Potsdam und seine historische Mitte

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    • Ich hoffe für die Anwohner, dass man sich wenigstens auf die Kurzform Flüggestrasse beschränkt, meinetwegen mit einem kleinen Erklärschild darunter und nicht eine Anna-Flügge-Straße daraus macht.

      Wenn ich mir vorstelle, würde in der Annette-von-Droste-Hülshoff-Straße wohnen, würde ich bei jeder Adressangabe die Krise kriegen.

      Die Kritik an den langen Straßennamen ist aber unabhängig vom Geschlecht und bei den wiedererstehenden Strassennahmen hätte ich es zwar schön gefunden, man hätte, wie in FFM die alten Namen beibehalten, aber schlimm ist dies nicht.
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)
    • Booni wrote:




      Wenn ich mir vorstelle, würde in der Annette-von-Droste-Hülshoff-Straße wohnen, würde ich bei jeder Adressangabe die Krise kriegen.
      Ist zwar jetzt etwas OT, aber das kann ich jetzt doch nicht lassen - Mein Schwiegervater wuchs in der "Walter - von - der Vogelweide- Straße "auf - da macht doch das Anträge ausfüllen erst so richtig Freude :lachentuerkis:

      Aber nun zurück nach Potsdam; mir ist nicht ganz klar, wem diese unsäglichen Straßenumbenennungen wirklich dienlich sein sollen? Zumal ja Kaiserstraße kein wirklich verwerflicher Name ist?
      Mit Ziegelsteinen kann man Fensterscheiben zerstören, mit Glas, Stahl und Beton ganze Städte.
    • Onkel Henry wrote:

      Aber nun zurück nach Potsdam; mir ist nicht ganz klar, wem diese unsäglichen Straßenumbenennungen wirklich dienlich sein sollen? Zumal ja Kaiserstraße kein wirklich verwerflicher Name ist?
      Natürlich nicht, aber wir leben nun einmal in nicht mehr in normalen Zeiten, sondern - wie Dieter Nuhr es formuliert hat - in "hysterischen Zeiten". Überall macht sich eine bigotte hysterische Hypermoral / Politische Korrektheit breit, die natürlich auch um Potsdam keinen Bogen macht. Im Gegenteil. So erklärte sich die Stadt vor wenigen Tagen ganz zeitgeistgerecht mit viel Brimborium zur "weltoffenen Kommune" (war man zuvor das Gegenteil? war Potsdam vorher etwa Dunkeldeutschland?), kann sich aber nicht dazu durchringen, im Lustgarten ein spendenfinanziertes Denkmal des Soldatenkönigs wieder aufstellen zu lassen. Einfach nur bekloppt. :gehtsnoch:
      Ich wundere mich angesichts der täglichen Idiotien in diesem Land eigentlich überhaupt nichts mehr und bin nur noch froh darüber, dass überhaupt noch Rekonstruktionen zustande kommen.
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      Hier wird der Sachverhalt ganz übersichtlich dargestellt: mitteschoen.de/2019/10/27/frau…pruch-auf-ganze-strassen/.

      Es ist darauf hinzuweisen, daß Anna Flügge, die sich neben ihrer politischen Tätigkeit für die SPD nach dem angenommenen Antrag zur Umbennung dadurch anbot, weil sie "einen Seifenladen Alten Markt betrieb" und "einen Kleingartenverein gegründet" hat, von 1946 bis 1968 SED-Mitglied war. Das dürfte nach dem 9.11.1989 die erste Straßenneubenenung nach einem SED-Mitglied sein.

      Zudem erfolgte die Benennung der Schwerfegerstraße nach der brandenburgischen CDU-Mitbegründerin Erika Wolf gegen den ausdrücklichen Wunsch der Tochter und damit gegen das schriftliche Votum der Familie (und auch der Partei). Die Tochter Maria Pawelz-Wolf, selbst Mitteschön-Mitglied, hatte in der SVV Rederecht bekommen und eindringlich gesprochen. Das habe ich auch noch nirgend erlebt.

      Die Abstimmung ging 31 ja und 15 nein aus. SPD, Linke und Grüne bilden eine Koalition und verfügen über zusammen 31 Stimmen. 6 Grüne und Sozialdemokraten haben sic enthalten, dafür haben 6 Linksalternative der "Anderen" dafür gestimmt, die links der Linken stehen.

      Das ist ein deutlicher Linksruck in Potsdam.


      Der Plan der Umbenennung:

      „Wer sich der Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ George Santayana (1863-1952), US-amerikanischer Philosoph spanischer Herkunft
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      Ich hoffe für die Anwohner, dass man sich wenigstens auf die Kurzform

      Flüggestrasse beschränkt, meinetwegen mit einem kleinen Erklärschild
      darunter und nicht eine Anna-Flügge-Straße daraus macht.
      Ich gehe stark von aus, dass man die Variante mit Vor- und Zuname wählt. Das ist heute (leider) so üblich. Interessanterweise hat man in der Berliner SPD nach dem Krieg die Auffassung vertreten, dass dies ein Kennzeichen nationalsozialistischer Umbenennungspolitik sei. Darum gibt es in Berlin bspw. die Ebertstraße und den Bebelplatz. Die sind 1946/47 extra nochmal vom gewählten, SPD dominierten Magistrat eingekürzt worden.

      Aber es ist insgesamt doch ein bedauerlicher Vorgang. Nicht nur stadtgeschichtlich, auch gesellschaftlich. Wenn trotz ausdrücklicher Ablehnung von direkten Angehörigen eine Straße gewidmet wird. Dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Frauen doch nur Mittel zum Zweck sind. Den "Traditionalisten" soll hier eins ausgewischt werden. Es geht um die Markierung eines theoretischen Standpunktes, um die eigene politische Profilierung, weniger um die Personen selbst. Da stehen wir leider wieder in schlimmer DDR-Tradition.

      The post was edited 1 time, last by Saxonia ().

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      Genau. Es handelt sich um eine Art postrekonstruktives Trauma.

      Gibt es zu der Auffassung der Berliner SED zu den Bandwurmnamen eine Quelle ? Das wäre hilfreich.
      „Wer sich der Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ George Santayana (1863-1952), US-amerikanischer Philosoph spanischer Herkunft
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      SPD, nicht SED. Die SPD existierte aufgrund des besonderen Viermächtestatus auch nach April 1946 noch im Ostteil der Stadt, bzw. konnte dort bei der Stadtverordnetenwahl im Oktober 1946 gewählt werden. Ich habe während meiner Studienzeit mal eine Seminararbeit zur Umbenennungspraxis Berliner Straßennamen nach Kriegsende geschrieben. Eine explizite Äußerung habe ich nicht. Allerdings hat der SPD geführte Magistrat Schroeder/Reuter mit seiner offiziellen Umbenennungsliste am 31. Juli 1947 die noch 1945/6 durch den noch von den Sowjets eingesetzten kommunistisch dominierten Magistrat Werner vergebenen Straßennamen allesamt um die Vornamen einkürzen lassen. August-Bebel-Platz wurde Bebelplatz, Franz-Mehring-Platz wurde Mehringplatz (im Ostteil gibts noch einen Franz-Mehring-Platz) und aus der Friedrich-Ebert-Straße die Ebertstraße. Die Ebertstraße wurde schon zu Weimarer Zeiten übrigens noch mit Vornamen benannt. Ebenso die Singerstraße in Friedrichshain, die erst Grüner Weg, dann Paul-Singer-Straße und zur NS-Zeit "Brauner Weg" hieß.
      In der "Neuen Zeit" (Parteizeitung Ost-CDU) gab es am 15. August 1945 einen Artikel, der sich über die langen Namen echauffierte.

      Neue Zeit, 15. August 1945, Ausgabe 21, S. 4 wrote:

      Leider werden jetzt häufiger, wie das schon in der Nazizeit geschah, bei Straßenbenennungen die Vornamen der Personen hinzugefügt. Das ist eine unnötige Verlängerung und damit Belastung für den Verkehr. Wer z. B. nicht weiß, wer ßismarck war, der weiß ganz bestimmt ebensowenig, wer Otto von Bismarck gewesen ist.

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      Klar, SPD - ich habe mich schon verschrieben. Hast Du die Seminararbeit noch? Das würde mich sehr interessieren. Inhaltlich kann ich der Argumentation folgen und deshalb würde ich mich da gern nähern.

      Die NZ vom 15. August 45 kann ich besorgen. Wichtig wäre wirklich eine sozialdemokratische Argumentation, das die Kettennamen NS-Style sind. Inhaltlich richtig ist das ja.

      Bei Bismarck haben wir es am Reichstag ja weder mit einer Bismarckstraße noch mit einer Otto-von-Bismarck-Straße zu tun, sondern mit einer Fürst-Otto-von-Bismarck-Allee. Das ist völlig weltfremd.

      Im Potsdamer Fall wird man sich auf die Vornamen nicht verzichten wollen, da hiermit die Weiblichkeit verloren ginge.
      „Wer sich der Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ George Santayana (1863-1952), US-amerikanischer Philosoph spanischer Herkunft
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      Als Außenstehender greift man sich mittlerweile ohendies nur noch auf den Kopf, dass hier leider Gottes wieder Ideologen die Oberhoheit gewinnen, aber ich frage mich, wie lange es wohl dauern wird, bis auch ein Vertreter des 3. Geschlechts klagen und das erste Gender*Sternchen Strassenschild reklamieren wird.

      Aber jede Zeit und Gesellschaft verewigt sich sichtbar anhand ihrer Strassenschilder...was Ausdruck seiner Zeit und Kultur ist und im Grunde genommen auch (zumidnest theoretisch) wieder Hoffnung auf Veränderung macht, wenn man davon ausgehen darf, dass auch die Hitler-Plätze, Stalin-Alleen oder sonstige Verirrungen der Geschichte in pragmatischeren Zeiten wieder umbenannt wurden.

      Beste Lösung ist jedoch immer noch die Beibehaltung oder Wiederaufnahme der über Jahrhunderte überlieferten Strassennamen.
      „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)








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      @Konstantin
      Habe dir eine Nachricht zukommen lassen.

      Eine direkte Aussage dahingehend ist mir nicht untergekommen. Wäre in dieser Form auch schwer zu formulieren gewesen. Tatsächlich haben ja die Sozialdemokraten in Weimarer Zeit auch häufig Straßen mit Vor- und Zunamen benannt. Das sollte ursprünglich eine Abkehr von der monarchischen Praxis mit zahlreichen Luisen-, Wilhelm,- oder Friedrichstraßen sein, die dank der Beliebheit solcher Namen am Ende kaum noch einzelnen Persönlichkeiten zuzuordnen waren. Die Nationalsozialisten haben hier also wie so häufig nur einen Trend aufgegriffen und ihn durch exzessiven Gebrauch eine Zeit lang desavouriert.
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      Konstantindegeer wrote:

      Im Potsdamer Fall wird man sich auf die Vornamen nicht verzichten wollen, da hiermit die Weiblichkeit verloren ginge.
      Genau! Und bei den drei genannten Vorschlägen werden die Straßennamen ja wohl nicht durch die Vornamen zu lang. Diese Vornamendiskussion ist doch albern. Fehlt nur noch, dass irgendwer eine Fledermaus in der künftigen Anna-Flügge-Straße sichtet und die Umbenennung dann aus Naturschutzgründen blockiert wird, weil sonst die arme Fledermaus, die den neuen Namen ja noch nicht kennen kann, nicht mehr nach Hause findet.

      Kann man nicht einfach bei einer sachlichen Argumentation bleiben? Zur Rekonstruktion der Altstadt gehören die überlieferten Straßennamen. That's it.

      Wenn man Straßennamen nach verdienten Persönlichkeiten benennt, gelangt man doch sehr schnell an den Punkt, dass der Vorname zur Identifizierung nötig ist. Es gibt unzählige mehrteilige Straßennamen: Axel-Springer-Straße, Rosa-Luxemburg-Platz, Karl-Liebknecht-Straße, Friedrich-Engels-Straße, Geschwister-Scholl-Straße. Mich würde mal interessieren, ob die Argumentation, der Name sei zu lang, hier im Forum auftauchen würde, wenn der neue Namensvorschlag "Kaiser-Friedrich-Straße" lauten würde. Im Übrigen erinnere ich an Sophie-Charlotte-Platz und Auguste-Viktoria-Straße. Wer wollte da einen Namensbestandteil wegkürzen?
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      Heimdall wrote:

      Interessant wäre der Assoziationsspielraum, wenn man z.B. aus einer Karl-Marx-Straße eine Marx-Straße machen würde... Jeder könnte sich heraussuchen, was ihm gefiele... :wink:

      Rastrelli wrote:

      Wenn man Straßennamen nach verdienten Persönlichkeiten benennt, gelangt man doch sehr schnell an den Punkt, dass der Vorname zur Identifizierung nötig ist....
      Nein, ist er nicht.
      Um Missverständnissen entgegenzuwirken gibt es die Möglichkeit so kleine Zusatzschildchen unter dem eigentlichen Strassenschild anzubringen mit allen Vornamen, Geburtsdaten, Beruf usw.

      Der Hauptzweck eines Strassennamens ist I.Ue. doch eigentlich die Orientierung und schnelle, unkomplizierte Zuordnung, und erst dann kommt ggf. eine Art "Denkmalfunktion" für Person XY.

      Rastrelli wrote:

      ...
      Mich würde mal interessieren, ob die Argumentation, der Name sei zu lang, hier im Forum auftauchen würde, wenn der neue Namensvorschlag "Kaiser-Friedrich-Straße" lauten würde....
      Das kommt ganz darauf an, ob es sich dabei um den ursprünglichen, historischen Strassennamen handelt.
      Bekanntermaßen gibt (und gab es selbst zu DDR Zeiten) in Berlin eine Friedrichstrasse... und jeder wusste, dass sie nicht nach Friedrich Engels benannt wurde.

      Ich weiß auch nicht, warum fast jede Strasse heuer nach einer mehr oder weniger verdienten "Persönlichkeit" benannt werden muss. Dies führt häufig zu komplizierten, holprig klingenden Strassennamen. Unsere Vorfahren waren Anno dazumal irgendwie praktischer veranlagt und die Strassennamen hatten zudem oft mehr Charme.