Potsdams historische Mitte - Allgemeines und Stadtpolitik

  • Hallo zusammen,


    gestern tagte mal wieder der "Gestaltungsrat", der sich immer mehr zur Absegnungsorganisation von neuen städtebaulichen Verunstaltungen mausert. So wurde gestern das wieder vorgelegte Projekt des Wiederaufbaus der in den 80er Jahren abgerissenen Holländer-Häuser neben der Französischen Kirche vorgelegt. Nachdem es beim erstem Mal beim Gestaltungsrat durchgefallen war. Zitat Märkische Volksstimme, sorry Allgemeine: "Zu kleinteilig, zu verspielt, fünf verschiedene Architekturstile, lautete die Kritik. Bauherr und Architekt müssten „fast auf null zurück“."
    So, nun soll also noch das Staffelgeschoß vom Würfel entfernt werden... Dann ist es der große Wurf: ein einfacher Würfel. Schafft meine vier-jährige Tochter auch als Gebäude zu entwerfen. Nochmal aus der gleichen Zeitung: "Die Rückseite zum Klinikum hin sei aber nach wie vor zu unruhig, dafür sei nun der Innenhof besser aufgebaut, Architekt Hans-Herbert Knopf habe „einen Raum entstehen lassen“. Von einem Staffelgeschoss auf einem modernen Kubus an der Rückseite oder dessen Position auf einem Sockel riet der Rat dennoch nachdrücklich ab."
    In der PNN liest man dann noch, was sonst noch alles vom "Gestaltungsrat" an Moderne abgesegnet wurde: eine "Villa" in der Villengegend Berliner Straße, die ebenfalls aus wunderbaren Würfeln übereinander gewürfelt wurde. Weiterhin Würfel im Weltkulturerbe der 2. Barocken Stadterweiterung und mal nicht Würfel sondern miteinander verbundene !Quader! auf dem Areal des vor 2 Jahren abgerissenen ehemaligen Hans-Otto-Theaters, welches zuvor bereits ein altes Tanz- und Ausflugslokal "Zum Alten Fritz" war (bereits 1847! umgebaut, März 2010 abgerissen). Aus der Abrissphase habe ich hier noch einige Fotos geschossen, die den letzten Zustand, mit noch nicht einmal ausgeräumter Bühnentechnik zeigt.



    Das Vordergebäude wird wohl stehen bleiben. Wenn man nach den groben Modellen aus der Zeitung auf vorhandene Baustrukturen schließt. Was nicht heißt, dass deren Innenleben, welches sehr viele Überraschungen vor hält, ebenfalls erhalten bleibt:




    Eine Tür, die nur zu öffnen ist, wenn man zuvor die Holzabdeckung entfernt, die eine Treppe frei gibt.



    Der Weg in das Untergeschoß.



    Rückseite des Vorderbaus. Die riesen Freifläche war ursprünglich mit 3-geschossigen Hofbauten überbaut, die nur einen schmalen Durchweg zum eigentlichen Theatersaal frei ließen. Heute findet sich hier eine riesige Brache, auf der zukünftig quer gelegte Gebäuderiegel stehen sollen. Die räumliche Tiefe, die die ursprünglichen Baumeister schufen, und direkt vom Park Sanssouci einzusehen ist, ist sodann aufgehoben. Die großen Gebäude, die damals hier standen, standen mit dem Giebel zum Park. Nun gibt es also 100-Meter Riegel mit Flachdach. Welch grandiose Entwicklung.



    Der Seitenflügel ist bereits abgerissen. Auch die ehemalige Spielstätte des Hans-Otto-Theaters existiert nicht mehr.











    Der Zuschauerraum war mit blau angestrichen und hatte gelbe oder goldene Sterne.



    Die Bühne.



    Blick auf das Vorderhaus.



    Und hier nicht das Hans-Otto-Theater, sondern der sogenannte "Schirrhof", das Gebäude ist zugehörig zum Weltkulturerbe des Parks Sanssouci. Im Schirrhof wurden zu Königs Zeiten die Pferde angeschirrt. Heute dient der der Schlösserverwaltung. Auch dieses Gebäude wird immer mal wieder von der Parkverwaltung als Abrisskandidat gehandelt.




    Grüße aus der Moderne(n) Stadt Potsdam, Hauptstadt der kleinen DDR
    Luftpost

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  • Der Vorderbau des Theaters bleibt aber erhalten? Was ist mit ihm geplant? Oder wurde er auch abgerissen?


    Für die Erhaltung dieses "Schirrhofes" sollte man sich einsetzen. Ist doch ein schmuckes stattliches Gebäude, das sich auch sicher zu einem sehr beliebten Wohnhaus umbauen lassen sollte.

  • Hallo zusammen,


    nachfolgend der komplette Artikel von Prof. Ludgar Brands, Architekturprofessor in Potsdam. Er erhebt auf fest jeder Veranstaltung zu Potsdam und seiner historischen Bebauung, mahnend sein Wort. Dabei ist er kein Verfechter einer absoluten Rekonstruierung sondern steht für einen ehr überwiegenden Anteil an Neu- und Modern-Bebauung, auch an herausragenden und historischen Plätzen. Die Qualitätsänderung gegenüber den Dogmatisten unter den Architekten ist jedoch seine Kernaussage: die kleinteilige Bebauung, die sich an der historischen Parzellierung der Grundstücke orientiert. Wenn zu dieser kleinteiligen Bebauung auch noch die ortstypische, Geschoßanzahl-gleiche, Traufhöhen- und Dachschrägenidentisch kommt, bin ich auch mit moderner Fassung von Bauten einverstanden.


    Hier nun dieser herausragende Aufruf, der nicht nur Potsdam betrifft, sondern in seiner Kernaussage so allgemeingültig ist, dass er eigentlich auch in den Bereich "Architektur Allgemein" als Leitartikel gehört.


    Ich bitte, das Komplett-Zitat stehen zu lassen, denn aufgrund der häufig verschwindenden Artikel in den Potsdamer Zeitungen sollte dieses Dokument dauerhaft gesichert werden. Zudem sind alle Absätze in sich so wichtig, dass ein sinnhaftes Kürzen auf wesentliche Kernaussagen die Gesamtzusammenhänge zwar beleuchten würde, doch ist dieser Artikel in Gänze geeignet, als Argumentationshilfe gegen Modernisten- und DDR-Architekturverfechter zu dienen.


    Daher hier auch meine architektonischen Grüße aus der Hauptstadt der kleinen DDR,
    Luftpost
    Um nicht meinen Namen hinter dieses herausragende Essay zu setzen und mich damit mit fremden Federn zu schmücken.



    Zitat aus der PNN vom 28.02.2012:


    "DDR-Architektur
    Kontinuität statt Brüche
    von Ludger Brands


    Gegen das Moderne-Dogma: Ein Zusammenspiel aus Bewahrung, Interpretation, Imitation und Innovation soll Garant sein für ein lebenswertes Potsdam – dazu ein ideologiefreier Diskurs statt Ostmoderne-Sentimentalität und kritiklosem Erhalt von DDR-Architektur


    Zurzeit wird wieder intensiver über den Umgang mit dem städtebaulichen und architektonischen Erbe der DDR-Architektur debattiert. Meinen Überlegungen dazu möchte ich voranstellen, dass es hier weniger um die DDR-Architektur im Besonderen sondern vielmehr im allgemeineren Sinne um die kritische Betrachtung der Nachkriegsmoderne in Deutschland und darüber hinaus geht. Das lässt sich unter anderem auch am Beispiel Potsdams untersuchen.
    Es lassen sich zwar unterschiedliche Ausprägungen im west- und ostdeutschen Städtebau feststellen, allein schon unter eigentumsrechtlicher und politisch-systemischer Betrachtung, aber in einem ganz wesentlichen Aspekt der stadträumlichen Arrondierung von Architektur gibt es eine grundsätzliche Übereinstimmung. Zunächst mit Beginn der sogenannten Moderne im frühen 20. Jahrhundert und dann verstärkt im Anschluss an die Zerstörung wertvoller Architektur im Zweiten Weltkrieg wurden in Europa die in einem Zeitraum von über 1000 Jahren gewachsenen und entwickelten Stadtstrukturen zum Teil radikal infrage gestellt. Diese traditionellen Strukturen zeichneten sich im Wesentlichen aus durch das fundamentale Bekenntnis zur verdichteten Innenstadt und den Bezug vom Haus, von Häuserensembles und von den Monumenten der Stadt zum öffentlichen Straßenraum und zu den Plätzen der Städte. Straßenbegleitende Blockrandbebauungen bildeten dabei den städtebaulichen Rahmen für eine Differenzierung eines Blocks oder einer Straßenzeile in individuelle, auf dem Prinzip der Parzellenteilung basierende eigentumsrechtliche Grundstücksorganisationen.
    Eine klare Adressierung der Häuser zum öffentlichen Raum war ebenfalls, unabhängig von den über Jahrtausende sich abwechselnden Stilepochen der Baukunst, ein elementares Grundprinzip. Die lebendige abwechslungsreiche Innenstadt zeichnete sich im Wesentlichen durch das Modell der Vielfalt in der Einheit aus. Neben der Adressierung ist ein weiterer wichtiger Aspekt im Verhältnis von städtischem Haus zum öffentlichen Raum zu nennen, nämlich die Nutzungsmischung und die damit verbundene Bespiegelung der Erdgeschosszonen. Nicht die hermetische Abkopplung vom öffentlichen Raum, sondern gerade die Transparenz und Offenheit im Sinne differenzierter Nutzungen sind ein wesentliches Qualitätsmerkmal, das lebendige Straßen- und Platzräume erzeugt.


    ZERSTÖRUNG DURCH PLANUNG
    Die in der Nachkriegsmoderne über alle Maßen strapazierten Begriffe des Widerspruchs oder der sogenannten Brüche im Stadtraum belegen in ihrer dogmatischen Umsetzung die aus heutiger Sicht zu reklamierende Zerstörung und das Auseinanderbrechen unserer Städte, eine Zerstörung nicht durch Krieg, sondern Zerstörung durch Planung.
    Denn es ist unbestritten, dass nicht der Stadtgrundriss, sondern nur ein Teil seiner Architektur im Krieg zerstört wurde. Es entsprach nicht mehr dem Geschichts- und Selbstverständnis der modernen Architekten, historische Kontinuität zum Leitbild von Städtebau und Architektur zu erheben und mit dieser Weiterentwicklung von Geschichte den kommenden Generationen ein Bild der sich verändernden Städte unter Bewahrung und Ergänzung des Vorhandenen weiterzugeben. Stattdessen wurde der radikale Bruch mit der Geschichte bis hin zur Auslöschung ganzer Quartiere Leitbild des Handelns.
    Weitestgehend herrscht heute immer noch das Moderne-Dogma der durch Nachkriegsarchitektur geprägten, aber gescheiterten Aufbaumodelle unserer Städte vor, die sich heute in einer Art Ostmoderne-Sentimentalität und dem kritiklosen und grundsätzlichen Erhalt von sogenannter DDR-Architektur widerspiegeln. Das betrifft sowohl die praktische Architektentätigkeit als auch die Lehre in den meisten deutschen Hochschulen. Dieser Städtebau wird deshalb für herausragend bewertet, weil er die Moderne an sich repräsentiert, unabhängig von seiner tatsächlichen räumlichen und architektonischen Qualität und seinem Beitrag zu einem erlebbaren, lebendigen und funktionierenden Stadtquartier. Das ist aber eine rein zeitliche und nicht qualitative Betrachtung. Die heute vordergründige und moralisierende Verklärung der Nachkriegsarchitektur verblendet den Blick auf die fortschreitende Abnutzung ehemaliger Utopien einer offenen Stadt, die sich nur über das Licht-Luft-Sonne-Prinzip einerseits und den Gedanken einer Ablösung der „Herrschaftsarchitektur“ durch „demokratische Architektur“ zu legitimieren glaubte.
    Unbesehen der aktuell wahrnehmbaren Wirklichkeit und der historischen Entwicklung Potsdams, die nicht erst 1945 begonnen hat, sondern über Jahrhunderte gewachsen ist, nach einem Weltkrieg und der danach erst einsetzenden rigorosen Architekturvernichtung unvorstellbaren Ausmaßes im sogenannten Wiederaufbau, der real kein Wiederaufbau war, sondern kompletter Neubau, basierend auf einem völlig veränderten Verständnis von Stadt, wird seit geraumer Zeit zunehmend an diesen fragwürdigen Prinzipien festgehalten.
    Frei nach einer Bemerkung von Martin Mosebach im FAZ.net vom 28.06.2010 „Und wir nennen diesen Schrott auch noch schön“, würde ich die vorhandenen Bebauungen Am Alten Markt in Potsdam, den Staudenhof und die Fachhochschule, so beschreiben: Was ist all das in Beton gegossene Millimeterpapier einer bauwütigen Epoche der 60er und 70er Jahre gegen die Schönheit der verschwindenden und größtenteils verschwundenen europäischen Stadt? Ein städtebauliches Entwicklungsprinzip, dem vorrangig die optimierten Wenderadien und Positionen der Baukräne zugrunde lagen, muss daher hinsichtlich seiner kompositorischen und baukünstlerischen Qualitäten infrage gestellt werden dürfen.
    Die von einer großen Mehrheit der Architekten seit Beginn der Nachkriegszeit bis heute immer wieder als Invention (lat.: inventio – Einfall, Erfindung) beschriebene Haltung als Ausdruck einer Architektur belegt zusätzlich die Geschichtslosigkeit beziehungsweise die Ablehnung eines Geschichtsbezuges in der eigenen architektonischen Positionierung, insbesondere die Zeit bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts betreffend. Wo Rekonstruktion oder Interpretation von Baugeschichte als Lüge und Betrug an der Gegenwart oder sogar als unschöpferischer Prozess erklärt werden, wird ein wesentlicher Aspekt aus dem Blickfeld gerückt: dass Entwicklung ein Zusammenspiel von Bewahrung, Interpretation, Imitation und Innovation ist und nicht nur Innovation oder sogar Invention bedeutet.


    DAS QUARTIER AM ALTEN MARKT
    Genauer betrachtet, gerade vor dem Hintergrund aktueller Tendenzen, das bisher Erreichte und Beschlossene zur Reaktivierung des historischen Stadtgrundrisses in Potsdam wieder in Frage zustellen, müssen wir uns der weiteren Entwicklung der die Nikolaikirche umgebenden Quartiere, also der drei Altstadtblöcke dieser Stadt, inhaltlich genauer zuwenden. Was ist eine authentische Bebauung der Potsdamer Mitte, die den geographischen Ort der ehemaligen Altstadt, also des historischen Zentrums, beschreibt? Es geht um die Blöcke „Am Steubenplatz“, „Am Platz der Einheit“ – mit einer jetzt deutlich wahrnehmbar fragwürdigen Integration der Stadt- und Landesbibliothek – und „Karree Neuer Staudenhof“, zurzeit noch „Staudenhof“.
    Für die Entwicklung dieser drei Blöcke um den Alten Markt ist eine inhaltliche Zuspitzung der Debatte im Sinne einer maximal erreichbaren stadträumlichen Qualität im Ganzen und einer architektonischen Qualität im Einzelnen daher nur wünschenswert und die Beantwortung der Frage „Was ist ein städtisches Haus?“ nach wie vor offen. Kann ein für diesen Ort maßstablos wirkender Solitär Staudenhof den Typus des städtischen Hauses überhaupt repräsentieren? Wie viele Solitäre verträgt ein größtenteils auf Kleinmaßstäblichkeit orientierter Umbau des Quartiers Am Alten Markt?
    Die Umwandlung in ein Neues Quartier mit integriertem Leitbautenkonzept ist im September 2010 von den Potsdamer Stadtverordneten beschlossen worden, um gerade diese Kleinmaßstäblichkeit langfristig zu erreichen. Dieser Beschluss wird zur Zeit aufgeweicht. Außerdem sind mit der Nikolaikirche und dem Stadtschloss zwei bedeutende Monumente und Solitäre im künftigen Zentrum gesetzt, die meines Erachtens keinen weiteren Solitäre in unmittelbarer Umgebung vertragen.
    Neben der Neubebauung dieser drei Blöcke stellt sich also zunächst die Frage nach der Legitimation von Abrissen des Staudenhofs und des ehemaligen Hauses der Lehrerbildung (zur Zeit FH Potsdam). Diese Gebäude sind seinerzeit als Ensemble von Solitären errichtet worden, wurden aber bewusst in Maßstab, Proportion und Geschossigkeit gegen den nach dem Krieg noch ablesbaren historischen Stadtgrundriss errichtet, wodurch ein qualitativ hochwertiger und lebendiger öffentlicher Raum auf dem Terrain der ehemaligen Altstadt nicht generiert werden konnte, auch schon aus Gründen der künstlich geschaffenen topographischen Unterschiede zwischen Platz der Einheit und Altem Markt von nahezu einem Vollgeschoss.
    Dazu tragen die Gebäude in ihrer Monofunktionalität und der fehlenden Nutzungsdifferenzierung nicht zu einem lebendigen Innenstadtquartier bei und geben der Nikolaikirche nicht die unabdingbar erforderliche stadträumliche Fassung, wie dieses die Vorgängerbebauung tat. Dieser vorhandene öffentliche Raum ist nicht deshalb als hochwertig anzusehen, weil man ihm eine Art erfolgreichen modernen Städtebau der Nachkriegszeit andichtet oder die Frage auf die erbrachten Planungs- und Bauleistungen einer Aufbaugeneration reduziert. Auch ist die in Potsdam häufig vorgetragene Argumentation, dass die Errichtung von Gebäuden und der damit verbundene materielle Aufwand und die eingebrachte menschliche Arbeitsleistung bei der Errichtung der Gebäude schon einen Wert an sich darstellt und deshalb deren Abriss verwerflich sei, vordergründig moralisierend.
    Niemand möchte hier menschliche Leistungen schmälern, jedoch die ihnen zugrundeliegenden politischen Entscheidungen und nicht diskursiv entstandenen Konzepte erlauben eine kritische Reflektion. Hier geht es eher um den Anspruch auf die städtebauliche Deutungshoheit und um mangelnde Toleranz gegenüber einem Architekturbegriff, der um die vor die Moderne zurückgreifende geschichtliche Betrachtung erweitert ist.
    In den aktuellen Debatten zur Wiederherstellung beziehungsweise Anlehnung an historische Stadtgrundrisse in Deutschland wird vielfach vordergründig argumentiert, dass gerade ein großer Teil der DDR-Architektur diskussionslos zur Disposition stehe, was keineswegs der Fall ist. Es geht nicht um eine Verurteilung dieser Architektur, weil man ihr gegebenenfalls eine Mittäterschaft an dem vergangenen politischen System attestiert. Auch zahlreiche westdeutsche Metropolen sind durch die Nachkriegsbebauung geschunden, so fasste beispielsweise im Jahr 2008 der Magistrat der Stadt Frankfurt/Main den Beschluss, das im Herzen der Stadt im Jahr 1970 erbaute technische Rathaus – eine Art Betonfestung - abzureißen, um auf dem freiwerdenden Areal die historische Stadttextur baulich zurückzugewinnen. Der Grundstein für die auf dem historischen Stadtgrundriss basierenden Rekonstruktionen aber auch Neubebauungen wurde im Herbst 2011 von der Bürgermeisterin selbst gelegt. Niemand spricht hier vom ausschließlichen Zwang zur Rekonstruktion, sondern einer diskursiven Befassung mit Geschichte der Baukunst.
    Der pauschalisierend vorgetragene angebliche Generalangriff einer scheinbar nur rückwärts gewandten Potsdamer Bürgerschaft auf die Nachkriegsarchitektur der Stadt schließt einen ganz wesentlichen Aspekt der Betrachtung aus. Es geht immer und nur um die individuelle kritische Bestandsaufnahme einer spezifischen Situation, eines einzelnen Hauses, Ensembles oder Quartiers und deren Einordnung in das Ganze – nämlich in den Grundriss und öffentlichen Raum der Stadt. Pauschalverurteilungen sind hier fehl am Platz und würden auch die große Zahl an positiven Aufbaubeispielen diskreditieren. Ein Blick nach Münster, Danzig, Stettin oder Warschau zeigt positive Gegenbeispiele.


    UN VERWECHSELBARES POTSDAM
    Die zuletzt häufiger vorgetragene Behauptung, dass das DDR-Erbe in dieser Auseinandersetzung kaum repräsentiert ist, kann so nicht bestehen. Denken wir an den Erhalt und Umbau der Bibliothek, an den Zwischenbau am Alten Rathaus und anderes mehr.
    Der enorme Fortschritt der laufenden Architektur-Debatten ist doch, dass sie reichhaltiger geworden sind und zum reinen Zwang modern und zeitgenössisch zu bauen, vielfach aber selbstdarstellerisch und modisch zu wirken, der Aspekt der Geschichtsbetrachtung und Geschichtseinbindung hinzugekommen ist.
    Es kommt also genau darauf an, welches Gesicht wir der Stadt Potsdam geben wollen, jenseits kurz gedachter vordergründiger Zwänge, jenseits gerade hilfreicher politischer aber kurzlebiger Zugeständnisse, jenseits rein ökonomischer Interessen, und darauf, verantwortungsvoll zu handeln und kommenden Generationen einen städtischen Raum zu geben, der einmalig für diesen Ort begreifbare auratische Qualitäten formuliert, anstelle von missverständlichen Brüchen, und der – wie die noch vorhandenen über Jahrhunderte gewachsenen Gebäude und Quartiere – architektonische und stadträumliche Qualität repräsentiert, die unverwechselbar, einmalig und identifizierbar ist.
    Der Diskurs zur Stadtarchitektur muss frei von Ideologie, politischen Strategien, Moral und Geschmack sein, sich also nicht an kurzfristig gedachten Strömungen orientieren, sondern auf Langfristigkeit und seine baukünstlerisch visuelle Wirkung und Strahlkraft angelegt sein.
    Potsdam, diese einzigartige Stadt am Wasser, könnte durch die Rehabilitierung des historischen Stadtgrundrisses – in Gänze und nicht partiell – zu jener inhaltlichen wie architektonischen Bedeutung zurückfinden, die ihrer historischen nationalen wie internationalen Ausstrahlung entspricht.
    Der Alte Markt rund um den Obelisken sollte sich mit der Herstellung der ursprünglichen Platzkanten und einer kleinteiligen Bebauung für viele unterschiedliche neue Nutzer und auch Eigentümer zu einem lebendigen, sozialverträglichen Innenstadtquartier entwickeln.
    In das Quartier rund um die Nikolaikirche könnte wieder vielfältiges städtisches Leben für Bewohner und Besucher einziehen. Nach der Errichtung des neuen Landtages im Stadtschloss, der angestrebten architektonisch anspruchsvollen Haveluferbebauung und der stadträumlichen Fassung nicht nur seitlich, sondern auch hinter der Nikolaikirche besteht die Chance, ein unverwechselbares Ensemble von Rang und großer Lebendigkeit entstehen zu lassen. Diese Chance sollte keinesfalls durch kurzfristig gedachtes politisches Kalkül aufs Spiel gesetzt werden.


    Prof. Ludger Brands (Jahrgang 1957) lehrt seit 1993 an der „Potsdam School of Architecture“, von 2006 bis Februar 2012 war er Studiengangsleiter. Brands arbeitet als Architekt in Potsdam.


    Erschienen am 28.02.2012 auf Seite 10"

  • Was ist das rechts? Die W.Staab-Straße?

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Märkische Allgemeine - Vortrag über Potsdams neue Mitte


    Quote

    Eines der drei im Umfeld des Alten Marktes geplanten Wohnquartiere sollte für die Bewohner des heutigen Staudenhofs sozial verträglich entwickelt, der Staudenhof selbst aber abgerissen werden. Dass hat der Architektur-Professor Ludger Brands von der Fachhochschule Potsdam am Sonntag auf einem Vortrag der Reihe „Potsdamer Köpfe“ vorgeschlagen. Er gab zu bedenken, dass die Politik bisher verschwiegen habe, dass eine Sanierung dieser DDR-Hinterlassenschaft „auch nicht für Umsonst“ zu haben sei und die Sanierung des Wohnblocks die dortigen Mieten steigen lassen wird.
    [...]


    Potsdamer Neueste Nachrichten - „Wir wollen nicht ausziehen“


    Quote

    [...]
    Abriss versus Erhalt: Zu einem spannenden Argumente-Austausch zur Zukunft des „Staudenhofes“ am Alten Markt 10 kam es am Dienstagabend im Schaufenster der Fachhochschule. Eingeladen hatten die Bürgerinitiative Mitteschön und die Stadtfraktion Potsdamer Demokraten; gekommen waren zahlreiche Bewohner des 183 Wohnungen bietenden Gebäudes aus DDR-Zeiten, aber auch viele Befürworter einer Wiedergewinnung der Potsdamer Mitte gemäß Leitbautenkonzept. Der Staudenhof wurde quer zum Potsdamer Stadtgrundriss errichtet; seit 1990 gilt jedoch ein Stadtverordnetenbeschluss, der eine behutsame Rückkehr zu den alten Quartieren und Blockrändern vorschreibt.


    Im Jahre 1990, erklärte Linksfraktions-Chef Hans-Jürgen Scharfenberg, hätte kaum ein Stadtverordneter richtig gewusst, was er da beschlossen habe. Mit dieser Bemerkungen sorgte Scharfenberg dafür, dass die Debatte schnell Betriebstemperatur erreichte. So sprach sich Architektur-Professor Ludger Brands gegen „Ostmoderne-Sentimentalitäten“ aus, geißelte die „Zerstörung durch Planung, nicht durch Krieg“ nach 1945 und forderte eine Rückkehr zu einer langfristigen Stadtplanung statt einer Verherrlichung von „Brüchen“ im Stadtbild.
    [...]



    Märkische Allgemeine - Engagierte Debatte über Abriss des Staudenhofs


    Quote

    Statt den umstrittenen Plattenbau am Staudenhof stehen zu lassen und damit „einen Fremdkörper in der wiedererrichteten Potsdamer Mitte“ zu haben, sollte der Eigentümer, die städtische Tochter Pro Potsdam, die Gewinne aus dem Wohnblock zehn Jahre lang zurücklegen und davon sozialverträgliche Wohnungen an dieser Stelle bauen, die ins Stadtbild passen. Mit diesem Vorschlag überraschte Christian Seidel, langjähriger Bauausschuss-Chef und Mitglied der Bürgerinitiative „Mitteschön“, am Dienstagabend auf einer Diskussionsrunde, zu der „Mitteschön“ und die Fraktion der Potsdamer Demokraten in die Fachhochschule eingeladen hatten. Neben Mitteschön-Mitgliedern und Architekturstudenten waren auch viele Mitglieder der Bürgerinitiative für den Erhalt des Plattenbaus in den vollen Veranstaltungssaal gekommen. Im Podium saßen neben Seidel und Andreas Kitschke von Mitteschön auch Architektur-Professor Ludger Brands sowie Linken-Fraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg und Architekt Sebastian Pfrogner, die für den Erhalt des Hauses plädierten.
    [...]
    Die Bewohner der Platte empfinden die Debatte als „Vertreibungsattacke“, daran ließ Rosemarie Preuß, die seit über 40 Jahren in dem Haus wohnt, keinen Zweifel. Die Mieten in der Innenstadt müssten günstig bleiben, der Block solle einfach saniert werden. Andreas Kitschke verwies darauf, dass eine Sanierung im bewohnten Zustand nicht möglich sei, Christian Seidel sagte, man zahle schon jetzt im Schnitt 6,28 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter im Block, nach der Sanierung würden diese Mieten auf das übliche Innenstadtniveau steigen. So gingen die Argumente hin und her.
    [...]
    Nach gut zwei Stunden war alles gesagt und die Debatte driftete ins Grundsätzliche ab, es fielen Begriffe wie „Barockfaschisten“ und „Ostalgiker“. Spätestens da war klar: Pfrogner hat recht, die Argumente sind ausgetauscht. Immerhin waren sich alle einig, dass es gut sei, ins Gespräch gekommen zu sein.

  • Ich Frag mich, was es bei dem Fakt, dass die Mieten durch eine Sanierung zwangsläufig steigen überhaupt noch zu diskutieren gibt. Wie kann man sich der Illusion hingeben, der Staudenhof könnte als Mietparadies der allgemeinen Gentrifizierung der Potsdamer Innenstadt entgehen? (Die absolut notwendig ist nebenbei bemerkt)

  • mein erster Beitrag hier :cool:


    Das denkmalgeschützte Eckgebäude am Nauener Tor gegenüber dem Café Heider wird saniert. Mittlerweile ist es voll eingerüstet und es kommt ein Haufen Lärm von der Baustelle. Hier mal ein Foto wie es sich bisher präsentierte:



    Vor ein paar Tagen sah die Sache dann so aus:



    Ich habe mal ein wenig gegoogelt und habe hier eine alte Ansicht von dem Haus gefunden:



    Ich habe mal einen Bauarbeiter gefragt, was denn da passiert und er erzählte mir daß das Haus wieder aufgestuckt wird. Feine Sache. Man darf gespannt sein. Die Architekten sitzen da auch im Haus, erzählte er. Hoffe die haben da ein wachsames Auge drauf.


    Die beiden Barockhäuser daneben, die man auf dem letzten Bild sehen kann, werden wohl auch zeitnah in Angriff genommen. Der eine Bauarbeiter erzählte so etwas. Heute wurden auch Baustellenzäune aufgestellt und die Haltestelle verlegt. Da geht es also auch los.

  • Quote


    Zu den vier bereits genannten Standorten – Schiffbauergasse, Speicherstadt, Lustgarten und der einstige Blücherplatz hinter dem Alten Rathaus – für die von Softwaremilliardär Hasso Plattner Potsdam versprochene Kunsthalle brachte der Linke-Kreisvorsitzende Sascha Krämer mit der ruinösen Ex-Gaststätte „Minsk“ auf dem Brauhausberg ein fünftes Areal ins Gespräch. „An dieser Stelle könnte spannende Architektur entstehen, das ,Minsk’ in einen neuen Bau integriert werden und eine neue Funktion bekommen“, sagte Krämer, der sich für das ambitionierte Kunsthallenprojekt einen entsprechend hochkarätigen Architekten wie etwa Norman Foster wünscht.


    Als Favorit gilt bereits der Lustgarten, weil sich für die Kunsthalle das ungeliebte Hotel „Mercure“ schleifen ließe. Den Abriss des „Mercurehochhauses“ befürwortet etwa der Potsdamer Architekt Ludger Brands. Mit dem Bau einer „topografisch nicht so dominanten“ Kunsthalle anstelle des Hotels könne der Lustgarten seine Bedeutung als „landschaftsgestalterisches Komplementär“ gegenüber dem Stadtschloss wiedererlangen. Es bestehe „die einmalige Chance, das Gesamtkunstwerk Potsdamer Mitte der Vollendung näher zu bringen“, so Brands.

    Lustgarten Favorit für Kunsthalle
    - Weitere Reaktionen zu Plattner-Idee: Linke-Kreischef bringt „Minsk“ ins Gespräch / Freude bei CDU - Märkische Allgemeine - Nachrichten für das Land Brandenburg

    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.


    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.

  • Hallo zusammen,


    der Baubeigeordnete der Stadt Potsdam hat sich gestern mal wieder einen Alleingang erlaubt. Ganz weit weg von den erst im Mai bestätigten Beschlüssen zur Wiederannäherung an die historische Mitte und auch entgegen der Aussagen seiner Partei (Grüne) zu der zu erreichenden Bebauung zwischen Alter Markt und Platz der Einheit / Wilhelmsplatz. So fordert doch Klipp die Bewohner des Plattenbau-7-Geschossers neben der Bibliothek auf, für den Erhalt dieses Monstrums zu kämpfen. Und bewegt sich damit Mitten im radikal-Linken Milieu. Nachzulesen hier und hier.


    Der gleiche Klipp hatte noch vor einem Jahr ebendiese Wiederannäherung an die historische Mitte nicht nur verkündet, sondern in der Funktion als Baubeigeordneter der Stadt Potsdam aktiv beworben und in diversen Bürgerforen moderiert. So ändern sich Gesinnungen, wenn man mal eben Geschäftsführer der "Pro Potsdam" wird. Und "Pro Potsdam" ist Eigentümerin des besagten Staudenhofes (städtisches Wohnungsbauunternehmen).


    Und wie wurde nun der Baubeigeordnete Klipp zum "Pro Potsdam"-Geschäftsführer? Weil der Bürgermeister Jan Jakobs diesen (und weitere städtische) Posten wegen "Bündelung von zu vielen Befugnissen" abgeben musste. Wurde da der Bock zum Gärtner gemacht? Ein Schelm, der Böses dabei denkt.


    Klippsche Grüße aus der Hauptstadt der kleinen DDR
    Luftpost

  • Neues vom Staudenhof:


    Potsdams Baubeigeordneter Matthias Klipp (Bündnisgrüne) "Ich sehe kein Problem darin, wenn das Haus stehen bleibt, trotz des beschlossenen Leitbautenkonzepts für die Potsdamer Mitte, das einen Abriss vorsieht. Ich werde demnächst ein Konzept für eine sozialverträgliche Sanierung in der Stadtverordnetenversammlung vorstellen." 04.06.12


    Schönheit des Kommunismus - Wählt PDS
    - YouTube

    "Wie schön ist es doch zu leben." Pippi Langstrumpf

  • Das wäre ja einfach nur schrecklich...

    Die Welt muss romantisiert werden! - Novalis

  • Hoffe das Potsdam aber doch am Ende seine historische Mitte wieder bekommt. Die DDR Plattenbauten sollen dann aber doch abgerissen werden müssen. Die Touris warten nur darauf dass die hässliche Blocks endlich verschwinden.........
    .

  • Wenn ich mich richtig erinnere, wurde "KLIPP & KLAR" in Potsdams Zentrum für historische Bürgerhäuser votiert.
    Was ist denn da jetzt schon wieder mal im Gange ?


    Nichts GUTES steht zu vermuten und natürlich undemokratisch am Willen der Bürger vorbei !