Bietigheim -Hornmoldhaus, Rekonstruktion der Fenstererker

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    • Bentele wrote:

      Der Fronhof in Epfenbach von 1718


      Die Fenstererker scheinen hier authentisch zu sein; bemerkenswert und ungewöhnlich sind die geometrischen Schmuckformen. Auch wenn der Fronhof 150 Jahre jünger als das Hornmoldhaus ist, zeigen seine Fassaden eine Harmonie zwischen Schmuckfachwerk und geschnitzten Fenstererkern. Hinzuweisen ist auch auf das Schmuckfachwerk in den Brüstungen. Ich gehe zwar aus, dass hier keine Bohlenwände mehr zur Anwendung kamen, obwohl es theoretisch möglich wäre, dass die Schmuckhölzer in einem Drittel der Wandstärke auf die Bohlen angebracht wurden.



      Bentele wrote:

      Fenstererker am Grolandhaus, Nürnberg Ende 15. Jhd.
      Über die Nürnberger Fachwerkbauten habe ich hier im Forum schon sehr viel geschrieben und bin auch oft auf die durchwegs einfachen Fenstererker zu sprechen gekommen. Das Grolandhaus war just das erste von bisher 60 Bauten, die ich beschrieben habe. Fachwerkbauten in Nürnberg (dort auch vergrösserbare Abbildungen aus dem Marburger Bildindex)

      Auf die Nürnberger Fenstererker komme ich in einem separaten Beitrag zurück. Im Inhaltsverzeichnis des Nürnberger Fachwerkbautenstranges weise ich aber jetzt schon auf folgende weiteren Bauten mit historischen Fenstererkern hin:
      - Augustinerstr. 7 (dort auch ein Planausschnitt einer Bauuntersuchung in St. Gallen, wie ich sie mir von den Bietigheimer Fachwerkrekonstruktionen wünschte)
      - Schildgasse 27 (und dort auch ein Bild der verwandten Albrecht-Dürer-Str. 24)
      - Untere Krämersgasse 18
      - Waaggasse 11

      An den gassenseitigen Fassaden waren reich verzierte Fenstererker nicht zu finden; im Verlauf des 17. Jahhunderts kamen sie ausser Mode. Dafür gab es in den privaten Innenhöfen umso reichere Beispiele von fränkischen Fenstererkern.
      Beispiel an der Winklerstr. Nr. x: bildindex.de/bilder/MI02570c13a.jpg

      Markus wrote:

      Das Rückgebäude von Weißgerbergasse 23, es soll aus der Mitte des 16. Jh. stammen, das Fachwerk 1977 freigelegt, passt das noch dazu?
      abload.de/img/img_7138s6o8.jpg
      Schmuckfachwerk war in Nürnberg die Ausnahme; gegen das obrigkeitliche Gebot für Enthaltsamkeit beim Fassadenschmuck verstiessen eher neu zugezogene Bürger (Pellerhof! In Frankfurt waren es die Bauherren des Salzhauses und der Goldenen Waage, die sich als Neuzugezogene profilieren wollten). Beim Beispiel Weissgerbergasse 23 sieht man, dass auch bei Zierfachwerk aus der Zeit des Hornmoldhauses die Fenstererker ganz in der alemannischen Tradition des 15. Jahrhunderts verblieben.
      Fazit: Nürnberg darf keinesfalls für detaillierte Vergleiche in Bietigheim herangezogen werden, wohl aber möglicherweise für die baugeschichtliche Entwicklung!



      Seinsheim wrote:

      Hier noch ein Fachwerkoberlicht aus dem schwäbischen Raum, in Esslingen.

      Dies ist eine ganz fragwürdige Rekonstruktion. Das Vorgängergebäude wurde in den 1970er-Jahren abgebrochen, und erst anlässlich des Abbruchs erkannte man den bauhistorischen Wert der Nachbarhäuser mit ihrem hohen Alter aus dem 14. Jahrhundert. Diese wurden dann restauriert und das abgebrochene Gebäude rekonstruiert. Ich nehme an, dass das abgebrochene Gebäude vorher noch untersucht wurde, denn sonst hätte man ja keine Rekonstruktion machen können.

      Die ersten beiden Obergeschosse haben schon etwas sehr Altertümliches mit ihrer Wandständerkunstruktion und Schwertern. Ich vermute, dass die ursprünglichen Fenster nur bis zum Halsriegel reichten (horizontaler Balken zwischen den Fenstern), also ohne die Oblichter. Letztere wurden wohl als Konzession an die heutigen Lichtbedürfnisse angelegt. Insofern handelt es sich hier nicht um 'echte' Kreuzstöcke.



      Fachwerkliebhaber wrote:

      Das Rathaus von Großbottwar zb hat im dritten Obergeschoss mehrere schlichte Fensterker in "alemannischer Tradition". Sie sind aber auch das Ergebnis einer Rekonstruktion während der Renovierung 1984-86:
      stadtbild-deutschland.org/bild…9/IMG_20150828_193437.jpg
      Die einfachen Fenstererker an diesem reichen Zierfachwerk überzeugen mich irgendwie nicht. Da müsste ich auch dokumentierte Befunde sehen. Als Schulbeispiel von Kreuzstockfenstern mit Läden nur bei den unteren Fensteröffnungen können aber die 'normalen' Fenster gelten.



      Fachwerkliebhaber wrote:

      Vorzustand ohne Fenstererker mit fränkischer Gefügeordnung:
      geo.hlipp.de/photos/08/15/081572_172101be.jpg
      Wenn ich so etwas sehe, wird mir übel... Weshalb hat man völlig unnötig die Gefache im ganzen Giebeldreieck herausgeschlagen, obwohl das Fachwerk in seinem Bestand noch intakt war??? Ist das Denkmalpflege und Substanzerhaltung? So eine "Restaurierung" ist bei mir schon von vorneherein abgeschrieben und unglaubwürdig, auch wenn Befunde vorhanden waren!



      Fachwerkliebhaber wrote:

      Am Marktplatz des selben Ortes, die Stadtschänke von 1434 mit einfachen alemannischen Fenstererkern an der Bohlenstube:
      stadtbild-deutschland.org/bild…9/IMG_20150828_190456.jpg
      Das sind gruusige Kästen - oder abgeschwächt - ein Bastel mit Brettern. Die Renovation erfolgte offensichtlich nach Grundsätzen der Rustikalität. Die Bohlenwände gehören mit Tonplatten zugedeckt und ein Verputz darüber! Die Mode des Freilegens von Bohlenwänden geht ins frühe 20. Jahrhundert zurück. Ich habe noch nie Befunde mit ursprünglich freiliegenden Bohlen an Bohlenstuben gesehen. Anders ist es bei Bauten, die komplett mit Bohlen ausgefacht sind.



      Fachwerkliebhaber wrote:

      In Dettingen/Erms der Zwiefaltener Hof aus dem 16. Jh. Im 1 OG in der Mitte ein fränkischer Fenstererker:
      stadtbild-deutschland.org/bild…1/IMG_20150827_192648.jpg
      Mein Gefühl sagt, dass es beim Hornmoldhaus eher in diese Richtung gehen müsste. Der Unterschied zu den alemannischen Fenstererkern des 15. Jahrhunderts sind die seitlichen Pfosten, die zugleich auch Konsolen der Erker sind.



      Fachwerkliebhaber wrote:

      In Sindelfingen, in der kleinen aber feinen Altstadt finden sich noch einige alemannischer Fenstererker:
      Untere Burggasse 3 (Mein Profilbild)
      stadtbild-deutschland.org/bild…7/IMG_20150827_134559.jpg
      Das sieht für mich sehr authentisch für einen Fenstererker aus dem 15. Jahrhundert aus. Die beiden Konsolen werden wohl rekonstruiert sein, aber ihr Schmuck findet sich auch bei den Knaggenbündel an den Gebäudeecken. Ich vermute, dass in den Brüstungen noch die ursprünglichen Bohlen stecken könnten, die mit Tonplatten und einem Gefachputz darüber versehen wurden. Die Haupträume sollen ja nicht durch die Bohlen auf sich aufmerksam machen, sondern durch die Fenstererker.



      Iiiiiih!! Ist das rustikal...Die Schmuckformen der Erkerkonsolen sind wiederum den Eckknaggenbündel entnommen, was glaubwürdig scheint. Aber bitte diese gefasten, modernen Bohlen zudecken.



      Wohl ein Fantasieprodukt. Für die hiesige Diskussion kommt das Beispiel eh nicht in Frage, da es sich aufgrund des Fachwerks mit Streben nicht um eine Bohlenstube handelt.



      Harmonisch! Die Gemütlichkeit der Eckstube hat eine grosse Ausstrahlung nach aussen.



      Das ist rustikaler Kitsch des 20. Jahrhunderts!



      Villa1895 wrote:

      Hier ein Beispiel von Fenstererkern aus meiner alten Heimatstadt Tauberbischofsheim.

      M. E. handelt es sich um zwei Fenstererker im 1. Obergeschoss eines sehr schönen und reich gestalteten Fachwerkhauses aus der Renaissance.Das Haus steht in der St.-Lioba-Str.

      Tauberbischofsheim iliegt bereits zu weit weg von Bietigheim, als dass es für Vergleichsbeispiele herangezogen werden könnte. Das Beispiel zeigt aber wiederum, wie die verzierten Fenstererker und das Zierfachwerk harmonieren.



      Ich weiss, ich gebe manchmal sehr vernichtende Urteile über jüngere Restaurierungen ab. Wenn man aber Forschung betreibt, kommt man nicht umhin, diese Restaurierungen zu hinterfragen, wie authentisch sie gemacht wurden und wie es um deren Dokumentation steht. Es gibt Bauherren und Handwerker, die behaupten, dass etwas ganz nach dem Original rekonstruiert worden ist. Wenn man dann nach Fotos und Dokumentationen fragt, ist nichts vorhanden. Das klingt dann für mich nicht vertrauenswürdig.

      Für eine allfällige Rekonstruktion der Fenstererker am Hornmoldhaus müssen aber ganz sichere Beispiele herangezogen werden, sonst wirkt auch dieses nicht mehr glaubwürdig! Beim Hornmoldhaus kann ich mir sogar vorstellen, dass auf den Bohlen ein Zierfachwerk in der Dicke eines Drittels der Wandstärke aufgebracht war. Die Fenstererker könnten seitliche Abschlusspfosten aufgewiesen haben, die Zugleich auch die Konsolen bildeten. Aber nur infolge Unkenntnis jetzt schmucklose Fenstererker 'alemannischer Bauart' als Platzhalter hinzuzufügen, würde ich eher abwegig beurteilen.

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    • Nun zu den letzten beiden Beiträgen Benteles mit Bietigheimer Fenstererkern:

      Bentele wrote:

      Ich möchte hier die Bietigheimer Fensterker versammeln


      Die Schieringerstraße mit dem Kameralamt links angeschnitten.
      Die beiden Obergeschosse des roten Fachwerkhauses dürften aufgrund des Fachwerks in die Zeit des Hornmoldhauses zurückreichen.


      Bentele wrote:

      Hauptstraße

      Hinter dem leeren Wandfeld könnten sich Bohlen befinden. Meistens wurde aber bei solchen Feldern ein Scheinfachwerk darübergemalt. Der Fenstererker scheint modern zu sein.


      Bentele wrote:

      Die alte Bietigheimer Lateinschule wurde 1476 errichtet [...]
      Die Fassade zur Stadt ist nach Befund-Resten rekonstruiert samt einem umlaufenden sehr repräsentativen Fenstererker, wie er 1476 hätte aussehen können.


      Man sieht, dass es rekonstruierte Erker sind, daran, dass die Böden schräg sind, die Fenstererker aber exakt horizontal eingebaut wurden. Hätten die Fensterereker original bis heute überdauert, wären sie auch schief. Weshalb rekonstruierte man diese nicht auch schief? Das wäre für mich glaubwürdiger. Weiteres Bild:



      Bentele wrote:

      Die „ Versammlung“ ist noch nicht ganz gelungen. Hier eine Ergänzung:

      Schieringer Straße, das graue Haus im Hintergrund. Hier waren die Fenstererker in beiden Geschossen dokumentiert durch jeweils eine Konsole im Eckständer und Resten offenbar einer ähnlichen Konsole in den Bundpfosten. Die mit Resten von Zahnschnitt und weiteren Ornamentresten beschnitzten Konsolen verraten, dass die Erker des Hauses, wohl Mitte des 16. Jhd. mit Schmuckwerk verziert waren. Man hat sie dennoch in dieser schmucklosen Weise rekonstruiert, die wohl heute eine Art Standard darstellt.


      Diese Fassade wurde erst kürzlich rekonstruiert. Auf einem Bild von Markus aus dem Jahr 2004 weist sie noch eine klassizistische Fensteranordnung mit bereits freigelegtem Fachwerk auf:

      Markus wrote:

      abload.de/img/img_0015_schlieringerulu2e.jpg
      gegenüber weitere stattliche Fachwerkhäuser, Schieringerstr. 18 das Kachelsche Haus
      Ich frage mich aber, was für Spuren der ursprünglichen Fensstererker auf den Eck- und Bundpfosten überdauert haben könnten... höchstens die Umrisse als Farbnegativ. Infolge einer bereits früher erfolgten Fachwerkfreilegung dürften aber diese Spuren getilgt worden sein. Die Ornamentreste an den Eckpfosten weisen aber effektiv auf ursprünglich verzierte Fenstererker hin.


      Bentele wrote:

      Die Fensterker sind Rekonstruktionen, der Umfang richtet sich nach Eck- und Bundpfosten




      Bentele wrote:

      Man hat sie dennoch in dieser schmucklosen Weise rekonstruiert, die wohl heute eine Art Standard darstellt.
      Genau dieses Verhalten bekräftigt doch die Denkmalpflege, die Rekonstruktion der Fenstererker am Hornmoldhaus abzulehen. Es wäre doch nichts peinlicher als das, dass man jetzt einfache 'alemannisch aussehende' Fenstererker rekonstruiert, aber nach einer gewissen Zeit kommt die Forschung zum glaubwürdigen Ergebnis, dass Fenstererker in Bietigheim im 16. Jahrhundert sicher reich verziert waren. Den Stuben selber würde allerdings eine Rekonstruktion der Reihenfenster anstelle der kleinen Zwillinkgsfenster gut tun. Von innen sieht man wohl kaum, ob es alemannische oder fränkische Fensterereker wären.

      Jedenfalls überzeugen mich die rekonstruierten Fenstererker beider Bauten an der Schlieringerstrasse nicht. Alemannische Fenstererker an Renaissance-Fassaden...

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    • @Riegel

      Den Gedanken an das Baumannsche Haus in Eppingen hatte ich auch schon.

      de.wikipedia.org/wiki/Baumanns…:Eppingen-baumann2009.jpg

      Aber das Haus ist erst 1582 gebaut worden, das Hornmoldhaus 1536. Dazwischen liegen gewissermassen „Welten“. Sicher ist es ergiebig, vom Baumannschen Haus zu lernen, wie und wohin sich die Kunst der Gestaltung von Fenstererkern entwickelt. Ich möchte dazu in den nächsten Tagen noch einen Beitrag entwickeln auch mit Blick auf die Malereien. Das Baumannsche Haus gehört zu einer ganzen Gruppe von Häusern mit schon fast frühbarocken Fenstererkern. Der Fronhof von Epfendorf von 1718 bildet dann gewissermaßen bereits einen Abschluss.

      Das Hornmoldhaus grenzt trotz des üppigen Zierfachwerks doch noch insofern an die alemannische Bauweise, als die Fenstererker eben noch Teil von Bohlenwänden sind! Ich denke, dass dies auch für die Gestaltung der Erker noch irgendwie relevant war. Freilich ist zu bedenken, dass zwar die Form der umlaufenden Fensterbänder noch erhalten war - später werden die Fenstererker ja in einzelne Erker isoliert - dass aber Fenstererker und Zierfachwerk der Fassade wohl in Harmonie gesetzt werden: die Fenstegebilde also an Rahmen und Konsolen in Anfängen verziert werden, wie Riegel das vorschlägt.

      Vom Baumannschen Haus ausgehend die Hornmoldsche Gestaltung der ganz anders eingebundenen Erker zu treffen, ist mir dann doch ein zu weiter Sprung. Dennoch kann man daraus lernen.

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    • Bentele wrote:

      Aber das Haus ist erst 1582 gebaut worden, das Hornmoldhaus 1536. Dazwischen liegen gewissermassen „Welten“.
      Aber die Welten zwischen den 'alemannischen' Fenstererkern und dem Hornmoldhaus sind auch gross. ;)

      Bentele wrote:

      Das Hornmoldhaus grenzt trotz des üppigen Zierfachwerks doch noch insofern an die alemannische Bauweise, als die Fenstererker eben noch Teil von Bohlenwänden sind!
      Das ist ein ganz wesentlicher Aspekt, den ich zu wenig berücksichtigt habe. Die fränkischen Fenstererker mit ihren seitlichen Pfosten, die auch als Konsolen fungieren, setzen geschosshohe Fensterpfosten voraus, was ja im alemannischen Fachwerkbau mit der horizontalen Dominante der Balken gerade nicht der Fall ist.

      Nun müsste man in Bietigheim untersuchen, wie die weitere Entwicklung der Fenstererker vonstatten gegangen ist und wann diese aus der Mode kamen. Vor allem sind wir nun an einem Punkt angelangt, wo wir mehr über die Fassadenrestaurierung erfahren sollten. Ich habe mir bei freundeskreis-hornmoldhaus.de unter 'Galerie' nochmals das zweite Bild (mit abgeschlagenem Verputz) angeschaut, und da kommen mir Zweifel auf, ob die Rekonstruktion wirklich exakt erfolgte oder ob einiges auf Annahmen basierte. Es geht auf dem Bild nicht um die Bohlenstuben, sondern um den mittleren Raum im 2. Obergeschoss. Dort sehe ich neben dem Fenster aus dem 18./19. Jahrhundert zwei weitere geschosshohe Pfosten eines älteren, breiteren Fensters, die heute nicht mehr vorhanden sind...

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    • @Riegel Es scheint sich wirklich um die Pfosten eines breiteren Fensters zu handeln. Allerdings war die Fassade an mehreren Stellen durch spätere Baumaßnahmen verunklart. Ich bin gespannt auf die Dokumentation der Befunde, die ich zusammen mit dem Architekten der Restaurierung Hans Noller durchgehen will. Vielleicht ergibt sich daraus ein deutlicheres Bild. Wir brauchen da aber noch Geduld, da er in Urlaub ist.

      Ich bin selbst gespannt, kann mir aber nicht recht vorstellen, wie das bei einem Befund der Balken aus der Zeit um 1535 in das Gesamtgefüge eingeordnet werden könnte.


    • Alte Häuser bewegen nicht nur unser Gemüt - sie können auch Geschichten erzählen.

      Eine ganz besondere weiß das Kachelsche Haus, auf dem Bild das Haus mit dem roten Fachwerk. Auch das Hornmoldhaus erzählt Geschichten, sogar einen Krimi im Sujet des James Bond. Die wird hier ein anderes Mal erzählt.

      Heute bringt uns die Wetterfahne auf dem Giebel auf eine recht kuriose: Sie ist wegen dieser Geschichte aufgesetzt worden und soll an diese Geschichte erinnern.

      Die Familie Kachel war reich, weshalb dieses Haus ähnlich wie das Hornmoldhaus ausgemalt wurde, wenn auch wesentlich bescheidener. Im Detail aber faszinierend. So schleicht in einer Kammer,ein Fuchs fast wie lebendig über eine Wand. Vielleicht haben solche Bilder - der Fuchs war wohl nicht allein - ja manche Menschen verwirrt oder die Vorstellungskraft über die Maßen angeregt.

      Die Wetterfahne zeigt eine Hexe auf ihrem Besen. Und tatsächlich hat eine junge Magd der Familie Kachel gestanden, dass sie jeden Abend aus dem Küchenfenster geritten, in einem Bogen um das Untere Tor geflogen sei und von dort auf den Holzplatz an der Enz. Dort habe sie auf den Leitern mit dem Teufel Unzucht getrieben.

      Der Holzplatz war die Anlände der Flöße aus dem Schwarzwald, gleichzeitig Markt des Floßholzes und außerdem der Zimmerplatz, auf dem die Zimmerleute die Fachwerkhäuser zimmerten und aufschlugen. Das einträgliche Privileg des Holzverkaufs der kostbaren Stämme aus dem Schwarzwald hat Sebastian Hornmold der Stadt vermittelt.

      Unsere Magd war also eine Hexe, und ihr Geständnis hätte, es war die Zeit des späten siebzehnten Jahrhunderts, an vielen Orten noch unweigerlich zum Tod auf dem Scheiterhaufen geführt. Im Herzogtum Württemberg war man augeklärter: Das Strafmaß in Urteilen peinlicher Prozesse im Herzogtum legte die Juristenfakultät der Universität Tübingen fest. Das Mädchen brauchte keine Angst zu haben und musste zu ihrem Geständnis auch nicht durch Folter gezwungen werden.

      Sie erhielt eine empfindliche Geldstrafe, als hätten die Juristen sagen wollen: Hör mal, komm runter von diesem Unsinn! Zudem wurde sie auf eine bestimmte Zeit verpflichtet, Sonntagnachmittags zwei Stunden mit dem Pfarrer zu beten - der war noch keine dreißig ...

      Die Geschichte ist gut erhalten in einem der Bietigheimer Hexenprozesse, deren Akten im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart schlummern. Einige enden mit Geldstrafen für Verleumder, andere mit Geld- oder Turmstrafen für die „Hexe“, andere mit Freisprüchen, verbrannt wurde niemand.

      Ich denke die Geschichte erinnert auch noch an die Dämonie und den Reiz des Fremden, die der Flößerei und den Holzplätzen mit den wandernden Gesellen anhafteten.
    • Schön, dass man diese Geschichte am Haus verewigt hat.

      Bentele wrote:

      Ich bin gespannt auf die Dokumentation der Befunde, die ich zusammen mit dem Architekten der Restaurierung Hans Noller durchgehen will.
      Bis wir weiter über die Fenstererker am Hornmoldhaus mutmassen, warten wir besser mal diese Baudokumentation ab. Sonst wagen wir uns zu sehr auf die Äste hinaus. Was Bietigheim als Ganzes betrifft, befürchte ich, dass sich da bezüglich der Rekonstruktion von Fenstererkern eine Eigendynamik abgespielt hat, ohne dass man der Entwicklung dieser Erker nachgegangen ist.
    • Die Bedeutung eines Hauses rührt nicht nur von der Qualität des Bauwerks und der Ausstattung, sondern auch von den Bewohnern. Hier sind es verschiedene Mitglieder der Familie Hornmold.

      An Wänden und Decken finden sich Köpfe mit portraitähnlichen Zügen, ohne dass man direkte Zuweisungen machen kann, darf man mit größter Sicherheit davon ausgehen, dass es sich um Familienmitglieder handelt.


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      Das Allianzwappen Sebastian Hornmolds mit seiner Frau Anna Braun, der Schwester des bedeutenden bayerischen Kanzlers Konrad Braun, einem der damals einflussreichsten Persönlichkeiten im Süden. Der politisch wichtigen familiären Nähe zu Bayern (Landshut) verdankt Hornmold wahrscheinlich seine sehr steile Karriere. Herzog Ulrichs Ehefrau war Sabine von Bayern, die sich von ihm trennte. Der familiäre Bezug zum bayerischen Kanzler musste für Ulrich nach seiner Rückkehr auf den Herzogsthron 1534 hochwillkommen sein.




      Bei dem Jungen mit den Zweigen bietet sich eigentlich ein Stammhalter der Familie an, möglich wäre Johann Sebastian, der zum Zeitpunkt des Bildes etwa sechs bis acht Jahre gewesen sein dürfte. Er ist in Bietigheim geboren und war Direktor des Kirchenrats wie der Erbauer des Hauses. Von ihm wird noch berichtet werden.

      Ein weiterer Kanditat wäre ebenfalls ein Enkel: Sebastian Hornmold poeta laureatus, ein im Auftrag des Kaisers mit Lorbeer gekrönter Dichter, geboren 1562 allerdings in Heilbronn, zum Zeitpunkt des Bildes etwa vierzehn Jahre alt. Denkbar wäre, dass die Zweige später in Erinnerung an den Lorbeer des ruhmreichen Dichters hinzugefügt worden sind.

      Im Oberen Ern finden sich zwei Wappen: das Wappen, das Kaiser Karl V. Sebastian H., dem Erbauer des Hauses nach dem Schmalkaldischen Krieg zusammen mit dem persönlichen Adel verliehen hat, obwohl der Empfänger auf der Seite der Gegner stand und sein Haus von den Truppen des Herzogs Alba empfindlich geplündert worden war. Hornmolds Verdienst war die Aussöhnung Württembergs mit dem Kaiser.

      Das Wappen zeigt ein Horn, obwohl Hornmold eigentlich ursprünglich Hormold hieß. Hor (mhd.) heißt Mist, mold etwa Loch. Ein genial zugefügtes „n“ rückt die Familie vom Sumpfloch zu ritterlichen Höhen.

      In gleicher Höhe, buchstäblich auf Augenhöhe befindet sich an der gegenüberliegenden Wand das herzogliche Wappen! Ist jemand heraldisch kompetent, dass er das kopfstehende rechte Geweih des linken wappenhaltenden Hirsches deuten kann?

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    • Als Kinder hatten wir einen Auszählvers, bei dem sich niemand etwas gedacht hat:

      Gäbele, Gitterle, Vögele, Fisch - drauß bisch!

      Man plapperte halt drauf los. Wer hätte hinter einem Auszählversle eine Bedeutung vermutet!

      Erst als ich - übrigens an meinem Geburtstag - Frühjahr in den späten Siebziger Jahren, kurz vor zwölf Uhr am Mittag mit dem Restaurator im Hornmoldhaus vor dem ersten Fund der Wandmalereien, dem herzoglichen Wappen im Oberen Ern stand, kam mir plötzlich Gäbele, Gitterle, Vögele, Fisch - der Spruch aus der Kindheit meint das herzogliche Wappen:



      „Gäbele“ sind die drei Geweih-Stangen des Wappens der Württemberger Grafen und Herzöge; „Gitterle“ sind die Rauten des Herzogtums Teck; das „Vögele“ ist der Adler der Reichssturmfahne, deren Träger die Herzöge von Schwaben und dann die Württenberger waren; „Fisch“ sind die Fische im Wappen der Grafschaft Mömpelgard, heute Montbeliard in der burgundischen Pforte, das in Personalunion zu Württemberg gehörte: Das sind die vier Felder des herzoglichen württembergischen Wappens vor über vierhundert Jahren.

      Nicht sehr viel später kam noch der Heide von Heidenheim dazu, der im Kindervers nicht vorkommt.

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    • Weil wir von Hexen geredet haben: Die Furcht vor ihnen hat es bis ins Hornmoldhaus geschafft.



      Das Fratzengesicht mit einem Ring im Maul findet sich mehrfach in Bietigheim. Hier am Kopf der inneren Türe zur Hornmoldschen Sommerstube nach 1620, immerhin aus der Zeit, in der in Deutschland der Hexenwahn auf seinen Höhepunkt zusteuerte. Der Ring könnte Attribut eines Dämons der Unersättlichkeit sein. Kennt jemand sonst noch Gesichter mit einem Ring im Maul als Beschwörungs- oder Abwehrzeichen?
      Weiß hier Seinsheim mehr?

      Dasselbe Motiv in der Kelterstraße 3 datiert 1609:

      Verzeihung, ich kriege das erste Biest, das sich hier zum zweiten Mal eindrängt, ohne dass ich weiß wie, nicht wieder raus. Der Neidkopf in der Kelterstraße folgt darunter.





      Ein sehr seltener Beleg von Teufels- oder Dämonenabwehr findet sich in dem Hornmoldschen Galeriegebäude zwischen dem Hornmoldhaus und dem Sommerhaus: ein Pentagramm und daneben, wie die Experten behaupten, ein Heptagramm, ein Siebenstern, beide schwer erkennbar. Das Pentagramm diente der Abwehr des Teufels, wie jeder aus Goethes Faust weiß, in dem ein nicht gut gezogenes Pentagramm dem Teufel Mephisto den Zutritt zu Faust erlaubt.

      Glückbringende Bedeutung hat dagegen das Heptagramm. Hier steht es nun neben dem bösen Pentagramm und soll dessen grundsätzlich gefürchtete Wirkung auf die Menschen entschärfen. Ende des 18. Jhdt., vielleicht 1778, als die beiden Zeichen hier gemalt worden sind, war der Bietigheimer Zweig der Familie Hornmold freilich bereits ausgestorben - fast alle an der Pest innerhalb weniger Wochen im Dreißigjährigen Krieg.

      Man hat das dämonische Zeugnis unrestauriert lassen müssen - die Ergänzungen waren nicht aufzuklären.

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    • Das Rückgebäude des Kachelschen Hauses (Hexe) war ein Sommerhaus. Es wurde kurz nach dem Hornmoldschen Sommerhaus errichtet, also nach 1575; es scheint, dass die Familie Kachel die Hornmolds in Fragen der Ausstattung immer wieder nachgemacht haben.

      Bei der Rekonstruktion des umfassenden Fenstererkers half der original erhaltene nordöstliche Eckständer. Die Rekonstruktion des Erkers und des Kachelschen Sommerhauses - einige Jahre nach dem Hornmoldhaus - wie auch der gesamten Anlage wurde von Hans Noller vorgenommen, der auch das Hornmoldhaus restaurierte.




      Mir erscheint die Rekonstruktion dieses Fenstererkers unter allen rekonstruierten Fenstererkern in Bietigheim besonders gelungen. Vielleicht könnte man sich ihn bei einer Rekonstruktion am Hornmoldhaus zum Vorbild nehmen. Freilich müssen wir für nähere Erkenntnisse die Befunde noch einige Zeit abwarten. Vielleicht finden sich mit der Zeit auch noch mehr Befunde zu den anderen Rekonstruktionen.

      Übrigens, wenn Riegel schreibt, das Denkmalamt hätte (aktuell) eine Rekonstruktion der Hornmoldschen Fensterker abgelehnt, so stimmt das nicht. Hier wurde noch nichts beantragt und folglich konnte auch noch nichts abgelehnt werden! Ein Antrag, die Fenstererker zu rekonstruieren, muss warten, bis genügend Erkenntisse vorhanden sind. Wir hoffen ja gerade auf weitere Hilfe in diesem Strang! Den Grund, warum man die Erker nicht schon bei der Restaurierung des Hauses rekonstruiert hat, habe ich genannt: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse waren damals noch nicht so weit - das Hornmoldhaus war mit in vorderer Front.

      Der originale Eckpfosten:



      Die Ähnlichkeit zum Ständerschmuck - Konsole eines abgegangenen Fenstererkers? - an Fräuleinstraße 13 lässt vielleicht auf eine ortstypische Gestaltung schließen.

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    • Eine interessante Beobachtung zum Thema Bohlenwände.

      Schieringerstraße 15 in Bietigheim hat auf der Rückseite, Hofseite, Reste einer alten Bohlenwand. Wenn ich mich nicht täusche, ist die Verbindung von Bohlen und Ständern in irgendeiner Weise geschränkt!

      Ich habe eine solche Schränkung als Verbindung an einer Bohlenwand noch nie gesehen. Kennt das jemand?

      Oder ist an nachträgliche Veränderungen zu denken? Die für mich aber ebenfalls rätselhaft wären.

      Die Bohlenwand stößt auf einen vielleicht späteren Anbau.

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    • Ein interessanter Befund! Diese Bohlen waren ursprünglich wohl nicht sichtbar, und zudem könnten sie der Beschädigungen wegen zweitverwendet worden sein. Jedenfalls sind sie viel zu kurz, wohl also ein Baufehler oder eben infolge Zweitverwendung ein bisschen zu kurz, aber trotzdem noch gerade so lang, dass sie hier noch Verwendung finden konnten.

      Ich habe das Bild herauskopiert und stark vergrössert. Dann sieht man, dass diese schwarzen Punkte entlang den Pfosten Holznägel oder Holzkeile sind. Bohlen haben an ihren Ende immer einen oder zwei Zapfen (wie ein Riegelbalken), und die Pfosten, in die sie eingeführt werden, eine oder zwei Nuten. Mit diesen zu kurzen Bohlen ergab das eine wackelige Angelegenheit, weshalb sie mit Holzkeilen zusätzlich fixiert wurden. Auch der Fensterpfosten dient dieser Massnahme. Jedenfalls gehören diese Bohlen wieder verputzt, und darüber dann ein gemaltes Scheinfachwerk. So sehen die Befunde aus, die ich immer wieder antreffe.


      Hier habe ich noch zwei Links zu einem Gebäude in Nürnberg, bei dem ich auch davon ausgehe, dass es im 1. Obergeschoss einst Fenstererker und Bohlenstuben aufwies:
      Fachwerkbauten in Nürnberg
      Fachwerkbauten in Nürnberg

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    • @'Riegel Vielen Dank.

      Eine Zweitverwendung hatte ich auch in Erwägung gezogen. Die Kürze der Bohlen lässt eigentlich kaum eine andere Erklärung zu. Andererseits, so hatte ich überlegt, hätte es sich vielleicht aber auch um einen bei einem völligen Umbau des Hauses entstandenen Rest einer Bohlenstube handeln können. Freilich sind Bohlenwände selten hofseitig.

      Ihre Erklärung leuchtet mir daher völlig ein und erklärt gleichzeitig die scheinbare Schränkung als einen Notbehelf, entstanden aus der Kürze der für den neuen Zweck gekappten Bohlen. Gewissermaßen musste ein irgendwie entstandenes „Loch“ in den Gefachen „gestopft“ werden, und es lagen noch alte Bohlen herum. Die Fixierung mit Keilen, die den Eindruck von Schränkung machen, wird,bei Vergrößerung deutlich sichtbar.

      Die “Bohlenwand“ war tatsächlich verputzt, wie die Hiebe noch zeigen. Eigentlich ein überraschender Befund, weil im 18.Jhdt. im Herzogtum Württemberg meist nur die straßenseitigen Fassaden verputzt worden sind, wie z.B. beim Hornmoldhaus. Der herzogliche Putz-Befehl hatte ja ein einheitliches Straßenbild als Ziel. Dennoch sollte der interessante Befund meiner Ansicht nach sichtbar bleiben. Hofseitig stört er die schönen Fassaden des auch sonst sehr interessanten Hauses nicht.

      Foto wird nachgeliefert.

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    • Wie versprochen: Schieringerstraße 15

      Das Haus, Mitte 16. Jhdt., hat an der Kreuzung von drei Gassen gegenüber dem Schieringer Tor eine raffiniert verdrehte Stellung der Giebelseite so, dass man in alle Gassen hineinsehen kann und von überall gesehen wird. Man beachte den asymmetrisch vorkragenden Steinsockel unter der Giebelseite, rechts davon an der Nordwestecke des steinernen Erdgeschosses den gemauerten Strebepfeiler.

      Die „geschränkte Bohlenwand“ ist im Innenhof.



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    • Das scheint ein Konglomerat von drei Baukörpern zu sein, und trotzdem wirkt das Haus einheitlich. Wie Sie bereits erwähnt haben, ist die Verwendung von Bohlen bei einem hofseitigen Raum selten und unüblich, da dort kaum Stuben vorhanden sind. Der Gebäudetrakt ist zwar nur einraumtief, und demnach könnte es theoretisch die Rückwand einer Stube sein.

      Ich habe aber eine andere Erklärung: Im Erdgeschoss gibt es eine Hofdurchfahrt. Zur Schieringerstrasse hin ist das Erdgeschoss gemauert und die Durchfahrt mit einem Bogen versehen. An der Rückseite gibt es aber nur einen schlanken Unterzug (zugleich auch die MAuerschwelle) und die Schwelle des Fachwerkobergeschosses. Beide würden sich mit der Zeit durchbiegen, wenn die Gefache darüber ausgemauert wären. Die Bohlen bedeuten aber eine Gewichtsersparnis und zugleich eine Aussteifung gegen eine Durchbiegung. Also sind hier Bohlen nicht aus heizungstechnischen, sondern aus statischen Gründen eingesetzt worden.