Rauchstuben, Rauchöffnungen und Fenstergruppen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wohnbau Europas

  • Rauchstuben, Rauchöffnungen und Fenstergruppen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wohnbau Europas

    Verbreitung, Gestalt und Datierung


    Mit diesem Strang schneide ich ein Thema an, das mich nun seit ein paar Jahren beschäftigt und dessen Dimensionen mir erst im Laufe der Zeit durch immer wieder neue kleine Entdeckungen klar geworden sind. Auch scheint mir, dass sich mit dem Thema immer zwar wieder und bereits seit langer Zeit in der Wissenschaft befasst wurde, dabei jedoch stets nur Teilbereiche und nie das gesamte Phänomen betrachtet wurden.



    Einordnung des Themas


    Die Stube als primärer beheizter Wohnraum ist seit dem Hochmittelalter ein zentraler Bestandteil der Wohnkultur in Mittel- und Osteuropa. Ihre Entwicklung ging mit dem Aufkommen kleinformatiger Öfen, die neben der Beheizung häufig auch zum Kochen dienten, einher. Archivalische Nachweise für Stuben gibt es seit dem 13. Jahrhundert, anzunehmen ist ein Aufkommen wohl etwas früher, ab dem 12. Jahrhundert, und zuerst im Burgenbau und im Raumprogramm der Klöster. Zunächst waren diese Stuben in aller Regel mit frontbefeuerten Lehmöfen ausgestattet, deren Rauchgase in die Stube entlüfteten und mittels unterschiedlicher Methoden wieder hinausgeleitet wurden; diese Entwicklungsstufe bezeichnet man als Rauchstube. Ebenfalls seit dem 13. Jahrhundert kam die Verkleidung der Stubenöfen mit Keramikkacheln auf; eine Entwicklung, die in mehreren Stufen in die heute noch verbreiteten Formen des Kachelofens mündete. Während jedoch Kacheln als besserer Wärmeleiter sich vergleichsweise schnell verbreiteten, zog sich die Ausbreitung von der Rückseite befeuerter Öfen, sogenannter Hinterladeröfen, vielerorts über Jahrhunderte hin, sodass Rauchstuben mancherorts noch bis ins 18. Jahrhundert weit verbreitet waren und sich eine Vielzahl verschiedener Bauformen bildete.


    An dieser Stelle setzt mein Thema an. Behandelt werden sollen insbesondere Bauformen und Beispiele des 13. bis 17. Jahrhunderts; in der darauffolgenden Spätphase beschränkt sich das Vorkommen im Wesentlichen auf den Raum Kärnten und ist bereits durch die ältere Forschung gut abgedeckt.


    Begriffserklärungen


    Da das Thema eine größere Anzahl ähnlich klingender Fachbegriffe erfordert, werde ich die Wichtigsten hier definieren, damit die darauffolgenden Erläuterungen eindeutig und klar verständlich bleiben:


    Rauchstube

    Eine Stube, deren Ofen die entstehenden Rauchgase in den Innenraum der Stube abgibt, von dem aus sie durch Öffnungen meist in den Wänden abgeleitet werden.


    Rauchöffnung

    Öffnungen im oberen Bereich der Stubenwände, deren primärer Zweck die Ableitung der Rauchgase aus der Stube ist. Vereinzelt wird zu klären sein, ob die Öffnungen tatsächlich dem Ableiten der Ofenabgase dienten, oder ob sie lediglich den Rauch von Beleuchtungsmitteln, insbesondere Kienspänen, ausleiteten.


    Fenstergruppe

    Eine besondere Gestaltungsform, die Stubenfenster und Rauchöffnungen zu einem gemeinsamen architektonischen Element zusammenfasst. Ob dies jeweils der Fall ist, muss im Einzelfall erörtert werden.


    Verbreitung


    Das Verbreitungsgebiet von Rauchstuben und Rauchöffnungen umfasst einen großen Teil Mittel- und Osteuropas. Zweifelsfrei nachgewiesene Beispiele sind mir bisher bekannt aus Württemberg, Mittel- und Oberfranken, der Oberpfalz, Niederbayern, ganz Böhmen, Niederösterreich, Wien, Kärnten, der Steiermark, Südtirol, der Zentralslowakei, West- und Zentralungarn sowie aus Siebenbürgen. Auffällige Lücken stellen bisher Nordtirol, Oberbayern und Oberösterreich dar, wobei sich diese vermutlich bei genauerer Recherche noch schließen lassen. Das westlichste mir bekannte Beispiel findet sich in Esslingen am Neckar, das östlichste und gleichzeitig südlichste in Hermannstadt (Sibiu) und das nördlichste auf der Burg Bösig / Bezděz in Nordböhmen.


    Liste der bekannten Beispiele


    Nachfolgend werde ich eine Liste aller mir bekannten Beispiele für Rauchstuben und / oder Rauchöffnungen führen. Diese Liste wird fortlaufend ergänzt werden.

    Das Schema der Einträge wird stets wie folgt lauten: [Ort], [Anschrift und/oder Objektname], [erhaltene Bauteile], [Datierung, dendrochronologische Datierung markiert mit (d)] - [evtl. Bildlink]


    Baden-Württemberg (keine genauere Aufteilung bisher, da nur wenige Beispiele zu erwarten sind)


    Esslingen am Neckar, Hafenmarkt 8, zweitverbaute Bohlenwand mit zwei Rauchöffnungen mit Rundbogenabschlüssen, vermutlich 2. Hälfte 13. Jahrhunderts.


    Ingelfingen, Schmiedgasse 15, vollständig erhaltene Bohlenstube mit zwei runden Rauchfenstern, 1293-95 (d) - Außenansicht, Innenansicht Stube

  • Mündener

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  • Ich habe 1984 als Schüler auf einem "Weingut" in Südtirol als Erntehelfer gejobbt. Hamburger Freunde von uns hatten den Hof aufgekauft. Auf dem Hof lebte ein altes Ehepaar als Verwalter. Es gab noch keine Stromversorgung und kein Telefon.


    Was ich aber wirklich unglaublich fand, war der Herd/Ofen: Eingebaut in die Trennwand zwischen Küche und Stube, mit offenem Feuer ohne Abzug. Ich kam mir vor wie im Mittelalter, und das war es ja im Grunde auch - ein absolut aus der Zeit gefallenes Relikt.


    Vor 2 Jahre bin ich aus Neugierde noch mal zu dem Hof in der Nähe von Unterinn/Ritten gegangen. In dem Gebäude befindet sich heute eine moderne Ferienwohnung, es gibt keine Spuren mehr von der damaligen Ausstattung.

  • Ingelfingen, Schmiedgasse 15, vollständig erhaltene Bohlenstube mit zwei runden Rauchfenstern, 1293-95 (d) - Außenansicht, Innenansicht Stube

    Der zweite Link ist leider defekt.

  • Quote

    Der zweite Link ist leider defekt.


    Das habe ich leider auch schon feststellen müssen; das Bild stammt aus einem PDF-Dokument, sodass ich vermutlich den Downloadlink für das gesamte Dokument angeben werde, mit entsprechendem Hinweis dazu.