Kriegszerstörte Deckenbilder und ihre Neuinterpretation

  • Montecassino, "Gloria di San Benedetto", von Pietro Annigoni (1977), zwar kein Deckengemälde aber man merkt, dass es durchaus eine Neuinterpretation und keine Kopie ist.

    Cassino%2C_Abbazia_di_Montecassino_-_Interior_014.jpg

    Quelle: wikimedia commons, Mattis, CC BY-SA 4.0


    Cassino%2C_Abbazia_di_Montecassino_-_Interior_020.jpg

    Quelle: wikimedia commons, Mattis, CC BY-SA 4.0

  • Sehr interessantes Thema! Hier noch einiges andere aus München.


    Ich finde auch die Fresken von Karl Manninger mit am besten, vor allem das von St. Anna im Lehel, was wirklich hervorragend ist. Auch die Heiliggeistkirche ist ihm sehr gelungen. Hier noch eine Gesamtansicht der dortigen komplett rekonstruierten Decke mit den Fresken von Manninger:


    Heiliggeistkirche-Decke.jpg


    Des weiteren stammt von ihm das Fresko im Festsaal der Badenburg im Nymphenburger Schlosspark (ursprünglich von Jacopo Amigoni um 1720). Hier sieht man, dass er versucht hat, sich an den im Vergleich zu den Asam-Fresken in St. Anna und Heiliggeist glatteren Stil Amigonis anzunähern. Ich finde aber, dass ihm dies vielleicht nicht ganz so gut gelungen ist, Amigoni hatte, wie man in Schloß Schleißheim sehen kann, etwas Luftigeres. Leichteres. Hier ein Foto des Freskos der Badenburg:


    N-burg-Badenburg_I-3Gr.jpg

    (Foto Pius Bieri, Süddeutscher Barock)


    Außerdem hat er einiges in der Münchner Residenz gemalt, vor allem den Schwarzen Saal mit seiner Scheinarchitektur:


    schwarzer-saal_decke.jpg

    (Quelle: https://www.residenz-muenchen.de)


    aber auch die Groteskenmalereien der Kaisertreppe:


    Raetsel15.3_leo.jpg


    Kaisertreppe-2.jpg


    Eine sehr überzeugende Arbeit, wie ich finde!



    Im Alten Peter wurden die Fresken von Manningers Schüler Hermenegild Peiker gemalt (ursprünglich von J. B. Zimmermann), der u.a. auch den Goldenen Saal im Augsburger Rathaus neu freskiert hat. Die Fresken im Alten Peter finde ich nicht ganz so gelungen wie die Manningers, sie sind mE zeichnerisch etwas detailarm und flach. Der Vergleich mit einem außergewöhnlichen Meister wie J. B. Zimmermann ist aber natürlich auch sehr undankbar... trotzdem sind die rekonstruierten Fresken für den Raum selbstverständlich ein enormer Gewinn.


    Alter-Peter-Fresko-Chor.jpg


    Alter-Peter-vordere-Fresken-JPG.jpg


    Alter-Peter-zentrales-Deckenfresko.jpg



    Dann noch die bereits erwähnte Damenstiftskirche, bei der anstelle einer farbigen Rekonstruktion der Fresken aufgrund des Fehlens von Farbfotos vor der Zerstörung eine Version in Sepiafarben realisiert wurde. Die Fresken stammten ursprünglich von C.D. Asam, wer sie rekonstruiert hat, ist mir im Augenblick entfallen (es war auf jeden Fall nicht Manninger).


    Damenstiftkirche-Fresken.jpg


    Ich finde diese Fassung sehr passend, weil der eigentliche Kirchenraum, wie Ursus auch schon bemerkt hat, sehr viel Gold- , Rot- und Ockertöne besitzt, so dass sich ein sehr stimmiger und nobler Farbakkord ergibt:


    Damenstift-zentral-quer-Leo.jpg

    "In der Vergangenheit sind wir den andern Völkern weit voraus."

    Karl Kraus

  • Eine moderne Interpretation eines Deckenfreskos findet man in der Münchner Bürgersaalkirche. Bis zum Krieg war die ganze Decke von einem einzigen riesigen spätbarocken Fresko bedeckt; nach der Zerstörung entschied man sich hingegen für die Wiederherstellung des frühbarockenUrprungszustandes, der hauptsächlich aus einer Stuckdecke bestand und nur zwei Freskofelder besaß. Da man für die genaue Bemalung dieser Felder natürlich keine Fotos hatte, wurden diese 1973 von Hermann Kasper modern ausgemalt. Das Ergebnis mag jeder für sich selbst beurteilen, in den Gesamtzusammenhang fügen sich die Fresken aber einigermaßen unauffällig ein.


    Burgersaalkirche-Decke-ganz-Leo.jpg


    Burgersaalkirche-hinteres-Fresko-Leo.jpg


    Burgersaalkirche-vorderes-Fresko-Leo.jpg

    "In der Vergangenheit sind wir den andern Völkern weit voraus."

    Karl Kraus

  • Da man wohl keine Abbildungen der Gemälde in Farbe hatte, entschied man sich für eine monochrome Wiederherstellung. Ich finde es äußerst gelungen. Ich meine auch, das ich sowas auch schon mal in einer unzerstörten Barockkirche gesehen hätte, diese Art der Malerei also nicht einmal unbedingt eine Nachkriegserfindung ist (?) aber vielleicht täusche ich mich auch...

    Ich glaube übrigens nicht, dass es diese Technik gab, vielleicht irre ich mich, aber mir scheint diese Monochromie eher unbarock.

    Es gibt im Neuen Schloss Schleißheim in der südlichen Antecamera ein Deckenfresko von C.D. Asam, das eine ähnliche Farbgebung hat, fast monochrom, aber eben nur fast:


    Schleissheim_Fresko_4Gr.jpg (Foto: Pius Bieri, Süddeutscher Barock)

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    Karl Kraus

  • Im Stift Engelszell findet man diese Neuinterpretation, die nach einem "Bauschaden" in den 50ern von Fritz Fröhlich gemalt wurde (also keine Kriegszerstörung, aber dennoch im Sinne des Strangs):

    SeDSC00143.JPG

    Quelle: wikimedia commons, Frere Theophane, CC BY-SA 3.0

    Von den vielen in diesem Strang genannten interessanten Beispielen finde ich eigentlich nur das Deckenbild im Stift Engelszell nicht gelungen. Hier wurde zwar die barocke Farbigkeit aufgegriffen, aber insgesamt wirkt die Komposition viel zu grobschlächtig, zu abstrakt, und die Übergänge zwischen den Farben sind zu hart (statt fließend, wie im Barock). Das Bild erinnert an die Avantgarde-Malerei, insbesondere an den Kubismus. Für den Kontext einer barocken Kirche also m.E. keine gute Umsetzung.

    „Die Freiheitsliebe ist bei den Deutschen nicht entwickelt“ (Madame de Stael)

    „Die Frage ist nicht, was wir dürfen, sondern was wir mit uns machen lassen“ (Nena)

  • Hier noch einige Bilder aus dem Jahre 2008 von Schloss Bruchsal. Vielleicht ist hiernach zu sehen, was für eine glanzvolle Leistung die Künstler mit der Rekonstruktion des 1945 völlig zerstörten und ausgebrannten Schlosses erbracht haben. Hier zunächst Fotos vom Marmorsaal, der auch Kaisersaal genannt wird. Auf dem Gemälde über dem Kamin ist Kaiserin Maria Theresia dargestellt:



    Die Deckenmalerei ist großartig, aber auch der Übergang der Wand- zur Deckenzone ist meisterlich gelungen, heiteres, sprühendes Rokoko:









    Die folgende Aufnahme des Kuppelgewölbes des Treppenhauses lässt leider in der Qualität zu wünschen übrig. Dennoch verkündet dieses Gemälde eine Botschaft: In der Mitte erkennt man den Bauherrn aus der Familie von Schönborn, den Fürstbischof von Speyer. Darunter, etwas nach rechts gerückt, ist eine weiße Kaskade dargestellt. Dies zeigt dem Besucher die Finanzierungsquelle, nämlich die Erträge aus dem Verkauf des Salzes, das in der Saline des zum Gebiet des Bistums Speyer gehörenden Bad Rappenau gewonnen wurde. Ausschließlich mit diesen beachtlichen Erlösen wurde der Schlossbau finanziert. Es wurde keine Steuer für den Schlossbau erhoben:







  • Das Bild erinnert an die Avantgarde-Malerei, insbesondere an den Kubismus.

    Das habe ich bei Engelszell auch gleich gedacht. Das ist kubistisch. Nicht unbedingt passend, aber interessant.


    Zu "Andreas":


    Heilig Kreuz und Mariä Himmelfahrt (Scheyern): Sehr gelungen.


    Martinskirche in Ettlingen: Ich dachte beim ersten sehen an futuristisch-geometrische Spielereien, die in den 1980er Jahren mal "in" waren. Inspiriert von M.C.Escher. Ich kenne dergleichen noch aus dem Schul-Kunstunterricht. Ich kann das in dem Zusammenhang aber schwer begründen. Sagt mir jedenfalls in diesem Kontext nicht so zu.

  • 32636-dscf5047-autoscaled-jpg

    Deckenbild von Hann Trier


    Absolut interessant:

    Bei Google Arts hat die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten eine ausführliche "Onlineausstellung" (in acht Einzelkapiteln) zum Wiederaufbau des Charlottenburger Schlosses veröffentlicht. >> Link

    Besonders viel Aufmerksamkeit bekommt dabei die Neuschöpfung des 120 qm großen Deckenbildes im Weißen Saal des Friedrizianischen Neuen Flügel. Es ist zu erfahren, dass bis zur finalen Entscheidung 1971 sage und schreibe sieben Jahre über die Gestaltung des Deckenbildes erbittert gestritten wurde. Während der damalige West-Berliner Landeskonservator Seeleke das Deckenbild von Antoine Pesne rekonstruieren wollte (damals waren Denkmalpfleger offensichtlich deutlich geistig flexibler als heute), bestand der Berliner Kultursenator Stein auf einer Neuschöpfung. Die Befürworter der Neuschöpfung hatten den Künstler Hann Trier auserkoren, der den Auftrag dann ja auch bekam und es letztlich nicht schlecht umgesetzt hat. Erfahren ist in der Onlineausstellung auch, dass der damalige Streit nicht nur unter den eingebundenen "Experten" ausgefochten wurde, sondern auch medial unter Einbeziehung der Berliner Bevölkerung. So wurden die Schlossbesucher ausdrücklich um ihre Meinung gebeten, wovon immerhin 753 Personen schriftlich Gebrauch machten. 77 % sprachen sich für eine Rekonstruktion Pesnes aus, 17 % für Hann Trier. Der Berliner Kultursenator Stein hatte also bewusst gegen die Mehrheitsmeinung entschieden, indem Trier schließlich den Auftrag bekam. Besonders bemerkenswert ist dass man während der Diskussionsphase sogar Probefelder für die Decke fast nebeneinander aufgehängt hat (siehe Foto). Die Teilrekonstruktion stammte dabei von dem Künstler Karl Manninger, der das Pesne-Bild wohl recht profimäßig hätte wiederherstellen können.

    Die Chancen für eine Reko des Pesne-Deckenbilds standen damals also gar nicht schlecht, was ich von den modernestrotzenden 70ern niemals vermutet hätte. Ebenso wenig die damalige breit ausgetragene Kontroverse. Hut ab!

    Auch wenn der Pesne bedauerlicherweise nicht rekonstruiert wurde bin ich letztlich mit der Neuschöpfung von Hann Trier, mit seinen verträumten, rokokohaften zarten Formen sehr zufrieden.

    „Die Freiheitsliebe ist bei den Deutschen nicht entwickelt“ (Madame de Stael)

    „Die Frage ist nicht, was wir dürfen, sondern was wir mit uns machen lassen“ (Nena)

  • Stein war nicht sehr demokratisch und bedauere sehr seine Entscheidung zur Günste von Hann Trier. War dann auch nicht beeindruckt von seiner ziemlich "leeren" Schöpfung in der Weissen Saal.