Das Kaiserreich im Rückblick

  • Ich schätze Pagentorns zeitgeschichtliche Rückblicke außerordentlich und würde mich freuen mehr in dieser Richtung hier zu erfahren.

    "Wenn wir die ehemalige Schönheit der Stadt mit der heutigen Gemeinheit verrechnen, kommen wir, so die Bilanz, aufs direkteste in den Schwachsinn." (E.H.)

  • Ich schätze Pagentorns zeitgeschichtliche Rückblicke

    Mir erscheinen sie doch meist von einem sehr naiven Geschichtsbild zu zeugen. Eine Aneinanderreihung von Einzelnen für sich durchaus positiven Errungenschaften des Kaiserreiches, aus dem Zusammenhang gerissenen Äußerungen von historischen Personen und fiktiven alternativen Geschichtsverläufen hat eher etwas mit einer Dauerwerbesendung als mit quellenbasierter historischer Forschung gemein.


    Das hat für mich wenig Erkenntniswert, zumal in Bezug auf das eigentliche Thema dieses Forums.

  • Warst du schon auf der Seite der Jahrhunderthalle?

    Danke für den Link, der sehr aufschlussreich und vertiefend ist.


    Spannend finde ich die dortige Argumentation, die Jahrhunderthalle sei eine "Brücken zwischen Generationen, Systemen...".

  • Kaiserzeitliche Wappen in Israels Hauptstadt


    Genauso atemberaubend schön wie die von Jakku Scum angesprochene Jahrhunderthalle in der Hauptstadt Schlesiens ist der große Kaminsaal im Auguste Victoria Hospital auf dem Jerusalemer Ölberg. Bemerkenswert ist der heraldische Schmuck des Raumes : So sind die die schweren Deckenbalken tragenden Konsolen mit dem Wappen der Bundesstaaten des Kaiserreichs geschmückt (zu sehen sind hier diejenigen des Königreichs Württemberg und des Großherzogtums Baden) und am Kamin erkennt man die schlicht gehaltenen Familienwappen von Kaiser und Kaiserin.

    Nur wenige hundert Meter Luftlinie vom ehem. Standort des Tempels sowie der Grabeskirche des Herrn entfernt wird also die Erinnerung an das Deutsche Kaiserreich gepflegt und in sehr gutem Zustand gehalten.


    Foto des Raumes von 'Tomer hu'

    (Link: https://commons.wikimedia.org/…%A1%D7%99%D7%99%D7%94.jpg)


  • Mir erscheinen sie doch meist von einem sehr naiven Geschichtsbild zu zeugen. Eine Aneinanderreihung von Einzelnen für sich durchaus positiven Errungenschaften des Kaiserreiches, aus dem Zusammenhang gerissenen Äußerungen von historischen Personen und fiktiven alternativen Geschichtsverläufen hat eher etwas mit einer Dauerwerbesendung als mit quellenbasierter historischer Forschung gemein.

    Um ehrlich zu sein, darüber zerbreche ich mir auch den Kopf. War das Kaiserreich eine glückliche Gesellschaft? Ab wann ist eine Gesellschaft glücklich. Oder gab es je in der Geschichte eine glückliche Gesellschaft? Das wäre eine philosophische Frage an Philon :wink:

    Lokale Paradiese gab es ja schon immer, sei es in irgendwelchen Gemeinschaften, Klöster... etc. Ich habe nur das Gefühl, dass im Kaiserreich besonders viele kleine Miniaturparadiese möglich waren, über die irgendwie eine schützende Hand gehalten wurde. Und ja, es ist eine Aneinanderreihung von Emotionen, wenn man an dieser herrlichen Architektur vorbeischlendert oder ein schönes Buch aus dieser Zeit aufschlägt.

    Mich fasziniert vor allem diese unglaubliche Lebensfreude aus dieser Zeit.

    Beispielsweise, wenn man "Besonnte Vergangenheit" von Carl Ludwig Schleich liest, ist man zwar erschlagen von Pathos und Kitsch, aber seine Kindheit muss in absoluter Glückseligkeit verlaufen sein. Und zwar nicht im materiellen Sinn, sondern in seiner liebevollen Umgebung und in seinen Naturerlebnissen.


    Auch im Buch von Hans Graf von Lehndorrff "Menschen, Pferde, weites Land" schimmert das Kaiserreich ab und zu durch.


    Drei Brüder Lehndorff


    Landstallmeisterhaus, Trakehnen

  • Ich habe nur das Gefühl, dass im Kaiserreich besonders viele kleine Miniaturparadiese möglich waren, über die irgendwie eine schützende Hand gehalten wurde.

    Irgendwo hab ich mal gelesen, das Fin de siècle sei das "perikleische Zeitalter" der Deutschen gewesen. Man erkennt es leider erst, wenn es bereits vorbei ist.

    Mich fasziniert vor allem diese unglaubliche Lebensfreude aus dieser Zeit.

    Die hatten ja auch - Vorsicht Spitze! - keinen Merkel als Kanzler.

  • War das Kaiserreich eine glückliche Gesellschaft?

    Für mache sicher, für andere nicht. Wahrscheinlich wie in vielen Zeiten. Darin wird sich das Fin de siecle kaum von anderen Zeiten unterscheiden.


    Es stellt ja - hier im Forum- Niemand in Abrede, dass während des Kaiserreichs viel, auch Bleibendes, geleistet wurde. Dies war jedoch auch in anderen Zeiten davor und danach so. Zu allen Zeiten gab es aber auch Schatten. Deswegen sind aus meiner Sicht pauschale Betrachtung einer Epoche als "golden" oder "finster" wenig hilfreich. Das Kaiserreich war wohl genauso wenig "periklesisch" wie das Mittelalter "finster" war.

  • Wie so oft, relativiert und negativiert die Linke besonders eifrig.

    Ich denke, niemand hier ist so blauäugig, um die Schattenseiten nicht ebenso zu sehen.

    Nur - haben eben manche Menschen ein starkes Bedürfnis nach einer ideologisierten pictura negrum.

    Wahrscheinlich ist es die tiefe Enttäuschung, daß ihre Ideologie die Leistungen der Altvorderen nicht hervorbringen kann.

    Die da sind:

    - Prosperität

    - Loyalität zum Staat

    - Moral

    - Fleiß

    - Können

    - Motivation

    - Verantwortung

    - Disziplin

    - Gemeinwohl

    - Fehlen von penetranter Propaganda

  • Das Kaiserreich war wohl genauso wenig "periklesisch" wie das Mittelalter "finster" war.


    keiner Ideologie

    Naja, du stellst doch damit das Kaiserreich auf eine Stufe mit zb der Zeit des Elends des 30 jährigen Krieges und der Revolutionsjahre/ Napoleonischen-Eroberungsfeldzüge, die nicht gerade sehr günstig ausfielen für Deutschland....


    Dass diese Epoche wie kaum eine andere aber für einen damals noch nie dagewesenen Wohlstandsprung stand, dass sich die Einwohner der Städte idR mehr als verdoppelten, und dadurch viele zt prächtige (Wohn-)Gebäude und ganze enorme Stadtviertel und Erweiterungen entstanden sind, viele Erfindungen entwickelt wurden von denen wir bis heute profitieren (Stichwort Mobilität, Elektriziztät, etc...) das wird gerne ausgeblendet.

  • Ein kleiner Auszug aus dem Merkur von deutschen Erfindungen, die vor allem in der zweiten Kaiserzeit entstanden sind (u.a. auch weil der Staat sehr technikaffin war, speziell Wilhelm II )


    https://www.merkur.de/welt/deu…aribo-or-zr-90573289.html

  • War das aber nicht eher eine allgemeine, weltumspannende Entwicklung, die mit der Staatsform wenig zu tun hat? In derselben Zeit nahmen Industrie und Handwerk in den republikanischen USA ebenfalls massiv Aufschwung...

  • Naja, du stellst doch damit das Kaiserreich auf eine Stufe mit der Zeit des Elends des 30 jährigen Krieges und der Revolutionsjahre/-Napoleonischen Eroberungsfeldzüge, die nicht gerade sehr günstig ausfielen für Deutschland....

    Also, zunächst einmal hat Andreas beispielhaft das Mittelalter herangezogen. Das hat herzlich wenig mit dem 30jährigen Krieg und der Zeit Napoleons zu tun. Wieso er damit Aussagen über die Zeit des 17. und frühen 19. getroffen haben soll, erschließt sich mir nicht. Es sei denn, man möchte das Mittelalter bis 1871 ziehen. :wink:


    Zudem: Es ist sicher nicht zulässig, Aussagen darüber zu treffen, ob die Menschen glücklich waren, anhand des Ausgangs eines Krieges. Denn jeder Krieg, insofern er auf dem eigenen Boden geführt wurde, kannte vor allem einen Verlierer: die eigene Bevölkerung, egal ob der Krieg letztlich gewonnen wurde oder nicht. Glück hängt daher vor allem auch davon ab, inwiefern eine längere Periode des Friedens vorherrscht. Und da können wir uns in Mitteleuropa seit 1945 sehr glücklich schätzen, aber auch das letzte Kaiserreich existierte bis 1914 in Friedenszeiten (wenn man mal die Kolonialbestrebungen außer Acht lässt). Leider erkennen nicht alle Menschen die Bedeutung von Frieden und messen ihr Glück daran, ob sie das neuste iPhone besitzen oder ob sie über die Regierung schimpfen können. Andere wiederum daran, wie Deutschlands Reichsgeschichte in der Öffentlichkeit bewertet wird.

    Kunsthistoriker, Webdesigner und Blogger

    Hat die Website für Stadtbild Deutschland erstellt und war eine Zeit lang als Webmaster für Forum und Website verantwortlich.

  • Naja, du stellst doch damit das Kaiserreich auf eine Stufe mit zb der Zeit des Elends des 30 jährigen Krieges und der Revolutionsjahre/ Napoleonischen-Eroberungsfeldzüge, die nicht gerade sehr günstig ausfielen

    Wie bereits geschrieben bin ich nicht der Meinung, dass die Zeiten des Kaiserreiches finstere waren. Ich meine nur, dass diese Zeit als die Beste, die es je gab herauszustellen, so nicht zutreffend ist.


    Das es schlimmere Zeiten gab, wie die von Dir genannten, ist doch selbstverständlich. Zu diesen gehört aber auch die Zeit am Ende und nach dem 1. Weltkrieg, die - das kann man doch nicht einfach in Abrede stellen- Folge der zumindest in den letzten Jahren des Kaiserreiches (und selbstverständlich auch in den anderen Staaten Europas) betriebenen Politik sind.


    Es gab durchaus Zeiten ähnlicher wirtschaftlicher und (teilweise weitaus größerer) künstlerischer Prosperität. Beispielhaft: Das Hochmittelalter (in dem mit enormen Aufwand Kathedralen errichtet wurden), das 16 Jahrhundert (mit den handwerklichen Leistungen in Nürnberg und Augsburg); das späte 18. Jahrhundert (Aufklärung/Klassik in Literatur und Musik) , aber auch die (im Bausektor allerdings nicht so) erfolgreiche zeit der 50iger und 60iger Jahre des 20, Jahrhunderts. alles Zeiten die dem Kaiserreich aus meiner Sicht was den Erfolg, auch für breite Bevölkerungsgruppen, nicht nachstehen.


    Auch ist wie Ur-Potsdamer zutreffen festgestellt hat, die Entwicklung im Gesamtzusammenhang mit der europäischen Entwicklung zu betrachteten. Dies soll die Leistungen deutscher Ingenieure und Politiker nicht schmälern. Diese waren zu dieser zeit weltweit bei den führenden. Eine rein nationale Entwicklung ist dies geleichwohl nicht, vielmehr in gegenseitiger Befruchtung mit Menschen in anderen Staaten zu sehen. Dies festzuhalten ist auch kein Selbsthass, sondern Selbstvergewisserung.


    Abschließend muss auch die Frage erlaubt sein, ob die positive Entwicklung die die Gesellschaft im Kaiserreich genommen hat so gelang, weil oder trotz dem die politischen Struktutren so waren.

  • Mit dem Privileg der Mittelklasse anzugehören war das Leben im Kaiserreich, wie das Leben in vergleichbarer gesellschaftlicher Position in den anderen feudalen und postfeudalen Saaten Europas durchaus als angenehm zu empfinden. Als Schlafbursche im 6. Hof, Malocher in der Schwerindustrie und unter Tage, oder im Kaiserreich als Angehöriger der wohlhabenden jedoch missachteten polnischen Intelligenz, sah das Ganze wohl anders und zumindest deutlich differenzierter aus.

    Aber auch da gab es Möglichkeiten mit Ausweg zur sozialen Stabilität und Aufstieg, wenn auch in begrenztem Umfang. Dazu war das Klassensystem schlichtweg zu starr.

    Als Angehöriger der Öffentlichen Dienste, der Polizei, der Feuerwehr, der Eisenbahn und des Militärs gab es, je nach Größe der Familie, jedoch auch für die weniger Privilegierten, günstig Wohnraum, Verpflegung und Freizeit, Bildung mit eingeschlossen. Ein Prinzip, was sich später auch die Großindustrie zur Werbung qualifizierter Arbeitskraft sehr gerne zu nutzen machte.

  • oder im Kaiserreich als Angehöriger der wohlhabenden jedoch verachteten polnischen Intelligenz

    Was genau ist damit gemeint, dass die "polnische Intelligenz" im Kaiserreich "verachtet" wurde? Darf ich neben einer Erläuterung auch um eine Quellenangabe bitten?

    "Wenn wir die ehemalige Schönheit der Stadt mit der heutigen Gemeinheit verrechnen, kommen wir, so die Bilanz, aufs direkteste in den Schwachsinn." (E.H.)

  • Schleswig-Holstein is not amused. :'(

  • Bitte sehr:

    Polnische Preußen im deutschen Kaiserreich


    Anmerkung : "Verachtet" wurde in "Missachtet" abschwächend geändert.


    Hm, der Link führt zu einem Artikel auf der Seite des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb). Daß dieser Regionalsender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eher kritisch gegenüber dem Deutschen Kaiserreich eingestellt ist, würde ich als gesetzt annehmen und überrascht auch nicht weiter.


    Allerdings kann ich dort keine Stelle ausmachen, an welcher zu entnehmen wäre, dass im Kaiserreich die "polnische Intelligenz verachtet (missachtet) " wurde.


    Also bitte die betreffende Passage des verlinkten Artikels posten.

    "Wenn wir die ehemalige Schönheit der Stadt mit der heutigen Gemeinheit verrechnen, kommen wir, so die Bilanz, aufs direkteste in den Schwachsinn." (E.H.)