Das Dresdner Schloss

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    • george-orwell wrote:

      Hallo,

      ist bekannt wie weit der Rahmen fürs Staatsportrait im EPS ist.

      VIELEN DANK
      Die mit der Vergoldung des Rahmens beauftragte Restauratorin war heute im Schloss und hat auf die Frage, wann der Rahmen kommt, geantwortet: "Er ist fertig, wenn er fertig ist." Außerdem muss wohl noch entschieden werden, wie "neu" die Vergoldung im Zusammenspiel mit dem ja durchaus nachgedunkelten Porträt aussehen soll. Evtl. muss dann noch etwas "nachgealtert" werden.
    • Der mdr hat eine Reportage über den Wiederaufbau des Dresdner Schlosses angekündigt.
      Sendetermin: 31.10.2019, 17:45 Uhr (ca. 45 min)
      Wer in Sachsen arbeitet, ist – was den Ausstrahlungstermin betrifft - klar im Vorteil, denn der 31.10. ist hier ein Feiertag (Reformationstag). Aber die Sendung wird dann sicher auch in der mediathek verfügbar sein.

      mdr wrote:

      Wo Sachsens Sonnenkönig regierte – Das Residenzschloss Dresden
      Es ist die wohl teuerste Baustelle Sachsens - das Dresdner Schloss. Mehr als 340 Millionen Euro flossen in den aufwendigen Wiederaufbau. Die Gemäuer, in denen seit über 600 Jahren die sächsischen Kurfürsten residierten, wurden im Zweiten Weltkrieg zu fast 85 Prozent zerstört. Zu DDR-Zeiten fehlten bis in die 1980er Jahre Geld, Material und politscher Wille für den Schlossbau. Immerhin begann man 1986 mit der Sicherung der Ruine.

      Die Bauarbeiten starteten 1990.
      Heute zeigt sich der „Sächsische Louvre" wieder in seiner ganzen Pracht und Opulenz. Die verdankt das Schloss nicht zuletzt August dem Starken, der vor 300 Jahren anlässlich der Hochzeit seines Sohnes prunkvolle Paraderäume errichten ließ. Ballsaal, Thronsaal, Schlafgemach - Vorbild dafür war Versailles. Auch heute sind französische Spezialisten für die originale Ausstattung zuständig. „Auf jeden Fall haben wir hier Originalteile, die es in Versailles nicht mehr gibt, das betrifft vor allem das Audienzgemach mit seinen prachtvollen Goldstickereien aus Paris - in den Werkstätten des Sonnenkönigs gefertigt. Und wer das erleben will, wer Versailles zur Zeit des Sonnenkönigs erleben möchte, der muss dann nach Dresden kommen!", schwärmt die Kunsthistorikerin Dr. Sabine Schneider.

      Die MDR-Dokumentation zeigt die unglaubliche Wiederauferstehung des Schlosses aus Ruinen, gekrönt vom Wiederaufbau der barocken Prunkräume. Sie erzählt über die restauratorische Feinarbeit an den riesigen Deckengemälden von Louis de Silvestre. Das Kamerateam war dabei, als in Florenz und Genua die teuren Samt- und Goldbahnen für die Wandbehänge der Gemächer entstanden. Alles per Handarbeit auf Webstühlen, wie vor 300 Jahren. Stoffe, die man auch in dem weltweit einzigartigen sechs Meter hohen Paradebett August des Starken wiederfindet. In dem wurde übrigens niemals geschlafen. "Es sind ja königliche Empfangsräume“, erklärt Chefrestaurator Hans Walter, „und es ist ein großes Theater gewesen 1719, mit dem August der Starke alle beeindrucken wollte!"
      Ich erwarte eine sehr interessante Dokumentation, aber die von mir rot kolorierten Sätze will ich nicht unkommentiert stehen lassen. Die Bauarbeiten starteten nicht erst 1990, sondern 1986. Richtig ist natürlich, dass der DDR bei diesem gigantischen Vorhaben recht schnell die Puste ausging und dass es dann ab1990/91 mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts ging. Aber dass bis 1990 nur Arbeiten zur Sicherung der Ruine erfolgten, ist definitiv falsch. Bei den folgenden Bildern handelt es sich um Schnappschüsse aus der filmischen Dokumentation *Von der Ruine zum Richtfest* (herausgegeben 1994 vom Sächsischen Finanzministerium).. Sie stammen aus historischen Filmaufnahmen, die im Herbst1988 entstanden. Damals erhielten die ersten beiden Türme des Schlosses (die straßenseitigen Ecktürme des Westflügels) ihre kupfernen Hauben:







    • Die SKD haben gestern ein kurzes (knapp 3 min) Video veröffentlicht, in dem das Schicksal der vermissten Porzellane im Turmzimmer behandelt wird. Ich hatte ja bislang vermutet, dass diese Stücke „ganz offiziell“ von der so genannten Trophäenkommission der Roten Armee eingesammelt worden sind und dann in den 1950er Jahren nicht mit zurückkamen. Aber die Geschichte ist viel krasser:
      youtube.com/watch?v=QFrsK93u5eU


      Und noch ein schöner Foto-Fund – eine Detailaufnahme von einer der 3 Giebelfiguren auf dem Westflügel.

      Von SchiDD -Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0 (Bildausschnitt),
      commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=60071546

      Detailaufnahme
      (kann stark vergrößert werden - einfach nach dem Öffnen draufklicken)

      Zur Erinnerung nochmal die wichtige Info von eryngium:

      eryngium wrote:

      Die Figuren auf allen Giebel-Voluten des Hofes wurden ikonografisch entziffert und sollen kommen. Die seit fast 30 Jahren bestehenden sind zu klein, waren aber auch nur ein Versuch mit Spolien von anderen Objekten, wenn ich es richtig verstanden habe.
    • Den Beitrag zum Porzellan des Turmzimmers fand ich auch interessant. Übermäßig überrascht bin ich aber nicht. Mir sind ähnliche Schilderungen in Archiven schon häufiger begegnet. Insbesondere währende der sog. Bodenreform ist vieles mutwillig oder aus Unwissenheit zerdeppert worden. Gerade die Porzellansammlungen dürfte in ihren zahlreichen Auslagerungsorten einen Großteil ihrer Verluste diesen Übergriffen und nicht planmäßiger Plünderung zu verdanken haben.
      Allerdings ist ein Verlust von 3/4 natürlich schon heftig. Ich hoffe nicht, dass man wirklich derart viele Leerstellen lässt. Würde in meinen Augen den Aufwand zur Raumrekonstruktion doch etwas konterkarieren.
    • Über die Spiegelherstellung für das Schloss:

      mdr wrote:

      Dresden: Neue Spiegel für den Königlichen Paraderaum August des Starken

      Seit dem Wochenende gibt es einen Grund mehr, Dresden zu besuchen. Mit sächsischem Know-how wurden der Königliche Paraderaum und das Porzellan-Kabinett August des Starken im Residenzschloss Dresden renoviert.
      mdr.de/suche/video-342276_zc-13f2fa39_zs-8454ba72.html
      Die Moderne verleugnet ihre Herkunft, weil sie fürchtet, die Auseinandersetzung mit ihr könnte sie überfordern - oder ihr gar ihre eigene Banalität vor Augen führen. — Dr. Melanie Möller
    • fabsinia wrote:

      Im Vergleich zum Thronsaal in Berlin ist das alles ziemlich bescheiden, muss ich überrascht feststellen. Die Räume von Schlüter etc in Berlin sind um Welten prächtiger, sieht zumindest auf Fotos so aus.
      Warum ist das so? Kann mir da jemand Licht ins Dunkel bringen, bitte :)


      Das hier zum Beispiel
      Ich finde der nachfolgende Filmbeitrag bringt Licht ins Dunkel. Er zeigt recht schön, dass die vermeintliche Dresdener Bescheidenheit sich in der Materialität (kiloweise Echtgold in teuersten Textilien) tatsächlich nicht widerspiegelt. Im Gegenteil. Seidensamte und Goldstoffe sind handwerklich und in den Herstellungskosten den kunstmarmornen und öl- bzw. blattvergoldeten Stuck-Dekorationen anderer barocker Parade-Suiten mehr als ebenbürtig.

      ardmediathek.de/mdr/player/Y3J…ens-sonnenkoenig-regierte

      Zudem kann man gut erkennen, dass es deutliche stilistische Unterschiede zwischen
      - einerseits den hochbarocken (an italienischem Vorbild orientierten) Raumschöpfungen um 1700 in Berlin oder (vorher) in den alten Räumen in Versailles und
      - andererseits den klassisch spätbarocken (an dem um 1718 hoch-aktuellen französischen Barock-Klassizismus orientierten) Wand- und Deckengliederungen im Dresdener Paradeappartement
      gibt.

      Kann man Hochbarock und Spätbarock deutlich abgrenzen?
      Die Übergänge sind natürlich fließend.
      Warum sprechen (echt) Fachleute für die Dresdener Räume von Spätbarock?
      Dresden kommt schon im Wesentlichen ohne kleinteilige Fragmentierung der Decken aus und ist im Wand-Dekor - orientiert an neuester französischer Mode - schlicht, mehr geradlinig und eben klassisch. Dafür in der Materialität hoch verfeinert.
      20 und mehr Jahre ältere Raumschöpfungen quellen noch in unterschiedlichen Dekoren, Mustern, Materialitäten schier über (Hochbarock).

      In den alten Versailler Räumen gibt es z.B. i.d.R. noch kassettierte Decken mit 5 und mehr Einzelbildern in Goldrahmen.
      In Dresden fasst man die Decken - 1718 hochmodernen französischen Raumschöpfungen folgend - als komplette Fläche auf und schafft je 1 zusammenhängendes Bild; eine Entwicklung die sich in der Kunstgeschichte lange fortsetzt (Barock-Klassizismus) von der kleinteiligen, wieder fragmentierenden gegenläufigen Entwicklung des (v.a. süddeutschen (?)) Rokoko abgelöst wird.

      Insgesamt kann man bei Hochbarock, Spätbarock und Rokoko aber tatsächlich nicht von zeitlich linearen Entwicklungen der Kunstgeschichte ausgehen. Vielmehr ist die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher "Geschmacksrichtungen" und Architektur-Zitaten in Abhängigkeit vom Geschmack des Bauherrn als "normal" anzusehen.


      Beispiel: Rheinsberg zeigt zusammenhängende Deckengliederungen. In den Nymphenburgen Rokoko-Schöpfungen und in Sanssouci kommt es oft zu einer Fragmentierung großer homogener Flächen und zur Auflösung gerader Formen. Mit dem Erdmannsdorff-Wörlitzer Klassizismus, der nach Berlin exportiert wird, wird der bereits ab 1715 einsetzende Barock-Klassizismus ab 1763 erneut weiterentwickelt und die Gegenbewegung des Rokoko "abgebrochen".

      Fazit:
      - Je genauer man schaut, desto mehr verwischen behauptete lineare Stilentwicklungen.
      - Je genauer man über Material, Herstellung und geschichtliche Hintergründe von Raumkunstwerken weis, desto mehr erkennt man (auf den ersten Blick) verborgene Qualitäten.

      The post was edited 3 times, last by eryngium ().

    • Das von eryngium verlinkte Video ist wirklich sehr zu empfehlen. Ich habe noch einige Anmerkungen zu dem dort mehrfach thematisierten 13. Februar 1985 – das war der Tag der feierlichen Wiedereröffnung der Semperoper. Um die Mittagszeit fand eine Großkundgebung auf dem Theaterplatz statt – mit geschätzten 200.000 Teilnehmer (man beachte den langen Kameraschwenk im Video ab ca. 26:28, wo man die Massen sieht). Nun war es natürlich bei solchen Veranstaltungen (Redeauftritt von Erich Honecker vor seinem Volk) Usus, dass man die Leute dort mit „sanftem Zwang“ hin karrte (aus Betrieben, Bildungseinrichtungen, Behörden etc.). Aber bei DIESER Veranstaltung wäre das wohl gar nicht notwendig gewesen. Das zeigte sich am Abend, als in der Oper die erste Aufführung nach 40 Jahren stattfand. Kaum jemand von den vielen Interessenten (den „Normalos“) hatte eine Karte ergattert – aber sie wollten trotzdem dabei sein. Hierzu ein Bericht, der am 11.02.2005 in der *Berliner Zeitung* erschien (aus Anlass des 20-jährigen Jubiläums der Wiedereröffnung der Semperoper). Die Autorin Ingeborg Kretzschmar, langjährig als Musikkritikerin für besagte Zeitung tätig, hatte den Angriff auf Dresden selbst erleben müssen.

      Berliner Zeitung wrote:

      Der 13. Februar 1985: Minus vierzehn Grad. Wie eine Mauer stehen die Dresdner im weiten Rund [Anm: auf dem Theaterplatz] und wärmen sich am Anblick ihres alten neuen Opernprunkstücks. Sie wollen dabei sein bei der Wiederauferstehung, auf Tag und Stunde genau vierzig Jahre nach der Zerstörung. Vielen schnürt es die Kehle zu, vor allem denen, die Dresdens apokalyptische Nacht wie durch ein Wunder überlebten. Im Scheinwerferlicht feiert das legendäre Bauwerk sich selbst, während drinnen die Freischütz-Ouvertüre erklingt.
      Wo in der Geschichte der Architektur gibt es ein Beispiel, dass ein Bauwerk nach den Plänen desselben Mannes zum dritten Mal entsteht, wie der Kehrreim eines Liedes? Welche Qualität des Entwurfes, welche Lebenskraft stecken in dem dreimaligen Anlauf….

      Das Bauwerk [Anm.: die am 13.2.1985 wieder erstandene Oper, also Semperoper Nr. 3] wurde mit ungeheurer Präzision erschaffen. Mühselig war die Rekonstruktion des gewaltigen Kronleuchters, der 4,2 Meter im Durchmesser maß und 1,9 Tonnen wog. Der alte Kapellmeister Striegler hatte immer behauptet, im Kronleuchter stecke das Geheimnis der phänomenalen Akustik. Mit Personal von sechsundfünfzig Gewerken und siebzig freiberuflichen Künstlern erstand die alte neue Semperoper in achtjähriger Bauzeit wieder. Es gab kein Ausweichen auf "Nachempfundenes", Kompromisse wurden nicht eingegangen. Bis auf das Blattgold war alles DDR-handgemacht. Das denkmalpflegerische Meisterstück galt danach als Maßstab. Die Sorgfalt hatte ihren Preis: Von 1976 bis 1985 flossen 225 Millionen DDR-Mark in den Bau.

      Neben dem primären Thema *Semperoper* gab es aber noch einen weiteren Punkt, der diesen Tag, den 13. Februar 1985, so interessant machte – Was wird Honecker zum Schloss ausführen? In den 1980er Jahren war das Gebäude nicht mehr „ideologisch“ gefährdet, man hatte längst allgemeine Statements abgegeben, dass es wieder aufgebaut werden soll. Aber die Entscheidung über solche megateuren Bauvorhaben fiel natürlich nicht in Dresden, sondern im Machtzentrum in Berlin (Politbüro). Und die Berliner Genossen scheuten sich lange, ihr endgültiges Okay zu geben (angesichts der Kosten). Im Video berichtet Hans Modrow, der Dresdner SED-Chef (einer mit viel Herzblut für die historischen Bauwerke der Stadt), wie man Honecker in eine Lage brachte, dass er in seiner Rede auf dem Theaterplatz am Thema *Schloss* nicht vorbei kam: Wir stellen Gerüste auf. Dieser Plan funktionierte bestens. Denn das war sofort Stadtgespräch: Am Schloss stehen Gerüste, jetzt geht’s bald los. Darüber erzählt auch Hans-Christoph Walther (als – wie er das formuliert – kleiner Stift/Lehrling),der am 13. Februar 1985 auf dem Theaterplatz dabei war und gespannt auf das wartete, was Honecker nun zum Schloss sagen würde (Video ab 26:59).
      In einer DDR-Veröffentlichung zum Schloss von 1989 (Herausgeber: VEB Gesellschaftsbau) las sich der Sachverhalt mit den Gerüsten dann wie folgt:

      VEB Gesellschaftsbau wrote:

      Die erste Eintragung im Bautagebuch des VEB (B) Gesellschaftsbau [Anm.: VEB = Volkseigener Betrieb] durch den GAN-Komplexbauleiter Gottfried Ringelmann:
      10. September 1984, 12.00 Uhr, 16°C, bedeckt, Beginn der Baustelle Schloss, Brigade Bräuer“.
      Das war der Beginn von bauvorbereitenden Maßnahmen und der Errichtung von Gerüsten für Aufmaße der Ruine als Projektierungsvoraussetzung.

      Bei etwa 20:00 wird die Wiederherstellung des Thronbaldachins für das Audienzgemach behandelt, mit der Information, dass hier (Zitat) Potsdamer Kolleginnen aus Sanssouci tätig waren. Dazu ein Artikel aus der Märkischen Allgemeine vom 25.09.2019:
      maz-online.de/Nachrichten/Kult…achin-Augusts-des-Starken


      Und noch ein netter Fotofund. Die beiden Öfen im Eckparadesaal wurden von einer renommierten Fachfirma aus Österreich (Keramische Werkstätten Angermayer) rekonstruiert. Als Dankeschön des Chefs reiste die Belegschaft am vorletzten Wochenende nach Dresden. Dabei entstand dieses Foto: Klick
      Zugehöriger Eintrag der Firma bei facebook:
      Mit dieser unterhaltsamen, lustigen und interessanten Auszeit vom beruflichen Alltag bedanken wir uns bei unseren Mitarbeitern für die erbrachten einzigartigen Leistungen und freuen uns auf weitere solch anspruchsvolle Projekte.
    • Wie hier im Forum schon berichtet, wurden die beiden Öfen des Eckparadesaales von einer Fachfirma aus Österreich (Keramische Werkstätten Angermayer) denkmalgerecht rekonstruiert. Für die Herstellung der Feuerungskästen wurde dabei die Firma*Herdteile Weninger* - ebenfalls aus Österreich - eingebunden. Von deren HP einige Angaben und Fotos. Vorab zur Erinnerung nochmal Auszüge aus derAusschreibung (veröffentlicht März 2017):

      SIB wrote:

      Der Eckparadesaal, dem auch als Ecktafelgemach genutzten Auftaktraum der Raumgruppe, wird in der Raumfassung von 1767 wieder entstehen. Der Raum erhielt in dieser Zeit 2 große baugleiche Öfen in extra dafür geschaffenen Stuckmarmornischen. Diese Öfen wurden 1945 beim Luftangriff auf Dresden zerstört, es wurde lediglich eine eiserne Ofentür eines Feuerungskastens im Trümmerschutt geborgen.
      […]
      Es existieren historische Fotografien, ein Aufmaß von 1870, der Entwurf (Ansicht) von 1767 und die geborgene Ofentür. Es waren sogenannte Aufsatzöfen: Die keramischen, mehrteiligen Aufsätze (Fayence) waren reich profiliert und weiß glasiert mit vergoldeter Ornamentik. Die gusseisernen Feuerungskästen bestanden aus einzelnen zusammengesteckten, profilierten und teilweise ornamentierten Platten mit schmiedeeisernen Ofentüren (geschmiedeter Rahmen, Blech, Schlaufen aus Messingguss). Die Öfen standen auf jeweils 8 Füßen aus Sächs. Sandstein in Doggenform, waren farbig gefasst und marmoriert.
      […]
      Höhe Ofenkasten: 64 cm
      […]
      Gesamtwert des Auftrags (ohne MwSt.): 193 050.98 EUR

      Von SchiDD -Staatliche Kunstsammlungen Dresden, CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=82636177

      Herdteile Weninger wrote:

      Zunächst möchten wir uns bei der Firma Angermayer Keramik aus Eberschwang und Diplomrestaurator Hans-Christoph Walther für die gute Zusammenarbeit bedanken. Wir bekamen den Auftrag die historischen Ofentüren für die zwei Kachelöfen des Eckparadesaales Residenzschloss Dresden zu rekonstruieren.

      Zerstörung und Wiederaufbau:
      Als am 13. und 14. Februar 1945 britische und amerikanische Bomberverbände ihre Angriffe auf Dresden flogen, wurde das Schloss zu großen Teilen zerstört. Sämtliche Bereiche der ehemaligen Residenz fielen den Spreng- und Brandbomben zum Opfer. Es wurden somit auch die zwei Öfen im Eckparadesaal zerstört. Lediglich eine eiserne Ofentür eines Feuerungskastens konnte aus dem Trümmerschutt geborgen werden. Im Jahr 2018 bekamen wir den Auftrag zur Rekonstruktion dieser zweiflügeligen Ofentüren für die zwei Öfen im Eckparadesaal des Westflügels vom Residenzschlosses Dresden. 2018 und 2019 wurde nach genauen Vorgaben und nach dem noch vorhandenen Fragment der Ofentüre die Rekonstruktion dieser Türen durchgeführt. Als handwerkliche Herausforderung galt die Rekonstruktion der 300 Jahre alten Türen. Als Vorlage diente die aus Schutt und Trümmern geborgene Ofentür. Diese wurde natürlich durch die massive Zerstörung und auch durch lange Verwitterung sehr in Mitleidenschaft gezogen. Wir konnten jedoch mit Hilfe alter Fotos von 1910 bzw. 1933 und des noch vorhandenen Fragmetes die Türen durch Schmieden vernieten und alter Handwerkstechniken nach Vorgaben äußerst zufriedenstellend nachbilden. Die Planungsphase, Abklärung aller Details, die Herstellung einer Mustertüre und die handwerkliche Umsetzung erfolgte verteilt über das ganze Jahr 2018 bis zur Montage Vorort in Dresden im Juni 2019 durch die Fa. Angermayer Keramik aus Eberschwang. Die Ofentüren wurden aus Stahlbleche, Flachstähle, Messingbleche hergestellt. Nach Fertigstellung wurden die Türen ölbrüniert. Die gefeilten Messingteile wurden hochglanzpoliert und beschichtet.

      Quelle: herdteile.at/neuheiten

      das aus den Trümmern geborgene 300 Jahre alte Fragment

      die zwei Heizraumkästen aus Grauguss

      neue Ofentür

      neue Ofentür
    • In einemBeitrag über die Eröffnung der Paraderäume schrieb die FAZ am 4. Oktober 2019:

      FAZ wrote:

      Wunder werden auch in Dresden nicht gewirkt. Aber was die Handwerker und Mitarbeiter der Staatlichen Kunstsammlungen (SKD) in den letzten Tagen vor der Eröffnung der Paraderäume im Residenzschloss geleistet haben, kommt einem solchen nahe. Noch am vergangenen Donnerstag wurde man über eine Baustelle geführt, und es gehörte tatsächlich Wunderglaube dazu, sich vorzustellen, dass hier zwei Tage später Besucher empfangen werden könnten. Doch so geschah es, und der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer hatte den richtigen Instinkt, als er nach einer ersten Besichtigung in Begleitung einer Schülergruppe aus dem Plattenbauviertel Dresden-Prohlis ankündigte, für die Bauarbeiter ein Fest auszurichten. Ginge es gerecht zu, müsste es größer werden als der Festakt im Staatsschauspiel, mit dem vorgestern die Wiederherstellung der Paraderäume gefeiert wurde.
      Quelle: faz.net/aktuell/feuilleton/dre…e-eroeffnet-16409178.html

      Besagte Feier fand am Freitag statt. Dazu veröffentlichte die Sächsische Staatskanzlei folgende Pressemitteilung:

      Sächsische Staatskanzlei wrote:

      Kretschmer lobt Handwerker für Leistungen beim Wiederaufbau des Dresdner Schlosses
      Dankesfeier für Gemeinschaftsleistung bei Rekonstruktion der Paraderäume

      Dresden (8. November 2019) – Ministerpräsident Michael Kretschmer hat allen Beteiligten gedankt, die am Wiederaufbau des Dresdner Schlosses mitgewirkt haben.
      Dabei würdigte er auch die Leistungen der Frauen und Männer, die zuletzt an der Rekonstruktion der Paraderäume beteiligt waren. An einer Dankesfeier im Schloss, zu der der Ministerpräsident eingeladen hatte, nahmen am Freitagabend in Dresden mehrere hundert Handwerker, Planer, Restauratoren und Künstler mit ihren Familien teil.
      Kretschmer sagte: »Die originalgetreu wiederhergestellten Paraderäume sind so etwas wie das Herz des Residenzschlosses. Dass es wieder schlägt, verdanken wir vor allem dem Können und der Kunstfertigkeit von Handwerkern aus dem In- und Ausland. Was sie geschaffen haben, ist einmalig und strahlt weit über Dresden und Sachsen hinaus.«
      Kretschmer dankte ausdrücklich auch allen anderen, die am erfolgreichen Wiederaufbau des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Residenzschlosses mitwirken und bereits mitgewirkt haben.
      Die Paraderäume waren im August offiziell wiedereröffnet worden. Um eine möglichst authentische Wirkung zu erreichen, kamen auch längst vergessene restauratorische und handwerkliche Techniken zum Einsatz. Insgesamt waren dort rund 300 Handwerksfirmen, Fachplaner, Restauratoren, Künstler und Gutachter beteiligt.
      Unter ihnen waren auch Kirchen- und Bühnenmaler, die gemeinsam mit Restauratoren und Künstlern fast drei Jahre lang mit der Rekonstruktion der Deckengemälde befasst waren. Prägend für die Paraderäume sind auch die kostbaren Textilien aus Goldtresse und Seidensamt. Für verlorene textile Elemente erfolgte eine fadengenaue Rekonstruktion. Erhaltene Originaltextilien wurden restauriert und an ursprünglicher Stelle eingesetzt. Manufakturen aus Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien, England und Österreich waren daran beteiligt. Beteiligt an dem weltweit beachteten Projekt waren auch zahlreiche Firmen aus dem Freistaat, unter anderem eine aus Weißwasser, die die Quecksilberspiegel in ihrer historischen Form gefertigt hat.
      Das Dresdner Residenzschloss ist ein traditionsreicher Ort und wichtiger Schauplatz der sächsischen Geschichte. Für den Wiederaufbau sind bislang 351 Millionen Euro ausgegeben worden, davon 35 Millionen Euro für die Wiederherstellung der Paraderäume. Insgesamt sind 389 Millionen Euro eingeplant.
      Die Baumaßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes. Finanziell unterstützt wird das Vorhaben auch vom Bund.
      Die Feier wurde offenbar im Kleinen Schlosshof ausgerichtet (Foto davon auf twitter): Klick


      Noch einige Anmerkungen zu den in der PM genannten Kosten: 389 Mio minus 351 Mio ergibt 38 Mio. Dieser Betrag wäre also für die noch ausstehenden Bauvorhaben eingeplant. Das sind folgende:

      1. Fertigstellung Gewehrgalerie (da dürfte – wenn man vom aktuellen Baustand ausgeht – schon das meiste in den 351 Mio enthalten sein)

      2. Fertigstellung EG-Bereich im NO-Sektor/Gastronomie (auch dort ist schon sehr viel realisiert)

      3. Gotische Halle mit Schlossausstellung (an den zugehörigen Räumlichkeiten wird wohl nicht mehr allzu viel „herumgewerkelt“ werden, es geht wohl hauptsächlich „nur“ noch um die Ausstellungsgestaltung)

      4. Großer Schlosshof
      Um eine Vorstellung über die hier zu erwartenden Gesamtkosten zu erhalten, möchte ich eine aktuelle Vergabeinformation heranziehen:
      Kosten für die „Freiflächengestaltung im 1. Bauabschnitt“ (ca. ein Drittel der Hoffläche)
      Wert ohne MwSt.: 285 640.93 EUR
      Dazu gehören folgende Arbeiten:
      450 m³ Boden lösen, entsorgen,
      7 St. Hofablauf mit Gussrost,
      320 m³ ungebundene Tragschichten,
      150 m^2 Tragschicht Schaumglasschotter,
      860 m^2Oberflächenbefestigung mit historischen Sandsteinplatten,
      60 m Entwässerungsmulde aus historischen Sandsteinplatten,
      36 m Sandsteinstufen,
      5 Stück Fundamente für historische Mastleuchten mit Stahleinbauteilen.

      5. Großer Ballsaal und Propositionssaal: Innenarchitektonische Gestaltung und Ausstellungsgestaltung

      Dieser Hintergrund stimmt optimistisch, dass der überwiegende Teil der noch eingeplanten 38 Mio für die beiden Säle im Nordflügel angedacht ist – und das wiederum klingt NICHT nach konzeptionellem „Ruinencharme“.

      Wer in meiner Aufzählung die Schlosskapelle vermisst – hier gehe ich davon aus, dass dieses Projekt erst längerfristig vorgesehen ist (nicht in den 389 Mio enthalten).
    • BautzenFan wrote:

      5. Großer Ballsaal und Propositionssaal: Innenarchitektonische Gestaltung und Ausstellungsgestaltung

      Dieser Hintergrund stimmt optimistisch, dass der überwiegende Teil der noch eingeplanten 38 Mio für die beiden Säle im Nordflügel angedacht ist – und das wiederum klingt NICHT nach konzeptionellem „Ruinencharme“.
      Habe vor ein paar Tagen den Austellungskatalog "Paradetextilien Augusts des Starken 1697 und 1719" von 2013/14 wieder in der Hand gehabt.

      Syndram schreibt dort im Kapitel zur musealen Ausgestaltung des Schlosses über den Großen Ballsaal: "Die architektonische Hülle für die museale Präsentation dieses Raumes wird sich, unter Einbeziehung noch erhaltener Stuckaturen, an dessen Innenarchitektur aus der Mitte des 19. Jahrhunderts orientieren, ohne dabei die einstmals dominierende Farbigkeit und überquellende Bilderflut zu rekonstruieren."

      Klingt für mich auch nicht nach "Ruinencharme".
    • Ist eigentlich bekannt warum die Ausmalung der Decken des ersten und zweiten Vorzimmers nicht rekonstruiert wurde?

      Am Eröffnungswochenende sagte mir eine anwesende SKD-Mitarbeiterin, die Decken seien nicht ausgemalt gewesen. Die Stiche zum Empfang von 1719 zeigen aber deutlich eine Deckengestaltung: SKD Online-Collection: Erstes und zweites Antichambre beim Empfang Maria Josephas im Dresdener Schloss 1719.
    • effndy wrote:

      Kleine Fortschritte: im Eckparadesaal ist das Parkett jetzt vollständig.
      Hab auch noch was entdeckt – die Vergoldungsarbeiten in den profilierten Zonen der Holzverkleidung sind weitergeführt worden (EPS). Man vergleiche das Foto von effndy mit diesem Bild hier (letzteres ist kurz nach der Eröffnung entstanden):

      Von SchiDD -Staatliche Kunstsammlungen Dresden, CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=82636177

      Bei youtube hat eine *FrauVomErdbeerkopf* (Namen gibts) ein offenbar aktuell entstandenes Video von den Paraderäumen eingestellt (gestern hochgeladen). Ich habe mal eine Stelle, wo man die neu vergoldeten Zonen gut sieht, nachfolgend verlinkt:
      youtu.be/y7AdtnNtw38?t=322

      Ansonsten habe ich im EPS keine weiteren Fortschritte feststellen können. Es fehlen weiterhin die Rahmen der 3 Supraporten, der Rahmen des Kamingemäldes, die Türflügel, die vergoldeten Zierleisten mit dem Rokoko-Schnitzwerk (zur Einrahmung der Samtflächen)…
      Das oben schon mal genannte youtube-Video enthält noch eine weitere Information, was die Fertigstellung der Ausstattung betrifft. Die nachfolgend verlinkte Stelle zeigt einen Künstler bei der Bemalung des Lambris-Bereiches im AG (offensichtlich bei laufendem Besucherbetrieb – geht ja speziell bei dieser Arbeit auch gar nicht anders):
      youtu.be/y7AdtnNtw38?t=588

      effndy wrote:

      Habe vor ein paar Tagen den Austellungskatalog "Paradetextilien Augusts des Starken 1697 und 1719" von 2013/14 wieder in der Hand gehabt.
      Syndram schreibt dort im Kapitel zur musealen Ausgestaltung des Schlosses über den Großen Ballsaal: "Die architektonische Hülle für die museale Präsentation dieses Raumes wird sich, unter Einbeziehung noch erhaltener Stuckaturen, an dessen Innenarchitektur aus der Mitte des 19. Jahrhunderts orientieren, ohne dabei die einstmals dominierende Farbigkeit und überquellende Bilderflut zu rekonstruieren."
      Klingt für mich auch nicht nach "Ruinencharme".
      Klingt aber andererseits auch nicht gerade begeistert, was die Bendemann-Gemälde betrifft. Ich mag mich täuschen, aber für mich klingt das fast schon etwas abwertend. Ganz anders Frau Pohlack- Leider schon im Ruhestand, hat sie sich kürzlich (28.10.2019) zu genau diesem Thema in den Dresdner neuesten Nachrichten geäußert (der Artikel ist leider hinter der Bezahlschranke). Ich hoffe, ein kurzer Auszug ist rechtlich okay (habe einen Passus über den Propositionssaal ausgewählt):

      DNN wrote:

      Ein umfassendes Bildprogramm sollte, so der Grundgedanke von König Friedrich August II., im Neuen Thronsaal [Anm.: =Propositionssaal] die junge konstitutionelle Monarchie und im Großen Ballsaal das in Deutschland neu aufblühende Kunstverständnis illustrieren. Pohlack hält fest: „Interessant ist die Tatsache, dass Friedrich August II. gestattete, in seinem Neuen Thronsaal alle vier Stände darzustellen – sogar die Bauern bei ländlichen Arbeiten und noch dazu auf Goldgrund, dem mittelalterlichen Hoheitssymbol. Ein größerer Gegensatz zu Thronsaalausstattungen der eben überwundenen absolutistischen Epoche, in denen jedes Element ausschließlich auf einen Mittelpunkt, auf die Verherrlichung des Souveräns, ausgerichtet war, ist kaum denkbar.“ Die Freskenfolge im Ständesaal unterschied sich, wie vermittelt wird, in ihrer Ikonographie wesentlich von vergleichbaren zeitgenössischen Thronsaalausstattungen. Insofern würden die Gemälde im Thronsaal „damit auf dem Gebiet der monumentalen Wandmalerei für Deutschland einmalige Zeitdokumente“ darstellen, „deren Wiedergewinnung bzw. Aneignung zum tieferen Verständnis nicht nur der sächsischen Geschichte beitragen könnte“, meint Pohlack.
      Das hier ist die einzige farbige Ansicht des Großen Ballsaales in der Ursprungsfassung, ein Aquarell:
      Klick

      Und ein Foto von 1870 für die gleiche Fassung:
      Klick

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    • effndy wrote:

      Ist eigentlich bekannt warum die Ausmalung der Decken des ersten und zweiten Vorzimmers nicht rekonstruiert wurde?

      Am Eröffnungswochenende sagte mir eine anwesende SKD-Mitarbeiterin, die Decken seien nicht ausgemalt gewesen. Die Stiche zum Empfang von 1719 zeigen aber deutlich eine Deckengestaltung: SKD Online-Collection: Erstes und zweites Antichambre beim Empfang Maria Josephas im Dresdener Schloss 1719.
      Die Stiche zeigen einen Ideal-Zustand, der tatsächlich nicht umgesetzt war; auch im Eckparadesaal ist im Kupferstich-Werk ein Deckengemälde dargestellt, das es nie gab.
      Im Barock werden ja sehr oft tatsächlicher Bestand und Ideal-Vorstellung "vermischt". Somit kann man sich nicht ausschließlich auf solche Darstellungen verlassen, wenn es um Rekos geht. Sehr wichtig - und extrem zeitaufwändig - ist das Studium der Archivalien (Baurechnungen, Beschreibungen, Hinweise zu Reparaturen etc.) und natürlich Untersuchungen am materiellen Bestand.
    • Zu den Ausführungen von Bautzen-Fan über Entwicklungen und Veränderungen in den Parade-Räumen ist noch zu ergänzen:

      - die beiden Türblätter des Audienzgemachs zum Bilderkabinett) sind wieder verschwunden und werden nun bemalt.

      - wie von BautzenFan schon prognostiziert sind einige Möbel wieder in die Restaurierung gekommen und deswegen vor Ort nicht mehr zu sehen:
      * die beiden Toilettkoffer im ParadeSchZ
      * ein Gueridon aus dem 2. VZ, an dem auf den Foto hier Das Dresdner Schloss
      * und - wenn ich mich richtig erinnere - auch die große unrestaurierte Pendule nebenan
      fehlten heute.
    • Ein recht spezielles Thema... Doch da der geneigte Forist es in den diversen guten Filmbeiträgen des MDR letztlich nicht so detailliert erläutert bekommt, erlaube ich mir hier die Inhalte einer Spezialführung Paradetextilien zur allgemeinen Wissensvertiefung zu veröffentlichen.


      Die rekonstruierten Wandbehänge des Paradeschlafzimmers - Details der Herstellung








      Für die Ausstattung des Paradeschlafzimmers hatte Graf Wackerbart ("Bauherrenvertreter" am Dresdener Hof) 1718 neben dem dominanten grünen Samt der Wandflächen (Vorbild für die damals eher ungewöhnliche Farbe war vermutlich das gerade entstandene Paradeschlafzimmer Prinz Eugens in Wien) diverse Goldbrokat-Bahnen für die Gliederungen letzterer zur Verfügung.
      Hergestellt wurden Samt und Brokat damals in der vom Leipziger Kaufmann Andreas Dietrich Apel nach 1702 in der Nähe der Leipziger Pleissenburg gegründeten neuen Manufaktur zur Herstellung von Gold- und Silbergespinsten sowie von Samt, Seiden-, Damast- und Atlas-Stoffen.
      (Außerdem vermarktete der geschäftstüchtige Handelsherr erstmals in Sachsen Kattun und bedruckte Tapeten-Leinwände. Apels Geschäfte florierten so erfolgreich, dass er bald mit der Umsetzung eines lang gehegten Traumes – dem Bau eines repräsentativen Barockgartens (Apels Garten) – beginnen konnte.)



      (heute nachgewebt in Lyon, leider kommt die brillante goldene Farbe auf den Fotos so gar nicht raus)

      Die gemusterten Brokat-Bahnen in den Farben Gold, einem mittleren Rot-Ton und dezenter sächsisch-grüner Konturierung waren durch Materialwert (Seide, 24 Karat GOLD-Lahn) und kleinteiligste Handweberei wahnsinnig teuer und damit für das höchstrangige Repräsentations-Zimmer adäquat. Doch sie wirkten im Kontrast mit dem dunkelgrünen schweren Samt insgesamt wegen des (relativ) zu hellen blassen Rots und des im Vergleich dünnen Brokat-Stoffs einfach nicht oppulent genug. In einem im Archiv erhalten gebliebenen Brief an König August II in Warschau heißt es wörtlich: "...sieht aus wie alte Lappen".
      Abhilfe schaffte man, indem in kürzester Zeit bei der Apelschen Goldstoff-Manufaktur in Leipzig die Brokatbahnen aufwändig handwerklich veredelt wurden.



      Auf den größten Teil der hell-roten Brokat-Flächen (überwiegend die großen Außenflächen um die goldenen "Arabesken"; die kleinen Binnenflächen der Muster blieben zur stärkeren Differenzierung unverändert hellrot) wurde damals wie heute (Halle Giebischenstein) roter Seiden-Samt des Audienzgemachs (heute hergestellt bei Genua bzw. Venedig) aufappliziert und aufwändig umstickt.

      Welche Arbeitsschritte?
      1. Die roten Einzelflächen des Brokats auf den Samt übertragen (heute mit Transparentpapier) und formgenau ausschneiden,
      2. Samt mit Kartoffelstärke auf dem Brokat fixieren,
      3. Samt mit sächsisch-grünem Faden dreifach umstechen,
      4. letztlich mit Goldlahn konturieren.








      Durch die Applizierung wirkt der Stoff viel schwerer und bekommt auch ein Relief, vorher war er flach und sah im Vergleich doch eher unbedeutend aus.

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      Erläuterungen zum heute verwendeten Material:



      Handgewebter roter Seidensamt und handgewebter Goldbrokatstoff (Vorder- und Rückseite, oberes Bild etwa 1zu1 unten etwa doppelte Vergrößerung)



      Links: Hand-"geklöppelte" Tresse aus grünem Seidenfaden für breite plastische Konturierung und
      starker Goldlahn-Konturfaden**

      Mitte: 4 verschiedene Seidenfäden in 3 Grün- und einem Gelb-Ton




      *Ein über den 2. Weltkrieg hinaus erhaltener originaler Baldachin-Knauf des Betthimmels (man vergleiche frühere Beiträge hier) ist das Schlüsselfragment zur Ermittlung der originalen Farbigkeit und Materialität des gesamten Raumes. Durch Untersuchungen wurde nachgewiesen, dass der Knauf ursprünglich (1719) so bespannt war, wie die Knäufe heute am Baldachin auch rekonstruiert worden sind (siehe oben).
      Zu einer späteren Zeit wurde der originale (1719) Knauf mit Stoff des originalen (1719) Wandbehangs beklebt. Nur dadurch konnte die exakte Farbigkeit und Materialität der historischen Wandbehänge fadengenau ermittelt werden (bis hin zur
      - genauen Fadenstärke mit Anzahl der Seidenfädchen im Faden-Bündel,
      - Stärke der Zwirnung (Verdrehung des Fadens in sich),
      - Anzahl der Wicklungen des Lahns pro lfm etc.).
      Die exakte Musterung der Wandbehänge war von Fotos leicht zu ermitteln.

      **Goldlahn ist ein Faden mit Seidenseele (hier gelb), quer umwickelt mit einem "Lametta-Streifen" aus 24 Karat vergoldetem Silber-Draht, der flachgewalzt wurde.
      Für die Konturierung des Samtes wurden grüne Fäden in 3 unterschiedlichen Farbnuancen (entsprechend den Materialbefunden an den erhaltenen Textilfragmenten*) und ein gelber Faden verwendet.



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      Am Paradebett wurde die Opulenz der "normalen" Samt-Brokat-Bahnen des Raumes noch weiter gesteigert.
      Der Goldbrokat wurde hier noch zusätzlich mit einem weiteren Goldstoff in anderer Web-Struktur überappliziert. Dadurch entsteht der Eindruck einer Plastizität in den Gold-Musterungen, weil Teilflächen nun unterschiedlich reflektieren und glänzen.






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      Es sei nochmals an die Frage eines Foristen erinnert, warum die Dresdener Räume "z.B. im Vergleich zu Berlin so schlicht wirken".
      Ich glaube das liegt v.a. daran, dass man die Pracht und aufwändigen Details auf Fotos nur bedingt erahnen kann...
      Einfach mal vorbei kommen. Täglich außer Dienstags.

      Ich denke es wird klar, dass durch
      - den reinen Materialwert (geschätzte 12kg vergoldetes Silber in den Fäden des Paradeschlafzimmer und richtig viel des Luxus-Materials Seide) und
      - den immensen handwerklichen Aufwand
      eine Steigerung in der Materialität für eine Wandausstattung im 18. Jhd. schwerlich möglich war, wenn wir mal von Bernstein- und Federzimmern absehen.
      Wir haben es hier mit einer - wenn auch "nur" rekonstruierten - kunsthandwerklichen Höchstleistung des Barock zu tun, die ihresgleichen sucht. Vergoldeter Stuck und Kunstmarmor sind dagegen "preiswert" zu haben...

      (??? Vielleicht kann mal jemand etwas zur Wandbespannung der Münchner "Reichen Zimmer" als weiteres Raumkunstwerk auf Augenhöhe im Vergleich erläutern ??? Würde mich sehr interessieren...
      Kriegsbedingt sind die Wandbespannungen in München auch rekonstruiert... Genau so wie die Samtkammern in Charlottenburg. Wer kennt andere vergleichbare Raumausstattungen und kann das mal darstellen ???)


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      Zumindest in Deutschland wohl einzigartige ORIGINALE Wandbespannungen aus etwa gleicher Entstehungszeit wie in Dresden finden sich in der Rastatter Residenz.



      Zwischen den Fenstern hat sich auf einigen "verschatteten" Wandflächen der Originale Samt-Brokat-Stoff erhalten.



      Die maschinell hergestellte und dabei technisch etwas andersartig produzierte Reko der Wandbespannung aus den 1980-ern wirkt im Vergleich stärker farbig aber auch etwas steril. Ich finde hier ist gut zu erkennen, wie sich bei Denkmalpflege und Rekonstruktion über die Jahre die Anforderungen immer weiter gesteigert haben.


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      ... und Prunk kann natürlich auch mit kostengünstigeren Materialien erzeugt werden:
      Hochbarocke* Wandgestaltung - etwa zeitgleich zu Dresden - in Rastatt Favorite aus Pappmaschee und Seidenstickerei der dreidimensionalen Blüten und Blätter.





      *Man beachte die kleinteilige Gliederung der Wand und Deckenflächen

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    • Vielen Dank, eryngium! Ein wirklich hochinteressanter Beitrag! Zum folgenden Punkt:

      eryngium wrote:

      Es sei nochmals an die Frage eines Foristen erinnert, warum die Dresdener Räume "z.B. im Vergleich zu Berlin so schlicht wirken".
      Ich glaube das liegt v.a. daran, dass man die Pracht und aufwändigen Details auf Fotos nur bedingt erahnen kann...
      Einfach mal vorbei kommen.

      Ich denke es wird klar, dass durch
      - den reinen Materialwert (geschätzte 12kg vergoldetes Silber in den Fäden des Paradeschlafzimmer und richtig viel des Luxus-Materials Seide) und
      - den immensen handwerklichen Aufwand
      eine Steigerung in der Materialität für eine Wandausstattung im 18. Jhd. schwerlich möglich war, wenn wir mal von Bernstein- und Federzimmern absehen.
      ...
      Barock Vergoldeter Stuck und Kunstmarmor sind dagegen "preiswert" zu haben...
      Ja, auf Fotos und in Filmen kommen die Details der Textilien nicht gut rüber. Das gilt nicht nur für die Raumtextilien, sondern ebenso für die fürstlichen Gewänder, die von vielen Leuten bei oberflächlicher Betrachtung von Fotos mit Theaterkostümen verwechselt werden. Hochwertige alte Textilien muss man wirklich im Original sehen. Die Farbigkeit, die Materialität, Reliefstrukturen, Details sollte man in natura sehen. Und man sollte sich Zeit nehmen, genau hinsehen.

      Leider zeigten sich aber auch Leute, die die Paraderäume besucht haben, enttäuscht. Ich belauschte neulich bei einer Zugfahrt zwei ältere Damen. Die eine sagte, sie hätte sich mehr erwartet, mehr Möbel, es sei alles so kahl, irgendwas hätte ihr gefehlt. Kein Wort von den Deckengemälden, und die Wandbehänge interessierten sie auch nicht. Schlimm diese Banausen! Die Geringschätzung der Textilien könnte auch damit zusammenhängen, dass Weben, Nähen, Sticken in unserer Kultur als niedere Tätigkeiten angesehen werden, wohingegen Bildhauerei und Malerei als richtige Künste gelten.

      Man kann es gar nicht genug würdigen, dass man es in Dresden gewagt hat, die Paraderäume detailgetreu zu rekonstruieren. Ein paar dekorative Säulen, hier und da ein bisschen Stuck und Gold und dann den Raum ordentlich mit Möbeln vollgestellt - das bringt beim breiten Publikum mehr Beifall ein als die mühselige Rekonstruktion historischer Räume, die unseren heutigen Seherwartungen nicht entsprechen.

      Ich staune auch, dass viele Menschen sich wundern, dass diese Räume nicht zum Wohnen da waren. Wir haben doch heute auch nicht nur Wohnräume, sondern ebenso Arbeitsräume, Festräume, Empfangsräume, Ausstellungsräume usw.

      In der MDR-Doku über den Zwinger, auf die ich kürzlich im Thema "Dresdner Hof- und Staatsbauten" hingewiesen hatte, sagt ein Experte: Das Bauen des Zwingers habe August den Starken relativ wenig Geld gekostet. Für seine Kunstsammlungen und seine Feste habe er viel viel mehr Geld ausgegeben. Im Bewusstsein unserer Zeit stellen dagegen Gebäude den größten Wert dar. Das merkt man auch hier im Strang, wo es von einigen Foristen abfällige Bemerkungen über die Kunstsammlungen gibt und Räume im Schloss nur geschätzt werden, wenn sie als Schlossräume dekoriert werden. Dass die Museumspräsentationen viel wertvoller sind als durchschnittliche Schlossräume ist ihnen nicht bewusst. Und Raumtextilien werden eben auch nicht als Teil der Innenarchitektur angesehen.
    • Rastrelli wrote:

      Leider zeigten sich aber auch Leute, die die Paraderäume besucht haben, enttäuscht. Ich belauschte neulich bei einer Zugfahrt zwei ältere Damen. Die eine sagte, sie hätte sich mehr erwartet, mehr Möbel, es sei alles so kahl, irgendwas hätte ihr gefehlt. Kein Wort von den Deckengemälden, und die Wandbehänge interessierten sie auch nicht. Schlimm diese Banausen!

      Also ich habe gestern bei einem entspannten Rundgang durch die Räume ganz andere Erfahrungen gemacht. Bin da in einer Stunde der Kontemplation spontan 3 mal mit staunenden Besucher_Innen ins Gespräch gekommen. Und deren Begeisterung musste nicht erst entfacht werden...
      Natürlich die üblichen Fragen, warum das Bett so kurz ist und wieso es keine Türen gibt...
      Hier und da Feststellungen, dass "das" wohl noch nicht ganz fertig ist...
      Wieso die Fenster im PSchZ nicht symmetrisch angeordnet sind. Etc.

      Aber es gab auch anderes:
      Ein - nach meiner vorsichtigen Einschätzung - eher kulturferner Mittfünfziger (sprachlich als Tourist aus südwestdeutschen Gefilden zu verorten), den offensichtlich seine Frau zu einem Rundgang zwangsrekrutiert hatte, war im PSchZ ziemlich lautstark vernehmbar, dass 35 Mio Euro doch hätten sinnvoller verwendet werden können. Da er diese Meinung quer durch den Raum zu seiner Frau sendete, war es ihr sichtlich peinlich. Ich habe mich in diesem Fall nicht bemüßigt gefühlt, ihn nach seiner Einschätzung zu den Gehältern der Bundesliga anzusprechen, wäre ich doch hier sicher intellektuell unterlegen gewesen... Und vermutlich war dieser sehr laute Satz einfach nur seine Art, den lästigen und ermüdenden Rundgang zeitnah beenden zu wollen. Und das "sein" Soli so verschwendet wird, ist natürlich ein "echter Skandal".
      Auf dem Weg zurück nach Hause traf ich dann noch ein paar ältere Damen, die am Quartier Hoym mit dem schönen Satz "bauen die hier oooch schoooon wieder was hin" wegen ihrer phonetischen Harthörigkeits-Kompensation deutlich zu vernehmen waren. "Gibt es tatsächlich noch Leute die dafür Geld haben."

      Das lässt mich jetzt vermuten - wenn auch empirisch nicht hinreichend belegt, dass man die von Dir belauschten Zugfahrerinnen vielleicht der sprichwörtlichen misanthropen "Jammer-Ossi-Gruppe" zuordnen kann, die es sich über 45 Jahre zur Angewohnheit hat werden lassen, doch eher problemorientiert zu diskutieren, statt sich an positiven Dingen zu erfreuen. (Ich habe solche Modelle übrigens auch in der Familie (Verwandtschaft ersten Grades) und weiß wovon ich rede.) Immerhin waren die Damen ja schon mal im Museum! "Richtige" Banausen waren sie also nicht... Aber man kennt das doch: die Schrift zu klein, an der falschen Stelle, das Licht blendet und nen Audio-Guide nehmen wir natürlich nicht: "Moderner Mist, der im Ohr fiedschd."

      Ich wäre an deiner statt im Zug vermutlich missionarisch tätig geworden und hätte den Ladys ein wenig Hintergund-Wissen in einem netten Gespräch vermittelt.
      Ich denke, nur durch Information ist es möglich, Menschen für den Wert des Kunsthandwerks zu sensibilisieren.
      Und genau aus diesem Antrieb schrub ich hier einen Beitrag zu den Textilien. Kann doch nicht jeder zu einer Sonderführung.

      The post was edited 4 times, last by eryngium ().