Das Dresdner Schloss

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    Die Abstimmung für das Gebäude des Jahres 2018 ist geöffnet! Abstimmungsende ist am 15. November 2018. Bitte gebt bis dahin Eure Stimme ab.

    • Ich möchte Oktavians Ausführungen noch etwas „auswalzen“. Im Leistungsverzeichnis für die 8 Kronleuchter des Audienzgemachs und des Paradeschlafzimmers heißt es (Fettmarkierung und Unterstreichung von mir):

      SIB schrieb:

      Das Paradeschlafzimmer und das Audienzgemach sind die reichsten und kostbarsten Paradezimmer des Schlosses. Rekonstruktionsziel ist die Wiederherstellung der beiden Räume im Zustand der Ersteinrichtung.
      Zum historischen Erscheinungsbild des Paradeschlafzimmers und Audienzgemachs gehörten Kronleuchter, die verschollen sind [Anm.: verschollen sind???]. Aufgabenstellung ist es, mit Hilfe der vorliegenden Rekonstruktionsplanung 8 gleiche Leuchter herzustellen und an den ursprünglich vorgesehenen Hängeorten im Dresdner Schloss zu befestigen und in Betrieb zu nehmen.

      Die Rekonstruktionsplanung wurde von der Fachfirma durchgeführt, die diese Arbeit schon für die Leuchten des Kleinen Ballsaals und der Englischen Treppe mit großer Meisterschaft erledigt hat (Fa. Historische Leuchten Jacob, Sitz in Leipzig). Der nachfolgende Link zeigt das zugehörige Referenzdatenblatt für die Kronleuchter im AG und PSZ. Es verdeutlicht die wesentlichen Arbeitsschritte: wissenschaftliche Recherche, digitale Bildbearbeitung (Entzerrung – hier kam mit der Fokus GmbH Leipzig auch eine schon bestens bekannte Firma zum Einsatz) incl. der Maßermittlung durch Photogrammetrie, zeichnerische Darstellung, Modellentwicklung.
      historische-leuchten-jacob.de/…e_PSZ_Kronleuchter_01.jpg

      Chris1988 hatte hier im Forum schon mal folgenden sehr interessanten Zeitungsartikel (aus den Dresdner Neuesten Nachrichten) verlinkt, der die Arbeit dieser „Leuchtenforensiker“ näher vorstellt (Fa. Hist. Leuchten Jacob). Faszinierend, was da für ein Aufwand betrieben wird, um dem jeweils zu rekonstruierenden Original möglichst bis ins letzte Detail zu entsprechen: NIX Disneyland. :D
      Klick

      Zur Nachbildung der Oberfläche der Metallteile des Kronleuchters wird man im Falle der Kronleuchter für AG und PSZ einen historischen Gueridon als Analogvorgabe verwenden. Im LV heißt es dazu (in einer Anlage):

      SIB schrieb:

      Dieser Gueridonteil (Sammlung SKD) ist beispielgebend für die Oberflächenbehandlung des Kronleuchters. Das betrifft die glatten und punzierten Flächen. Die Struktur und Feinheit der Punzierung ist analog dieses Musters auszuführen.

      Ich gebe zu, das Wort *Punzierung* musste ich nachschlagen:

      Punzierung laut wikipedia: „In der Regel versteht man darunter das Eintreiben von Mustern und Formen in das Material in Handarbeit.“


      Im eingangs gebrachten Zitat war formuliert, dass die historischen Kronleuchter der Erstfassung „verschollen sind“. Hier ist weiterhin zu berücksichtigen, dass die 5 Kronleuchter für den Eckparadesaal RESTAURIERT werden, das heißt die waren irgendwo noch erhalten (in einem Depot?). Dieses „sind verschollen“ klingt für mich so, als ob auch die Kronleuchter von PSZ und AG nach ihrer Abhängung ebenfalls nicht vernichtet worden sind, sondern erst irgendwann später (vielleicht in den Nachkriegswirren) verschwunden sind.
    • Danke für diese umfangreiche Dokumentation. Zu letzterem: Wie bereits oben beschrieben, sind mit den ,,verschollenen'' Kronleuchtern aber sicher die neobarocken Leuchter gemeint. Die ursprünglichen von 1719 wurden ja später bei Renovierungsarbeiten ersetzt und sicher nicht mehr irgendwoanders verwendet, oder doch etwa? Hochachtung vor den Mitarbeitern der Firma, die die Leuchten wiedererschafft!
      In der Architektur muß sich ausdrücken, was eine Stadt zu sagen hat.
      Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten
    • Da wir kürzlich diese Fenster mit Butzenscheiben im Bereich der Gewehrgalerie thematisiert hatten, möchte ich daran erinnern, dass auch das Torhaus an der Schlossstraße einst analoge Fenster besaß. Das Torhaus war bereits ab 1974 wieder hergestellt worden, dessen 1. OG auch im Inneren – und zwar, wie Glaser immer ganz stolz betonte: In Eigenregie durch die Denkmalpflegeinstitution (die hatten damals eine sehr kleine eigene Bautruppe). Kann wahrscheinlich nur ein gelernter DDR-Bürger so richtig wertschätzen und nachvollziehen, was das für eine Leistung war (Stichwort: Materialbeschaffung, Bautechnik, Handwerkerkapazitäten). Es gab Natursteinfußböden, steinerne Türgewände und eichene Türen. Leider habe ich noch nie Fotos gesehen, wie es in den betreffenden Räumen aktuell ausschaut. Hier aber ein Außenfoto von 1991, mit vergrößertem Bildausschnitt eines der Fenster:



      Im Zuge der Entscheidung, auch im nördlichen Fassadenabschnitt an der Schlossstraße den Zustand vom Ende des 19.Jhd. wieder 1:1 herzustellen, passten dann die Fenster nicht mehr ins Bild. Sie wurden etwa 2007 ersetzt. Die ausgebauten Fenster mit den Butzenscheiben erhielten aber in der Gaststätte *1900* (An der Frauenkirche 20) einen neuen Platz: Klick

      Und hier sieht man die jetzigen Fenster:


      VonUser:Kolossos - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7340307


      Im Folgenden möchte ich noch einige Fotos vom nordöstlichen Treppenturm im Großen Schlosshof zeigen. Dort war der plastische Sandsteinschmuck in relevantem Umfang erhalten geblieben – im Gegensatz zu den anderen 3 Hoftürmen.
      Das war der Ausgangszustand nach der Bombardierung (Foto kann stark vergrößert werden):


      Von Erich Braun- Scan vom Negativ, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34064021

      Nach Fertigstellung des Rohbaus erfolgte dann 2006/2007 die Restaurierung desplastischen Sandsteinschmucks, nachfolgend 2 Fotos:





      Und noch ein weiteres Detailbild, und zwar von der Erdgeschosszone - dargestellt sind Adam und Eva (Mittelbereich). Wie man sieht, wurde Adam vollkommen ausgelöscht:


      Von Erich Braun- Scan vom Negativ, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34064028

      Der Zustand nach der Steinrestaurierung, Adam ist wieder da:



      Die ausführende Firma hat diese Arbeiten in einer Gegenüberstellung von detaillierten Vergleichsbildern dokumentiert:
      Klick

      Das folgende Foto wurde von RobBerg im April 2015 gepostet. Man hatte gerade die Sgraffto-Bemalung am Turm fertig gestellt.



      Detailbild von mir, das den oberen Fries zeigt (aufgenommen aus dem Riesensaal):




      Der nordöstliche Treppenturm erhielt übrigens seine Haube als letzter der Schlosstürme zurück. Das war im Januar 2007. Kann ich mich noch gut daran erinnern, denn der Termin für das Aufsetzen der Haube musste zweimal verschoben werden – Sturmtief Kyrill hatte das Land mehrere Tage im Griff und bescherte starke Windböen. Das letzte Foto zeigt die bereitstehende Kupferhaube:


      Von JohannesFasolt - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1571677
    • Eine neue Ausschreibung des SIB beinhaltet die Restaurierung und Rekonstruktion der Trumeauxleuchter für das Audienzgemach und für die beiden Vorzimmer. Einige dieser Leuchter der originalen Ausstattung sind erhalten, andere verschollen oder zerstört (deshalb sowohl Restaurierung als auch Rekonstruktion).
      Größe/Abmessung: Breite ca. 300 mm, Höhe: ca. 440 mm, Tiefe: ca. 200 mm, je 3 Lichter, Gewicht: ca. 2 kg
      Fertigstellungstermin: 30.06.2019

      Der jetzt ausgeschriebenen Leistung sind – wie gewohnt – wissenschaftliche Recherchen und Planungsarbeiten vorausgegangen. Die Planungsfirma (auch hier wieder die schon bewährten Profis – Fa. Historische Leuchten Jacob) zeigen auf ihrer HP ein Projektdatenblatt für eine der Trumeauxleuchter. Es vermittelt beispielhaft eine gute Vorstellung über das Aussehen der Leuchter (diese flankierten die Wandspiegel): Klick

      Im nachfolgenden Zitat habe ich wesentliche Textfragmente aus dem Leistungsverzeichnis zusammengestellt:

      SIB schrieb:

      Das Erste und Zweite Vorzimmer sowie das Audienzgemach können als eigenständige Raumkunstwerke von hoher Authentizität betrachtet werden, da sie in ihren wesentlichen Elementen rekonstruiert werden. Sie bilden in den königlich-kurfürstlichen Paradezimmern bei geöffneten Türen eine Enfilade. Das Erste Vorzimmer diente bei offiziellen Anlässen als Aufenthalts- und Warteraum der höfischen Gesellschaft. Das Zweite Vorzimmer war dem Aufenthalt besonders hochstehender Personen vorbehalten. Am Endpunkt der Enfilade im Audienzgemach wird unter einem Baldachin der Audienzstuhl Augusts des Starken platziert. Das Gemach, mit seinem vollständig erhaltenen Mobiliar aus der Zeit um 1719, wird der Höhepunkt der Prachtentfaltung im Paradeappartement. Rekonstruktionsziel ist die Wiederherstellung der Räume, in denen die Trumeauxleuchter diesen Loses wieder zum Einsatz kommen bzw. die verlorenen Pendants rekonstruiert werden.

      Zum historischen Erscheinungsbild der drei Räume gehören 6 erhaltene Trumeauxleuchter sowie 2 Kopien und 2 Rekonstruktionen ihrer verlorenen "Spiegelpartner". Die zwei erhaltenen Leuchter aus dem 2. Vorzimmer und Audienzgemach gehören zu dem originalen Mobiliar der Räume. Die verlorenen Trumeauxleuchter des 1. Vorzimmers werden durch vier historische Leuchter aus der Schlossbergung mit ähnlicher Gestaltung ersetzt. Alle Leuchter werden nicht mit einer elektrischen Beleuchtung versehen, sondern mit Wachskerzen oder Kerzenattrappen bestückt.

      Zu einem Trumeauxleuchterpaar gehören gestalterisch und räumlich ein rechter und ein linker Leuchter. Die Leuchterpaare sind in ihrer Grundform spiegelbildlich passend zueinander gestaltet und flankieren jeweils beidseitig einen großen Prunkspiegel.

      Aufgabe Erstes Vorzimmer
      Die originalen Spiegelleuchter aus dem Raum sind abhandengekommen oder zerstört. Stellvertretend werden 4 historisch ähnliche (je 2x rechte und 2x linke) Trumeauxleuchter aus dem vorhandenen Bergungsbestand des Schlosses verwendet und restauriert.
      Ziel ist es, das historische Erscheinungsbild des ersten Vorzimmers mit 2 Prunkspiegeln und je einem flankierenden Paar Trumeauxleuchter wieder herzustellen.

      Aufgabe Zweites Vorzimmer
      Im Zweiten Vorzimmer ist nur ein linker Trumeauxleuchter seit 1872 mit femininer Figur erhalten. Dieser Leuchter muss nach der Restaurierung für den zweiten Spiegel kopiert werden. Der rechteverlorene Leuchter muss 1x spiegelbildlich als Modellbau rekonstruiert und 2x hergestellt werden.

      Aufgabe Audienzgemach
      Im Audienzgemach ist ebenfalls nur ein linker Trumeauxleuchter mit maskuliner Figur erhalten. Dieser wird restauriert. Sein verlorenes Pendant mit einer femininen Figur muss rekonstruiert (incl. Modellbau) und 1x hergestellt werden.

      Alle diese Leuchter werden nicht elektrifiziert, sondern für eine Bestückung mit Wachskerzen bzw. Kerzenattrappen vorbereitet. Die Kerzen - mit einem Durchmesser von ca. 25,5 mm werden vom SIB dafür bereitgestellt.
    • In den letzten Tagen sind mehrere Ausschreibungen für die Leuchter in der Paradesuite veröffentlicht worden (Kronleuchter für diverse Räume, Trumeauxleuchter, Muschelblaker Eckparadesaal). Nachfolgend möchte auf die Ausschreibung für die beiden Kronleuchter eingehen, mit denen man die 1. Retirade bestücken wird –sehr interessant aufgrund integrierter „Nebeninformationen“). Zur Erinnerung: Die 1. Retirade befindet sich unmittelbar nördlich des Paradeschlafzimmers = mittlerer Raum der hofseitigen Raumflucht. Hier nun einige wichtige Zitate aus dem Leistungsverzeichnis:

      SIB schrieb:

      Neben den 4 Prachträumen werden auch die beiden Retiraden in ihrer ursprünglichen Raumkubatur wiederhergestellt. Auf die innere Rekonstruktion wird verzichtet, da der Hauptschmuck der Räume nicht mehr erhalten ist. Sie werden für museale Präsentationen genutzt.
      Bei der Auswahl der Kronleuchter für die 1.Retirade handelt es sich um zwei erhaltene baugleiche historische Originalleuchter Leuchter, die nachweislich aus dem Bergungsbestand des Residenzschlosses stammen. Sie wurden aus dem so genannten Canalettozimmer des Schlosses geborgen und nun zur Wiederverwendung restauriert.
      Beide Leuchter werden wieder mit einer aktuellen elektrischen Kerzenimitation (W3) versehen, wie auch der letzte Bestandszustand belegt. Die neuen elektrischen LED-Kerzen sind im Text genau beschrieben. Allgemein gilt: alle originalen Befundteile, Befestigungs- und Verbindungsmittel sind bevorzugt wiederzuverwenden, insofern die Sicherheit dies erlaubt. Nur bei statischen und sicherheitsrelevanten Schäden sind Teile durch Neue in Gleichartigkeit, Material, Form und Größe zu ersetzen.
      Dieses Canalettozimmer befand sich im östlichsten Bereich des Südflügels. Der Raum nahm aber nur etwa die Hälfte der Breite des Südflügels ein, war also nicht allzu breit. Die folgende Aufnahme zeigt das Canalettozimmer, wie es während der Ausstellung *August der Starke und seine Zeit* (1933) ausgestattet war. Im Bild ist auch einer der beiden erhaltenen Kronleuchter zu sehen: Klick

      Der Fotograf blickte in Richtung Westen, im Rücken die Trennmauer zur Englischen Treppe. Am Lichteinfall zu erahnen – rechterhand die Fenster, die in Richtung Großer Schlosshof rausgehen.
      Das nächste Foto zeigt den Zustand des Südflügels im Jahr 1980. Das Canalettozimmer (2. OG) nahm den Bereich oberhalb des Starcke-Portals ein (mit den beiden großen Fensteröffnungen neben dem links im Bild angeschnittenen Treppenturm SO). Klick

      Man sieht eindeutig, dass die Decke des Raumes runter gestürzt war. In den Ausschreibungsunterlagen sind auch Fotos vom aktuellen Zustand der beiden Kronleuchter enthalten. Die Leuchter sehen etwas verbogen aus, scheinen aber in der Höhe nicht gestaucht zu sein (was beim Runterstürzen und Draufstürzen der Decke zu erwarten gewesen wäre). Also lange Rede, kurzer Sinn – diese Leuchter können während der Bombardierung nicht im Canalettozimmer gehangen haben. Vielleicht hat man sie vor 1945 abgehangen (so als prophylaktische Sicherungsmaßnahme) und irgendwo anders im Schloss erstmal deponiert.

      Vor dem Krieg war der Raumbereich der 1. Retirade übrigens als so genanntes Wettinzimmer gestaltet, dies eine Ausbaumaßnahme des großen Schlossumbaus Ende des 19. Jhd. Dabei hatte man aber auch eine wertvolle Holzdecke eingefügt, die Mitte des 19.Jhd. zufällig bei Renovierungsarbeiten im 3. OG des Westflügels wiederentdeckt worden war. Gurlitt datierte sie in das späte 16. Jhd.
      Wettinzimmer
    • @BautzenFan

      Sehr, sehr interessant und wie immer aufschlussreich! Ich würde mir ja gerne das Wettinzimmer zurück wünschen....hach...aber das Canaletto Zimmer wäre natürlich schon allein wegen sehr hoffentlich noch vorhandenen(?) Gemälde leicht wiederherstellbar und gäbe dem Schloss eine weitere Autentizität zurück!
      "Lieber Gott, schütze uns vor Dreck und Schmutz,
      vor Merkel, Krieg und Denkmalschutz“!

      Treffendes Lied über deutsche Architektur!