Bremen - Das Erbe der 75er in Architektur und Bildender Kunst

  • Buddenbrocks Schatten in der Oberen Rathaushalle


    Die Frage, ob Thomas Mann anläßlich seiner während der 20er Jahre gehaltenen Autorenlesungen in Bremen auch die Obere Rathaushalle besichtigte, ist hier nur insofern von Interesse, als ein solcher Besuch eventuell die Wiederholung eines in Kinder- und Jugendtagen erfolgten Aufenhaltes sein könnte – von dem allerdings bisher nichts bekannt ist. Dem Knaben oder Jüngling wäre in diesem Fall sicherlich von den bremischen Ciceronen das seit Ende 1884 in der Halle aufgestellte Gemälde der Schlacht von Loigny intensiv erläutert und auf die wichtige Rolle des 75er Majors Buddenbrock für den siegreichen Ausgang der Schlacht hingewiesen worden sein. Der prägnante Name mag dann dem jungen Herrn Mann im Gedächtnis haften geblieben und später bei der Namenswahl der Protagonistenfamilie seines 1901 erschienenen Kaufmannsromans leicht verfremdet (-brook statt brock) zum Einsatz gekommen sein. Ein Indiz dafür, daß dies keine reine Spekulation sein mag, ist die Tatsache, daß sich der Nobelpreisträger auch bei seiner Novelle ‚Tristan’ Bremischer Namen bediente, denn die in der Hansestadt an der Weser verheiratete Gabriele Klöterjahn ist ja eine geborene Eckhoff, ein Name, der auch heute noch in Bremen prominent vertreten ist.


    Anders als beim Kriegerdenkmal auf der Ansgari-Bastion, welches ja zuvörderst der Ehrung der Toten des Regiments diente, wollte der Senat der freien Hansestadt Bremen mit dem im ‚Herz der Polis’ - der Oberen Rathaushalle’ – aufzuhängenden Gemälde, den größten militärischen Beitrag der 75er zum Gelingen des deutschen Sieges von 70/71 würdigen. Das Kunstwerk stammt vom Maler Emil Hünten, der ja auch das Gemälde von der Schlacht bei Königgrätz für die Ruhmeshalle im Kgl. Zeughaus in Berlin geschaffen hat.


    Weniger das Gemälde, als der von Johann Georg Poppe entworfene üppige Rahmen sorgte schon nach kurzer Zeit für eine intensive – und unter reichsweiter Aufmerksamkeit geführte -Diskussion, denn der Rahmen war als ‚Startsignal’ der von der Julius-Rohland-Stiftung geförderten, von Arthur Fitger befürworteten und Poppe konzipierten kompletten Umgestaltung der Nordwand der Halle gedacht. Im Ergebnis wurde auf diese Umgestaltung weitestgehend verzichtet und bis zum Jahre 1903 nur eine Vertäfelung der Wände und ein neues Ratsgestühl realisiert. Der majestätische Rahmen blieb somit Rudiment einer nicht umgesetzten Planung. Bereits Ende der 20er Jahre wurde er dann bis auf die unmittelbar das Gemälde umgebenden Leisten wieder entfernt. Das ausschlaggebende Argument war wohl, daß man die dahinterliegende und vom Rahmenaufbau verdeckte Wandinschrift von 1532 mit der Stadtchronik wieder sichtbar machen wollte. Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Gemälde selber entfernt und durch eine Inschrift ersetzt, die die oberhalb befindliche Chronik bis in die Gegenwart fortführte. Das im Eigentum des Kunstvereins Bremen befindliche Gemälde überstellte man als Dauerleihgabe in den Traditionssaal der Scharnhorst-Kaserne in Bremen-Huckelriede, wo es sich nach einer Renovierung im Jahre 2018 nach wie vor befindet.


    Zweifellos ist die Bewertung des Rahmens von Poppe eine Geschmacksfrage gewesen. Aber da er die hinter ihm liegende Chronik nicht beschädigte, sondern nur verdeckte, würden sicher Viele heute mit ihm leben können. Er würde bestimmt mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, als es die – für die meisten aufgrund der altertümlichen Sprache und Schrifttypen eh nicht lesbare – Chronik gegenwärtig tut (von der unspektakulären Fortsetzung ganz zu schweigen). Und auch das Hünten Gemälde würde heute als historisches Dokument sicherlich eine größere Toleranz erfahren, als sie die 50er Jahre aufzubringen vermochten.


    Aber, ganz verschwunden ist das Gemälde aus der Oberen Rathaushalle doch nicht, denn bei der Reduzierung des Rahmens in den 20er Jahren, meinte man, die das Bild unmittelbar umgebenden Leisten rechts und links mit Rollwerk ‚auffangen’ und optisch ‚stützen’ zu müssen. Dieses Rollwerk stellt – wohl – eine Kopie von Elementen der Poppe’schen Wandvertäfelung an anderen Stellen der Oberen Rathaushalle dar. Bei der Entfernung des Gemäldes nach dem Kriege und der Übertäfelung der nun leeren unteren Fläche des Gemäldes (die obere wurde ja mit der Chronik-Fortsetzung bestückt), beließ man diese beiden Rollwerke an ihren Stellen, die somit nun einen ‚redenden Schatten’ stützen: Buddenbrocks Schatten !



    Abbildung 01
    Lage der Oberen Rathaushalle auf der Stadtkarte von 1938.




    Abbildung 02
    Schnitt durch das ‚Alte Rathaus’ mit rot markiertem Loigny-Gemälde an der Westecke der Nordwand der oberen Halle.




    Abbildung 03
    Foto von Gemälde und Rahmen.
    (Landesamt für Denkmalpflege Bremen)





    Abbildung 04
    Foto mit Nahansicht.
    (Landesamt für Denkmalpflege Bremen)




    Abbildung 05
    Druckblatt des Gemäldes.




    Abbildung 06
    Beschreibung des Gemäldes in Scheller’s Führer durch Bremen, 16. Auflage, S.19 und 21.




    Abbildung 07
    Emil Hünten mit seinem Königgrätz-Gemälde für das Kgl. Zeughaus in Berlin.




    Abbildung 08
    Johann Georg Poppe, nach dessen Entwurf der Rahmen gefertigt wurde.




    Abbildung 09
    Ein Verriß von Rahmen und Gemälde durch einen offensichtlichen seinerzeitigen Gegner von Poppes Werk, den Architekten Johann Rippe, in der Deutschen Bauzeitung vom 6. Juni 1896, S.292-293.



  • Abbildung 10
    Die obere Rathaushalle im Zustand zwischen 1884 (der Aufstellung von Gemälde und Rahmen) und 1903 (der Fertigstellung von geschnitzter Holzvertäfelung und Ratsgestühl). Man erkennt im Hintergrund das Loigny-Bild mit seinem Aufbau. Die zu sehende ‚Täfelung’ ist lediglich gemalt. Augenfällig sind auch die von Johann Rippe bemängelten dunklen Vorhänge vor den Westfenstern der Oberen Halle.



    Abbildung 11
    Gemälde und Rahmen im Zusammenspiel mit der neuen Vertäfelung nach 1903. Historische Ansichtskarte.




    Abbildung 12
    Der vereinfachte ‚Rahmen’ nach 1930.




    Abbildung 13
    Der gegenwärtige Zustand nach Entfernung des Gemäldes.




    Abbildung 14
    Der Blick in die Gegenrichtung, mit noch komplettem Poppe-Rahmen an der linken Bildkante. Im Hintergrund das neue Ratsgestühl von 1903.



    Abbildung 15

    Der Blick zum Ratsgestühl in der gegenwärtigen Fassung. Links im Bild kann man – angeschnitten – einen Teil des Fotsetzungs-Textes der Stadtchronik sehen. Die Aufnahme entstand anläßlich einer Tagung des Bremer Tabakkollegiums.




    Abbildung 16
    Die die obere Hälfte des ehemaligen Platzes des Gemäldes gegenwärtig einnehmende Fortsetzung der Stadtchronik.



    Abbildung 17
    Das Loigny-Gemälde wird 2018 in der Scharnhorst-Kaserne für eine Restaurierung vorbereitet.
    (Bildquelle: Der unten angefügte Link der Bundeswehr)



    Abbildung 18

    Das ‚Stütz-Rollwerk’ des Gemäldes nach 1929/30 (blaue Pfeile kennzeichnen die Vorbilder, rote die Kopien) und der gegenwärtige 'Schatten Buddenbrocks’.




    Hier der ‚Link’ zu den Restaurierungsarbeiten in der Scharnhorst-Kaserne:
    https://www.facebook.com/27831…09/posts/596634534036798/

  • Hier noch zwei Links mit weiterführenden Informationen zu Major Buddenbrock und seiner Familie:


    https://de.wikipedia.org/wiki/…(General,_1815)#Literatur


    https://www.wikiwand.com/de/Buddenbrock_(Adelsgeschlecht)


    In der Tat hätte der Name 'Buddenbrock' Thomas Mann somit auch in einem anderem Kontext über den Weg laufen können. Aber die oben geschilderte Variante von Oberer Rathaushalle und 75ern ist deswegen nicht vollkommen ausgeschlossen...

  • Die folgende Abbildung ist zwar leider kein Porträtfoto von Friedrich von Buddenbrock, aber dafür illustriert sie die enge Verbindung des Regiments mit dem Bremer Stadtbild... ;)

  • Schilderhäuschen

    Durch die zur Erfüllung ihrer Wachdienste notwendigen Schilderhäuschen, die in gewisser Hinsicht eine Form von ‚ephemerer’ Architektur darstellen, waren die 75er in vielen Teilen der inneren Bezirke im Stadtbild präsent. Die schwarz-weiß gestreiften (die 75er waren integraler Bestandteil der Kgl. Preußischen Armee) Wachbüdchen mit rotem Dach standen dabei nicht nur vor der Kaserne am Neustadtswall und der Hauptwache am Ostertor (heute Gerhard-Marcks-Haus), sondern auch vor den Wohnhäusern von Mitgliedern des Senats.


    Abbildung 01
    Wachposten am Haupttor vor Kaserne I am Neustadtswall (letzterer im Hintergrund sichtbar). Schilderhaus, sowie der Bereich zum Präsentieren waren aufgebockt – wohl wegen des vielen Regens in Bremen… ;)



    Abbildung 02
    Wachablösung an der Hauptwache. Die neue wachhabende Abteilung war vorher von der Kaserne kommend über die Große Weserbrücke angerückt – in diesem Falle ohne klingendes Spiel. Rechts vom wintergartenartigen Unterstand an der Westseite der Hauptwache kann man den hochgestellten Schlagbaum erkennen, welcher im Bedarfsfall den Zugang zur Altstadt absperren konnte. Dieser dürfte in den bremischen Farben rot und weiß gehalten gewesen sein.




    Abbildung 03
    Eine wachhabende Abteilung präsentiert sich dem Photographen. Sogar der unmittelbar diensthabende Soldat hat dazu sein Häuschen verlassen…




    Abbildung 04
    Blick aus Richtung Altstadt in den Ostertorsteinweg hinein. Ganz rechts zwei Wachposten vor dem Schilderhäuschen.




    Abbildung 05
    Wachposten vor dem Haus Mathildenstraße Nr.82. Hier wohnte seinerzeit ein Mitglied des Senats.


  • Beteiligung an Denkmalseinweihungen


    Selbstredend waren die 75er am Zeremoniell der Enthüllungen der beiden Bremer Hohenzollern-Denkmäler beteiligt: So bildeten sie sowohl am am 18.10.1893 für das von Robert Bärwald geschaffene Denkmal Kaiser Wilhelms I. vor dem Bremer Rathaus, als auch am 22.03.1905 für das von Louis Tuaillon gestaltete Denkmal Kaiser Friedrichs III. im Parkviertel den militärischen Rahmen.


    Bei den Feierlichkeiten werden mit Sicherheit die beiden vom Regiment verwendeten Märsche zu Gehör gebracht worden sein: Der Mollwitzer und der Marsch von Wilhelm Friedrich Graf von Redern.


    Abbildung 01
    Enthüllungsfeier 1893. Rechts im Bild erkennt man die zur Ehrenbezeugung für S.M. den Kaiser geneigte Regimentsfahne - es ist wohl der Augenblick dargestellt, in dem das 'Heil Dir im Siegerkranz' intoniert wurde.



    Abbildung 02
    Enthüllungsfeier 1905. Parade des Regiments vor S.M. dem Kaiser.






  • Gandhi ersetzt Beleg für Nachhaltigkeit




    Oder:


    Werdegang der Bataillonsfahnen der 75er


    Im ursprünglich als Empfangszimmer des Präsidenten des Senats genutzten, heute als ‚Gobelin-Zimmer’ bekannten Raum im 1. Obergeschoß des von Gabriel von Seidel entworfenen Neuen Rathauses befindet sich gegenwärtig eine Büste des Gründervaters des unabhängigen Indien: Mahatma Gandhi. Nichts gegen den Anwalt des gewaltfreien Widerstandes, aber seine Büste ersetzt hier historische Objekte, die eine engere Verbindung mit der Geschichte der Freien Hansestadt Bremen haben, als sie Gandhi je haben konnte. Der Werdegang dieser aus dem Rathaus entfernten Objekte soll im Folgenden nachgezeichnet werden.


    Anfang November 1866 befahl König Wilhelm I., daß – u.a. - für das am 27. September 1866 in Stettin aus Kompanien pommerscher Regimenter neu gebildete Regiment 75 die erforderlichen Bataillonsfahnen angefertigt werden sollten.
    (Quelle: Königliches Kriegsministerium: Geschichte der Königlich Preußischen Fahnen und Standarten seit dem Jahre 1807. Zweiter Band. Berlin 1889: Ernst Siegfried Mittler und Sohn, S.223.)



    Daraufhin wurden einer oder mehrere der laut dem Berliner Adressbuch für das Jahr 1866 in der Luisenstadt (Schumann),in Kreuzberg (Berger, Brunkal, Dworzaczeck), in Moabit (Hoffers) und in Charlottenburg (Gropius) angesiedelten Fahnenmaler mit der Herstellung der Fahnentuche beauftragt.
    (Quelle: Königliches Kriegsministerium: Geschichte der Königlich Preußischen Fahnen und Standarten seit dem Jahre 1807. Erster Band. Berlin 1889: Ernst Siegfried Mittler und Sohn, S.104.)



    Die Gestaltung der Fahnentuche folgte dem noch aus der Zeit der Befreiungskriege stammenden und von König Friedrich Wilhelm III. entworfenen Muster.



    Mit dem Guß und der Gravierung der Fahnenringe - und wohl auch der Spitzen – wurde die Hof-Bronzewaren-Fabrik Imme & Sohn in der Kommandantenstraße nahe dem Dönhoffplatz betraut. Wer die Fahnenstangen lieferte wäre noch zu klären.
    (Quelle: Königliches Kriegsministerium: Geschichte der Königlich Preußischen Fahnen und Standarten seit dem Jahre 1807. Zweiter Band. Berlin 1889: Ernst Siegfried Mittler und Sohn, S.223.)




    Fahnenring des II. Bataillons.
    (Eigenes Foto vom 26.05.2012.)




    Über ein halbes Jahr später fand am 2. Juli 1867 im Marmorsaal des Potsdamer Stadtschlosses die feierliche Nagelung der drei Bataillonsfahnen unter Beteiligung König Wilhelms I. und des Regimentskommandeurs Oberst Friedrich Freiherrn von Buddenbrock statt.
    (Quelle: Königliches Kriegsministerium: Geschichte der Königlich Preußischen Fahnen und Standarten seit dem Jahre 1807. Zweiter Band. Berlin 1889: Ernst Siegfried Mittler und Sohn, S.230-231.)



    Historischer Stich der Nagelung am 2. Juli 1867 im Marmorsaal des Potsdamer Stadtschlosses.



  • Am darauffolgenden Tage, dem 3. Juli 1867, wurden die Fahnen im Potsdamer Lustgarten von einem Geistlichen der Garnisonkirche geweiht.
    (Quelle: Königliches Kriegsministerium: Geschichte der Königlich Preußischen Fahnen und Standarten seit dem Jahre 1807. Zweiter Band. Berlin 1889: Ernst Siegfried Mittler und Sohn, S.231-233.)






    Der Ort der Weihe der 75er-Fahnen: Der Lustgarten zwischen Schloß und Marstall. Das Denkmal des Soldatenkönigs, welches auf diesem Foto zu sehen ist, gab es 1867 natürlich noch nicht.



    Historischer Stich einer Fahnenweihe im Lustgarten von 1882. Die dargestellte Zeremonie dürfte derjenigen von 1867 weitestgehend entsprochen haben. Im Hintergrund erkennt man Kaiser und König Wilhelm I.




    Nachdem Oberst von Buddenbrock den Transport der neuen Fahnen von Potsdam nach Harburg organisiert hatte, konnten die Bataillone des Regiments ihre neuen Paniere am 11. Juli auf dem Exerzierplatz am Schwarzenberg bei Harburg in Empfang nehmen.


    Wappen der Freiherrn von Buddenbrock (als Substitut für ein nicht auffindbares Porträtfoto).




    Luftbild des – heute - von bewaldeten Hängen umgebenen Schwarzenbergplatzes bei Harburg, dem seinerzeitigen Exerzierplatz der preußischen Garnison in Harburg.



    Ansicht des Exerzierplatzes (im Vordergrund) und der 1871 errichteten Schwarzenberg-Kaserne auf einer historischen Ansichtskarte. Zum Zeitpunkt der hier stattfindenden Übergabe der Fahnen gab es das Gebäude somit noch nicht.




    Aufgrund der am 27. Juni 1867 zwischen Preußen und der Freien Hansestadt Bremen abgeschlossenen Militärkonvention wurde das 1813 gegründete ‚Bremische Feldbataillon’, welches das Kontingent der Stadt für das Heer des Deutschen Bundes gewesen war, aufgelöst und Teile von Mannschaften und Offizieren in das Regiment 75 übernommen. Das in Bremen stationierte I. Bataillon hielt mit seiner Fahne am 1. Oktober 1867 seinen Einzug in der Stadt und nahm sein Quartier in der Kaserne (‚nachmalig Kaserne I’) am Neustadtswall.




    Gemäß den Vorschriften der Preußischen Armee wurden die Regimentsfahnen in den Diensträumen oder der Privatwohnung des ranghöchsten Offiziers am Standort verwahrt. Die Fahne des I. Bataillons wird somit in der Kaserne oder dem Wohnhaus von Oberst v. Buddenbrock aufgestellt gewesen sein – ganz ähnlich wie die auf dem folgenden Foto zu sehende, in ihrem Wachstuch-Fahnensack im Sternsaal des Berliner Schlosses präsentierte Garde-Fahne (roter Pfeil).


  • Fahnensack der preußischen Armee.



    Metallene Spitze eines Fahnensacks.



    Im Kriege 1870/71 wurden die Regimentsfahnen am 17. November 1870 bei Dreux erstmals von ihren schützenden Fahnensäcken entblößt und dem gegnerischen Kugeln ausgesetzt. Dort erlitt die Fahne des II. Bataillons auch prompt ihre ersten Beschädigungen. Am 8. Dezember erhielt sie bei Messas neue Treffer. Die Fahne des III. Bataillons wurde bei Beaugengy-La Feularde besonders hart getroffen, wobei auch ihre Spitze abgeschossen wurde. Am 9. Januar 1871 wurde schließlich nochmals das Fahnentuch des II. Bataillons bei Sceaux durch Schüsse weiter lädiert und beim Gang durch ein dichtes Gehölz stark zerrissen.



    Am 16. Juni 1871 wurde den Fahnen des Regiments zur bleibenden Erinnerung an die Teilnahme am Feldzug durch Kaiser Wilhelm I. das Eiserne Kreuz in der Spitze und auf der Überzugkappe verliehen.
    (Quelle: Kameradschaftsbund der 75er. Bundes-Organ. Ausgabe Ende April 1927, S.168.)


    Links die alte Fahnenspitze von 1867 mit dem Monogramm Wilhelms I.. Rechts die 1871 verliehene neue mit dem Eisernen Kreuz (hier: Muster von anderen Einheiten)



    Fahnenspitze mit Eisernem Kreuz des II. Bataillons.
    (Eigenes Foto vom 26.05.2012.)




    Im Jahre 1895 wurde den drei Bataillonsfahnen von Kaiser Wilhelm II. das in den Reichsfarben gehalteneFahnenband zur Kriegsgedenkmünze verliehen, wobei das I. Bataillonn 13, das II. 14 und das III. 12 Gefechtsspangen erhielt.


    Muster eines derartigen Fahnenbandes, mit Gefechtsspangen und Troddel.


    Auf diesem Muster-Foto ist die Troddel sehr schön zu erkennen.



    Anläßlich des Jahrhundertwechsels wurden an alle Preußische Infanterie-Regimenter sog. 'Centenarbänder' ausgegeben, welche auf den Rückseiten der Spangen zum einem das Datum des Gründungstages des jeweiligen Regiments (hier wäre das also der 27. September 1866)und zum anderen das Datum des 1. Januars 1900 eingraviert führten. Auf der Vorderseite waren zum einen die preußische Königskrone über dem Monogramm Wilhelms II. und zum anderen die heraldische Krone des Kaiserreichs zu sehen. Das Centenarbänder sollten den engen Zusammenhalt aller Teile des preußischen Heers symbolisieren. (Hier: Muster-Foto).





    Centenarband und Spangen des II. Bataillons.
    (Eigenes Foto vom 26.05.2012.)



    Vorderseite der Spange mit Königskrone und Monogramm. II. Bataillon 75er.
    (Eigenes Foto vom 26.05.2012.)



  • Nach 36 Dienstjahren (und mehreren Monaten gegnerischem Feuer) waren die alten – gemalten- Fahnentuche einfach nur noch verschlissen, wie das folgende Foto beweist.


    Sie wurden deshalb von den Fahnenstangen abmontiert und ins Kgl. Zeughaus nach Berlin überwiesen, wo sie im 1. Obergeschoss, am Bogen zwischen Joch 36 und 37 angebracht wurden.



    Möglicherweise kann man auf der folgenden historischen Ansichtskarte, welche den im benachbarten Joch gelegenen Andenkenraum für Kaiser Wilhelm I. zeigt, oben links das am Bogen angebrachte Fahnentuch des I. Bataillons der 75er erkennen, welches am geringsten beschädigt und verschlissen war.



    Nach den Erfahrungen mit der geringen Haltbarkeit bloß gemalter Fahnentücher und infolge des Bestrebens Wilhelms II., das während der spärlichen Verhältnisse der Befreiungskriegszeit entstandene Fahnenmuster Friedrich Wilhelms III. durch Muster aus der Zeit des Großen Königs zu ersetzten und damit in – sozusagen – nachhaltiger Weise an den Traditionen der ‚Alten Armee’ (vor Jena und Auerstedt) anzuknüpfen, führte dazu, daß man 1904 einen oder mehrere Berliner Stickerei-Betriebe mit der Anfertigung der neuen drei Bataillonsfahnen betraute. Es waren dies der Lette-Verein am Viktoria-Luise-Platz Nr.6, die Firma ‚Elisabeth v. Wedel’ in der Halleschen Straße Nr. 4 und der Betrieb von Robert Thiele in der Markgrafenstraße Nr. 27a. Letzterer dürfte aus einem – weiter unten angeführten Grunde – der Favorit für die Beauftragung mit den 75er Fahnen gewesen sein.



    So wie auf diesem Foto des Zeichensaals einer Thüringer Fahnenfabrik um 1900 dürfte auch in den genannten Berliner Betrieben an den Vorzeichnungen der Sticklinien auf den Fahnentüchern gearbeitet worden sein.
    (Bildquelle.KochGroup http://www.koch-group.de/histo…20Fahne/historisches.html)



    So wie auf diesem Foto der Stickerei einer Thüringer Fahnenfabrik um 1900 dürfte auch in den genannten Berliner Betrieben an den Fahnen gearbeitet worden sein. Zumal der Lette-Verein, seit 1902 am Viktoria Luise-Platz, bildete junge Damen aus und gab ihnen damit eine gute Grundlage für ein späteres gesichertes Einkommen.
    (Bildquelle.KochGrouphttp://www.koch-group.de/histo…20Fahne/historisches.html



    Foto der 1904 in Berlin gefertigten neuen Fahne des II: Bataillons der 75er.
    (Eigene Aufnahme vor 2007.)





    Nagelung und Weihung der neuen Fahnen im Innenhof des Kgl. Zeughauses – unter Beteiligung von Kaiser Wilhelm II. und Konsistorialrat Wölfing. Im Hintergrund: Die Freitreppe zur Ruhmeshalle.





    Übergabe der neuen Bataillonsfahnen an das Regiment, anläßlich der Kaiserparade am 5. September 1904 auf dem Luruper Feld bei Altona.



    Paradeaufstellung der beiden Bremer Fahnen (I. und II. Bataillon)gemeinsam mit der Stader Fahne (III: Bataillon). Bei der Erneuerung der Fahnentücher blieben die Fahnenstöcke und die verliehenen Fahnenbänder unangetastet. Neckisch an dem Foto ist, daß man – wohl wegen Windstille – die oberen rechten Ecken der Fahnentücher mit Fäden versehen und Letztere dann zu einem Fenster gezogen hat, von welchem aus die Fahnen – durch ein Loch im Vorhang – dann unsichtbar in Facon gehalten werden konnten…


  • Im Jahre 1912 wurde die Firma P. Bessert-Nettelbeck, ansässig in der Berliner Markgrafenstraße Nr. 27a, vom Bremer Senat mit der Anfertigung von drei Fahnenbändern für die Bataillonsfahnen beauftragt, welche die besondere Verbundenheit der Stadt mit dem Regiment symbolisieren sollten. Der Senat mag diese Firma möglicherweise deshalb beauftragt haben, weil die Fahnentücher 1904 höchstwahrscheinlich von Robert Thiele angefertigt worden waren, der auch für Bessert-Nettelbeck arbeitete. Man kannte sich also eventuell schon gegenseitig. Besonderes Gewicht legte der Senat auf die Darstellung des ‚Hanseatenkreuzes’ – welches für die Bremer Truppen während der Befreiungskriege gegen Napoleon eine besondere Rolle gespielt hatte – auf den Fahnenbändern. Und S.M. Kaiser Wilhelm II. äußerste sich im Übrigen persönlich sehr erfreut über diese ‚Geschenk-Initiative’ des Senats.


    Totalansicht des Fahnenbandes der III. Kompanie.
    (Quelle: Schwedenspeicher-Museum Stade.)


    Detailansichten der unteren Enden des Fahnenbandes der II. Kompanie.
    (Eigene Fotos vom 26.05.2012.)






    Der Sinn des Datums auf der Spange an der oberen Schleife der Fahnenbänder (‚..3.Aug.1911') ist noch zu klären.
    (Eigene Fotos vom 26.05.2012.)




    Rechnungsschreiben von Bessert-Nettelbeck an den Bremer Senat.


    Klebe-Marke der Firma Bessert-Nettelbeck.



    Fahnenträger einer Bataillonsfahne der 75er, bereits mit dem neuen Band des Bremer Senats.


  • Zu Beginn des 1. Weltkrieges verließen die Fahnen ihre Garnisonsstädte Bremen und Stade und folgten dem Regiment an die Front. Bei dem Ort Ourscamp verblieben sie dann bis Dezember 1914.



    Da sie infolge des Stellungskrieges funktionslos geworden waren, verbrachte man die Fahnen – nur minimal an Stangen und Tüchern beschädigt – zurück in die Heimat. Sie wurden dann bis Kriegsende im Gebäude des Generalkommandos des IX. Armeekorps in Altona (Palmaille 67-71) verwahrt.



    1916 erhielten die Fahnen vom Senat noch Fahnenbänder mit dem Bremischen Hanseatenkreuz (der während des 1. Weltkrieges geschaffenen Kriegsauszeichnung der Freien Hansestadt Bremen) verliehen.
    Fahnenband mit Hanseatenkreuz des III. Bataillons.
    (Quelle: Schwedenspeicher-Museum Stade.)


    Nach Kriegsende wurden die drei Fahnen auf dem Wasserwege durch das ‚flachgehende Minensuchboot Nr.16 von Altona nach Bremen verbracht und am 3. September 1919 vom Hohenetorshafen ins Rathaus überstellt. Auf dem folgenden vom Alten Rathaus aufgenommenen Foto erkennt man die drei Fahnen vor dem Ratscafe, an der Ecke zum Marktplatz.



    Im Empfangssaal des Präsidenten des Senats wurden sie - in einem bereits vorhandnen Wandtisch integriert – aufgestellt.


    Stadtkarte von 1938 mit rot hervorgehobenen Neuen Rathaus.



    Vergrößerter Ausschnitt aus der Stadtkarte von 1938.



    Grundriß des ersten Obergeschosses von Neuem und Altem Rathaus. Der Empfangsraum des Präsidenten des Senats ist rot unterlegt. Der kleine blaue Pfeil weist auf die Wand, vor der der Tisch stand, in den die Fahnen integriert wurden.



    Foto des Fahnen-Tisch Arrangements.
    Auf dem Tisch lag das ‚Ehrenbuch’ des Regiments mit den verzeichneten Namen der gefallenen Regiments-Angehörigen.


    Zu besonderen Anlässen wurden die Fahnen auch noch unter freiem Himmel gezeigt. Auf dem folgenden Foto sieht man z.B. die Ehrung der Fahnen auf der Bürgerweidedurch den seinerzeitigen Standortkommandanten Bremens, Wilhelm Keitel (ja ja, den späteren ‚Lakeitel’).


  • Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Fahnen aus dem – nun Gobelinzimmer- genannten Raum im Neuen Rathaus entfernt.


    Fotomontage des gegenwärtigen Erscheinungsbildes des Raums mit dem ehemaligen ‚Fahnen-Tisch’.



    Gegenwärtige Situation: Gandhi-Büste (Antritts-Gastgeschenk eines indischen Botschafters) statt 75er Fahnen.



    Hinter diesen Fenster befindet sich der- nun - ehemalige ‚Fahnenraum’.



    Die Fahne des III. Bataillons, welches immer in Stade gelegen hatte, wurde vom Bremer Senat an die Stadt an der Niederelbe übergeben. Heute wird sie im ‚Schwedenspeicher-Museum’ (folgendes Foto) ausgestellt.



    Drapierung von Fahnentuch und Fahnenbändern in einer Vitrine im Schwedenspeicher-Museum. Der Fahnenstock ist nicht Teil der Präsentation.



    Die Fahnen des I. und II. Bataillons wurden dem in der Scharnhorst-Kaserne in Bremen-Huckelriede ansässigen Landeskommando Bremen der Bundeswehr übergeben, der die Fahne des II. Bataillons in seinem Fahnenraum, in dem auch das Loigny-Gemälde aus der Oberern Rathaushalle hängt, präsentiert.


    Luftbild der Scharnhorst-Kaserne.



    Vitrine mit der Fahne des II. Bataillons.
    (Eigene Fotos vom 26.05.2012.)




  • Die Details der Fahne…..
    (Eigene Fotos vom 26.05.2012.)





    …. sowie des Fahnenbandes von 1912 beweisen die hohe Kunstfertigkeit der Fahnensticker(innen). Und der bis heute tadellose Zustand der Fahnentücher demonstriert, daß die Entscheidung Wilhelms II. die Fahnentücher sticken zu lassen von großer Nachhaltigkeit geprägt war....

    (Eigene Fotos vom 26.05.2012.)






    Im Übrigen finde ich Ich, daß gestickte Kogge und Hanseatenkreuz deutlich engerer Beziehungen zu Bremen haben, als die Brille Gandhis… ;)

  • Gedächtniskapelle in der Bremer Garnisonkirche


    Vielen dürfte es nicht mehr so geläufig sein, daß Bremens - nach dem Dom - älteste Pfarrkirche von Unser Lieben Frauen während des Deutschen Kaiserreichs die Funktion der Garnisonkirche für das Regiment 75 innehatte (daher auch das Denkmal für Generalfeldmarschall von Moltke an ihrer West-Fassade). Als solche war sie dafür prädestiniert, nach dem Ersten Weltkrieg die Gedächtniskapelle für die toten Angehörigen der in Bremen stationierten beiden Bataillone aufzunehmen. Diese wurde im Erdgeschoß des Nordturms der Kirche eingerichtet, einem ehrwürdiger Raum, der über Jahrhunderte als sogenannte ‚Tresekammer’ die wertvollsten Dokumente des Ratsarchivs (z.B. das Linzer Diplom Kaiser Ferdinands III., welches Bremens Reichsunmittelbarkeit rechtlich feststellte) behütet hatte. Nachdem die wertvollen Archivalien kurz vor dem Kriege in das neue Archivgebäude an der Tiefer überführt worden waren, hatte der Raum einer neuen Verwendung geharrt und fand diese nun in der Aufgabe als Gedächtniskapelle. Für diesen Zweck erhielt die Tresekammer einen Durchbruch in der Südwand, der sie direkt mit dem Haupteingang der Kirche verband. Architekt des Umbaus war Otto Blendermann (einer der Erbauer der 2019 vernichteten Villa Gross an der Schwachhauser Heerstraße). Die Bildhauerarbeiten stammten von Friedrich Lommel. Zentrum des Gedenkraums war die – leere – Tumba eines toten Soldaten, der vollplastisch auf dem Deckel ruhte. An den Wänden waren auf Tafeln die Namen der Gefallenen verzeichnet. In der Ostwand zum Kirchenschiff hin war in einem Schrein oberhalb eines Altartisches das Totenbuch mit den Namen der Gefallenen hinterlegt.
    Leider hat man vor einigen Jahren gemeint diesen Zustand ändern zu müssen. Man hat Tumba und Tafeln mit Milchglasscheiben umgeben, auf denen die Namen der Toten hineingeätzt wurden. Der alte Zustand war wohl für den gegenwärtigen Zeitgeist nicht mehr tolerabel….


    Totale der Westfront der Liebfrauenkirche.




    Historische Ansichtskarte mit Moltke an der westlichen Außenwand der Tresekammer.




    Otto Blendermann, der Architekt des Umbaus der Tresekammer zur Gedächtniskapelle in den 1920er Jahren.




    Grundrisse der Tresekammer (rot hervorgehoben): Links vor und rechts nach dem Umbau zur Gedächtniskapelle (mit Durchbruch zur Eingangshalle).





    Drei historische Ansichten aus der Zeit kurz nach der Einweihung der Kapelle.






    Alle folgenden Aufnahmen stammen aus dem Jahr 2009 und wurden von mir kurz vor Beginn der Umbaumaßnahmen erstellt.




  • Und das ist der realisierte Entwurf des Umbaus: Alles 'Anstößige' ist nun mit Milchglas zugesetzt.