Bremen - das Erbe der 75er in Architektur und Bildender Kunst

  • Einige Worte vorab


    Damit hier von vornherein keine Missverständnisse entstehen, seien mir bitte die folgenden einleitenden Worte der Erläuterung gestattet:


    Mir ist es wichtig, mit diesem Themenstrang nicht in den Verdacht zu kommen, einem falsch verstandenem Militarismus das Wort zu reden oder einen solchen gar zu verherrlichen. Eigentlich wollte ich es ursprünglich auch nur mit einem einzelnen Beitrag zu den Kasernenbauten am Neustadtswall, auf dem Themenstrang ‚Bremen-Neutstadt’, bewenden lassen und damit dort einfach die Reihe der Beiträge zu den Großbauten auf dem Areal der ehemaligen frühneuzeitlichen Stadtbefestigung fortsetzten. Da aber die zahlreichen Spuren, die der Erbauer der allermeisten Gebäude auf dem Kasernengelände am Neutadtswall, das „1. Hanseatische Infanterieregiment Nr. 75 Bremen“, auch in anderen Stadtteilen hinterlassen hat, es mir lohnend erscheinen lassen, diese einmal in einer Gesamtschau darzustellen, habe ich mir erlaubt, diesen ‚überregionalen’ Strang zu eröffnen. Aber natürlich bilden die Bauten in der Neustadt schon einen wichtigen Schwerpunkt, ganz klar.


    Beschränken wird sich dieser Themenstrang ausschließlich auf Architektur und Werke der bildende Kunst, die mit den 75ern in Verbindung stehen. Somit sind Bauten des stadtbremischen Militärs aus dem 18. Jahrhundert, des von Bremen – zeitweise gemeinsam mit Lübeck – zu stellenden Kontingents zum Heer des Deutschen Bundes, der Reichswehr, der Wehrmacht oder gar der Bundeswehr von der Betrachtung grundsätzlich ausgeschlossen.


    Das umfangreiche Erbe, welches die 75er unserer Stadt hinterlassen haben, mag auch damit zusammenhängen, daß die Beziehung zwischen den Bremern und diesem Truppenteil der Königlich Preußischen Armee eine ganz spezifische und besonders enge war: Während das bremische Stadtmilitär des 18. Jahrhunderts (das bezüglich des Erscheinungsbildes der Uniformen mit den heute noch bestehenden Roten Funken des Kölner Karnevals fast identisch war) und auch das Kontingent für den Deutschen Bund fast ausschließlich aus Söldnern bestand (die Bremer Bürgersöhne konnten sich weitestgehend vom Dienst freikaufen), dienten hier – nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht – auch erstmals Söhne der Stadt in den Reihen dieses Regiments, welches nach Abschluß der sog. ‚Militärkonvention’ zwischen Preußen und Bremen 1867, seinen Einzug in Bremen gehalten hatte. Und das verband natürlich die nachwachsende einheimische Jugend mit dieser Einheit. Gleichzeitig kamen auch viele Rekruten aus anderen Teilen des Reiches, sodaß das Regiment viel zur‚inneren Einheit’ und der Verständigung zwischen den – noch so zentrifugal geprägten- Bundesstaaten beitrug (ähnlich wie es auf seine Weise Wilhelm II. mit den zahllosen Besuchen in den deutschen Städten tat – siehe hierzu die Werke Nicolaus Sombarts). Die Bremer waren bereits nach wenigen Jahren einfach nur stolz auf ‚ihre 75er’, was sich z.B. auch in der Stiftung von kostbaren Fahnenbändern für die Kompaniefahnen durch den Senat äußerte. Nach der Auflösung infolge des 1. Weltkriegs wurde die Erinnerung an das Regiment auch in Form der diversen Totengedenkstätten wach gehalten, die hier abschließend auch ein Thema sein sollen.


    Insgesamt ist festzustellen, daß die Bremer zu keiner Militäreinheit, weder vorher noch nachher (Reichswehr, Wehrmacht oder Bundeswehr), eine derartige Zuneigung verspürten, wie eben zum "1. Hanseatischen Infanterieregiment Nr. 75 Bremen“. Deshalb ist es einfach nur ein Akt der heimatverbundenen Pietät, den in der Stadt noch immer manifesten Spuren des Regiments einmal nachzugehen und sich dadurch dessen Erbe überblicksartig zu vergegenwärtigen.

  • Kasernengelände am Neustadtwall - Karten und Luftbilder zur Übersicht

    Abbildung 01
    Lage des Kasernenareals zwischen Neustadt und Südervorstadt




    Abbildung 02
    Lage des Kasernenareals (rot hervorgehoben) zwischen Neustadtwall, Schulstraße und Neustadt-Contrescarpe.


    Abbildung 03
    Legende, an den obigen Karten ausgerichtet.



    Abbildung 04
    Luftbild des Areals in der Gegenwart



    Abbildung 05
    Legende mit (nun lesbarer) Benennung der einzelnen Kasernenbauten.


  • Die Entwicklung des Kasernengeländes bei der ehemaligen 'Schwarzpott-Bastion'




    (Quelle:
    Bremens Garnisonanstalten. In: Kameradschaftsbund der 75er - Sitz Bremen - Bundesorgan. 2. Jahrgang, Nr.6, Ende Juni 1927, S. 8.)

  • Kaserne I


    Für Bremen und 'seine' 75er war die Kaserne I in etwas das, was für die Potsdamer und ihr 'Vornehmstes Regiment der zivilisierten Christenheit' (das Erste Garderegiment zu Fuß), das Kasernengebäude an der Priesterstraße im Schatten der Garnisonkirche war. Das Gebäude war 1842 mittig auf der aufgelassenen 'Schwarzpott-Bastion' der ehemaligen neustädtischen Befestigungsanlagen errichtet worden.


    Lage der Kaserne I auf dem Areal (durch blauen Punkt markiert).



    Beschreibung der Kaserne I
    (Quelle: Bremens Garnisonanstalten. In: Kameradschaftsbund der 75er - Sitz Bremen - Bundesorgan. 2. Jahrgang, Nr.6, Ende Juni 1927, S. 8.)



    Ansicht von Nordost.



    Ansicht von Nordwest.



    Ansicht von Nordwest mit einigen 'künstlerischen Freiheiten' hinsichtlich der zentralen Fensterachse des Gebäudes und der statt der Kugeln auf den Torpfosten aufgesetzten preußischen Adler (die es dort niemals gab).



    Haupteingang zum Kasernengelände.



    "Vor der Kaserne, vor dem großen Tor..."
    Na ja, Lale Andersen kam allerdings aus Bremerhaven und nicht aus Bremen.



    Standbild aus dem Farbfilm von Walter Hachenburg aus dem Jahre 1939:
    Blick von der Süderstraße auf das Haupttor des Areals und das Portal von Kaserne I.



    Blick von der selben Position in der Süderstraße in der Gegenwart. Teile der Grundfläche von Kaserne I sind gegenwärtig vom Hallenbad Süd überbaut, dessen Schorstein man hier sehen kann.


  • Kaserne III


    Lage der Kaserne III auf dem Areal (durch blauen Punkt markiert).




    Beschreibung der Kaserne III.

    (Quelle: Bremens Garnisonanstalten. In: Kameradschaftsbund der 75er - Sitz Bremen - Bundesorgan. 2. Jahrgang, Nr.6, Ende Juni 1927, S. 8.)



    Ansicht von Nordost.



    Ansicht von Nordwest.
    Rechts vom Gebäude gewährt der Durchgang zwischen den Kasernen III und I einen Blick auf die Nordseite der Kaserne II. An der linken Bildkante kann man den Dachreiter des bis heute bestehenden Gymnasiums am Leibnizplatz erkennen.


  • Kaserne II


    Lage der Kaserne II auf dem Areal (durch blauen Punkt markiert).



    Beschreibung der Kaserne II.(Quelle: Bremens Garnisonanstalten. In: Kameradschaftsbund der 75er - Sitz Bremen - Bundesorgan. 2. Jahrgang, Nr.6, Ende Juni 1927, S. 8.)




    Südseite der Kaserne II. Ansicht von Südwest. Links (hinter dem Baum) ist die Rückseite der Kaserne I sichtbar.


  • Arresthaus


    Lage des Arresthauses auf dem Areal (durch blauen Punkt markiert).



    Beschreibung des Arresthauses.(Quelle: Bremens Garnisonanstalten. In: Kameradschaftsbund der 75er - Sitz Bremen - Bundesorgan. 2. Jahrgang, Nr.6, Ende Juni 1927, S. 9.)



    Ansicht des Arresthauses von Südwest.
    (Links im Hintergrund die Rückseite von Kaserne I.)


  • Offiziers-Casino


    Lage des Offiziers-Casinos auf dem Areal (durch blauen Punkt markiert).



    Beschreibung des Offiziers-Casinos.(Quelle: Bremens Garnisonanstalten. In: Kameradschaftsbund der 75er - Sitz Bremen - Bundesorgan. 2. Jahrgang, Nr.6, Ende Juni 1927, S. 9.)



    Ansichten des Offiziers-Casinos von Osten.
    (Rechts im Hintergrund - schon außerhalb des Kasernenareals - ein Teil der städtischen Moorversuchs-Station.)



  • Offiziers-Reibahn mit Pferdestall


    Lage der Offiziers-Reitbahn (und des angegliederten Pferdesalls) auf dem Areal (durch blauen Punkt markiert).



    Beschreibung des Offiziers-Casinos.(Quelle: Bremens Garnisonanstalten. In: Kameradschaftsbund der 75er - Sitz Bremen - Bundesorgan. 2. Jahrgang, Nr.6, Ende Juni 1927, S. 9.)




    Ansicht des Pferdestalls (links, mit geöffnetem Tor) und der Offiziers-Reitbahn (rechts, mit den großen Fenstern) von Südwest. Hinter dem Dachlüfter der Reitbahn ist - aufgrund der diagonalen Perspektive -die Rückseite von Kaserne II. zu erkennen.


  • Kammergebäude


    Lage des Kammergebäudes auf dem Areal (durch blauen Punkt markiert).



    Beschreibung des Kammergebäudes.(Quelle: Bremens Garnisonanstalten. In: Kameradschaftsbund der 75er - Sitz Bremen - Bundesorgan. 2. Jahrgang, Nr.6, Ende Juni 1927, S. 9.)



    Blick von Südwest über den Kasernenhof (Exerzierplatz) auf das Kammergebäude (rot eingekreist - Waschhaus [links] in ursprünglicher Höhe mit umfaßt).



    Blick von Südost auf (von rechts nach links) Kammergebäude (Eisenfachwerk gut sichtbar), (aufgestocktes) Waschhaus, Kaserne II, Pferdestall (vor Bau der Offziersreithalle).


  • Waschanstalt


    Lage der Waschanstalt auf dem Areal (durch blauen Punkt markiert).



    Beschreibung der Waschanstalt.(Quelle: Bremens Garnisonanstalten. In: Kameradschaftsbund der 75er - Sitz Bremen - Bundesorgan. 2. Jahrgang, Nr.6, Ende Juni 1927, S. 9.)



    Ansicht der Waschanstalt von Südwest zwischen Kaserne II (links) und Kammergbäude (rechts).



    Ansicht der Waschanstalt von Südost nach seinem Umbau (Aufstockung) zum Stabshaus 1914/15.


  • Kaserne IV


    Diese Kaserne, welche in den Jahren 1892 / 93 errichtet wurde, hat als einziges Gebäude auf dem Areal Krieg und Wiederaufbau überdauert und besteht noch heute. An dieser Stelle ist sie das greifbarste bauliche Erbe der 75er.


    Lage der Kaserne IV auf dem Areal (durch blauen Punkt markiert).



    Beschreibung der Waschanstalt.(Quelle: Bremens Garnisonanstalten. In: Kameradschaftsbund der 75er - Sitz Bremen - Bundesorgan. 2. Jahrgang, Nr.6, Ende Juni 1927, S. 8.)



    Ansicht der Kaserne IV von Nordwest auf einer historschen Ansichtskarte. Insbesondere an den Rundbögen der Fenster erkennt man, daß man bei diesem Gebäude bewußt auf Bauformen der Kaserne I zurückgegriffen hat, um sich in derern Tradition zu stellen.



    Die selbe Ansicht in der Gegenwart. Die Besprossung der Fenster sollte einmal überdacht werden. Auch wäre die Wiederanbringung einer Uhr über den Fenstern des Mittelrisalits wünschenswert.



    Blick in die Schulstraße und die Südfassade der Kaserne IV auf einer historischen Ansichtskarte.



    Die gleiche Perspektive in der Gegenwart. Auf der rechten Straßenseite hat nur ein einzige Haus überlebt.


  • Da mir zu den übrigen Gebäuden auf dem Areal kein hinreichend zeitgenössisches Bildmaterial aus der Zeit der Existenz der 75er vorliegt und die Beiträge hier sonst auch zu seriell werden würden, möchte ich diejenigen Foristen, die weitergehendes Interesse haben sollten, auf den folgenden 'Link' verweisen, der eine reichhaltige Fotosammlung mit Bildern zur Geschichte des Kasernenareals aus den 1920er und 30er Jahren bereithält:


    http://www.historic.de/Militar…tadt/KasernenNeustadt.htm

  • Bevor wir unseren Rundgang auf den Spuren des Erbes der 75er an anderen Stellen der Stadt fortsetzen werden, hier noch zwei Luftbildvergleiche die die Veränderungen des Kasernenareals durch Krieg und Wiederaufbau augenfällig werden lassen. (Das zweite historsiche Luftbild ist schon von historic.de verwandt worden).


    Blick von West.




    Blick von Süd.


  • Prinzregent Luitpold auf der St. Ansgari -Bastion Oder: Die Bremer ‚Siegessäule’





    1. Entstehungsgeschichte


    Praktisch zeitgleich mit der Rückkehr der 75er in Ihre Kaserne am Neustadtswall im Frühjahr 1871 reifte bei Senat und Bürgerschaft der Freien Hansestadt Bremen der Entschluß, die Erinnerungsarbeit an die im Felde gebliebenen (bremischen) Regimentsangehörigen, nicht nur den erwartbaren Memoiren der heimgekehrten Kameraden zu überlassen, sondern dem Anteil des Regiments am Einigungswerk Bismarcks, auch eine unübersehbare öffentliche Würdigung im Stadtzentrum zukommen zu lassen. Der Plan sah ein Monument vor, welches auf der ehemaligen St. Ansgari-Bastion errichtet werden sollte, deren Kuppe infolge des Abbrennens der vordem dort stehenden Windmühle einer neuen Verwendung harrte. Zur Umsetzung des Vorhabens wurde – wohl erstmals in Bremen – ein Denkmals-Wettbewerb ausgeschrieben, dessen Gewinner im Jahre 1873 feststand: Es war der aus Wiesbaden gebürtige Bildhauer Karl Keil, der vordem schon das große Sockelrelief ‚Deutsch-Französischer Krieg mit Schlacht von Sedan und Einzug in Paris’ für die im selben Jahre fertig gestellte Siegessäule auf dem Berliner Königsplatz geschaffen hatte.


    2. Relief


    In einem Brief nach Bremen schlug Keil vor, sein Relief von der Siegessäule – leicht modifiziert und ergänzt – zu einer Vorlage für wesentliche Teile des Bremer Denkmals zu machen. Dieser Vorschlag fand an der Weser allgemein eine günstige Aufnahme und wurde daher auch realisiert. Daß in dieser Art vorgegangen wurde, stellte sich nachträglich als Glücksfall heraus, denn dank diesem Verfahren kann man sich heute - trotz der Vernichtung des Bremer Reliefs im zweiten Weltkrieg - anhand des Berliner Exemplares einen recht gute Vorstellung vom ehemaligen Gesamteindruck des verschwundenen Bremer Kunstwerks verschaffen !


    Der erste Teil des ringförmig um den Denkmalssockel gelegten Reliefs zeigte – wie in Berlin – die berühmte Szene vom Ende der Schlacht bei Sedan: Der Generaladjutant des französischen Kaisers, General André-Charles-Victor Reille, übergibt dem auf einem Hügel südwestlich des Dorfes Frénois den Fortgang der Schlacht verfolgenden preußischen König Wilhelm I. am 1. September 1870 um ca. 19.00 Uhr den Brief mit dem Kapitulationsangebot seines in Sedan ausharrenden Souveräns, Napoleon III.. Keil hat sich hier in nicht zu knapper Weise ‚künstlerische Freiheit’ herausgenommen, denn anders als z.B. der Maler Carl Steffeck, der dieselbe Szene 1884 in einem Fresko in der Ruhmeshalle des Berliner Zeughauses historisch korrekt verewigte, indem er Wilhelm I. dem General zu Fuß entgegentreten ließ, setzte Keil den König und seine Begleiter alle auf Pferderücken. Zu der Entourage des preußischen Monarchen gehörten dabei nicht nur die üblichen drei Paladine (Bismarck, Moltke und Roon) und die höchstrangigen Militärangehörigen der eigenen Familie (Kronprinz Friedrich Wilhelm, Prinz Carl und Prinz Albrecht von Preußen), sondern auch die Repräsentanten der wichtigsten an der Schlacht beteiligten Verbündeten: Kronprinz Albert von Sachsen, Prinz August von Württemberg, Großherzog Carl Alexander von Weimar und Prinz Luitpold von Bayern, der erst einige Jahre später zum legendären 'Prinzregenten' werden sollte. Hinter Reille stehen noch einige französische Offiziere und Soldaten, von denen einer mir verzweifelten Trotz den Deutschen die letzte von einem napoleonischen Adler gekrönte Truppenfahne entgegenhält. Ein augenfälliger Unterschied zwischen der Bremer und der Berliner Ausführung der Szene ist, daß sich Keil in Bremen mehr Raum für dieselbe nehmen konnte: Während in Berlin die Paladine sich in einem Pulk mit dem Monarchen gruppieren – und das Ganze schon etwas arg gedrängt wirkt – reiten in Bremen der König und sein Sohn mit Abstand Reichskanzler und Generalstabschef voran. Eine weitere Differenz ist das Fehlen des Prinzen von Württemberg und des Großherzogs von Weimar auf dem Bremer Relief. Dafür erscheint in Bremen das Pferd des Generals Reille, von dem er für die Übergabe des Briefes herabgestiegen ist wesentlich deutlicher als auf der Berliner Tafel. Auch daß die berittene Ordonanz des Generals die Zügel von dessen Pferd hält, ist in Bremen klarer erkennbar.


    Der zweite Teil des Reliefs wurde für Bremen neu geschaffen, ist also an der Siegessäule in Berlin nicht vorhanden. Die von Keil als ‚Kampfszene’ umschriebene Darstellung zeigt im Vordergrund ein heftiges Gefecht, wobei drei preußische Soldaten besonders hervorgehoben sind: Der erste, ein Offizier, ist mit gezogenem Säbel dabei, einem französischen Fähnrich das Feldzeichen zu entwinden. Der zweite Soldat hat gerade den berittenen Befehlshaber der französischen Truppen angeschossen, dessen Pferd unter dem Letzteren bereits zu Boden gegangen ist. Der dritte Soldat schließlich befindet sich in einem dramatischen Nahkampf mit seinem französischen Gegenüber. Am linken Rand der Kampfszene steht ein französischer ‚Gemeiner’, der in seine Patronentasche greift, um sein Gewehr nachzuladen. Im Hintergrund des Ganzen sind eine Mauer und ein Tor zu erkennen. Die geschilderte Szenerie scheint den Kriegsverlauf der Jahre 70/71 in geraffter Form symbolisieren zu sollen: Das Kampfgetümmel ist dabei als pars pro toto des Krieges zu verstehen. Mit dem samt seinem Pferd zu Boden gegangene französische Offizier scheint der infolge der Niederlage bei Sedan gestürzte Napoleon III. gemeint zu sein, während der nachladende Soldat auf die beginnenden Materialengpässe bei de Franzosen hinweisen soll. Mauer und Tor im Hintergrund ähneln in derart auffälliger Weise denjenigen des Forts d’Ivry, einer zum Verteidigungsring der französischen Hauptstadt zählenden Zitatelle, daß hier von einer Identität ausgegangen werden kann. Fort d’Ivry wurde nun aber am 29.01.1871 an die Deutschen übergeben und bereits zwei Tage später trat der Waffenstillstand in Kraft. Mit der Positionierung des Getümmels vor dieser Kulisse wollte Keil somit wohl auf das Ende des Krieges anspielen.


    Der dritte Teil des Reliefs, die ‚Verwundetenpflege’ ist fotografisch nur mit ihrer äußersten rechten, an die beschriebene Kamfpszene links angrenzenden , Kante dokumentiert, wobei eine Frau mit Haube (möglicherweise eine Diakonisse) einem barhäuptigen Soldaten mit einem Tuch die Stirn abtupft. Neben ihr scheint eine Schiebkarre mit Verbandsmaterial zusehen.


    Zum vierten Teil, die Entwaffnung französischer Gefangener durch die deutschen Truppen darstellend, liegen leider überhaupt keine Fotografien vor.


    3. Denkmalsfigur


    Ob die auf dem Postament stehende und dem gesamten Denkmal seinen Namen gebende (‚Kriegerdenkmal’) Figur des siegreichen, auf französischen Feldzeichen stehenden Kriegers die Abzeichen des Bremer Regiments erhalten hat, so wie Keil es in seinem Schreiben an den Senat 1873 vorschlug, kann in Ermangelung entsprechen aussagekräftiger Fotografien nicht abschießend beurteilt werden. Allerdings wäre eine ‚75’ auf den Schulterklappen des Soldaten tatsächlich kein aufwändiger Zusatz gewesen. An sonstigen ‚Abzeichen’ des jungen Mannes fallen natürlich das eiserne Kreuz am Bande, getragen auf seiner linken Brust, sowie sein markanter Schnurrbart auf. Hinsichtlich der Komposition der Figur - bei welcher es sich aufgrund des Aussehens von Helm, Koppel und Degen-Scheide um einen Unteroffizier handeln muß - mit der Fahne in der Linken und dem gezogenen Degen in der Rechten, sowie dem forschen Voranschreiten, könnte man sich an das berühmte Gemälde von Carl Röchling- Friedrich der Große in der Schlacht bei Zorndorf erinnert fühlen – wenn dieses Kunstwerk nicht erst 1904 und damit knapp dreißig Jahre nach dem Bremer Denkmal entstanden wäre !


    Eine (abgesehen von den mutmaßlichen Bremer ‚Abzeichen’ – und dem etwas zerschossenerem Fahnentuch) unveränderte Zweitausführung dieser ‚Kriegerfigur’ schuf Keil übrigens für den heutigen Wuppertaler Ortsteil Cronenberg, die aber, ebenso wie die Bremer Version der Metallsammlung des 2. Weltkriegs zum Opfer fiel.


    4. Inschrift


    Unterhalb des umlaufenden Reliefs waren auf dem Postament noch die Namen der 57 gefallenen oder an ihren Wunden verstorbenen Soldaten des Regiments, sowie der Name einer zu Tode gekommenen Krankenschwester eingraviert. Die mittig angebrachte Widmungsinschrift lautete: „Den im Krieg wider Frankreich gefallenen Bremern“.


    5. Sonstiges und Werdegang


    Kriegerfigur und Relief wurden bei Gladenbeck in Berlin gegossen. Der zylindrische Granitsockel bestand aus Granit.


    Die Kombination von zylindrischer Trommel und der auf dieser stehender Figur erinnerte von der Struktur her schon ein wenig an die Berliner Siegessäule, sodaß man in Anlehnung an die ‚Goldelse’ hier auch vom ‚Kupferfidi’ sprechen könnte.


    Das Denkmal wurde am 5. Dezember 1875, dem Tag an dem 1870 das Regiment in Orleans eingezogen war, unter reger Anteilnahme der Bevölkerung eingeweiht.


    Seither entwickelte es sich zu einem beliebten Treffpunkt und Fotomotiv für die Bremer und ihre Gäste und war auch ein echter Blickpunkt innerhalb der Wallanlagen, der mit dem Abbau der Metallteile am 6. Juni 1942 und der nachfolgenden Beseitigung des Granitsockels verlorenging.


    Aufgrund der Veränderung der Wegeführung auf der St.Angari-Bastion in der Nachkriegszeit ist der heutige Platz auf der Kuppe nicht mehr mit dem Standort des Denkmals gleichzusetzten. Der letztere befindet sich heute etwas südlich der Kuppe unter einer Rasenfläche.




    So – und nun wissen Sie, liebe Forumsfreunde, was es mit dem Herrn Prinzregenten Luitpold auf der St.-Ansgari-Bastion auf sich hat. ;)



    ABBILDUNGEN:




    Beispiel für die Memoiren-Literatur zum Thema 75er und 70/71.


    Lage des Denkmals auf der St.Ansgari-Bastion auf derStadtkarte von 1938 (rot markiert).




    Vergrößerte Ansicht mit den Parkwegen auf der Bastion.




    Siegessäule auf dem Berliner Königsplatz.



    Schreiben Karl Keils an Senat und Bürgerschaft der Freien Hansestadt Bremen (rot markiert).
    (In: Verhandlungen zwischen dem Senate und der Bürgerschaft vom Jahre 1873. Bremen, 1874: Carl Schünemann, S.315.)




    Vergleich der ‚Optik’ des Sockels der Siegessäule mit dem Bremer Denkmal.




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  • Die ‚Szene vom 1. September’ im Vergleich: Oben Bremen, unten Berlin.



    Die berittenen Paladine: oben in Bremen, räumlich getrennt vom König; unten in Berlin, im Pulk mit dem Monarchen.



    Identifizierung der Dargestellten.



    Die Übergabe des Kapitulationsschreibens Napoleans III. auf dem Bremer Relief.



    Karte der Schlacht von Sedan mit dem rot hervorgehobenen Ort der Szene der Briefübergabe durch General Reille.



    Aktuelles Luftbild des Bereichs mit dem eingetragenen Standort König Wilhelms.



    Der ‚Feldherrnhügel’ in der Gegenwart. Diesen Hang schritt Genaral Reille hinauf.



    Gemälde aus dem Jahre 1884 von Carl Steffeck für die Ruhmeshalle des Berliner Zeughauses.
    Historisch korrekt, begegnen sich Wilhelm I. und Reille zu Fuß.



    Detail der Reille-Szene des Bremer Reliefs. Der zweite von Links ist der damalige Prinz und spätere Prinzregent von Bayern, Luitpold !



    Das Luitpold-Porträt auf dem Bremer Relief im Vergleich mit einer Porträtfotografie des Prinzen aus dem Jahre 1861.


  • Die Kampf-Szene des Bremer Reliefs.



    Detail mit dem Portal des Forts d’Ivry im Hintergrund links.



    Die Übergabe des Forts d’Ivry am 29.01.1870.



    Vorfeld des Portals des Forts d’Ivry auf einer historischen Postkarte.



    Portal des Forts d’Ivry in der Gegenwart.



    Vorfeld des Portals in der Gegenwart.



    Luftbild des Portals in der Gegenwart.



    Luftbild von Fort d’Ivry innerhalb seines gegenwärtigen städtischen Umfeldes.



    Lage des Forts in Bezug zur Pariser Innenstadt (links oben).


  • Die Bremer Kriegerfigur aus drei verschiedenen Perspektiven.
    (Historische Ansichtskarten.)



    Vergrößerungen aus einer derAnsichtskarten, zur Verdeutlichung der Details.





    Der Keil’sche Krieger und derRöchling’sche Friedrich.



    Die eingravierten Namen der Kriegstoten auf dem Sockel in Bremen.


  • Das Denkmal als Zielpunkt von Sichtachsen in den Wall-Anlagen.
    (Historische Ansichtskarten.)






    Das Denkmal als beliebtes Fotomotiv der Bremer.



    Die Zweitversion der Kriegerfigur in Cronenberg.
    (Archiv des Cronenberger Heimat- und Bürgervereins.)



    Gedenkblatt zur Enthüllung des Bremer Denkmals im Jahre 1875.
    (Deutsches Historisches Museum).



    Luftbild der St.Ansgari-Bastion in ihrer gegenwärtigen Form mit überlagert eingetragenen Wegeverbindungen aus der Stadtkarte von 1938.



    Aktuelles Luftbildder Wallanlagen. In der Bildmitte die St.Ansgari-Bastion.



    Aktuelles Luftbildder St. Ansgari-Bastion.