Hamburg - Wiederaufbau der Synagoge am Bornplatz

Im neuen Jahr bittet der Vorstand euch, frühzeitig nach neuen Bauprojektplänen in eurer Stadt Ausschau zu halten. Wo lässt sich durch traditionelle Architektur oder Rekonstruktionen euer Stadtbild verbessern? Teilt uns eure Ideen mit! Je eher wir mit Ideen an die Öffentlichkeit gehen, umso höher sind unsere Chancen, dass die Ideen von den Verantwortlichen ernstgenommen werden!
  • Gerade in München und Dresden stehen zwei besonders abschreckende Beispiele für moderne Synagogen.

    Was Dresden angeht, gebe ich dir vollkommen recht. Allerdings nicht, was München angeht, die dortige Synagoge gehört zum besten, was in München in der Nachkriegszeit gebaut wurde. Den Bau muss man im Original sehen; die Fotos geben keinen gute Eindruck davon wieder.


    P.S.: Glückwunsch an die jüdische Gemeinde in Hamburg!

  • ...was München angeht, die dortige Synagoge gehört zum besten, was in München in der Nachkriegszeit gebaut wurde. Den Bau muss man im Original sehen; die Fotos geben keinen gute Eindruck davon wieder. (...)

    Das mag schon sein. Ich stehe aber generell nicht sonderlich auf Klotzarchitektur. Auch nicht, wenn die Materialien hochwertig sind.


    Die Alte Hauptsynagoge hat mir da deutlich besser gefallen. Leider steht an ihrem Platz heute dieses architektonische Prachtstück:


    https://www.hofmann-naturstein…berpollinger-muenchen.jpg (In der rechten Bildhälfte erkennt man noch den Gedenkstein für die vernichtete Synagoge).


    Die Rekonstruktion in Hamburg wäre einfach wunderbar. Auch für das internationale Ansehen unseres Landes, ist das Projekt sehr wünschenswert. Hoffentlich wird der Bau nicht doch noch von Modernisten verwässert und zu einem Kompromiss-Zwitter verschandelt.

  • Und wieder ein neuer Bericht. :daumenoben:


    (...) Manche meinen sogar, in jedem Wiederaufbau stecke ein kryptofaschistisches Projekt, weil hier symbolhaft eine gute alte, in Wahrheit aber vordemokratische Ordnung beschworen werde.


    Der Hamburger Fall zeigt recht eindrücklich, wie rasch sich ein solcher Generalverdacht selbst ad absurdum führt. Denn wollen Nicht-Juden ernsthaft dekretieren, welches richtige Bewusstsein, welchen Geschmack ihre jüdischen Mitbürger an den Tag legen sollten? Will man ausgerechnet ihnen Nostalgie, gar Vergangenheitsklitterung unterstellen? (...)

  • Und wieder ein neuer Bericht. :daumenoben:

    Es ist ein Skandal, dass den jüdischen Mitbürgern von modernistischen Moralisten "vorgeschrieben" wird, dass diese ihre Synagoge nicht historisch wieder aufbauen sollen. Hier sollte auch der Bundesverband von Stadtbild Deutschland eindeutig Stellung beziehen.

  • Die kriegen bei dieser Nummer ja kräftig auf die Mütze, muss man sagen. Und so richtig viel offen vorgetragene Opposition kam auch noch nicht vor. Im Süddeutsche Artikel wurde eine Architektin (?) zitiert, der Zeit-Artikel kommt ganz ohne kritisches Zitat oder Quelle aus, sondern raunt von "Architektenkreisen". Nicht missverstehen, ich habe das nicht im Detail verfolgt und glaube sofort, dass die Sache manchen modernen Architekten und vielleicht auch ideologischen Architekturtheoretikern gegen den Strich geht.


    Aber richtig viel Dampf scheint da nicht hinter zu sein. Es ist beschlossen, die jüdische Gemeinde möchte es so, das Ding ist mehr oder minder durch, und das dürften die entsprechenden Personen auch wissen, zumal sie mit einem kleinen Fitzchen Selbstreflektion wohl selbst erkennen dürften, dass sie hier argumentativ ein Problem haben. Also müssen wir uns hier anders als bei anderen Rekoprojekten auch nicht seitenlang über irgendwelche Randmeinungen aufregen.

  • Hatten wir eigentlich schon diese seltsame Meinungsäußerung?

    (...) Stattdessen sollte man sich umschauen, fordert Oswalt, zum Beispiel in Dresden, wo die architekturgeschichtlich sehr bedeutende Synagoge von Gottfried Semper wieder aufgebaut wurde – „aber ganz modern“. Nach Oswalts Meinung war das eine überzeugende Rekonstruktion. (...)

    Rekonstruktion? Dieser Begriff trifft in Dresden wohl kaum zu.

    (...) Diese Art der Rekonstruktion sei ein sehr modernes und vor allem technokratisches Phänomen, das Oswalt ablehnt, denn: „Man will, dass die Fotogrammetriker anhand der Fotografien Computermodelle generieren, anhand deren dieser Wiederaufbau stattfindet. Und ein solch technisches Verständnis zur Geschichte finde ich sehr befremdlich. (...)

    Wieso sollen anhand von Photographien Computermodelle erstellt werden? Die originalen Baupläne existieren doch offenbar noch.

    (...) Die Baupläne der alten Synagoge galten bis vor Kurzem noch als verschollen, doch der Hamburger Historiker Jürgen Sielemann hat sie wieder ausfindig gemacht. (...)

  • Diese Oswalt hat keine Ahnung! Aber davon viel 😂. Jede blamiert sich auf seine Art. Der Geissen der Architekturszena.

  • Neußer

    Deutschlandfunk Kultur ist ein Radiosender. Du hättest dir das Interview anhören sollen, statt über Philipp Oswalt zu lästern. Das erste von dir aufgespießte Zitat ist eine verunglückte schriftliche Zusammenfassung der Redaktion. Oswalt hat das etwas anders gesagt. Einfach mal das Interview anhören. Oswalt findet die neue Dresdner Synagoge gut. Hier hat man am historischen Standort ein modernes Gebäude errichtet. Oswalt betont aber, dass die Juden entscheiden sollen, wie die neue Hamburger Synagoge gebaut wird. Ich ergänze: Ich habe mir die Dresdner Synagoge mal aus der Nähe angesehen. Und ja, sie hat architektonische Qualitäten. Für mich heißt das aber nicht, dass man überall das gleiche machen muss. Also meine Meinung: Man kann den Dresdner Synagogenneubau gut finden und ebenso eine Rekonstruktion der Hamburger Synagoge befürworten. Das ist meine persönliche Einstellung zu der Frage. Oswalt geht natürlich nicht so weit. Er verwahrt sich in dem Interview aber gegen die Behauptung, er sei ein grundsätzlicher Gegner von Rekonstruktionen. Weiter sagt er (hier zitiert nach der schriftlichen Zusammenfassung des Interviews):

    "Man muss da vielleicht wechselseitig moralisch etwas abrüsten", sagt Philipp Oswalt, Professor für Architekturtheorie an der Universität Kassel. Zu sagen, man müsse die Synagoge rekonstruieren, sonst hätte man Hitler recht gegeben, sei eine genauso schwierige Radikalposition, wie die von Miriam Rürup vertretene, wonach der historische Platz der Synagoge ad ultimo eine Leerstelle bleiben müsse.


    Seine Äußerung zum fotografisch getreuen Wiederaufbau sollte man in einem übertragenen Sinne verstehen. Die Menschen haben alte Bilder und wollen, dass es wieder ganz genauso aussieht. Sie versuchen also, den Inhalt eines alten Fotos in die Stadt von heute zurückzuholen. Dies erscheint Oswalt technizistisch, unkreativ, unkünstlerisch. Er selbst hatte in seiner Zeit als Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau die verlorenen Meisterhäuser rekonstruieren lassen. Sein Vorgänger im Amt hatte dieses Projekt noch abgelehnt und blockiert. Die rekonstruierten Meisterhäuser haben aber eine Unschärfe. Sie sind als Erinnerungsbauten erkennbar und von den erhaltenen Meisterhäusern nebenan unterscheidbar. Hier wurde also nicht etwas Vergangenes und Verlorenes einfach kopiert (Kopieren ist unkünstlerisch). Das ist eine Haltung, mit der man sich auseinandersetzen kann. Meine Meinung: Oswalt unterschätzt die kreative Leistung, die in einer Rekonstruktion steckt. Es ist immer ein Nachschaffen. Zudem haben eigentlich alle Rekonstruktionen eine "Unschärfe", nur zeigt sie sich meist anders als bei den von Oswalt rekonstruierten Meisterhäusern in Dessau. Beim Berliner Schloss besteht sie zum Beispiel in der neuen Nutzung als Humboldt Forum und in den modernen Architekturanteilen von Franco Stella. Jede Reko entsteht in einem Spannungsfeld zwischen verlorenen historischen Zuständen und den realen Möglichkeiten und Bedürfnissen der Gegenwart.


    Dies ist auch in Hamburg so geplant. Das Innere will die jüdische Gemeinde nach eigenen Vorstellungen gestalten. Und es soll gegebenenfalls Erweiterungsbauten geben, um Funktionen, die das jüdische Gemeindezentrum haben muss, unterzubringen. Es gehe, so der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Hamburg, Philipp Stricharz, im Interview mit der "Zeit", um jüdisches Leben hier und heute. Man wolle kein Museum sein.

    dieser Neubau ist ein deutliches Signal: Wir bauen wieder auf, was die Nazis einst zerstörten, was sie an ebenjener Stelle nicht mehr sehen wollten. Und zwar so, wie es damals war. Die in Hamburg lebenden Juden werden damit wieder sichtbar in der Stadtgesellschaft. Und das an einem zentralen Ort, den die Jüdische Gemeinde einst der Stadt abgekauft hat und auf dem sie auf ihre Kosten die Bornplatzsynagoge gebaut hat. Welche sie dann nach dem Brand von 1938 in den beiden Folgejahren – wiederum auf eigene Kosten – auf staatliche Anordnung hin abtragen musste.

    Das Projekt lässt sich gut mit dem Wiederaufbau der Königsberger Synagoge im russischen Kaliningrad vergleichen. Nähere Infos dazu habe ich im Strang "Oblast Kaliningrad" veröffentlicht. Die heutigen Kaliningrader Juden wollen nicht in das deutsche Königsberg zurück. Sie legen an Gedenktagen Kränze und Blumen an den Denkmälern für die im Sturm auf Königsberg gefallenen Soldaten der Roten Armee nieder. Der Vorwurf deutscher Rekogegner, es solle Geschichte verfälscht oder ungeschehen gemacht werden, geht dort noch mehr ins Leere als bei anderen Rekoprojekten.


    Im Zeit-Interview wird die Sicherheitsproblematik thematisiert. Teilweise erscheint das als ein vorgeschobenes Argument von Rekogegnern. In Halle (Saale) haben die Sicherheitsvorkehrungen an der historischen Synagoge am 9. Oktober 2019 einen Anschlag auf die jüdische Gemeinde verhindert. Bei der modernen Dresdner Synagoge, die ich mir vor diesem Ereignis angesehen hatte, gab es die üblichen Sicherheitsvorkehrungen, wie sie jüdische Einrichtungen in Deutschland leider benötigen. Der Eindruck, den manche Rekogegner offenbar erwecken wollen, eine Synagoge in moderner Architektursprache sei sicherer als eine historische, ist falsch.

  • Im Spiegel erschien kürzlich ein Artikel über die Bornplatzsynagoge. Um den Artikel lesen zu können, habe ich mich extra registriert. In dem relativ langen Text, sind aber so gut wie gar keine Neuigkeiten zu finden.

    (...) Die Bürgerschaft erwartet bis Jahresende Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie, doch sie ist noch gar nicht in Auftrag gegeben. Bereits vergangenes Jahr hatte der Hamburger Bundestagsabgeordnete Rüdiger Kruse (CDU) mit seinem damaligen SPD-Kollegen Johannes Kahrs im Haushaltsausschuss 600.000 Euro für die Studie freigemacht. Derzeit prüft das Bundesinnenministerium den Antrag der Gemeinde auf den Zuschuss. (...)


    Das war mir allerdings neu. Ich dachte, es liegen bald mal Ergebnisse dieser Studie vor. Aber daß sie noch gar nicht angelaufen ist,... huh:)


    Auf dem Gelände soll es wohl noch einen Bunker geben, der 2008 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Die jüdische Gemeinde würde diesen Bunker gern abreißen lassen. Das könnte also noch zum Problem werden. Dann werden im Artikel noch die üblichen Stimmen erwähnt, die gegen eine Rekonstruktion ätzen, weil man damit die Geschichte angeblich nicht wieder gut machen kann. Alles bekannt.

    (...) Rabbiner Bistritzky wirkt inzwischen leicht nervös, wenn man ihn nach dem Zeitplan des geplanten Wiederaufbaus fragt. "Jetzt ist der Moment der größten Unterstützung für unseren Traum", sagt Bistritzky, "und vielleicht ist es der einzige Moment, den wir haben."

    Damit endet der Bericht. Man kann nur hoffen, daß dieses wundervolle Projekt nun bald aus dem Quark kommt und in die Realität umgesetzt wird.

  • Heute war das Thema Bornplatzsynagoge in der Tagesschau wgn. 9.November. Auch die Thorakrone ist gefunden worden.

  • ^

    Vielleicht sollte man erwähnen, daß der Bericht über die Synagoge bei Minute 12:15 beginnt. Dann muss man sich nicht die ganze Sendung reinpfeifen. :wink:


    Wo liegt eigentlich der Sinn einer "Machbarkeitsstudie"? Da die Synagoge ja schon einmal an diesem Ort gestanden hat, ist ihr Bau doch offensichtlich machbar. Für mich klingt eine solche Studie nach unnötig rausgeschmissenem Geld.

  • Was für ein tolles Projekt. Nun, Machbarkeitsstudien sind schon sinnvoll: Es sollen Fehlinvestitionen vermieden werden und bei technischen oder finanziellen Unwägbarkeiten mögliche Alternativen aufgezeigt werden. Zum Beispiel werden unter dem Platz möglicherweise Versorgungsleitungen verlaufen die vor 80 Jahren dort nicht waren. Wie sieht es mit der Erreichbarkeit der Synagoge und der vorhandenen Gebäude aus? Es sind auch Gebäude dazugekommen, können die Abstände eingehalten werden usw. und so fort. Und falls die Finanzierung aus öffentlichen Quellen und Spenden stammen soll muss vorher schon klar sein, wie teuer das ganze ungefähr wird und man keine Riesenüberraschung erlebt.

  • Danke Benjamin. Die von Dir aufgeführten Maßnahmen sind einleuchtend und sinnvoll. Aber ich wundere mich, als Normalverdiener, immer wieder über die enormen Kosten.

    (...) Die Machbarkeitsstudie wird vom Bund mit 600.000 Euro unterstützt. (...)

    Selbst wenn damit 10 Experten, mit einem Monatsgehalt von 10.000 Euro, für 3 Monate beschäftigt sind, komme ich auf 300.000 Euro.

    Aber gut. Wenn dafür am Ende eine tolle Rekonstruktion herausspringt, soll es mir wurscht sein.


    Übrigens ist dieses Geld noch nicht bewilligt, wie ich gelesen habe. Mit dem Ergebnis der Machbarkeitsstudie kann man in diesem Jahr also nicht mehr rechnen.


    Für den Wiederaufbau wirbt auch ein kleines Video:


    https://www.abendblatt.de/hamb…einde-antisemitismus.html


    Der Bürgermeister von Hamburg setzt sich ebenfalls für die Rekonstruktion ein.

    (...) ...hatte Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) die Absicht bekräftigt, die Synagoge am Bornplatz (heute: Joseph-Carlebach-Platz) wieder aufzubauen. Er erklärte, es gehe darum, jüdisches Leben in der Stadt "zur Normalität werden zu lassen, erfahrbar zu machen auch für diejenigen, die nicht jüdisch, aber interessiert sind". "Dazu gehört der Wiederaufbau der im Nationalsozialismus zerstörten Synagoge am Bornplatz." (...)

  • Moin Neußer. Ich gebe dir recht, 600.000 € ist ne ganze Stange Geld, vielleicht findet man ja irgendwo Informationen darüber, welche Leistungen davon bezahlt werden sollen. Aber wie du es auch sagst, wenn das Ergebnis positiv ausfällt und man in ein paar Jahren dieses wunderbare Gebäude bestaunen kann, dann war das Geld gut angelegt. Ich würde auf jeden Fall etwas spenden.

  • Das macht ja Optimistisch,wenn schon mal der OB hinter dem Projekt steht.Was bei Wiederaufbauprojekten in manch anderen Städten nicht so der Fall ist.

  • Quote

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    Quelle: https://www.bornplatzsynagoge.org/mitmachen

  • Wiederaufbau in Form von 1906 oder ein zeitgenössischer Wiederaufbau? Geht nicht aus dem Video hervor.

  • Wahnsinn - wie toll

    Was 65 Millionen?? Irre!


    Die Jüdische Gemeinde will es historisch, es stand doch noch niemals etwas anderes zur Debatte!


    Die Gemeinde hatte m. E. doch schon einmal ein Simulationsvideo gemacht, das jemand hier schon mal verlinkt hatte (Youtube?)

    Da war alles, inklusive des Innenraums (was ich ganz wichtig finde!), historisch .


    Toll!