Aserbaidschan

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  • Sollte ein Armenier unter den Foristen sein, so wird er vermutlich empört den Strangtitel zurückweisen. Bergkarabach sei auch Armenien, sagte mir mal ein Armenier auf einer Party. Völkerrechtlich aber gehört die autonome Region Bergkarabach bzw. Republik Arzach zu Aserbaidschan. Deshalb dieser Titel.


    Dort gab es nun erneut Krieg, den dritten seit den 1990er Jahren. Azerbaidschan eroberte den größten Teil der in den 90ern an die Armenier verlorenen Gebiete zurück. Die Armenier behalten das verkleinerte Kerngebiet Bergkarabachs unter russischem Militärschutz. Weiterführende Informationen dazu bitte selbst recherchieren.


    Doch es geht darum, ob auch Kulturgüter durch die aktuellen Kämpfe in Mitleidenschaft gezogen wurden.


    Erwischt hat es wohl die Kathedrale von Susha. Die Aserbaischaner haben den Schutz christlicher Religionsstätten zugesagt. Ob darunter auch die Reparatur dieser Kathedrale fällt, vermag ich aber nicht zu sagen.


    Azerbaijan accused of bombing 19th century cathedral

    https://www.laprensalatina.com…g-19th-century-cathedral/


    Nagorno Karabakh: Armenia accuses Azerbaijan of bombing the historic Shusha Cathedral

    https://www.eg24.news/2020/10/…ric-shusha-cathedral.html


    Nagorno-Karabakh: Armenia accuses Azerbaijan of shelling Shusha cathedral. #BBC

    https://artsakh.news/en/news/191203

  • Heimdall

    Schön, dass du das Thema "Aserbaidschan" aufgemacht hast. Ich hatte auch schon ein paar Ideen dazu gesammelt. Das wird bestimmt ein interessanter Strang. Vielleicht sollte man den Titel in "Aserbaidschan (ohne Baku)" ändern, da wir zu Baku schon einen eigenen Strang haben. Es ist sinnvoll, beide Themen getrennt zu halten.


    Die armenische Kultur in Bergkarabach kann man so oder so einsortieren. Ich bin kein Armenier. Ich wünsche mir Freundschaft unter den ehemaligen Sowjetvölkern.


    Zur Einstimmung auf das Land hier ein Video des aserbaidschanischen Popstars Emin. Das patriotische Lied entstand 2018 zum hundertsten Geburtstag der Republik Aserbaidschan. Gesangssprache: Russisch, Refrain der 2. Strophe Aserbaidschanisch.


    Emin - Aserbaidschan

  • Vielleicht kann man den Strangtitel einfach in Bergkarabach umbenennen.


    Rastrelli Nach dem faktischen Sieg über die Armenier zur "Einstimmung" ein "patriotisches Lied" Aserbaidschans zu bringen erscheint offen gesagt ziemlich zynisch, zumal es hier erstmal um die Zerstörung der Kathedrale von Susha durch dessen Armee geht.


    Die Aserbaischaner haben den Schutz christlicher Religionsstätten zugesagt.

    Gibt es irgend ein islamisches Land in dem eine solche Zusage eingehalten wird?

  • newly

    Heimdall hat einen Strang über Aserbaidschan gestartet. Sonst hätte er ihn ja "Bergkarabach" nennen können. Wenn es ausschließlich darum gehen soll, dann müsste ich meinen Beitrag löschen und einen neuen Aserbaidschan-Strang anlegen. Aber zwei Themen mit dem Titel "Aserbaidschan" geht ja schlecht. Da muss also der Themenstarter entscheiden, was hier rein soll.


    Und nein, zynisch bin ich nicht. Mir liegt die armenische Kultur am Herzen und die aserbaidschanische auch. Das armenisch kontrollierte Territorium der Republik Aserbaidschan in ihren völkerrechtlich anerkannten Grenzen ist nur ein kleiner Teil des Landes. In dem Video von Emin sind keine Bilder aus Bergkarabach zu sehen, keine antiarmenischen oder militaristischen Szenen. Dieses übrige Aserbaidschan hat ein Recht darauf, in einem Thema mit dem Titel "Aserbaidschan" behandelt zu werden. Aber falls Heimdall das nicht möchte, können wir das auch trennen.


    Es könnte aber auch Schwierigkeiten bei der Abgrenzung geben. "Bergkarabach" ist geografisch nicht eindeutig.

  • Sprachlich ist Bergkarabach nicht ganz einfach zu bearbeiten. Armenisch, Aserbaidschanisch, Russisch, Englisch. Es wird sich kaum vermeiden lassen, dass Eigennamen nicht immer gleich geschrieben werden. International am Gebräuchlichsten ist die englische Transkription für armenische wie für aserbaidschanische Namen. Das Armenische hat eine eigene Schrift. Aserbaidschanisch wird zwar heute mit einem lateinischen Alphabet geschrieben. Das hat aber Sonderbuchstaben, die man nur aus der Tradition der kyrillischen Verschriftung von Turksprachen verstehen kann. Deshalb verwenden selbst Aserbaidschaner in englischsprachigen Texten eine englische Transkription aserbaidschanischer Namen. Diese Transkription ist auch im Deutschen üblich. Deshalb schreibe ich den Namen der Stadt, die Heimdall genannt hatte, Shusha.


    Erwischt hat es wohl die Kathedrale von Susha. Die Aserbaischaner haben den Schutz christlicher Religionsstätten zugesagt. Ob darunter auch die Reparatur dieser Kathedrale fällt, vermag ich aber nicht zu sagen.

    Laut russischer Wikipedia (Artikel zur Kathedrale in Shusha) wurde die Zusage, das christliche Erbe zu bewahren, wiederherzustellen und der religiösen Nutzung zu übergeben, am 12. November 2020 vom aserbaidschanischen Kulturministerium gegeben. Verlinkt ist dort der aserbaidschanische Originaltext. Diese Zusage bezieht sich auch auf Shusha. Hoffen wir, dass sie eingehalten wird!


    Bei armenischen Kirchen ist es allgemein üblich, den armenischen Namen als unveränderlichen Eigennamen auch in andere Sprachen (Russisch, Englisch, Deutsch) zu übernehmen und nicht zu übersetzen. Um genau zu sein: Meist wird eine Kurzform des offziellen Namens verwendet. Die Kathedrale von Shusha nennen wir also - in englischer Transkription - "Ghazanchetsots-Kathedrale".


    Shusha, Ghazanchetsots-Kathedrale (Foto: Vahagn Grigoryan, 30. Juni 2019, CC-BY-SA-4.0)


    Die Kathedrale wurde 1868-1887 erbaut, der Glockenturm bereits 1858. Er steht frei und im Westen. Die Kathedrale ist für eine armenische Kirche ungewöhnlich groß. Sie hat an drei Seiten gleichartige Eingänge. Im Osten gibt es eine Apsis. Das Baumaterial ist Kalkstein. Künstlerisch zählt die Kathedrale nicht zu den bedeutendsten armenischen Kirchen.


    Shusha, Ghazanchetsots-Kathedrale, Ansicht von Norden (Foto: Angel X, 18. September 2019, CC-BY-SA-4.0)


    Shusha, Ghazanchetsots-Kathedrale, Ansicht von Südosten (Foto: Marcin Konsek, 16. Juni 2014, CC-BY-SA-4.0)


    Ghazanchetsots-Kathedrale, innen nach Osten (Foto: Marcin Konsek, 16. Juni 2014, CC-BY-SA-4.0)


    Ghazanchetsots-Kathedrale, innen nach Osten (Foto: Soghomon Matevosyan, 15. Juni 2014, CC-BY-SA-4.0)


    Ghazanchetsots-Kathedrale, Blick in die Kuppel (Foto: Yerevantsi, 7. März 2018, CC-BY-SA-4.0)


    In Shusha gibt es auch zwei alte Moscheen. Dazu später mehr.

  • Da "Rastrelli" etwas über die Moscheen von Shusha schreiben möchte, will ich nicht vorgreifen. Meines Wissens sind aber bei einer der Moscheen in der armenischen Herrschaft sogar rudimentäre Reparaturmaßnahmen erfolgt, was als Zeichen des guten religiösen Willens dargestellt wurde.


    Das an der Ostgrenze Bergkarabachs gelegene, und nicht zu der Region gehörende Agdam ist seit den frühen 1990er Jahren eine Geisterstadt (einst; heute). Die dortige, 1870 fertiggestellte, Moschee wurde in den Kämpfen nicht zerstört, verfiel aber im Laufe der Jahre. Nach aserbaidschanischen Quellen sollen der Dachboden, Fenster, Türen, Innenausstattung und der Marmorboden von Armeniern zerstört worden sein. Das Innere wurde jedenfalls für die Tierhaltung genutzt. (Siehe hier) Ein Vorgehen, dass auch aus kommunistischer Zeit bisweilen bekannt ist. Nun wird die Stadt und Region Agdam an Aserbaidschan zurückgegeben. Es wird sicher lange dauern, bis sich die Geisterstadt wieder mit Leben füllt. Für die Moschee dürfte es aber die Rettung bedeuten.

  • Laut russischer Wikipedia (Artikel zur Kathedrale in Shusha) wurde die Zusage, das christliche Erbe zu bewahren, wiederherzustellen und der religiösen Nutzung zu übergeben, am 12. November 2020 vom aserbaidschanischen Kulturministerium gegeben. Verlinkt ist dort der aserbaidschanische Originaltext. Diese Zusage bezieht sich auch auf Shusha. Hoffen wir, dass sie eingehalten wird!


    Ausschnitte aus einem Artikel in der heutigen taz

    https://taz.de/Aserbaidschan-z…menische-Kultur/!5730239/


    ...Ein aserbaidschanischer Offizier steht auf dem Dach einer armenischen Kirche, an der Spitze des Glockenturms. Er hebt seine Hände in die Luft hoch und ruft minutenlang so laut, wie er kann, „Allahu Akbar“. Seine Soldaten wiederholen das im Chor. So feiern aserbaidschanische Soldaten ihren Sieg über Armenien im Krieg um Bergkarabach. Im Netz zirkulieren mehrere Videos, die zeigen, wie aserbaidschanische Soldaten armenische Kirchen in den Regionen entweihen, die sie während des Kriegs erobert haben.

    In Kubatli zerstören aserbaidschanische Soldaten ein Kreuzstein-Denkmal, dabei filmen sie und lachen. In einem Video ist zu sehen, wie ein Soldat die Glocke vom Denkmal entfernt, dann wendet er sich per Kamera an die Armenier. „Diese Glocke werde ich an die Brust deiner Mutter, am besten an ihre Brustwarzen hängen. Und wenn deine Mutter tot ist, dann hänge ich sie an die Titten deiner Frau oder deiner Tochter “, sagt er und wirft die Glocke auf den Kreuzstein. Im Video redet er Russisch, damit möglichst viele Armenier ihn verstehen.

    Am 10. November 2020 wurde der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach, der am 27. September ausgebrochen war, durch eine Vereinbarung beendet. Laut dem Dokument verliert Armenien die Kontrolle über alle sieben Regionen, die Bergkarabach umgeben. ..... Auch einige Landstriche in Bergkarabach fallen an Aserbaidschan – unter anderem die Stadt Schuschi (aserbaidschanisch: Schuscha). Russische Friedenstruppen sollen die Umsetzung der Vereinbarung absichern.

    Die Bilder von der bombardierten historischen Kathedrale in Schuschi gehen um die ganze Welt. Die Kathe­drale Christi des Heiligen Retters wurde von aserbaidschanischen Streitkräften bei den Kämpfen zweimal beschossen. Nach der Eroberung der Stadt zerstörten Soldaten in Schuschi auch die Kirche St. Johannes Mkrtich....


    Die armenische Seite hat über 80 armenische Kirchen und Klöster allein in Bergkarabach registriert, die über viele Jahrhunderte hinweg errichtet wurden. Über 4.000 Denkmäler werden in der staatlichen Liste für Denkmalschutz geführt. Sie werden unter anderem bis auf das neunte Jahrhundert nach Christus datiert.

    Bereits Ende der 1990er Jahre hatte Aserbaidschans Regierung armenische Kreuzsteine in Nachitschewan zerstören und vernichten lassen. Nur Proteste der Unesco verhinderten 1998 die Zerstörung des 1.200 Jahre alten armenischen Friedhofs. Doch 2005 verwüsteten die aserbaidschanischen Streitkräfte die Gräber. „Sie vernichten damit nicht nur die größte Sammlung der armenischen Kreuz- und Grabsteine, die es ja gab, sondern auch die in ihren Inschriften enthaltenen reichen Quellen zur Regionalgeschichte des 5. bis frühen 17. Jahrhunderts“, schreibt die Armenologin Tessa Hofmann in ihrer Monografie „Annäherung an Armenien: Geschichte und Gegenwart“.

    Auch der Klosterkomplex Dadiwank in Kalbadschar soll jetzt zurückgegeben werden....

  • Ich hatte das leider erwartet und doch still gehofft, es würde anders kommen... Die Hoffnung war vergebens

    "We live in the dreamtime-Nothing seems to last. Can you really plan a future, when you no longer have a past." Dead Can Dance - Amnesia

  • Der ganze Konflikt um die Region Bergkarabach zeigt mal wieder wunderbar, wie toll das Zusammenleben von Christen und Muslimen doch klappen kann. Mal sehen wie die Zukunft Deutschlands aussieht...

    Lübeck, mein Lübeck, an der Waterkant
    Königin der Hanse, Perle am Ostseestrand.

  • An ein Zusammenleben zwischen den Armeniern und den turksprachigen Azeris ist nicht mehr zu denken. Dazu ist viel zu viel passiert. Nicht nur der Völkermord durch Angehörige des türkischen Brudervolkes im frühen 20. Jahrhundert, sondern auch Massaker, Pogrome, Vertreibungen, vor allem nach 1990. Ob die Armenier in dieser eingeschnürten Insel Bergkarabach überhaupt noch eine Zukunft haben, hängt jetzt allein vom russischen Schutz ab. Skepsis ist berechtigt.

  • Karabach ist ein Ort, an dem beide Seiten einige schreckliche Gewaltakte begangen und viel gegenseitiges architektonisches und künstlerisches Erbe zerstört haben. Der größte Verlust bleibt die Hauptstadt von Karabach selbst - Shusha \ Shushi. Ein Teil der Stadt (armenisches Viertel) wurde 1920 von Aserbaidschanern zerstört. Der Rest der Stadt wurde jedoch 1993 von armenischen Streitkräften geplündert und zerstört.


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    https://mapio.net/pic/p-64077149/


    Gleiches gilt für die meisten malerischen aserbaidschanischen Bergdörfer, in denen früher fast eine Viertelmillion Menschen lebten Männer. So sehen einige von Google aus:


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    Es ist schwer vorstellbar, dass Aserbaidschaner und Armenier koexistieren, aber ich denke, es ist möglich. Es gibt viele Dörfer im benachbarten Georgia, in denen sie kampflos zusammenleben. Vielleicht wird es bald Zeit für sie, zu verstehen, dass sie tatsächlich zusammenarbeiten sollten, um wirtschaftlich unabhängig von der Türkei, dem Iran und Russland zu werden. Deutsche und Franken haben es geschafft, ewigen Frieden zu schließen. Ukrainer und Polen haben es geschafft, dasselbe zu tun. Ich glaube, es ist möglich, dass Armenier und Aserbaidschaner zu demselben Schluss kommen.

  • Da Aserbaidschaner Shusha zurückerobert haben, wird es höchstwahrscheinlich einen größeren Wiederaufbau geben. Für die Armenier hatte die Stadt größtenteils einen strategischen Wert, da sie das gesamte Tal überblickt, in dem zu Sowjetzeiten ihre eigene Stadt Stepanakert erbaut wurde. Aber für die Aserbaidschaner hatte diese Stadt einen sehr wichtigen kulturellen Wert. Es blieb eine Geisterstadt, während es unter armenischer Kontrolle stand, aber jetzt wird es höchstwahrscheinlich einen großen Zustrom von Menschen erhalten und somit wieder am Leben sein.


    Und was für ein majestätischer Ort ist der Felsen von Shusha, was für ein großes Potenzial für eine schöne traditionelle Stadt!


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  • Dass es einen langsamen Aufschwung in Teilen der Region geben wird, denke ich auch. Das betrifft auch das oben erwähnte Agdam. Vom Status einer Geisterstadt aus kann es ja nur noch in Richtung Aufschwung gehen.


    Hinsichtlich des Freundschaft-Schließens bin ich dagegen sehr skeptisch. Es mag sein, dass auch ein paar Armenier und Azeri in Georgien leben, aber dort sind es nur kleine Minderheiten, die nichts zu melden haben. Der Unterschied zwischen Deutschen, Franzosen, Polen und Ukrainern ist schon mal, dass diese vier der gleichen Religion anhängen (wenn auch konfessionell verschieden). Und diese Religion ist weniger auf Unterwerfung als auf Versöhnung orientiert. Zudem sind auch diese Freundschaften primär (zumindest überproportional) von den gebrochenen Deutschen herbeigewünschte und geglaubte. Wenn es hart auf hart kommt, sagen die Franzosen und (noch mehr) die Polen, das ihre Freundschaft Grenzen hat. Sie schlagen sich nicht mehr die Köpfe ein, aber Deutschland soll demütig und ruhig sein bis zur Selbstverleugnung sowie gut zahlen. So lange ist´s gut. Das werden aber weder Armenier noch Azeri so handhaben.

  • Zunächst einmal eine gute Nachricht: Der seit dem 10. November null Uhr Moskauer Zeit geltende Waffenstillstand wird eingehalten. Ich habe dazu die Meldungen des russischen Verteidigungsministeriums verfolgt.


    Summarischer Quellennachweis: mil.ru/russian_peacekeeping_forces.htm


    Originalwortlaut der Erklärung von Armenien, Aserbaidschan und Russland vom 9. November 2020, veröffentlicht am 10. November 2020:

    kremlin.ru/events/president/news/64384


    Die folgenden Landkarten sind nur mit russischer Beschriftung verfügbar. Über den Link, der jeder Karte beigegeben ist, könnt ihr zu einer vergrößerten Ansicht der Karte gelangen.


    Situation um Bergkarabach zum Zeitpunkt des Waffenstillstands, 10. November 2020 (Quelle: Verteidigungsministerium Russlands, CC-BY-4.0)


    Das rot umrandete Gebiet ist das administrative Territorium von Bergkarabach / Нагорный Карабах. Der Teil, der zum Zeitpunkt des Waffenstillstands noch unter armenischer Kontrolle ist, hat rote Flächenfarbe. Dunkelgrün (graugrün) ist das von den Aserbaidschanern eroberte Territorium. Im Süden reicht es von der iranischen Grenze bis nach Schuscha / Шуша. Diese Stadt wurde am 8. November eingenommen. Die Armenier stimmten daraufhin dem Waffenstillstand zu. Der aserbaidschanische Vormarsch wäre anders nicht mehr zu stoppen gewesen. Im Norden Bergkarabachs eroberten die Aserbaidschaner ein kleines, weniger bedeutendes Gebiet. Westlich davon wird die Nordgrenze des armenisch kontrollierten Gebiets durch die Kette des Murowdag gebildet. Die Berge sind hier um 3300 Meter hoch. Der nordwestliche Eckpfeiler Bergkarabachs ist mit 3724 m der höchste Berg des Murowdag. Hellgrün (blaugrün) eingefärbt ist das bei Waffenstillstand noch von den Armeniern kontrollierte aserbaidschanische Gebiet außerhalb des eigentlichen Bergkarabach.


    Der Waffenstillstand sieht vor, dass beide Seiten zunächst auf ihren Positionen bleiben. Die armenische Seite übergibt dann nach und nach die noch unter ihrer Kontrolle befindlichen aserbaidschanischen Gebiete: am 20. November das Rayon Agdam / Агдам. Das liegt östlich vor dem Karabach-Hochland. Die Übergabe des Rayons Kelbadschar / Кельбаджар war ursprünglich für den 15. November vorgesehen und wurde auf armenischen Wunsch um 10 Tage verschoben. Als letztes Gebiet war das Rayon Latschin / Лачин am 1. Dezember zu übergeben. Die Übergaben erfolgten planmäßig am 20. November, 25. November und am 1. Dezember. Unter Kontrolle der Armenier befindet sich also nur noch das rot eingefärbte Gebiet.


    Die Verbindung zwischen Bergkarabach und Armenien wird durch den fünf Kilometer breiten Latschin-Korridor / Лачинский коридор sichergestellt. Das ist die Straße von Stepanakert / СТЕПАНАКЕРТ über Latschin / Лачин nach Goris / Горис in Armenien.


    Fortsetzung folgt.

  • Die Entsendung russischer Friedenstruppen war bereits in Vermittlungsgesprächen, die Wladimir Putin um den 19./20. Oktober mit beiden Seiten geführt hatte, akzeptiert worden. Damals scheiterten die Verhandlungen an der Weigerung der armenischen Seite, die Rückkehr aserbaidschanischer Flüchtlinge nach Schuscha zu akzeptieren. Putin hat dafür kein Verständnis, da Schuscha nach dem damaligen Verhandlungsstand weiterhin unter armenischer Kontrolle geblieben wäre.


    Quelle: Interview Wladimir Putin, 17. November 2020, kremlin.ru/events/president/news/64431


    Die Kämpfe gingen also erstmal weiter. Auf ein Hilfeersuchen Armeniens reagierte das russische Außenministerium am 31. Oktober mit einer offiziellen Erklärung. Darin wurde der Beistand für die Republik Armenien bekräftigt. Das Problem aber war, dass Bergkarabach von niemandem anerkannt war - nicht einmal von der Republik Armenien.


    Die Entsendung russischer Friedenstruppen hatte also einen gewissen Planungsvorlauf. Dennoch finde ich die Leistungsfähigkeit des russischen Militärs beeindruckend. Der Waffenstillstand trat am 10. November null Uhr in Kraft. Bereits am Vormittag desselben Tages startete die erste Transportmaschine. Das Hauptkontingent der Friedenstruppen wird von der 15., selbständigen Motschützenbrigade des Zentralen Militärbezirks gestellt. Es wurde von Uljanowsk nach Jerewan geflogen.


    Die Lage in und um Bergkarabach am 14. November 2020 (Quelle: Verteidigungsministerium Russlands, CC-BY-4.0)


    Von Jerewan aus waren es dann 300 km Fahrt durch Armenien bis zum Bereitstellungsraum Goris / Горис. Von dort ging es durch den Latschin-Korridor, der mit Beobachtungsposten gesichert wurde (auf der Karte sind das die roten Dreiecke). Die ersten russischen Soldaten trafen am 12. November gegen 17 Uhr in Stepanakert / СТЕПАНАКЕРТ ein. Die volle Einsatzfähigkeit des Friedenskontingents wurde am 14. November erreicht. Auf der Karte sind deutlich zwei Straßen von Armenien nach Bergkarabach eingezeichnet. Die Südroute führt über Goris durch den Latschin-Korridor / Лачинский коридор nach Stepanakert. Die Nordroute führt vom armenischen Vardenis / Варденис über Vank / Ванк nach Mardakert / Мардакерт. Diese Straße verläuft überwiegend im Tal des Flusses Terter südlich der Murowdag-Kette. Bergkarabach wurde in zwei Verantwortungszonen der Friedenstruppen geteilt - eine südliche und eine nördliche (auf der Karte durch die gestrichelte rote Linie getrennt und mit verschiedenen Flächenfarben versehen). Das Rayon Agdam / Агдам ist auf der Karte noch als Teil von Bergkarabach gekennzeichnet.


    Westlich von Vank / Ванк befindet sich außerhalb von Bergkarabach das Kloster Dadivank. In verschiedenen Medien wurde dokumentiert, dass dieses Kloster von russischen Soldaten gesichert wurde. RIA-Nowosti berichtete am 16. November.


    Besonders gefällt mir daraus dieses Foto. Ein BTR-82A lässt sich von zwei Eseln den Weg nach Dadivank zeigen - Klick

    Und ein Foto, dass einen russischen Posten direkt vor dem Klostereingang zeigt - Klick


    Posten der russischen Friedenstruppen am Straßenschild "Dadivank". Das ist am Abzweig der Zufahrtsstraße zum Kloster. Links außerhalb des Bildes führt die Landstraße vorbei. Armenische Klöster liegen auf erhöhten Positionen, nicht in Tälern.

    (Foto: Verteidigungsministerium Russlands, 25. November 2020, CC-BY-4.0)


    Die armenische Nachrichtenagentur Nowosti-Armenija meldete am 28. November, dass Dadivank weiterhin von russischen Soldaten geschützt wird. Der Katholikos von Etschmiadsin (das Oberhaupt der armenischen Kirche) ist in ständigem Kontakt, mit den Geistlichen, die in Dadivank ausharren.


    Reporter Karel Rožánek vom Tschechischen Fernsehen berichtete am 19. November, dass die Mönche in Dadivank bleiben wollen. Das Video hat gutes Bildmaterial, ist aber natürlich auf Tschechisch:

    ct24.ceskatelevize.cz/svet/3228864-ek-chce-poslat-nahornimu-karabachu-penezni-pomoc-armeni-maji-necely-tyden-na-predani


    Fortsetzung folgt

  • Vielen Dank für die Informationen.


    Natürlich steckt auch zwangsläufig viel menschliches Leid hinter den Entscheidungen, gleich wie sie ausgefallen wären.


    Viele Armenier haben ihre Häuser angezündet, um den einrückenden Azeris nichts zu hinterlassen. Das erinnert mich z.B. an die jüdischen Siedler im Gazastreifen, die vor der Räumung ihre Häuser noch abreißen ließen. Die auf dem einen Bild zu sehenden freilaufenden Esel dürften das Ergebnis dessen gewesen sein, dass manche Armenier ihr Vieh einfach freigelassen haben. Nun irren Pferde oder Kühe einfach durch die Natur.


    Hier ein BBC-Bericht:


    Hier ein emotional gestalteter Bericht vom armenischen Abzug, der aber Stimmung unter den Verlierern wiedergeben dürfte:


    Die Russen haben sich in diesem Konflikt als wirkliche Ordnungsmacht erwiesen. Natürlich verfolgen sie auch geostrategische Interessen im Kaukausus. Zugleich aber haben sie den Weg zu einer Art Ausgleich geebnet, mit dem die beiden Konfliktparteien vielleicht einmal in Zukunft werden leben können. Jedenfalls haben sie als Schutzmacht das Schlimmste verhindert und einen offenbar tragbaren Waffenstillstand ermöglicht.

  • Equester

    Den taz-Bericht hatte newly bereits weiter oben behandelt.


    Die Russen haben sich in diesem Konflikt als wirkliche Ordnungsmacht erwiesen. Natürlich verfolgen sie auch geostrategische Interessen im Kaukausus. Zugleich aber haben sie den Weg zu einer Art Ausgleich geebnet, mit dem die beiden Konfliktparteien vielleicht einmal in Zukunft werden leben können. Jedenfalls haben sie als Schutzmacht das Schlimmste verhindert und einen offenbar tragbaren Waffenstillstand ermöglicht

    Das sehe ich auch so.


    Hier eine aktuelle Karte. Die Farbflächen kennzeichnen die Verantwortungszonen Süd und Nord der Friedenstruppen. Die roten Dreiecke bezeichnen Beobachtungsposten. Im Norden liegen die Posten nicht an der Landesgrenze, sondern im Tal des Terter.


    Die Lage in und um Bergkarabach am 2. Dezember 2020 (Quelle: Verteidigungsministerium Russlands, CC-BY-4.0)


    Ein BTR-82A. Die Beschriftung "МС" - gelb auf blauem Grund - ist die russische Abkürzung für "Friedenstruppen". Das Friedenskontingent hat 90 dieser BTR im Einsatz. Auf dem armenischen Straßenschild steht, dass die Straße nach Schuscha und weiter nach Goris in Armenien führt. Der Posten befindet sich demnach am Südrand von Stepanakert. Foto aus den ersten Tagen der Friedensmission (Foto: Verteidigungsministerium Russlands, CC-BY-4.0)


    Das russische Engagement ist schon beeindruckend. Zur Verlegung des Hauptkontingents der Friedenstruppen waren weit über 200 Transportflüge erforderlich. Von Tschkalowski bei Moskau wurden zudem Minenräumer und andere Ingenieurtruppen nach Jerewan geflogen. Außerdem wurden acht Hubschrauber nach Bergkarabach verlegt. Am 25. November begann die Verlegung der Medizinischen Abteilung für besondere Einsätze des Östlichen Militärbezirks. Sie wurde von Chabarowsk nach Jerewan geflogen und ist seit Ende November einsatzbereit. Die Militärärzte versorgen sowohl die russischen Einsatzkräfte in Bergkarabach als auch die dortige Zivilbevölkerung.


    Verlegung der Medizinischen Abteilung für besondere Einsätze des Östlichen Militärbezirks, im Hintergrund eine Transportmaschine Il-76

    (Foto: Verteidigungsministerium Russlands, 25. November 2020, CC-BY-4.0)


    Ab dem 13. November startete eine umfangreiche humanitäre Hilfsaktion. Ein Team des russischen Katastrophenschutzministeriums (russische Abkürzung MTschS / МЧС) befindet sich seit dem 16. November in Stepanakert. Die Hilfslieferungen des MTschS werden in der Nähe von Rostow am Don zusammengestellt und mit Lkw-Konvois nach Bergkarabach gebracht. Drei Tage Fahrt, pro Tag etwa 600 km. Der erste Konvoi traf am 21. November ein.


    Der erste Konvoi mit Hilfslieferungen des russischen Katastrophenschutzministeriums erreicht Bergkarabach

    (Foto: МЧС России, 21. November 2020, CC-BY-4.0)


    Im Zeitraum vom 14. November bis zum 2. Dezember kehrten mehr als 27.000 Flüchtlinge aus Armenien wieder nach Bergkarabach zurück. Eine Fahrt von Jerewan nach Stepanakert dürfte etwa 6 Stunden in Anspruch nehmen.


    Der Kulturgutschutz spielt eine wichtige Rolle in den politischen Gesprächen. So etwa bei Besuchen von Außenminister Lawrow in Jerewan und Baku am 21. November. Präsident Putin wies den Kommandeur der Friedenstruppen, Generalleutnant Rustam Muradow, in einer Beratung am 20. November an, auf den Schutz des kulturellen Erbes zu achten. Soweit dies möglich sei, auch in den an Aserbaidschan zurückgegebenen Gebieten.

    Quelle: kremlin.ru/events/president/news/64455

  • Präsident Putin wies den Kommandeur der Friedenstruppen...an, auf den Schutz des kulturellen Erbes zu achten. Soweit dies möglich sei, auch in den an Aserbaidschan zurückgegebenen Gebieten.

    "Soweit dies möglich sei..." faktisch ist es das sicherlich nicht und es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis das kulturelle Erbe dort zerstört werden wird.



    Das Ganze hat natürlich durchaus etwas von David gegen Goliath.

    Auf der einen Seite die schon zahlenmäßig weit überlegenen Aserbaidschaner - (die ja auch in anderen Ländern leben, z.B. allein im angrenzden Iran bis zu 19 Millionen).

    https://de.wikipedia.org/wiki/…ijanisInCaucasusAndME.png


    Sie haben massive Unterstützung aus der Türkei (Erdogan spricht ja sogar von "einer Nation, zwei Staaten"), das Land hat einen enormen Ölreichtum.

    Auf der anderen Seite das viel kleinere Armenien, das von seiner "Schutzmacht" Russland ungleich weniger Unterstützung erfährt.

    Letztere geben sich dann wohl auch eher als "Vermittler" , wobei die eigenen geostrategischen Interessen natürlich alles überlagern; so lieferte Russland in den vergangenen Jahren dann auch zahlreiche Rüstungsgüter an beide Parteien (honi soit qui mal y pense).


    In Deutschland (und Frankreich, wo u.a. das Mahnmal beschmiert wurde) gibt es übrigens durchaus auch Probleme...

    https://www.welt.de/politik/de…taboola.free.welt.desktop

  • Ich bin vorsichtig, was Prognosen angeht. Die pessimistische Einschätzung von newly teile ich jedoch nicht.


    Armenien hat gute Beziehungen zum Iran. Es gibt im Iran eine Reihe armenischer Kirchen. Sie werden gepflegt. Ein Teil von ihnen steht sogar auf der UNESCO-Welterbeliste. Es gibt auch religiöses Leben der Armenier im Iran. Iranische Staatsbürger aserbaidschanischer Nationalität sind für den Konflikt irrelevant, weil der Iran am Karabachkonflikt nicht teilnimmt.


    Armeniens viertes Nachbarland Georgien setzt seit dem Ende der Sowjetunion auf Feindschaft zu Russland, obwohl die Georgische Kirche eine Schwesterkirche der Russischen Orthodoxen Kirche ist. Georgien hat wohl recht gute Beziehungen zu Aserbaidschan und ist im Karabachkonflikt ebenfalls neutral.


    Armenien ist Mitglied der Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit (russische Abkürzung: ODKB). Weitere Mitglieder der ODKB sind Russland und seine engsten Verbündeten: Belarus, Kasachstan, Kirgisien und Tadschikistan. Die sich aus dem Bündnis sowie aus einem Freundschaftsvertrag ergebende Beistandsgarantie wurde russischerseits am 31. Oktober nochmals bekräftigt. Die Quelle hatte ich weiter oben schon angegeben. Vertragspartner ist aber die Republik Armenien, nicht die von niemandem (auch nicht von Armenien) anerkannte Republik Arzach.


    Russland vermittelt von Beginn an im Karabachkonflikt. Es ist einer von drei Kovorsitzenden der Minsker Gruppe der OSZE, die sich um eine Lösung des Konfliktes bemüht. Die anderen beiden sind die USA und Frankreich.


    Das Bündnis zwischen der Türkei und Aserbaidschan wird mit sprachnationalistischen Argumenten unterfüttert. Von der engen Verwandtschaft der Sprachen abgesehen verbindet die beiden Länder historisch-kulturell gar nicht so viel. Die neo-osmanische Karte kann Erdogan hier nicht spielen, denn Aserbaidschan gehört zum persischen Kulturraum. Die Aserbaidschaner sind auch mehrheitlich Schiiten. Die Führung in Baku sieht das Bündnis wohl eher pragmatisch: Allzu viele potente Bündnispartner stehen in der Region für Aserbaidschan ja nicht zur Auswahl. Ein gutes Verhältnis zu Russland ist für das Land aber auch wichtig.


    In der Republik Armenien leben etwa 3 Millionen Menschen. Die Republik Arzach hatte in den letzten Jahren schätzungsweise 150.000 Einwohner. In das von russischen Friedenstruppen geschützte Gebiet von Bergkarabach sind seit dem 14. November 37.000 Flüchtlinge zurückgekehrt.