Wohin denn ich? Hölderlin und seine Wohnstätten

Im neuen Jahr bittet der Vorstand euch, frühzeitig nach neuen Bauprojektplänen in eurer Stadt Ausschau zu halten. Wo lässt sich durch traditionelle Architektur oder Rekonstruktionen euer Stadtbild verbessern? Teilt uns eure Ideen mit! Je eher wir mit Ideen an die Öffentlichkeit gehen, umso höher sind unsere Chancen, dass die Ideen von den Verantwortlichen ernstgenommen werden!
  • Aber sie können mich nicht brauchen.


    Hölderlin fühlt, dass eine Wende zum Dauerhaften kommen muss in seinem Leben. Da ist die ständige Drohung, dass das Konsistorium ihn zur Annahme eines Vikariats und damit in den Beruf des Pfarrers zwingen könnte. Da ist das Drängen der Mutter, endlich eine Stelle in einer Pfarrei anzunehmen. Da ist die Erkenntnis des Abhängigseins als Hauslehrer, aber auch das Wissen, dass auch die erfolgreichste Tätigkeit hier nicht seiner Berufung zum Dichter entspricht.


    Das ehemalige Spital in Nürtingen:


    Das Spital steht gegenüber dem Schweizerhof der Familie Gok, die Mutter Hölderlins ist ja eine verwitwete Gok. Der Spitalmeister Rooschüz war ihr „Kriegsvogt“, ein Sachverhalt, von dem heute nur noch die wenigsten wissen. Man traute damals und noch eine ganze Zeit lang Frauen in Geschäftsdingen wenig zu, und so brauchte eine verwitwete Frau einen Kriegsvogt, der sie in geschäftlichen und juristischen Dingen beriet und sie bei den entsprechenden Behörden vertrat, für sie also in juristischem und notariellen Sinne handelte. Der Spitalmeister war ohne Zweifel daran beteiligt, dass Hölderlin von der Mutter den Pflichtteil seiner Erbschaft nicht ausbezahlt bekam. Sie hielt ihn auf diese Weise in der Abhängigkeit, die ihn zur Annahme des Pfarrerstandes führen sollte. Diese Abhängigkeit war ein Hauptgrund für seine zwangsvolle Lage, die oben beschrieben ist.


    An Landauer schrieb Hölderlin nach der Rückkehr aus Hauptwil: überhaupt ists seit ein paar Wochen ein wenig bunt in meinem Kopfe.


    Hölderlin wollte eine Dozentur in Jena, das sollte die Zwänge beseitigen und ihm Raum geben, seine Berufung zum Dichter leben zu können. Schiller sollte ihm dabei helfen. Am 2. Juni 1801 schrieb er ihm, obwohl sein letzter Brief vom September 1799 an Schiller nicht beantwortet worden war. Er wolle nicht als Vikar zu einem Landprediger geschickt werden. Er unterbreitet Schiller seine Lage, nimmt ihn dabei in Verantwortung, was er gegen Schluss herunterzonen will.


    Auch dieser Brief bleibt unbeantwortet. Auch sein Freund aus Tübinger Tagen Niethammer, jetzt Professor in Jena, antwortet ihm nicht auf einen Brief in der selben Sache.


    Seinem Freund Böhlendorff schreibt er resigniert: Aber sie können mich nicht brauchen.


    Im Herbst 1801 wird ihm von einem Freund Landauers eine Hauslehrerstelle vermittelt bei dem hamburgischen Weingroßhändler und Konsul Daniel Christoph Meyer in Bordeaux. Das angebotene Jahresgehalt war das höchste, das ihm jemals geboten wurde.


    Am 10. Dezember brach er In Nürtingen auf zu der weiten Reise - einer Winterreise. Er hatte genügend Geld erhalten, um bequem mit der Kutsche reisen zu können. Aber Hölderlin wandert! Er will den weiten Weg sogar noch verlängern und plant einen riesigen Umweg über Paris. Er wandert über Freudenstadt durch den verschneiten Schwarzwald und will über die französische Grenze nach Straßburg. Aber Napoleon putscht in dieser Zeit, und so muss er vierzehn Tage warten, bis er die Grenze überschreiten darf.


    War er in dieser langen Zeit in Frankfurt?


    Am 30. Dezember darf er endlich einreisen, Paris bleibt ihm aber verboten; er muss den Weg über Lyon nehmen. Über Belfort, der Doubs entlang, dann die Saône, wo ihn Überschwemmungen aufhalten, erreicht er Lyon am 9. Januar 1802.


    Die Kathedrale von Lyon:



    Die Größe der Stadt mit ihrem Gewimmel von Menschen wirkt auf ihn verstörend, wie er der Mutter schreibt -


    Er wandert vorbei an Clermont und auf steilen und einsamen Wegen über die tief verschneiten Berge der Auvergne. Ein abenteuerlicher Weg. Räuber machen das Gebirge unsicher. Er sei neugeboren nach den Gefahren, schreibt er, denen er offenbar entronnen ist, in eiskalter Nacht und die geladene Pistole neben mir im rauhen Bett.


    Die verschneite Auvergne:


    Die große Einsamkeit des Wanderns, alleine, über Wochen hinweg, man spürt sie hier. Kälte, Stürme, die Sorge um den richtigen Weg. Schließlich konnte er auf dem letzten Wegstück im Tal der Isle die ersten warmen Lüfte spüren, die ihm entgegen kamen. Am 28. Januar erreichte er Bordeaux.


    Auch heute wäre die weite Strecke zu Fuß, in vier Wochen zurückgelegt, eine beträchtliche sportliche Leistung. Aber auch die psychische Leistung wollte vollbracht sein, die große Einsamkeit wollte ertragen werden, dazu die Lebensgefahr, in die er offenbar geraten war.


    Die Villa des hamburgischen Konsuls Meyer in Bordeaux als neues Domizil Hölderlins:


    Die klassizistische Villa Meyer, 1795-1796 von Louis Combes errichtet, ist bis heute erhalten. Ein Schild in französischer und deutscher Sprache hält die Erinnerung an den berühmtesten Bewohner des schönen Gebäudes wach.


    Der Konsul empfing ihn warmherzig und versprach ihm eine glückliche Zeit in seinem Haus.


    Konsul Daniel Christoph Meyer

    .

    Der Dichter erlebt die fremde Stadt intensiv und hinterlässt ihr ein unvergleichliches Zeugnis:


    Andenken

    Der Nordost wehet,

    Der liebste unter den Winden

    Mir, weil er feurigen Geist

    Und gute Fahrt verheißet den Schiffern.

    Geh aber nun und grüße

    Die schöne Garonne,

    Und die Gärten von Bourdeaux

    Dort, wo am scharfen Ufer

    Hingehet der Steg und in den Strom

    Tief fällt der Bach, darüber aber

    Hinschauet ein edel Paar

    Von Eichen und Silberpappeln;


    Noch denket das mir wohl und wie.

    Die breiten Gipfel neiget

    Der Ulmwald, über die Mühl,

    Im Hofe aber wächset ein Feigenbaum.

    An Feiertagen gehn

    Die braunen Frauen daselbst

    Auf seidnen Boden,

    Zur Märzenzeit,

    Wenn gleich ist Nacht und Tag,

    Und über langsamen Stegen,

    Von goldenen Träumen schwer,

    Einwiegende Lüfte ziehen.


    Es reiche aber,

    Des dunkeln Lichtes voll,

    Mir einer den duftenden Becher,

    Damit ich ruhen möge; denn süß

    Wär unter Schatten der Schlummer.

    Nicht ist es gut,

    Seellos von sterblichen

    Gedanken zu sein. Doch gut

    Ist ein Gespräch und zu sagen

    Des Herzens Meinung, zu hören viel

    Von Tagen der Lieb,

    Und Taten, welche geschehen.


    Wo aber sind die Freunde? Bellarmin

    Mit dem Gefährten? Mancher

    Trägt Scheue, an die Quelle zu gehn;

    Es beginnet nämlich der Reichtum

    Im Meere. Sie,

    Wie Maler, bringen zusammen

    Das Schöne der Erd und verschmähn

    Den geflügelten Krieg nicht, und

    Zu wohnen einsam, jahrlang, unter

    Dem entlaubten Mast, wo nicht die Nacht durchglänzen

    Die Feiertage der Stadt,

    Und Saitenspiel und eingeborener Tanz nicht.


    Nun aber sind zu Indiern

    Die Männer gegangen,

    Dort an der luftigen Spitz

    An Traubenbergen, wo herab

    Die Dordogne kommt,

    Und zusammen mit der prächtgen

    Garonne meerbreit

    Ausgehet der Strom. Es nehmet aber

    Und gibt Gedächtnis die See,

    Und die Lieb auch heftet fleißig die Augen,

    Was bleibet aber, stiften die Dichter.


    Der Hafen von Bordeaux

    Das Leben in Bordeaux war prall, voll Lebens- und Genussfreude. Februar und März sind die Zeit des Dionysos, des römischen Bacchus, des Gottes des Weines und der Trunkenheit in der Hauptstadt des Weines. Nichts von alledem findet sich in den Briefen des Dichters. Die braunen Frauen daselbst auf seidnen Boden zur Märzenzeit in der Ode auf Bordeaux könnten ein Nachklang sein. Aber braun im Zusammenhang mit Frauen gilt in der Zeit des Puders und der höfisch weißen Haut eigentlich als ländlich oder bäurisch.


    Nach nur zweieinhalb Monaten in Bordeaux, am 10. Mai ließ sich Hölderlin einen Pass nach Straßburg ausstellen und reiste ab, zu Fuß. Offenbar im Einvernehmen mit der Familie Meyer, denn vom Dienstherrn erhält er ein glänzendes Zeugnis.


    Niemand weiß weshalb er seine Tätigkeit abbricht. Es gibt viele Theorien und Spekulationen, jede hat vieles für sich. Aber jede enthält auch zu viele Widersprüche zu sicheren Fakten. Sicher ist sein Heimweg über Paris.


    Völlig verwahrlost trifft er gegen Ende Juni in Stuttgart ein. Wohnt bei Landauer. Dort erhält er am 30. Juni aus Frankfurt die schreckliche Nachricht vom Tod der Geliebten, Susette Gontard. Sie starb am 22. Juni 2802 an den Röteln. Seine Diotima ist tot!


    Es ist fast eine Flucht - zur Mutter nach Nürtingen. Er erregt Aufsehen durch die Verwahrlosung seiner Erscheinung und durch wiederkehrende,Ausbrüche offenbar unbezähmbarer Wut.


    Der Freund Sinclair lädt ihn mehrfach ein zu sich nach Homburg. Hölderlin besucht ihn, nach einiger Zeit ruhiger geworden, auf dem Immerwährenden Reichstag in Regensburg, Sinclair wohnt dort im Goldenen Anker.


    Das Gebäude des Immerwährende Reichstag in Regensburg


    Sinclair ist dort Ende September 1802 für seinen Landesherren als Diplomat.

    Hölderlin habe sich beruhigt. Aber dreimal braucht er in Regensburg dennoch ärztliche Hilfe. Hölderlin wandert, wie er gekommen ist zu Fuß zurück nach Nürtingen wohl über Amberg und Nürnberg.


    Ruhiger geworden lebt er bei der Mutter in Nürtingen. Fängt er an zu toben, wird ein Wärter geholt, der oft auch in der Nacht bleibt.


    Im Sommer 1803 geht er zu Fuß, offenbar querfeldein zu Schelling, der seine Eltern in Murrhardt besucht. Eineinhalb Tage wohnt er bei den Schellings in der Murrhardter Prälatur.


    Das rechte Gebäude ist die Prälatur, die der Vater des Philosophen innehat.


    Hölderlin macht auf Schelling einen verwirrten Eindruck: Ich überzeugte mich bald, daß dieses zart besaitete Instrument auf immer zerstört sey.


    Aus Hölderlins Übersetzung des König Ödipus von Sophokles. Die Übersetzungen Hölderlins sind eher Nachdichtungen zu nennen.


    Ödipus hat Angst, in Wahnsinn zu verfallen:


    Nachtwolke mein! Du furchtbare

    Umwogend, unaussprechlich, unbezähmt,

    Wie fährt in mich zugleich

    Mit diesen Stacheln

    Ein Treiben und Erinnerung der Übel.

  • Doch uns ist gegeben,
    Auf keiner Stätte zu ruhn,
    Es schwinden, es fallen
    Die leidenden Menschen
    Blindlings von einer
    Stunde zur andern,
    Wie Wasser von Klippe
    Zu Klippe geworfen,
    Jahr lang ins Ungewisse hinab.


    Im Jahr 1804 nimmt Hölderlin eine der vielen Einladungen seines Freundes Sinclair an und zieht nach Homburg.


    Sinclairs Haus:


    Das Barockhaus in der Nähe des Homburger Schlosses ist auch Sinclairs Geburtshaus.


    Sinclair ist derzeit gewissermaßen der Chef der Regierung der Landgrafschaft Hessen-Homburg. Für den frommen Landgrafen, dem die säkularen Bestrebungen der Aufklärung zuwider sind, schreibt Hölderlin mit der Ode Patmos eines seiner bedeutendsten Werke.


    Isaac von Sinclair, Portrait von 1808:


    Sinclair verspricht sich viel für die Heilung des Freundes, wenn er die Zwänge beseitigt, denen der ja immer noch unterliegt. So bekommt Hölderlin die Stelle des Hofbibliothekars. Für das Gehalt verpflichtet sich Sinclair, ohne dass Hölderlin das weiß, es aus eigener Tasche zu bezahlen.


    Hölderlin, der jetzt zum zweiten Mal in Homburg wohnt, lebte insgesamt in zwei Häusern: Dorotheenstraße 34 und Haingasse 12, beide Häuser wurden vor einigen Jahren abgerissen!


    Dorotheenstraße 34 vor dem Abbruch:


    Der Abbruch:


    Das moderne Gebäude im Hintergrund muss man wohl als Abbild des Geistes wahrnehmen, der die Stadt Bad Homburg dazu brachte, die Wohnhäuser Hölderlins abzureißen.


    Proteste aus dem In- und Ausland führten schließlich zur Rekonstruktion des Hauses in der Dorotheenstraße und zur Stiftung des Bad Homburger Hölderlin-Preises.


    Das rekonstruierte heutige Hölderlinhaus:


    Das rekonstruierte Hölderlinhaus ist ein Hölderlinmuseum.


    1806: Sinclair und Hölderlin werden verleumdet! Beide dachten und fühlten sich als Anhänger der französischen Revolution, aber nicht der Revolution Robespierres. Hölderlin dachte ohnehin mehr an eine geistige Erneuerung als eine konkrete politische, wobei eine solche ebenfalls seine Sympathie hatte. Konkretes hatten beide nie geplant - Sinclair schon gar nicht gegen seinen Dienstherrn, Landgraf Friedrich V. von Hessen-Homburg. Im Weinrausch freilich wurde schon mal schwadroniert von der Beseitigung der Fürsten und der Einführung der Republik. Pläne wuchsen in der alkoholisierten Luft und machte rasch wieder der Nüchternheit Platz.


    Sinclair hatte einen seiner Freunde, Alexander Blankenstein, als Betrüger entlarvt und ihn angezeigt. Der wiederum rächte sich und zeigte Sinclair und Hölderlin an als Aufrührer mit Mordplänen und als Umsturzaktivisten. Eigentlich zu viel der Ehre: Beide waren das nicht, und Sinclair konnte, schließlich auch einen Freispruch erwirken.


    Hölderlin, der aufgrund seines gesundheitlichen Zustandes nicht in der Lage war, seine Stelle als Hofbibliothekar auszufüllen, wurde von Sinclair für schon seit drei Jahren unzurechnungsfähig erklärt.


    Klar, er will ihn retten! Letztlich weiß er jedoch auch, dass es stimmt.


    So wird Hölderlin - die Sache war auch in Württemberg anhängig geworden - von einigen kräftigen Männern in eine Kutsche gezerrt und der große Wanderer nach Tübingen gefahren und dort in die Autenriethsche Klinik gebracht. Dort blieb er von September 1806 bis Mai 1807.


    Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth hatte als erster Arzt eine Klinik gefordert, in der an den Krankenbetten medizinischer Unterricht erteilt wurde.



    Er richtete diese Klinik ein im Gebäude der Alten Burse, dem frühesten Kerngebäude der Universität Tübingen. Sie wurde zur Keimzelle der heutigen Universitätskliniken. Ebenfalls hatte er dort als erster Geisteskranke untergebracht - er war der erste, der Geisteskrankheit überhaupt als behandlungsfähig eingestuft und Patienten in eine Klinik aufgenommen hat.


    Die Alte Burse in Tübingen:


    Nur wenige Schritte entfernt vom Tübinger Stift liegt der stattliche Kernbau der Universität Tübingen - errichtet Ende des 15. Jhdt.. Hier wurde Hölderlin von Autenrieth aufgenommen und behandelt.


    Dass Geisteskrankheit einer Behandlung unterzogen wurde, war zweifellos ein großes Verdienst des Mediziners. Andererseits stand man dieser Art von therapeutischer Zielsetzung ahnungslos gegenüber. Für die Patienten müssen die Therapien von Autenrieth entsetzlich gewesen sein: körperlicher Zwang war wohl die wichtigste Maßnahme. Zum Beispiel sollte die Autenriethsche Maske, auf das Gesicht geschnallt, Zuckungen unterbinden. Auch sparte man nicht mit giftigen Substanzen wie z. B. Quecksilber.


    Was ein Geist wie Hölderlin erlitten haben muss, lässt sich nur in Alpträumen erahnen.


    Sein Gesamtzustand war nach fast einem dreiviertel Jahr so schlecht, dass Autenrieth mit seinem Tod in höchstens einem Jahr rechnete und ihn als unheilbar entließ.


    Das Angenehme dieser Welt hab' ich genossen,
    Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen,
    April und Mai und Julius sind ferne,
    Ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne!


    In Nürtingen hätte man nicht für ihn sorgen können. Ganz in der Nähe der Klinik am Neckar hatte der Schreinermeister Zimmer seine Werkstatt und Wohnung. Es traf sich, dass dieser Handwerker den Hyperion gelesen hatte und ein begeisterter Verehrer Hölderlins war. So nahm er den Dichter bei sich in Kost und Logie und Pflege. Zum Anwesen des Handwerkers, nahe der Burse und dem Stift gelegen, gehörte der Rest eines alten Turmes der Stadtbefestigung, wo Hölderlin untergebracht wurde und bis zu seinem Tod 1843 lebte.


    Der Hölderlinturm, links dahinter die Alte Burse:


    Der Unterste Steinteil ist noch Teil der Befestigung des 13. Jhdt. Alles darüber und das angrenzende Wohnhaus sind 1875 abgebrannt; beides wurde aber einigermaßen getreu rekonstruiert. Hölderlin verbrachte hier in einer idyllischen Umgebung mit beruhigendem Blick auf den Neckar und in die Natur noch 36 Jahre.


    Er schrieb noch fleißig, wovon vieles verloren gegangen ist. Viele der Gedichte sind mit in Unterthänigkeit Scardanelli unterzeichnet. Die Krankheit konnte seinem dichterischen Schaffen aber wenig anhaben. So dass einige auch heute noch behaupten, Hölderlin hätte wie Hamlet den Wahnsinn nur simuliert. Der Hautvertreter Pierre Berteaux macht dafür politische Gründe geltend - eine Art Innere Emigration. Die Mehrheit der Wissenschaftler zählt viele Gegengründe auf.


    Der alte Hölderlin:



    Als einmal Schreinermeister Zimmer einen Stapel Bretter die Treppe hinauftrug und so etwas Ähnliches sagte wie: „0, Herr Hölderlin s‘isch net leicht!“ nahm dieser einen Stift und schrieb auf ein Brett:


    Die Linien des Lebens sind verschieden
    Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
    Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
    Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.


    Zimmer schrieb es ab und schickte es Hölderlins Mutter. Das Brett brauchte er in der Werkstatt - er war ein Schwabe.


    Über zwanzig Jahre lang wurde Hölderlin von Zimmers Tochter Lotte aufopferungsvoll gepflegt.


    Studenten trieben ihren Spaß mit dem hilflosen Mann. Es gab aber auch andere, die sich für den Dichter interessierten und sein Werk bewahrten, Wilhelm Waiblinger, Eduard Mörike, Justinus Kerner, der bei Autenrieth für ihn zuständig gewesen war, Gustav Schwab, der noch zu Lebzeiten des Dichters eine Ausgabe seiner Gedichte herausbrachte.


    Schließlich am 7. Juni 1843 mit 73 Jahren starb Hölderlin und wurde im Tübinger Stadtfriedhof begraben, wo man seine letze Wohnstätte, sein Grab heute noch besuchen kann.



    Die Inschrift auf dem Grabstein ist aus einer Strophe eines seiner frühen Gedichte:


    Im heiligsten der Stürme falle
    Zusammen meine Kerkerwand,
    Und herrlicher und freier walle,
    Mein Geist in’s unbekannte Land!








    Code

    Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,

    Und verstehe die Freiheit,


    Aufzubrechen, wohin er will.


    Hölderlin

  • Auch von mir innigster Dank (so hätte sich vielleicht Hölderlin ausgedrückt) für diese famose Reise durch die Landschaften, die Hölderlins Leben prägten, für die ungemein aufsachlussreichen Texte und die eingestreuten Zeugnisse aus Hölderlins Dichtungen!

  • Auch von mir herzlichsten Dank für diese wunderbare Hölderlin-Hommage, die mir auch die eigenen Studientage in Tübingen wieder so lebendig vor Augen führt.


    Eine Anmerkungen hierzu noch:

    Landseminar des jetzt evangelischen Klosters Denkendorf

    Man macht sich heute glaube ich nicht mehr recht klar, was für eine enorme Rolle diese evangelischen Klosterschulen/Seminare, die ja oft in säkularisierten Zisterzienserklöstern eingerichtet wurden (vielleicht wollte man die jungen Leute nicht in der Stadt haben?) einmal für das deutsche Geistesleben gespielt haben.

    Es sind so viele prägende Gestalten des deutschen Geisteslebens des 17., 18. und frühen 19. Jahrhunderts daraus hervorgegangen:
    Lessing, Gellert, Hölderlin, Schelling, Hegel, Mörike, Hesse, Fichte, Nietzsche, Wilhelm Hauff, Leopold von Ranke, Paul Gerhardt, Johannes Kepler ... Es ist eigentlich unfassbar.
    Eigentlich wäre das auch mal eine Galerie wert.

  • Vielen Dank für das viele Lob.


    Es war für mich die reine Freude, den Strang zu schreiben und zu gestalten.


    Wer sich noch weiter interessiert, dem empfehle ich die Biographie:


    Rüdiger Safranski: Hölderlin Komm! ins Offene, Freund!


    Ich habe daraus und aus der Erinnerung an die Vorlesungen von Friedrich Beißner seinerzeit in Tübingen die meisten Fakten und manche Interpretationen geschöpft.

    Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,

    Und verstehe die Freiheit,


    Aufzubrechen, wohin er will.


    Hölderlin

  • Das Ahnenbild


    Alter Vater! Du blickst immer, wie ehmals, noch,
    Da du gerne gelebt unter den Sterblichen,
    Aber ruhiger nur, und
    Wie die Seligen, heiterer


    In die Wohnung, wo dich, Vater! das Söhnlein nennt,
    Wo es lächelnd vor dir spielt und den Mutwill übt,
    Wie die Lämmer im Feld, auf
    Grünem Teppiche, den zur Lust


    Ihm die Mutter gegönnt. Ferne sich haltend, sieht
    Ihm die Liebende zu, wundert der Sprache sich
    Und des jungen Verstandes
    Und des blühenden Auges schon.


    Vor wenigen Tagen wurde in Lauffen das Hölderlinhaus eröffnet. Ich war gestern dort und möchte den Strang mit dieser wohl allerfrühesten Wohnstatt des Dichters abschließen, nachdem wir ihn bis zum Grab begleitet haben.


    Zuvor möchte ich das neugeschenkte Haus aber noch einbetten in die Umgebung und die Familie, so weit noch weiterer Bezug in Form eines Gebäudes besteht. Es ist das Pfarrhaus in Löchgau, zu dem der Dichter offenbar ein ganz besonderes Verhältnis hatte: Er empfahl es der Mutter als Witwensitz.


    Löchgau ist ein Dorf, etwa zwei Gehstunden von Lauffen entfernt, oberhalb der malerischen Stadt Besigheim gelegen, an deren nördlichem Rand die Enz in den Neckar mündet. Löchgau liegt inmitten einer fruchtbaren Lößlandschaft zu Fuß der ausgedehnten Laubwälder des Strombergs, in denen man wunderbar wandern kann.


    Wenige Kilometer sind es bis Cleebronn, wo der Großvater mütterlicherseits Johann Andreas Heyn Pfarrer war, und nach Frauenzimmern, dem Geburtsort der Mutter. Die Mutter hatte eine Schwester Maria Frederike, Hölderlins Tante. die 1775 Johann Ludwig Majer heiratete, der bis 1817 Pfarrer in Löchgau war.


    Das Pfarrhaus in Löchgau, das Hölderlin mehrfach besuchte.


    Hölderlins Cousin, oder wie man auf schwäbisch sagt, sein Vetter, Johann Friedrich Majer reiste mit dem Dichter Weihnachten 1795 von Löchgau nach Frankfurt und weiter nach Jena, wo Hölderlin dem sechs Jahre jüngeren Hilfe für sein Weiterkommen vermittelt hatte. Schon im November 1793 lässt sich ein Aufenthalt des Dreiundzwanzigjährigen in Löchgau nachweisen.


    Über die Familie seiner Mutter geborene Heyn ist Hölderlin verbunden mit den Nachkommen von Regina Bardili, die, wie im Strang Hornmoldhaus dargestellt, durch die „Folgen“ des von Sebastian Hornmold mit eingeführten Landexamens zur „Urmutter“ der schwäbischen Geistesgrößen geworden ist. Wir erinnern uns:

    Wilhelm Hauff, Friedrich Hegel, Friedrich Hölderlin, Friedrich Schelling, Ludwig Uhland, Justinus Kerner, Eduard Mörike, Hermann Hesse, Dietrich Bonhoeffer, Max Planck, Carl Friedrich von Weizsäcker, Richard von Weizsäcker und noch viele, viele andere Große waren alle miteinander verwandt. Auch die Mutter Goethes lässt sich hier einbinden. Schiller nicht.


    Zum neueröffneten Hölderlinhaus in Lauffen. Wenn auch sehr viel dafür spricht, dass es sich um das Geburtshaus des Dichters handelt, so fehlt doch der sichere Beweis, daher ist das Haus korrekt benannt:

    Das Hölderlinhaus und darin das Hölderlinmuseum, derzeit noch ein wenig Baustelle



    Das Museum ist wohltuend zurückhaltend und sehr informativ und bietet vor allem vielfältige Möglichkeiten und Anreize, sich dem großen Dichter, der hier als Zwei- bis Vierjähriger wohnte, auf anrührende und anregende Weise zu nähern. Ein Besuch ist unbedingt zu empfehlen.


    Wir aber sind hier in einem Architekturforum und blicken auf das Gebäude.


    Das Haus, 1750 vom Großvater des Dichters erbaut, ist in seiner Grundgestalt kaum verändert auf uns gekommen. Wir schreiten hier bildlich durch seine Räume und dürfen in jedem Winkel den noch ganz kleinen Friedrich entdecken, der übrigens bei seiner Liebe zu allen Tieren eine besondere Vorliebe für Eichhörnchen hatte.


    Die ehemalige Durchfahrt zur Scheune:


    Ein riesiger Keller hat dem empfindsamen Jungen vielleicht Angst gemacht

    Die Gitterplatte unten rechts deckt einen Ziehbrunnen.

    Wir sind im Neckarland - Weinbau, eine Quelle des Wohlstands der Familie.


    Die originalen Stiegen


    Zum zweiten Geschoss

    Eine wunderschöne Holzspindeltreppe, den Handlauf hat die Hand des Kleinen gespürt.


    Türe mit Katzenloch, für kleine Buben immer interessant


    Bürgerliche Stuckdecke


    Die anderen Räume, sicher noch im originalen Zuschnitt, einer noch mit Stuckprofilen an der Decke, sind alle Teil des Museums, aber für Fotos nicht spektakulär. Originalmöbel und sonstige Einrichtungen der Zeit werden keine gezeigt: Ziel ist nicht der Lebensstil der Zeit des Dichters, sondern eine Einführung in sein Schaffen und Leben.


    Verwinkelte Dachaufgänge, Gebälk, in Schlaufen hängende alte Stangen zum Trocknen von Kräutern und Säcken, ein richtiger Teppichklopfer, wie es ihn zur Zeit des Dichters zu dessen Glück aber noch nicht gegeben hat - in den Vierzigern des letzten Jahrhunderts wurde ich mit so etwas noch „erzogen“.


    Die Hofseite

    Nett ist die kleine Holzgalerie. Ob sie wohl schon immer zum heimlichen Ort führte?


    An der Stelle der abgegangenen Scheune entsteht ein Veranstaltungsraum, leider viel Beton




    Die du liebend erzogst, siehe sie grünen dir,
    Deine Bäume, wie sonst, breiten ums Haus den Arm
    Voll von dankenden Gaben;
    Sicher stehen die Stämme schon;


    Und am Hügel hinab, wo du den sonnigen
    Boden ihnen gebaut, neigen und schwingen sich
    Deine freudigen Reben,
    Trunken, purpurner Trauben voll.

    Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,

    Und verstehe die Freiheit,


    Aufzubrechen, wohin er will.


    Hölderlin