Bremen - Umnutzung/Konversion alter Industrie-, Gewerbe- und Krankenhausareale

  • Ich möchte in diesem Strang zusammenführen, was sich durch viele einzelne Stadtteilthreads zieht und was aus meiner Sicht zu den spannendsten Dingen gehört, die in Bremen zur Zeit geschehen. Eines der zentralsten Projekte dieser Art ist sicherlich das Areal des alten "Zentralkrankenhauses St.-Jürgen-Straße", das seit ca. 20 Jahren als "Klinikum Bremen-Mitte" firmiert. Es handelt sich um ein typisches, weitläufiges/parkartiges Klinikareal, welches in mehreren Etappen ab etwa Mitte des 19. Jhdts. bebaut wurde, damals noch für Kliniken typisch "janz weit draußen", praktisch auf der grünen Wiese wegen der befürchteten Seuchengefahr. Mittlerweile hat die Stadt das Gebiet natürlich längst aufgefressen, so dass es heute mitten in der Östlichen Vorstadt liegt.


    Vorteil dieser Bauweise ist sicherlich die Flexibilität gewesen, es konnte (und wurde) munter erweitert, ergänzt, abgerissen und neugebaut, das ganze bis etwa zum 2. Weltkrieg in einer hinreichenden architektonischen Qualität. Den Krieg hat das Areal (wie typisch für die Gegend Bremens) vergleichsweise gut überstanden, Totalverluste gab es meines Wissens nicht, wohl aber einzelne Treffer.


    Die Anforderungen eines modernen Krankenhausbetriebs erfüllte das Gelände aber schon seit den 70er/80er Jahren nicht mehr, was vorher in der "Sanatoriumsmedizin" noch gut war, die Parks und die Weitläufigkeit, wurde in der optimierten Medizin des späten 20. Jhdts. immer mehr zur Last, die Wege zum logistischen Fluch (es war eine ganze Armada an gelangweilten Fahrern angestellt, die mit uralten Ambulanzwagen auf dem Gelände hin- und her fuhren, um die Patienten zwischen den verschiedenen Gebäuden hin- und herzutransportieren). Es war schon seit spätestens den 80er Jahren klar, dass es langfristig einer "großen Lösung" bedürfen würde, also einem weitgehenden Komplettneubau mit deutlich größerer Kompaktheit. Wie so oft vergingen in Bremen dann von der Erkenntnis zur Umsetzung nochmal mehrere Jahrzehnte, aber in den letzten Jahren konnte der im schönsten Beamtendeutsch "Teilersatzneubau" genannte Klinikneubau nach vielen Verzögerungen, Preissteigerungen und Bauschäden endlich etappenweise bezogen werden.


    Zunächst eine Übersicht, weil's so praktisch ist als Screenshot von GoogleMaps:



    Das Luftbild hat schon jetzt fast historischen Wert, weil es den Zustand des Areals vor dem Beginn der flächigen Abrissarbeiten zeigt. Was mit dem Bestand und dem freiwerdenden Areal geschieht und geschehen soll, darum soll es in diesem Strang gehen.

  • Auf dem Gelände befinden sich noch viele Gebäude aus allen Etappen des Krankenhausbaus, es ist praktisch eine Art Kaleidoskop der architektonischen und medizinischen Entwicklung der letzten 150 Jahre. Die ältesten erhaltenen Gebäude liegen an der stadtzugewandten, westlichen Seite des Gebiets zur ehemals namengebenden St.-Jürgen-Straße, zunächst das alte Hauptgebäude, das später seiner Funktion entsprechend unter verschiedenen Namen firmierte, seiner Erbauungszeit in den 50er Jahren des 19. Jhdts. entsprechend im Stile der Neorenaissance errichtet. Leider ist eine Totale aufgrund der Breite nicht gut möglich, im Folgenden also verschiedene Bauteile:



    Vorderseite zur St.-Jürgen-Straße



    Frontalansicht des Haupteingangs:



    Entlang der Fassade:



    Rückseite (mit dem Café-Anbau, wird aber wohl abgerissen im Zuge der Umnutzung:



    (bei genauem Hinschauen erkennt man mehrere Fassadenbereiche, die neu gemauert worden sind - Kriegsschäden? Brände? Rückbau irgendwelcher Anbauten?)


    Sonnenbeschienenes Fassadendetail, schön warme Töne und hohe Plastizität des Backsteins bei gleichzeitig sehr zurückhaltender Gestaltung und wenig Ornamenten, sehr gelungen, wie ich finde:


  • Beim St. Joseph Stift habe ich durch rechachen herausgefunden das bei dem Gebäude im laufe der Zeit leider viel abgerissen worden ist zuletzt ein paar 20er(?) Jahre Villen zur Schwachhauser Herstraße .

  • Es geht weiter mit der alten Augenklinik, die ebenfalls zur unter Denkmalschutz stehenden Seite an der St.-Jürgen-Straße gehört:






    An der Rückseite wurde ein alter OP-Trakt abgerissen, der als nicht denkmalwürdig galt, weil er extrem verändert worden ist:



    In diesem rückwärtigen Bereich erfolgt außerdem gerade der Abriss der Frauenklinik aus dem Jahr 1984:



    In diesem Areal soll der erste Bauabschnitt des "St.-Jürgen-Quartiers" erfolgen.

  • Die oben gezeigten Gebäude sind die ältesten beiden erhaltenen Klinikgebäude. Ob es zwischendurch noch andere Gebäude aus dieser Epoche gegeben hat, die abgerissen wurden, weiß ich nicht. Die nächste Klinikerweiterung fand dann um die Jahrhundertwende statt, von dieser "Generation" an Gebäuden sind leider nur wenige erhalten, da ein ganzer Riegel dieses Teils für den Neubau abgerissen wurde.



    So in etwa sah ein ganzer Block aus. Auch dieser Gebäudeteil soll (meines Wissens) noch abgerissen werden, allerdings ist er zur Zeit noch in Nutzung für irgendwelche Verwaltungsfunktionen.


    Ein weiteres Gebäude im gleichen Stil ist die ehemalige Krankenpflegeschule. Sie steht leider nicht unter Denkmalschutz, ist aber auf dem städtebaulichen Rahmenplan nicht zum Abriss vorgesehen - was das genau bedeutet, weiß ich leider nicht:



    Wäre schon schade drum, wenn diese Zeitschicht aus der Klinikgeschichte komplett verschwinden würde. Es besteht allerdings massiver Renovierungsbedarf, die Gebäude sind seit 20 Jahren "auf Verschleiß" gefahren worden, weil klar war, dass sie bald keine Kliniknutzung mehr haben würden.


    Die nächste Generation an Gebäuden hat dann schon deutliche Jugend- und Reformstilelemente und muss entsprechend nochmal ein paar Jahre später gebaut worden sein. Bis auf das Gebäude der ehemaligen Hautklinik handelt es sich eher um kleine Gebäude:



    Dieses Gebäude ist sicherlich gefährdet, allerdings ist es ebenfalls als "erhaltungswürdig" im Masterplan enthalten. Auch hier sieht man schon auf den ersten Blick einen gewissen Sanierungsstau, das Gebäude dürfte in vielen Punkten im Originalzustand sein (Dach, viele Fenster etc. original). Unter Denkmalschutz wurde die alte Pathologie gestellt, die also sicher nicht abgerissen wird:



    Es gibt noch weitere, tlw. sehr kleine Werkstätten usw. aus dieser Phase, für die ich ebenfalls schwarz sehe.


    Das größte Gebäude aus dieser Zeit ist die alte Hautklinik:




    Faszinierend ist diese Eingangstür:


  • Nach diesen Gebäuden folgen nur noch zwei weitere Großbauten aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Zunächst das Hauptgebäude, welches weiterhin zur Klinik gehören wird und eine Art monumentalen/strengen frühen Backsteinexpressionismus darstellt. Es zeigt übrigens, dass es auch ohne den verlorenen Ersten Weltkrieg und die darauf folgenden gesellschaftlichen Umwälzungen in diese Richtung weitergegangen wäre, es ist eher Zufall, dass für uns der Erste Weltkrieg auch die Zäsur zwischen "klassischen" und "modernen" Baustilen darstellt. Dieses Gebäude ist noch vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs geplant worden und ab 1915 in Bau gegangen:



    Ich hatte hier auch schonmal das original Eingangsportal gezeigt:



    Nach dem Krieg, in dem es anscheinend zerstört wurde, wurde ein typischer 50er-Jahre-Eingang angebaut:



    Im Zuge des Umbaus der Klinik ist dieser Eingang wieder zum Haupteingang geworden und hat einen vollkommen neuen Eingang bekommen:



    Wie ich finde, mit seinen offenen Anleihen an die 20er Jahre auch und gerade im farblichen Kontrast zum Bestandsbau eine gelungene moderne Ergänzung.


    Das letzte, ebenfalls bestandsgesicherte Klinikgebäude ist die alte Kinderklinik. Es ist ein nochmal strengerer Backsteinbau aus den 30er Jahren, der nun umgenutzt werden soll, die kommunale Wohnungsgesellschaft GEWOBA hat ihn erworben, oben sollen Wohnungen entstehen, das EG soll für "Startups" zur Verfügung stehen. Die Südseite/Gartenseite sieht so aus:



    Mit seinen horizontalen Fenstergliederungen und dem fast komplett fehlenden Fassadenschmuck strahlt es einen sehr herben Charme aus, sogar für mich, der sich sowohl als Freund von Zwischenkriegs- als auch von Klinkerarchitektur begreift.


    Der Rest des Geländes wird von diversen Nachkriegssauereien gefüllt, bei denen die jetzt abgerissene Frauenklinik sogar noch zu den Besseren gehörte:



    Alle abgebildeten Gebäude sind zum Abriss geplant, am Standort des chirurgischen Bettenhauses (links im Hintergrund) soll eine große Parkgarage für das ganze Areal entstehen.


    Zukünftiges Zentrum des Gebiets soll dieser kleine Altbau werden, der ein Restaurant/Café mit Terrasse erhalten soll:



    Soweit zum Bestand, es folgen noch die Pläne zur Umgestaltung.

  • Wenn ich das bei Google Earth richtig gesehen habe handelt es sich bei dem Abgerissenen Anbau des Op-Tracktes um diesen:

    Das in einem anderen Strang schon vorgestellte gelbe Haus ist mittlerweile auch schon abgerissen.

  • ^^Ja, das ist er. Ich kann nicht beurteilen, ob das eine Art Gefälligkeit gegenüber den Investoren war, um die bebaubare Fläche größer zu bekommen, aber mein Eindruck ist, dass der Verlust verschmerzbar ist - beide großen Klinikgebäude zur St.-Jürgen-Straße sind auch ohne diese Appendix im ehemaligen "Hinterhof" erlebbar. Um das kleinere einzelstehende Gebäude ist es schade, ich habe hier ein Foto vom letzten Sommer kurz vorm Abriss:


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    Auch einer dieser Bauten aus der mittleren Kaiserzeit mit den beigen Fassadenflächen und backsteinernen Kanten und Umrahmungen. Die ehemalige Krankenpflegeschule ist am Haus auf 1899 datiert, somit dürfte dieses Haus in der gleichen Erweiterungsphase entstanden sein. Interessant ist dieses "Stadtartige", was das Krankenhaus hatte, fast ein Organismus mit eigener Organisation, es gab ein ganzes Gebäude, das "Tischlerei" hieß und eine "Werkstatt" usw. - das Gelände war immer in Bewegung, es wurde ergänzt, erneuert, abgerissen, neugebaut, letztlich natürlich immer den Bedürfnissen des Krankenhauses entsprechend. Grundsätzlich finde ich es auch nicht schlimm, dass nicht ausnahmslos jeder Altbau erhalten wird. Aber mein Urteil wird sehr stark vom Umgang mit den drei, vier aus meiner Sicht unbedingt erhaltenswerten, aber nicht denkmalgeschützten Gebäude abhängen, die ich oben gezeigt habe. Am meisten Sorgen mache ich mir um die ehemaligen Dermatologie im Osten des Geländes.


    Hier ein aktueller Plan der Bebauung:


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    Quelle: Städtebaulicher Rahmenplan


    Gebäude 10 und 17 sollten unbedingt erhalten werden, die rosa Gebäude in den Bereichen 12 und 14 wären schön, wenn sie erhalten blieben. Die 17 ist nicht für eine Wohnnutzung vorgesehen, vielleicht gibt es schon eine Idee? Würde sich z.B. ideal als Schule machen, aber von Plänen, eine Grundschule zu bauen, ist man wieder abgekommen und erweitert die beiden angrenzenden lieber.


    Im Bau ist bislang nur ein Haus, das "Karl" heißt (nach der Friedrich-Karl-Straße, an der es liegt (Baufeld 2), es wird von einer Baugemeinschaft errichtet, die natürlich sehr aufs Geld schauen muss, deshalb ist die Gestaltung auch eher so mau:


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    (Quelle: Die erste Genossenschaft im Neuen Hulsberg-Viertel)


    Als zweites an den Start wird ein Konsortium von Bremer Silberrücken der Immobilienbranche mit dem St.-Jürgen-Quartier gehen (Baufeld 6 im Südwestes des Areals)


    Gewonnen wurde der Wettbewerb von zwei jungen Hamburger Architekten, deren Büro sich "HOPE" nennt, hier mal eine Schrägsicht:


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    Was mir sehr gefällt, ist, dass die seltsame Aversion gegen den Blockrand, die letztlich fast die letzten 100 Jahre, und besonders die Nachkriegszeit geprägt hat, langsam verdämmert. Hinzu kommen wie nun schon oft beschrieben der Mut weg von Flachdächern zu gehen, so dass eine ganz andere Qualität entsteht gegenüber den Entwürfen, die solche Wettbewerbe noch vor 10 Jahren gewonnen hätten. Noch zwei Visualisierungen, wie die obige schon im "Zweite Moderne"-Strang gezeigt, aber hier gehören sie halt hin:


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    (Alle Bilder: HOPE Architekten)


    Wie gesagt, Blockrand, einigermaßen gegliederte Fassaden, interessante Dachformen, auf dem unteren Bild rechts im Hintergrund ein (ungelenker) Versuch, eine Reihe "Bremer Häuser" nachzuahmen... das ging in Bremen alles auch viel, viel schlimmer, auch wenn ich gar nicht behaupten möchte, dass dies der Weisheit letzter Schluss sein muss. Für den sich weiter nördlich anschließenden "Block" im selben Baufeld (Baufeld E in der Karte oben) läuft zur Zeit noch der Wettbewerb.

  • Als Nächstes ein Projekt im Bremer Norden, das auch bereits Thema war und mittlerweile unter dem Namen "Quartier am Alten Speicher" firmiert. Es liegt auf einem der Areale der Lürssen-Werft, die immer noch existiert und beiderseits der Weser in Bremen-Nord mehrere Standorte unterhält. Dieses Gebiet direkt am historischen Vegesacker Hafen wurde jedoch schon in den 1990er Jahren aufgegeben. Nachdem es lange eine Brache blieb, die sogar einen eigenen Namen "Werftbrache" erhielt, wurde auf ihr Anfang der 2000er Jahre ein Einkaufszentrum mit dem Namen "Haven Höövt" errichtet, kräftig unterstützt von öffentlichen Mitteln (das war die Zeit der Sonderzulagen des Bundes). Vorausgegangen war ein quälender Streit darüber, was hier passieren sollte, und das Einkaufszentrum war von Anfang an eine faule Kompromisslösung, die niemanden richtig zufriedenstellte, allen voran nicht die Vegesacker. Es gab von Anfang an Probleme, die Läden waren unattraktiv, und der Abstieg begann mit der Eröffnung, am Ende war es eine Mischung aus Ramschläden und Leerstand - trotzdem war das Einkaufszentrum "erfolgreich" darin, Kundenströme aus der kleinen Vegesacker Altstadt abzuziehen, so dass eigentlich wirklich niemand glücklich war.


    Zunächst wie immer ein Luftbild von GoogleEarth:



    Dieses zeigt noch den alten Zustand. So sah der Eingangsbereich des Zentrums aus:


    (GoogleStreetView 2008)


    Beim folgenden Projekt handelt es sich also strenggenommen um die zweite Umnutzung, wobei die erste eine Halbwertszeit von nicht einmal 20 Jahren hatte und somit das Gegenteil von "nachhaltig" war. Nachdem das HavenHöövt zum ersten Mal 2012 pleite war, ging der Betrieb zwar noch weiter, aber es war klar, dass hier etwas passieren musste. Gottseidank entschied sich der Käufer dann ab 2018 NICHT lediglich zu einer "Ertüchtigung" des Bestandes, was durchaus im Rahmen des Gewünschten gewesen wäre in der Bremen-Norder Politik, sondern wollte hier Wohnungen bauen und leitete in Abstimmung mit der Politik einen Wettbewerb für eine Neubebauung ein.


    Diesen gewann überrraschend das Bremer Brüderpaar "Wirth Architekten", die hier eine "Neue Altstadt" erschaffen wollen.


    So sieht das Luftbild der Planung aus (erste Version):



    Das zweigeteilte Einkaufszentrum bleibt mit seinem hinteren Teil bestehen und ist bereits renoviert und wiedereröffnet. Die Sahneseite zum Vegesacker Hafen aber wird komplett neubebaut. Natürlich gab es Ärger um einen geplanten Hochpunkt, der im Gefolge um 2 Geschosse gestutzt wurde, die Mechanismen sind mittlerweile auf beiden Seiten (Planer und Gegner) fast schon als routiniert zu bezeichnen.


    Weitere Visualisierungen:




    Der besagte Hochpunkt im Hintergrund:



    An der Rückseite:



    Die Detailplanung für ein neues Dienstgebäude der Polizei ist nun abgeschlossen und soll als erstes noch dieses Jahr in Bau gehen:


    (Quellen für alle Bilder: Wirth Architekten/Vegesacker Neustadt)


    Was sagt Ihr dazu? Erneut fällt mir einfach auf, wie stark sich die Dinge verändert haben in den letzten 5 Jahren. Ob das gut ist, muss jeder für sich entscheiden, ich bin selbst noch gar nicht abschließend entschieden, bzw. warte die Realisierung ab. Aber ein 08/15-Projekt ist das definitiv nicht, und das gilt eben für viele dieser Umnutzungsprojekte gerade. Wenn überhaupt, hätte man sowas in den letzten 100 Jahren in der kurzen Blüte der Postmoderne erwarten können, aber dafür ist es dann doch zu reduziert und modernistisch mit den asymmetrischen Fassadengliederungen.


    Auf keinen Fall langweilig, so wäre meine Einschätzung.

  • Was sagt Ihr dazu?

    Wenn ich als Nicht-Bremer auch angesprochen sein sollte, sage ich mal etwas dazu. Städtebaulich scheint es mir ganz in Ordnung zu sein. Architektonisch weist es in eine richtige Richtung hinsichtlich Material und steilem Dach. Aber mehr auch nicht. Dazu wirken die Fassaden und die Dächer noch zu plump, zu gewollt asymetrisch , zu schmucklos. Die Häuser sind eine Art Hybrid aus Modernismus und Tradition, ähnlich vielen Gebäuden der Nachkriegszeit. Da sollte noch deutlicher in Richtung Tradition gegangen werden. Aber bei diesem Projekt sehe ich das Glas mehr halbvoll als halbleer. Denn die Tendenz scheint mir gut.

  • Vor einiger Zeit riss man an der Bismarck Straße am Klinikum Bremen Mitte auch einen kleinen Zwischenkriegs Trackt ab von dem ich Leider nur ein Bild von Google Maps habe.

  • Ich habe gerade mal bei GoogleEarth Pro geschaut, mit dessen Hilfe man auf der Zeitachse zurückscrollen kann. Leider sind die ältesten Bilder aus dem Jahr 1985 nicht verwendbar, da viel zu schlecht aufgelöst, das erste brauchbare Satellitenbild findet man aus dem Jahr 2002, es bleibt in diesem Bereich aber unverändert bis 2010, aus dem dieses Bild stammt:



    In Rot habe ich die abgerissenen Altbauten eingezeichnet, in grün die abgerissenen Nachkriegsbauten, u.a. den fürchterlichen Waschbetonturm im Hintergrund auf einem Deiner Bilder. Ehrlich gesagt bin ich eher positiv überrascht, ich hatte den größeren rot eingekreisten Block rechts im Bild größer in Erinnerung. Sowohl um dieses als auch natürlich den von Dir gezeigten und hier weiter oben zur Bismarckstraße gelegenen Gebäude, das wohl aus derselben Zeit wie das Hauptgebäude stammt, ist es natürlich schade - ich kann aber verstehen, dass hier die Interessen eines kompakteren und effizienteren Krankenhausbetriebs ggü. dem Bestandsschutz von Altbauten gestochen haben.


    Interessant bleibt das Schicksal des auch von mir weiter oben gezeigten Altbaus links vom größeren der beiden abgerissenen Gebäude mit dem roten Dach hinter der alten HNO - man sieht hier auch die prachtvolle Platane, die vor dem Gebäude steht. Ob es noch eine Chance hat bei der Neuordnung, weiß ich nicht und fürchte, er wird noch fallen.

  • das sah im Stil so aus wie dieser noch stehende Teil:



    Für den Film "Sturmflut" von 2006, der sich um die Flutkatastrophe 1962 in Hamburg drehte, wurden übrigens die Krankenhausszenen in und vor diesem abgerissenen Trakt gedreht, weil man ihn anscheinend recht unkompliziert wieder so umgestalten konnte, dass er aussah wie ein Krankenhaus 1962 eben aussah.


    Habe schon überlegt, mir den Film irgendwo auszuleihen ;), habe ihn damals auch gesehen, eben weil es um die Krankenhausszenen relativ viel trara gab wegen der Dreharbeiten in Bremen.

  • Es geht nochmal weiter mit dem Thema Umnutzung, jetzt kommt ein riesiges, im Prinzip fast zusammenhängendes Gebiet beiderseits der Weser zwischen Neustadtsgüterbahnhof, Gaswerk, altem Brinkmanngelände, Hohentorshafen und Kelloggs-Gelände. Da es geradezu zwingend erscheint, dass auch Beck's perspektivisch wenn schon nicht ganz den Standort verlassen, so doch sich deutlich verkleinern wird, ist dies im Prinzip ein riesiges, im Moment noch städtebaulich totes, nicht erlebbares Gebiet mitten in der Stadt.


    Zunächst mal wieder ein GoogleMaps-Überblick:



    Grün umrahmt sind Projekte, die sich bereits in Umsetzung befinden oder diese steht unmittelbar bevor. Gelb umrahmt sind Gebiete, für die es konkrete Pläne gibt und die im Moment in der Planungsphase sind. Rot sind Gebiete, die erst perspektivisch interessant werden, aber deren Entwicklung/Beteiligung eigentlich zwingend und logisch ist.


    Im Prinzip ist das ganze Gebiet der Kern der einst stolzen und mächtigen bremischen Nahrungs- und Genussmittelindustrie. Trennend verlaufen in Südost-Nordwestachse die Weser und dazu senkrecht die aufgeständerte B75 (die hier auch schon Thema gewesen ist im Strang "Neustadt" und deren Weserbrücke die letzte Brücke für Autos vor der Nordsee darstellt). In den Umrahmungen befinden sich eine ehemalige Zigarettenfabrik, eine weltweit bekannte Brauerei, ein überregional bekannter Schokoladenhersteller, die ehemalige Zentrale eines weltweit operierenden Nahrungsmittelkonzerns, eine Reismühle, ein Schnaps- und Likörhersteller und eine ebenfalls weltweit bekannte Cerealienfirma. Bis auf die Brauerei haben alle Firmen ihre Produktion am Standort aufgegeben und sind im günstigen Falle innerhalb Bremens umgezogen, sonst oft leider ganz geschlossen worden oder ins Ausland verlagert worden.


    Das Gebiet ist aufgrund seiner Lage und Zentralität absolut "stadtbildprägend", der momentane Zustand der Unternutzung, des Leerstands und Verfalls und der barrierebildenden Nichtzugänglichkeit weiter Teile sowohl optisch als auch fürs Stadtgefüge ein Skandal und einer Stadt dieser Größe und mit diesem Selbstbild unwürdig. Ich möchte im Folgenden die einzelnen Teilbereiche und die Planungen vorstellen und auch die möglichen Verbindungen und Synergien, die durch eine bessere Vernetzung des Areals (z.B. durch die geplante weitere Weserbrücke) entstehen können diskutieren.

  • Wäre es denkbar das Hafenbecken mit dem südlichen grünen Ring zu verbinden, als durchgehendes Gewässer bzw. Parklandschaft dann entlang eines verengten Hafenbeckens?

  • Der Hohentorshafen war früher in der Tat der Zuläufer für den Wallgraben der Neustadtseite, insofern wäre Deine Idee quasi eine Art Wiederherstellung. Heute ist das wirklich eine ganz seltsame Ecke, fast verwunschen in seiner Abgeschiedenheit und seltsamen Atmosphäre, obwohl rundherum die Stadt tost:


    (wikimedia commons)


    Ein wenig einem nicht als besonders florierend imponierendes Gewerbe, ein paar kleine Zwischennutzungsprojekte, wirklich eine Art "Lost Place" mit einem skurrilen Zauber. Das Wasser kann man eigentlich kaum irgendwo richtig "erleben", es fühlt sich an vielen Orten eher wie ein x-beliebiges, etwas runtergekommenes kleines Industrie- und Gewerbegebiet der Nachkriegszeit an. Bremen hatte früher noch viel mehr dieser Orte, mittlerweile ist der Hohentorshafen zumindest in dieser zentralen Lage ein Unikat. An den Stellen mit Wasserzugang sitzen nun die Angler, die früher im Europahafen ihren Angeln ausgeworfen hatten.


    Man muss nicht besonders viel Fantasie haben, um zu erkennen, dass es mit dieser Ruhe bald vorbei sein wird. Es fühlt sich dort ein wenig so an wie in einer Kleingartensiedlung, die langsam leergezogen wird vor einem Bauprojekt. Da es Bremen ist, wird das noch 10 oder 15 Jahre dauern, was auch gar nicht schlimm ist.


    Deiner Idee einer Verbindung zwischen dem Hafen und dem Neustadtwallring stehen aber leider die vielbenutzte Eisenbahnstrecke nach Oldenburg und die aufgeständerte B75 entgegen, die Barrierefunktion dieser beiden Verkehrsadern führt gerade zu dem Abgeschiedenheitsgefühl am Hohentorshafen. Bremen hat in der Tat das Glück, einen (fast) vollständig erhaltenen Wallring um beide Teile der Innenstadt aufzuweisen. Nur an seinem westlichen Rand wurde schon vor dem Zweiten Weltkrieg ein kleiner Teil des äußersten westlichen Rands der Innenstadt für eine neue Weserquerung abgezwackt, der Vorläufer der heutigen B75/Stephanibrücke, aber selbst hier zieht sich noch ein schmaler Grünzug mit Rad- und Fußweg entlang.


    (Quelle: Wallring Fahrradroute)


    Man kann das "Abgezwackte" am Nordwestrand dieses Rings sogar auf der Karte erkennen, durch die Begradigung des Rings. Trotz der wirklich schwierig in eine wertige Entwicklung zu integrierenden Schnellstraße halte ich das Gebiet im Moment für dasjenige mit der städtebaulichen interessantesten Perspektive in Bremen (wenn man von der Innenstadt, für die ich die Hoffnung nicht aufgebe, vielleicht mal absieht).

  • das sah im Stil so aus wie dieser noch stehende Teil:

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    Tatsächlich war die jetzt eben “ehemalige, ehemalige” Frauenklinik gar nicht so klein, gehörte sogar zu den größten Trakten auf dem Gelände, wurde aber bereits schon damals für das große Bettenhochhaus und die anliegende Radiologie mindestens halbiert. Obewohl im Krieg beschädigt, wieder hergerichtet. Er ging so fort mit den heraustretenden Risaliten in gespiegelter Form, links, an dem jetzt noch winzigen Rest, bis hin zur Sankt Jürgenstraße.

    Baujahr weiß ich grad nicht mehr, aber es muss wohl auch so um 1890-1900? gewesen sein. Um die Ecke herum und in die andere Richtung ging dann noch mal ein Seitenflügel, der wiederum 1910 einen Anbau bekam, welcher nach vorne hin große öffnungen in der Fassade hatte hinter denen sich Freiluftgänge befanden. An diesem Schloss auch der Bunker an der 1942-43 gebaut wurde. Bilder hatte ich mal, jetzt im Moment gerade nicht mehr. Zu dem Baum vor dem Gebäude hinter der HNO, das ist noch ein Überbleibsel von einen alten Kreisel, der vor dem Haupteingang desselben war. Das war eine Haupteinfahrt von der sankt Jürgen str. aus. Der Backsteinaltbau da hin zur Bismarckstraße war die Zetralküche, wie gesagt fast zum gleichen Zeitpunkt, wie die “neue” alte Innere Medizin, die heute den Haupteingang bildet.

  • Kleine Geschichte aus dem ebenfalls eher gebeutelten Ortsteil Hemelingen im gleichnamigen, wesentlich größeren Stadtteil, der den gesamten tiefen Bremer Südosten ausmacht. Ersterer liegt ganz besonders eingekesselt zwischen einer Schnellstraße im Südwesten (Hemelinger Zubringer) und mehreren Bahnlinien, die sich treffen. Die Hemelinger Bahnhofsstraße ist praktisch eine typische Geschäftsstraße - nur dass sie fast kein "Hinterland" hat, da im Westen die mittlerweile aufgegebenen Produktionsstätten von Könecke (Wurst) und Coca-Cola liegen, im Norden und Süd(Westen) Eisenbahnstrecken und nach Osten hin ein Park, der im Zuge des Baus des Hemelinger Tunnels entstanden ist.


    Entsprechend schlecht geht es der Straße seit Jahren, Corona hat dem ganzen noch den Rest gegeben, so dass die letzten 2 oder 3 inhabergeführten Ladengeschäfte schließen mussten - aber es passiert auch etwas. Zunächst GoogleMaps mit einer Lage der Straße, die ziemlich sauber in Nordsüdrichtung verläuft:


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    Man erkennt auch hier die "Insellage" der Straße, die wie durch ein postindustrielles, von Verkehrsachsen umschlossenes Niemandsland verläuft. Im Westen sind die mittlerweile zu einem gemeinsam beplanten Gebiet zusammengefassten Produktionsareale von Könecke und Coca-Cola zu erkennen, um die es in einem weiteren Post gehen soll.


    Heute geht es um diese Meldung im Weserkurier:


    Das entsteht künftig in der Silberwarenmanufaktur Wilkens - Weser-Kurier


    So sieht es da aus, Blick von Süden auf das Gelände:


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    Die Hemelinger Bahnhofstraße weist durchaus noch einige ordentliche Gründerzeitler auf, viele allerdings in schlechtem Zustand:


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    Ikonisch ist die Front zur Bahnhofstraße mit dem kleinen Turm:


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    Das gesamte Gebäude wird erhalten und die alte Fabrikationshalle in eine Brauereigaststätte eines lokalen Bierbrauers (Union Bier) umgewandelt. Dieses Konzept hat auch schon in Walle, einer durchaus ähnlich schwierig strukturierten Gegend, exzellent geklappt, dort wurde das alte Brauereigebäude, das jahrzehntelang leerstand und verfiel, sehr ansprechend renoviert - nur ein Foto dieses ebenfalls beeindruckenden Industriedenkmals, dem nun das Glück zuteil wurde, seine alte Bestimmung wieder erfüllen zu können:


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    Zurück nach Hemelingen: Selbst die alte Silberschmiede Wilkens bleibt am Standort, und verkleinert sich entsprechend der anscheinend zurückgegangen Nachfrage. Außerdem soll eine kleine Kaffeerösterei einziehen und der Rest der Fläche für Büros etc. umgebaut werden. Dass das ganze sogar ganz gute Chancen hat, etwas zu werden, liegt eben an der geplanten Wohnbebauung auf den westlich anschließenden Arealen (ex Coca-Cola und Könecke) - für manche Dinge braucht man in einer Stadt auch einfach Menschen, sonst wird es nichts - deswegen stehe ich vielen dieser Konversionsprojekte, die ohnehin meist in eher sozioökonomisch herausgeforderten Gebieten entstehen (in Schwachhausen gibt es keine alten Brauereien oder Steingutproduzenten) auch eher positiv gegenüber, sogar wenn jemand damit Geld verdient.

  • Noch eine ähnliche "kleine Geschichte", diesmal aus der Neustadt am Kirchweg. Hier dämmert seit Jahrzehnten das Koch und Bergfeld-Gelände vor sich hin, ebenfalls eine Silberwarenmanufaktur. Da der Bedarf nach "Tafelsilber" in den letzten Jahrzehnten massiv abgenommen hat, hatte sich die Firma sukzessive immer weiter verkleinert, existiert aber wie die oben genannte Manufaktur Wilkens weiterhin mit kleiner Produktion und einem Fabrikverkauf auf ihrem Gelände und einem sehr ordentlichen Internetauftritt:


    Koch und Bergfeld Silberwarenmanufaktur


    Es gibt seit Jahren Pläne für das Areal, aber es dauerte sehr lange, bis einmal etwas geschah. Interessant ist eine fast "schlossartige" Anlage der Fabrik mit zwei erhaltenen Torhäusern, die den Blick auf die sehr repräsentative Hauptfront des Fabrikgebäudes freigibt:


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    Das Hauptgebäude:


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    Hinter der wie gesagt sehr repräsentativen Front verbargen sich dann aber leider bereits seit Jahrzehnten verfallende Sheddachhallen wirklich ohne erkennbaren optischen Reiz, für die damalige Zeit sehr zweckmäßig erbaut. Im südlichen Teil des Grundstücks sind diese Hallen ist mittlerweile abgerissen, der bauliche Zustand war aber auch wirklich desolat, es hatte jahrelang hineingeregnet. So sah die Front der Fabrik letzten Sommer aus mit bereits abgerissenen Hallen:


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    Inzwischen sind neue, denkmalgerechte Fenster eingebaut und das Gebäude wieder überdacht:


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    Im Hauptgebäude soll perspektivisch Gastronomie einziehen, wofür sich sowohl das Gebäude als auch der sehr lauschige kleine Hof hervorragend eignen dürfte.


    Hier ein Artikel aus dem Weserkurier zum Stand der Dinge im Oktober 2021:


    Koch und Bergfeld - aktueller Stand


    Es gibt wie fast immer in alten Industriegebieten Probleme mit Altlasten im Boden, hier v.a. die bei der Silberverarbeitung verwendeten Schwermetalle wie Blei, Nickel etc. sowie halogenierte Kohlenwasserstoffe, die man früher zur Reinigung des Silbers verwendet hat. Das Problem scheint aber durch Versiegelung und einen tlw. Austausch des Bodens beherrschbar zu sein. Hier eine Visualisierung des "Masterplans", allerdings laufen die Wettbewerbe zur Gestaltung der meisten Gebäude zur Zeit noch:


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    (Architekten FSB)


    Als erster Neubau auf dem Gelände an seiner südlichen Seite wurde ein Gebäude mit gemischter Nutzung (oben Wohnungen und unten eine Kita) gebaut, welches nun fast fertig ist, zunächst ein Blick entlang der südlichen Seite des Gebäudes, man erkennt den Übergang von den alten Hallen zum Neubau:


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    Der Neubau selbst ist ein typischer Vertreter der Jetztzeit in Bremen, ohne großen Pfiff, aber auch nicht unbedingt "toxisch":


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    Wie so oft kann man nun eine treffliche Diskussion darüber führen, inwieweit das Vorgehen positiv zu bewerten ist. Ich bin der Meinung, dass es dies ist, denn die Alternative wäre eben weiterhin jahrelanger Stillstand gewesen, nun sollen dort Wohnungen entstehen, eine Seniorenresidenz, Gastronomie und eine Kita, Stadt eben - und das alles unter vollständigem Erhalt der repräsentativen Fassaden aus dem späten 19. Jahrhundert.