• Für mich stellt sich die Frage: wenn Königsberg nicht zerstört worden wäre, würde es dann heute noch so aussehen wie auf den Fotos von Eiserner Pirat? Ich glaube nicht!

    Wir sehen, dass die Baustile aus vielen Architekturepochen miteinander harmonieren. Es gibt dort keinen ästhetischen Bruch, was schon erstaunlich ist: oftmals liegen die Gebäude doch 500 Jahre auseinander, aber man hat das Gefühl, das sich das nicht "beißt".

    Spekulieren wir also über das heutige, unzerstörte Königsberg. Vielleicht unzerstört also, aber bestimmt nicht mehr unversehrt, denn die Moderne hätte in den letzten 75 Jahren ihre Spuren hinterlassen. Hier einige 10stöckige weiße Baublöcke, die die gewohnte Harmonie der Stadt empfindlich stören. Dort der Abriss eines ganzen Straßenzuges mit Gründerzeitbauten: ein Investor koalierte mit den Politikern der Stadt: "wir brauchen mehr Wohnraum".

    Ich glaube, die Moderne hätte auch Königsberg schon so weit verändert, dass wir hier bei Stadtbild Deutschland die Zweite Zerstörung der Stadt beklagen würden - und Eiserner Pirat würde seine Fotos hier als Erinnerungsspur genau so einstellen. Während die Gebäude aus den verschiedenen Architekturepochen miteinander harmonieren, erzeugt die Moderne visuelle Lücken und vernichtet die einstige ästhetische Gesamtheit der Stadt.

  • Wichtiger Punkt. Wir alle sollten uns manchmal von der schönen Illusion lösen, dass in den letzten 80 Jahren keine Baupolitik stattgefunden hätte und die Städte auf dem Stand alter Postkarten um 1920 stehengeblieben wären. Das meine ich grundsätzlich und nicht nur auf Königsberg bezogen. Aus eigener täglicher Erfahrung und Anschauung in der Schweiz kann ich glaub sagen: das ist ein Irrtum.

  • Klar East_Clintwood da bin ich mir bewußt das Königsberg, wenn es nicht zerstört worden wäre heute anders aussehen würde. So bleibt eben nur die Erinnerung und die möchte ich hier zeigen. Gerade das vergangene Kulturgut das nunmal nicht wieder errichtet werden kann weil es unwiederbringlich verloren ist, gehört in unser Bewußtsein .

    Ich habe von guten Freunden weitere Aufnahmen von Königsberg vor der sinnlosen Zerstörung erhalten, die ich hier zeigen möchte.

    nachcolloriert











  • Königsberger Impressionen, colloriert

    1905 Landhofmeisterstraße, Kalneinscher Stift


    1930 Lastadie


    1930 Vorstädtische Langgasse Ecke Sattlergasse


    1930 Hundegatt, Blick zur Lastadie


    1905 Denkmal König Friedrich Wilhelm lll.


    1905 Königlisches Regierungsgebäude


    1930 Speichergebäude


    1905 Königsberger Blick zur Schlosswache


    1930 Vorstädtische Langgasse 110


    1930 Vogelgasse, Lastadie Speichermarken

  • Einfach genial (hoffentlich auch genial einfach?), was die Technik inzwischen vermag. Und wieviel Leben die Farbigkeit (zurück)bringt...von Ansichten, die es heute nicht mehr gibt. Auch die Zahl der Menschen, die diese Stadt noch bewußt selber erfahren und erlebt haben, wird mit jedem Tag kleiner.


    Vielen Dank dafür! :applaus:

    „Groß ist die Erinnerung, die Orten innewohnt“ - Cicero

  • Aufnahmen aus dem Alten Königsberg, colloriert


    Schuhwarenfabrik Conrad Tack, Schmiedestraße 13


    Blick über das Hundegatt auf das Speicherviertel Lastadie






    Unterer Fischmarkt


    Markttag, Blick auf die Dominsel mit der alten Universität


    Rossgarten an der Kreuzung Königstraße / Frunsee


  • Der Untergang des historisch wertvollen Königschlosses von Königsberg







    Das zum großen Teil zerstörte Königsberg fiel 1945 mit dem gesamten nördlichen Teil Ostpreußens an die Sowjetunion und wurde 1946 in Kaliningrad umbenannt. Kaliningrad sollte als sowjetische Musterstadt auf den Trümmern Königsbergs neu entstehen, möglichst ohne dabei an die deutsche Vergangenheit zu erinnern. Die Schlossruine war in der Nachkriegszeit dem Verfall preisgegeben. Der stark beschädigte, 82 Meter hohe Schlossturm, der eines der bedeutendsten Wahrzeichen Königsbergs gewesen war, wurde 1953 gesprengt. Die noch stehenden Teile der Schlossruine, aus Sicht sowjetischer Regierungskreise ein fauler Zahn des preußischen Militarismus, ließ Leonid Breschnew 1968 trotz der Proteste von Kaliningrader Studenten und Intellektuellen sprengen und restlos abräumen.




  • und als Bronzeskultur


    Friedrich Reusch hatte das Standbild schon 1895 in seinem Atelier in der Kunstakademie Königsberg geschaffen. Lange Zeit stand es als unverkäuflicher Ladenhüter dort herum; später wurde es im Garten des Prussia-Museums aufgestellt. Das Standbild Deutscher Michel wurde für den Garten des früheren Königsberger Prussia-Museums (einst Königshaus) an der Königsstraße 65/67 geschaffen und gelangte im Jahre 1904 als Geschenk von Johann Friedrich Reusch an die Stadt Königsberg.[1] Obwohl zuerst verschmäht, erregte das Standbild doch Aufmerksamkeit und wurde ein Blickfang. Die Figur stand lange im Museumsgarten. Als 1913 der Wrangelturm, der seine militärische Bedeutung verloren hatte, nach Plänen von Friedrich Lahrs zu einer Kunsthalle umgebaut wurde, fehlte noch der äußerliche Hinweis darauf. Erst 1924 gelangte das Standbild auf die Außenmauer des Königsberger Wrangelturms. Das Denkmal wurde in der Schlacht um Königsberg vollständig zerstört.

    Ebenfalls als Der Deutsche Michel wurde ein drei Meter hohes Standbild bezeichnet, das der Würzburger Bildhauer Artur Schlegmünig (1864–1956) geschaffen hatte und das am 1. April 1916 als Kriegswahrzeichen und zur Beschaffung von Spendengeldern in Würzburg (zwischen Dom und Neumünster) durch seinen Oberbürgermeister Max Ringelmann eingeweiht worden war.[2]

  • Man kann an ihn erinnern, durchaus, aber es besteht die Möglichkeit, sich deshalb nicht verpflichtet zu fühlen, an die Stätte zu reisen, an der einmal seine Stadt stand. Was seine Zukunft betrifft, so wird es kaum eine andere Option geben, als sich an ihn aus der Ferne zu erinnern und mit dem Vorlieb zu nehmen, was von Immanuel immateriell geblieben ist, was ja glücklicherweise nicht auf die Stadt begrenzt ist, die seinen eigenen äußeren Lebensraum markierte.

  • Die Themenstränge zu Orten und Landschaften in den früheren deutschen Ostgebieten dienen der Dokumentation und Einordnung. Sie helfen, sich ein Bild davon zu machen, wie es dort früher aussah.

    Die inhaltliche Erörterung zu diesen Themen in einem öffentlich einsehbaren deutschen Forum ist eine sensible Angelegenheit. Wir sollten daher grundsätzlich eng am (bau-)kulturellen Thema bleiben. Es kann also mitunter vorkommen, dass auch eigentlich harmlose und gutmeinende, jedoch abschweifende Wortbeiträge deaktiviert werden.

    Eingestellte Bilder sind, falls nicht anders angegeben, von mir

  • Moin !


    Bin hier seit Jahren stiller Mitleser und hab mich vor ein paar Tagen dann auch mal registriert.

    Möchte erstmal auf diesem Wege einfach "Danke !" an die User sagen die hier solche Unmengen an so schönen alten Fotos hochladen. Ganz speziell Eiserner Pirat in diesem Thread und in denen über Berlin. Stundenlang sitze ich davor und schaue diese fantastischen Fotoserien mit größtem Vergnügen an.

    Zu diesem Strang, was war Königsberg für eine schöne Stadt ! Alles vergangen.

  • Im Rahmen meines Interesses an den Ostgebieten und dem Bombenkriegs habe ich lange Zeit versucht, ein Bild der Bombardierung Königsbergs im August 1944 zu "erstellen". Dadurch, daß KB und Ostpreußen ein anderes Nachkriegsschicksal beschert war, war das eine langwierige Fissel-Arbeit, bei der wie bei einem Mosaik hier ein Steinchen, dann Jahre später dort das nächste zusammenkam. Heute habe ich endlich eine brauchbare Luftaufnahme des bombardierten Königsbergs finden können, auf der zum ersten Mal das ganze Ausmaß der Zerstörungen sichtbar wird. Ich verlinke hier auf das Foto in einem russischen Königsberg-Forum:

    https://forum-kenig.ru/download/file.php?id=81550&mode=view

    Auf einem anderen heute gefundenen Plan sind die Anflugwege der englischen Bomber eingezeichnet, welche aus generell südwestlicher Richtung kamen. Das hat, so meine ich mit meinem begrenzten Wissen, auch im Schadensbild niedergeschlagen. Man sieht im nördlichen, nordwestlichen und östlichen Teil der Stadt - Tragheim, Steindamm und Sackheim - zusammenhängende größere Gebiete, die stehen geblieben sind. Der erste Angriff in der Nacht 26./27.08.1944 betraf nur kleinere Gebiete im Norden der Stadt - Tragheim, Maraunenhof - und Einzeltreffer in Sackheim und weit im Südosten. Zu unterscheiden ist das hier nicht mehr wirklich. Das Luftbild ist auch deswegen für mich von großem Interesse, weil es KB nach der Bombardierung, aber vor dem Kampf um die Stadt im Frühjahr 1945 zeigt, nach dem ja wirklich kein Stein mehr auf dem anderen war.

    Nach dem zweiten Angriff in der Nacht 29./30.08. fast völlig zerstört sind das Zentrum: die Altstadt um das Schloß, die Kneiphof-Insel mit dem Dom, die Stadtteile Löbenicht, Neuroßgarten, Lastadie, großte Teile der Lomse, von (Vorder)Sackheim und (Vorder)Haberberg sowie Teile von Altroßgarten, Steindamm und Tragheim. Außer der Steindammer, Tragheimer, Haberberger und Lutherkirche sind alle Kirchen in der Innenstadt zerstört/ausgebrannt. Der Schloßturm steht noch und wirft seinen Schatten über den Schloßhof nach Nordosten. Die beiden Bahnhöfe wurden anscheinend kaum getroffen.

    Hier meine schnelle Bearbeitung des Luftfotos, damit die o. g. Stadtteile etc. lokalisiert werden können. Vielleicht ist es ja für den einen oder anderen von Euch auch von Interesse, gerade in diesen Tagen, wo sich diese Katastrophe zum 80. Mal jährt.

    „Groß ist die Erinnerung, die Orten innewohnt“ - Cicero

  • Danke für deine Arbeit, BIO-Bayer. Ich selbst hab vom alten Kö wenig Ahnung, wenn du da im Thema drinbist, welcher Teil der Altstadt war denn der bauhistorisch wertvollste und welche Rekonstruktionen könnte man - rein theoretisch natürlich (!) - heute dort durchführen? Also auch: Welche Einzelgebäude außer dem Schlosskomplex waren von herausragendem historisch-städtebaulichem Wert?