Altrussische Baukunst
-
-
-
-
-
Schöne Sakomare (die halbrunden Wandabschlüsse). Ist das eigentlich ein originär oder (ziemlich) ausschließlich russisches (slawisches?) Architekturmerkmal?
-
Meinst Du die Rundbogenzinnen? Die sind ziemlich sicher byzantinischen Ursprungs und finden sich z.B. auch am Markusdom in Venedig und anderen byzantinisch beeinflussten Kirchen.
-
Und auch bei dieser architektonischen Perle:

-
Meinst Du die Rundbogenzinnen? Die sind ziemlich sicher byzantinischen Ursprungs und finden sich z.B. auch am Markusdom in Venedig und anderen byzantinisch beeinflussten Kirchen.
Es geht hier ja nicht um irgendwelche Rundbögen. Die findet man sogar am neuen Pellerhaus zu Nürnberg. Vielmehr hatte BIO-Bayer nach "Sakomaren" gefragt. Die Sakomara (закомара) ist ein russischer Terminus. Der Plural lautet Sakomary (закомары). Die von BIO-Bayer verwendete Pluralform "Sakomare" habe ich in deutschen Texten aber auch schon gelesen. Obwohl Feminina auf -a im Deutschen den Plural nicht auf -e bilden. Das wäre im Italienischen richtig. Der Name Sakomara kommt von einer altrussischen Bezeichnung für "Gewölbe" (komara). Die Sakomara ist der obere halbrunde Wandabschluss, der in der Regel die Stirnseite einer Gewölbetonne markiert. Das Dach liegt dann direkt auf dem Gewölbe auf. Es gibt keinen Dachstuhl.
Der Markusdom in Venedig hat keine solchen Sakomary. Dort besteht das Dach überwiegend aus leicht geneigten, bleigedeckten Flächen und hat keinen Bezug zu den oberen Fassadenabschlüssen.
Die frühen Steinkirchen der Rus sind der byzantinischen Kunst zuzurechnen. Sie gehören zur Gruppe der Kreuzkuppelkirchen. Es ist jedoch schwierig, vergleichbare Kirchen außerhalb der Rus zu finden. In Armenien und Georgien gibt es idealtypische Kreuzkuppelkirchen. Deren Kreuzarme sind jedoch in der Regel mit Satteldächern überdeckt. Es gibt also keine Sakomary. Auf dem Balkan und in Konstantinopel finden wir zum Teil Rundbogenabschlüsse, aber das für altrussische Kirchen der vormongolischen Zeit typische Bild einer Aneinanderreihung mehrerer Sakomary habe ich dort noch nicht entdeckt. Zudem muss man auch beachten, dass so manche alte Kirche auf dem Balkan jünger ist als die frühen Kirchen der Rus. Beispielsweise stammt die sehr interessante Klosterkirche im serbischen Gračanica erst aus dem 14. Jahrhundert.
Das folgende Bild zeigt die Rekonstruktion der ältesten Steinkirche der Rus, der Ende des 10. Jahrhunderts erbauten und im 11. Jahrhundert erweiterten Desjatynna-Kirche ("Zehntkirche") in Kiew. Sie ist nicht erhalten. Im Vordergrund sehen wir die Nordseite mit einer Abfolge von sechs Sakomary. Der nördliche Kreuzarm hebt sich in seiner Größe nur wenig von den übrigen Schiffen ab. Bei dem erhöhten Mitelteil hat die Nordseite vier Sakomary, die Westseite drei. Den Rundbögen entsprechen die dahinterliegenden Tonnengewölbe.

Kiew, Rekonstruktion der Desjatynna-Kirche im Diorama "Die Stadt Wolodymyrs", Archäologisches Museum des Instituts für Archäologie der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine (Foto: O.Mustafin, 4. Juni 2021, CC0)Bei der in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts erbauten Kirche des Fürsten Mstyslaw Im wolhynischen Wolodymyr sind alle Schiffe gleich hoch. Die Kreuzarme sind nur noch an ihrer Breite zu erkennen. (Bei späteren Kirchen entfällt auch dieser Unterschied.) Die Sakomary bestimmen das Erscheinungsbild der Kirche wesentlich mit.

Wolodymyr (Gebiet Wolhynien, Ukraine), Abbildung der restaurierten Kirche des Fürsten Mstyslaw aus dem Buch Mstislawow chram Uspenija Bogomateri v gorode Wladimire Wolynskom [Mstislaws Kirche des Entschlafens der Gottesmutter in der Stadt Wladimir Wolynski]. Sankt Petersburg, 1900 (sobory.ru)Die Kirche in Wolodymyr blieb erhalten. Sie war im Laufe der Zeit stark verändert worden und verfallen. In den Jahren 1896 bis 1900 wurde sie jedoch in ihrer ursprünglichen Gestalt rekonstruiert.
Mir sind außerhalb des ostslawischen Raumes keine den beiden gezeigten vergleichbaren Kirchen bekannt.
-
Nennt man das auch so bei der Staffelung solcher Elemente wie bei der Freitagskirche zu Tschernigow?

Roman Naumov- eigenes Werk
Ist das auch ein Beispiel?:
-
Rastrelli Danke für die interessante Erklärung! Du hast recht, die venezianischen Beispiele für Rundbögen sind nur vorgeblendet und sind nicht Stirnseiten von Tonnengewölben wie bei den russischen Kirchen, das war mir nicht aufgefallen. Der Begriff "Sakomara" war mir bisher leider auch nicht bekannt.
-
Auf die Kirche in Tschernihiw komme ich in einem späteren Beitrag zurück.
Hier folgt jetzt ein neuer Beitrag aus der Rubrik "Foto des Tages". Und weil heute der 7. Juli ist, der 7. Tag des 7. Monats, gibt es auch sieben Fotos - aufgenommen von Pawel und Jelena Kallinikow (2005) sowie von Polina (2007)..
Die Stadt Tutajew an der Wolga liegt genau auf halbem Wege zwischen Rybinsk und Jaroslawl. Auf dem rechten Wolgaufer erhebt sich die Woskressenski-Kathedrale. Sie zählt zu den Hauptwerken der Jaroslawler Baukunst der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Zur Zeit der Aufnahmen fanden Restaurierungsarbeiten statt.

Tutajew (Gebiet Jaroslawl), Borissoglebskaja storona (rechtes Wolgaufer), Woskressenski-Kathedrale, Zugang von Westen
(Foto: Полина, 7. Juli 2007, sobory.ru, CC-BY-NC)
Tutajew, Woskressenski-Kathedrale, Westseite (Foto: Павел и Елена Каллиниковы, 7. Juli 2005, sobory.ru, CC-BY-NC)
Tutajew, Woskressenski-Kathedrale, Ansicht von Südwesten mit der Mauer sowie - ganz rechts - dem Südtor des Kirchengrundstücks
(Foto: Полина, 7. Juli 2007, sobory.ru, CC-BY-NC)
Tutajew, die Mauer des Kirchengrundstücks mit Südtor und Zeltdach-Glockenturm
(Foto: Павел и Елена Каллиниковы, 7. Juli 2005, sobory.ru, CC-BY-NC)
Tutajew, Woskressenski-Kathedrale, Südseite der Kirche, Südtor und Glockenturm
(Foto: Павел и Елена Каллиниковы, 7. Juli 2005, sobory.ru, CC-BY-NC)
Tutajew, Südtor und Glockenturm, Ansicht von Osten (Foto: Павел и Елена Каллиниковы, 7. Juli 2005, sobory.ru, CC-BY-NC)
Tutajew, Woskressenski-Kathedrale von Südosten (Foto: Павел и Елена Каллиниковы, 7. Juli 2005, sobory.ru, CC-BY-NC) -
Die von BIO-Bayer verwendete Pluralform "Sakomare" habe ich in deutschen Texten aber auch schon gelesen.
Ja, glaubsch Du, daß I als Allgaia Bua no nachschau, wia im Russischn der Bluraal des jeweiligen Begriffs richtig daherkommt?
Ich kann dutzende russische/ukrainische/lettische/baschkirische Volks- und Kirchenlieder singen, aber SO genau nehme ich es dann doch nicht.Aber wieder was gelernt, und dafür sei mit etwas Verspätung noch recht herzlich gedankt!
-
Sonnenuntergang in Pljos / Плёс

Pljos (Gebiet Iwanowo), Woskressenskaja-Kirche von Osten, links die uliza Lenina, rechts die Wolga
(Foto: Валерий Долженко, 31. August 2016, sobory.ru, CC-BY-NC)Die Effektbeleuchtung wurde bei der Restaurierung 2011/12 eingerichtet.

Pljos, Woskressenskaja-Kirche (Foto: Турбаев Роман, 1. Oktober 2016, sobory.ru, CC-BY-NC)Die Auferstehungskirche wurde 1817 erbaut. Sie zeigt zwar einige klassizistische Elemente, das Bauschema ist jedoch altrussisch. Der Hauptbau ist ein Tschetwerik (ein hoher Kasten) mit Pjatiglawije (fünf Zwiebelkuppeln). Die sechste goldene Zwiebel gehört zum Glockenturm, der im Westen über eine niedrige Trapesnaja (hier nicht sichtbar) an den Tschetwerik angeschlossen ist.
-
Ich wünsche allen ein gesundes Neues Jahr!

Dubrowizy (Дубровицы), Snamenskaja-Kirche (Foto: Турбаев Роман, 7. März 2016, sobory.ru, CC-BY-NC)Dubrowizy liegt südlich von Moskau, nahe der Stadt Podolsk. Die Snamenskaja-Kirche wurde zwischen 1690 und 1704 erbaut. Stilistisch ordnen wir sie dem Golizyn-Barock zu, einer Spielart des Moskauer Barock. Zuweilen wird die Kirche in Dubrowizy auch dem Naryschkin-Stil untergeschoben. In jedem Falle haben wir hier eine bizarre Spätblüte der altrussischen Baukunst vor uns. Solche Extravaganz konnte sich nur der Hochadel erlauben. Bauherr war hier Fürst Boris Golizyn, dem das Anwesen hoch über dem Zusammenfluss von Desna und Pachra gehörte. Wir haben also eine "Schlosskirche" vor uns. Mit den wunderbaren Naryschkin-Kirchen des Moskauer Landes hat die Kirche in Dubrowizy gemein, dass sie ganz Turm werden will. Im Gegensatz zu jenen ist sie jedoch aus Kalkstein. Der "weiße Stein" wie man das kostbare Baumaterial im Russischen nennt, wurde in einem unterirdischen Steinbruch gewonnen.
-
Kann sein, dass ich das gesehen hab, wenn ich von Süden, vom Flughafen her, gekommen bin?
-
Kann sein, dass ich das gesehen hab, wenn ich von Süden, vom Flughafen her, gekommen bin?
Das ist nicht möglich. Der Flughafen Domodedowo liegt nordöstlich von Podolsk und hat natürlich eine direkte Bahn- und Straßenverbindung ins Moskauer Zentrum. Dubrowizy hingegen liegt fünf Kilometer westlich vom Bahnhof Podolsk (also nach der anderen Seite) und überdies in einem toten Winkel, wo niemand zufällig vorbeikommt. Die Lage und der Umstand, dass es außer der Kirche hier nicht viel zu sehen gibt, haben dazu geführt, dass Dubrowizy kein Ziel für ausländische Reisegruppen ist.
Das Schloss wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts klassizistisch umgebaut. Es kann nicht besichtigt werden. Lange Zeit befand sich hier das Standesamt von Podolsk. Hauptnutzer des Gebäudes war und ist aber ein Forschungsinstitut für Tierzucht. Der öffentlich zugängliche Park ist nicht sehr groß und wenig gestaltet. Recht hübsch ist freilich die Lage auf einer Landzunge zwischen den Flüssen Desna und Pachra.
Für die Moskauer ist Dubrowizy ein nettes Ausflugsziel. Man fährt mit der S-Bahn bis Podolsk und dann mit dem Bus weiter.

Landsitz Dubrowizy (bei Podolsk, südlich von Moskau), das Sängerfeld, dahinter die Snamenskaja-Kirche
(Foto: Elnikka, 14. Mai 2015, CC-BY-SA-4.0)
Blick von der Brücke über die Pachra zur Kirche (Foto: Сергеев Роман Валерьевич, 31. August 2012, CC-BY-SA-3.0)
Blick von Süden über das Tal der Pachra hinweg zum Landsitz Dubrowizy; die Desna fließt dahinter, vor dem bewaldeten Höhenzug
(Foto: PrivacyD, 11. Juni 2017, CC-BY-SA-4.0)
Das Schloss (Haupthaus des Landsitzes), Südseite (Foto: МОСКВА08, 18. Mai 2014, CC-BY-SA-3.0)
Die Rückseite (Nordseite) des Schlosses (Foto: МОСКВА08, 23. April 2012, CC-BY-SA-3.0)
An der Nordseite des Schlosses, Blick nach Osten zur Kirche (Foto: МОСКВА08, 23. April 2012, CC-BY-SA-3.0)
Die Pachra am Rande des Parks, Blick nach Osten zu der Stelle, an der die Desna einmündet (Foto: Olenka1805, 9. Mai 2015, CC-BY-SA-4.0) -
Danke für die Info, nein, das hab ich eindeutig nicht gesehen, wohl aber eine auf ähnliche Art hübsch überladene Kirche. Glaub ich zumindest. Kann natürlich auch sein, dass ich dein Objekt aus Bildbänden her kannte und mir das daher nur einbildete. Auf jeden Fall weiß ich, dass ich mir dieses Ensemble anschauen muss, wenn ich wieder einmal nach Moskau zu kommen in der Lage sein sollte.
-
Selten findet man die Idee einer Turmkrone so schön ausgeprägt wie an diesem Beispiel. Die runde Portikus vor der Giebelfront des Schlosses ist hingegen ein wenig gewöhnungsbedürftig.
-
Mir gefällt dieser Portikus eigentlich gut, überhaupt von der Seitensicht, da er wunderbar zur runden Kirche vermittelt. Man darf auch nicht vergessen, dass er auf der Hinterseite steht, an die relativ bald ein Wald anschließt, weshalb eine Frontalansicht aus der Distanz nicht möglich ist. Eigentlich wirkt die Frontansicht mit ihrer Schlichtheit und Zurückhaltung eher so, wie man es von einer Rückseite erwarten würde.
-