Bremen - Ortsteil Neustadt

  • Ortsteil Neustadt

    Die Benennung dieses Ortsteils innerhalb des Stadtteils Neustadt sorgt bei Auswärtigen aber manchmal auch bei Bremern ‚von rechts der Weser’ nicht selten für Verwirrung. Denn wenn Bremer von ‚der’ Neustadt sprechen meinen sie in der Regel das von Weser und Neustadtswall umgebene Gebiet zwischen Piepe und Hohentorshafen. Amtlich wird dieses jedoch als ‚Alte Neustadt’ bezeichnet (welch ein schönes Oxymoron !). Der Ortsteil Neustadt umfaßt hingegen einen Bereich, der fälschlicherweise oftmals als Teil der östlich an ihn angrenzenden Südervorstadt betrachtet wird. Seine offiziellen Grenzen sind die Neustadtscontrescarpe im Norden, die Neuenlander Straße im Süden, die Langemarckstraße im Westen und die Friedrich-Ebert-Straße im Osten. Um die geschilderten Missverständnisse zu umgehen sprechen Bremer deshalb auch gerne vom Neustädter ‚Flüsseviertel’ (zu unterscheiden vom Flüsseviertel auf dem Stadtwerder), da die überwiegende Zahl der Straßen Namen großer deutscher Gewässern führt.

    Die Bebauung erfolgte im Großen und Ganzen in zwei Etappen: Der Bereich nördlich der Erlenstraße wurde von der Gründerzeit bis 1914 erschlossen. Das Gebiet südlich der Erlenstraße folgte in der Zwischenkriegszeit. Der Ortsteil Neustadt wartet mit einigen architektonischen Leckerbissen auf, die in den folgenden Beiträgen vorgestellt werden sollen.

    Abbildung 01

    Der Ortsteil ‚Neustadt’ auf einer administrativen Karte der Bezirke, Stadt- und Ortsteile der Stadtgemeinde Bremen (rot eingegrenzt).

    (Die Ortsteile führen die kleinen, vierstelligen Nummern.)

    Abbildung 02

    Der Ortsteil (rot markiert) im Verhältnis zur Bremer Altstadt (am oberen Bildrand).

    Abbildung 03

    Die Dominanz der deutschen Flüsse als Namensgeber für die Straßen des Quartiers wird auf diesem Luftbild deutlich.


    @Moderation: Ich möchte Sie herzlich bitten, den bisher schon existenten Strangnamen 'Bremen-Neustadt' in 'Bremen - Alte Neustadt' umzubenennen. Nach Erfolg werde ich den hiesigen Strangtitel in 'Bremen- Neustadt' verändern. Gegebenenfalls notwendige Verschiebungen aus dem Strang 'Bremen-Alte Neustadt' in den vorliegenden Strang bitte ich ebenfalls freundlicherweise zu tätigen. Vielen Dank !

  • Der geheimnisvolle Torbogen

    Die meisten Bremer die nicht im Ortsteil Neustadt ansässig sind, dürften von diesem vor allem dessen Ostgrenze, die Friedrich-Ebert-Straße, kennen; bildet diese Magistrale doch die Hauptverbindung zwischen den inneren Stadtteilen und dem Flughafen. Man durchquert dieselbe in Vorfreude auf eine Urlaubsreise, voll der schönen Eindrücke nach einer solchen, bei Antritt einer Dienstreise oder zur Abholung von Geschäftspartnern und Tagungsgästen. Manche werden dabei vielleicht noch das nüchtern-strenge und trotzdem repräsentative Straßenbild dieses südlichen Eingangs zur Stadt registrieren, in der Regel mehr aber auch nicht. Das schnelle Vorbeirauschen im Auto verunmöglicht einfach das nähere Einlassen auf architektonische Details. Mir ging es jedenfalls bisher stets so.

    Allerdings gab es da für mich bereits seit längerem eine Ausnahme: Immer wenn die Fußgängerampel auf Höhe der Straßenbahnhaltestelle ‚Schleiermacherstraße’ den fließenden PKW-Verkehr zum halten brachte, fiel mein Blick auf einen geheimnisvollen Torbogen innerhalb der ansonsten geschlossenen Straßenrandbebauung, dessen Ergründung mir reizvoll erschien.

    Tolkinianer und Fans von Peter Jackson werden den Vergleich verstehen: Es war immer ein wenig so wie in der Sequenz ‚Querfeldein zu den Pilzen’ im Teil ‚Die Gefährten’, wo kurz vor dem erstmaligen Auftauchen eines Nazguls der Blick Frodos in die Straße, auf der sich der Unhold näherte, förmlich hinein gesogen und in die Ferne geführt wurde.

    Aber, wie es leider oft ist: Die Neugierde nach dem was hinter dem Torbogen wohl liegen mochte, wurde zwar bei jedem Passieren neu geweckt, aber man vertröstete sich ein ums andere Mal damit, daß man ja vor Ort sei und jederzeit Nachschau halten könne – mit dem Erfolg, daß man es nie tat…

    Bis gestern… !

    (Foto von mir; 25.07.2020)

  • Die 'Entdeckungstour'

    Abbildung 01

    Blick aus Richtung Flughafen stadteinwärts in auf die Friedrich-Ebert-Straße.

    Man erkennt wie die durchgehende Zeilenrandbebauung in diesem Bereich das Binnenleben des Ortsteils Neustadt hermetisch gegen die Durchgangsstraße abriegelt.

    Abbildung 02

    Die Straßenbahn -Haltestelle 'Schleiermacherstraße' und die Ampelanlage kommt in Sicht.


    Abbildung 03

    Der Torbogen kommt ins Blickfeld.

    Abbildung 04

    Auf geht's, die Entdeckung kann beginnen...

    (Sofern nicht anders vermerkt, sind die Fotos in allen folgenden Beiträgen [bis einschließlich Nr. 25] von mir am 25.07.2020 aufgenommen worden.)

  • Abbildung 05

    Der Weg durchquert zunächst die rückwärtigen Gärten der Zeilenrandbebauung...

    Abbildung 06

    ...und erreicht dann die erste Parallelstraße der Friedrich-Ebert-Straße: die 'Bodenheimer Straße' , an der sich - in einer Achse mit dem ersten, ein zweiter Torbogen auftut.

    Abbildung 07

    Blick vom zweiten Torbogen in die rückwärtigen Gärten der Bodenheimer Straße.

    Abbildung 08

    Nach Durchschreiten auch dieses Gartenweges bietet sich einem der folgende Anblick...

    Abbildung 09

    Wir sind an der 'Ingelheimer Straße' angekommen. Diese unerwartet reizvolle Gestaltung von hoher architektonischer Harmonie - die ein wenig an das Potsdamer Holländische Viertel erinnert - fordert dazu heraus, sich etwas eingehender mit dieser Straße zu beschäftigen !

  • Abbildung 10

    Luftbild zur Übersicht des bereits zurückgelegten zur Ingelheimer Straße (rot) und des nun noch folgendes Weges durch diese hindurch (blau).

    Abbildung 11

    Der Blick auf die Stadtkarte von 1914 offenbart, daß die Ingelheimer Straße damals noch nicht existierte. Ihre heutige Fläche ist rot eingekastelt.

    Abbildung 12

    Aktuelles Luftbild der Straße von Süden aus aufgenommen. Straße rot eingekastelt.

  • Abbildung 13

    Wir beginnen den Rundgang am Südende der Straße, bei deren Einmündung in die Neuenlander Straße. Markant die beidseitigen Giebelhäuser, die torartig den südlichen Eingang zur Straße markieren.

    Abbildung 14

    Auffällig sind die auf beiden Straßenseiten vorhanden Erkerpaare mit mittigen , konchenartigen, rundbogigen Vertiefungen für 'Kunst am Bau'.

    Abbildung 15

    Abbildung 16

    Das nördliche Ende der Südhälfte der Straße wird von zwei dreigeschossigen Häusern akzentuiert.

    Abbildung 17

    Vor Erreichen der 'Zentralanlage' mit ihrem markanten Versatz im Straßenverlauf passieren wir noch zwei ansprechende Pergolen , die als Vordächer über Hauseingängen fungieren.

  • Abbildung 18

    Die Zentralanlage mit ihrem Versatz, an dem auch der querverlaufende, von der Friedrich-Eberst-Straße herführende 'Helene-Kaisen-Weg' einmündet. Hier ist die Bebauung der westlichen Straßenseite zu sehen.

    Abbildung 19

    Die östliche Straßenseite der Zentralanlage

    Abbildung 20

    Blick von der Zentralanlage zurück in die Südhälfte der Straße.

    Abbildung 21

    Blick von der Zentralanlage in die Nordhälfte der Straße.

  • Abbildung 22

    Die Westseite der nördlichen Straßenhälfte.

    Abbildung 23

    Die Ostseite der nördlichen Straßenhälfte

    Abbildung 24

    Auch in dieser Straßenhälfte sind die charaktervollen Doppelerker mit dem mittigen Bauschmuck vorhanden.


    Abbildung 25

    Blick aus der Nordhälfte zurück in Richtung Zentralanlage.

  • Abbildung 26

    Östlicher Kopfbau am Nordende der Straße, kurz vor der Einmündung in die Erlenstraße. Stilistisch meint man einen Hauch vom 'Colonial Style' Neuenglands zu verspüren...


    Abbildung 27

    Westlicher Kopfbau am Nordende der Straße. Ein Hauch von 'Ivy League', aber dennoch kein Dozentenhaus in Harvard...

    Abbildung 28

    Anex des Westlichen Kopfbaus mit markantem Balkon.

  • Abbildung 29

    Blick von der Erlenstraße ins Nordende der Ingelheimer Straße.

    Abbildung 30

    Luftbild der Ingelheimer Straße von Norden. Die Zentralanlage mit dem Versatz tritt deutlich hervor.

    Abbildung 31

    Luftbild von Süd.

    Abbildung 32

    Luftbild von West.

    Abbildung 33

    Luftbild von Ost.

  • Der 'Rhythmus' der Ingelheimer Straße

    Die folgenden Schemata sollen die symmetrische Verteilung der markanten Bauteile und des Bauschmucks verdeutlichen und somit den 'Rhythmus ' der Straße erfahrbar machen. Zu beachten ist, daß jeweils die östliche (d.h. hier: untere) Straßenseite horizontal gespiegelt wurde, um die beiden Straßenseiten als Pendants darstellen zu können.

    Abbildung 01

    Südhälfte der Straße.

    Abbildung 02

    Zentralanlage.

    Abbildung 03

    Nordhälfte der Straße.

  • Der Bauschmuck der Ingelheimer Straße

    Abbildung 01

    Die beiden Ausformungen der Giebelhäuser in der Straße: Sie unterscheiden sich lediglich in der Höhe der horizontal endenden Giebelflanken.

    Abbildung 02

    Der Bauschmuck der Giebelhäuser ist in der gesamten Straße identisch, also seriell hergestellt:

    Auf den Giebelkanten jeweils eine Vase. Auf der Vorderseite der linken befindet sich ein aufsteigender Vogel auf derjenigen der rechten ein Blume mit Blatt und Blüte. Den Schlußstein des Giebelfensters ziert ein Stern mit Schweif, also ein Komet. Das das Giebelfeld nach unten abschließende Hauptgesims des Hauses zeigt einen ausgeprägten Sägezahnfries.

  • Abbildung 03

    Sämtliche vertikalen Schmuckbänder aller Erker der Straße kommen in lediglich zwei Gestaltungsvarianten vor (also auch seriell hergestellt):

    Abbildung 04

    Details.


  • Abbildung 05

    Die phantastisch anmutenden Vasen (könnten aber auch Urnen, verfremdete Pinienzapfen oder den 'Nabel der Welt von Delphi' darstellen; man könnte sogar einen Gran phallische Bedeutung hineinlesen ?!) , als eine der Varianten der 'Kunst am Bau' im konchenartigen Mittelfeld zwischen den Erkern.

    Abbildung 06

    Detail der Urnen.

  • Abbildung 07

    Eine der beiden Stelenvarianten, die sich mit den Vasen in den Konchen abwechseln.

    Abbildung 08

    Detail dieser Stelenvariante: Feiernde Putti mit Weinreben und Querflöte.

  • Abbildung 10

    Zentralanlage - Östliches Gebäude. Übersicht zum Bauschmuck.

    Neben Vasen auf der Brüstung über dem Hauptgesims, Kugeln an den Giebelflanken, einem Kapitell und zwei Konsolen im Portalbereich , fallen insbesondere vier Reliefs ins Auge: Zwei aufeinander bezogene in der Zone zwischen Hochparterre und 1. Obersgeschoß. Und zwei ebenfalls aufeinander bezogene in der Brüstung über dem Hauptgesims.

    Abbildung 11

    Reliefs aus der Brüstzungszone:

    (Links) Hirsch mit Stern und (rechts) zwei Schwäne mit Sonne.

    Abbildung 12

    Reliefs aus der Zone zwischen Hochparterre und 1. Obergeschoß.

    (Links) Taube mit Weinranke und Eichhörnchen mit Walnuß.

    (Rechts) Hahn mit Blatt und Katze mit Maus.

  • Abbildung 13

    Zentralanlage -Westliches Gebäude. Übersicht zum Bauschmuck.

    Neben dem kompletten Programm des Giebelschmucks der 'einfachen Giebelhäuser' der Straße und den von den Erkern bekannten vertikalen Schmuckbänern, fallen auf den Balkonbrüstungen zwei weitere Vasen und schwungvoll gestaltete Halterungen für Blumenkästen sowie in der Brüstung drei gemauerte Entlastungsbögen auf. Am markantesten sind jedoch drei Reliefs zwischen der dreiteiligen Loggia und der Portalzone.

    Abbildung 14

    Die Reliefs in ihrem baulichen Kontext.

    Abbildung 15

    Die Reliefs im Detail:

    Löwe, Seefahrer und Taube.

  • Ein seltsamer Expressionismus im Bauschmuck, der einerseits geometrische Grundelemente des Art déco spielerisch übernimmt, andererseits von ostasiatischer Kunst beeinflusst wirkt.