Bremen - Das Erbe der 75er in Architektur und Bildender Kunst

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      Buddenbrocks Schatten in der Oberen Rathaushalle

      Die Frage, ob Thomas Mann anläßlich seiner während der 20er Jahre gehaltenen Autorenlesungen in Bremen auch die Obere Rathaushalle besichtigte, ist hier nur insofern von Interesse, als ein solcher Besuch eventuell die Wiederholung eines in Kinder- und Jugendtagen erfolgten Aufenhaltes sein könnte – von dem allerdings bisher nichts bekannt ist. Dem Knaben oder Jüngling wäre in diesem Fall sicherlich von den bremischen Ciceronen das seit Ende 1884 in der Halle aufgestellte Gemälde der Schlacht von Loigny intensiv erläutert und auf die wichtige Rolle des 75er Majors Buddenbrock für den siegreichen Ausgang der Schlacht hingewiesen worden sein. Der prägnante Name mag dann dem jungen Herrn Mann im Gedächtnis haften geblieben und später bei der Namenswahl der Protagonistenfamilie seines 1901 erschienenen Kaufmannsromans leicht verfremdet (-brook statt brock) zum Einsatz gekommen sein. Ein Indiz dafür, daß dies keine reine Spekulation sein mag, ist die Tatsache, daß sich der Nobelpreisträger auch bei seiner Novelle ‚Tristan’ Bremischer Namen bediente, denn die in der Hansestadt an der Weser verheiratete Gabriele Klöterjahn ist ja eine geborene Eckhoff, ein Name, der auch heute noch in Bremen prominent vertreten ist.

      Anders als beim Kriegerdenkmal auf der Ansgari-Bastion, welches ja zuvörderst der Ehrung der Toten des Regiments diente, wollte der Senat der freien Hansestadt Bremen mit dem im ‚Herz der Polis’ - der Oberen Rathaushalle’ – aufzuhängenden Gemälde, den größten militärischen Beitrag der 75er zum Gelingen des deutschen Sieges von 70/71 würdigen. Das Kunstwerk stammt vom Maler Emil Hünten, der ja auch das Gemälde von der Schlacht bei Königgrätz für die Ruhmeshalle im Kgl. Zeughaus in Berlin geschaffen hat.

      Weniger das Gemälde, als der von Johann Georg Poppe entworfene üppige Rahmen sorgte schon nach kurzer Zeit für eine intensive – und unter reichsweiter Aufmerksamkeit geführte -Diskussion, denn der Rahmen war als ‚Startsignal’ der von der Julius-Rohland-Stiftung geförderten, von Arthur Fitger befürworteten und Poppe konzipierten kompletten Umgestaltung der Nordwand der Halle gedacht. Im Ergebnis wurde auf diese Umgestaltung weitestgehend verzichtet und bis zum Jahre 1903 nur eine Vertäfelung der Wände und ein neues Ratsgestühl realisiert. Der majestätische Rahmen blieb somit Rudiment einer nicht umgesetzten Planung. Bereits Ende der 20er Jahre wurde er dann bis auf die unmittelbar das Gemälde umgebenden Leisten wieder entfernt. Das ausschlaggebende Argument war wohl, daß man die dahinterliegende und vom Rahmenaufbau verdeckte Wandinschrift von 1532 mit der Stadtchronik wieder sichtbar machen wollte. Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Gemälde selber entfernt und durch eine Inschrift ersetzt, die die oberhalb befindliche Chronik bis in die Gegenwart fortführte. Das im Eigentum des Kunstvereins Bremen befindliche Gemälde überstellte man als Dauerleihgabe in den Traditionssaal der Scharnhorst-Kaserne in Bremen-Huckelriede, wo es sich nach einer Renovierung im Jahre 2018 nach wie vor befindet.

      Zweifellos ist die Bewertung des Rahmens von Poppe eine Geschmacksfrage gewesen. Aber da er die hinter ihm liegende Chronik nicht beschädigte, sondern nur verdeckte, würden sicher Viele heute mit ihm leben können. Er würde bestimmt mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, als es die – für die meisten aufgrund der altertümlichen Sprache und Schrifttypen eh nicht lesbare – Chronik gegenwärtig tut (von der unspektakulären Fortsetzung ganz zu schweigen). Und auch das Hünten Gemälde würde heute als historisches Dokument sicherlich eine größere Toleranz erfahren, als sie die 50er Jahre aufzubringen vermochten.

      Aber, ganz verschwunden ist das Gemälde aus der Oberen Rathaushalle doch nicht, denn bei der Reduzierung des Rahmens in den 20er Jahren, meinte man, die das Bild unmittelbar umgebenden Leisten rechts und links mit Rollwerk ‚auffangen’ und optisch ‚stützen’ zu müssen. Dieses Rollwerk stellt – wohl – eine Kopie von Elementen der Poppe’schen Wandvertäfelung an anderen Stellen der Oberen Rathaushalle dar. Bei der Entfernung des Gemäldes nach dem Kriege und der Übertäfelung der nun leeren unteren Fläche des Gemäldes (die obere wurde ja mit der Chronik-Fortsetzung bestückt), beließ man diese beiden Rollwerke an ihren Stellen, die somit nun einen ‚redenden Schatten’ stützen: Buddenbrocks Schatten !


      Abbildung 01
      Lage der Oberen Rathaushalle auf der Stadtkarte von 1938.




      Abbildung 02
      Schnitt durch das ‚Alte Rathaus’ mit rot markiertem Loigny-Gemälde an der Westecke der Nordwand der oberen Halle.




      Abbildung 03
      Foto von Gemälde und Rahmen.
      (Landesamt für Denkmalpflege Bremen)





      Abbildung 04
      Foto mit Nahansicht.
      (Landesamt für Denkmalpflege Bremen)




      Abbildung 05
      Druckblatt des Gemäldes.




      Abbildung 06
      Beschreibung des Gemäldes in Scheller’s Führer durch Bremen, 16. Auflage, S.19 und 21.




      Abbildung 07
      Emil Hünten mit seinem Königgrätz-Gemälde für das Kgl. Zeughaus in Berlin.




      Abbildung 08
      Johann Georg Poppe, nach dessen Entwurf der Rahmen gefertigt wurde.




      Abbildung 09
      Ein Verriß von Rahmen und Gemälde durch einen offensichtlichen seinerzeitigen Gegner von Poppes Werk, den Architekten Johann Rippe, in der Deutschen Bauzeitung vom 6. Juni 1896, S.292-293.


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      Abbildung 10
      Die obere Rathaushalle im Zustand zwischen 1884 (der Aufstellung von Gemälde und Rahmen) und 1903 (der Fertigstellung von geschnitzter Holzvertäfelung und Ratsgestühl). Man erkennt im Hintergrund das Loigny-Bild mit seinem Aufbau. Die zu sehende ‚Täfelung’ ist lediglich gemalt. Augenfällig sind auch die von Johann Rippe bemängelten dunklen Vorhänge vor den Westfenstern der Oberen Halle.



      Abbildung 11
      Gemälde und Rahmen im Zusammenspiel mit der neuen Vertäfelung nach 1903. Historische Ansichtskarte.




      Abbildung 12
      Der vereinfachte ‚Rahmen’ nach 1930.




      Abbildung 13
      Der gegenwärtige Zustand nach Entfernung des Gemäldes.




      Abbildung 14
      Der Blick in die Gegenrichtung, mit noch komplettem Poppe-Rahmen an der linken Bildkante. Im Hintergrund das neue Ratsgestühl von 1903.



      Abbildung 15
      Der Blick zum Ratsgestühl in der gegenwärtigen Fassung. Links im Bild kann man – angeschnitten – einen Teil des Fotsetzungs-Textes der Stadtchronik sehen. Die Aufnahme entstand anläßlich einer Tagung des Bremer Tabakkollegiums.




      Abbildung 16
      Die die obere Hälfte des ehemaligen Platzes des Gemäldes gegenwärtig einnehmende Fortsetzung der Stadtchronik.



      Abbildung 17
      Das Loigny-Gemälde wird 2018 in der Scharnhorst-Kaserne für eine Restaurierung vorbereitet.
      (Bildquelle: Der unten angefügte Link der Bundeswehr)



      Abbildung 18
      Das ‚Stütz-Rollwerk’ des Gemäldes nach 1929/30 (blaue Pfeile kennzeichnen die Vorbilder, rote die Kopien) und der gegenwärtige 'Schatten Buddenbrocks’.




      Hier der ‚Link’ zu den Restaurierungsarbeiten in der Scharnhorst-Kaserne:
      facebook.com/278316455868609/posts/596634534036798/
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      Hier noch zwei Links mit weiterführenden Informationen zu Major Buddenbrock und seiner Familie:

      de.wikipedia.org/wiki/Friedric…(General,_1815)#Literatur

      wikiwand.com/de/Buddenbrock_(Adelsgeschlecht)

      In der Tat hätte der Name 'Buddenbrock' Thomas Mann somit auch in einem anderem Kontext über den Weg laufen können. Aber die oben geschilderte Variante von Oberer Rathaushalle und 75ern ist deswegen nicht vollkommen ausgeschlossen...
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      Schilderhäuschen

      Durch die zur Erfüllung ihrer Wachdienste notwendigen Schilderhäuschen, die in gewisser Hinsicht eine Form von ‚ephemerer’ Architektur darstellen, waren die 75er in vielen Teilen der inneren Bezirke im Stadtbild präsent. Die schwarz-weiß gestreiften (die 75er waren integraler Bestandteil der Kgl. Preußischen Armee) Wachbüdchen mit rotem Dach standen dabei nicht nur vor der Kaserne am Neustadtswall und der Hauptwache am Ostertor (heute Gerhard-Marcks-Haus), sondern auch vor den Wohnhäusern von Mitgliedern des Senats.

      Abbildung 01
      Wachposten am Haupttor vor Kaserne I am Neustadtswall (letzterer im Hintergrund sichtbar). Schilderhaus, sowie der Bereich zum Präsentieren waren aufgebockt – wohl wegen des vielen Regens in Bremen… ;)



      Abbildung 02
      Wachablösung an der Hauptwache. Die neue wachhabende Abteilung war vorher von der Kaserne kommend über die Große Weserbrücke angerückt – in diesem Falle ohne klingendes Spiel. Rechts vom wintergartenartigen Unterstand an der Westseite der Hauptwache kann man den hochgestellten Schlagbaum erkennen, welcher im Bedarfsfall den Zugang zur Altstadt absperren konnte. Dieser dürfte in den bremischen Farben rot und weiß gehalten gewesen sein.




      Abbildung 03
      Eine wachhabende Abteilung präsentiert sich dem Photographen. Sogar der unmittelbar diensthabende Soldat hat dazu sein Häuschen verlassen…




      Abbildung 04
      Blick aus Richtung Altstadt in den Ostertorsteinweg hinein. Ganz rechts zwei Wachposten vor dem Schilderhäuschen.




      Abbildung 05
      Wachposten vor dem Haus Mathildenstraße Nr.82. Hier wohnte seinerzeit ein Mitglied des Senats.

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      Beteiligung an Denkmalseinweihungen

      Selbstredend waren die 75er am Zeremoniell der Enthüllungen der beiden Bremer Hohenzollern-Denkmäler beteiligt: So bildeten sie sowohl am am 18.10.1893 für das von Robert Bärwald geschaffene Denkmal Kaiser Wilhelms I. vor dem Bremer Rathaus, als auch am 22.03.1905 für das von Louis Tuaillon gestaltete Denkmal Kaiser Friedrichs III. im Parkviertel den militärischen Rahmen.

      Bei den Feierlichkeiten werden mit Sicherheit die beiden vom Regiment verwendeten Märsche zu Gehör gebracht worden sein: Der Mollwitzer und der Marsch von Wilhelm Friedrich Graf von Redern.

      Abbildung 01
      Enthüllungsfeier 1893. Rechts im Bild erkennt man die zur Ehrenbezeugung für S.M. den Kaiser geneigte Regimentsfahne - es ist wohl der Augenblick dargestellt, in dem das 'Heil Dir im Siegerkranz' intoniert wurde.



      Abbildung 02
      Enthüllungsfeier 1905. Parade des Regiments vor S.M. dem Kaiser.