Berlin - Hauptbahnhof, Humboldthafen, Europacity

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  • Der oben gezeigte Betonklotz sieht wie ein extrem hässlicher Plattenbau aus. Allerdings, kann man das Viertel überhaupt noch verschandeln? Irgendwie scheint mir der Begriff "Europaviertel" in allen möglichen Städten ein Hinweis auf ein tendenziell wenig menschenfreundliches Areal zu sein. Somit abhaken und auf Abrisse in einigen Jahrzehnten hoffen.


    Immerhin dürfte der nur als Baustelle bekannte Europaplatz auf der Nordseite des Hauptbahnhofs langsam mal hergerichtet werden. Vermutlich 2024, wenn nichts dazwischen kommt.


    Berliner Hauptbahnhof: So soll der neu gestaltete Europaplatz aussehen

    Berliner Hauptbahnhof: So soll der neu gestaltete Europaplatz aussehen | entwicklungsstadt berlin
    Der Europaplatz am Berliner Hauptbahnhof wird in den kommenden Jahren nach Plänen des Büros Rehwaldt Landschaftsarchitekten neu gestaltet.
    entwicklungsstadt.de

  • Komisch, da stampft man ein ganz neues riesiges Viertel aus dem Boden, ist mal wirklich komplett frei in einer urbanen zentralen nachfragestarken Kernstadtzone mit neuer Infrastruktur, kann Hochhäuser platzieren, große Blocks, kleine Blocks, kann Plätze gestalten, und sogar riesige Wasserbereiche.

    Und dann kommt das dabei raus? Allein der Entwurf des Europaplatzes sieht aus wie 3 Notlösungen vereint, als hätte man viele Kompromisse mit einem Bestand eingehen müssen. Und auch sonst ist das Viertel ein unwirtliches Chaos zwischen 0815 Wohnungsbau und irgendwelchen Aneinanderreihungen von Kontrasten. Ist das die Leistungsschau der Moderne?

  • Ich sehe es auch so, dass dieser Robertneun-Neubau eine Demonstration des Irrwegs, ja des Bankrotts der 1970er-Jahre-Betonmoderne ist. Dieser Anblick ist wie der sprichwörtliche Schlag ins Gesicht. Als hätte man auch 50 Jahre später noch nicht verstanden, dass wirklich niemand so einen Betonklotz gerne ansehen mag - heute noch weniger als damals, als diese Architektur noch von einer Art Avantgardebonus profitieren konnte. Deswegen ist es eigentlich empörend, dass manche Architekten diese Bauweise quasi gegen den Willen und das Empfinden der allermeisten Menschen weiterhin reproduzieren, auch in exponierter Lage und sogar mit expliziter Förderung durch die Bauverantwortlichen, in diesem Fall der früheren Senatsbaudirektorin.

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  • Letzter Beitrag des gestrigen Heute Journals war ein Bericht zu "Kopenhagen - Hauptstadt der Architektur". Der Bericht wurde eingeleitet mit einem Kommentar zum Europaviertel um den Hauptbahnhof. Es wurde gefragt, warum alle Gebäude gleich aussehen und niemand andere Ideen hatte...?! Dann wurde angekündigt, dass es doch auch anders geht; in Kopenhagen z.B. Da war ich schon voller Spannung... vielleicht gibt es gleich traditionelle Architektur zu sehen?!?!?! Aber was dann kam... naja... einen großen Unterschied zum Europaviertel sehe ich jetzt auch nicht... was da jetzt besser sein soll...?! der gleiche Architekturschr... halt mit mehr Wasser drum rum... :daumenunten:


    Heute Journal 28.01.2023

  • Irgendwie scheint mir der Begriff "Europaviertel" in allen möglichen Städten ein Hinweis auf ein tendenziell wenig menschenfreundliches Areal zu sein. Somit abhaken und auf Abrisse in einigen Jahrzehnten hoffen.

    Sehr gut erkannt, Heimdall. :thumbup: Ich war bisher noch kein einziges mal im Stuttgarter "Europaviertel". Die Bilder, die ich davon gesehen habe, reichen mir. Ich muss mich nicht vor Ort darüber aufregen. Zum Glück befindet es sich auch außerhalb des mir vertrauten Stadtgebiets, so dass es für mich quasi nicht existiert.

    In dubio pro reko

  • Heute Journal 28.01.2023

    Quote

    In Kopenhagen regiert die Schönheit ..... der Form.

    Mehr kann man dazu auch nicht sagen. Manche Gebäude sind skulptural, ja, aber ich möchte nicht in einer Umgebung leben, die aus isolierten Bauskulpturen in einer Ödnis besteht. Man merkt auch, ob etwas absolut schön ist, oder nur in einem ganz bestimmten Blick, wenn man die Arbeit von Leuten mit Auge dafür beobachtet, hier die der Kameraleute. Man zeigt nicht ruhig eine Perspektive und lässt diese für sich sprechen und in der Schönheit auf den Zuschauer wirken, nein, es werden Effekte darübergelegt, kurze schnelle Bildwechsel, viel Dynamik.

  • In solchen Büroneubauvierteln, wie dem Europaviertel, Donau City oder La Defense erwarte ich auch keinen Klassizismus. Dort gibts Platz und man kann sich austoben und vielleicht mal zeigen, was die "moderne" Architektur drauf hat. Wieso hat man es hier in Berlin nicht auch getan? Ja, 2-3 paar höhere Häuser gibts. Das wars aber auch. Und größtenteils ist alles wieder visuell langweilig und qualitativ mittelmäßig...

  • Irgendwie scheint mir der Begriff "Europaviertel" in allen möglichen Städten ein Hinweis auf ein tendenziell wenig menschenfreundliches Areal zu sein.

    In diesem Zusammenhang klingt der Begriff "Europaviertel" genauso schwachsinnig wie "Europapizza" oder "Europakatze" etc...

    Ich muss mich nicht vor Ort darüber aufregen.

    Doch, bitte, mach ein paar Fotos und stell sie hier rein, da könnte man eine nette Instagram-Fotostrecke starten.

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  • man kann sich austoben und vielleicht mal zeigen, was die "moderne" Architektur drauf hat

    Das mit dem "austoben" lese ich jetzt zum gefühlt hundertsten Mal. Für mich diese Geste falsches Gönnertum.


    Erstens sehen wir ja stets auf´s Neue, was "moderne" Architektur drauf hat. Und wer das Opernhaus in Sydney, das so gerne angeführt wird, vor Augen hat, dem sei gefragt: Würde eine Aneinanderreihung von solchen Einzelskulpturen eine lebenswerte Stadt hervorbringen?


    Zweitens: Hören denn Traditionalisten oder Rekonstruktionsanhänger jemals von Modernisten, dass sie sich doch gerne mal auf diesem oder jenem Areal "austoben" dürfen, um zu zeigen, was traditionelle Architektur drauf hat? Nein, sie werden auf´s Messer bekämpft. Die Modernisten sind wenigstens ehrlich und machtbewusst und spielen nicht Gönner (, die sie nicht sein wollen und die Gegenseite aufgrund ihrer Machtlosigkeit nicht wirklich ist).


    Ergo: Die Modernisten hatten nun mehr als 70 Jahre Zeit sich auf gefühlt 99 Prozent der Neubauflächen auszutoben. Ich möchte ihnen keinen Quadratmeter mehr zubilligen.

  • Donau City

    Problem ist für mich dabei, dass ja sogar Deine genannten scheinbaren Vorbilder nicht gerade sehr zukunftsweisend sind. Ich sehe unzusammenhängende Großstrukturen, die aus CO2 intensivsten Materialien erbaut sind, aufwendig im Unterhalt, im Aufbau und Abriss sind, in einem relativ verwaisten Stadtgefüge sich arrangieren und schon aus 500 Meter Luftaufnahme anonym und abweisend wirken.

    donau-city-luftbild.jpg

    Donau-City

  • Letzter Beitrag des gestrigen Heute Journals war ein Bericht zu "Kopenhagen - Hauptstadt der Architektur". Der Bericht wurde eingeleitet mit einem Kommentar zum Europaviertel um den Hauptbahnhof. Es wurde gefragt, warum alle Gebäude gleich aussehen und niemand andere Ideen hatte...?! Dann wurde angekündigt, dass es doch auch anders geht; in Kopenhagen z.B

    Dass die Neubau-Architektur in Kopenhagen so wahnsinnig viel besser ist als beispielsweise in der eher vergleichbaren Hamburger Hafencity, finde ich nun überhaupt nicht - nicht einmal, wenn man die Bewertungsmaßstäbe für modernistische Architektur anlegt. Mir ist auch ehrlich gesagt das bei uns übliche "nicht geschimpft ist genug gelobt" lieber als dies doch etwas penetrante Selbstlob der dänischen Interviewpartner.

    In der Berliner Europacity zu bauen, ist trotz allem nicht das gleiche wie auf einer Vorstadtinsel in Kopenhagen. In Berlin ist immer auch ein bisschen Stadtreparatur dabei. Das in dem Heute-Journal gezeigte Gebäude steht auch nicht in der Europacity, sondern südwestlich des Hauptbahnhofs, gegenüber der historischen Moltkebrücke. Gleich daneben hätte man auch das durchaus avantgardistische Cube-Gebäude filmen können (das in dem Heute-Journal-Beitrag gezeigte Gebäude erkennt man im Hintergrund am linken Bildrand):



    In der Europa-City gibt es auch einige Gebäude, die durchaus die Kriterien erfüllen, die wir hier oftmals als Anforderungen an gute Neubauarchitektur formulieren: gut strukturierte Fassaden, wertige Fassadenmaterialien, Kleinteiligkeit im gründerzeitlichen Maßstab. Ein paar Beispiele:


    Das Gebäude in der Bildmitte zeigt doch eine ganz ansprechende Horizontalgliederung, die manchem gelungenen Siedlungsbau der 1920er Jahre das Wasser reichen könnte:



    Gründerzeitliche Hausbreiten sind in einem Teil der Carrées auch anzutreffen:




    Die Bemühungen zeitgenössischer Architekten immer nur in Bausch und Bogen abzuqualifizieren finde ich auch nicht fair und zielführend. Zumal wir in diesem Forum oft mit Kritik schnell bei der Hand sind, aber eben auch nur selten klarstellen, was wir denn nun eigentlich stattdessen wollen.

    Mein Eindruck ist: Ganz ungehört bleibt die Kritik, die von uns kommt, bei den Architekten auch nicht. Man erkennt das nicht überall und immer, aber manchmal eben doch schon.

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  • Snork Klar, Fundamentalkritik neigt schnell dazu, vom Rezipienten nicht angenommen zu werden, daher schätze ich ausdrücklich, dass Du versuchst zu differenzieren. Aber auch Deine gezeigten Beispiele haben alle bedeutende gestalterische Fehler. Das erste Gebäude nimmt die Straße zu großformatig ein, um auf 5 Stockwerken nur immer die gleiche Fassade zu kopieren. Das zweite Foto mit den drei zentralen Gebäuden zeigt die gestalterische Schwäche von innenliegenden Balkonen, die zum Teil nahezu die gesamte Fassade ausmachen. Es wurde zwar versucht noch mit einem körnigen Fassadenlook etwas Detailtiefe zu liefern, was optisch ein wenig hilft, doch die Präsenz der Balkone ist zu stark, die Fassaden bestehen praktisch nur aus Vertiefungen. Auch fallen natürlich die eintönigen Stockwerkshöhen auf, die sich hier über vier Häuser quasi ziehen, und alles durch die Bündigkeit "verblocken" lassen. Und beim dritten Bild mit zwei Gebäuden haben wir nochmal eine ähnliche Verbindung zu einem Block, wir haben eine gestalterisch ungünstige riesige Feuerwehrzufahrt mitten im Gebäude, und wie bei allen gezeigten Beispielen eine gewisse Gefahr der Eintönigkeit (so stark, dass man die Feuerwehrzufahrt sogar als Auflockerung aufnimmt). U.a. ist dies bedingt durch die genau gleichen Fensterformate auf allen Stockwerken, statt beispielsweise im zweiten Stock höhere Formate, und in den darüberliegenden Stockwerken niedriger werdende Formate zu wählen. 100 Mal das gleiche große Bauteil wirkt einfach nach Massenabfertigung.

  • Die Bemühungen zeitgenössischer Architekten immer nur in Bausch und Bogen abzuqualifizieren finde ich auch nicht fair und zielführend.

    Snork da bin ich auch Deiner Meinung und habe es eine Seite vorher schon erwähnt.

    Aber ich frage mich, ob sie sich tatsächlich nur bemühen, oder einfach nicht dürfen? Gerade bei den Backsteingebäuden gäbe es doch so tolle Beispiele des Backsteinexpressionismus (hier), die zeigen, wie es geht. Ich finde schon, dass sich ein heutiger Architekt (wenn er sich frei entfalten kann) sich der Vergangenheit der Architekturgeschichte stellen muss. Das Wissen ist ja nicht verloren gegangen.

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  • Majorhantines : ich würde die von mir abgebildeten Gebäude auch nicht als das Nonplusultra ansehen, aber jedes für sich zeigt doch Qualitäten, die sie meiner Einschätzung nach ausreichend gut sein lassen, damit sie bei Erreichen ihres vulnerabelsten Alters, nach ca. 50 Jahren, als wertvoll genug angesehen werden, um nicht sang- und klanglos abgerissen oder mit einer völlig neuen Fassade versehen zu werden. Die meiste Architektur aus den 1960er und 70er Jahren hat eben erkennbar nicht diese Qualität. Sicherlich kann ich auch nicht hellsehen, und ich will mein Geschmacksurteil nicht als allgemeingültig hinstellen, aber für mich ist dieser Qualitätseindruck der Maßstab, um ausreichend gute Architektur von schlechter zu unterscheiden. Schlechte Architektur stört zu sehr den allen Menschen angeborenen Harmonie- und Schönheitssinn und/oder verwendet Materialien, die nur ein paar Jahrzehnte überdauern, wenn überhaupt. In dieser Hinsicht finde ich die Europacity durchmischt, jedenfalls nicht nur gut oder schlecht.

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  • Aber ich frage mich, ob sie sich tatsächlich nur bemühen, oder einfach nicht dürfen?

    Das halte ich auch für plausibel. Wenn man meine Kritikpunkte sich so anschaut, dann sind das fast durchgängig Entscheidungen nach wirtschaftlicher Natur. Südseitenbalkone, Standardstockwerkshöhen, Einsatz möglichst vieler Fertigelemente und diese dann in großer Stückzahl, weshalb alle Stockwerke möglichst gleich gestaltet sind. Dabei dann auch noch Einsparung von Planungszeit. Verzicht auf Dachstühle, und auch sonst möglichst vermeiden auch nur wenige Quadratmeter Fläche zu verlieren. Gestalterische Freiheit sieht anders aus.

  • aber eben auch nur selten klarstellen, was wir denn nun eigentlich stattdessen wollen.

    Das wurde ja nun schon wirklich sehr häufig formuliert.

    In der Europa-City gibt es auch einige Gebäude, die durchaus die Kriterien erfüllen, die wir hier oftmals als Anforderungen an gute Neubauarchitektur formulieren

    Tut mir leid. So niedrig ist mein Anspruch für Neubauten einfach nicht.

  • Das wurde ja nun schon wirklich sehr häufig formuliert

    Ja, was denn? Es würde mich wirklich interessieren - zumindest für dieses Baugebiet, wo es eigentlich keinen Altbaubestand gab bzw mehr gibt, an den man anknüpfen könnte.

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  • Einsatz möglichst vieler Fertigelemente und diese dann in großer Stückzahl, weshalb alle Stockwerke möglichst gleich gestaltet sind.

    Selbst wenn die Stockwerke absolut gleich gestaltet werden, muss es doch nicht so aussehen.

    Hier eine 4-Minuten Skizze. Der gleiche Kasten in zwei Ausführungen. Beide billigst gekritzelt und trotzdem sieht man den Unterschied.




    Ja, was denn? Es würde mich wirklich interessieren - zumindest für dieses Baugebiet, wo es eigentlich keinen Altbaubestand gab bzw mehr gibt, an den man anknüpfen könnte.

    Berlin hat doch auch eine Backsteintradition, die man auch sehr modern interpretieren könnte.