Das Dresdner Schloss

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    • Hyade:
      Leider kann ich dir deine Frage nicht wirklich beantworten. Meines Wissens stand eine solche Reko noch nie zur Debatte. In keinem der bekannten Nachschlagewerke findet sich auch nur ein Satz über das Nachkriegsschicksal dieses Denkmals. Bei Fritz Löffler wird es überhaupt nicht erwähnt. Da sich Löffler zudem ziemlich negativ über die zeitweilige „Massenproduktion“ des Bildhauers auslässt, denke ich mal, dass der kunsthistorische Wert von den Experten nicht sehr hoch eingestuft wurde. (A: Na ja, so „wählerisch“ können wir in Bezug auf Dresden angesichts der Verluste eigentlich nicht sein). Ich habe mal bei bildindex gesucht und 2 interessante Fotos gefunden. Das erste ist nicht sonderlich „scharf“, belegt aber, dass das Denkmal bereits im Herbst 1946 nicht mehr existierte. Das zweite Foto ist deutlich besser und macht eindeutig klar, dass der Sockel des Obelisken eigentlich nicht mal einen Kratzer abbekommen hat. Also ein Bombentreffer dürfte das Verschwinden des Denkmals nicht verursacht haben. Das sieht eher aus wie planmäßige Geschichtsbereinigung aus ideologischen Gründen.



      Zum Thema ein paar kurze Auszüge aus
      Abschied vom alten Dresden – Verluste historischer Bausubstanz nach 1945
      Von Mathias Lerm:

      Bezogen auf den Zeitraum unmittelbar nach dem Krieg (Sommer / Herbst 1945):
      Zeitgleich begann aber auch der Exodus erhalten gebliebener Denkmäler. Für das Ehrenmal der Sowjetarmee, das auf einem zentralen Platz postiert werden sollte, musste auf Anweisung der Besatzungsmacht der Brunnen „Stürmische Wogen“ von Robert Diez auf dem Albertplatz weichen.

      Bezogen auf den Zeitraum 1949/50/51:
      Neben den ideologischen Vorbehalten wurden den Standbildern und Plastiken Anordnungen der jungen DDR gefährlich, das Buntmetallaufkommen drastisch zu erhöhen.
      …die Denkmalsabbrüche gingen weiter…..Auch das Germania-Denkmal auf dem Albertplatz wurde – entgegen ursprünglichen Absichtserklärungen, wenigstens die vier Eckfiguren zu belassen – vollständig entfernt, und dies, obwohl die Sowjetische Militäradministration die Beseitigung des Denkmals nicht gefordert hatte. Die vier Eckfiguren waren nach einer Zeitungskampagne durch Steinwürfe schwer beschädigt worden. Anschließend wurden sie vom städtischen Denkmalpflegeamt geborgen, um dann doch völlig zerstört zu werden.
      …längeres Kapitel zum Reiterdenkmal König Alberts auf dem Schlossplatz – ich fasse zusammen:
      nach meiner Einschätzung anhand des integrierten Fotos, das die Demontage zeigt – praktisch unbeschädigt
      am 4.11.1951 Demontage zum Zweck des Einschmelzens
      Bildquelle: bildindex der Kunst und Architektur
    • Nachstehend eine recht interessante Kostenaufstellung über die Gesamtbaukosten für das Dresdner Schloss, einbezogen sind die bereits abgeschlossenen, gegenwärtig laufenden und noch ausstehenden Einzelmaßnahmen (für letztere gilt: Das sind die, zu denen man sich bisher seitens des Freistaates klar bekannt hat , was die Finanzierung betrifft). Die Aufzählung berücksichtigt den Zeitraum ab 1996. Ich konstatiere - es fehlen: Sgraffiti, Schlosskapelle, Kleiner Ballsaal im Georgenbau, südöstlicher und südwestlicher Wendelstein (der nordöstliche – mit übrigens ziemlich gut erhaltenem Fassadenschmuck - ist in die aktuelle Maßnahme Ostflügel integriert). Und was der Unterpunkt „Paraderäume“ insgesamt umfasst, da bin ich angesichts der relativ geringen Summe (12 Mio) auch etwas skeptisch (Turmzimmer, Großer Ballsaal, Neuer Thronsaal – Eckparadesaal, Propositionssaal, 2. OG Westflügel???). Schlafzimmer und Audienzgemach kommen – und der „Rest“ soll für alles andere reichen? Ich denke mal, die historische Endausgestaltung dieser Räumlichkeiten ist wohl als Aufgabe für spätere Generationen gedacht.

      Quelle der Angaben: Haushaltsplan Freistaat Sachsen 2006 (unverändert zitiert)

      Wiederaufbau Dresdner Schloss
      1. Bauabschnitt: Rohbausanierung und äußere Wiederherstellung
      2. Bauabschnitt: Innenausbau als Museumskomplex


      Kalkulierte Gesamtbaukosten laut Kabinettsvorlage vom Dezember 1997: 337 Mio €

      Davon 1. Bauabschnitt mit Gesamtbaukosten lt. Zwischenbericht: 148 Mio €

      Darunter mit HU-Bau untersetzt:
      - Südflügel 1. HU-Bau vom 13.02.1996: 35.727.500 €
      2. HU-Bau: 60.537.000 €
      3. HU-Bau: 6.467.000 €
      - Georgentor, abgerechnet: 100.300 €
      - Ausstellung Sächsisch-Polnische Union, abgerechnet: 579.400 €
      - Herrichten der Schlosskapelle als Interimsspielstätte für das Staatsschauspiel Dresden (Kleines Haus), abgerechnet: 1.862.600 €
      - Übergang zur Kathedrale, abgerechnet: 944.000 €
      - Starcke-Portal, abgerechnet: 359.600 € (Anmerkung: das ist der Durchgang zum Kleinen Schlosshof)
      - Ostflügel archäologische Grabungen, abgerechnet: 338.700 €
      - Altan am Hausmannsturm, abgerechnet: 465.400 €
      - Hochwasserentlastungseinrichtung, abgerechnet: 262.700 €
      - Zentrale Kälteversorgung HU-Bau vom 10.6.2002 und 1. Nachtrag: 2.004.000 €
      - Schönes Tor, Bauantrag vom 17.11.2003: 950.000 €
      - Fassadensanierung Georgenbau, Bauantrag vom 18.12.2003: 1.650.000 €

      Davon 2. Bauabschnitt mit Gesamtbaukosten lt. Kabinettsbeschluss vom 09.12.1997: 189 Mio €
      Darunter mit HU-Bau untersetzt:
      - Ausbau Südteil (Anmerkung: Verwaltung, Depots, Restaurierungswerkstätten), abgerechnet: 12.887.600 €
      - Grünes Gewölbe
      vorgezogene Leistungen, abgerechnet: 2.454.100 €
      Ausbau, HU-Bau vom 05.04.2002: 18.729.000 €
      Außenanlagen, HU-Bau vom 21.08.2003: 1.200.000 €
      Historischer Teil, HU-Bau vom 17.09.2003: 12.260.000 €
      - Kupferstichkabinett, HU-Bau vom 22.06.2001 und 1. Nachtrag: 3.205.000 €
      - Münzkabinett, abgerechnet: 3.407.800 €
      - Paraderäume, Bauantrag vom 16.06.2003: 12.000.000 €
      - Sanierung Ostflügel, Bauantrag vom 17.07.2003: 45.300.000 €

      Posten Schlossaufbau im Haushalt: 12,0 Mio € (2004); 18,7 Mio € (2005); 19,6 Mio € (2006)
      Ab 2007 noch zu veranschlagen: 131.400.000 €


      Eine Anmerkung noch zum Unterpunkt „Altan“: 465.400 € abgerechnet - das können ja bei solch einer Summe wirklich nicht nur Planungs-/Projektierungsleistungen sein. Andererseits sind die ausstehenden Arbeiten nicht noch einmal explizit aufgeführt, sehr merkwürdig die Sache.
    • Ein paar Informationen zum Baugeschehen am Schloss:

      Kurzfassung der Leistungsbeschreibung für den Rohbau Ostflügel in den Ausschreibungsunterlagen :
      Die zu vergebenden Leistungen umfassen den Wiederaufbau des Ostflügels am Dresdner Schloss im Rohbau. Es handelt sich um eine Kriegsruine, deren Außenwände bis zum 2. Obergeschoss noch vorhanden sind. Noch erhalten sind Teile der spätmittelalterlichen Ziegelkreuzgratgewölbe der zweischiffigen gotischen Halle. Der Wiederaufbau ist als Mauerwerk in traditioneller Bauweise mit Vollziegel geplant. Die noch vorhandenen Wände bestehen aus Sandsteinschichtenmauerwerk und Ziegelmauerwerk und sollen erhalten bleiben. Die Gewölbe der spätgotischen Halle sind aus Ziegeln gemauert. Die vorhandene Bausubstanz wird in die Konstruktion integriert. Außenwände und die Gewölbe werden mit Vollziegeln ergänzt und kraftschlüssig mit dem vorhandenen Mauerwerk vermauert. Neue Decken sind als Stahlbetondecken mit Verbundträgern geplant.
      Es ist der Einbau von Natursteinbauteile aus Elbsandstein, teilweise mit Modellabnahme und Rekonstruktionsarbeiten, notwendig.


      Das nächste macht mich stutzig. Sind das schon Vorarbeiten für das Membrandach oder hat sich hier jemand im Bereich Südflügel „verprojektiert“?

      Es sind Umbauarbeiten von tragenden Teilen im bereits fertiggestelltem Dachbereich des Südflügels durchzuführen. 230 m2 Rückbau Bitumenbahn; 220 m3 Abbruch Beton; 100 m3 Abbruch Ziegelmauerwerk; 200 m2 Rückbau Dachdeckung/-dämmung; 2 t Demontage Stahltragwerk; ….
      6 St. Naturstein-Treppenpfeiler 80 x 80 bis 5 m; 2 St. Natursteinpfeiler 100 x 80 bis 3,50 m; 4 St. Kapitelle, bildhauerische Bearbeitung mit Modellentnahme; 35 t Profilstahl; 100 m2 Gründungssanierung und Abdichtung


      Vor kurzem wurde an eine Greizer Steinmetzfirma folgende Leistung vergeben:
      Rohbau Ostflügel: Natursteinarbeiten Englische Treppe
      Endgültiger Gesamtauftragswert:
      Wert: 73 869,58 EUR (einschließlich MwSt. MwSt.-Satz (%) 16)


      2 Informationen aus einem Beitrag des MDR über die laufenden Bauarbeiten im Ostflügel:
      1. Beim „Einschlag“ der Kranschneise 1985/86 ist man doch nicht ganz so grobschlächtig vorgegangen. Die verwertbaren Originalteile wurden vorsichtig ausgebaut und eingelagert – und gelangen jetzt am ehemaligen Ort wieder zum Einbau.
      2. Zitat: „Das Schloss wird 2012 fertiggestellt und kann dann die Besucher empfangen.“ Ich kenne als Termine bislang nur 2008 – Membrandach, 2009 – Englische Treppe. 2012 wäre vermutlich der Riesensaal zu erwarten – oder etwa schon die Paraderäume? Für seinen puristischen Saal kann doch Kulka wohl nicht 3 Jahre veranschlagt haben.
    • @Bautzenfan

      Danke für Deine immer ausführlichen und sachkundigen Informationen zum Schloss! Es fällt auf, wie wenig der Bauträger an wirklicher Information und Einbeziehung der Bürger interessiert ist, vor allem wenn man den staatlichen Wiederaufbau des Schlosses mit dem privaten Wiederaufbau der Frauenkirche vergleicht, der wesentlich bürgernaher, offener (und effektiver?) verlief.
    • "Armin" schrieb:

      Wird eigentlich die Figurengruppe, die einst das Tor krönte rekonstruiert? Und was ist mit der eigentlichen Tür? Die war ja schon für sich ein Kunstwerk.


      Quelle der folgenden Ausführungen:
      Mitteilungen des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen – Jahrbuch 2004
      „Geschichte und Ikonographie des Dresdner Schlosskapellenportals“
      Von Dr. Angelica Dülberg

      Die verheerenden Bombenangriffe im Februar 1945 auf die Altstadt Dresdens hat das Portal erstaunlicher- und glücklicherweise verhältnismäßig glimpflich überstanden. Lediglich Brandschäden waren zu verzeichnen, die linke Säule war gerissen, und die bekrönenden Skulpturen sowie diejenigen in den Nischen waren herabgefallen. Fragmente der Figuren waren bis zum Jahr 2004 im Magazin des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen aufbewahrt. Die Nischenfiguren sind in Restaurierungs- und Bildhauerwerkstätten bereits mit mechanischen Mitteln gereinigt und ergänzt worden. Die drei Skulpturen auf der Attika, die weitaus fragmentarischer überliefert sind, werden von einem Bildhauer nach den vorhandenen Fotovorlagen ergänzt…..

      Die Klärung des weiteren Schicksals war im Jahr 2002 noch offen. Mehrere Möglichkeiten und Varianten standen zur Debatte: Zunächst die Versetzung an seinen ursprünglichen Ort im Großen Schlosshof – derzeit steht dort seit einigen Jahren eine monumentale Fotomontage des Portals, die im Zusammenhang mit den nach historischen Vorbildern (Kupferstichen und Gemälden) neu geschaffenen Sgraffiti der Gebrüder Tola die ursprüngliche Situation nach der Mitte des 16. Jahrhunderts simulieren soll. Dann müsste es jedoch unbedingt vor weiteren schädlichen Umwelteinflüssen geschützt werden. Vorgeschlagen wurde eine Einhausung mit einem Schutzvorbau aus Glas, der natürlich auch in gewisser Weise das Gesamtbild gestört hätte. Dann hätten auch die drei bekrönenden Figuren wieder aufgestellt werden können, was bei einem weit vorkragenden Schutzdach nicht möglich wäre.
      Des Weiteren kam eine museale Präsentation in einem Innenraum in Frage, die durchaus zu befürworten wäre. Aufgrund seiner Größe –
      7,50 m Höhe und 5,75 m Breite – ist es nicht einfach, einen geeigneten Ort zu finden, jedoch hätte sich im Innern der ehemaligen Schlosskapelle ein Standort an der Westseite nach entsprechenden baulichen Veränderungen angeboten. Die gesamte Problematik war äußerst diffizil. Auf jeden Fall musste bald etwas geschehen, vor allem rechtzeitig, bevor beabsichtigte umfassende Bauarbeiten unmittelbar neben dem Portal und auf dem nahen Parkplatz hinter dem Kulturpalast, nämlich die Bebauung des Areals zwischen Schlossstraße und Johanneum (!!!), in Angriff genommen werden.
      Im Januar 2004 wurde das Schlosskapellenportal schließlich abgebaut und größtenteils in Ottendorf-Okrilla (A.: Ortschaft nahe Dresden) einstweilen eingelagert. Zunächst wurde der linke Teil des Torbogens in der Werkstatt Heidelmann und Hein mit Laser vorsichtig gereinigt. (A.: Das ist eine renommierte Dresdner Steinrestaurierungsfirma, die sich auch große Verdienste bei der Restaurierung des Altars der Frauenkirche erworben hat). Das Ergebnis war verblüffend. Weil lediglich die Öl- und Schmutzschichten mit diesem Verfahren abgesprengt werden – der Sandstein bleibt unversehrt erhalten -, kommen die ursprünglichen Feinheiten des Reliefs wieder deutlich zutage und bezeugen nunmehr noch intensiver ihre außerordentliche Qualität……

      (Zum Enscheidungsstand 2004)
      Es ist angedacht, dass Schlosskapellenportal wieder an seinem ursprünglichen Standort aufzustellen. Es soll dort wieder frei, das heißt ohne schützende Glaseinhausung oder Schutzdach, zu sehen sein. Die fragilen, künstlerisch hochwertigen Reliefs des Torbogens und des Architravs sollen museal gezeigt werden. Am Portal werden an ihrer Stelle in der Werkstatt Zehrfeld geschaffene Abgüsse eingebaut. Sie sind so gut gelungen, dass dem Laien diese Tatsache nicht auffallen wird. Auch die drei derzeit von einem Bildhauer ergänzten Figuren auf der Attika sollen museal zur Aufstellung kommen, während Abgüsse das originale Portal bekrönen werden. Alle originalen Sandsteinteile sowie auch die Kopien im großen Schlosshof sollen einheitlich zum Schutz mit einem leichten Silikonharzanstrich versehen werden. Die erhaltene Holztür des Schlosskapellenportals wird von einem Holzbildhauer kopiert. Während das Original in die Ausstellung gelangt, soll die Kopie als begehbare! (A: also auch funktionell dem Original entsprechende) Tür zur Schlosskapelle eingebaut werden. Doch das ist nicht die letzte Entscheidung.
      (Anmerkung: Was jetzt folgt, ist auch schon wieder überholt – dazu Anmerkung unten).
      Doch das ist noch nicht die letzte Entscheidung. Seit kurzem wird in Erwägung gezogen, das Schlosskapellenportal nach der Reinigung aller skulpierten Teile bis auf die reinen Architekturteile komplett abzugießen und das Original im Hof des Albertinums unter dem dann neu errichteten schwebenden Magazin absolut geschützt aufzustellen. Das wäre selbstverständlich die beste Lösung für das einzigartige, qualitätvolle Kunstwerk.

      Anmerkung:
      Die Ausführungen von Frau Dülberg wurden 2004 redaktionell abgeschlossen. In einem späteren Interview äußerte Arndt Kiesewetter (leitender Mitarbeiter bei der Denkmalpflege Dresden) sinngemäß:
      Das Portal wird zum Teil durch Kopien ersetzt, die Originale werden zum Bestandsschutz in einem musealen Innenraum ausgestellt. Ich hätte das ganze Portal am liebsten so geschützt gesehen.

      Man ist also offenbar doch bei der oben beschriebenen Variante geblieben (Abschnitt zwischen „Stand 2004“ und dem Satz – doch das ist nicht die letzte Entscheidung).
    • "Mathias" schrieb:

      @Bautzenfan

      Es fällt auf, wie wenig der Bauträger an wirklicher Information und Einbeziehung der Bürger interessiert ist, vor allem wenn man den staatlichen Wiederaufbau des Schlosses mit dem privaten Wiederaufbau der Frauenkirche vergleicht, der wesentlich bürgernaher, offener (und effektiver?) verlief.


      Sehe ich genauso. Ich kann außerdem folgendes absolut nicht verstehen:
      Die Situation sieht doch so aus (wird jeder realistische Zeitgenosse selbstverständlich einsehen): Die endgültige Fertigstellung des Dresdner Schlosses ist eine Generationenaufgabe. Bei dieser Randbedingung müsste man das Baugeschehen doch regelrecht „vermarkten“. Das wäre doch sogar ein zusätzlicher Touristenmagnet. Also zum Beispiel Führungen durch die rohbaufertigen Räume, Erklärungen zu den Vorhaben, denkmalpflegerischen Schwierigkeiten, Bearbeitungsstand, Ziele u.s.w. Als Bezahlung, wie damals in der Unterkirche der Frauenkirche, eventuell kein Eintrittsgeld nehmen, sondern am Schluss die „Sammelbüchse“ rumreichen – für irgendein konkretes Einzelvorhaben (da kommt erfahrungsgemäß mehr rein).
      Aber es gibt eben einen großen Unterschied zwischen Frauenkirche und Schloss: Spendengelder muss man einwerben, Steuern nicht. :zwinkern:
    • Das Privileg, nach eigenem Gutdünken über Steuergeldern verfügen zu können ohne sich dabei auf die lästige Mitsprache von Bürgern (wie am Neumarkt) einlassen zu müssen, ist offensichtlich mehr wert als die Möglichkeit, durch Transparenz Bürger in die Planungen miteinzubeziehen und so eine sichere Spendenquelle (z.B. für einzelne Prunkräume) zu erschließen.
    • Ich möchte nachfolgend noch einmal auf den Riesensaal eingehen. Das Thema wurde im Forum schon vor einigen Wochen diskutiert, aber da hatte ich noch nicht die notwendigen Quellbelege und Bilder griffbereit zur Hand. Die verbreitete Vorstellung dazu sieht ja so aus: Der Riesensaal wird gegenwärtig in seiner Raumkubatur wiederhergestellt und aus Kostengründen zunächst (aktuell laufende Baumaßnahme) mit der puristischen Kulka-Ausstattung museal nutzbar gemacht. Später – irgendwann in Abhängigkeit von den finanziellen Möglichkeiten des Landes - kann man dann an die historische Ausgestaltung gehen. Leider ist das nur die halbe Wahrheit. Um den historischen Riesensaal in seiner Innenarchitektur zu rekonstruieren, müssten nämlich vorab erhebliche Umbauarbeiten an der gesamten Ostwand (Fassade zur Schlossstraße) vorgenommen werden. Die jetzige Bauausführung ist in gewisser Hinsicht eine Entscheidung gegen den historischen Riesensaal (Fassung von Dilich - 1627). Aber der Reihe nach…

      Zunächst ein paar kurze Bemerkungen zur baulichen Entwicklung in diesem Schlossbereich, das ist wichtig zum Verständnis der heutigen „Reko-Problematik“.

      Quelle: Dirk Syndram – Das Schloss zu Dresden (Koehler & Amelang, 2001)
      Seit dem 15. Jahrhundert befand sich im zweiten Geschoss des Ostflügels der herzoglichen Burganlage ein großer Saal, der damals als „Dantzsall“ bezeichnet wurde. Während des Umbaus zum Schloss (A: 16. Jhd.) wurde dieser Saal, der das ganze Geschoss einnahm, bis in den Nordflügel erweitert. Er war nun 56,7 m lang und 13 m breit. Zwölf riesenhafte Krieger, auf die Wandpfeiler zwischen den Fenstern gemalt, stützten die 5 m hohe Holzdecke. Sie gaben dem Fest- und Repräsentationsraum den Namen „Riesensaal“. Die Darstellungen gehörten zur symbolhaften Ausmalung des gesamten Raumes, die zwischen 1549 und 1556 entstand. Kurfürst JOHANN GEORG I. ließ den Riesensaal seit dem Jahr 1625 vollständig erneuern und unter Hinzuziehung des darüber liegenden Geschosses auf 9,6 m erhöhen. Diese erst 1650 vollendete neue Ausmalung hatte das Selbstverständnis des frühbarocken Sachsen zum Thema. 1701 brannte der von einer bogenförmigen Holzkonstruktion überdeckte Riesensaal aus und wurde nach 1718 als spätbarocker Fest- und Gardesaal wiederhergestellt. Der schließlich von August dem Starken zum Hauptsaal seiner Bildergalerie umgewandelte Riesensaal verschwand seit 1733 (A: Todesjahr Augusts des Starken). An seiner Stelle entstanden die Privatkapelle der Königin und Wohnappartments. (A: der Bereich des Riesensaales wurde also in kleinere Räume aufgegliedert).


      Es bleibt festzuhalten:
      Für den Zeitraum, in dem der Gebäudebereich des Riesensaales in seiner im 16. Jahrhundert hergestellten Flächengröße bestand, gab es 3 innenarchitektonische Fassungen:
      1 „Ur“-fassung, Mitte des 16. Jhd.
      2. Fassung von Dilich, erste Hälfte 17. Jhd. – das ist die mit Abstand qualitativ herausragende Gestaltung (mit der Deckenanhebung auf 9,6 m Höhe)
      3. Fassung von etwa 1718 (qualitativ schwach)

      Zu den weiteren baulichen Veränderungen am Ostflügel:
      Quelle: Das Dresdner Schloss – Monument sächsischer Geschichte und Kultur, 1989
      Der Siebenjährige Krieg ging nicht spurlos am Schloss vorüber (A: kleinere Zerstörungen)….Noch während des Krieges beschloss der König, wesentliche Veränderungen in einigen Teilen des Schlosses vornehmen zu lassen. …Die Bauarbeiten hatten auch Veränderungen in der Außenarchitektur der betroffenen Schlossflügel zur Folge. So ersetzte Schwarze u. a. die Reaissance-Fensteranordnung der Straßenfassade des Ostflügels durch eine dem 18. Jahrhundert entsprechende Fenstereinteilung (A: statt der paarig angeordneten Renaissancefenster flächig größere Einzelfenster).

      Die damals entstandene Gliederung bezogen auf den Bereich des ehemaligen Riesensaales stellt im Wesentlichen auch den unmittelbaren Vorkriegszustand dar. Und genau diese Fassadengestaltung stellt man jetzt wieder her.

      Nun zum „Reko-Konflikt“.

      Quelle: Denkmalpflege in Sachsen – Sonderheft 1997
      Ein besonderes Problem stellt der Riesensaal dar, dessen Fassung von 1556 sehr gering, von 1627 (Dilich) gut und von 1718 gering dokumentiert ist. Die Linie des Gewölbes von 1627 ist im Putzabriss an der südlichen Schildwand auch archäologisch fassbar….
      In jeder Fassung (A: das heißt in jeder von den oben genannten drei historischen, eine modernistische Fassung wurde hier gar nicht in Betracht gezogen) hat ein wiederhergestellter Riesensaal jedoch Auswirkungen auf die Fassade der Schlossstraße, die dann nur in der Gestalt des 16. Jahrhunderts, mit den paarigen Fenstern analog der Hoffassade möglich ist. Bereits im 18. Jahrhundert war an deren Stelle eine Reihung von Einzelfenstern getreten, die Gustav Dunger in seine Fassadengestaltung übernahm (großer Schlossumbau Ende des 19. Jhd. = Zustand unmittelbar vor dem Krieg).


      Quelle: Sächsische Zeitung vom 24.11.1995
      Nur ein Glaubenskrieg um ein Geschichtsmonument?
      Von Bernd Klempnow
      Einer der Streitpunkte ist das denkmalpflegerische Ziel (A: muss aus heutiger Sicht heißen: das denkmalpflegerische Ziel nach der damals noch gültigen alten Konzeption), den ca. 60 m langen Riesensaal wiederzubringen und dazu die in der Barockwand noch vorhandene Renaissancestruktur herauszuholen.


      Die Problematik habe ich mal an dem Fassadenentwurf des Baumodells der 1980er Jahre veranschaulicht. So wie dort dargestellt hätte die Fassade gegliedert werden müssen, um den historischen Riesensaal in der Fassung von Dilich irgendwann einmal rekonstruieren zu können. Der Pfeil kennzeichnet den Bereich des Riesensaales im 2. OG und das noch nicht mal vollständig, weil der nördlichste Teil durch den Baukörper des Georgentores verdeckt ist.

      [img]

      Man müsste demzufolge als Voraussetzung für die Rekonstruktion der Innenarchitektur von Dilich erst mal diese gesamte Wand umbauen, die jetzt gerade neu errichtet wird!!! Und da man das wegen der Außenansicht natürlich nicht auf das 2. OG beschränken kann, wäre die Maßnahme auf das 1. OG auszuweiten. Das wiederum hätte natürlich auch im Inneren des 1. OG erhebliche Umbaumaßnahmen zur Folge. Wenn überhaupt, dann erscheint mir das nur für eine ferne Zukunft vorstellbar.

      Zum Vergleich hier die Fassadengliederung mit den Einzelfenstern:

      [img]http://www.bildindex.de/bilder/MI00444f08b.jpg[/img]

      Quelle: bildindex der Kunst und Architektur

      Das folgende Foto zeigt den Zustand gemäß Dilich (1627):



      Quelle: mdr.de

      Dazu und zur Kulka-Lösung mehr im Teil 2. (Falls Teil 1 zu lang geraten sein sollte, tut mir das leid, aber das war schon meine Kurzfassung. Das ist ein üppiges Feld).
    • Ich war schon nach der 3SAT-Sendung über das Schloß letzte Woche etwas verwundert. Natürlich dürfte eine Rekonstruktion des Riesensaals ein finanzieller Kraftakt sein, aber wenn dieser Saal denn so ein geschichtsträchtiger Ort für das Land ist, wieso wird er ausgerechnet dann ausgespart, wo doch bisher die Rekonstruktion bisher eher kompromisslos war? Ich habe fast das Gefühl, hier will wieder jemand - wie so häufig heutzutage - seinen Kopf durchsetzen anstatt sich nach dem tatsächlichen *Wert* bzw. der *Bedeutung* eines Gebäudes zu fragen...

      Deine Ausführungen verdeutlichen dies ja nur.
    • Die Sache mit dem Riesensaal erinnert mich doch sehr stark an den Kaisersaal der Münchner Residenz. Der Kaisersaal der Münchner Residenz wurde um 1600 unter Herzog Maximilian I., dem späteren ersten bayerischen Kurfürsten, errichtet und war der wohl bedeutendste Raum des gesamten Komplexes. Ab 1799 wurde der seit langem nicht mehr wirklich genutzte Kaisersaal von Kurfürst Max IV. Joseph und seiner Frau Karoline in eine ganze Reihe von "Hofgartenzimmern" zerlegt und umgebaut. Im dadurch entstanden Audienzzimmer der Kurfürstin wurde am 1. Januar 1806 sogar das Königreich Bayern proklamiert. Trotz dieses bedeutsamen historischen Ereignisses wurden nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg die Hofgartenzimmer zugunsten des alten Kaisersaales nicht wieder aufgebaut. Der Kaisersaal wurde dann nach alten Quellen rekonstruiert, nämlich u. a. nach dem Reisebericht des Augsburger Patriziers Philipp Hainhofer von 1611, der systematischen Beschreibung der Münchner Residenz durch den Hofmusiker Baldassare Pistorini in Notizform von 1644 und der ersten gedruckten Residenzbeschreibung von Ranuccio Pallavicino aus dem Jahre 1667. 1980-85 wurde so der alte, schon 150 Jahre vor dem Bombenkrieg verschwundene Kaisersaal wiedererrichtet. Allerdings waren, glaube ich, einige Ausstattungsstücke des alten Saales erhalten.

      Und heute wirbt die Bayerische Schlösserverwaltung für den Kaisersaal als seien nur ein paar Deckenmälde im Lauf der Jahrhunderte verloren gegangen: residenz-muenchen.de/deutsch/museum/kaiser.htm

      Dieser einmalige Präzedenzfall wird doch hoffentlich von den Verfechtern einer Rekonstruktion des alten Riesensaals ins Feld geführt?
      "Meistens belehrt uns der Verlust über den Wert der Dinge."
      Arthur Schopenhauer
    • Zumindest einen Vorteil hat die jetzige Außenreko:
      Das Schloß hat außen eine einheitliche Hülle vom Umbau 1889 bis 1901. Innen wird es hoffentlich mit allen Sgraffiti und dem Altan einheitlich Renaissance. Hätte man außen den Ostflügel vom 16.Jh. rekonstruiert, wäre das zu lasten des einheitlichen Erscheinungsbildes gegangen.
      Die Frage war eher: Will man den Stilbruch innen oder außen, wenn ich das richtig verstehe.

      Der Königsweg wäre für mich natürlich, den Riesensaal innen etwas freier (wegen der neuen Fensteranordnung) nachzuschöpfen aus den alten Stichen. Aus einer Zeit in der es noch keine Fotos gab, dürfte eine exakte Kopie ohnehin nicht möglich sein.
    • Nachfolgend der angekündigte Teil 2 zum Thema Riesensaal. Zunächst ein Grundrissausschnitt des alten! Projektes für das 2. OG. Unmittelbar südlich des Riesensaales schließt übrigens der Bereich der Englischen Treppe an.




      Die Beschreibung des Kulka-Projektes

      Sächsische Zeitung, 7. Februar 2004
      Titel: Die Aura des Riesensaals
      Untertitel: Peter Kulkas Ideen für den Wiederaufbau des Ostflügels am Dresdner Residenzschloss
      Von Birgit Grimm

      Vom kleinen Schlosshof über die Englische Treppe bis zum Hausmannsturm erstreckt sich horizontal das Areal, für das Peter Kulka den Wiederaufbau plant. (A: bis zum Hausmannsturm – das heißt einschließlich dem Nordostflügel und der beinhaltet im 2. OG bekanntlich den Großen Ballsaal. Darüber hat sich überhaupt noch niemand öffentlich ausgelassen, jedenfalls habe ich dazu noch nirgends eine Information gefunden. Verheißt nichts Gutes. Hoffentlich bezieht sich diese Angabe der horizontalen Erstreckung nur auf das 1. OG). Vertikal reicht es von den archäologischen Resten der so genannten „Kemenate“ unterm Großen Schlosshof bis zum Riesensaal im zweiten Obergeschoss. Es ist der älteste Schlossteil….
      Der Ostflügel nimmt im Erdgeschoss eine Ausstellung über die Schlossgeschichte in der Gotischen Halle auf sowie ein Gewölberestaurant. Im 1. Obergeschoss gibt es einen Sevicebereich und die Rüstkammer präsentiert sich in sachlichen, nüchternen Räumen. Sachlich und nüchtern, das hört Kulka gar nicht gern. Er widerspricht: „Die Räume sind nicht historisierend, das ist richtig. Aber die herrlichen Rüstungen und Waffen werden darin genauso zur Geltung kommen wie jetzt bei Gottfried Semper. Die Schönheit eines Raumes liegt in seinen Proportionen – und in den Details.
      Glanzstück des Ostflügels soll der Riesensaal im 2. Stock werden, der in seiner historischen Dimension wiederhergestellt wird und alle Anforderungen an einen modernen Ausstellungssaal für die Rüstkammer erfüllen soll. Peter Kulka will den Saal nicht rekonstruieren. Zwar soll die Kubatur des gewaltigen Festsaals wieder erlebbar sein, in seiner Höhe und in seinem schrägen Grundriss, der sich aus ungleichen Fassadenwänden zum Schlosshof auf der einen und zur Schlossstraße auf der anderen Seite ergibt. „Darüber errichten wir eine moderne Dachkonstruktion, unter der eine netzartige Decke aus einem offenmaschigen Metallgewebe das historische Gewölbe nachzeichnet“, sagt Peter Kulka.“ Man sieht durch die Decke hindurch und kann die Konstruktion und die Geometrie des Saales neu interpretiert und transformiert erleben. Diese elegante, sensible Decke birgt auch ein Geheimnis“, sagt der Architekt. Diagonal kreuzende Profile an der Decke sollen die unterschiedlichen Achsmaße der Fenster und die Parallelverschiebung der Wände überspielen. Kulkas Vorschlag findet in den Staatlichen Kunstsammlungen und bei Denkmalpflegern keinen ungeteilten Beifall (A: sehr gelinde ausgedrückt, weiß ich – kann und möchte ich aber hier nicht belegen). Dass der neue Riesensaal die Architektursprache des Originals lediglich zitiert, ist manchen zu wenig. Und so registrieren Kritiker sehr genau, dass Kulkas Idee immerhin die Option lässt, den Riesensaal später vielleicht doch noch rekonstruieren zu können.



      Zum Projekt noch ein paar ergänzende Detailangaben aus einer BauNetz-Meldung:

      BauNetz: Meldung vom 04.02.2004
      Zeitgenössische Interpretation: Kulka baut Ostflügel des Dresdner Schlosses wieder auf

      Die Raumbeleuchtung (A: im Riesensaal) soll über indirekt strahlende Langfeldleuchten, die oberhalb der Deckenverkleidung angebracht werden, durch das Metallgewebe hindurch erfolgen. Als weiterer Einbau ist ein von den Außenwänden gelöster, als eigenständiger Baukörper ablesbarer Servicebereich im ersten Obergeschoss geplant. Eine ebenfalls frei eingestellte Empfangstheke im „Kleinen Schlosshof” soll als Anlaufstelle für die Besucher dienen. Die barrierefreie Erschließung wird durch unterschiedlich geneigte Ebenen ermöglicht, die Treppen und Rampen überflüssig machen.



      Peter Kulka zu seinem Projekt (Sendung auf dradio):

      Man musste sich ja entscheiden, was baut man wieder auf? Es gibt eine barocke Fassung, es gibt eine mittelalterliche Fassung - gleichwohl bin ich kein Rekonstrukteur, das weiß man. Ich bin ein moderner zeitgenössischer Architekt, und ich werde jede Gelegenheit nutzen, um mit der neuen Aufgabe "Schlossmuseum" - da wo es angebracht ist und in Abstimmung mit dem Bauherrn und der Denkmalpflege - auch ein zeitgenössisches Zeichen zu setzen. Dazu gehört auch der Riesensaal. Es ist so, dass wir diesen Riesensaal in seiner Geometrie herstellen werden, aber - er wird auch ein neuer, moderner, grandioser Saal werden. Ich hoffe, er wird so schön werden wie der alte Riesensaal auf seine Weise.


      „Ich bin ein moderner, zeitgenössischer Architekt, und ich werde jede Gelegenheit nutzen… auch ein zeitgenössisches Zeichen zu setzen.“
      Der aktuelle Disput zur Englischen Treppe belegt, dass das keine „leere Drohung“ war.

      „Ich bin kein Rekonstrukteur, das weiß man“
      Die Wahl von Kulka war auf jeden Fall eine große Vorentscheidung und wie schon mal gesagt, in gewisser Hinsicht eine große Niederlage für die Reko-Anhänger.

      Nun noch mal zu der Formulierung im obigen SZ-Artikel:
      „Und so registrieren Kritiker sehr genau, dass Kulkas Idee immerhin die Option lässt, den Riesensaal später vielleicht doch noch rekonstruieren zu können.“
      Das führte offenbar zu der irrigen Annahme:
      Der Riesensaal wird so hergestellt, dass man irgendwann die puristischen Einbauten von Kulka entsorgt und anschließend eben die historische Innengestaltung von Dilich rekonstruiert.
      Das blendet aber die Probleme mit der Ostwand aus. Das Wort „Option“ reflektiert lediglich den positiven, allerdings ganz und gar nicht selbstverständlichen Umstand, dass der Riesensaal in seiner Kubatur überhaupt kommt. Für den betreffenden Schlossbereich standen ganz andere Vorschläge ernsthaft zur Debatte.

      Diese „unselige“ Barockwand auf der Ostseite. Hier tobt sich wieder einmal das Grunddogma der bundesdeutschen Denkmalpflege aus, wonach die überlieferte materielle Substanz über alles geht. Diese „barocken Steine“ zu erhalten ist demnach ein Sakrileg, auch wenn sie zu einer „Zeitschicht“ also einem Bauzustand gehören, der von den Experten einvernehmlich als baukünstlerisch unbedeutende Leistung eingestuft wird.

      Zum Thema "Substanz" allgemein Mathias Donath:

      „Denkmalpflege heißt Geschichte erlebbar machen“
      Vortrag anlässlich des Symposiums „Nachdenken über Denkmalpflege“; November 2001

      …Zum goldenen Kalb dieser Theorie wurde der Begriff der Substanz. Denkmalpflege habe allein die Aufgabe, die Substanz historischer Bauten für kommende Generationen zu überliefern, „vorzuhalten“…Kennzeichnend für dieses Vorgehen, das in den letzten Jahren weit um sich gegriffen hat, ist eine reine Bestandssicherung des überkommenden Zustands. Das Bauwerk wird mit allen Überformungen und Zerstörungen bewahrt, auch wenn diese jüngeren Zeitschichten die historische Aussage des Denkmals beeinträchtigen. Jede *Bewertung* der historischen Schichten wird vermieden. Die künstlerisch herausragende Schicht, verdeckt von den Deformationen späterer Jahre oder Jahrhunderte, bleibt verborgen. Eine Freilegung oder gar Wiederherstellung von Fassadengestaltungen oder Raumfassungen ist ausgeschlossen.



      Es wird doch noch einen Teil 3 geben müssen, wie ich schon sagte, das Thema ist unerschöpflich. Da werde ich auch auf die Bemerkungen von GeorgFriedrich und jojojetz eingehen. Zu jojojetz nur soviel vorab: Du liegst völlig falsch mit deinen Anmerkungen.
    • Wie angekündigt, noch ein paar Ausführungen zur historischen Innengestaltung des Riesensaales und dazu, was hier eigentlich „verworfen“ wurde. Damit man nicht ständig „umblättern“ muss, hier noch mal die historischen Innenansicht:



      Quelle: bildindex der Kunst und Architektur

      Formulierung von Dirk Syndram:

      In den Jahren 1627 – 1650 (A: mit Unterbrechungen infolge des 30-jährigen Krieges) wurde der Riesensaal unter Leitung des Kurfürstlichen Oberlandbaumeisters Wilhelm Dilich (A: Baumeister und Topograph) gänzlich neu gestaltet, nun mit einem im Scheitel 9,6 m hohen hölzernen Tonnengewölbe weit in das Dach (A: also in das 3. OG) hineinreichend.


      Die folgenden Zitate stammen aus dem Buch von 1989: „Das Dresdner Schloss – Monument sächsischer Geschichte und Kultur“ (Das Bildprogramm der Fassung von Dilich ist dort ausführlichst beschrieben).

      Der Sockelbereich erhielt eine Marmorverkleidung…..
      Wesentlich wurde die Wirkung des Riesensaales auch durch die Ansichten sächsischer Städte bestimmt…..Alle Städtebilder entstanden nach (A: überlieferten) Vorlagen von Wilhelm Dilich, die dieser bei seinen topographischen Aufnahmen kursächsischer Städte gefertigt hatte….. Diese Anordnung der Stadtansichten im Riesensaal entsprach genau der historisch entstandenen Stellung und Rangfolge der Städte in der Ständeversammlung, dem Landtag (A. wie mehrfach formuliert, beinhaltete die Ausmalung eine tiefe Programmatik)…

      Ein weiteres entscheidendes Element der Ausmalung waren die so genannten Nationes, überlebensgroße Darstellungen von Völkerschaften aus allen vier damals bekannten Erdteilen. In den Leibungen der Fenster befindlich (A: siehe historische Gesamtinnenansicht) zeigten sich folgende Nationen dem Betrachter: Hispanus, Gallus, Italus, Germanus (A: dies vermutlich ein Selbstbildnis von Dilich), Russus, Moscovitus, Japo u.s.w. (A: zum Beispiel diese Darstellungen sind als bunte, detaillierte Zeichnungen im Kupferstichkabinett erhalten.)….
      Von der bis 1627 bestehenden Ausmalung des Riesensaales hatte man das Kriegermotiv wieder aufgenommen, jedoch ebenfalls neu gestaltet. Die nunmehr nur noch zehn nachweisbaren Krieger erreichten die beachtliche Höhe von etwa 4 Metern. (A: Die Krieger waren in den Bereichen zwischen den Fenstern positioniert – man erkennt es „mit gutem Willen“ auf der historischen Gesamtansicht)….
      (A: Die im Text anschließenden Erklärungen zum Bildprogramm der Nord- und Südwand lassen die Annahme zu, dass auch diese Flächen anhand von Zeichnungen gut dokumentiert sind).
      Alle diese Bestandteile der Gemäldeausstattung des Riesensaales überwölbte der die Segmentfelder oberhalb der Städtebilder umfassende blaue Himmel der Decke (A: geschmückt mit den zwölf Sternbildern des Tiekreises).

      (Zur kunsthistorischen Bedeutung des Saales in der Dilich-Fassung)
      Der Riesensaal, in dem im 16. und 17. Jahrhundert die großen Staatszeremonien und Festlichkeiten der Wettiner stattfanden und der neben der Schlosskapelle die Hauptwirkungsstätte von Heinrich Schütz bildete, bestand in dieser zweiten Ausstattung bis zum Schlossbrand von 1701 (A: die 1. mit der niedrigeren Decke stammt aus der Mitte des 16. Jhd).


      Wie bereits gesagt, wird der Riesensaal zum wichtigsten Ausstellungsraum der Rüstkammer gestaltet, dies ist übrigens ebenfalls eine Dresdner Sammlung von Weltrang mit u. a. prächtigen Prunkwaffen und Harnischen aus de „Ritterzeit“. Stellt Euch mal das folgende Arrangement im historischen Ambiente des Raumes vor (Auszug: Aktuelle museale Konzeption für die Ausstellung der Rüstkammer):
      Im Riesensaal sind beispielsweise Turnierinszenierungen von Harnischen für Mann und Ross geplant, die natürlicherweise einen großen Platz beanspruchen.

      Die folgende Abbildung zeigt eine Planskizze der 1980er Jahre zur ehemals vorgesehenen Innengestaltung des Riesensaales.



      Quelle: bildindex der Kunst und Architektur

      Zur Anmerkung von Jojojetz:

      Der Königsweg wäre für mich natürlich, den Riesensaal innen etwas freier (wegen der neuen Fensteranordnung) nachzuschöpfen aus den alten Stichen. Aus einer Zeit in der es noch keine Fotos gab, dürfte eine exakte Kopie ohnehin nicht möglich sein.


      Im Sächsischen Staatsarchiv liegen die originalen Baupläne und Entwürfe von Dilich, das Bildprogramm ist wie bereits gesagt anhand zahlreicher detaillierter Zeichnungen im Dresdner Kupferstichkabinett dokumentiert. Die Deckenwölbung kann anhand archäologischer Befunde (Putzabriss) geometrisch verifiziert werden.
      Wenn man hier rekonstruiert, dann natürlich so nahe wie möglich am Original. Nehmen wir zum Beispiel mal die Kriegergestalten, die – wie schon gesagt – zwischen den Fenstern positioniert sind. Wenn hier die Abmessungen jetzt kleiner oder größer sind als im Zustand, auf den diese Gemälde bezogen sind, dann musst du das Bild „skalieren“ und dann stimmt aber auch die Höhe nicht mehr – die Figur wird zu klein oder zu groß. Noch unmöglicher ist eine Parallelverschiebung der Wände für die Segmentfelder der Decke. Die Diagonalen der Deckenteilfelder sind auf die Stadtansichten neben bzw. über den Fenstern bezogen. Das wäre überhaupt nicht anpassbar bei unterschiedlichen Fensterachsen und –breiten. Aus den rechteckigen Deckenfeldern würden damit Parallelogramme. Und so weiter und so fort.

      Zur Anmerkung von Georg Friedrich:

      Die Sache mit dem Riesensaal erinnert mich doch sehr stark an den Kaisersaal der Münchner Residenz….Dieser einmalige Präzedenzfall wird doch hoffentlich von den Verfechtern einer Rekonstruktion des alten Riesensaals ins Feld geführt?


      Du hast den Finger drauf, das war tatsächlich ein ganz wichtiger Argumentationspunkt. Ich erinnere mich an einen Artikel in der SZ, wo dieses Thema – allerdings sehr süffisant – behandelt worden ist: Mit dem Unterton, frei nach Heine: Sie (die Kritiker stammten ja aus „weit westlich von Dresden gelegenen Regionen“), Sie predigen öffentlich Wasser und trinken selber Wein. Das war zeitweise eine wirklich unschöne Diskussion. Leider habe ich diesen Artikel noch nicht gefunden – möglicherweise doch nicht aufgehoben.
    • Zum laufenden Bauprojekt Ostflügel gehört die Restaurierung des nordöstlichen Wendelsteines im Großen Schlosshof. Zunächst 2 Fotos zum Zerstörungsgrad:





      Quelle: bildindex der Kunst und Architektur

      Ein Satz, der in allen diesbezüglichen SIB-Interviews bzw. Presseberichten nie fehlte und immer wortgleich kam, bereitet mir gewisse Bauchschmerzen:

      Am eingerüsteten nordöstlichen Treppenturm sind noch Reliefarbeiten aus der Renaissance vorhanden. Sie werden gesichert und sparsam ergänzt. Aber lassen wir uns mal überraschen. Die Auftragsbeschreibung in den Ausschreibungsunterlagen klingt eigentlich "anders" als "sparsam":

      Kurze Beschreibung des Auftrags:
      Restaurierungs- und Bildhauerarbeiten Lisene: Wiederaufbau Dresdner Schloss, Restaurierung des Treppenturms Nordost. Im Rahmen des Wiederaufbaus des Ostflügels des Dresdner Residenzschlosses ist die Restaurierung der Sandsteinarbeiten an der Renaissancefassade des Treppenturms Nordost (Höhe ca. 17 m) vorgesehen. Der derzeitige Erhaltungszustand der während der Bombardierung Dresdens 1945 stark geschädigten Fassade ist sehr inhomogen, die historische Substanz jedoch noch in großem Maße vorhanden. Der in den meisten Teilen verwendete Cottaer Sandstein weist mitunter schwere Verwitterungsschäden auf. Die Arbeiten umfassen die Konservierung und Restaurierung des Sandsteins, sowie die bildhauerische Ergänzung fehlender Details des qualitätsvoll gearbeiteten plastischen Fassadenschmucks.

      Umfang des Auftrags:
      ca. 150 m2 Oberflächenreinigung;
      ca. 0,7 m2 Abnahme von Kotablagerungen;
      ca. 0,9 m2 Entfernen von Krusten;
      ca.14 St. Entfernen von Eisenteilen;
      ca. 3,2 m2 Steinfestigung; ca. 0,7 m2 Hinterfüllen von Schalen;
      ca. 1 m2 Anböschen;
      ca. 57 lfd.m Risssanierung;
      ca. 74 lfd. m Fugensanierung;
      ca. 14 m2 Ergänzungen mit teilweiser Modellentwicklung (davon ca. 11,5 m2 als z. T. bildhauerisch gestaltete Vierungen sowie ca. 2,5 m2 in Steinersatzmörtel);
      Entfernen von Alterergänzungen in geringem Umfang.

      VERTRAGSLAUFZEIT BZW. BEGINN UND ENDE DER AUFTRAGSAUSFÜHRUNG:
      Beginn: 2.5.2006. Ende: 15.12.2006.
    • Beitrag in DNN von heute:

      Hilferuf nach mehr Restauratoren

      In einer Woche soll das Historische Grüne Gewölbe komplett sein. Für den 1. September hat sich die Bundeskanzlerin angemeldet. Danach findet ein Sonderprogramm in der einzigartigen barocken Schatzkammer statt und ab 15. September öffnet sich die Besucherschleuse zu den Prunkräumen im Dresdner Schloss für die Öffentlichkeit…..
      Zwei feste und fünf Restauratoren mit Zeitverträgen bis Oktober arbeiten wie die Bienen. Ein reichliches Drittel der Exponate muss dennoch ungereinigt gezeigt werden. Ob es das Publikum bemerkt, sei dahingestellt. Den Experten wäre etwa bei den Juwelengarnituren der richtige Glanz lieber.


      dnn.de/dnn-heute/65123.html
    • "BautzenFan" schrieb:

      Restaurierung des nordöstlichen Wendelsteines

      Ein Satz, der in allen diesbezüglichen SIB-Interviews bzw. Presseberichten nie fehlte und immer wortgleich kam, bereitet mir gewisse Bauchschmerzen:

      Am eingerüsteten nordöstlichen Treppenturm sind noch Reliefarbeiten aus der Renaissance vorhanden. Sie werden gesichert und sparsam ergänzt. Aber lassen wir uns mal überraschen. Die Auftragsbeschreibung in den Ausschreibungsunterlagen klingt eigentlich "anders" als "sparsam"

      Du machst Dir sorgen, ob diese Ausschreibung dem Kriterium der Sparsamkeit entspricht. Wenn ich mir die geschätzten zu restaurierenden/konservierenden Quadratmeter und Laufmeter in Relation zur Gesamtfläche stelle, denke ich, dass dieses Kriterium mehr als erfüllt ist. Der Wiederherstellung des Wendelsteines soll ja eher eine konservierende Behandlung zugute kommen. Von daher empfinde ich, dass die Ausschreibung vor allem Arbeiten auflistet, welche wirklich nur konservatorischen Charakter haben:
      Umfang des Auftrags:
      ca. 150 m2 Oberflächenreinigung;
      ca. 0,7 m2 Abnahme von Kotablagerungen;
      ca. 0,9 m2 Entfernen von Krusten;
      ca.14 St. Entfernen von Eisenteilen;
      ...

      Eine Generalreinigung ist sicher mal unerlässlich; insbesondere das Entfernen von Eisenteilen ist unerlässlich, falls diese der Witterung ausgesetzt sind und sich bereits im Korrrosionsstadium befinden, und dadurch Steinteile wegsprengen.
      ca. 3,2 m2 Steinfestigung; ca. 0,7 m2 Hinterfüllen von Schalen;
      ca. 1 m2 Anböschen;
      ...

      Die Steinfestigung und das Hinterfüllen von Schalen ist die bessere Variante als der komplete Ersatz dieser beschädigten Steinpartien, und schont dadurch die historische Bausubstanz. Unter "Anböschen" verstehe ich, dass man horizontale Flächen in eine leicht geneigte Lage zurückarbeitet, damit das Regenwasser abfliessen kann und nicht liegenbleibt. 3,2 m2 Steinfestigung, das sind nur 2% der Gesamtfläche!
      ca. 57 lfd.m Risssanierung;
      ca. 74 lfd. m Fugensanierung;
      ...

      Wenn ich mir die beiden Photos oben anschaue, erkennt man unschwer mindestens 5cm breite, klaffende senkrechte Risse, welche durch das ganze Bauwerk gehen. Nur schon eine ledigliche Konservierung der "Ruine" verlangt nach einer Schliessung solcher statischer Risse! Eine Fugensanierung ist eine reine Unterhaltsmassnahme, und muss bei jedem Bauwerk, welches aus sichtbarem Naturstein besteht, regelmässig durchgeführt werden (auch bei den unzähligen Gründerzeitbauten!). Die Fugen müssen ja aus weicherem Mörtel als der Stein selbst bestehen, damit sich die Steine bei Feuchtigkeitsaufnahme ausdehnen können. In den 20er bis 40er Jahren wurden die Fugen oft mit hartem Zementmörtel verschlossen, welcher die weicheren Natursteine deshalb sprengen liess. Dieser Bauschaden trat oft auch bei Bauhaus-Bauten aus Sichtbackstein auf! Weicher Fugenmörtel aus Kalk wird mit der Zeit ausgewaschen, und muss deshalb von Zeit zu Zeit wieder ergänzt werden.
      ca. 14 m2 Ergänzungen mit teilweiser Modellentwicklung (davon ca. 11,5 m2 als z. T. bildhauerisch gestaltete Vierungen sowie ca. 2,5 m2 in Steinersatzmörtel);
      Entfernen von Alterergänzungen in geringem Umfang.

      14 m2 Ergänzungen - das sind nur gut 9% der Gesamtfläche! Wenn man die massivsten Schäden an den Gesimsen, Lisenen und Fenstergewänden auf den beiden Photos betrachtet, dürfte das den 9% entsprechen. Wahrscheinlich bereitet Dir wohl dieser Punkt am meisten Bauchweh. Oder könntest Du dir denn vorstellen, dass man den optisch ruinösen Zustand des Wendelsteines ohne jegliche Ergänzung sichert und konserviert?
    • @Riegel

      Die beiden „Ruinenfotos“ hatte ich ausgewählt, um den Zerstörungsgrad des nordöstlichen Wendelsteines zu veranschaulichen. Das ist aber nicht mehr der Ist-Zustand. Bei den baulichen Arbeiten am Nordostflügel des Schlosses (Abschnitt zwischen Hausmannsturm und Georgentor – Rohbau mit Dach und Fenstern) war offensichtlich auch eine statische Sicherung des nordöstlichen Wendelsteines vorgenommen worden. Diese bereits in den 1990er Jahren realisierte Maßnahme beinhaltete auch die Aufmauerung des oberen (schmaleren) Turmschaftes. Dieser obere Teil wurde verputzt, hat aber noch keine Fenster. Das folgende relativ aktuelle Foto verdeutlicht das, es zeigt aber nur den obersten Teil des Treppenturmes. Die Haube wurde damals noch nicht aufgebracht.

      [url=http://www.dehio.org/zeitschichten/downloads/schloss_zeitschichten.jpg]http://www.dehio.org/zeitschichten/downloads/schloss_zeitschichten.jpg
      [/url]

      Weitere Fotos zum aktuellen Zustand:
      Grosser Schlosshof - Dresdner Schloss
      Aus der Bilderserie vom Großen Schlosshof:
      Quelle: Architektur klassisch: Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden e.V.
      Abbildungen: © 2002 T. Kantschew

      In den Ausschreibungsunterlagen hieß es:
      Kurze Beschreibung des Auftrags:
      Restaurierungs- und Bildhauerarbeiten Lisene:….


      Das müsste man eigentlich so deuten (hoffe ich), dass sich die „Umfangs“-angaben (zum Beispiel die m2-Zahlen) nur auf die bildhauerische Restaurierung der Lisenen beziehen – nicht auf den gesamten Wendelstein. Und mit dieser Annahme sieht die Sache dann doch eher so aus, dass ein ähnlich (soll heißen optisch weitgehend „vollständiger“) Zustand wie am nordwestlichen Wendelstein hergestellt wird:
      Quelle: Architektur klassisch: Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden e.V.">Architektur klassisch: Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden e.V.
      Foto: John Dykema - 2002


      Die Fortsetzung des mir verfügbaren Ausschreibungstextes (das ist ja nur die Kurzfassung, die genauen Texte muss man gegen Gebühr anfordern) – also die Fortsetzung nach: „Restaurierungs- und Bildhauerarbeiten Lisene“ – ist dann allerdings tatsächlich nicht eindeutig formuliert. Du hast das u.a. so interpretiert:

      14 m2 Ergänzungen - das sind nur gut 9% der Gesamtfläche! Wenn man die massivsten Schäden an den Gesimsen, Lisenen und Fenstergewänden auf den beiden Photos betrachtet, dürfte das den 9% entsprechen. Wahrscheinlich bereitet Dir wohl dieser Punkt am meisten Bauchweh. Oder könntest Du dir denn vorstellen, dass man den optisch ruinösen Zustand des Wendelsteines ohne jegliche Ergänzung sichert und konserviert?


      Nur auf die Lisenen bezogen, wären das dann nicht nur 9%, sondern könnten sogar 100% sein (ich kann die Breite der Lisenen schlecht schätzen).
      Dass die Mengenangaben "mehr" bedeuten, schließe ich auch daraus, dass offenbar das Erdgeschoss insgesamt extra vergeben wurde:

      Am 6.6.2006 wurde folgender Auftrag an einen Leipziger Diplombildhauer vergeben:
      Kurze Beschreibung des Auftragsvolumens:
      Bildhauerarbeiten TTNO EG (= Treppenturm Nordost. Erdgeschoss)
      Endgültiger Gesamtauftragswert:
      Wert: 192.622,38 EUR.
      einschließlich MwSt. MwSt.-Satz (%) bei 16.


      Ich weiß von anderen Bauvorhaben, dass die öffentlichen Auftrageber in Sachsen angehalten sind, da wo es geht, im Interesse der klein- und mittelständischen Wirtschaft kleine Lose zu vergeben.
      Kurze Anmerkung: Wenn hier solche Infos nur fragmentarisch auftauchen, liegt das nicht an meiner willkürlichen Auswahl, sondern daran, dass man diese Infos nur fragmentarisch „findet“.

      Das waren meine Gedanken, die mich zu der optimistischen Annahme brachten, dass das Wort „sparsam“ vermutlich?/hoffentlich? von mir überbewertet worden ist. Deswegen:
      Lassen wir uns doch wir mal überraschen.
      Deine Frage zu meinen Bauchschmerzen:
      Die Gestaltung des NW-Wendelsteines hat eben große Erwartungen erzeugt. Der dortige Zustand – und dann das Wort „sparsam“ in Bezug auf den NO TT – da kriege ich gleich wieder Krämpfe, wenn ich an diese Denkmalpflege-Dogmen denke. Der NW-Turm war nämlich noch ohne diese Dogmen gestaltet worden:

      Meine Hoffnung:
      Nicht gewisse Ergänzungen (genau das aber suggeriert das Wort sparsam) - sondern Wiederherstellung möglichst des vollständigen Bildes.
      Vom Dokumentationsstand wäre das möglich.
    • Nur auf die Lisenen bezogen, wären das dann nicht nur 9%, sondern könnten sogar 100% sein (ich kann die Breite der Lisenen schlecht schätzen).
      ...
      Deine Frage zu meinen Bauchschmerzen:
      Die Gestaltung des NW-Wendelsteines hat eben große Erwartungen erzeugt. Der dortige Zustand – und dann das Wort „sparsam“ in Bezug auf den NO TT – da kriege ich gleich wieder Krämpfe, wenn ich an diese Denkmalpflege-Dogmen denke. Der NW-Turm war nämlich noch ohne diese Dogmen gestaltet worden:

      Meine Hoffnung:
      Nicht gewisse Ergänzungen (genau das aber suggeriert das Wort sparsam) - sondern Wiederherstellung möglichst des vollständigen Bildes.
      Vom Dokumentationsstand wäre das möglich.


      Wahrscheinlich habe ich dich missverstanden. Beim Schreiben meines vorigen Beitrags ging ich davon aus, dass Du Angst davor hast, dass am NO-Wendelstein zuviel restauriert bzw. ergänzt wird. Nach dem Lesen deiner Antwort habe ich mich gefragt, was Du wohl mit "Denkmalpflege-Dogmen" sowie "Nicht gewisse Ergänzungen - sondern Wiederherstellung möglichst des vollständigen Bildes" meinst. Erst jetzt nach dem drittmaligen Lesen deiner Antwort wird mir klar, dass Du ein möglichst perfektes Bild des NO-Wendelsteines wünschtest, und nicht ein Bild, bei welchem man alters- und kriegsbedingte Schäden noch sieht. Du hast also Angst davor, dass zu wenig ergänzt wird.

      Meine persönliche Meinung ist folgende, dass zuviel Geld für eine Restaurierung auch nicht das beste ist. Darf man denn einem Bauwerk seine Jahrhunderte auf dem Buckel nicht ansehen? Schau dich mal in Bologna (I) um; dort werden haufenweise Paläste mit Natursteinelementen seit den 80er Jahren nicht mehr restauriert und ergänzt, sondern nur noch restauriert und konserviert:



      Diese Fassade wurde ca. fünf Jahre vor der Aufnahme restauriert, und ist trotz des konservierten grossen Zerstörungsgrades immer noch prächtig anzusehen! Der Verkehr in dieser Gasse u.a. mit Dieselbussen ist unvorstellbar, und trotzdem ist die Fassade auf Jahre hinaus wieder gesichert.

      Zurück zu Dresden: ich bin hier der Meinung, dass dem NO-Wendelstein die gleiche restauratorische Sorgfalt wie dem NW-Wendelstein zugute kommen sollte, denn vom baugeschichtlichen und optischen Zusammenhang gehören sie zusammen. Bei den Bildhauerarbeiten wünsche ich allerdings ein Belassen von mehr Originalsubstanz, und kleine Fehlstellen sollte man ignorieren, da sie die Ausstrahlung des Bauwerks in keiner Hinsicht beeinträchtigen! Wenn ich auf Grosser Schlosshof - Dresdner Schloss das Bild auf der dritten Zeile rechts und jenes auf der untersten Zeile links nebeneinander betrachte, frage ich mich schon, ob denn weniger nicht mehr gewesen wäre... (ich bin mir bewusst, dass es sich nicht um dasselbe Relief handelt, ein Vergleich ist aber durchaus gestattet)
    • @Riegel

      Du hast Dich gefragt, was ich mit Denkmalpflege-Dogmen meine – Genau das hier:

      Matthias Donath
      Denkmalpflege heißt Geschichte erlebbar machen

      Die staatliche Denkmalpflege ist in eine Krise geraten. Eine wesentliche Ursache liegt in der zunehmenden Entfremdung zwischen der scheinbar wissenschaftlichen Denkmaltheorie und den Anforderungen der Öffentlichkeit. Aus den Schriften von Georg Dehio, Alois Riegl und Max Dvorak wurde ein immer dichter werdendes Regelwerk gebastelt, das vor allem aus Ver- und Geboten besteht und den Begriff der Substanz zum alleinigen Maßstab erhebt. Diese einengenden Gebote negieren jedoch einen zentralen Aspekt, den emotionalen Denkmalwert. Von historischen Bauwerken gehen Anregungen und Gefühlswerte aus, die sich nicht allein wissenschaftlich erfassen lassen (Anmerkung: bestes Beispiel Frauenkirche)….Geschichte lässt sich vor allem durch eine ganzheitliche, ästhetisch wirksame Präsentation der Monumente vermitteln. Der alleinige Rückgriff auf die Substanz ist ein Irrweg, der immer mehr auf Unverständnis stößt (Anmerkung: Die Grundthese von Dehio besteht in einem ausschließlichen Bewahren des in den Zeiten überkommenen Zustandes)….
      Verhängnisvoll sind die Auswirkungen der dogmatischen Denkmaltheorie auf die denkmalpflegerische Praxis. Den Wünschen einer breiten gesellschaftlichen Mehrheit nach Wiederherstellung oder Ergänzung historischer Zeugnisse schlägt eine breite Ablehnung von Denkmalpflegern entgegen. Rekonstruktion gilt als Geschichtsfälschung……
      Mit Unverständnis reagiert die Öffentlichkeit auf viele denkmalpflegerische Maßnahmen an überlieferten historischen Bauwerken. (Anmerkung: Kennst du die gegenwärtig realisierte Innengestaltung für das Neue Museum – Museumsinsel Berlin?) Die Verengung des Denkmalbegriffs allein auf die Substanz hat zu einer weitreichenden Einschränkung der denkmalpflegerischen Möglichkeiten geführt….


      Das waren Auszüge aus einem längeren Artikel (Vortrag) von Matthias Donath, wo mir wirklich jeder Satz aus dem Herzen gesprochen ist. Eigentlich hätte ich den gesamten Artikel zitieren müssen, kann sein, dass die von mir vorgenommene willkürliche Auswahl schon wieder neue Missverständnisse schafft, weil man das wirklich im Zusammenhang lesen sollte (8 Druckseiten, aber wirklich vorzüglich geschrieben).
      Hier ist der Link (aber lies vielleicht erst mal den Rest von mir):
      kunsttexte.de/download/denk/donath.PDF


      In speziellem Bezug auf den NO-Wendelstein im Schloss schreibst Du:

      Bei den Bildhauerarbeiten wünsche ich allerdings ein Belassen von mehr Originalsubstanz, und kleine Fehlstellen sollte man ignorieren, da sie die Ausstrahlung des Bauwerks in keiner Hinsicht beeinträchtigen!


      Da stimme ich Dir voll zu, aber meine Sorge beim Vernehmen des Wortes „sparsam“ war, dass ein Zustand hergestellt wird, bei dem man nur sparsam – also in sehr geringem Umfang ergänzt – im denkbaren Extremfall nur soviel, dass die konstruktive Festigkeit gegeben ist. Schau Dir mal den Ausgangszustand des bildhauerischen Schmucks am Wendelstein an (Zustand ab Februar 1945) – hier geht es nicht um das Belassen kleinerer Fehlstellen, hier fehlen riesige Teile.
      (Sparsam war übrigens in den „Quelltexten“ nicht im Sinne von: Wir machen das im Interesse der Steuerzahler kostengünstig = sparsam gemeint, sondern im Sinne von: Es wird nur in geringem Umfang ergänzt. Das wäre dann natürlich gleichzeitig kostengünstiger, aber so war es - wie gesagt - es nicht gemeint).
      Ich will Dir meine Befürchtungen mal am Beispiel des Thomae-Altares in der Dreikönigskirche (Dresden-Neustadt) veranschaulichen. Der stark zerstörte Altar wurde ganz entsprechend der in Deutschland gültigen Denkmalpflege-Dogmen restauriert: Die überkommene „Substanz“ wurde bewahrt – Schluss – aus. Bist Du wirklich der Meinung (ich verwende jetzt Deine Formulierung), dass die Ausstrahlung des Bauwerks (im konkreten Fall des Altars) nicht beeinträchtigt ist???
      Der „fertige“ Ist-Zustand des Altars (nach unten scrollen, die 3 untersten jeweils rechts übereinander stehenden Aufnahmen; schau Dir das unbedingt auch in Großansicht an):

      dresden-und-sachsen.de/dresden/dreikoenigskirche.htm

      Und das war der Vorkriegszustand:




      Nun zu Deinem Vergleich mit Bologna. Ich war leider noch nicht in dieser Stadt und deshalb habe ich vorsichtshalber im Brockhaus nachgeschaut. Dort stand freilich genau das, was ich erwartet hatte (kurzer Auszug):

      Mittelpunkt der seit 1972 umfassend sanierten Altstadt mit zahlreichen (!) Palästen aus dem 13. – 18. Jahrhundert (!) ist die Piazza Maggiore….Zu den zahlreichen (!) bedeutenden (!) Kirchenbauten gehören u. a. der Dom San Pietro mit barocker Innenausstattung (!)…..


      Die Aufzählung der historischen Bauwerke ist sehr, sehr lang.

      Siehst Du, und genau das ist der fundamentale Unterschied zwischen Bologna, Florenz, Venedig – und wie die Schmankerln alle heißen und andererseits Dresden, Köln, Frankfurt u.s.w. Viele deutsche Städte und eben auch Dresden sind ihrer baulichen Geschichtlichkeit zu einem sehr großen Teil beraubt. Dieser Umstand – nächster prinzipieller Unterschied – ist nicht auf natürliche Alterungsprozesse zurückzuführen, dieser Umstand ist das Ergebnis jeweils einer Nacht oder einiger weniger (Bomben-)Nächte. Das ist eine psychologisch völlig andere Ausgangssituation. Bei den wenigen authentischen Dresdner Bauwerken geht es nicht vordergründig darum, die Patina zu erhalten. Bei diesen wenigen authentischen Bauzeugnissen sollte man so rekonstruieren (im Sinne von wiederbringen), dass – ich zitiere Dich noch einmal – „die Ausstrahlung des Bauwerkes (oder Bauteiles)“ wieder erlebbar ist. Und da kann man eben nicht nur die „überkommene Substanz“ bewahren. Das meinte ich mit Denkmalpflegedogmen.

      Als Dehio seine Thesen aufstellte, befand sich Deutschland in einer analogen „Luxus“-Situation wie heute noch Italien: Das Land war üppigst ausgestattet mit historischen Bauwerken in nicht selten grandioser Qualität. Das ist bekanntlich heute nicht mehr so. Schon allein wegen dieser Ausgangssituation würde heute wohl auch Dehio seine Meinung zu Rekonstruktionen ändern. Außerdem waren die Grundsätze Dehios gegen „Rekonstruktionen“ gerichtet, die auf nicht oder nur sehr unzureichend fundierter Quellenlage beruhten. Die Bauwerke, die heute in Deutschland rekonstruiert werden könnten/müssten/sollten, sind aber ausnahmslos hervorragend dokumentiert. Das Heidelberger Schloss – daran entzündete sich die damalige Diskussion, in deren Ergebnis Dehio seine Grundsätze aufstellte - war eben im Gegensatz zum nordöstlichen Wendelstein bei weitem nicht in dieser Detailgenauigkeit dokumentiert (zum Beispiel durch Fotos).

      Hier möchte ich jetzt erst einmal schließen, obwohl zum Thema natürlich noch längst nicht alles gesagt ist. Aber dies ist ein Forum, und das lebt nun mal von Rede und Gegenrede, nicht von Monologen.