Juwelenraub aus dem Grünen Gewölbe

  • Der MDR berichtet über die polnische Dimension des Juwelenraubs von Dresden. Klick. Ich hatte anlässlich der Eröffnung der Paraderäume im Dresdner Schloss vor einiger Zeit im Schloss-Strang einen Beitrag über die immense Bedeutung von Teilen der Dresdner Sammlungen für die polnische Kultur- und Staatsgeschichte gebracht. Der polnische Aspekt des augusteischen Zeitalters wird deutscherseits oft vernachlässigt. Sächsische Politiker sagten, dass mit dem Einbruch alle Sachsen bestohlen wurden. Die Kunsthistorikerin Danuta Szewczyk-Prokurat wertet den Raub aber auch als Angriff auf das polnische historische Erbe. Sie ist Kuratorin der Schmucksammlung des Warschauer Königsschlosses. Das Foto im MDR-Beitrag zeigt sie übrigens im Mai 2019 anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung mit Schmuck der Wasa-Zeit in Warschau. Diese Sonderausstellung soll eine der bestbewachten der polnischen Geschichte sein und zeigt viele Objekte, die sonst in Tresoren liegen und nur sehr selten ausgestellt werden. Bei wertvollem Schmuck ist der Sicherheitsaufwand immer besonders groß. Anlässlich der Hundertjahrfeier der Unabhängigkeit Polens und Litauens 2018 gab es in Warschau und in Vilnius Ausstellungen mit bedeutenden Leihgaben aus Dresden.


    Ganz konkret betroffen ist Polen durch den Verlust von Stücken des Weißen Adlerordens. Ich möchte im Folgenden auf die Bedeutung dieses Ordens, seine Trageweise und wichtige Stücke näher eingehen.


    Der Polnische Weiße Adlerorden - Order Orła Białego - ist seit seiner Begründung 1705 durch August den Starken der höchste Orden des polnischen Staates und gilt als ein Symbol polnischer Souveränität. Er erlosch 1795, als mit der dritten Teilung Polens dieser Staat von der Landkarte verschwand. Mit der Errichtung des Herzogtums Warschau wurde der Orden 1807 erneuert. Herzog von Warschau und somit Großmeister des Ordens war König Friedrich August der Gerechte von Sachsen. Diese Periode des Adlerordens dauerte bis 1831, denn nach dem Wiener Kongress war das Königreich Polen ("Kongresspolen") zunächst nur in Personalunion mit dem Russischen Reich verbunden. Nach der Niederschlagung des polnischen Aufstandes wurde der Orden aber durch den Imperator Nikolaus II. in einen kaiserlichen Orden umgewandelt und soweit verändert, dass er nach polnischer Auffassung nicht in der Kontinuität des Polnischen Adlerordens steht. Dieser russische Orden erlosch mit der Abdankung des Zaren 1917. Nach der Erlangung der Unabhängigkeit Polens 1918 wurde der Adlerorden im Jahre 1921 wiederbegründet und bis 1939 verliehen. In kommunistischer Zeit wurde der Orden mit Rücksicht auf noch lebende Ordensträger zwar in der Liste der staatlichen Auszeichnungen geführt, aber nicht mehr vergeben. 1992 wurde der Weiße Adlerorden wiederbegründet. Großmeister ist jeweils der Präsident der Republik. Der Orden sieht im Wesentlichen heute noch so aus wie im 18. Jahrhundert. Natürlich sind die späteren Ausführungen nicht so prunkvoll wie die im Grünen Gewölbe verwahrten Stücke. Zum Zeichen dafür, dass der Adlerorden lebt, hier zwei Fotos aus neuerer Zeit:


    Der Kardiochirurg Zbigniew Religa als Träger des Weißen Adlerordens, links hinter ihm Präsident Lech Kaczyński und seine Gattin (in Rot), die 2010 beim Flugzeugabsturz von Smolensk ums Leben kamen
    (Foto: Kanzlei des Präsidenten der Republik Polen, 18. Dezember 2008, GFDL-1.2)


    Zum Orden gehört der Bruststern, der links getragen wird, das blaue Ordensband und das daran befestigte Kleinod.


    Der Onkologe Mieczysław Chorąży auf einem Empfang zum Nationalfeiertag am 3. Mai 2017 im polnischen Sejm, im Hintergrund Präsident Andrzej Duda

    (Foto: Sejm RP, Paweł Kula, CC-BY-2.0)


    Auf diesem Foto ist der Bruststern gut zu sehen. Auffälligstes Zeichen des Adlerordens ist das blaue Ordensband. Wir finden es auf zahlreichen Bildnissen hoher Adliger des 18. Jahrhunderts.


    August der Starke, von einem unbekannten Maler, Rudolstadt, Schloss Heidecksburg


    Auf diesem Bildnis Augusts des Starken ist das Kleinod des Weißen Adlerordens, am blauen Bande hängend, besonders gut zu erkennen. Das Brustkreuz des Adlerordens wurde auf den Rock gestickt. Mittig auf der Brust trägt August einen Orden vom Goldenen Vlies. In den Juwelengarnituren des Grünen Gewölbes gibt es mehrere kostbare Exemplare dieses Ordens, der das Bündnis mit dem Kaiserhaus symbolisiert. Sie waren von dem Diebstahl nicht betroffen. Der Orden vom Goldenen Vlies und der Weiße Adlerorden sind auf den meisten Bildnissen des Königs dargestellt.


    Kurfürst Friedrich August der Gerechte von Sachsen, Gemälde von Anton Graff, 1795, Dresden, Gemäldegalerie Alte Meister


    Auch Friedrich August der Gerechte trug den Adlerorden. Man beachte zudem den Degen, die Knöpfe sowie am rechten Bein die Knieschnalle und die Schuhschnalle. Ob hier Stücke einer Juwelengarnitur dargestellt sind, ist auf der Abbildung nicht zu erkennen. Aber möglich wäre es. Die Mehrzahl der gestohlenen Schmuckstücke wurde in seiner Regierungszeit unter Verwendung älterer Edelsteine angefertigt. Das Portrait vermittelt einen Eindruck, wie die Stücke einer Juwelengarnitur getragen wurden.


    Anlässlich des Jubiläums der polnischen Unabhängigkeit fand vom 9. November 2018 bis zum 3. Februar 2019 in Łazienki Królewskie, einem Schloss- und Parkensemble in Warschau, die Ausstellung "Glanz der Orden" statt. Die kostbarsten Leihgaben kamen aus Dresden: Bruststern und Kleinod des Adlerordens aus der Diamantrosengarnitur und aus der Rubingarnitur sowie der Degen der Rubingarnitur. Der Degen ist ein unverzichtbares Accessoire der höfischen Tracht. Deswegen finden wir in den Juwelengarnituren mehrere Degen. Gestohlen wurde der Degen der Diamantrosengarnitur. Der sehr ähnliche Degen der Brillantgarnitur blieb erhalten. Hier ein Blick in die Warschauer Ausstellung. Die beiden Orden und der Degen werden flankiert von Reproduktionen bekannter Bildnisse Augusts des Starken (rechts) und "Augusts des Sachsen" (wie sein Sohn in Polen genannt wird). Der Trailer zur Ausstellung zeigt zunächst verschiedene polnische Orden aus jüngerer Zeit, ab Sekunde 21 das Kleinod des Adlerordens aus der Diamantrosengarnitur, das gestohlen wurde, ab Sekunde 23 den Bruststern aus der Rubingarnitur, der in Dresden weiterhin vorhanden ist, ab Sekunde 25 den Bruststern aus der Diamantrosengarnitur, der sich "abgestürzt" erhalten hat, wie Dirk Syndram sagte.


    Hier noch Bilder, der in der Warschauer Ausstellung gezeigten Orden:


    Bruststern des Adlerordens aus der Diamantrosengarnitur (Foto: Maciej Szczepańczyk, 28. November 2018, CC-BY-SA-4.0)


    Der Bruststern blieb erhalten, muss aber restauriert werden. O-Ton Syndram: "Da müssen wir sehen, wie weit er verbeult ist."


    Kleinod des Weißen Adlerordens, fotografiert am 25. November 2018 in der Ausstellung "Glanz der Orden" in Łazienki Królewskie, Warschau

    (Foto: Аимаина хикари, CC0).


    Dieses Kleinod war bis zum 3. Februar 2019 in Warschau zu sehen und wurde am 25. November 2019 in Dresden gestohlen.


    Bruststern aus der Rubingarnitur, fotografiert am 25. November 2018 in der Ausstellung "Glanz der Orden" in Łazienki Królewskie, Warschau

    (Foto: Аимаина хикари, CC0)


    Kleinod des Adlerordens aus der Rubingarnitur, fotografiert am 25. November 2018 in der Ausstellung "Glanz der Orden" in Łazienki Królewskie, Warschau

    (Foto: Аимаина хикари, CC0)


    Der Adlerorden aus der Rubingarnitur ist die schönste materialisierte Form dieses Ordens. Weiß und Rot sind die polnischen Farben. Der Stern wurde in Dresden vor 1733 gefertigt, das Kleinod im Jahre 1744 von dem Dresdner Juwelier Jordan. Die Rubingarnitur ist zum Glück nicht von dem Raub betroffen.


    Gestohlen wurde am Montag der Bruststern aus der Brillantgarnitur, der seinerzeit nicht in Warschau gezeigt worden war.


    Bruststern des Weißen Adlerordens aus der Brillantgarnitur, Foto: Jürgen Karpinski, Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, gestohlen am 25. November 2019

  • Danke Rastrelli, August der Starke war ja für die Polen ein Ausländer. Ich habe gerade seine Lebensgeschichte quer gelesen. Sehr spannend.

  • Heimdall: Ich meinte das eigentlich andersherum: Im Auktionshandel sind viele Objekte unterwegs, die eigentlich in ein Museum gehören, und manchmal auch umgekehrt. Während man im Auktionshaus das Zeug anfassen, drehen, benutzen kann, sind sie im Museum weggeschlossen. Das allein ist ja ok, aber wenn Gemälde hinter Panzerglas ausgestellt werden und man sie vor Abstand, Reflexionen und Fettfingern gar nicht mehr genießen kann, oder Objekte ganz in einem Depot verschwinden um durch Replikate oder Simulationen ersetzt zu werden ist das genau das andere Extrem. Welches ist das bessere?

  • Darauf kann ich Dir keine Antwort geben. Das ist von Ort zu Ort und von Objekt zu Objekt zu entscheiden. Es betrifft ja vor allem die größeren, bedeutenden Museen, die auch einen Anziehungspunkt für Touristenmassen darstellen. Ich bin meist in Museen, in die sich kaum jemand verirrt. Dann schlendere ich fast allein durch die Hallen, habe kein Problem mit großen Abständen zu den Exponaten, mit Reflexionen und Fettfingern.
    Die Frage könnte also vielmehr lauten: Wie machen wir Museums-Hotspots fit für den Ansturm von (Touristen-)Besuchermassen?
    Kommen die Besucher auch in ausreichendem Maß, wenn sie wissen, dass die Exponate nur Fake/Replika sind? Sind die Besucher durch Panzerglas, Abstände und Massengeschiebe irgendwann abgeschreckt?... Da hilft nur die Analyse vor Ort...

  • Wenn man annimmt, dass von bestimmten Exponaten eine magische Ausstrahlung ausgeht, so möchte man selbstverständlich das Original sehen. So war es mit der heiligen Lanze, ohne dass ich dabei etwas spürte. Das Problem ist aber, dass manche Exponate sich erst im nachhinein als Fälschung entpuppten. Manche Bilder und zeitweise gab es sogar Zweifel an der Büste der Nofretete. Ich glaube, dass die Besucher trotzdem kommen, wenn die absolute Mehrheit der Ausstellungsstücke Originale sind. Allein der herausragende optische Eindruck der Dresdener Kunstwerke kann auch durch Nachbildungen erzielt werden, denn er wirkt schon auf dem Foto. Lieber ein in Griffweite angeordnetes Duplikat, als ein auf Abstand unter mehrfachem Sicherheitsglas kaum noch deutlich sichtbares Original. Besonders bedrückend fand ich zum Beispiel das winzige Fenster, welches einen Blick auf die Mumie des Ötzi erlaubt. Obwohl technisch nicht anders machbar.

  • Kommen die Besucher auch in ausreichendem Maß, wenn sie wissen, dass die Exponate nur Fake/Replika sind?

    Es gibt ja einige tourende Massenausstellungen wie etwa die zur Terrakotta-Armee oder eine rund um Leonardo da Vinci, die nur aus Fakes bestehen und trotzdem recht gut laufen. Der breiten Masse scheint es also bei manchen Themen eher egal zu sein, wobei das nicht der Maßstab sollte, denke ich. Oder sie wissen es nicht.


    Wenn mir Kopien begegnen wie zuletzt in der Ausstellung auf der Nürnberger Burg, dann stellt sich immer ein Gefühl der Enttäuschung ein und ich verliere das Interesse an den Objekten.

    Besonders bedrückend fand ich zum Beispiel das winzige Fenster, welches einen Blick auf die Mumie des Ötzi erlaubt. Obwohl technisch nicht anders machbar.

    Man merkt, wie subjektiv und vielfältig die Wahrnehmungen sind: für mich war gerade das sehr reizvoll, weil es die wissenschaftliche Seite des Museums offenlegte und ins Bewusstsein rückte. Denn der Ötzi muss für Untersuchungen fast nicht bewegt werden - und so wird die Präsentation aus meiner Sicht schon Allen gerecht. Aber ich muss auch zugeben, dass es ein wenig wie der Blick in eine Leichenhalle wirkt und dem Kühlraum ein wenig Würde bzw. Respekt vor dem Toten fehlt.

  • Der in den Juwelengarnituren bewahrte Schmuck für den Herrn ist politischer Schmuck. Er dient dazu - vom Herrscher getragen - Haus- und Staatsmacht zu repräsentieren. Ganz anders verhält es sich mit dem Schmuck für die Dame. Hier geht es darum, die Schönheit der Frau zu inszenieren sowie den herausgehobenen Rang der Königin unter den anderen Damen des Hofes zu unterstreichen. Jede Kurfürstin oder Königin legte wert darauf, zeitgemäßen Schmuck zu tragen, und so wurden Schmuckstücke immer wieder umgearbeitet. Die wertvollen Materialien wurden "recycelt". Der Schmuck der Kurfürstin oder Königin war ihre Privatsache. Nur ganz wenige Schmuckstücke, die einst von Frauen getragen wurden, fanden Eingang in die Schatzkammer. Das mag auch daran gelegen haben, dass die fürstlichen Sammlungen die Sammlungen des Fürsten waren. So ist der Damenschmuck in den Juwelengarnituren eine Randerscheinung und besteht überwiegend aus relativ neuen Stücken. Das folgende Bildnis der Königin Maria Anna mag uns einen Eindruck vermitteln, wie solcher Schmuck getragen wurde.


    Maria Anna von Bayern (1805-1877), Königin von Sachsen (1836-1854), Lithografie von Franz Hanfstaengl (1842) nach einem Gemälde von Joseph Karl Stieler


    Perlenketten waren zu ihrer Zeit äußerst beliebt. Die beiden in der Brillant-Perlen-Garnitur aufbewahrten Perlenketten blieben erhalten. Auf dem Bildnis trägt Maria Anna aber wohl andere Perlen. Auch das Haar hat sie mit Perlen geschmückt. Das war in früheren Jahrhunderten sehr beliebt, ebenso wie Haarnadeln mit Diamanten. Ein großer Teil des Damenschmucks der Brillant-Perlen-Garnitur ist für das Haar bestimmt. Aus der Gruppe dieser Schmuckstücke wurde eine Brillantaigrette in Form einer Sonne gestohlen.


    Aigrette für das Haar in Form einer Sonne, 1782-1807, Foto: Jürgen Karpinski, Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden


    Gestohlen wurde auch eine Brustschleife der Amalie Auguste von Bayern, die Maria Annas Schwester war und ihr als Königin von Sachsen nachfolgte. An der Stelle des Kleides, wo die Brustschleife hingehört, trägt Maria Anna auf dem Bild einen Perlenschmuck.


    Große Brustschleife, 1782, Foto: Jürgen Karpinski, Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden


    Gestohlen wurden vom Schmuck der Königinnen zudem Teile eines Brillantkolliers der Amalie Auguste und das Teilstück eines Muffhakens aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.


    Brillantkollier, Dresden 1824, in Teilen erhalten, Foto: Jürgen Karpinski, Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden


    Teilstück eines Muffhakens, 1746-1749, Foto: Jürgen Karpinski, Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden

  • Ich denke dass für viele die Frage nicht wirklich wichtig ist, ob man Originale oder recht überzeugende Replikate präsentiert bekommt. Viele Menschen wollen einfach das mal sehen, worüber "alle sprechen". So denke ich auch, dass es sinnvoll wäre Replikate von den gestohlenen Juwelen in Dresden anzufertigen und auszustellen. Die Leute wollen bestimmt sehen, was da gestohlen wurde. Wie hat das ausgesehen wovon die Presse schrieb, das sei Millarden wert? Im Einzelnen kann man das sicher auch ausprobieren.


    In Nürnberg zumindest sind Replikate und Kopien verpönt, was ich ziemlich paradox finde, weil die Altstadt weitgehend aus Kopien besteht. Die Reichskleinodien z.B. sind nach München verbracht worden, in Nürnberg kann man nur Kopien davon anschauen im Fembohaus. Die finde ich aber recht gelungen. Interessant ist sicherlich auch die Korrelation zwischen Nahbarkeit und Authentizität. Je näher ich an ein Kunstwerk heran kann, desto mehr Details kann man sehen und es wird dann natürlich immer wichtiger, wie aufwändig, detailgetreu und überzeugend eine Kopie ist. Ich persönlich habe keine Probleme mit Kopien, wenn sie an das Original heranreichen. Denn es gibt auch heute sehr wohl fähige Kunsthandwerker, die in der Lage sind ein historisches Objekt in allen Details nachzumachen. In meinen Augen ist das auch eine Kunst - ich weiß, dass das in der Welt der Kunsthistoriker sehr umstritten ist. Das hat dann wohl aber mehr mit Substanzverliebtheit, Forschungsdrang, der Angst, getäuscht zu werden und sicherlich auch mit dem Wert eines Unikats zu tun. Wer Kunst mehr als Wertanlage sieht kann von Kopien freilich nichts halten.

  • Ein plastisches Beispiel zur Frage "Kopie und Original" wäre das Sebalder Chörlein. Das Original befindet sich im Germanischen Nationalmuseum, etwas gedrungen in einer dunklen Halle und so stark verwittert wie es war, als man es abbaute. An der ursprünglichen Stelle steht seit über 100 Jahren eine Kopie aus robusterem Material, das wiederum selbst kürzlich erst saniert wurde. Welches davon ist einem persönlich lieber, welches ist wichtiger, bedeutender, unverzichtbar? Wenn man sich jetzt noch vorstellt, das Original wäre in Einzelteilen irgendwo eingelagert, wäre die Frage zumindest für mich sehr einfach.

  • Wobei auch das "neue" Chörlein ja mittlerweile eine historische Aura besitzt. Es dürfte immerhin wohl aus dem 19. Jahrhundert stammen, zumindest aus dem Kaiserreich. Damit ist längst auch eine eigene Geschichte entstanden.


    Bezüglich der Kopien bitte ich zu bedenken, dass sich dann die Frage stellt, was mit den Originalen geschehen soll. Sollen sie verkauft werden oder in einem Tresor/Archiv gelagert werden? Im ersten Fall bringen sie Geld in die öffentlichen Kassen, sind aber der Allgemeinheit entzogen. Im zweiten Fall stellt sich zum Einen die Frage nach dem Zweck der Aufbewahrung, wenn niemand sie zu sehen bekommt. Finanzrücklage? Erhalt für spätere Generationen (,die dann wieder neu überlegen können, wie sie mit den Exponaten umgehen sollen)? Zum Anderen sind sie auch in einem Archiv nicht 100%-ig Diebstahl-sicher. Es gab in der Vergangenheit ja auch Einbrüche in Banktresore. Auch Kriminelle können technisch aufrüsten. Es wäre also auch möglich, dass die Diebe dann nicht in die Ausstellungshalle, sondern in das Archiv einbrechen. Z.B., wenn sie Insiderinformationen erhalten.

  • Ich habe letztens auf "welt online" einen interessanten Artikel darüber gelesen, wie sich solch ein Raub psychisch auf die Gesellschaft auswirkt. Darin wird beschrieben wie das Vertrauen in den Staat, seine hoheitliche Schutzfunktion auszuüben, immer mehr schwindet.
    Denn wenn schon ein Staatsschatz vom organisierten Verbrechen so leicht und innerhalb weniger Minuten entwendet werden kann, wie will dann der Staat die für die Gesellschaft empfindlichen Bereiche wie Infrastruktur, Energieversorgung, Trinkwasser etc. vor Zugriff schützen?
    Wer erinnert sich noch, wie vor einigen Jahren ein unter Drogen stehender Migrant unbehelligt bis in den Regierungsflieger der Kanzlerin vordringen konnte, der irgendwo bei Köln in einem Hangar stand? Es musste danach tagelang überprüft werden ob in dem Flugzeug Manipulationen stattgefunden hatten.
    Man hat langsam den Eindruck, in Deutschland in einem völlig naiven Schlafmützenstaat zu leben.
    Wer im Vereinigten Königreich die Kronjuwelen rauben möchte oder in den USA meint, die Air Force One besteigen zu können, wird dies wohl als letzte dumme Idee in seinem Leben betrachten dürfen.

  • Auch wenn das jetzt Gefahr läuft, ins off-topic abzugleiten...
    "Münchner", Du darfst nicht übersehen, dass in der Bundesrepublik Deutschland alles Militärische und die Autorität des Staates nach der Niederlage von 1945 schrittweise zunehmend als desavouiert interpretiert wurde. Die BRD will ja möglichst das exakte Negativbild der Jahre 1933-1945 sein, auch wenn das zu absurden Verrenkungen führt (u.a. müssten eigentlich die Autobahnen abgerissen werden oder der Adler als Staatswappen durch Donald Duck ersetzt werden; einige Leute werden davon aber sicher bereits träumen). Das ist ein Unterschied zu mental viel weniger gebrochenen Siegerstaaten. Obgleich auch dort die Tendenz zur hedonistischen Werteverschiebung aufgrund des erreichten Wohlstands vorhanden ist.


    Grundsätzlich wird sich die Mentalität in Deutschland wohl nur durch einen harten Schock, der in Teilen dem von 1945 ähnelt, ändern lassen. Also, das Pendel der Erfahrung muss in die andere Richtung umschlagen. Auf die Erfahrung der anfangs euphorisch begrüßten totalitären Diktatur und die kalte Dusche danach, folgt die Erfahrung der euphorisch begrüßten hedonistischen offenen Hippie-Gesellschaft und die kalte Dusche danach. Dialektik, wenn man so will.


    Gleichwohl ist mir auch mulmig, wenn dieser Staat plötzlich wieder seine militärisch-polizeiliche Seite entwickelt. Klar, einige Museumsgegenstände mögen besser geschützt sein, die Sicherheitslage würde auf den Straßen womöglich mit drastischeren militärischen Mitteln zu verbessern versucht. Dass sich die herrschende Klasse selbst besser schützen lässt (Stichwort Air Force One), versteht sich von selbst.
    Aber, was ist der Preis für mich als Bürger? Noch mehr Überwachung? Noch mehr Gängelung? Und was ist erst bei den heutigen Tendenzen zur Gesinnungsethik? Was ist, wenn ein solcher Staat ernst macht, mit der Einteilung von Äußerungen, die noch erlaubt sind, und solchen, die "keine Meinung sind, sondern ein Verbrechen"? Was geschieht mit solchen "Verbrechern" dann? Werden ihnen nur die Bankkonten gesperrt, nachdem das Bargeld abgeschafft ist? Damit sie aus der Wohnung fliegen und verhungern? Oder braucht es auch vorzeigbare "Täter", um an diesen ein gut sichtbares Exempel zu statuieren?


    Angesichs eines solchen möglichen Zukunfts-Szenarios ist es mir vermutlich immer noch lieber, dass "nur" ein paar Kunstwerke aus Museen gestohlen werden.

  • Man könnte vielleicht klein anfangen. Zunächst wäre zu unterscheiden, zwischen Objekten aus der Vor- und Frühzeit, denen mit zukünftigen Analysemethoden noch Geheimnisse entlockt werden könnten. Sie sind unverändert im Original aufzubewahren. Neuzeitliche Objekte, die fertigungstechnisch nichts mehr preisgeben, sollten mittels Laser (Steine) und Radioaktivität (Metalle) einen individuellen Fingerabdruck erhalten, der sich weder durch Neuschliff noch durch Umschmelzen entfernen lässt. Damit sinkt der Marktwert sowie der Anreiz zum Diebstahl erheblich. Ob man diese nur einlagert oder vielleicht teuer an Milliardäre verleiht (gegen entsprechende Versicherung) steht auf einem anderen Blatt.

  • Aber, was ist der Preis für mich als Bürger? Noch mehr Überwachung? Noch mehr Gängelung? Und was ist erst bei den heutigen Tendenzen zur Gesinnungsethik? Was ist, wenn ein solcher Staat ernst macht, mit der Einteilung von Äußerungen, die noch erlaubt sind, und solchen, die "keine Meinung sind, sondern ein Verbrechen"?

    Bevor wir über Gesinnung und Meinungsfreiheit diskutieren, sollten wir doch lieber einen Konsens darüber entwickeln, daß sich die Gesellschaft vor dem klassischen Verbrechertum schützen muss. Dafür muss jeder funktionierende Staat eine entsprechend gerüstete Polizei und Justiz besitzen. Natürlich kann der Staat nicht vor jede Wohnung einen Polizisten stellen, doch sollte man doch meinen, daß es hochsensible Bereiche gibt, die in der Verantwortung des Staates liegen und adäquat geschützt sind. Bei den heutigen technischen Möglichkeiten geht der Normalbürger davon aus, daß es mehr braucht als die Zerstörung eines Sicherungskasten und die Mitnahme einer Axt, um an einen Staatsschatz zu gelangen.
    Ich glaube nicht, daß ich mit einem ähnlich geringen Aufwand z.B. die Mona Lisa aus dem Louvre entwenden könnte.
    Das ist nur ein Aspekt an der Geschichte, der auch mal betrachtet werden sollte.
    Aber in Deutschland lernt man eben in allen Sicherheitsfragen nur sehr langsam und widerwillig. Bis zu den Ereignissen bei den Olympischen Sommerspielen in München von 1972 gab es auch keine Antiterroreinheiten. Die GSG-9 wurde erst als Antwort darauf gegründet. Ich hoffe, daß der Staat zumindest im Bereich der Cyberkriminalität durch das Nationale Cyber-Abwehrzentrum mal etwas Voraussicht bewiesen hat. Ich bin allerdings skeptisch, da dort selbst keine Gegenmaßnahmen eingeleitet werden können, sondern nur Lagebilder mit Handlungsempfehlungen für die einzelnen Behörden entstehen.
    Man sollte aus meiner Sicht auch mal alle schützenswerten kulturellen Einrichtungen wie die wichtigsten Museen, Bibliotheken, Galerien und Bauwerke zentral erfassen und durch eine eigene Behörde sicherheitspolitisch schützen lassen. Dazu gehören dann Aspekte wie Sicherheitstechnik in den Objekten, personeller Schutz, Alarmpläne und Finanzierung.

  • Nachahmer sind ermutigt. Am Wochenende gab es einen Einbruch ins Stasi-Museum.
    "Mehrere Orden seien gestohlen worden, die einen hohen musealen Wert hätten. Dem Bericht zufolge gehörten zur Beute: ein Vaterländischer Verdienstorden in Gold, ein Karl-Marx-Orden, ein Lenin-Orden sowie der Orden „Held der Sowjetunion“. Bei dem aus dem Museum gestohlenen Schmuck handelt es sich laut Driesselmann um Goldschmuck – Trauringe, Ringe mit Steinen und Perlen, eine Uhr und ein Armband." (ksta.de)

  • es gehört hier zwar nicht ganz hin, aber in der Nacht von Sonnabend zu Sonntag wurde in das Stasimuseum in der Berliner Normannenstraße eingebrochen. Die Täter haben Vitrinen zerschlagen und Orden und Schmuck gestohlen. Zufall oder einige Nachahmer ? Noch keine genauen Meldungen was gestohlen wurde. Informationslage noch unklar !

  • Erkennbar ist aber auch, dass bevorzugt hochwertiges Material gestohlen wird, also Zeug, das in seine Bestandteile zerlegt immernoch einen hohen Wert hat. Das dürfte bei einem einzelnen Gemälde, einem Epitaph oder eine Bronze eher nicht so sein. Das heisst für mich dass der Fokus zunächst auf westentaschentaugliches wie Edelsteine und Gold gelegt werden sollte.


    Denn das eine sind halt Diebe, die etwas stehlen und damit entkommen wollen. Wenn es jemandem nur um Zerstörung geht, gleichsam eines "Zeichen setzens" womöglich sogar mit der Absicht, dabei erwischt zu werden (man sei an Banksy erinnert, der aus Verabscheung gegenüber dem teils abartigen Kunstmarkt Zerstörung inszeniert hat), dann ist dagegen wohl kein Kraut gewachsen und letztlich auch wirksamer Schutz aussichtslos.


    Um wieviel hat die Polizei in Dresden die Diebe verpasst? Dürften nur wenige Sekunden gewesen sein. Hätte man sie gefangen würden wir vielleicht ganz anders diskutieren, hätten womöglich neue Helden zu feiern usw. Manchmal hängt es eben nur an einem winzigen Detail.