Narrative in der Architektenkommunikation als sprachliche Manipulationsversuche

  • Zwar nur ein Immobilienwerbetext, aber dafür ein besonders krasses Beispiel von Schönrednerei.


    An den ersten beiden Absätzen, die den Entwurf beschreiben, stimmt so gut wie nichts mit dem visuellen Eindruck überein. Es ist nichts mehr als ein banales Retro-1980-Gebäude, aber lest selbst, wie es beworben wird ...

  • Maßwerk, du hast natürlich vollkommen recht mit diesem Beispiel. Andererseits, wer bitte liest denn solche Werbeprosa, geschweige denn nimmt sie ernst? Mich ärgert viel mehr, dass solche Gebäude im Stil sozialer Brennpunkte aus den 70er/80er Jahren heute überhaupt noch realisiert werden.

    In dubio pro reko

  • Kleine Korrektur: In den 80er Jahren hat man so eigentlich nicht mehr gebaut. Dieser Hochhaus-Klotz-Stil wurde in den 1960er bis frühen 1970er Jahren gepflegt.

  • Ich zitiere mich dazu mal selbst aus dem Nachbarforum:

    Die Visualisierung ist der reinste Schwindel, der Neubau ist viel zu klein abgebildet und mit falscher Perspektive. Man braucht nur mal ein Lineal an die Fensterbänder anlegen und mit denen der abgebildeten Bestandsbauten vergleichen.

    Auch das ist übrigens eine Art "Narrativ": irreführende bildliche Darstellungen, denen die Realität widerspricht.

  • irreführende bildliche Darstellungen, denen die Realität widerspricht.

    Eine typische Methode bei anderen Bauprojekten, vor allem im Wettbewerb: Billige, brutale Glaskiste entwerfen, dann aber darstellen mit dramatischem Himmel bei Sonnenuntergang, mit warmem Licht von innen leuchtend, mit reizvollen Spiegelungen in der regennassen Straße, wie bei diesem Schmuckstück zeitgenössischer Entwurfskunst.


    Solche Manipulationen sollte man bei Wettbewerben eigentlich von vorneherein verbieten, z.B. vorgeben, dass das Gebäude am frühen Nachmittag mit wolkenlosem Himmel dargestellt werden muss.


    Ich frag mich auch immer: wenn die Architekten doch offenbar wissen, wie man was visuell ansprechendes erstellt, warum wird nicht gleich das Gebäude so entworfen?

  • warum wird nicht gleich das Gebäude so entworfen?

    Weil sie zwar einen Graphikdesigner an der Hand haben, aber real solche Gebäude gar nicht mehr entwerfen können. Sie müssten alles in den Hochschulen angelernte Wissen über Bord werfen und umschulen. Um es mal hart auszudrücken.

  • So isses.

    Solche lustig-verwirbelte Architektenprosa findet man übrigens häufig auch in Architekturmagazinen und Veranstaltungstexten, mit denen ich mich öfter mal befasse.

    Hier irgendein zufällig rausgegriffenes Beispiel vom BDA:


    Quote

    Das Ziel ist dabei eine Architektur, die mit dem, was da ist, arbeitet und gleichzeitig an dem, was da ist, Kritik übt. Eine Architektur, die transformiert, überwindet, integriert, ummodelt, ergänzt, amputiert, juxtaposiert, verfremdet, missinterpretiert, überhöht, verroht oder verfeinert, verdichtet und freisetzt. Eine Architektur, die affirmativ kritisiert – dadurch, dass sie Möglichkeiten aufzeigt

    https://www.bda-bund.de/events/berlin-atlas-3/



    Mittlerweile wählt man also auch schon bewusst brutale Verben, um das eigene Tun zu erklären. Man muss das ja so machen, wie der Künstler an der Leinwand. Sonst ist man gar nicht mutig. :sleeping:

  • Guess se Architekturbüro please:


    "Nach dem Prinzip der kinetischen Polychromie ergibt sich eine dynamische Erscheinung mit zahllosen Variationen zwischen einem flächigen, fast entmate­rialisierten Eindruck aus der Ferne und dem einer räumlich gewebten Struktur aus der Nähe. Wie ein großes abstraktes Gemälde macht die Fassade im Stadtraum auf das Museum als Ort lebendiger Kunst aufmerksam."

    "Bauen getreu dem Motto: Das Banale zur Banane machen." ?

  • Ich war lange am überlegen, ob ich die nachfolgenden Fotos unter Bremen - Essighaus einstelle oder in diesem Strang, der ja eher überregional zu verstehen ist. Aber es braucht ja auch Beispiele, und die kommen aus den Regionen. Was ich jetzt wieder am Wochenende aufgenommen habe, finde ich einfach nur noch unverschämt und verlogen. Und das zu Weihnachten. Nach wie vor erfährt die Bevölkerung durch Bilder und den dazu passenden Erzählungen Manipulationsversuche, die gleichzeitig die Funktion von Werbung für zukünftige Projekte haben.


    Der erste Manipulationsversuch: Das n e u e Essighaus.



    Neu, das klingt frisch, modern - eben nach Erneuerung, nach Aufbruch. Und das sind dann auch noch Fakten..................


    Zu allem Übel wird hier auch noch die Erzählung von der Vielfältigkeit gebracht. Vielfalt ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit historischen Bauten oder mit Schönheit in Verbindung steht. Schönheit, wie beim alten Essighaus. Und dann noch Regionalität! Wir haben es hier mit Gegriffs- und Bedeutungsräubern zu tun.




    Da trifft es sich gut, wenn man das Ganze dann auch noch mit eigenen Rekonstruktionsbemühungen und Denkmalschutz(immerhin in Orange herausgestellt) - wie soll ich sagen: NARRATIVIEREN - kann.



    Und für die neuen, "frischen" Fassaden wird nun wieder die Geschichte bemüht, angeblich können diese neuen Fassaden gar "Geschichte erzählen". Abgefuckter geht´s ja wohl nicht. Obwohl - es ist ja irgendwie auch die Geschichte einer großen Lüge, versprochen wurde einst etwas anderes, nämlich eine echte Rekonstruktion und nicht dieser Architektenmist.



    Und wenn alles nicht hilft, hilft immer, so ein Gesamt-Projekt als Kulturprojekt zu kontextualisieren. Kultur zieht immer.