Ausstellung im Humboldt-Forum Berlin

  • Wir hatten den Link zum Eröffnungsfilm des Humboldt Forums schon an anderer Stelle, aber hier passt er besonders gut.


    Digitale Eröffnung des Humboldt Forums / 16. Dezember 2020 (Youtube)


    Der Film ist schon gut gemacht. Beeindruckend, was medientechnisch heute so möglich ist (Kosmograph im Foyer, Videowände). Was Paul Spies über die Berlin-Ausstellung erzählt, überzeugt mich nicht. Aber ich habe auch vorher schon nicht viel von ihm als Museumsdirektor gehalten. Er versteht sich ja mehr als Kulturanimateur.


    Man kann diese Debatte ja noch so 5, 6 Jahre munter weiterführen, dann entnervt die Sachen packen und ein historisches Museum daraus machen

    So wird es nicht kommen. Man darf sich von dem Medienhype nicht in die Irre führen lassen. Wenn das Hufo erstmal richtig öffnet, wird sich die Wahrnehmung schon ändern. Das Humboldt Forum versteht sich als Debattenort. Diskutiert wird also weiterhin, aber sicherlich anders.


    Ein historisches Museum gibt es wenige Meter vom Schloss entfernt: das Deutsche Historische Museum im Zeughaus. Ein stadtgeschichtliches Museum gibt es auch: das Märkische Museum. Das hat ja schon seine Dependance im Schloss. Die Ausstellung kann man ja später noch verändern. Sonderausstellungen veranstaltet die Stiftung Stadtmuseum zudem im Ephraimpalais, und über die Frühgeschichte Berlins kann man sich in der Nikolaikirche informieren.


    Verschiedentlich wurde der Wunsch geäußert, die Gemäldegalerie solle ins Schloss umziehen. Die hatte aber erst 1998 neue Räume am Kulturforum bezogen. Als wenige Jahre danach ein Nutzungskonzept für das Schloss erarbeitet wurde, ließ sich ein neuerlicher Umzug nicht rechtfertigen. Aktuell gibt es eine Vorbehaltsfläche für einen möglichen Neubau der Gemäldegalerie gegenüber vom Bode-Museum auf der anderen Seite des Kupfergrabens. Dort wäre sie inhaltlich besser platziert als im Schloss. Der Standort Kulturforum ist aber auch nicht schlecht. Dort finden wir die grafischen Sammlungen und das Kunstgewerbemuseum, also nicht nur die moderne Kunst.


    Für die außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin ist der Umzug in die Mitte der Stadt ein großer Gewinn. Zu DDR-Zeiten gab es eine kleine Ausstellung ostasiatischer Kunst im Pergamonmuseum. In Dahlem habe ich die Sammlungen nie besucht. Wenn man nur wenig Aufenthaltszeit in Berlin hat, dann ist Dahlem zu abgelegen. Meist lockt eine wichtige Sonderausstellung auf der Museumsinsel oder am Kulturforum. Für einen Schlossbesuch wäre dann noch Zeit, aber nach Dahlem würde man es nicht mehr schaffen. Im Schloss werden die außereuropäischen Sammlungen wesentlich mehr Menschen erreichen als bisher, und das ist gut so.

  • Verschiedentlich wurde der Wunsch geäußert, die Gemäldegalerie solle ins Schloss umziehen. Die hatte aber erst 1998 neue Räume am Kulturforum bezogen. Als wenige Jahre danach ein Nutzungskonzept für das Schloss erarbeitet wurde, ließ sich ein neuerlicher Umzug nicht rechtfertigen. Aktuell gibt es eine Vorbehaltsfläche für einen möglichen Neubau der Gemäldegalerie gegenüber vom Bode-Museum auf der anderen Seite des Kupfergrabens. Dort wäre sie inhaltlich besser platziert als im Schloss. Der Standort Kulturforum ist aber auch nicht schlecht.

    So ist es. Und an der grundlegenden Situation und der geographischen Andordnung der Museen wird sich nichts mehr ändern. Lange Zeit war es der Wunsch der Planer die Gemäldegalerie gegenüber dem Bodemuseum anzusiedeln, und dafür die unter erheblichem Platzmangel leidende Neue Nationalgalerie im Gebäude der Gemäldegalerie unterzubringen. Diese Pläne sind nun obsolet, weil die Neue Nationalgalerie den Zusatzbau von Herzog-de-Meuron (die "Kunstscheune") auf dem Kulturforum bekommt.

    Daher sind die ethnologischen Sammlungen aus Dahlem im HuFo schon eine ziemlich gute und sinnvolle Wahl. Lediglich der Beitrag des Landes Berlin mit der banal-volkspädagogischen Ausstellung "Berlin Global" ist eine Katastrophe.

  • Zum Umgang mit den Benin-Bronzen


    Gedenkkopf einer Königinmutter, Königreich Benin, 16. Jh., Bronze, Eisen, weitere Angaben zu dem Objekt



    Am 29. April haben sich die Staatsministerin für Kultur und Medien, die Leitungen der deutschen Mitgliedsmuseen der "Benin Dialogue Group", die Kulturminister der Länder und Vertreter des Auswärtigen Amts auf eine gemeinsame Erklärung zum Umgang mit den Benin-Bronzen in deutschen Museen verständigt. Für das kommende Jahr sind erste Rückgaben an Nigeria geplant.


    SPK-Präsident Hermann Parzinger veröffentlichte dazu eine Erklärung (dort auch weiterführende Links).


    Gleichzeitig war man sich einig, dass mit der nigerianischen Seite auch besprochen werden soll, wie Benin-Bronzen als Teil des künstlerischen Erbes der Menschheit auch künftig in Deutschland gezeigt werden können.

    In diesem Sinne äußerte sich auch Léontine Meijer-van Mensch, die Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsens. Die nach Berlin zweitgrößte Benin-Sammlung Deutschlands befindet sich in Leipzig.


    Hintergrundbericht des rbb zu den Benin-Bronzen


    Bericht des MDR (Interview mit Léontine Meijer-van Mensch)


    Bericht von tagesschau.de


    Der Ton der Berichte ist angenehm unaufgeregt. Es wird deutlich, dass die Museen schon länger an dem Thema arbeiten. Die Benin-Sammlungen sind inventarisiert und digital erschlossen. Das ist eine wichtige Voraussetzung für die Verhandlungen. Sicherlich werden Teile der Benin-Sammlungen weiterhin in den deutschen Museen verbleiben. Die afrikanische Kultur muss ja auch außerhalb Afrikas vermittelt werden.


    Beispiele aus der digitalen Sammlung des Ethnologischen Museums. Man spricht zwar von Benin-Bronzen, Das Material ist aber oft nicht Bronze. Die Metallbearbeitung im Königreich Benin unterschied sich von dem, was wir aus Europa kennen. Neben den bekannten Kopfdarstellungen gibt es auch kunstvoll gearbeitete Reliefplatten und ganzfigurige Darstellungen.


    König mit drei Begleitern und zwei Portugiesen, Reliefplatte aus Messing, 2. Hälfte 16. Jh.



    Portugiese mit Gewehr, Messing, Eisen, 17.-18. Jh.


    Eine weitere Ansicht des Portugiesen mit dem Gewehr (Foto: SMB, Claudia Obrocki, CC-BY-NC-SA)

  • Ist jetzt der Damm gebrochen und es wird eine Riesenwelle von Rückgaben deutscher Museen geben? Nicht nur die Benin-Bronzen werden von Ursprungsländern zurückgefordert. Ich weiß nicht, wie man rechtfertigen will, das eine geraubte oder dubios angekaufte Artefakt zurückzugeben und das andere aber nicht. Rückgabeforderungen, mehr oder weniger forciert, gehen weit hinauf die Leiter bis zu den bedeutendsten Schätzen Berliner und deutscher Museen. Sind die Nofretete, Pergamonaltar oder Ishtar-Tor jetzt auch schon so gut wie zurückgegeben?

  • Soviel ich weiß haben die Deutschen ihre Teile dieser Bronzen von den Briten abgekauft. Können/werden die betreffenden deutschen Museen nun ihrerseits den Kaufpreis von den Briten zurückfordern?

  • Sind die Nofretete, Pergamonaltar oder Ishtar-Tor jetzt auch schon so gut wie zurückgegeben?

    Nein. Diese Objekte befinden sich rechtmäßig in Berlin. Das gilt auch allgemein für die Werke des Vorderasiatischen Museums, der Antikensammlung und des Ägyptischen Museums.


    Ich weiß nicht, wie man rechtfertigen will, das eine geraubte oder dubios angekaufte Artefakt zurückzugeben und das andere aber nicht.

    Dazu macht man Provenienzforschung.


    Rückgabeforderungen, mehr oder weniger forciert, gehen weit hinauf die Leiter bis zu den bedeutendsten Schätzen Berliner und deutscher Museen.

    Die bedeutendsten Schätze unserer Museen sind ganz überwiegend Werke der europäischen Kunst und der klassischen Antike, deren Besitz nicht umstritten ist.


    Können/werden die betreffenden deutschen Museen nun ihrerseits den Kaufpreis von den Briten zurückfordern?

    Na das weißt du selbst, dass das nicht geschehen wird. Das ist so wie bei anderen Restitutionen (z.B. an jüdische Erben).

  • Das ganze hysterische Geschrei um Rückgabe wurde um so lauter, jemehr das verhasste Schloss seiner Vollendung entgegenschritt. Seitdem richtet sich der Hass des linken Feuilletons auf die Sammlung im Inneren des Schlosses. Derzeit geht es zwar im öffentlichen Diskurs um die Benin-Bronzen, aber in nicht wenigen Medien werden ja die gesamten dort bald ausgestellten Objekte als "Raubkunst" bezeichnet, was nachweislich falsch ist. Gottseidank will man aber seitens der Stiftung Preußischer Kulturbesitz offenbar nicht alle Benin-Bronzen zurückgeben, sondern zumindest Teile davon behalten (was ja auch irgendwie logisch ist, denn altägyptische Kunst kann man auch außerhalb Ägyptens betrachten).


    Wie auch immer, das linke Feuilleton jubelt angesichts der Rückgabe der Bronzen, will aber nicht sehen, dass der hypermoralisierende Opfer-Täter-schwarz-weiß-Diskurs auch in diesem Falle viel zu kurz greift (dazu ein lesenswerter Artikel beim BR). Hinzu kommt dass man mit Nigeria die Kunstwerke in ein Land gibt, das ein „Failed State“ par excellence ist. In großen Teilen des Landes wird die Scharia praktiziert, regelmäßig werden von Islamisten ganzen Schulklassen entführt und tauchen nie wieder auf. Das Land wird seit Jahrzehnten von einer kleinen korrupten Elite regiert, die die umfangreichen Erdöleinnahmen an sich rafft.


    Und die parallel immer lauter werdenden Forderungen aus dem Cancel-Culture-Millieu "alles", was nicht zweihundertprozentig legal erworben wurde zurückzugeben, ist ebenfalls nicht zuende gedacht. Denn dann müsste man wohl locker neunzig Prozent der weltweiten Museumsbestände geographisch umverteilen. Man müsste dann z.B. fragen: Wann kommt die „Beutekunst“ zurück von Moskau nach Berlin? Wann kommt die Bibliotheka Palatina zurück vom Vatikan ins Heidelberger Schloss? Wann kommt der Parthenon-Fries zurück von London nach Athen? eye:)

  • https://www.dahag.de/c/news/ei…b-an-gestohlener-ware-434Na das weißt du selbst, dass das nicht geschehen wird. Das ist so wie bei anderen Restitutionen (z.B. an jüdische Erben).

    Die Bundesrepublik sei "das erste Land sein, das tatsächlich Bronzen zurückgebe", erklärte Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Wenn sich zudem die deutsche Kulturberichterstattung darüber freut, dass Deutschland mal wieder derjenige ist, der als erster die Klassenarbeit abgibt, dann darf auch der oberdeutsche Klassenprimus natürlich nicht fehlen, der noch mehr deutsche Gründlichkeit verlangt, in diesem Fall der Bismarck-Kopfstand-Erzwinger Jürgen Zimmerer. Er fordert zudem die "bedingungslose Kapitulation Verpflichtung zur Rückgabe von Raubkunst".


    Doch warum dabei stehen bleiben?, werden einige fragen, wenn sie erst mal Blut lecken. Muss nicht für Raub und Diebstahl Strafe folgen, die über die Abgabe des Raubgutes hinausgeht? Wie wäre es, als Sühnezeichen sämtliche Exponate aller deutschen Museen einfach per Schiffscontainer am Hafen von Lagos/Nigeria abzustellen? Kein Beuys, kein Kirchner, kein Rembrandt, keine Diesellok, keine Römermünze mehr....


    Durch die leeren Museen könnte durch Umbau zu Wohnungen übrigens auch die Wohnungsnot gelindert werden. Zuziehende Nigerianer könnten ins leere Humboldt-Forum einziehen. Bloß blöd, dass sie dann dort keine Kulturexponate aus ihrer Heimat mehr sehen würden. Man muss sich halt entscheiden: Benin-Bronzen oder ein lukrativer Job als Amazon-Fahrer.


    Gleichwohl bleibt für mich schon die Frage nach der finanziellen Rückerstattung durch die Briten. Warum eigentlich sollen die Haupttäter finanziell geschont werden? Es wäre natürlich herauszufinden, inwieweit den deutschen Aufkäufern der illegale Erwerb der Kulturgüter bewusst war, sie also bewusst Diebesgut gekauft haben. Sollte es in vollem Bewusstsein und Kenntnis geschehen sein, wäre es Hehlerei. Dann müssten die Täter sich strafrechtlich verantworten. Herr Zimmerer wird diesen Fall garantiert alles dafür tun, dies in gut gezahlten Gutachten zu bestätigen. Es ist schließlich der Saft, aus dem er sich nährt. Sollte es aber nicht so einfach sein, den Straftatbestand der Hehlerei nachzuweisen, dann würde das Recht auf Rückgabe der Kaufsumme in Kraft treten.


    Zitat betr. Bürgerliches Gesetzbuch:

    Quote

    Der zwischen Käufer und Verkäufer geschlossene Kaufvertrag war in diesem Fall auf eine von Anfang an unmögliche Leistung, nämlich die wirksame Eigentumsverschaffung am Diebesgut, gerichtet. Der Käufer ist daher berechtigt, den Rücktritt vom Kaufvertrag gegenüber dem Verkäufer zu erklären und den gezahlten Kaufpreis von diesem zurückzuverlangen. Daneben besteht eine Schadensersatzpflicht des Verkäufers, wenn dieser wusste, dass es sich um Diebesgut handelt.

    https://www.dahag.de/c/news/ei…b-an-gestohlener-ware-434


    Eine spannende Sache, finde ich.

  • Nein. Diese Objekte befinden sich rechtmäßig in Berlin. Das gilt auch allgemein für die Werke des Vorderasiatischen Museums, der Antikensammlung und des Ägyptischen Museums

    Zum Fall Nofretete kann ich sagen, dass die Lage nicht ganz so simpel ist. Von der ägyptischen Seite gibt es Rückgabe Forderungen die damit begründet werden, dass die damalige Fundteilung nicht transparent verlief und man sich der Bedeutung der Nofretete durch Verschmutzungen o.ä. nicht bewusst gewesen war. Und es gibt auch Stimmen in der deutschen Provenienzforschung, die sich durchaus für eine Teilung des Objektes im Sinne der "Shared Heritage" aussprechen.

  • Nein. Diese Objekte befinden sich rechtmäßig in Berlin. Das gilt auch allgemein für die Werke des Vorderasiatischen Museums, der Antikensammlung und des Ägyptischen Museums.


    Das sehen die Ursprungsländer aber ganz anders. ;)

  • Equester

    Ich kenne den Sachverhalt. Ich hatte mich aber auf eine korrekte Antwort auf die Frage von Treverer beschränkt. Seine Reaktion zeigt nun aber, dass er gar nicht an einer Antwort interessiert war. "Gefühlte Wahrheiten" zu verbreiten, ist nicht meine Sache. Und das Denken in Extremen, wie Heimdall es praktiziert, führt zu keinen brauchbaren Ergebnissen.


    Ich staune ein bisschen, dass ihr den Welfenschatz, von dem unify oben zwei Stücke gezeigt hatte, nicht als "umstritten" gekennzeichnet habt. Liegt es daran, dass ihr die Teile des Braunschweiger Domschatzes der deutschen Kultur zurechnet und daran mehr interessiert seid als an "fremdländischer" Kunst?


    Zur Büste der Nofretete hat Bénédicte Savoy geforscht. Eine Zusammenfassung ihrer Ergebnisse gibt es in dem folgenden Artikel vom 23. November 2012:

    derwesten.de/kultur/neue-argumente-im-streit-um-die-bueste-der-koenigin-nofretete


    Dazu auch ein Artikel auf welt.de vom 5. Dezember 2012:

    welt.de/kultur/history/article111815701/Juristisch-ist-der-Fall-Nofretete-entschieden


    Und ein Interview der NZZ mit Bénédicte Savoy, veröffentlicht am 15. Oktober 2018:

    nzz.ch/feuilleton/. . . benedicte-savoy-warnt-davor-die-dringlichkeit-des-kulturgueterstreits-zu-unterschaetzen


    Darin antwortet sie auf die Frage, ob die Nofretete legal nach Berlin gekommen ist:

    Ja. Ich habe vor einigen Jahren alle Dokumente und Korrespondenzen gefunden und veröffentlicht, die den Vorgang erklären. Als Nofretete im Sand von Ägypten von einem Berliner Archäologen gefunden wurde, das war 1912, war Ägypten zweigeteilt. Den Engländern gehörte, was über der Erde war, den Franzosen das darunter. Eine französische Behörde entschied, was an Altertümern aus Ägypten exportiert werden durfte. Die Ägypter selbst hatten keine Stimme. Die Ausfuhr der Nofretete wurde ganz offiziell genehmigt. Erst nach dem Ersten Weltkrieg, als Frankreich und Deutschland sich mehrere Jahre lang blutig bekämpft hatten, kam Frankreich auf die Idee, den Kopf der Nofretete für Ägypten zurückzuverlangen. Das war eine Fortsetzung des Kriegs im Bereich der Kunst.


    In dem Welt-Artikel heißt es dazu:

    Pierre Lacau, Nachfolger von Maspero im Amt des Direktors der ägyptischen Altertümerverwaltung und des Ägyptischen Museums in Kairo, verlangte die Büste sofort zurück. Dafür führte Lacau moralische Gründe an, schließlich habe Deutschland den Weltkrieg vom Zaum gebrochen und verloren. Was den juristischen Aspekt der Eigentumsfrage anging, erklärte er dagegen: "Wir geben zu, dass alles regelrecht (bei der Fundteilung; d. Red.) verlaufen ist. Wenn es einen Fehler gegeben hat, ist es der unsrige."


    Savoy hat Lacaus Nachlass gesichtet. Für die Forscherin steht fest: Erst Lacaus persönliche Erfahrung in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs und der Kurswechsel der französischen Altertümerverwaltung in Kairo erklären die Vehemenz, mit der ab 1925 die Rückgabe der Nofretete gefordert wird. Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Fundteilung von 1913 — wie sie der ehemalige ägyptische Chefarchäologe Zahi Hawass in den letzten Jahren immer wieder angemeldet hat – bestehen bei den Franzosen nicht. Das schreibt auch Lacau im Sommer 1925. „Wie bei allen Fundteilungen damals üblich, wurden (…) die vollständigen und exakten Listen der Fundstücke sowie gute Fotografien vorgelegt, und die Fundstücke selbst, die im Grabungsmagazin ordentlich präsentiert und auf eine das Betrachten erleichternde Art und Weise ausgestellt waren, wurden gemeinsam aufs Genaueste besichtigt. (…) Es handelt sich also um unseren Fehler. (…) Ich glaube, wir sind rechtlich gesehen wehrlos.“



    SPK-Präsident Hermann Parzinger am 19. Januar 2019:

    Es gibt bis heute keine offizielle Rückforderung der ägyptischen Regierung, denn im Fall der Nofretete ist alles ganz legal gelaufen. Das ist sehr gut dokumentiert. Vor der Fundteilung wurde ein komplettes Inventar aller Objekte erstellt und der ägyptischen Seite übergeben, von Nofretete wurden zudem etliche Schwarz-Weiß-Fotos gemacht. Man wusste also, um was es ging, aber die ägyptische Seite war auf einen sehr bedeutsamen Altar fokussiert und ließ Nofretete ziehen.


    Seit Zahi Hawass im Zuge der ägyptischen Revolution im Frühjahr 2011 seinen Posten verloren hat, sind die Rückgabeforderungen aus Kairo verstummt.


    Und es gibt auch Stimmen in der deutschen Provenienzforschung, die sich durchaus für eine Teilung des Objektes im Sinne der "Shared Heritage" aussprechen.

    Nur dass das nicht möglich ist. Wie willst du ein einzelnes Objekt teilen? In der Mitte durchschneiden? Längs oder quer? Es gab Ausleihanfragen von ägyptischer Seite. Die Büste der Nofretete ist jedoch so wertvoll und fragil, dass sie nicht auf Reisen gehen kann. Heutzutage gibt es einen umfangreichen Leihverkehr zwischen den Museen. Aber es gibt eine Reihe von Objekten, die aus konservatorischen Gründen und/oder aufgrund ihrer besonderen Bedeutung nicht ausgeliehen werden.


    Die früher praktizierte Fundteilung war übrigens eine Form von "shared heritage".

  • Zu den ethnologischen Sammlungen noch ein paar Äußerungen von Bénédicte Savoy.


    Auf die Frage, was mit einem Museum passiere, dass Tausende von Objekten zurückgeben müsse, antwortet sie:

    Ich habe zwei Antworten. Das Musée Napoléon im Louvre musste 1815 nach Napoleons Abdankung Tausende von Objekten an Deutschland und Italien zurückgeben. Es gab einen riesigen Aufschrei, das Museum würde sich davon nie erholen. Heute ist es der Louvre, es lebt also sehr gut. Ein Museum ist ein lebendiger Organismus, es sammelt einfach weiter. Zudem ist es sehr unwahrscheinlich, dass Tausende von Objekten jetzt eingeschifft und nach Afrika abtransportiert werden. Es geht um eine vernünftige Neuverteilung eines Kulturerbes, das bisher nur in den Händen einiger weniger westlicher Länder war. Niemand will die westlichen Museen leeren, man will einzelne wichtige, symbolisch aufgeladene Objekte. Niemand spricht von Tausenden Objekten. Das sind Schlagzeilen für schlechte Zeitungen.


    Das mit dem Weitersammeln geht in bestimmten Bereichen freilich nicht. So hat der Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin einmal gesagt, seine Sammlung sei abgeschlossen. Es könnten keine Objekte mehr hinzukommen, da archäologische Funde heutzutage nicht mehr legal ausgeführt werden könnten. Aufgrund der Tatsache, dass es schon seit Jahrzehnten keine Fundteilungen mehr gibt, die archäologischen Forschungen aber weitergingen, befinden sich heute riesige Sammlungen in den vorderasiatischen Ländern und in Ägypten. Bei der afrikanischen Kunst ist das aber anders:

    Quote from Bénédicte Savoy (15. Okt. 2018)

    95 Prozent des Kulturerbes Afrikas befinden sich ausserhalb von Afrika. Wenn also in Städten wie Bamako, Dakar oder Cotonou nichts zu sehen ist, ist es eine Frage der Fairness, dass etwas zurückgegeben wird. Die Jugend dort muss mit ihrem Kulturerbe in Kontakt treten dürfen. Menschen aus Afrika können nicht einfach die Museen in London, Paris, Berlin oder eben Zürich besuchen.


    Der französische Präsident Macron hatte vor einigen Jahren angekündigt, Objekte an afrikanische Länder zurückzugeben. Er beauftragte Frau Savoy herauszufinden,

    Quote from Bénédicte Savoy (15. Okt. 2018)

    wie man das so vorsichtig und intelligent macht, dass die Objekte nicht in Gefahr geraten.


    Macrons Rückgabeinitiative wurde auch von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz positiv aufgenommen.


    Wir verwahren uns aber auch gegen Pauschalisierungen, dass alles in den völkerkundlichen Sammlungen gestohlen ist. Man muss schon genauer hinschauen und klären, unter welchen Umständen Kunstwerke, Sakral- oder auch Gebrauchsgegenstände erworben wurden. Manche Objekte hatten für deren Besitzer keinen Wert mehr, weshalb sie Forschern überlassen wurden, andere wurden gezielt hergestellt, weil Europäer sie kauften. Geschichte ist sehr komplex.

  • Denken in Extremen

    Normalerweise denke ich sehr mittig, was meinem Naturell entspricht. Ich denke aber in extremen Eventualitäten. So könnte ich z.B. einem starken Raucher sagen, dass er womöglich an Lungenkrebs sterben wird. Er könnte antworten, dass es angesichts des schönen feucht-fröhlichen Abends extrem sei, an den Tod zu denken.


    Wir befinden uns an der Schwelle zu einer globalen Auseinandersetzung zwischen der "alten, weißen" Welt und der so genannten dritten Welt. Dazu muss man nur mal ein wenig die seismographischen Antennen ausfahren. Riesige Flüchtlingsströme, Klimaveränderungen (wodurch auch immer), wirtschaftliche Zusammenbrüche (auch durch Corona-Maßnahmen), Black Lives Matter, Attacken gegen Kulturgut (Denkmale) der weißen oder einheimischen Kultur, unverholener antiweißer Rassismus, der es mittlerweile sogar in die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten geschafft hat, sind die Anfänge einer Entwicklung, deren Ende schlimm aussehen kann. Dieses Ende zu denken, mag aus heutiger Warte "extrem" sein.


    Ich stelle solche Forderungen in diesen weltpolitischen Zusammenhang. Es geht nur bedingt um diese Bronzen, die kaum jemanden interessieren. Solche Exponate sind in einem solchen Zusammenhang ein Anzeichen für sozialpsychologische und machtpolitische Abläufe. Die Weißen/Deutschen denken, es geht um etwas Wiedergutmachung. Man gibt etwas zurück. Man bekennt sich zum schuldhaften Verhalten der Vorväter. Man erntet Dankbarkeit und Anerkennung dafür. Alle versöhnen sich und haben fortan Frieden. Wenn es so wäre, wäre ich der letzte, der gegen solche Rückgaben etwas hätte. Ganz im Gegenteil. Die Völker sollen Stärke durch die Betrachtung der Werke ihrer Urväter erhalten. Das wünsche ich den Westafrikanern wie den Afghanen oder den Deutschen.


    Aber das ist ein für mich naives Denken angesichts der massiven sozialen Konflikte, die den Globus beherrschen und zunehmend an unsere Haustür klopfen. Es geht somit für mich bei solchen Vorgängen wie diesen Rückgabeforderungen vor allem darum, zu sehen, wie verteidigungsbereit die weiße Welt (also USA und Europa) noch ist. Es wird markiert und historisch begründet, wer moralisch überlegen ist, wer moralisch unterlegen ist. Die Täter von einst geben den Opfern von einst das Raubgut zurück. Die einstigen Opfer werden womöglich daran Gefallen finden, dies als Geste der Demut und Schwäche interpretieren, und weitere Forderungen stellen. Es gibt schließlich viel zu holen. Schuldgefühle sind stets ein Mittel, um Macht auszuüben. Bislang ist es noch ihr einziges Mittel, denn zum Alternativmittel der Gewaltandrohung fehlen ihnen noch die Möglichkeiten. Diese können wachsen, je größer die Minderheiten innerhalb der alten weißen Welt zum Faktor werden.


    Gehen wir aber mal vom "Kampf der Kulturen" auf die Benin-Bronzen zurück. Was hat "die Welt" von der Rückgabe an Nigeria? Wer wird diese Artefakte in Zukunft zu Gesicht bekommen?


    Für die Bronzen wird ein neues Museum in Benin-City geplant. Es ist die drittgrößte Stadt Nigerias mit 2,6 Millionen Einwohnern. Sie wird als Zentrum der Gummiindustrie und der Kinderprostitution bezeichnet. Zu künftigen Besucherzahlen ist wenig zu sagen, da es das Museum ja noch gar nicht gibt. Über nennenswerten Tourismus nach Benin City konnte ich nichts in Erfahrung bringen. Somit sollen die Zahlen für das bestehende Nigerianische Nationalmuseum herangezogen werden.


    Zitat:

    Quote

    Die Besucherzahl im Nationalmuseum in Lagos (Nigeria) lag im ersten Quartal 2018 bei 17.656, davon waren 15.142 Studenten, 2.310 erwachsene Nigerianer und 204 Ausländer.

    Rechnet man das hoch vier, sind das jährlich 70.624 Besucher, davon fast alle Studenten, die das Museum womöglich im Rahmen ihrer Studien-Seminare besuchen. Etwas über 9000 nigerianische "Normalbürger". Ausländer rund 800 jährlich.


    Dem mal die Besucherzahlen z.B. des Pergamonmuseums gegenüber gestellt: 2018 780.000 Besucher.


    British Museum, wo wohl die meisten Bronzen liegen: 5.906.716 Besucher 2017.


    Selbst das Museum Rotherbaum in Hamburg (kleiner als Benin City), in dem Benin-Bronzen liegen, zählte 2018 80.000 Besucher, also über 10 Prozent mehr als das nigerianische Nationalmuseum.


    Das bedeutet: Für die Weltöffentlichkeit sind die Benin-Bronzen fortan verschlossen. Wie sicher sie sind angesichts der eingeschränkteren konservatorischen Möglichkeiten und der Sicherheitslage in Nigeria, wird sich zeigen. Es würde mich nicht überraschen, wenn Hilferufe kommen, westliche Länder sollen doch bitte die Präsentation und Sicherung der Sammlung im neuen Museum in Benin City maßgeblich finanziell fördern. Womöglich garniert mit der Begründung, dass es ja Schuld abzutragen gäbe.

  • Für die Weltöffentlichkeit sind die Benin-Bronzen fortan verschlossen. Wie sicher sie sind angesichts der eingeschränkteren konservatorischen Möglichkeiten und der Sicherheitslage in Nigeria, wird sich zeigen.

    Genauso ist es. Wie ich oben schon geschrieben habe ist Nigeria ist ein "Failed State" par excellence, und daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Die Reisehinweise des Auswärtigen Amtes für Nigeria sind desaströs. Die Bronzen wird so schnell kein Europäer mehr zu sehen bekommen, es sei denn er ist bereit, dafür Leib und Leben zu riskieren.

    Von daher kann man nur hoffen dass es gelingt wenigstens Teile der Sammlung in Berlin zu behalten.

  • Lieber Heimdall, danke für deinen letzten Beitrag! Ein schönes Beispiel dafür, wie eine Diskussion zu Erkenntnisgewinn führt. Ich meine auch, dass du im Allgemeinen mittig denkst. Meistens jedenfalls anregend. Der Aufsatz von Andreas Schlothauer, den du gefunden hast, ist interessant. Hier nochmal der Link, damit er nicht übersehen wird:


    andreasschlothauer.com/texte/kk15_restitutionsdebatte_medien.pdf

    (Die Restitutionsdebatte in Deutschland als postkoloniale Legende. Die Rolle der Medien)


    Ich sehe die moralinsaure postkoloniale Debatte auch kritisch. Ich finde die Positionen von Horst Bredekamp interessant. Er war einer der Gründungsintendanten des Humboldt Forums, ist aber heute ins Abseits gedrängt. Er hält noch die Werte der Aufklärung hoch. Ethnologische Sammlungen waren ein Zeichen der Neugier auf die Welt und des Interesses für andere Kulturen.


    Als Kind habe ich mit Büchern die Welt bereist. Heute würde man sagen: "virtuell". Damals sagte man: "ich habe gelesen". Auf diese Weise war ich auf Südseeinseln und in Indien, lernte westafrikanische Märchen kennen, fuhr den Amazonas hinauf und suchte in den Anden nach Spuren der Inkas. Damals durfte man noch "Indianer" sagen und brachte zugleich den Völkern Amerikas große Wertschätzung entgegen.


    Heute leben wir in verkrampften Zeiten.

  • "Wir Deutsche" müssen "den Nigerianern" die Benin-Bronzen zurückgeben...


    Es ist offensichtlich, dass keiner der heute lebenden Deutschen irgendeinem der heute lebenden Nigerianer in diesem Zusammenhang irgendetwas gestohlen hat. Es gilt vielmehr die Sicht der vererbbaren Zugehörigkeit zu einer "Nation" und deren Schuld.


    Ist es nicht interessant, dass ausgerechnet diejenigen politischen Kreise die historische Schuld von uns "Deutschen" am meisten betonen, die sonst jede Art von Nationalismus und Rassissmus strikt ablehnen?

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    Gutmensch = Gut gemeint, nicht zuende gedacht, schlecht gemacht

  • Ist es nicht interessant, dass ausgerechnet diejenigen politischen Kreise die historische Schuld von uns "Deutschen" am meisten betonen, die sonst jede Art von Nationalismus und Rassissmus strikt ablehnen?

    Ist es in der Tat, genauso interessant, dass eine gemeinsame "historsiche Schuld "aller Deutschen gerade von denen abgelehnt wird, die sonst immer das Völkische so betonen. Ist alles irgendwie paradox.