Zersiedelte Landschaften

  • Du hast in allem Recht, ich habe den Advocatus diaboli gespielt. Ich finde das Thema sehr interessant und bin froh, dass es hier mal angesprochen wurde, es hat nämlich (indirekt) auch mit unserem Herzensanliegen, der Bewahrung alter Stadt- und Dorfkerne zu tun. Diese bluten nämlich u.a. durch die unkritische Ausweisung immer neuer Einfamilienhausgebiete aus.


    Und vor diesem Hintergrund kann ich nur meine Verwunderung über die in diesen Thread eingebrachte Polemik äußern. Wir heißen ja aus gutem Grund Stadtbild-Forum und nicht Blaudachdoppelgaragensiedlungs-Forum. Aber bevor man über Rezepte zur Lösung sprechen kann, braucht es eine Problemanalyse. Und wenn sich hier zurecht Sorgen über die Zersiedlung unserer Natur- und Kulturlandschaften gemacht wird, muss auch über unsere Form der Stadt- und Ortserweiterungen gesprochen werden.


    Es ist zudem ein uraltes Recht von Kommunen und allgemein dem Staat, Vorgaben zur Form der Bebauung zu machen. Genau dies wird im Hinblick auf den Städtebau hier auch immer wieder zurecht gefordert. Es ist auch in den kapitalistischstmöglichen oder meinetwegen libertärsten (weil das online irgendwie gerade so "in" zu sein scheint) Ländern der Welt so, dass es eine Raumordnung gibt und man nicht einfach überall bauen kann, wie man will. Umgekehrt sieht man die Abwesenheit einer Raumordnung Ländern auch häufig an, denn diese hinterlässt zurecht häufig einen Eindruck "wie in der dritten Welt". Somit weiß ich gar nicht genau, warum hier über Selbstverständlichkeiten diskutiert werden muss.


    Auch der Bezug zum Sozialismus will sich mir da einfach nicht erschließen, bzw. wirkt er mir wie ein inhaltsleerer Kampfbegriff, der die Debatte polemisieren soll. Komischerweise sprechen wir über viel größere Eingriffe ins Eigentumsrecht, wenn wir über Denkmalschutz und Sanierungsauflagen reden, denn hier geht es um den Bestand und bereits bestehendes Eigentum und nicht mögliches Eigentum bei Neubauplanungen. Wäre das dann also der berühmte "Kulturmarxismus"?


    Zum Thema: Volle Zustimmung. Unser Raum ist endlich. Es ist z.B. gut, dass mittlerweile über dieses Problem geredet wird. Es geht auch gar nicht um irgendwelche sofortigen und radikalen Lösungen. Es sind eben Zielkonflikte, Interessenskonflikte, und diese muss die Politik soweit wie möglich lösen, dafür ist sie da. Die angedeutete Konstruktion einer irgendwie gearteten Verschwörung gegen den ehrlichen Einfamilienhausbesitzer durch linksgrüne Siffis in ihren urbanen Barista- und Hipsterfilterblasen ist vollkommener Quatsch. Auch auf dem Land sieht man den Handlungsbedarf und es gibt parteiübergreifenden Widerstand gegen die Ausweisung immer neuer Baugebiete. In strukturschwachen ländlichen Regionen kann es z.B. vollkommen in Ordnung bleiben, Einfamilienhausgebiete zuzulassen, um Einwohner zu halten oder anzulocken. In den Zuzugs- und Ballungsräumen sollte man aber doch akzeptieren, dass diese Form der unendlichen und ineffizienten Siedlungserweiterung nur die Preise treibt, die Wege verlängert und nebenbei Versiegelung und Flächenfraß bedeutet.

  • Auch der Bezug zum Sozialismus will sich mir da einfach nicht erschließen,

    Langsam hat der dümmste Forumsdämel verstanden, dass sich das Dir nicht erschließt.


    Du schriebst schon in Deinem vorvorletzten Post:


    Und wenn eine Stadtgemeinde wie Hamburg zu dem (aus meiner Sicht höchst vernünftigen) Schluss kommt, Einfamilienhausgebiete aus den vielen genannten sehr guten Gründen zukünftig nicht mehr ausweisen zu wollen auf seinem Gebiet, dann ist das nicht Sozialismus, sondern nur konsequent.*

    (* = übrigens ein toller Juso-Wahlkampfslogan.)


    Und...

    Aber man kann nicht auf der einen Seite die Zersiedlung beweinen und dann planungsrechtliche Eingriffe, die auf eine Veränderung der Verhältnisse zielen, als Sozialismus diffamieren.

    Und im vorletzten:

    eine Sache kluger Kompromisse, den immanenten Zielkonflikt zu lösen, dann aber bitte ohne Sozialismuspolemik.

    Wenn so oft die Riposte wiederholt wird, scheine ich ja irgendwie ins Schwarze getroffen zu haben.


    Meine Warnung vor sozialistischen Anwandlungen bezog sich nicht auf eine Bauleitplanung oder Städteplanung, auch eher weniger auf den Streit, ob man Einfamilienhäuser verbieten will, sondern auf "Majorhantines" Äußerungen zu alten Menschen, die Wohnraum "blockieren", der anscheinend anders verteilt gehört.

  • Mehr als Kassandrarufe bezüglich möglichem Missbrauch hattest Du aber bisher nicht beizutragen zur Problematik. Ich würde mir dann wenigstens Argumente erhoffen, wie es ohne Anreize, Regulierung oder Marktmechanismenförderung gehen soll. Wie kann man ohne Zersiedelung die Probleme lösen für junge Familien, für Menschen, die heute nicht den passenden Wohnraum mehr finden, für Menschen, die auf zu viel Wohnfläche leben, allgemein für einen einfrierenden Wohnflächenmarkt?

  • Die meisten Senioren wären vermutlich froh, wenn sie sich problemlos verkleinern könnten - aber allein der Umzug schreckt ab, zu schweigen davon, dass die kleinere Wohnung unter Umständen mehr Miete kostet als die alte, größere Wohnung.

    Eine mögliche Lösung wäre es, in Neubauten von vornherein flexible Grundrisse zu planen, so dass z.B. mit wenig Aufwand ein oder mehr Zimmer von der einen Wohnung abgetrennt und der anderen zugeschlagen werden könnten. Die Altmieter könnten in ihrem Vertrag bleiben (entsprechend um die Quadratmeter-Zahl vermindert), die vergrößerte Nachbarwohnung könnte neu vermietet werden.

    Voraussetzung hierfür wäre eine vorausschauende Planung, die Küche und Bad entsprechend anordnet, wohnungsinterne Wände von vornherein wie Wohnungstrennwände baut (Schallschutz), Stromleitungen so legt, dass sie problemlos auch vom anderen Schaltkasten versorgt werden können, sowie "Sollbruchstellen" einplant, wo Türstürze bereits in der Wand verbaut sind, so dass nur noch die Steine herausgenommen und eine Tür eingebaut werden müssen.

    Ich bin kein Architekt, kann deswegen nicht abschätzen, wie viel Aufwand das bedeuten würde - aber vielleicht kann ja ein Forumskollege eine fundierte Meinung dazu sagen?

  • Ich würde mir dann wenigstens Argumente erhoffen, wie es ohne Anreize, Regulierung oder Marktmechanismenförderung gehen soll.

    Und das ist der springende Punkt. Welche Regulierungen sind sinnvoll. Ich lebe mit meinen beiden Kindern in einem viel zu großem Haus. Mein Großvater baute es. Energetisch ist es eine Katastrophe. Dazu kann ich es nicht Teilvermieten, da sich die Zimmer galerieförmig am Treppenhaus anordnen. Es ist ein offenes Treppenhaus (welches aber wunderschön ist).

    Ich würde mich liebend gerne verkleinert. Alle meine Freunde sagen, dass das Haus viiiiiiel zu groß ist. Ich will raus und kann es nicht, da ich auf dem Mietermarkt mit dem Sozialstaat konkurriere und den Kürzeren ziehe. Für eine teure Wohnung fehlt mir die Kohle, auch wenn ich mein Haus vermieten würde, da ich Rücklagen bilden muss, um mein Haus zu sanieren. Und das Ganze wird in Zukunft nicht billiger werden.


    ( Zeno das beantwortet auch Deine Frage. Ich will weg aus dieser Gegend (Richtung Altmühltal :love:) und habe die Hoffnung den Absprung zu schaffen, von daher ist mir Amazon egal).

  • Langsam hat der dümmste Forumsdämel verstanden, dass sich das Dir nicht erschließt.

    Ich bin vielleicht etwas über die Stränge geschlagen, weil mich einfach dieses permanente Entgleisenlassen auch guter Stränge hier so nervt.


    Das Thema ist unheimlich interessant und vielschichtig und könnte Anlass für eine interessante Diskussion darüber werden, wie wir zukünftig leben wollen, wie wir uns den Themen Versiegelung und Flächenverbrauch stellen wollen, wie wichtig oder unwichtig das Thema vielleicht ist. Wie wollen wir mit dem Dörfersterben umgehen? Welche Anreize könnten wir schaffen, um den Erhalt von Bestandsgebäuden attraktiver als Abriss und Neubau zu machen? Wo ist die Grenze zwischen sinnvoller Raumordnungsplanung und zuviel Staat? Wollen wir kompakte Siedlungsformen oder eher fortschreitende Suburbanisierung? Ich habe gar keine finalisierte Meinung dazu, vielleicht ist das Recht auf ein Wohnen im freistehenden Haus ja tatsächlich als höher einzuschätzen, als das ganze Soziologen- und Ökologengequatsche es uns glauben machen lassen?


    Hätte man alles diskutieren können, aber stattdessen wird das Thema schon auf der ersten Seite gleich "derailed" mit diesem elenden Migrationsgeraune, das mir so unendlich zum Halse raushängt und irgendwelchen Geschichten über aus den bösen Städten in Sicherheit fliehenden Familien, denen man nun auch noch das Recht auf ein Eigenheim nehmen will - kein Wort dazu, dass der stärkste Suburbanisierungs- also Zersiedlungsprozess in den 1960er und 1970er Jahren lief, zu einer Phase also, als es in Deutschland kaum Ausländer gab vor denen man sich hätte in Sicherheit bringen müssen. Kein Wort dazu, dass die Zersiedlung auch in den 2000er Jahren ungebremst weiterlief, obwohl Deutschland in jenem Jahrzehnt über eine Million Einwohner verloren hat. Alles egal, Hauptsache, man hat zum 500. Mal irgendwo sein Thema untergebracht.


    Ein Teil der Beiträge ist ja gottseidank deaktiviert worden und trotzdem steht dieser Thread für exemplarisch für das, was hier von rechts läuft. Interessante Themen werden sofort gekapert und in einer Flut aus unnötiger Politisierung, abgelutschten, öden Ressentiments und zwanghaftem Schwarzweißdenken ertränkt, bis keiner mehr was zur Sache sagen will. Und es sind auch immer dieselben 4, 5 Hansel, die dieses Stück hier aufführen, während die anderen ungläubig zuschauen und nichts mehr schreiben.

  • Ein Teil der Beiträge ist ja gottseidank deaktiviert worden und trotzdem steht dieser Thread für exemplarisch für das, was hier von rechts läuft. Interessante Themen werden sofort gekapert und in einer Flut aus unnötiger Politisierung, abgelutschten, öden Ressentiments und zwanghaftem Schwarzweißdenken ertränkt, bis keiner mehr was zur Sache sagen will.

    Das läuft doch von der anderen Seite genau so. Ressentiments und Schwarzweißdenken findet man dort ebenfalls. Und was für welche. Es fällt ihnen nur gar nicht mehr auf. Und da diese Seite letztlich regiert (Medienapparat, politische Institutionen, NGOs) ist es ihr am liebsten, wenn alles weitgehend reibungslos, ohne Widersprüche, ohne lästige Thematisierungen von Themen, die sie nicht hören möchte, seinen Gang in die richtige Richtung geht.


    Aber, meinst Du, es gibt keine Leute, die die täglich u.a. in meiner Tageszeitung in oft mehreren Artikeln auf den verschiedenen Seiten zu lesenden Losungen von "Vielfalt", "gemeinsam gegen den Hass", "Bunt statt Rechts", "Rassismus-Skandal", "Demokratie und Offenheit", "global denken", "Heimat ist kein Ort" usw. nicht als "öde", "abgelutscht" und "zwanghaft" empfinden?...


    Dass einige Forumskollegen stärker politisieren stimmt aber. Da gebe ich Dir Recht. Und halte manchmal selbst die Luft an, weil ich weiß, welche Reflexe folgen.

    Ich selbst zähle mich aber weniger dazu. Meist reagieren ich nur auf explizit politische Äußerungen.


    - offtopic Ende -

  • Wenn zum Beispiel einer beklagt, dass die Deutschen zuviel Wohnraum hätten, könnten das manche Politiker als Steilvorlage für Zwangsumsiedlungen oder Zwangsbelegungen betrachten. Dann heißt es, Herr XY verfügt über mehr Quadratmeter Wohnfläche als gesetzlich zugelassen, weshalb ihm das Paar Z in sein Gästezimmer zwangszugewiesen wird.

    In der DDR war das so geregelt - wer zum Beispiel mit einem Elternteil in einer 3 Zimmerwohnung von 120 m² lebte, galt als "endversorgt" und kam nur aus der Wohnung wenn man bei jemanden mit eigener Wohnung einzog, Kinder in die Welt setzte um dann Anspruch auf größeren Wohnraum zu haben.


    Solche Ehen hielten allerdings nicht lange - es waren reine Zweckehen und früher oder später hatte man dann die Nase vom Partner voll.


    Die Scheidungsstatistik der DDR spricht da Bände - war schon fast ein Volkssport sich scheiden zu lassen.


    Im völligem Gegensatz da zu München - meine Großtante zum Beispiel, eine Flügelschraube gealterte Konzertpianistin, bewohnte allein eine 3 Zimmerwohnung in Nymphenburg, welches schon damals nicht unbedingt das billigste Pflaster war.


    München galt lange Zeit als Singlehauptstadt, die ganzen "Juppis" beispielsweise der IT Branche, mieteten für sich alleine (für ihre Verhältnisse) viel zu große Wohnungen und blockierten damit Wohnraum für weniger gut verdienende Familien.


    Natürlich hatte das auf der einen Seite den positiven Effekt daß verstärkt Altbaubestand Luxus saniert wurde, andererseits sind somit auch die Mieten gerade für Altbauten extrem in die Höhe geschossen.



    Um auf Amazon zurück zu kommen - Landschaftlich eine Katastrophe, anderseits braucht die Gemeinde auch die Gelder.


    Die Mieten in den Landkreisen sind recht moderat - nur ist aufgrund fehlender Infrastruktur der Wegzug in die Städte wesentlich dominanter als der Zuzug,

    Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden.

    Horst Seehofer

  • Das Thema sind hier nicht irgendwelche Losungen oder durchgeknallten linken Aktivistinnen. Eine Diskussion funktioniert nicht, wenn man zuviel mit reinnimmt. Die politisch-gesellschaftliche Großwetterlage müssen wir hier im Forum erstmal als gegeben hinnehmen. Andernfalls würde ja nur noch über allgemeine Politik diskutiert.


    Hier in diesem Strang geht es um Zersiedelung der Landschaft, um Flächenfraß. Es geht darum, auf dieses konkrete Problem aufmerksam zu machen und zu erörtern, was für den Erhalt der Kulturlandschaft getan werden sollte.


    Dass diesem und jenem Foristen auch andere Gedanken durch den Kopf gehen, ist verständlich, aber wir verzetteln uns sonst.

  • Du hast sicherlich recht, dass Du hier nicht einer der off-topic-Treiber bist, Heimdall. Das erkenne ich an. Ein gutes Beispiel für einen solchen sich vollständig vom Threadthema entfernt habenden Beitrag, der sich nur noch in öden Ressentiments verliert findet sich dafür direkt über Deiner bemerkenswert sachlichen Antwort auf meinen zugegebenermaßen recht emotionalen Beitrag.

  • "Heinzer", ich habe bei "Valjeans" Beitrag auch erst mal die Luft angehalten. Dann aber habe ich ihn sogar "geliked". Warum?


    Weil er eigentlich durchaus das Thema trifft. Was Rackete macht, ähnelt - wenn auch auf ganz andere Weise - ja der Haltung von vielen Bürgern, über die wir uns im Forum gelegentlich echauffieren. Und das ist dann wieder sehr bezugnehmend zu diesem Thread.


    Es ist die Haltung, dass man in Deutschland wenig Wert auf Architektur und Stadtbild legt, weil man hier (ähnlich wie auf bevölkerungstechnischer Ebene Rackete) ohnehin schon die Sache mehr oder minder als verloren ansieht. Bei Rackete ist das egal, wer hier lebt ("ob die hier sind oder nicht"), weil das Land "ohnehin dicht besiedelt" sei. Und daran will man offenbar nichts ändern. Die anderen sagen, dass es doch egal ist, wenn hier eine neue Gewerbesiedlung errichtet wird oder dort ein hässlicher Wohnblock, weil das Stadtbild ohnehin uneinheitlich und unrettbar zerstört ist. Und während Rackete dann in die Natur Chiles flieht, wo sie u.a. mit den vielen Leuten, die sie einzureisen fördert, möglichst nicht konfrontiert wird, fliehen die anderen aus ihren hässlichen Innenstädten und (hier als Thema) zersiedelten Landschaften, an denen sie keinen Änderungsbedarf empfinden, für lange Urlaube nach Australien, Nepal oder die Toskana.

  • München galt lange Zeit als Singlehauptstadt, die ganzen "Juppis" beispielsweise der IT Branche, mieteten für sich alleine (für ihre Verhältnisse) viel zu große Wohnungen und blockierten damit Wohnraum für weniger gut verdienende Familien.

    Das ist vor allem ein Problem der extremen Unterschiede in den Einkommensstrukturen. Wenn ein Unternehmen seine Angestellten fürstlich entlohnen will, ist das natürlich dessen Sache. Aber einige Berufe werden eben in Deutschland viel zu schlecht bezahlt. Sehen wir nur die ganze Branche der Pflegeberufe, die Kindergärtnerinnen usw. Hier liegt ein großes Defizit. Würden diese Menschen besser entlohnt, könnten sie auch besser auf dem Wohnungsmarkt konkurrieren.

  • Und das ist der springende Punkt. Welche Regulierungen sind sinnvoll. Ich lebe mit meinen beiden Kindern in einem viel zu großem Haus.

    Ich würde mich liebend gerne verkleinert. Ich will raus und kann es nicht, da ich auf dem Mietermarkt mit dem Sozialstaat konkurriere und den Kürzeren ziehe. Für eine teure Wohnung fehlt mir die Kohle, auch wenn ich mein Haus vermieten würde, da ich Rücklagen bilden muss, um mein Haus zu sanieren.

    Eben, das meinte ich: Ich kenne -zugegeben kleine Stichprobe ich weiß - in meinem Umfeld massenhaft solche Geschichten. Und bei Dir sehe ich jetzt sogar eigentlich weniger ein Problem. Ihr seid drei Menschen, davon Kinder, da ist ein großes Haus jetzt nicht das schlimmste. Viel öfter sehe ich, dass ganze auch größere Häuser von einer oder zwei Menschen bewohnt werden, wo dann Obergeschosse leerstehen, nicht mehr geheizt werden (teilweise kommen sie ja nicht mehr die Treppe hoch), Sanierungen sowieso nicht mehr, der Garten nicht mehr geschafft werden kann und insgesamt das Haus voll läuft mit Müll, weil der größte Platz toter Raum ist, was automatisch dann vollgestellt wird. Dann von Zwangsmaßnahmen zu sprechen, wenn diese Menschen eher eine Hand gereicht bräuchten geht mir nicht in den Kopf.


    Ich kenne die DDR nicht, deswegen bin ich da vielleicht schmerzloser als manche, die das System erlebt haben. Aber ich kann durch meine Arbeit sehen, wie haufenweise Kleinfamilien in drei-Zimmer-Wohnungen drängen, teils sogar darunter. Ich sehe in Universitätsstädte Wohnungen, die teils mit 5.6 Studenten besetzt werden. Kleine Wohnungen gehen weg ohne Ende, größere schon schwieriger - da sehe ich eigentlich nicht das Problem, wie hier irgendwo gelesen habe, dass es zuviele Alleinstehende in großen Wohnung gibt. Der Mangel herrscht bei kleineren Wohnungen und das zeigt, dass die Leute sich enorm drängen. Diese Menschen treiben alle ganz sicher nicht die steigende Wohnfläche pro Einwohner in D, das ist nur Demografie, die das treibt. Ich bin mir nicht sicher, wie die Zahlen zu Singlehaushalten zu verstehen sind, aber ich könnte mir auch da einen demografischen Hintergrund vorstellen entgegen der gängigen Meinung, das junge Menschen einfach lieber allein wohnen. Treibt damit entweder die Nachfrage nach kleinen Wohnungen oder blockiert ganze EFH je nach Deutung. Würde man das EFH für Familien günstig machen, indem man den Menschen hilft sich zu verkleinern, müsste eigentlich nicht neu zersiedelt werden, bei einer alternden Gesellschaft. Man kann aber halt eigentlich nicht den einen vor dem anderen Schritt tun und die EFH einfach verbieten. Man muss die Mietpreistreiberei wenn nicht stoppen (nicht durch irgendwelche Bremsen) so zumindest dort aufheben, wo es für den Staat wünschenswert ist und das ist bei den Familien, indem man die Angebotsseite drastisch erhöht und die älteren entsprechend entschädigt.


    Denn das muss man auch mal sagen und da zeigt sich auch der klare Bruch zu einer immer wieder genannten Verteilungs-/Bedarfspolitik: Es ist gut für einen Lebensstandard eher im Überschuss an Fläche zu leben. D.h. grundsätzlich wären moderat steigende Wohnflächen pro Einwohner in einer gesunden Gesellschaft hervorragend um Lebenstandardverbesserung zu unterstreichen. Nur sehe ich hier genau das Gegenteil heute, Werte werden zerstört, Familien stark eingeschränkt, andere die sich übernehmen und doch nicht reagieren können.

  • Das ist vor allem ein Problem der extremen Unterschiede in den Einkommensstrukturen. Wenn ein Unternehmen seine Angestellten fürstlich entlohnen will, ist das natürlich dessen Sache. Aber einige Berufe werden eben in Deutschland viel zu schlecht bezahlt. Sehen wir nur die ganze Branche der Pflegeberufe, die Kindergärtnerinnen usw. Hier liegt ein großes Defizit. Würden diese Menschen besser entlohnt, könnten sie auch besser auf dem Wohnungsmarkt konkurrieren.


    Da sprichst Du was an - mal abgesehen von den sozialen Berufen wie Erzieher, Krankenschwester usw. wollen junge Leute auch keinen Handwerksberuf mehr erlernen, da sie sich einbilden in akademischen Berufen mehr zu verdienen.


    Natürlich, ein Betriebswirt hatte schon mal ein recht üppiges Auskommen - aber es werden ja immer mehr, so daß sie der Arbeitsmarkt gar nicht mehr unterbringen kann.


    Handwerker hingegen werden immer seltener - wie viele gibt es denn noch die sich ihren Wohnraum wieder selber herrichten können?


    Und wie viel Vermieter gibt es noch die sagen "ja, wenn sich die Wohnung wieder daher richten, können sie die für ne günstigere Miete haben"


    Das Klavierbauer nicht jedermanns Sache ist, mußten wir bereits vor Jahren feststellen als wir dringend Praktikanten und Lehrlinge gesucht haben, dabei ist das ein Beruf welcher handwerklich recht umfangreich ist.


    Aber Schreiner, Klemptner, Elektriker, Dachdecker oder auch Bauunternehmen haben ihre Probleme damit Nachwuchs zu finden.


    München so wie Berlin waren einmal Hochburgen des Handwerks, heute merkt man kaum noch was da von.


    Auch das ist meines Erachtens ein Grund für die Zersiedelung unserer Landschaften.

    Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden.

    Horst Seehofer

  • Wir hatten im Strang über den Neustädter Markt in Dresden eine ins off-topic abgleitende Diskussion zur Verkehrssituation, zum Autoverkehr, zu Radfahrern, ÖPNV usw.. (Vgl. z.B. meinen Beitrag hier)


    Dort will ich das nicht weiterführen. Hier passt es auch nur bedingt hinein. Aber sicherlich etwas besser.


    Ich möchte zwei Fundstücke von heute aus Offenbach (schwarz-grüne Koalition; SPD-Oberbürgermeister) präsentieren, die exemplarisch zeigen, welche Folgen die maßgeblich von den "Grünen" und der SPD vorangetriebene Politik der Behinderung des Autoverkehrs bei den Bürgern unten haben. Also nicht bei jenen, die in irgendwelchen städtischen Behörden oder Ausschüssen sitzen und sich dort tolle Gedanken machen. Sondern bei direkt betroffenen Menschen.


    1. Seit längerem ist im Gespräch, die Aufenthaltsqualität beim beliebten Wilhelmsplatz zu verbessern. Zumindest wurde es von den Verkehrspolitikern so bewertet. Der Platz fungiert als Ort des Wochenmarktes und als gastronomisches Herz der Stadt. Ich kenne den Platz noch, als er komplett als Parkplatz fungierte, was ihn für Leute, die mit dem Auto dorthin fuhren, um etwas zu essen oder einen Cocktail zu trinken, sehr attraktiv machte. Ich war damals öfter mit Offenbacher Freunden dort. Irgendwann sperrten sie die Hälfte des Platzes für Autos. Seitdem bin ich weit seltener dort. Nun werden auch die Seitenstraßen teils für den Verkehr gesperrt.

    Es gibt auch Skepsis: "Grundsätzliche Ablehnung fand die Sperrung der Seitenstraßen bei der Hälfte der Marktbeschicker und einem großen Teil der umliegenden Geschäftsinhaber."

    (https://www.op-online.de/offen…-39000-euro-90192120.html)

    Sollte also dort die Verkehrssituation weiter erschwert werden, indem der Zugang mit dem Auto verunmöglicht wird und die Parkplätze weiter reduziert werden, werde ich den Platz abends gar nicht mehr aufsuchen. Tagsüber habe ich das schon lange eingestellt. Er mag dann zwar in ruhiger Schönheit erstrahlen, aber man wird sehen, ob die von Corona-Restriktionen gebeutelte Gastronomie dort weitgehend vom innerstädtischen Fußgänger-Publikum leben kann. Ebenso die angrenzenden Geschäfte.


    2. Das Gebiet um das Ketteler-Krankenhaus soll weiträumig zum Bewohnerparken umgewandelt werden. Die Stadt kassiert also Geld von den Bewohnern und kann noch Geld durch das Verteilen von Knöllchen an Leute verdienen, die dann falsch parken. Leidtragende sind zum Einen das pendelnde Pflegepersonal und Krankenhaus-Besucher. Der zuständige Referatsleiter rät lapidar, die Leute sollen eben Bus und Bahn benutzen, was angesichts der Wohn- und Arbeitssituation vieler Leute völlig weltfremd oder gar bewusst bzw. bösartig ignorant ist.

    Zitat:


    (https://www.op-online.de/offenbach/offenbach-wilhelmsplatz-autofrei-sperrung-seitenstrassen-studie-39000-euro-90192120.html)


    Das ist jetzt vermutlich etwas off-topic. Und womöglich zettele ich jetzt damit eine ins off-topic abgleitende Diskussion an, was gar nicht meine Absicht ist. Aber irgendwie berührt es ja auch das Thema. Arbeitsplätze werden in immer größeren Strukturen konzentriert. Dadurch werden sie in vielen peripheren Lagen verknappt. Gleichzeitig liegt ein natürlicher Mangel an Wohnraum in der Nähe solcher Arbeitsplätze vor. Das führt zu längeren Anfahrtswegen. Diese zwingen zum Ausbau von Infrastruktur, was wieder - sei es als neue Straßen oder Gleisanlagen - zu einem gewissen Flächenverbrauch führt. OK, Kurve irgendwie hinbekommen.:zwinkern:

  • Ärgerlich ist nur, dass der GK-Turm wegen der hohen Plattenbauten in der Neustädter Bucht aus vielen Blickrichtungen nie die volle städtebauliche Wirkung entfalten kann, so wie in früheren Zeiten. Überhaupt scheinen mir eben diese Kisten das übelste Relikt aus DDR-Zeiten im ganzen Stadtgebiet zu sein (auch beim Blick von der Terrasse von Sanssouci in Richtung Havel versauen sie das Panorama).

    Positiv betrachtet, ist es aber fantastisch, dass nun zu diesen Plattenbauten ein Kontrapunkt entsteht, der es jedem ermöglicht, schon aus der Ferne die Unterschiede in der Wirkung wahrzunehmen.


    Dies ist zunehmend wichtig angesichts der aktuellen Forderung der Grünen, sich auf die Arbeiterschließfächer als die zu bevorzugende Art des Wohnens festzulegen - in trauriger Tradition von Ceaușescu und Ulbricht.

    _______________________________________
    Gutmensch = Gut gemeint, nicht zuende gedacht, schlecht gemacht

  • Komisch, diese Forderung der Grünen, jetzt ganz auf Punkthochhäuser und Plattenbauten zu setzen, hab ich verpasst. Oder meintest Du die Entscheidung eines Kommunalpolitikers, in einem Gemeindebezirk den Neubau von Einfamilienhäusern nicht mehr zuzulassen? Ist ja fast dasselbe, da hast Du schon recht...


  • Es gibt auch Skepsis: "Grundsätzliche Ablehnung fand die Sperrung der Seitenstraßen bei der Hälfte der Marktbeschicker und einem großen Teil der umliegenden Geschäftsinhaber."

    (https://www.op-online.de/offen…-39000-euro-90192120.html)

    Sollte also dort die Verkehrssituation weiter erschwert werden, indem der Zugang mit dem Auto verunmöglicht wird und die Parkplätze weiter reduziert werden, werde ich den Platz abends gar nicht mehr aufsuchen. Tagsüber habe ich das schon lange eingestellt. Er mag dann zwar in ruhiger Schönheit erstrahlen, aber man wird sehen, ob die von Corona-Restriktionen gebeutelte Gastronomie dort weitgehend vom innerstädtischen Fußgänger-Publikum leben kann. Ebenso die angrenzenden Geschäfte.

    Naja, ich muss sagen, die Zahlen sprechen leider eine andere Sprache und einige Forschungsarbeiten haben dies mittlerweile auch bestätigt, siehe z.B. hier schon von 2000:

    https://repository.difu.de/jspui/handle/difu/57525

    Dort wird eine solche negative Auswirkung verneint. Aber schauen Wir doch mal bei den Leuten, die es Wissen müssen, beim Handelsverband Deutschland:

    https://www.emden.de/fileadmin…le_vortrag02_15_02_11.pdf

    Darin zeigt sich, dass die Besucherfrequenz der Innenstädte seit den 90ern spätestens 2000ern stetig zunimmt. Es zeigt, dass bei größeren Städten der ÖV mittlerweile das Auto als Verkehrsmittel für Besucher in den Schatten stellt und weiter wächst. Und es zeigt sich, dass die Mehrheit Stadtbewohner selbst sind, die die Innenstadt besuchen, wobei sich an den Verhältnissen nichts verschiebt über 20 Jahre außer dass die Touristen zunehmen. Ich gebe zu, das sind Zahlen bis 2008, wo das Internet noch schwächer war, es zeigt aber, dadurch vom Effekt des Internets befreit, dass die Verkehrspolitik eher nicht zu den Problemen von heute führt.

    Arbeitsplätze werden in immer größeren Strukturen konzentriert. Dadurch werden sie in vielen peripheren Lagen verknappt. Gleichzeitig liegt ein natürlicher Mangel an Wohnraum in der Nähe solcher Arbeitsplätze vor. Das führt zu längeren Anfahrtswegen. Diese zwingen zum Ausbau von Infrastruktur, was wieder - sei es als neue Straßen oder Gleisanlagen - zu einem gewissen Flächenverbrauch führt. OK, Kurve irgendwie hinbekommen.:zwinkern:

    Ich habe zwar da jetzt keine schönen Studien zur Hand aber meine Logik sagt eigentlich das Gegenteil für städtischen Pendelverkehr: Da die Städte immer mehr zersiedeln und die Arbeitsplätze so eher noch stärker über diese Fläche verteilt werden, findet keine Konzentrierung von Arbeitsplätzen ,,in immer größere Strukturen" statt. Die längeren Arbeitswege kommen durch den Strukturverlust der Städte und deren Zersiedelung, sowie durch deren schwierigen Wohnungsmarkt, sowie dadurch das Partnerschaften häufiger nicht mehr an einem Ort stattfinden können aufgrund der Arbeitsplätze. So kommt es zu langen Pendelwegen. Dazu kommt die Überregionalisierung, der Warenströme sowie anderer persönlicher Verbindungen. Daher nimmt Unsere Verkehrsnutzung stetig zu.

  • Die Forderung der Grünen, auf Einfamilienhäuser zu verzichten, ist nur ein Bestandteil dieser Strategie, zusammen mit der Konzentration der Bevölkerung auf Ballungszentren und der dafür notwendigen Wohnraumverdichtung in den Städten. Dies wird begründet mit der effizienteren Nutzung von Grundfläche zu Wohnzwecken und der Reduktion des heute notwendigen (ökologisch ungünstigen) Verkehrs zwischen den Ballungsräumen und dem Umland. Die Pressemitteilung, nach der auf neue Einfamilienhäuser verzichtet werden soll, ist da nur ein kleines Mosaiksteinchen.


    Wie viele andere extreme Idealvorstellungen der Ökosozialisten ist dieses Thema bei den Grünen leider nicht zuende gedacht. Außerdem fehlt, auf ganz Deutschland umgerechnet, schlichtweg das Platzproblem, zu dem hier die passende Lösung geliefert wird. Das Vorantreiben dieser Idee werden sich die Ideologen aber deshalb nicht nehmen lassen, denn es lässt sich gut mit dem geliebten Klassenkampf vereinbaren.

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    Gutmensch = Gut gemeint, nicht zuende gedacht, schlecht gemacht