Dresden, Neumarkt - Quartier VI

  • Ihr wisst aber schon, dass der Begriff "Elb-Florenz" sich eigentlich auf die Dresdner Gemäldegalerie bezieht und nicht auf die Architektur.

    Hier findet man Angaben zum Ursprung des Begriffs:



    Die Einbürgerung des Begriffs Elbflorenz wird Johann Gottfried Herder zunächst als Deutsches Florenz zugeschrieben, der 1802 in der Adrastea „Kunstsammlungen in Dresden“ äußerte, und was sich später in Elb-Florenz verlagerte:


    „Vor allem aber sind es die Kunst- und Alterthumssammlungen, die er mit ansehnlichen Kosten stiftete, Trophäen seiner Regierung. Was ein Friedrich August im Anfange des Jahrhunderts anfing, hat ein anderer Friedrich August am Ende desselben vollendet. Durch sie ist Dresden in Ansehung der Kunstschätze ein Deutsches Florenz geworden.“

  • Nochmal zu dem Füllbau rechts neben dem Regimentshaus:


    Auch wenn mir jetzt jemand den Kopf abreisst, aber das Gebäude selber ist eigentlich recht gut. Ist Euch nicht schon einmal aufgefallen, dass viele "moderne" Bauten eigentlich nur halb so schlimm wären bzw. fast schon "gut", wenn sie ein anderes Dach hätten?


    Das berüchtigte Legohaus am Altmarkt ist ein solcher Fall. In der Weihnachtszeit sah ich es einmal mit Girlanden oder ähnlichem behängt .....auf dem Foto waren vor allem die tieferen Geschosse und grade noch die Traufhöhe zu sehen - der Fotograph wollte offenbar das Marktgeschehen in den Focus nehmen. Auf diesem Foto, auf dem das Dach abgeschnitten war, dachte ich spontan, hey , sieht ja gar nicht schlecht aus. Mir wurde klar, dass das Gebäude nicht schlecht ist (vor allem mit Girlanden), sondern nur das Dach. Die Fassade, die Proportionen etc. wären zwar nicht meine 1. Wahl, aber es wäre ein völlig anderes Gebäude mit einem konventionellen Dach. (Was sich der Herr von Gerkan hier gedacht hat, erschliesst sich mir nicht. Er meinte einmal im Interview, er fände Chianti-Flaschen im Keller furchtbar. Nun, ich finde sein Dach furchtbar. Chianti-Flaschen sind nicht Teil des öffentlichen Raumes und kann ich vermeiden, Strassen und Häuser nicht).


    Das Gebäude rechts neben dem Regimentshaus ist ebenso ein solcher Fall. Auf dem Foto #2.945 von Bert (nur das untere Foto) ist das Dach nicht vollständig zu sehen. Ohne Dach sieht das Gebäude m.E. nicht schlecht aus, sondern sogar fast gut. Normalerweise wirken moderne Gebäude viel zu wuchtig neben einem historischen filigranen Nachbar, hier ist es kurioserweise umgekehrt, das Gebäude rechts wirkt weniger wuchtig und fast feingliedriger. Ich rede allerdings nur von dem Foto! Wie es in real aussieht , dafür ist wohl z.B. Chris mehr der Experte. Er hat ja seine Meinung auch kurz und knapp, dafür aber sehr deutlich geschildert. :lachen:


    Das Gebäude selber ist m.E. sogar gut, die wahre Katastrophe ist das Dach. Es hat überhaupt keine Form, ist nicht greifbar und zerfließt irgendwo links hinten in einem zweimal gekippten 45° Winkel. Was soll das? Dieses unmögliche Dach hat in Symmetrie und Klarheit den Charme einer Kartoffel. Auch Kartoffeln haben häufig eine undefinierbare Form.


    Ich find's irgendwie peinlich, wenn ein "Baukünstler" ausgerechnet am Neumarkt versucht, seinem Gebäude eine "dekonstruktivistische" Komponente zu verleihen (bzw. was er dafür hält). Dieses Dach ist einfach Schrott.


    Fazit: Das Gebäude selber (bis zur Traufhöhe) ist m.E. nicht das Problem. Das Dach ist das Problem.
    Dennoch hätte ich hier ein anderes Gebäude bevorzugt, das Gebäude selber wäre zwar (ohne Dach!) gut, aber an anderer Stelle wäre es mir lieber. Die Lobeshymnen von Rastrelli kann ich nicht so ganz teilen.


    Ich freue mich dennoch unheimlich über diesen Teil des Neumarkts! Einfach wunderschöne Gebäude, die Rekos.- Das Dinglingerhaus ist ist ja eigentlich fast schon ein Palais. Wenn ich das Kartoffeldach wegdenke, und die versteckte Kubenscheusslichkeit ignoriere, ist das eine traumhaft schöne Ecke.


    PS - Bevor der Proteststurm losgeht: Ich beziehe mich nur auf dieses einzige o.g. Foto. Solange ich diese Stelle noch nicht live vor Ort sah, sage ich hier alles unter Vorbehalt.

    "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).

  • Schaut euch doch nochmal das historische Foto an! Der Bau neben dem Regimentshaus war kein Barockbau. Er hatte kein Mansarddach. Die Abstände zwischen den Fensterachsen waren unregelmäßig. Es gab verschiedene Fensterbreiten. Die Dachtraufe lag höher als beim Regimentshaus.


    GHND


    Ich borge mir mal zwei Vergleichsbilder von Chris1988 aus:

    Blick zum Kulturpalast


    Regimentshaus von der Sporergasse aus

    Bei einem Mansarddach ist die Dachneigung waagerecht gebrochen. Beim Stellwerk-Dach zum Jüdenhof hin ist die Bruchlinie diagonal. Dadurch ergeben sich zwei Dreiecke. Die Dachfläche ist nicht glatt, sondern zeigt ein Rautenmuster. Die Einschnitte für die Dachfenster sind einfache Rechtecke. Das Dach wird also durch klare geometrische Formen strukturiert.
    Das Hotel in der Rampischen deutet ein Mansarddach an, wird aber von einigen hier trotzdem als schlechtestes Gebäude der ganzen Gegend verdammt. Die Staffelgeschossbauten im Q I direkt gegenüber vom Haupteingang der Frauenkirche werden hier also mehr goutiert? Trotz eigentlich am Neumarkt verbotener Natursteinverkleidung der Fassade am einen Haus und gläsernen Staffelgeschossen, die ab Einbruch der Dämmerung von innen mit rotem und grünem Licht in Szene gesetzt werden, beim anderen.



    Normalerweise wirken moderne Gebäude viel zu wuchtig neben einem historischen filigranen Nachbar, hier ist es kurioserweise umgekehrt, das Gebäude rechts wirkt weniger wuchtig und fast feingliedriger. Ich rede allerdings nur von dem Foto! Wie es in real aussieht , dafür ist wohl z.B. Chris mehr der Experte.

    Dafür bin auch ich der Experte. Die Fotos geben die Realität sehr gut wieder. Lediglich einige Details der Fassadenstruktur gehen unter. Die Farbe des Baues ist eine Art Aubergine.



    Der Eckbau zum Kultupalast schließlich hat mit klassischer Stadtarchitektur nichts mehr zu tun, da hier nicht von der Fassade her gedacht wird, sondern von aufgebrochenen Würfeln, die willkürlich übereinander gestapelt sind. Man kann diese Art zu bauen interessant finden, aber an dieser Stelle ist sie eine bewusste Kampfansage an den historischen Stadtraum und eine bewusste Konterkarierung des Rekonstruktionsvorhabens.

    Die Architektur ist vom Innenraum und den Nutzungsbedürfnissen sowie dem komplizierten Eckgrundstück her gedacht. Der Bauherr ist derselbe wie bei den schönen Rekos in Q VII. Wer das Dinglingerhaus so aufwendig rekonstruiert, beabsichtigt wohl kaum eine Kampfansage an Rekos und den historischen Stadtraum. Ebenso beim Q VI. Das Regimentshaus und sein Stellwerk-Nachbar haben denselben Bauherrn.


    Symmetrie ist das natürlichste von der Welt. Im menschlichen Empfinden wird sie als stimmig und zentrierend, harmonisierend, ausgleichend empfunden. Werde Dir Deiner Körperachse bewußt. Also stell Dir eine zentrale Linie durch Deinen Körper vor. Dann nimmst Du wahr, daß auch der menschliche Körper auf Symmetrie angelegt ist. Die Äußeren Gliedmaße und Sinnesorgane sind paarig angelegt. Also hat Symmetrie etwas mit menschlichem Maß und der Schöpfung zu tun.

    Ja, und das Herz sitzt links. Ist da bei der Schöpfung was schiefgegangen? Und wie erklären wir uns Rechtshändigkeit und Linkshändigkeit? Der harmonische Mensch müsste doch beide Hände gleich gut verwenden können. Aber nein, der barocke Edelmann trägt den Degen an der linken Seite und führt ihn im Kampf mit der rechten Hand. Seinen Orden trägt er auch nicht mittig.


    Bei Frisuren gibt es häufig Abweichungen von der Symmetrie. Warum haben nicht alle Menschen von Natur aus einen Mittelscheitel?


    Das Alte Rathaus in Leipzig. Der Turm sitzt nicht in der Mitte und die Marktfassade hat auch noch einen Knick.
    Die Westfassade des Straßburger Münsters. Der Turm ist nicht "harmonisch" platziert.


    Aber die Schaufassade des Dresdner Kulturpalastes ist symmetrisch. Und ein Kartoffeldach hat der Kulturpalast auch nicht.

  • Dank an die Poster für das historische Vergleichsbild. Es sticht doch ins Auge, dass der Neubau den Vorgänger zu zitieren versucht. Man kann sicher trefflich darüber streiten, ob diese Bau-Interpretation gelungen, bzw. gefällig ist oder nicht.


    Die Aussage allerdings, dass der Bau eine reine Povokation darstellt, finde ich ein bissl polemisch - und es erschwert auch eine sachliche Diskussion. Vielleicht verrennen wir uns auch, wenn wir bei jedem modernen Bau gleich die Absicht unterstellen, das Ansinnen "Neumarkt" zu persiflieren. Man muss doch bei aller Unterschiedlichkeit im Geschmack anerkennen, dass sich der Planer mit der Situation auseinander gesetzt zu haben scheint und nicht irgendwas darein geplatscht hat.


    Das gilt m.E . auch für die Mehrheit der den Kulturpalast umgebenden Bauten. Nachdem nun einmal mit der Erklärung zum Baudenkmal und der darauffolgen 40 Mio. teuren Sanierung, Fakten geschaffen wurden, ist doch bei der Randbebauung das Bemühen zu erkennen, einen stufenweisen, nicht allzu kontratierenden Übergang zu gestalten um einen insgesamt organischen Gesamteindruck zu vermitteln.


    Zu welchem Grad das gelungen ist, darüber lässt sich - wie geschrieben - streiten. Man sollte den Gestaltern hier aber nicht rundheraus den Anspruch aberkennen, Alt und Neu irgendwie zu versöhnen. Und so wie in der Architektur sei es auch im Gedankenaustausch.

  • @HalleLuja Meine Aussage mit der Provokation bezog sich nicht auf diesen Bau, sondern auf den anderen an der Ecke Schlössergasse/Kulturpalast.


    @Rastrelli Natürlich hat das Dach ein rautenförmiges Lineament, aber es hat nicht annähernd dieselbe Plastizität wie übereinander gelegte Dachziegel. Und die Oberfläche an sich ist auch viel glatter - unangenehm glatt, wie ich finde.
    Der Dachknick ist allein dem Bemühen geschuldet, mehr Raumhöhe für die obere Wohnung zu gewinnen, aber er sieht buchstäblich sehr schräg aus. Ein Mansarddach hätte dieselbe Funktion besser erfüllt.
    Die Dachfenster einzuziehen, statt sie als Gaupen auszubilden, halte ich in diesem Kontext auch für unpassend. Die unteren Fenster sind für meinen Geschmack etwas zu groß, da alle umgebenden Häuser mehr Wandfläche haben. Ferner hätten den Fenstern Rahmen gutgetan. Damit hätten sie sich erstens besser in die Nachbarbebauung eingefügt und zweitens wäre die Fassade besser strukturiert gewesen (auch im Sinne des von mir beschriebenen Prinzips der Fraktalität). Bei den Nachbarbauten ist die Wand ein mit Reliefs profilierter oder auch modellierter Untergrund, hier ist sie die Hülle eines Kubus, in den Löcher eingestanzt sind. Dieser sehr ungute Eindruck wird verstärkt durch die Loggien in der zweiten Achse von links. Sie passen gar nicht.


    Von innen nach außen geplant: eben das ist die Todsünde der Moderne im Städtebau schlechthin. Man bekommt das als Architekturstudent permanent eingehämmert, als sei es ein von Gott gegebenes Dogma. Aber das stimmt nicht. Architektur muss immer in zwei Richtungen funktionieren.
    Bei Bungalows oder bei Einzelbauten in Neubausiedlungen kann das Denken von innen nach außen überwiegen. In der historischen Stadt ist es aber umgekehrt: die Fassade ist die Innenwand des Straßenraums - und muss daher immer auch von außen her gedacht werden

    Mein Resümee: Natürlich hätte es schlimmer kommen können, aber auch deutlich besser. Und von der Rückseite her ist dieser Bau eine wirkliche Katastrophe.

    Nimm das Recht weg, was ist der Staat dann noch anderes als eine große Räuberbande? (Augustinus von Hippo)

  • @Rastrelli


    Der Bauherr des QVII hatte mitnichten die Absicht, den Eckbau modern zu gestalten. Es gab hier einen historisierenden Entwurf, der wurde aber von der Gestaltungskommission kategorisch abgelehnt.

  • Mir gefällt an dem Bau, dass auch mal die Farbe violett/flieder in das Stadtbild kommt.
    Diese Dachfarbgebung ist selten, sieht aber hier wirklich sehr gut aus.
    Sicher, der Fassadenaufwand hätte noch ein wenig größer sein dürfen:
    Dreigliederung wie Vorgängerbau. Das würde dann hier 2 weitere Violetttöne bringen.


    Durch die Verwendung einer 6. Fensterachse machen Fensterumrahmungen aber wegen Platzmangel keinen Sinn.
    Insofern, es ist nun wirklich nicht der schlechteste Bau ...

  • @Rastrelli


    Der Bauherr des QVII hatte mitnichten die Absicht, den Eckbau modern zu gestalten. Es gab hier einen historisierenden Entwurf, der wurde aber von der Gestaltungskommission kategorisch abgelehnt.

    Und da sieht man genau, worum es der Gestaltungskommission, die stark modernistisch denkt, geht. Der historisierende Entwurf war übrigens ziemlich gut.

    Nimm das Recht weg, was ist der Staat dann noch anderes als eine große Räuberbande? (Augustinus von Hippo)

  • Gibt es eine Abbildung von dem traditionellen Entwurf?


    Noch einmal zurück zum Knick im Dach. Den halte ich auch nicht für unmotiviert, sondern für einen Kniff der ein zusätzliches Geschoss bei gleichzeitiger Einhaltung der Trauföhe erlaubt. Bei einheitlicher Traufhöhe in Straßenzügen werden zusätzliche Geschosse oft über Staffelgeschosse odrr extrem geneigte Mansarddächer gelöst, die dann aussehen wie vorgehängt. Den Knick hier finde ich deutlich charmanter. Auch das Geschoss ansich hat seine Berechtigung, da der Vorgänger ja auch eines hatte. Bauen kann man sowas allerdings nicht allzuoft und wenn, dann auch nur an Ecken.

  • Durch die Verwendung einer 6. Fensterachse machen Fensterumrahmungen aber wegen Platzmangel keinen Sinn.
    Insofern, es ist nun wirklich nicht der schlechteste Bau ...

    Das ist funktionalistisch, aber nicht gestalterisch gedacht. Und neben dem Von-Innen-Nach-Außen-Denken und der Konzeption von Bauwerken als kontextlosen Solitären ist dieser Funktionalismus die dritte Todsünde der Moderne. Wenn wir nicht grundlegend umdenken, werden wie nie zu guter zeitgenössischer Stadtarchitektur gelangen. Ihr müsst euch einfach mal in den Jüdenhof stellen und schauen, inwiefern diese Fassade mit dem Rest harmoniert bzw. ob sie sich auf demselben gestalterischen Niveau bewegt.
    Da war der ursprüngliche Entwurf, von der Kommission aus ideologischen Gründen abgelehnte Entwurf wirklich besser.

    Nimm das Recht weg, was ist der Staat dann noch anderes als eine große Räuberbande? (Augustinus von Hippo)

  • Wenn man Funktion vom Gestalten löst, welchen Sinn sollte Bauen dann haben? Natürlich muss jeder der gestaltet, ersteinmal von der Funktion her denken.

  • Herr Kimmerle hatte sich damals hier persönlich gemeldet.
    Quartier VII/2 - Kimmerle Jüdenhof GbR (realisiert)
    Das Bild hat er aber inzwischen wieder rausgenommen.


    Zu Q VI
    Auf der Grafik des Stadtplanungsamtes sieht man das auch der historische Bau eine klare Gliederung hat.
    Man muss nur die Fensterachsen 1,2 und die Fensterachsen 3-5 getrennt betrachten.
    https://www.dresden.de/de/stad…/neumarkt/Quartier-VI.php



    Auf so einen Unsinn, dass man die Fenster innerhalb der Fensterachsen unterschiedlich breit ausführt und von Achse zu Achse die Anordnung der breiteren Fenster verändert, ist man damals nicht gekommen.

    Wenn nicht anders angegeben, sind alle Bilder von mir.

  • Wenn man Funktion vom Gestalten löst, welchen Sinn sollte Bauen dann haben? Natürlich muss jeder der gestaltet, ersteinmal von der Funktion her denken.

    Genau, die Funktion darf nicht vom Gestalten gelöst werden. Leider aber wird in der Moderne meist genau das getan. Funktionalität um ihrer selbst willen, ungeachtet gestalterischer Gesetzmäßigkeiten.
    Und das ist dann auch Funktionalismus und eben nicht mehr Funktionalität.
    Denn Funktion ist weitaus mehr: Schönheit ist eine Funktion, Lebensfähigkeit einer Stadt (also auch Aufenthaltsqualität für diejenigen, die sich vor einem Haus aufhalten und es betrachten), ist eine Funktion. Die Symbolik eines Bauwerk kenntlich zu machen, ist eine Funktion. Die Rangordnung der verschiedenen Stockwerke (Sockelzone, Beletage, Attikazone) sinnfällig zu machen, ist eine Funktion. Das Ornament ist eine Funktion, weil es ziert, strukturiert und zum Teil auch interpretiert.
    Das Problem der Moderne ist die Verengung des Funktionsbegriffs auf das Technische, auf das Praktische - in einer Art und Weise, die Louis Sullivan (form follows function) so nie intendiert hat. Diese Vereinseitigung hat zu der seelenlosen, inhumanen Architektur geführt, die mittlerweile unsere Städte verschandelt. In seiner Gesamtheit ist das Regimentshaus fiel funktionaler als sein linker Nachbar, weil er letztlich viel mehr Bedürfnisse abdeckt.

    Nimm das Recht weg, was ist der Staat dann noch anderes als eine große Räuberbande? (Augustinus von Hippo)

  • @Seinsheim Auch wenn deine Aussage in schöne Worte gepackt ist, entbehrt sie m.E. einer gewissen Logik. Man baut ja immer primär der Nutzung wegen und nicht der Schönheit. Sonst könnte man dort auch Blumen wachsen lassen oder einen hohle Attrappe bauen, die nur die Aufgabe hat harmonisch zu wirken. Wenn du einen Löffel designst und dabei unberücksichtig lässt, dass er zum Essen ist, dann mag irgendwas "Schönes" dabei heraus komen, aber eben kein Löffel mehr. Und wenn ein Bau allein darauf beschränkt wird möglichst authentisch auszusehen, dann ist er alles mögliche, vllt. sogar ein Kunstwerk - aber eben kein Bau. Kommt es dir allein auf die Ästhetik und nicht die Funktion an, dann wirst du sicher nicht den Anspruch haben, mit Architekten, Designern und Planern ernsthaft über Architektur und Design zu diskutieren. Dann kannst du mit ihnen vllt. noch über Anmutung, Proportion und den persönliche Auffassung von Schönheit reden. Aber nicht mehr über Bauen in diesem Zusammenhang. Ich gehöre übrigens keiner dieser Berufsgruppen an, sondern bin Dipl.Kfm. - möchte von Leuten, die mit Bauen und Planen zu tun haben, in einer Diskussion aber auch nicht nur belächelt werden.

  • Das hat Seinsheim gar nicht behauptet, sondern dass die Attraktivität Bestandteil der Funktionalität ist.
    Kurz gesagt: Schönheit ist nicht alles, doch ohne Schönheit ist alles nichts!


    Schon Vitruv definierte mit seiner "heiligen Dreifaltigkeit der Architektur" klar, was ein vollwertiges Bauwerk ausmacht, und Jahrtausende hielt man sich an diese drei gleichwertigen Kriterien und erschuf damit die herrlichen Stadtbilder, die wir heute so schätzen:


    Stabilität (Firmitas), Nützlichkeit (Utilitas) und Anmut/Schönheit (Venustas)



    Das müsste diese Visualisierung sein, oder?

    Ja genau!


    So war das Farbkonzept für die Vollreko neben dem Regimentshaus zunächst vorgesehen: https://www.dresden.de/media/b…mentshaus_Farbkonzept.jpg


    Ich finde, das war ein schlichter, doch passender und recht charmanter Bau; er hätte noch mehr "Altes-Europa-Flair" und Renaissance-Charme hinzugefügt. Er hätte das Regimentshaus und den Jüdenhof würdiger gerahmt, als das geknickte und gedämmte Etwas, das wir jetzt bekommen haben.

  • ... ohne in die Verlegheit kommen zu müssen, den modernen Bau jetzt vorbehaltlos zu verteidigen: Die historische Situation war wohl eher suboptimal (Flucht,Traufhöhe, Fassadengliederung und -Schlichtheit (und daher auch im Sinne der Neumarkt-Idee nicht zwingend rekonstruktionswürdig ) wie man an der Perspektive, im Dokument S.3, gut erkennen kann. Die Visualisierung oben deutet das auch schon an, schönt das aber auch ein bisschen durch die Perspektive.



    https://www.dresden.de/media/p…_Q_VI_Exposee_QVI_WEB.pdf

  • @HalleLuja Ich habe, glaube ich, hier niemanden belächelt. Aber Du hast mir ein wenig das Wort im Munde herum gedreht. Schönheit ist ein Teilaspekt der Funktionalität. Ein ganz wesentlicher. Eine Blume, die mit ihrem Duft und ihrer Blüte keine Biene anzieht, kann auch nicht bestäubt werden....


    Aber nehmen wir mal eine gotische Kathedrale oder einen griechischen Tempel, die vielleicht erhabensten Formen von Architektur überhaupt.
    Einen Betsaal, in dem Menschen sich zu Gottesdiensten treffen, kann ich auch als eine Scheue errichten - wird ja heute vielfach schon so gemacht. Dann spare ich im Vergleich zu einer Kathedrale sicherlich 95 Prozent der Kosten. Der Saal ist besser geheizt, ich kann nach heutigem Baurecht bessere Notausgänge und Feuerwehrzufahrten einbauen, kann Sanitäranlagen unterbringen usf. Im Vergleich dazu ist eine Kathedrale in so gut wie jeder Hinsicht unpraktisch. Aber Betscheunen werden nach 50 Jahre wieder abgerissen, Kathedralen noch nach 800 Jahren mit irrsinnigem Aufwand saniert. Warum wohl? Nur weil sie alt sind? Oder weil sie eine ganz andere Qualität von Architektur haben?
    Der griechische Tempel: ein Schrein für das Götterbild - ohne praktische Funktion für die Menschen, die ihn - bis auf wenige Ausnahmen - nie betreten haben. Aber wie die Kathedrale hatte er einen hohen ideellen Wert. Er war nämlich gleichfalls Ausdruck einer höheren Idee (wiederum einer metaphysischen). Auch ein Bürgerhaus ist Ausdruck einer höheren Idee (auf einer etwas einfacheren Ebene). Und diese Idee, die früher als noch wichtiger empfunden wurde als die rein technische Praktikabilität, drückten die Bauten durch ihre Typologie, ihre Ästhetik, ihre Ikonographie und ihre sonstige Formensprache aus. Selbst reine Zweckbauten wie Festungsanlagen wurden ästhetisch gestaltet. Und eben diese Ideenhaltigkeit spüren wir. Es geht um mehr, als ein Volumen für Wohnraum zu schaffen und dann, damit es noch irgendeinen Effekt gibt, einen Knick ins Dach zu machen.


    Dem von uns besprochenen Eckhaus wird niemand nachtrauern, wenn es abgerissen wird. Für den Wiederaufbau des Regimentbaus und des Dinglingerhauses haben sich tausende von Menschen hingegen leidenschaftlich und mit großem finanziellen Engagement eingesetzt. Warum? Weil das eine für eine Idee steht, das andere nicht.


    Vierte Todsünde der Moderne: sie verwechselt Idee im Sinne eines höheren Gedankens mit kreativem Einfall im Sinne von äußerlichem Effekt.

    Nimm das Recht weg, was ist der Staat dann noch anderes als eine große Räuberbande? (Augustinus von Hippo)

    Edited once, last by Seinsheim ().