Preis in der Kategorie „Besondere Bauten“

  • Die Kirche Seliger Pater R. Mayer steht in der Gemeinde Poing im bayerischen Landkreis Ebersberg. Im Februar 2019 erhielt das Bauwerk den Preis des Landesverbands Bayern des Bunds Deutscher Architekten in der Kategorie „Besondere Bauten“. Blickfang ist natürlich die auffällige Fassade, die von der Firma m&r Manufaktur (http://www.mrmanufaktur.de/) stammt. Sie ist in 3D-Optik gestaltet, die quadratischen Kacheln bestehen insgesamt aus vier Ebenen. Wie findet ihr das außergewöhnliche Aussehen des Gotteshauses?

  • Gefällt mir ganz gut. Bin zwar, wie wohl die meisten hier, ein großer Freund klassischer, historischer Architektur. Aber guter moderner Architektur kann ich auch einiges abgewinnen.

    "Mens agitat molem!" "Der Geist bewegt die Materie!"

  • Die Kacheln erinnern mich spontan an die Herti-Kaufhäuser. Das harte Weiß blendet einem in der Sonne. Ein Gotteshaus sollte m. E. auch für die Menschen Geborgenheit ausstrahlen. Diese Empfindung habe ich beim Anblick dieser Bilder jedoch nicht. Innenaufnahmen sind nicht dabei, doch vermute ich, dass der Innenraum weder Gliederung noch Ornamente aufweist; der Preis des Landesverbands Bayern des Bundes Deutscher Architekten in der Kategorie „Besondere Bauten“ lässt darauf schließen. Da darf man wohl nicht viel erwarten.

  • In meinen Augen schlimm, trotz der Helligkeit abweisend, ein Bunker ohne Öffnungen (besonders auf dem letzten Bild mit der Gesamtansicht). Abschottung nach außen. Genau das Gegenteil von dem, was Kirche eigentlich tun sollte.


    Das erinnerte mich auch sofort an die "Horten-Kacheln" (1960er, also nichts neues, was sich der Architekt da "ausgedacht" hat).
    In Hamburg bei Saturn hat man die übrigens vor einigen Jahren zum Glück endlich entfernt - erstaunlicherweise ohne viel Gejammer von wegen Denkmalschutzwürdigkeit, obwohl die Fassade immerhin von Egon Eiermann war). Vielleicht wurden die Kacheln ja hier an der Kirche wiederverwendet? ;)

    Lûbeke, aller Stêden schône, van rîken Êren dragestu de Krône. (Johann Broling, Lübecker Kaufmann und Ratsherr, um 1450)

  • Danke für euer Feedback! Mich würde interessieren, ob ihr der Meinung seid, dass moderne Architektur (wie in diesem Beispiel) gar keine Wärme ausstrahlen kann? Ist es da besser, wenn Gebäude wie Kirchen immer einen klassischeren und altbekannten Architekturstil haben? Passt die moderne Gestaltung nicht zu „konservativen“ Gebäuden oder gefällt euch die 3D-Optik allgemein nicht?


    Zu dem Vergleich mit den Horten-Kacheln würde ich auch gerne noch etwas anmerken. Die Kacheln, die bei der Kirche verwendet wurden, unterscheiden sich nämlich schon von den Horten-Kacheln, zum einen wegen der aufwendig produzierten Keramik und zum anderen wegen dem dazukommenden 3D-Effekt.


    Es ist aber natürlich Geschmackssache, ob einem diese neue Interpretation gefällt. :)

  • Die Kacheln reißen da nichts raus, der Baukörper bleibt auch mit 3D-Effekt ein simpler Klotz. Dieser Bau kommuniziert in keinster Weise mit seiner Umgebung, macht keine Aussage zum Betrachter, sondern schottet nur einen Raum gegenüber einen anderen ab. Und das einzige was darauf verweisen sollte, dass es sich hierbei um eine Kirche handelt, ist eher ein Wetterhahn geworden. Positiv jedoch ist die augenscheinlich wertige Ausführung der Fassade, des Wetterhahns und der Kacheln.

    Es gibt eine Architektur, die zur Landschaft gehört, sowie eine andere, die sie zerstört.

  • Das Material der Fassade ist auf alle Fälle ein Schritt in die richtige Richtung. Mir gefällt sie gut
    Leider ist die Kontur modernistisch. Sie rahmt das Material nicht ein. Der Blick prallt ab und geht ins Leere.
    Die Architektur in Marokko würde sich bei dieser Fassadengestaltung anbieten.
    Zum Beispiel der 3D-Effekt des Mausoleums von Mohammed in Rabat. (hier und hier)

  • Wie letztlich doch zumeist sind es Gefühle, die bei der Bewertung von Architektur den Ausschlag geben.
    In der Formgebung finde ich diesen Bau, soweit ich dies anhand der Fotos beurteilen kann, plump und unelegant.
    Die "Fensterphobie" bei manchen modernen Entwürfen - in diesem Falle gibt es anscheinend nur ein einziges, hoch angesetztes Fenster - wirkt inzwischen schon unoriginell und bemüht auf mich. Nahezu fensterlose Seitenwände mögen dem Wohlbefinden der im Kirchenbau befindlichen Gläubigen auch abträglich sein.
    Der entscheidende Punkt ist für mich aber die verunglückte Farbwahl des Baus. Das kalte Weiß wirkt steril und grell. Der Architekt mag versucht haben, die Oberfläche durch die 3D-Gestaltung der Kacheln lebendiger wirken zu lassen. Durch die verunglückte Farbwahl hat er es dann aber doch vermasselt.
    Ein Beispiel für ein Kirchengebäude mit ähnlicher Kubatur, welches aber dank der m.E. gelungeneren Proportionen deutlich weniger plump wirkt und eine schön anzusehende Natursteinoberfläche besisitzt, ist der Neubau von St. Trinitatis in Leipzig von 2015 - hier zwei Fotos beim Vorübergehen:



    Eingestellte Bilder sind, falls nicht anders angegeben, von mir

  • Lisa Conrad: ich schreib mal bewusst als jemand, der auch moderner Architektur was abgewinnen kann. Ja, genau das meine ich: moderne Architektur kann keine Wärme ausstrahlen, weil sie keine Wärme ausstrahlen will. Das ist meine Erfahrung als ehemaliger Architekurstudent und nun auch auf anderem Gebiet als praktizierender Grafiker.


    Der unter den Fachleuten herrschende Zeitgeist will gradlinig, clean, effizient, konstrukionsehrlich, kantig, vor allem aber abstrakt sein. Wenn Ornamente vorkommen, wirken sie computergeneriert und sollen auch so wirken. Wenn man nicht allzu gradlinig sein will, werden Rechtecke oder Kuben wild gegeneinander verschoben, aber man bleibt in der Abstraktion. Selbst die wildesten Architekten arbeiten nur mit Linien, Flächen und Materialeigenschaften.


    Wo soll bei der ganzen Abstraktion die Wärme herkommen? Jegliche Nachahmung der Natur durch Ornamentik ist ja verpönt. Nur bei der Materialwahl kommt manchmal ein bisschen Wärme durch (Holz, manche Steinarten), oder wenn in seltenen Fällen mal jemand organische Formen wählt.


    Speziell hier kann ich keinerlei Wärme erkennen -- Qualitäten sind vorhanden, liegen aber auf anderem Gebiet, eben dem was heutzutage so erlaubt ist: speziell die Materialbehandlung ist sehr schön, die Fassade wirkt auch lebendig, nicht zuletzt durch das ornamentale Muster. Das weiß und der recht grobe, kantige Grundkörper lassen das Gebäude aber abstrakt, modern und gerade deshalb letztlich kühl wirken.

  • Eine Kirche kann durchaus auch kühl wirken. Aber, was ist sakral an einem Gebäude, das wie ein halb abgerissenes Horten-Kaufhaus aussieht?