtliche Tradition zu stärken, damit dem Zufall.
    Und eben hier kommt der Denkmalpflege eine besondere Rolle zu, denn zumindest an Orten von historischer Bedeutung sollten wir über Gestaltungssatzungen auf die Integration von Neubauten in das Ensemble einwirken. Nicht der architektonische Alleingang des Einzelhauses, sondern die architektonische Gestalt, die sich dem Wohle des Gesamtbauwerkes, des Platzes oder der Straße einfügt, schafft eine erkennbare Identität. Die Addition der sich einer Gestaltungssatzung unterordnenden Bauwerke gibt der Gesamtgestaltung dieser Plätze eine gestalterische Kraft, die weit über die Gestaltungsmöglichkeiten des Einzelbauwerkes hinausgehen.
    Das Einzelbauwerk profitiert damit also vom Gesamterscheinungsbild des Platzes.
    Und die Geschichte, die die Tradition dieses Platzes bis heute bestimmte, bildet die Grundlage der aufzustellenden Gestaltungskriterien.
    Die Gesaltungssatzung ist ein politisches Instrument, das die bisherigen Baugesetze ergänzt und erweitert und Stadtparlamente in die Lage versetzt, fachlich fundierte Entscheidungen im Bereich des Städtebaus zu treffen.
    In einer Zeit, in der die Tradition der Platzgestaltung, wie wir sie seit Jahrhunderten in Europa kennen, in Vergessenheit zu geraten droht, liegt es im Interesse des Gemeinwohls, die Idee der übergreifend einheitlichen Gestaltung in einer Stadt wieder aufzugreifen und die vorhandenen historischen Strukturen vor einer weiteren Zerstörung zu schützen.
    Die Gestaltungssatzung ist zunächst also ein Schutz der Interessen des Gemeinwesens Stadt und ein Instrument, das europäische Städte in ihrer Geschichte bis ins 19. Jahrhundert angewandt haben. Im Baustatut der Stadt Frankfurt am Main aus dem Jahre 1809 ist zu lesen, ich zitiere:
    "dass jemand, der aus Liebe zum Sonderbaren oder aus Eigensinn seinem Gebäude eine solche Fassade geben wollte, durch welche ein offenbarer Missstand entstehen und die gemeine Straße verunziert werden würde, zu der Ausführung die Erlaubnis versagt werden soll".
    Gestaltungssatzungen sind ein Regulativ, wie wir es aus anderen Lebensbereichen unserer demokratischen Gesellschaft kennen und gesetzlich verankert haben. Architekten, die sich einer Gestaltungssatzung wortreich verwehren, müssen sich die Frage stellen lassen, welchen Wert sie dem Gemeinwohl in unserer Gesellschaft zuordnen. Eine Architekturausbildung, die Architekten hervorbringt, die nur mit "ihrem Beton", "ihrem Klinker" oder "ihrer Glashaut" umzugehen verstehen, sollte man von Bauaufgaben innerhalb städtischer Ensembles fernhalten.
    Allerdings dürfen wir nicht verkennen, dass unsere eigene Ausbildung und die unserer Studenten fast ausschließlich dem Entwurf gewidmet war und ist, und es wird einige Zeit benötigen, bis wir die Tragweite dieser verfehlten Ausbildung erkannt und geändert haben werden. Ändern aber werden wir sie nur, wenn die Gesellschaft ihren bereits unüberhörbaren Unmut dazu nutzt, auf die Politik unseres Landes einzuwirken.
    Sind wir wirklich Nostalgiker, die wir unsere Zukunft mit Vergangenem verbinden wollen, um unsere eigene Kultur damit in selbstverständlicher Kontinuität fortschreiben zu können? Ich glaube nicht, aber wir könnten als Architekten zu nostalgischem Gehabe gezwungen werden, wenn wir die Unzufriedenheit in unserer Gesellschaft weiter ignorieren."


    Quelle und gesamter Text:http://www.bauwesen.uni-dortmu…ehrst/b1/est/fs_c_02.html