Das Kaiserreich im Rückblick

  • Ich kann alle möglichen Denkmäler aller (nicht-gewalttätigen) politischen und gesellschaftlichen Schattierungen tolerieren (selbst Marx und Engels), da ich nicht den Anspruch habe, zwischen berechtigten und unberechtigten Motiven zu unterscheiden.

    ...

    Die poitische Entwicklung schreitet voran. Und so ein Denkmal kann von missliebigen Gruppen ge- bzw. missbraucht werden. Deshalb sind ja auch sämtliche Relikte des 3.Reiches beseitigt worden. Nun treten aber immer mehr sogenannte Reichsbürger oder ähnlich Gesinnte auf den Plan, die bewusst keine Nazisymbole benutzen, sondern die erlaubten aus der Zeit davor. In Bremen will man daraus ein Verbot der Reichs- (natürlich auch der Reichskriegs-) Flagge ableiten. Als Begründung wird u.a. angeführt, dass sich die Bevölkerung verunsichert fühle. Sollte dies bestätigt werden, so ist zu befürchten, dass auch Denkmale aus dieser Zeit in die politische Kritik geraten, weil sie als Versammlungspunkt dienen können.

  • [...] Moderationshinweis: Entfernt. Bitte keine unsachlichen Angriffe auf andere Forumsmitglieder!



    Heute entsteht an der Stelle des alten Nationaldenkmals ein neues Denkmal, das an die Ereignisse erinnert, durch die der Wiederaufbau des Berliner Schlosses überhaupt erst möglich wurde. Ich finde, das passt doch. Vermutlich werden viele Menschen das künftige Freiheits- und Einheitsdenkmal begehen und dort auch Fotos machen. Schon, weil es sich als Aussichtspunkt eignen dürfte. Große Denkmäler üben eben eine Faszination aus, und die demokratische Schale oder Wippe wird doch ziemlich groß ausfallen. Außerdem kann sie sich bewegen, und das macht doch Spaß.


    Übrigens gibt es viele Touristen, die in Berlin ein Selfie mit dem Marx-Engels-Denkmal machen. Wie Stauffer schon sagte:

    Das weltweite, omnipräsente Interesse an aufwendigen Denkmälern sämtlicher bedeutender Epochen ist so unpolitisch wie selbstverständlich.

  • Große Denkmäler üben eben eine Faszination aus, und die demokratische Schale oder Wippe wird doch ziemlich groß ausfallen. Außerdem kann sie sich bewegen, und das macht doch Spaß.

    Die "demokratische Schale" (ist das DDR-Sprech?) wird groß, kann sich bewegen und macht deshalb Spaß. Na dann hätten wir die Frage warum so eine Peinlichkteit ausgerechnet auf dem Sockel entstehen muss auch geklärt. :lachentuerkis:

  • Ja, das frage ich mich auch. Zumal wir gerade dreißig Jahre deutsche Einheit feiern.


    [...] Moderationshinweis: Entfernt. Bezog sich auf nicht mehr gültigen Zustand. Bitte keine unsachlichen Angriffe auf andere Forumsmitglieder!

  • Heute vor 150 Jahren, am 18. Januar 1871 wurde das Deutsche Reich und damit der deutsche Nationalstaat gegründet. Eigentlich ein Grund zum feiern, oder?!

    Nicht so in unseren Mainstreammedien, wenn das Thema nicht ganz totgeschwiegen wird, dann gibt es wieder nur die üblichen altbekannten platten Klischees und undifferenzierten Nörgeleien, "Obrigkeitsstaat, Militarismus, Pickelhauben, ... Vorstation zu Adolf..." etc.; als nur als ein Bespiel von vielen sei hier ein Kommentar des "Chefhistorikers" beim ZDF genannt.


    Wesentlich differenzierter und die damalige Zeit würdigend ist dieses Interview mit Gerd Krumeich.

    Das gleiche gilt für diesen Kommentar von Josef Kraus.

    Auch das aktuelle "Cato"-Heft bietet einen vielversprechenden Aufsatz.

  • Ich muss gestehen die Radiosendungen dazu haben mir gefallen.

    So kam auf MDR Kultur am Freitag glaub ich ein Spezial über die Gründung.

    Und im DLF habe ich heute auch etwas gehört was einigermaßen differenziert war und auch die positiven Seiten angesprochen hat.


    Allerdings hat man bei der so geringen medialen Abdeckung wirklich das Gefühl das es unter den Teppich gekehrt werden soll.


    https://www.mdr.de/kultur/radi…ctx-true_zc-8bd79ce5.html

    Sehr hörenswert dazu die Passage Der Traum von einer schönen Stadt und eine Buchempfehlung


    "Leipziger Stadtplanung und Architektur im Kaiserreich" von Wolfgang Hocqél und Richard Hüttel


    https://www.deutschlandfunk.de…ml?dram:article_id=490977

    Schöne Städte werden letztlich auch glückliche Städte sein.

  • Unser Bundespräsident und Chefhistoriker, Herr Steinmeier hat sich vor wenigen Tagen im Rahmen seiner Trauerrede über die Gründung des Deutsches Reiches 1871 auch über Wilhelminische Nationaldenkmäler geäußert, die man als moralisch geläuterter Deutscher gefälligst nicht mögen soll:

    Wir Deutschen stehen dem Kaiserreich heute so beziehungslos gegenüber wie den Denkmalen und Statuen von Königen, Kaisern und Feldherren aus dieser Epoche. Sie sind hier in Berlin und an vielen anderen Orten zwar im Stadtbild präsent, aber sie entfalten keine prägende Kraft. Es scheint eine stumm gewordene Kulisse zu sein, die den meisten nichts mehr sagt.

    Ach echt, keine prägende Kraft? Nur stumme Kulissen? ... Aber warum besuchen dann jährlich

    - über 2 Millionen Menschen das „Deutsche Eck"?,

    - 1,3 Millionen die Berliner Gedächtniskirche?,

    - 500.000 das Hermannsdenkmal?,

    - 200.000 die Berliner Siegessäule?,


    … nur wegen ein paar Andenkenläden, Bratwurstbuden und weil die Nachkriegsarchitektur hier gerade nichts Spektakuläres bietet?? … Egal, gut dass wir im Herzen Berlins bald die Wippe bekommen, denn diese wird definitiv eine „prägende Kraft“ entfalten, keine „Kulisse“ sein und ebenso wenig „beziehungslos“ sein. :augenrollengruen:

  • Er hat nicht ganz Unrecht, dass den meisten Besuchern der eigentliche Kontext dieser Orte nichts mehr sagt. Das Deutsche Eck wird besucht, weil die Aussicht interessant ist, das Hermannsdenkmal ist eine schicke Statue im Wald (mit Aussicht), die Gedächtniskirche ist im Bewusstsein aller jenseits dieses Forums absolut nicht mehr wilhelminisch, sondern vor allem ein Symbol für den Krieg und die Geschichte Berlins nach der Teilung Deutschlands. Auch die Siegessäule, deren Standort ja auch nicht der wilhelminische ist, dürfte heutzutage eher als cooler Aussichtspunkt in Berlin wahrgenommen werden, der den internationalen Besuchern entweder durch die Bilder von der Love Parade und anderen Großveranstaltungen oder durch Wim Wenders Film ein Begriff ist.


    Die wilhelminische Vergangenheit spielt dabei keine Rolle mehr und somit ist dieser Kontext tatsächlich nur stumme Kulisse. Denn ob die Siegessäule beispielsweise Nachkriegsbau, wilhelmisch oder barock wäre, ist für ihre heutige Wahrnehmung absolut irrelevant.

  • ^

    1. Du weißt nicht, ob die Besucher wirklich alle nur doof sind oder sich sehr wohl ein wenig über die Historie eines besuchten Ortes informieren. Insofern sind das vor allem Spekulationen. Jedenfalls gibt es doch wohl keine empirische Untersuchung darüber, wer die besagten Orte als "stumme Kulisse" betrachtet oder nicht.


    2. Geschichte verblasst. Und die unmittelbare Betroffenheit auch. Es sei denn, Du hältst diese absichtlich durch zahlreiche pädagogische Begleitprogramme bewusst am Köcheln.

    Auch der Arc de Triomphe in Paris oder die Freiheitsstatue in New York oder Jesus in Rio de Janeiro dürften einigen Schülern vor allem als langweilige oder spannende Aussichtspunkte bewusst sein. Das schadet nicht. Vielleicht aber beschäftigen sie sich im Nachgang auch noch damit, was das eigentlich war, was sie gesehen und besucht haben. Und beim zweiten Besuch kommt neben der tollen Aussicht noch eine weitere Bewusstseinsebene hinzu. Lasse die Leute sich doch den Ort selbst aneignen und verarbeiten. Da bin ich nicht so pessimistisch.

  • Wir Deutschen stehen dem Kaiserreich heute so beziehungslos gegenüber wie den Denkmalen und Statuen von Königen, Kaisern und Feldherren aus dieser Epoche. Sie sind hier in Berlin und an vielen anderen Orten zwar im Stadtbild präsent, aber sie entfalten keine prägende Kraft. Es scheint eine stumm gewordene Kulisse zu sein, die den meisten nichts mehr sagt. ... Unsere Perspektive auf diese Epoche deutscher Geschichte ist gebrochen, schon durch die Kriege, mit denen die Einheit erzwungen wurde, vor allem aber durch die Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Einen ungetrübten Blick zurück auf das Kaiserreich, vorbei an Völkermord, an zwei Weltkriegen und einer von ihren Feinden zerstörten Republik, gibt es nicht und kann es nicht geben.

    Das eigentliche Problem ist m.E. der in der Aussage des BP versteckte Imperativ: Ihr "sollt" die wilhelminischen Denkmäler nicht mögen, denn sie sind historisch kontaminiert, sie stammen aus einer Zeit, die Hitler den Weg bereitet hat. Das ist natürlich vollkommener Unsinn, aber genauso argumentieren ja auch jene Historiker, die beharrlich einen kausalen Nexus von Bismarck zu Hitler predigen.

    Und leider hat diese Sichtweise offenbar derzeit volle Deutungshoheit. Weder ARD noch ZDF haben heute in ihren Nachrichten an die Reichsgründung heute vor 150 Jahren erinnert. Und "ZDF Info" hat heute den ganzen Tag Dokus über den Zweiten Weltkrieg gesendet. :kopfschuetteln:

  • Das eigentliche Problem ist m.E. der in der Aussage des BP versteckte Imperativ: Ihr "sollt" die wilhelminischen Denkmäler nicht mögen, denn sie sind historisch kontaminiert, sie stammen aus einer Zeit, die Hitler den Weg bereitet hat.

    Das hat er doch gar nicht gesagt. Du interpretierst da etwas hinein, das der Wortlaut überhaupt nicht hergibt.

    Das ist natürlich vollkommener Unsinn, aber genauso argumentieren ja auch jene Historiker, die beharrlich einen kausalen Nexus von Bismarck zu Hitler predigen.

    Und leider hat diese Sichtweise offenbar derzeit volle Deutungshoheit. Weder ARD noch ZDF haben heute in ihren Nachrichten an die Reichsgründung heute vor 150 Jahren erinnert. Und "ZDF Info" hat heute den ganzen Tag Dokus über den Zweiten Weltkrieg gesendet.

    Anschließend führst Du aus, dass das, was nicht gesagt wurde (!) Unsinn sei, und kommst auf Bismarck, Hitler und das ZDF.

  • Quote from Frank Steinmeier

    Wir Deutschen stehen dem Kaiserreich heute so beziehungslos gegenüber wie den Denkmalen und Statuen von Königen, Kaisern und Feldherren aus dieser Epoche. Sie sind hier in Berlin und an vielen anderen Orten zwar im Stadtbild präsent, aber sie entfalten keine prägende Kraft. Es scheint eine stumm gewordene Kulisse zu sein, die den meisten nichts mehr sagt.


    Ich arbeitete als junge Frau jahrelang als Hostess und Chauffeur auf der Frankfurter Messe und hatte auch die Aufgabe, nach der Messe noch paar Tage Zeit mit meinen ausländischen Gästen zu verbringen. Es war immer ein voller Erfolg: Denn ich zeigte ihnen den Rhein, das Niederwalddenkmal, das Deutsche Eck, preußische Burgen und ALLE, - ob Norweger oder muslimischer Indonesier, wirklich alle waren sie vom Kaiserreichs begeistert. Diese Statuen

    haben sie sehr beeindruckt. Nur den Wein wollten nicht alle trinken ("No, No, Allah sees everything ").

    Wie auch immer, meine Erfahrung war, dass Relikte des Kaiserreichs etwas Verbindendes, etwas Integratives hatten und nichts Trennendes.


    (Komischerweise gab es auch einige Kohl-Fans, da ging es dann weiter nach Deidesheim..., aber das ist wieder eine andere Geschichte).

  • newly, dann hast du vermutlich das Wenige, was in den letzten Tagen zum Kaiserreich publiziert wurde, inhaltlich nicht so richtig mitbekommen.

    Einer der wenigen, die nicht die ewigen undifferenzierten Phrasen vom "autoritären, militaristischen Obrigkeitsstaat" wiederholt ist Christopher Clark. Daher verlinke ich gerne dieses Video, in dem Clark mit Kollegen und dem BP über das Kaiserreich diskutiert hat und die o.g. Phrasen widerlegt und kontextualisiert hat (natürlich sehr vorsichtig, man will ja nicht als Revisionist gelten).

  • @Maecanas Ich habe tatsächlich nicht mitbekommen, was der Bundespräsident in diesen Tagen zu dem Thema noch gesagt hat.

    Denn allein um die Äußerung des BP ging es.


    I.Ü. gibt es "die undifferenzierten Phrasen vom autoritären, militaristischen Obrigkeitsstaat" schon seit Jahrzehnten und nicht erst seit ein paar Tagen.

    Undifferenzierte Phrasen sind übrigens in allen Themenbereichen weit verbreitet, nicht nur bezüglich des Kaiserreiches.

    Menschen denken nun einmal gerne in Schubladen und Klischees, zumal in der schnell lebigen Welt der Informationshäppchen.

  • Denn allein um die Äußerung des BP ging es.

    Eben, denn die unterscheidet sich nicht stark vom Mainstream. Und die fast durchweg kaiserreich-feindliche (ich meine nicht kritische, das wäre völlig OK) Sichtweise der Gegenwart gipfelt dann in talibanesken Forderungen, Nationaldenkmäler wie den Hamburger "Bismarck" abzureißen. Zugegeben, das sind bisher nur Extrempositionen, diese finden aber breites mediales und gesellschaftliches Gehör und Beifall.

    Aus dieser Grundstimmung heraus lässt sich auch verstehen warum der Wiederaufbau der Denkmalskirche am Berliner Dom bis auf Weiteres eine ferne Utopie bleibt. Leider.

  • Das eigentliche Problem ist m.E. der in der Aussage des BP versteckte Imperativ: Ihr "sollt" die wilhelminischen Denkmäler nicht mögen, denn sie sind historisch kontaminiert, sie stammen aus einer Zeit, die Hitler den Weg bereitet hat. Das ist natürlich vollkommener Unsinn, aber genauso argumentieren ja auch jene Historiker, die beharrlich einen kausalen Nexus von Bismarck zu Hitler predigen.

    Ich weiß nicht, wo du das gehört haben willst, aber die Zeilen, die du zitiert hast, sagen dies nicht. Man könnte meinen, du unterstellst ihm etwas böswillig, was er nie gesagt hat. So werden Menschen zu Feindbildern hochstilisiert.

    Kunsthistoriker, Webdesigner und Blogger

    Hat die Website für Stadtbild Deutschland erstellt und war eine Zeit lang als Webmaster für Forum und Website verantwortlich.

  • ^ Nö, so böswillig bin ich gar nicht. "Böswillig" finde ich es aber das Kaiserreich immer wieder in eine Deutungs-Ecke zu drängen, die undifferenziert und diffamierend ist.

    Und sicherlich hast du es ja auch schon anhand der Diskussionen hier Forum gemerkt, lieber Tegula, dass es möglich ist, Dinge kontrovers zu diskutieren, ohne andere als "Feindbild" zu betrachten. Es wäre schön wenn du dir das für deine eigenen Argumentationen auch mehr zu eigen machen würdest.