Städte und Sehenswürdigkeiten - die größten Enttäuschungen

  • Ich halte es wie Franka und lasse mich nicht gern enttäuschen und würde mich auch sehr über den von Neußer vorgeschlagenen Überraschungsstrang freuen. Enttäuscht war ich ein wenig von Acapulco, welches ich 2004 besucht habe (als 2-Tagesausflug von Mexiko Stadt aus). Ich hatte eine mondäne Stadt mit Hollywood-Glanz erwartet und habe eine Stadt bekommen, bei der man nach dem Baden im Meer Ausschlag bekommt von dem Dreck der da jeden Tag ins Meer gespült wird. Und die berühmten Klippenspringer konnten an diesen 2 Tagen auch nicht springen, da die Brandung zu stark war. Auf dem Rückweg sind wir auf der Autobahn in ein Schlagloch gefahren und hatten einen Platten. Nach dem Reifenwechsel mitten im Nirgendwo waren wir von Mücken zerstochen und froh wieder weg zu sein...:anbeten:

  • Merkwürdigerweise hatte mich Danzig nicht bei meinem Besuch erfasst. Ich kann nicht sagen warum, vielleicht muss ich die Stadt nochmal besuchen. Auf Luftbildern bin ich immer begeistert von der Aufbauleistung und kann nicht verstehen, warum mich die Stadt vor Ort nicht umgehauen hat.

    Eine weitere Stadt, die ich enttäuschend fand war Madrid. Ein gewachsenes Häusermeer, aber irgendwie hat ein großer Fluss oder irgendwas in der Stadt gefehlt.

    ...

  • Ich war noch nie in Danzig, aber glaube, dass es mir nicht anders ergehen würde. In Breslau war es bei mir genau dasselbe. Es ist schön, aber irgendwas... Ich denke, diese Städte haben nichts aufzuwarten, was man nicht schon hundertmal von Bildern her kennt. Der Osten ist ziemlich eindimensional. Dazu war die Erwartungshaltung wohl immer zu hoch. Das war auch in Krakau so. Die Stadt ist wirklich tadellos, weiß der Teufel, warum ich mir einfach noch mehr erwartet habe. Vielleicht ist es schon enttäuschend, wenn etwas bloß die Erwartungen erfüllt und nichts Überschießendes aufweist. Wahrscheinlich darf eine wirklich gute Sache einfach nicht so sein, wie man sie sich vorgestellt hat.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Ich finde Lissabon total überbewertet.

    Und der Torre de Belem ist für mich die aller größte Enttäuschung gewesen. Vor allem seiner sterilen Lage wegen.

  • Ich finde Lissabon total überbewertet.

    Und der Torre de Belem ist für mich die aller größte Enttäuschung gewesen. Vor allem seiner sterilen Lage wegen.

    Du bist der erste von dem ich höre, dass Lissabon überbewertet ist. Kann aber gut sein. Ich war leider noch nicht da.

    ...

  • Das ist für mich zunächst überraschend, weil ich von Graz jedesmal sogar überrascht war. Woher kommt das? Vorher zu viel APH-Galerie geschaut, Löbi?

    Ich habe noch einmal nachgedacht und mir kam eine Assoziation mit einem anderen Städtebesuch. Als ich Badeferien auf Mallorca machte habe ich natürlich auch Palma de Mallorca angeschaut. Eine sehr schöne, mediterrane, mittelalterliche Grossstadt. Rund um die gewaltige Kathedrale im Stil der katalanischen Gotik ein extrem dichtes, grosses, enges Gassengewirr. Eine wunderbare Atmosphäre zum Eintauchen. Und ich glaube ich habe die Vorstellung von Palma auf Graz als mitteleuropäisches Pendant projiziert. Ich habe von Graz ähnliches erwartet, natürlich in mitteleuropäischer Ausprägung. Aber das gab es nicht.

    Im Vergleich zur Altstadt von Palma war die Grazer Altstadt mickrig. Als ich vom Hauptplatz Richtung Sackstr. mit seinen wunderbaren Renaissancegebäuden lief und am Ende ankam war da plötzlich finito. Oder die grossartige Sporgasse hinauf zum Karmeliterplatz. Immer wurde es abrupt beendet. Das hat mich innerlich enttäuscht. Dieses Gefühl kam nur kurz auf bei der Bürgergasse hinunter und dann in die Seitengassen. Es soll aber die einzelnen grossen Bauwerke nicht schmälern wie das Landhaus, Rathaus, den Uhrturm, den Arkadenhof des Priesterseminars oder die Wendeltreppe im Gebäude der Landesregierung ebenso wie Schloss Eggenberg.

    Aber man hat es halt schnell gesehen und dann bin ich in den ÖBB-Regio gestiegen und nach Frohnleiten und Marburg (Drau) gefahren. Da wusste ich was mich erwartet. Nach Leoben und Bad Radkersburg hab ichs leider nicht mehr geschafft.

    - Budweis: Natürlich gut erhalten, aber der Altstadt fehlt etwas Großes. Es erscheint eher wie eine große Mittelstadt.

    Budweis ist doch knuffig, genau wie Pilsen. :smile: Sehr schöne Altstadt mit dem Samsonbrunnen und Glockenturm als Dominante. Hat mir sehr gut gefallen.


    Ich hab vorhin im anderen Strang Helsinki als spannendste Stadt Europas bezeichnet. Das absolute Gegenteil war für mich Dublin. Das war architektonisch so langweilig mit Ausnahme des Trinity College. Aber es hat eine tolle Gastro- und Kulturszene als Entschädigung.

    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.

    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.

  • Lissabon hat abseits der touristischen Hauptströme noch einiges zu bieten bezüglich Urbanität und traditionellem Leben. Dem Zentrum hat das letzte Jahrzehnt jedoch nichts Gutes getan. Traditionelle Eckcafes mussten Läden mit Touristenkitsch weichen. Auch wenn inzwischen für Handwerk und Läden mit Tradition ein Mietendeckel gilt, muss man inzwischen sehr weit nach außen fahren.

    Zu den Städten mit sehr hohem Enttäuschungspotential zählen für mich Magdeburg und Kaliningrad. Trotz der massiven Kriegszerstörungen wurden diese Städte durch die ideologisch geprägte Abrisswut (sämtliche Kirchen, außer den beiden Domen) und die sozialistischen Magistralen der Rest gegeben. Trotz stark unterschiedlicher politischer Strukturen, hier deutsch dort russisch, kommen in beiden Städten Maßnahmen zur Stadtreparatur wie der Wiederaufbau von St. Ulrich in Magdeburg oder das Projekt Altstadt in Kaliningrad nur sehr schwer oder gar nicht in Gang.

  • Mulhouse/Mülhausen ist verglichen mit anderen Städten im Elsass enttäuschend, es gibt eine sehr kleine Altstadt, die nicht einmal besonders gut erhalten ist, die monumentalen Gründerzeitviertel fehlen, andererseits wirkt die Stadt bestenfalls am Europaturm wie eine moderne Metropole.

    Der Rest besteht aus Arbeitersiedlungen und Industrie. Überhaupt hatte mich mir von der Region mehr erwartet, Lörrach und Weil am Rhein sind belanglose Industriestädte, Basel ist außerhalb der vergleichsweise kleinen Altstadt auch ziemlich unschön, da hätte ich mir viel mehr erwartet.

  • Ich war im Sommer 2016 in Wesel, hauptsächlich um die rekonstruierte Rathausfassade zu begutachten... Empfangen wurde ich schon von einem quasi nicht existenten Bahnhof. Bahnsteig wohl Baustelle, im rohen Zustand mit Unkraut überwuchert und ohne Dächer (es regnete). Durch die Bilder von 1945aus den Geschichtsbüchern - mit der 98%igen Zerstörung des Stadtkerns - hatte ich natürlich Befürchtungen ob der architektonischen Qualitäten, die ich zu erwarten hatte... die wurden auch voll und ganz bestätigt. Ich habe aber zudem auf dem Weg zum Marktplatz eine nahezu verlassene Fußgängerzone durchquert, Geschäfte waren an einem Samstagnachmittag fast alle geschlossen (wann ist denn dann dort mal etwas los?). Willibrordikirche und die rekonstruierte Rathausfassade am Markt sind da wirklich die einzigen Lichtblicke, letztere hat m. E. die Stadt architektonisch um 50% aufgewertet.

    Als dritten Anlaufpunkt bewegte ich mich noch in Richtung der Zitadelle, durch vorstadtartige Wohnviertel, teilweise ungepflegt, Gehsteige mit Stolperfallen. Die Zitadelle - Insgesamt eine imposante Anlage, die eine Preußische Festung des 18. - 20. Jahunderts gut vermittelt. Das dazugehörige Museum war aber - wohl schon längere Zeit - geschlossen, Bauarbeiten, eine wohl schon länger nicht mehr aktive Baustelle, Wiedereröffnungsdatum lt. Schildern schon lange überschritten... Außer den üblichen Infotafeln keine geöffnete Touristeninformation oder Gastronomie (wie gesagt, Samstag Nachmittag...). Was mir völlig entgagen ist, dass der Rhein wenige hundert Meter hinter der Zitadelle verläuft - Der Blick von dort ging abschreckend auf belebte Schnellstraßen und ein Gewerbegebiet, kein gestalterischer Hinweis auf die Naherholungsmöglichkeiten ( ?) am Rhein... Auf dem Weg zurück zum Bahnhof mittlerweile hungrig, habe ich dann auch nichts passables gefunden (Hätte mich ja mit Döner oder Pizza begnügt), selbst der McD.. im Bahnhof hatte geschlossen. Dann also hungrig weiter nach Köln...

    Auf den Zug wartend hörte ich dann allerdings um 18 Uhr aus der Ferne ein schönes, recht wuchtiges Glockengeläut (spätere Recherchen ergaben, dass die Glocken der Willibrordikirche aus dem 19. Jahrhundert während der Zerstörung der Stadt bereits beschlagnahmt und ausgebaut waren, so dass sie als Klangdenkmal der Stadt überlebt hatten.)

    Fazit: Willibrordikirche und Rathausfassade sind sehenswerete Einzelbauwerke - vor deren Wiederaufbauleistung ich Hochachtung habe - , in der Zitadelle fühlte ich mich als interessierter Besucher alleine gelassen, möglicherweise vorhandene Spazierwege am Rhein waren von mir von der Innenstadt aus nicht offensichtlich auffindbar, die Innenstadt war - gemessen an ihrer Größe - so tot, wie ich es an einem Samstagnachmittag (außerhalb der jetzigen Pandemie...) niemals erlebt habe. Die Nähe von Oberhausen und Rhein-Ruhr insgesamt scheint da alles abzusaugen.

    Bezeichnenderweise erzählte mir später ein Bekannter, der in der Nähe von Wesel aufgewachsen ist (ca. 15 km), dass er von der Stadt nur den Busbahnhof kenne, an dem er auf dem Weg zu seiner Berufsschule immer umsteigen musste...

    Wer zwischen Steinen baut, sollte nicht (mit) Glashäuser(n) (ent)werfen...

  • Löbi: Der Vergleich bzw die Erwartungshaltung mit Palma dM kommt mir eher weithergeholt vor. Warum nahmst du keine Schweizer Stadt zum imaginären Vorbild? Eine südlich verwinkelte Altstadt findest du auch nicht in Deutschland.

    Hier eine besonders herbe Enttäuschung: Fulda

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Löbi: Der Vergleich bzw die Erwartungshaltung mit Palma dM kommt mir eher weithergeholt vor. Warum nahmst du keine Schweizer Stadt zum imaginären Vorbild? Eine südlich verwinkelte Altstadt findest du auch nicht in Deutschland.

    Hier eine besonders herbe Enttäuschung: Fulda

    Regensburg ist doch verwinkelt?

  • Warum nahmst du keine Schweizer Stadt zum imaginären Vorbild? Eine südlich verwinkelte Altstadt findest du auch nicht in Deutschland.

    Einspruch euer Ehren. Bamberg empfand ich als sehr verwinkelt. Viele kleine Gassen und Gässchen, eine wunderschöne Stadt.

    Vergleiche sind immer schwierig aber ich glaube ein Vergleich mit Zürich ist möglich (Einwohnerzahl, Fläche). Und da muss ich sagen schneidet Graz schlechter ab. Zürichs Altstadt zwischen St. Peter und Hirschengraben ist sehr romantisch, mit vielen Windungen und Winkeln. So etwas gibt es in Graz schlicht nicht. Auch die (reformierten) Stadtkirchen Zürichs empfinde ich als architektonisch gelungener als die Grazer Pendants. Den von dir angesprochenen Dom fand ich sehr dürftig. Aber dafür steht mit der Heilig Geist Kirche eine der schönsten Gründerzeitkirchen Europas in Graz.

    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.

    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.

  • Ja, Goslar oder Bamberg auch. Aber eben nicht südlich verwinkelt. Eine südliche Altstadt ist ganz was anderes, viel enger, dunkler und winkeliger.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Darf man das hier schreiben? Florenz hat mich bei meinem ersten Besuch (mit Anfang zwanzig) enttäuscht. Ich hatte vorher Verona und Siena besucht und erwartete wohl etwas ähnlich Pittoreskes. Stattdessen bekam ich einen großen, dunklen Steinhaufen ohne - gefühlt - einen einzigen Baum oder Strauch, durch den sich die Massen quetschten. Mit Regensburg ging es mir später (ohne die Massen) ähnlich.

    Inzwischen sehe ich das natürlich anders. Florenz gehört für mich zu den Städten, die man mehrmals besuchen muss, um sie "schön" zu finden. Ohne eine gewisse Erfahrung und Bildung ("Man sieht nur, was man weiß") sagen einem solche Orte ohnehin nichts. Ich verstehe bis heute nicht, warum die Stadt ein Hotspot des internationalen Tourismus ist.

  • Mich persönlich hat Neapel ziemlich enttäuscht.An sich ist es zwar echt eine tolle Stadt,allerdings ist es nicht zu vergleichen mit anderen italienischen Städten. Es gibt zwar ein paar wunderbare Straßen in der Altsadt,aber viele Teile des Stadtkernes errinern doch eher an Vororte,als an eine viele hundert Jahre Jahre alte Stadt. Es kommt zudem noch hinzu, dass sehr viele der Gebäude in einem recht desolaten Zustand sind.

    Ein guter Kollege von mir ist Neapolitaner. Napoli ist für Aussenstehende schwer zu greifen und zu verstehen. Neapolitaner sein ist eine Haltung, eine Lebensform. Die Stadt ist nicht für Touristen gemacht, sie ist chaotisch, schmutzig und heruntergekommen. Mailand, Rom oder Turin sind weit weg und eine andere Welt. Nein, Napoli das ist das pure Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, wo gestritten, gefeiert und gelacht wird zwischen Vesuv, Maradona Reliquien und Pizza-Backstuben. Und deswegen einzigartig.

    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.

    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.

  • Löbenichter: Gegenüber einem Wiener musst du mit Vergleichen im Zusammenhang mit Zürich sehr vorsichtig sein. Wir habe da nämlich eigene Ansichten über diese sicherlich schöne Stadt:

    Quote from Weana Spruch üba Zürich
    doppelt so groß wie der Zentralfriedhof, dafür aber nur halb so lustig.

    Bamberg ist schon verwinkelt, aber einfach nicht südlich.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Sehr interessante Rubrik, komisch dass wir dies in 15 Jahren APH erst jetzt einmal diskutieren.

    Ich bin die letzten drei Jahre extrem viel rumgekommen, da gibt es viel Positives, aber auch sicher die ein oder andere Enttäuschung, auch wenn ich dies nicht negativ verstanden wissen will. Nur wer auch kleine Enttäuschungen erlebt, weiß die Großartigkeit von anderen Dingen erst zu schätzen, denn niemand würde die Qualität des Lichtes zu schätzen wissen, wenn er nicht weiß, was Dunkelheit ist. Außerdem habe ich jeder Stadt oder jedem Ort auch etwas Positives abgewinnen können. Somit klingt Enttäuschung vielleicht etwas härter, als es gemeint ist.

    Hier mal eine kleine Zusammenstellung meiner Orte, von denen ich mir vorher mehr erwartet hatte, wobei das Problem vermutlich mehr in den Erwartungen lag als an der Qualität mancher Orte.

    1. Straßburg: Dies mag den ein oder anderen verwundern, weil objektiv gesehen ist Straßburg eine tolle Stadt. Optisch vielleicht die deutscheste Großstadt, die es heute real noch so geschlossen gibt, vom Fachwerk bis hin zu den großen Gründrzeitquartieren ist es eine Reise durch die Architekturgeschichte. Aber ein Großteil des Charmes geht leider durch die Massen an Touristen verloren, die einen Besuch, gerade im Sommer, zu einer teils furchtbaren Zumutung werden lässt. Auch fehlte mir irgendwie das Herausragende. Petite France war ganz okay, aber der Rest war nichts, was mir irgendwie im Gedächtnis geblieben wäre, anders als z.B. Nancy, was traumhaft schön war.

    2. Amsterdam: viele mögen die Kanäle, die gut erhaltene Altstadt und das Flair der Stadt, ich fand die Stadt nach 5 Stunden eher langweilig. Man geht von einem Kanal zum nächsten, aber nach 2 Stunden sieht alles irgendwie gleich nett aus. Man merkt in Amsterdam, ähnlich wie in Leipzig, dass der Adel woanders regierte. Es fehlt die große Kathedrale, das Schloss, all das was Dresden im Vergleich zu Leipzig hat fehlt leider auch Amsterdam irgendwie.

    3. Arles: vielleicht die größte Enttäuschung auf meiner großen Frankreichrundreise. Die Stadt wirkt völlig heruntergekommen, seit der Verleihung des Unesco-Welterbetitels scheint hier nichts mehr investiert worden zu sein, die historischen Stätten fristen ein desolates Dasein. Auch im Vergleich zu Orange ein echtes Trauerspiel.

    4. Hildesheim: vielleicht bisher der größte Schock beim Besuch einer deutschen Mittelstadt. Während mich Braunschweig extrem positiv überrascht hatte, muss man festhalten, dass von Hildesheim so gut wie nichts übrig ist. Und das auf einer immens großen Fläche. Man unterschätzt, wie groß das historische Hildesheim mal war. Während in Wesel einfach alles schlimm ist, wird einem in Hildesheim durch die Rekonstruktion des Marktplatzes erst klar, was hier verloren gegangen ist.

    APH - am Puls der Zeit

  • Magdeburg - Es ist allgemein bekannt, dass Magdeburg zur DDR gehörte. Plattenbauten und geänderte Straßenverläufe können da nicht wirklich überraschen. Das Thema ist hier ja "Ent-Täuschung". Niemand hat behauptet, dass Magdeburg besonders schön ist. Ich habe einen DDR-Reiseführer, in dem steht ausdrücklich drin, dass dies nicht der Fall ist.

    Straßburg - Das Herausragende fehlt? Nichts, was im Gedächtnis geblieben wäre? Gab es da nicht mal ein Münster?

    Amsterdam - Es fehlt das Schloss? Mich hat es überrascht. Paleis op de Dam. Ein paar alte Kirchen gibt es auch noch. Von der Atmosphäre haben mir die kleineren holländischen Städte besser gefallen. Stoff für mehr als fünf Stunden bietet Amsterdam freilich allemal.

    Arles - Ich muss zugeben, jetzt bin ich ratlos. Saint-Trophime, dazu eine geschlossene Altstadt mit eingestreuten Römerbauten und südländischem Flair. Was will man mehr?

    Hildesheim - Wer wie ich an Magdeburg gewöhnt ist, kann auch einen Besuch in Hildesheim genießen. Herausragende Kirchen und ein schöner Marktplatz. Man kann es sich nicht aussuchen. Die Michaeliskirche steht nun mal in Hildesheim und nirgendwo sonst, der Magdeburger Dom in Magdeburg und der Halberstädter in Halberstadt. Auch wenn der Krieg den Altstädten übel mitgespielt hat. Ich bin froh, dass wenigstens diese wichtigsten Baudenkmale erhalten blieben und gepflegt werden. Sie machen einen Besuch für mich zu einem großen Erlebnis.

    Ich glaube, ich bin nicht besonders begabt darin, von einer Stadt enttäuscht zu sein. Ich suche einfach überall das Schöne und Interessante und konzentriere mich dann darauf.

  • Die meisten schreiben hier ja von ganzen Städten, die sie enttäuscht haben, da ich noch nicht so viel herumgekommen bin, beschränke ich mich auf ein Einzeldenkmal.

    Als ich mir das erste Mal Frankfurt angesehen habe, hatte ich gar keine großen Erwartungen bezüglich der Gesamtsituation, ich war nur auf zwei Dinge gespannt: Die neue Altstadt (war damals noch Baustelle) und die Paulskirche. Ersteres hat mich übrigens nicht enttäuscht (war damals auch noch nicht so viel zu sehen und der zweite Besuch letztes Jahr hat mich sogar positiv überrascht.) Aber nun zur Paulskirche:

    Als wichtiger Ort, wo deutsche Geschichte geschrieben wurde, wenn auch mit vorerst missglücktem Ergebnis, aber doch mit entscheidender Bedeutung für auch unser heutiges politisches System - ich wollte unbedingt wissen, wie dieser Ort aussah.

    Nun ja, ich wurde wirklich herbe enttäuscht. Das Äußere zu schlicht und unbedeutend, um prägend zu wirken und das Innere eine fürchterliche Betonkonstruktion mit Ausstattung aus der Nachkriegszeit. Nicht einmal der damalige Raum lässt sich noch erleben, stattdessen empfängt einen ein Fake-Parlament in einem ahistorischen ersten Stockwerk, was so tut, als würde es den historischen Ort repräsentieren. Noch mehr ärgerte ich mich, als ich beobachtete, wie eine junge Frau einer offenbar ausländischen Besucherin erklärte, dass dies ein ganz besonderer Ort der deutschen Geschichte sei. Ich stellte mir vor, wie hunderten unbedachten Besuchern jeden Tag suggeriert wird, das Paulskirchenparlament habe in einem ärmlichen 50er-Jahre-Saal mit Flachdach und bedrückendem Bunker-Betonkeller stattgefunden.

    Nein, die Paulskirche hat mir gar nicht gefallen, was mir auch sehr Leid getan hat, weil sie für mich eigentlich ein sehr positiver Ort unserer Geschichte ist, von denen wir heutzutage viel zu wenig in unserem Bewusstsein haben.

    Umso enttäuschter war ich natürlich, als ich von den Renovierungsplänen hörte und davon, dass es offenbar niemanden (auch hier im Verein nicht) gibt, der sich für eine historisch korrekte Paulskirche einsetzt.