Dresden, Neumarkt - Quartier VI - Patrizia Immobilien

  • Aha, du gehörst wohl noch zur barocken Erlebnisgeneration? Ich bin ein großer Freund der Farbigkeit am Neumarkt. Aus der Luft gegriffen sind die Farbwahlen sicherlich in den seltensten Fällen. Am Jüdenhof wird das Regimentshaus von zartrosa und hellgelb gerahmt. Hier ist die farbliche Zurückhaltung auch angesichts der größe des Baus in meinen Augen richtig.

  • Hier sieht man schon wieder diesen unnötigen Sprung von einem Extrem in ein Anderes (wobei ich in Q1 keine übertriebene Farbwahl sehe). Warum sollte die Alternative zum Monochromen-Regimentshaus eine Villa Kunterbunt sein? Es reicht doch eine ebenfalls dezente Zweitfarbe, welche bestimmte Elemente der Fassade von der restlichen Fläche abhebt. In etwa so wie die Akzentvergoldung am Berliner Schloss.


    Wobei man natürlich sagen muss, dass sich das anscheinend jetzt erledigt hat - der Bau ist fertig.

    Es gibt eine Architektur, die zur Landschaft gehört, sowie eine andere, die sie zerstört.

  • Prinzipiell finde ich es richtig, demjenigen Bau, der am aufwändigsten und differenziertesten gestaltet ist, auch die meiste Farbigkeit zuzugestehen, nach dem Motto: gebt das Mikrophon nicht irgendwem, sondern dem Hauptredner bzw. dem, der inhaltlich am meisten zu sagen hat. In diesem Fall hätte ich das Regimentshaus schon gerne in einer ähnlichen Farbigkeit gesehen wie das Dinglingerhaus, um beide diese beiden Hauptredner zueinander in Dialog treten zu lassen. Dann wäre auch das in meinen Augen suboptimale Eckhaus noch weniger ins Gewicht gefallen.

  • Seinsheim, dein Sprachbild passt nicht. Der "Hauptredner" bzw. "der, der inhaltlich am meisten zu sagen hat" am Neumarkt ist die Frauenkirche. Im engeren Bereich des Jüdenhofes ist es das Johanneum. Der "am aufwendigsten und differenziertesten gestaltete Bau" in Dresden ist der Zwinger.


    Die Veduten aus dem 18. Jahrhundert bieten uns einen gewissen Einblick in die Farbigkeit jener Zeit. Allzu bunt geht es auf den Dresden-Bildern von Bernardo Bellotto gar nicht zu. Die Farben waren oft verblasst, die Fassaden schmutzig, der Putz blätterte ab. Was HalleLuja oben gesagt hat, ist nicht abwegig.


    Zu den Sandsteinportalen am Regimentshaus: Oktavian hatte seinerzeit angekündigt, dass sie noch gestrichen werden. Insofern kam das nicht überraschend. Sandstein wurde nicht gewählt, um einen Farbakzent oder eine neue Materialität in die Fassadengestaltung einzubringen, sondern weil er die gewünschte plastische Gestaltung ermöglichte. Die Portale sind Teil der Hausfassade und werden durch die farbliche Angleichung erst wirklich in diese integriert.


    Und übrigens auch die Gartenfassade von Schloss Versailles ist monochrom.

  • Rastrelli, der Vergleich zwischen sächsischem Barock und dem französischen Classicisme des 17. Jahrhunderts (Versailles) trägt nicht. In Frankreich ist die Monochromie dem Ideal der Steinsichtigkeit geschuldet - an den Fassaden und zu weiten Teilen auch große Innenräumen. Das fängt in der Zisterzienserromanik an und geht bis die Revolutionsarchitektur, zum Teil sogar bis ins 20. Jh..
    Das Stilideal des süddeutschen Barock (zu dem ich den sächsischen im weiteren Sinne zähle) läuft hingegen auf geputzte, in Stuck modellierte und bemalte Flächen hinaus. Das gilt vor allem für Bürgerhäuser. Die Fassade als Plastik (bzw. als verfestigte Malerei), nicht als Skulptur. Insofern ist die Übermalung der Sandsteinportale am Regimentshaus auch stimmig (selbst der Zwinger war ja mal farbig gefasst).
    Und selbstverständlich gibt es in einem historischen Stadtraum auch Teilensemble, die gleichsam eigene Gesprächskreise bilden. Dementsprechend sind im Jüdenhof Dinglingerhaus und Regimentshaus auf ein dialogisches Verhältnis angelegt, ungeachtet des Johanneums, das einen Solitär bildet und einer anderen Formensprache folgt. Und diesen Dialog hätte man sich gerne deutlicher gewünscht.
    Und bitte grundsätzlich eines: nicht bei jeder abweichenden Meinung zum Thema Neumarkt oder Dresdner Schloss gleich in den Verteidigungsmodus umschalten!

  • Die Farbgebung am Regimentshaus ist nicht optimal und ich gehe heute schon jede Wette ein, daß das mit dem nächsten Anstrich korrigiert wird. Dauert allerdings 15 Jahre.


    Mit dem Pickel am Dach kann ich mich ebenfalls nicht anfreunden, aber gut.


    Primadonna assoluta unter den Rekonstruktionen scheint mir das Kimmerle-Dinglingerhaus zu sein.

  • Also lieber Seinsheim, den von Dir beschworenen "Verteidigungsmodus" sehe ich als Außenstehender mehr bei Dir als bei Rastelli angelegt…
    GEKÜRZT!!!!! Die Moderation


    Man befasse sich bitte mal mit den Architekten des Regimentshauses und den Auftraggebern.
    Man vergleiche es beispielsweise mit dem Kurländer Palais.
    Man erkenne dann den Französischen Einfluss an diesen beiden HÖFISCHEN Gebäuden und merke dann, dass es genau um diese für Versailles korrekt erkannte Steinsichtigkeit auch hier ging.
    Man streiche dann gedanklich für diese beiden Gebäude den "süddeutschen" Einfluss, der an anderen BÜRGERLICHEN Bauten in Dresden tatsächlich gut zu erkennen ist.


    Wenn man sich die Mühe macht, kann man auch im ach so fernen Berlin in der Literatur zur Bürgerlichen Architektur Dresdens im Augustäischen Zeitalter die unterschiedlichen Ansätze in der Farbgebung z.B. bei Dr. Stephan Hertzig schön nachlesen.
    Auch darf man sich im fernen Berlin sicher sein, dass sich die hiesige Denkmalpflege ziemlich genau überlegt hat, wie diese Fassade ausgebildet wird.


    gekürzt (...)

    Der Zwinger war übrigens monochrom (kalkweiß) gefasst. Nur die Dächer hatten eine differenzierte farbige Bemalung. Man werfe einen Blick auf alte Gemälde und verbreite auch hierzu bitte keine Halbwahrheiten.


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    Um mal nach meinem erhobenen Zeigefinger noch eine launige Anekdote zum Gegensatz zwischen Höfischer und Bürgerlicher Farbgebung abzusondern und nicht nur als Spielverderber im Nörgelkonzert zu fungieren:


    Zwischen Dresden und Meißen liegt eine spätbarocke Dorfkirche, in der sich ein wohlproportionierter Taufengel befindet. Wenn ich mich recht erinnere ist es die Kirche von Heynitz und der "Engels-Schnitzer" war B. Thomae.
    Seine vollendeten Formen würden vermutlich sogar Treverer beglücken; aber da will ich mich nicht festlegen...


    Allerdings zeigt der Engel eine polychrome Farbigkeit, durch die seine edlen Züge und vollendeten Formen etwas "profaniert" werden.
    Aus historischen Unterlagen und Dokumenten geht hervor, dass der Künstler - vom Patronatsherr beauftragt - aus höfischen Kreisen zu den Bauern "herabstieg", und ganz im Sinne der gerade in Dresden aktuellen höfischen Kunst zunächst eine weiße Skulptur ablieferte.
    Die Bevölkerung wollte aber unbedingt eine farbige Fassung, forderte diese nach und zahlte erst, als der umjubelte Hofkünstler dem Volk genehmes ablieferte. So kann man es wohl den Kirchenbüchern entnehmen, es wurde mir jedenfalls bei einer spannenden Führung durch den Pfarrer ungefragte so erklärt. ;-)

  • Die kontroverse Diskussion zur Farbgebung ist kein Problem, sondern interessant, und was eryngium jetzt inhaltlich beigesteuert hat, bringt uns wirklich weiter.

  • Nett, Eryngium, dass Du wieder aus der Versenkung aufgetaucht bist. Ich will aber auf Deine Ausführungen - wieder mal in oberlehrerhaftem Ton - nicht ausführlich eingehen, es nervt einfach nur - und das ist wohl mit ein Grund, warum immer mehr Leute sich hier aus diesem Strang zurückziehen. Jedenfalls passt er nicht zur Diskussionskultur dieses Forums.Wärest Du schon länger dabei, wüsstest Du das.
    Wie der Zwinger ursprünglich aussah, weiß ich übrigens recht gut, ich kenne das Bildmaterial. Und Kalkweiß ist für mich auch eine Farbe (von Vielfarbigkeit habe ich nicht gesprochen).
    Aber ich werde nun künftig so handhaben: ich schreibe hier, was ich für mitteilenswert halte und wovon ich glaube, dass es andere interessiert, auch wenn manche Lokalpatrioten es als Blasphemie ansehen, dass sich auch Nicht-Dresdner über Dresdner Architektur zu äußern wagen. Zugleich ich erlaube mir, von jetzt an gewisse Posts generös zu übergehen.

  • Die Zwingerfarbe: Entscheidend ist für uns die Monochromie. Das Regimentshaus ist eben auch monochrom gefasst. Es hat ja einen Farbanstrich.

  • Lieber Seinsheim,


    Ich nehme an, Du nimmst generös zur Kenntnis, dass auch ich weiterhin aus meiner Sicht Mitteilenswertes und ggf. auch Korrekturen zu Deiner Sichtweise - wo sie mir angebracht erscheinen - abgebe. :-)

    In diesem Sinne. Auf weiterhin gute Zusammenarbeit.
    Deine "noble Zurückhaltung" mir gegenüber weiß ich einzuordnen.



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    So. Zurück zum Thema, damit man es nochmals klar benennt:
    Am Jüdenhof sind alle Bürgerlichen Fassaden farbig abgesetzt gefasst und diese kleinteiligen, bunten Fassaden unterstreichen und rahmen das Regimentshaus als höfisches Gebäude mit möglichst großer Dominanz und vereinheitlichter Fassaden-Wirkung.
    Dies dürften in etwa die historisch begründeten Annahmen der Denkmalpflege in Dresden sein.


    Es ist natürlich unbenommen, sich mehr Farbe an der Fassade zu wünschen und sie somit in den Reigen der anderen Rekonstruktionen stärker einzubinden und mit diesen "gemein zu machen".




    der Vergleich zwischen sächsischem Barock und dem französischen Classicisme des 17. Jahrhunderts (Versailles) trägt nicht. In Frankreich ist die Monochromie dem Ideal der Steinsichtigkeit geschuldet....

    Genau dieser Bezug auf französische Vorbilder hat in Dresden mit Longuelune Einzug gehalten und wurde an höfischen Bauten umgesetzt. Im Oberbauamt gab es Wettbewerb zwischen dem süddeutsch-hochbarock-bunten Pöppelmann und den "Franzosen". Am Ende der Regierungszeit Fr. Aug. I setzten sich letztere als "Modernisten" durch.
    Pöppelmann baute von da an kaum noch in Eigenverantwortung ohne Korrektur durch die modernen Architekten.
    ( An der Baugeschichte des Japanischen Palais hat Dr. Stefan Herzig und Kolleg*innen das sehr schön darstellen und nachweisen können.)
    Bürgerliches Bauen in Dresden blieb damals aber noch lang dem lebensfroh-süddeutschen Stil Pöppelmanns verhaftet.

    Edited 2 times, last by eryngium: Bitte Sticheleien zu unterlassen. ().

  • @eryngium, was du oberhalb der gestrichelten Linie geschrieben hast, hilft uns nicht weiter. Damit erreichst du nichts. Der Teil unter der gestrichelten Linie ist super. Vielleicht löschst du das oberhalb der Linie einfach, damit wir in der Sache vorankommen. Tue es einfach, bevor dich wieder ein Moderator ausbremst! Ist besser so. Wir müssen uns auf die Sache konzentrieren! Denk an das, was dir wirklich wichtig ist! Das sind nicht die Scharmützel mit Seinsheim. Deine tollen Inhalte werden von anderen Foristen sonst übersehen. Also, bis zur gestrichelten Linie löschen und für den Rest kriegst du einen Orden, so klasse ist der! Und wenn nur dieser Inhalt dasteht, werden sich die Mitforisten auch damit befassen. Und darum geht es doch.

  • Jüdenhof


    Nachmittaglicher Blick auf den Jüdenhof, bevor bald die ganzen Außensitzplätze den Platz wieder einnehmen.


    Wenn nicht anders angegeben, sind alle Bilder von mir.

  • @Chris1988, das ist eine wundervolle Aufnahme, Gegenlicht ist immer etwas schwierig... :thumbup:
    Hier mal die Gegenrichtung von gestern Nachmittag:


    20190406_132814


    20190406_133131


    Blick ins Innere des Regimentshauses, es "riecht" nach Gastronomie... cheers:)
    20190406_133213


    Beim Chiapponischen Haus hat der Erker wohl seine endgültige Fassung gefunden.
    20190405_153639

  • Unter dem Regimentshaus war noch etwas alter Keller geblieben oder?

    Wenn nicht anders angegeben, sind alle Bilder von mir.

  • Ich hätte noch eine Frage zur Monochromie, die hier als so absolut gesetzt wird. Die kalkweiße Monochromie des Zwingers kann als eine Imitation von Porzellan verstanden werden - bekanntlich sind in der Architektur derartige Imitationen nichts Ungewöhnliches: die Hochgotik imitiert ziseliertes Metall, die Spätgotik geschnitztes Holz oder Pflanzen, die Renaissance eisenbeschlagene Möbel, der Spätbarock und das Rokoko eben Porzellan.
    Aber wie verhält es sich mit Bauten des Neumarkts, die offensichtlich kein Porzellan imitieren oder, wie das Johanneum im 19. Jh. umgebaut wurden? Die Knöffelbauten würde ich hier übrigens nicht als Beispiel heranziehen, weil sie durch ein aus Frankreich kommendes klassizistisches Stilideal inspiriert wurden. Warum also ist das Dinglingerhaus nicht monochrom wiederaufgebaut worden. Warum nicht das Taschenbergpalais, das Koselpalais und die meisten anderen Bürgerhäuser?

  • Taschenbergpalais; komplizierte Baugeschichte:
    aus meiner Sicht eine "geschmäcklerische" Reko, was die Farbigkeit angeht.


    Der Mittelbaukörper des Palais wurde als erster Bauabschnitt in hochbarocken Formen von Pöppelmann errichtet. Die Farbigkeit ist hier sehr bunt gewählt und (evtl. ? *) im Zustand der Entstehung dieses Fassadenabschnitts* rekonstruiert.
    (Im Detail: gebaut wurde der Pöppelmannsche Mittelteil in 3 Etappen von 1705 bis 1720 als "Türckisches Palais". Zur stilistischen und "gesellschaftspolitischen" Einordnung: im Anschluss 1720 bis 24 entstanden Wasser- und Bergpalais in Pillnitz mit den chinoasen bunten Bemalungen als wohl letzte antiklassische Gebäude des Hofes, wenn ich das richtig überblicke.)
    Spätere Erweiterungen des Taschenberg-Palais als Thronfolger-Residenz, die in zahlreichen Schritten dazu kamen, waren dann von Knöffel und seinem klassischen "Lisenen-Stil" beeinflusst. Ehrenhöfe rechts und später links sowie Innenhof. (Bauherrschaft August III, vergleiche Hubertusburg.)


    Man kann davon ausgehen, dass mit den "klassischen" Erweiterungen des "Pöppelmannschen Kerns" die Farbigkeit an diesem reduziert wurde, nämlich so wie sich heute NUR die seitlichen Ehrenhöfe und der Innenhof zeigen.


    Ich persönlich hätte mir am Taschenbergpalais weniger Farbe im Mittelbau gewünscht, im Sinne der Einheitlichkeit der gesamten Bauflucht. Aber als Reminiszenz an den großen Meister Pöppelmann und als Betonung der Baugeschichte* ist es eben nun so gefasst, wie es in seiner Gesamtheit wohl nie war. Auch schön.


    * der Mittelbau wurde 1705 aus 3 Bürgerhäusern (breiter Mitterisalit, linker Seitenrisalit und zwischenliegende Rücklage) und 1 oder 2 weiteren Parzellen (rechts vom Mittelrisalit Richtung Zwinger) auf denen die Bestandsgebäude von links einfach nach rechts "gespiegelt" wurden, "geboren". (Am linken Seitenrisalit kann man durch seine abgeknickte Bauflucht die Verwendung alter Substanz gut erkennen. Man hatte gerade den Nordischen Krieg verloren und musste sparen... )
    Die rekonstruierte sehr bunte Farbigkeit der Taschenberg-Mittelkörpers betont diese unterschiedlichen Ursprungs-Bauglieder des Mittelbaus besonders (Mittelrisalit Aprikot, Rücklagen grau, Seitenrisalite gelblich.)
    Ob an den Ruinen diese (ursprüngliche) Farbigkeit der Fassade festgestellt werden konnte?
    Oder soll die sehr abwechslungsreiche Farbgebung zur Darstellung der Komplexität der Baugeschichte bewusst "museumspädagogische" Aspekte bedienen?
    Wer weiß mehr?


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    Pöppelmann wurde nach dem Zwinger für eigenständige GEBÄUDE-Bauaufgaben im Auftrag des Hofes weniger herangezogen, weil man - beeinflusst von Frankreichs Klassik - seinen Stil am HOF als unmodern empfand.
    Pöppelmann baute dann eben Brücken (wie die Grimmaer oder die Dresdener) oder Innenräume. Er wurde von seinem Dienstherren weiter verwendet, aber gestalterisch von klassischen Einflüssen und anderen Baumeistern verdrängt.
    (Z.B. Japan. Palais von Architekten Matthäus Daniel Pöppelmann, Zacharias Longuelune und Jean de Bodt. Man arbeitete im Oberlandbauamt in "Planungsgemeinschaft und Wettbewerb".)
    Vermutlich hat er auch weitere Bürgerhäuser errichtet, wie er ja auch schon irgendwann zwischen 1710 und 1716 das "Dinglingerhaus" für einen Herrn Thäme errichtet hatte. (Dinglinger kaufte es 1716.)



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    Der Stil Pöppelmanns war bei den BÜRGERN noch lange beliebt, für die strengen neuen Schöpfungen (Kurländer Palais etc.) des Hofes zeigten sie weniger Verständnis. Baumeister wie Bähr, Hase, Locke usw. usw. bauten die Bürgerhäuser weiter im Geiste Pöppelmanns, also " traditionell" bunt und eben anders, als es der Hof ab Mitte der 1720-er tat.


    Nebenschauplatz Frauenkirche zur Erläuterung: Am Außenbau hat sich eine "Arbeitsgruppe" von Architekten des Hofes mit dem Entwurf Bärs so lange beschäftigt, bis er "klassisch genug" war.
    Innen hat man aber den bürgerlichen Zeitgeschmack nicht beeinflusst. Ich denke die Unterschiede zwischen Innen- und Außenwirkung der Kirche sind evident.


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    Coselpalais ist erst um 1763 aus zwei Bürgerhaus-Ruinen des 7-Jährugen Krieges entstanden. Hier hat man den Dresdener "klassizistischen" Rococco-Stil mit dezenter Farbigkeit aber eben auch Differenzierungen des Stuck.


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    Zwischen 1730 und 1756 gab es bei Hofe in der Farbigkeit stärkere Zurückhaltung. Natürlich ist nicht immer ein kompletter Verzicht auf farbige Akzentuierungen zu sehen, aber zwischen z.B. Taschenberg-Palais Mittelfront oder dem Pillnitz-Nukleus einerseits und beispielsweise Hubertusburg andererseits liegen ja wirklich Welten.


    Ein Freund sagte mal, der Dresdener klassische Barock der höfischen Bauten um 1730 gefiele ihm nicht richtig.
    Beispielsweise das Japanische Palais käme ihm so nüchtern vor, dass es wie eine wilhelminisch-neobarockes Gebäude erscheint.
    Ist das nun gut oder schlecht? Ist das Gebäude "reif", seiner Zeit "weit voraus" oder "langweilig"?
    Das liegt immer im Auge des Betrachters. In jedem Fall ist es für ihn deutlich anders, als er sich Barock "eigentlich" vorstellt.


    (In jedem Fall ist das Jap. Palais in der Architekturgeschichte deutlich unterbelichtet. Zum Glück nimmt sich Dr. Hertzig diesem Thema jetzt im Rahmen einer Monographie an. Er spricht beim Jap. Palais von einem "kaiserlichen" Schloss. Bedenkt man, dass August sich tatsächlich Hoffnungen auf die Kaiserwürde für die Wettiner machte und betrachtet man dessen Elbfront, dann wird klar, was Hertzig meint.
    Das Jap. Palais orientiert sich in strenge und Steinsichtigkeit an Versailles und französischer Klassik.)


    Sicher scheint mir zu sein, dass die Wirkung bsplsw. des Jap. Palais in seiner schlichten Nobles und Größe auf Abstand und Andersartigkeit zu den farbigen kleinteiligen Bürgerhäusern der Neuen Königstadt "berechnet" wurde. (Deswegen muss die auch wieder her! Damit die majestätische und gravitätische Wirkung des Jap. Palais unterstrichen wird und dessen Größe wieder zur Geltung und Wahrnehmung kommt.


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    Das Regimentshaus
    Was man am Jap. Palais exemplarisch und offensichtlich zeigen kann, ist am Regimentshaus ebenfalls bei der Rekonstruktion "gemeint" .
    Das Gebäude war bauhistorisch kein Bau aus einem Guss, sondern in vielen Umbauten entstanden. Aus zwei älteren Vorgängerbauten wurde es 1710 wohl unter Beteiligung Pöppelmanns (Portale) geformt und 1729 in seiner heutigen Form umgebaut. Herr Dr. Hertzig hat das in seinen Büchern schön beleuchtet.
    Löffler vermutete aufgrund Analogien Naumann (Hauptwerk Hubertusburg erste Fassung) als Architekt. Hertzig stellt das in Frage. Mir scheint eine Zusammenarbeit des ZEITGLEICH am Jap. Palais tätigen "Planungsteams" (s.o.) in Zusammenarbeit mit Naumann - (als Architekt für überwiegend Militärisches) aufgrund der "Militärisch-Höfisch-Staatlichen" Bauaufgabe möglich bis wahrscheinlich, ich kann diese These aber nicht beweisen.


    Nutzungsgeschichte im Augustäischen Zeitalter:
    - Das Gebäude war bis 1719 Wohnort des Dresdener Gouverneurs.
    - 1720 bis 1729 beherbergte das Regimentshaus einen Teil der königlichen Kunstsammlung,
    - wurde dann vom Ex-Mann der Cosel (später Gouverneur von Dresden) bewohnt und
    - nach dessen Ableben von J. Chr. v. Hennicke (Geheimer Rat von August III und Vizekammerpräsident sowie "rechte Hand" Brühls).


    Rekonstruiert wurde die bis 1945 (ohne Belvedere) erhaltene Architekturfassung von 1729. (Ich finde das Belvedere übrigens sehr passend und wichtig, um durch dieses in der "Dreiheit" dieser Platzfront die Mitte zu betonen, statt das Gewicht auf den Eckbau (Ellimeyer) zu verlagern.)


    Offensichtlich hat man sich heute - bei der Entscheidung zur Farbigkeit - an dieser Stelle für die "gravitätische" Wirkung eines höfischen Gebäudes innerhalb der Bürgerstadt entschieden; also im GEGENSATZ zu den Bürgerhäusern ringsum und im Dialog mit dem Johanneum gegenüber. (Der von Seinsheim vermutete Dialog zwischen Dinglinger-Haus und Regimentshaus ist hingegen bei näherer Betrachtung der historischen Zusammenhänge nicht gegeben.)


    Man bezieht sich in der Reko der Farbigkeit auf eine Zeit, in der die Kunstsammlungen August des Starken aus dem Regimentshaus gerade wieder ausgezogen waren, aber sein höfischer Charakter ungebrochen war.
    Der architektonische Bezug zum Japanischen Palais und seiner Steinsichtigkeit ist bei dieser Reko-Entscheidung klar.


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    Das gegenüberliegende Johanneum wurde mit der Englischen Treppe und dem Umbau unter August dem Starken 1730-31 vom altmodischen Renaissance-Bau zum französisch-klassischen Gebäude und beherbergte dann Stall (unten) und königliche Gäste (oben). Später wurde es zur Gemäldegalerie August III, wie wir sie von den Bildern Canalettos kennen.
    (Dass es Ende des 19. Jhds. in seiner Fassade nachteilig (?) verändert wurde, mag man bedauern. Zumindest seine zurückhaltende Farbigkeit ist weiterhin "klassisch" und korrespondiert mit dem Regimentshaus.)


    Ich denke der stadtgestalterische Kontext mit
    - einem Königlichen Gästehaus sowie Sammlungsgebäude / Gouverneurs-Sitz einerseits und
    - Bürgerhäusern andererseits
    am Jüdenhof ist evident? Ich kann die Entscheidung der Denkmalpfleger so nachvollziehen.


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    Insgesamt muss man wohl konstatieren, dass die Geschichte der höfischen barocken Bauten in Dresden oft vielgestaltiger ist, als man zunächst meint. Konkrete Entscheidungen zur Farbigkeit sind mit dieser Geschichte verknüpft und immer dem konkreten Einzelfall geschuldet. Es wurde extra eine zusätzliche temporäre Planstelle im Landesamt f. Denkmalpflege für die Farben am Neumarkt geschaffen, um der Komplexität der Aufgabe gerecht zu werden!


    Natürlich kann man hier im Forum erörtern, ob eine spätere Fassung, mit farbigen Akzentuierungen (z.B. Regimentshaus - Fotos um 1900 ff, als es dann Hotel war) dem einen oder anderen Diskutant "schöner" und "passender" erscheint. Das finde ich gut und wertvoll, weil Leser und Schreiber sich mit Geschichte sowie Wirkung von Farbe und Form beschäftigen. So wird eine in unserer Zeit scheinbar immer mehr aussterbende schöngeistige Bildung gepflegt.
    Dafür ist vielen Diskutanten, wie z.B. Seinsheim zu danken.


    Auch geht es nicht darum, jemanden von einem anderen "Geschmack" zu überzeugen. Ich würde mir aber wünschen, dass man hier öfter "fragt" und sich über Diskussionen verschiedene Sichtweisen und Denkansätze der Ausführenden eröffnen lässt.
    Nicht diskutabel ist für mich hingegen, dass Künstlern, Denkmalpflegern, Architekten und Restauratoren ohne fundiertes Wissen zu den Zusammenhängen - mehr oder weniger direkt - Unfähigkeit unterstellt wird, weil der "persönliche Geschmack" von Diskutanten nicht getroffen wurde.
    Man gibt hier in Dresden wirklich sein bestes und kämpft am Neumarkt und den Staatsbauten um jede Nuance.

  • Ich möchte noch - unabhängig von akademischem Diskurs und historischer Begründung - meine persönliche Meinung zu den Fassaden-Farben am Jüdenhof kundtun.
    Wenn ich am Türckenbrunnen stehe und von Ellimeyer bis Johanneum ins Rund schaue, finde ich die feinen Farbabstimmungen und vor allem Benachbarungen und Farbwechsel im Rhythmus aus gelb, rot und grau sehr gekonnt gewählt.
    Die verschiedenen Pastelltöne von Ocken, Gelb und graubraunrosa (heißt das jetzt vielleicht hell-mauve? ?( ) finde ich wirklich bezaubernd. Für mich immer wieder ganz großes Kino im Sinne einer SCHÖNEN Stadt.