Mobilität und Städtebau

  • Im Übrigen: in einer Demokratie entscheidet die Mehrheit, und diese hat sich mehr als eindeutig in dieser Hinsicht positioniert:

    Ich verstehe nicht, inwiefern die Demokratie und Verkehrskonzepte sich hier berühren sollen. Noch weniger kann ich nachvollziehen, weshalb nur ein Entweder-oder möglich sein soll. Ich bin gerade wieder in den Niederlanden. Meine Beifahrerin, die zum ersten Mal in diesem Land ist, war erstaunt darüber, wie durchdacht die Verkehrskonzepte für Autofahrer sind. Und das in einem Land, das weltweit wohl die beste Infrastruktur für Fahrradfahrer bereithält. Will sagen: Es ist beides parallel möglich, es widerspricht sich in keiner Weise! Entscheidend ist auch, dass beide Systeme möglichst wenig Berührungspunkte haben. Auf diese Weise ist das Gefahrenpotenzial für Fahrradfahrer minimiert und der Verkehrsfluss für Autofahrer nicht über Gebühr beeinträchtigt. Dort, wo beide unvermeidbar zusammenkommen, hat meist der Fahrradverkehr Vorrang. Das sind alles Konzepte, die auch in süddeutschen Regionen funktionieren können, erst recht seit dem Siegeszug des E-Bikes. Ich kann diese ideologische Verteufelung des Fahrradverkehrs nicht verstehen, zumal es alles andere als zukunftsträchtig und nachhaltig ist.

  • Das ist eigentlich üblich für die deutschen Durchgangsbahnhöfe mittlerweile. Ich finde es auch nicht schlecht, weil die Auslastung der Infrastruktur ohne größeren Aufwand ausgeweitet wird. Stuttgart 21 wurde auch mit Doppelbelegungsbetrieb konzipiert neu.

    Dass die Schnellbahnstrecke nicht für Güterzüge geeignet ist, ist tatsächlich schon lange ein Kritikpunkt. Jedoch halte ich ihn für etwas unredlich. Schließlich werden Kapazitäten auf der alten Strecke frei, die dann vom Güterverkehr (leider dann weiterhin in mindestens teilweiser Doppeltraktion) in Anspruch genommen werden können.

    Der Hamburger Hbf wird täglich von knapp 600 000 Fahrgästen genutzt (zum Vergleich: Stuttgart: 255 000, München: 450 000).

    Die Zahl der Fahrgäste bringt die Züge, die Bahnsteige, Treppen und Zuwege an ihre Grenzen. Es müssten eigentlich zusätzliche Züge eingesetzt werden, aber es gibt in den relevanten Zeiträumen keine verfügbaren Slots. Der Bahnhof verfügt über lediglich 8 Fernbahngleise und 2 Fernbahn-Durchfahrtsgleise ohne Bahnsteig. 4 weitere Bahngleise werden ausscchliesslich durch die S-Bahn genutzt.

    Das Problem in Hamburg ist, dass weder überirdisch noch unterirdisch neben der bestehenden Infrastruktur eine Erweiterung auf normale Weise möglich ist, da das Gelände bebaut und unter der Oberfläche durch Bunker blockiert ist.

  • Die Situation am Hamburger Hauptbahnhof ist wirklich komplett untragbar, das nur mal als Info für die Foristen aus Süddeutschland oder diejenigen, die dort nie sind. Die Bahnsteige sind absurd schmal, es kommt praktisch jeden Tag zu gefährlichen Situationen an den Gleisen, nicht selten rennen Leute direkt über die Gleise, weil sie Anschlusszüge bekommen müssen und beim Andrang an den Treppen keine Chance hätten.

    Am Schlimmsten ist es v.a. auf den westlichen Gleisen 10-13, wo die rappelvollen Metronome aus dem Süden ankommen und sich mit den ebenfalls immer sehr vollen ICEs nach Süden die Gleise teilen. Die Situationen, die man dort jedes einzelne Mal erlebt, sind wirklich hanebüchen. Durch die relativ breiten Treppenaufgänge werden die Bahnsteige an den Treppen zu extrem schmalen Nadelöhren, wo es regelmäßig zu kritischen Situationen kommt.

    Man kann sich das tatsächlich nicht vorstellen, wenn man in einer Stadt mit einem modernen Bahnhof wohnt. Ähnlich kritische Situationen kenne ich nur vom Kölner Hauptbahnhof, bei dem ich auch schon Dinge erlebt habe, die eines Landes wie Deutschland unwürdig sind, riesige Menschentrauben auf viel zu schmalen Bahnsteigen, die den ständigen Gleiswechseln wie Wellen hinterherwogen, über allem eine kreischende Ansagestimme, die sich über die automatisierten Ansagen drüberlegt - den erkennbar nichtdeutschen Touristen verfolgten das Geschehen mit offenen Mündern. So etwas gibt es in keinem anderen Land.

  • Ich verstehe nicht, inwiefern die Demokratie und Verkehrskonzepte sich hier berühren sollen. Noch weniger kann ich nachvollziehen, weshalb nur ein Entweder-oder möglich sein soll. Ich bin gerade wieder in den Niederlanden. Meine Beifahrerin, die zum ersten Mal in diesem Land ist, war erstaunt darüber, wie durchdacht die Verkehrskonzepte für Autofahrer sind. Und das in einem Land, das weltweit wohl die beste Infrastruktur für Fahrradfahrer bereithält. Will sagen: Es ist beides parallel möglich, es widerspricht sich in keiner Weise! Entscheidend ist auch, dass beide Systeme möglichst wenig Berührungspunkte haben. Auf diese Weise ist das Gefahrenpotenzial für Fahrradfahrer minimiert und der Verkehrsfluss für Autofahrer nicht über Gebühr beeinträchtigt. Dort, wo beide unvermeidbar zusammenkommen, hat meist der Fahrradverkehr Vorrang. Das sind alles Konzepte, die auch in süddeutschen Regionen funktionieren können, erst recht seit dem Siegeszug des E-Bikes. Ich kann diese ideologische Verteufelung des Fahrradverkehrs nicht verstehen, zumal es alles andere als zukunftsträchtig und nachhaltig ist.

    Es gibt neben den ganzen von dir genannten Gründen noch einen weiteren gewichtigen Grund, der fürs Fahrradfahren spricht: Die Gesundheit.

    Radfahren : 100 Minuten pro Woche, die das Leben verlängern
    Was bringt es, jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren? Für den täglichen Kalorienverbrauch ist das Radfahren überschaubar, aber die Langzeitwirkungen…
    www.zeit.de

    Ist hinter Paywall, aber sehr interessant, wenig überraschend reduziert Fahrradfahren signifikant die Wahrscheinlichkeit herzkrank zu werden oder einen Infarkt zu bekommen, aber auch Krebsdiagnosen, Schmerzen (v.a. Rückenprobleme) und psychische Störungen sind wesentlich seltener in der Gruppe der Fahrradfahrer:

    Eine andere große Studie wurde im Vereinigten Königreich durchgeführt (Celis-Morales et al., 2017). Genau 263.450 Menschen wurden im Schnitt über fünf Jahre beobachtet und der Zusammenhang zwischen Radfahren und der Sterblichkeitsrate, vor allem in Bezug auf Krebserkrankungen, untersucht. Das Ergebnis: Unter den Radfahrern kam es nur zu knapp halb so vielen Krebsdiagnosen und zu vierzig Prozent weniger Todesfällen. Zurückzuführen sei das unter anderem darauf, dass neunzig Prozent der Radler eine gute physische Fitness erreichten.

    Alles natürlich nach Alterskohorten und Vorerkrankungen korrigiert. Und das Gute ist: Für diese Effekte muss man weder schnell fahren, noch besonders weit, es reicht ein normales Fahrradtempo ohne Schwitzen und Entfernungen ab 3-4 km eine Strecke mit einer gewissen Regelmäßigkeit (also zum Beispiel Berufspendeln).

    Ich kenne schon die Sprüche, die dann reflexhaft bei so was kommen a la "wer will schon ewig leben" etc... (hört man ja auch immer von Rauchern, dabei sind die letzten Lebensjahre von Rauchern oft eine einzige elende Qual) - es geht aber v.a. darum, dass man einfach länger gesund bleibt, weniger Schmerzen hat und allgemein einfach fitter und zufriedener ist im Schnitt, nicht um 3 Jahre länger als Pflegefall im Demenzheim, wie dann oft behauptet wird.

  • P.S. Amüsant an der Studie finde ich, dass die Befragten sich im PKW besonders sicher fühlen. Das Gefühl hat mit der Realität nichts zu tun. Bahn und Flugzeug sind die mit großem Abstand sichersten Verkehrsmittel.

    Das wird sich damit erklären, daß man einerseits, im Unterschied zum Fahrrad oder Motorrad, einen geschlossenen Raum um sich hat, zugleich aber auch selbst das Fahrzeug steuert (ich gehe davon aus, daß es in aller Regel Selbstfahrer sind, die sich besonders sicher fühlen).

  • Die spannende Frage ist doch eher, wer die Unfälle (mit Toten und Schwerverletzten) verursacht - ganz klar sind das viel häufiger die Autos. Hinzu kommen die "unsichtbaren" Toten und Kranken, die durch die Abgase und den Lärm des Straßenverkehrs zu Schaden kommen.

    Die HUK ist bekannterweise eine Versicherung, die auch maßgeblich mit Unfällen, Erkrankungen etc. ihr Geld verdient. Mal bitte darüber nachdenken. ;)

    Schließlich: Natürlich ist für den Einzelnen das Auto häufig die bequemste alltägliche Fortbewegungsart; für die Allgemeinheit hingegen die schmutzigste, am meisten Platz brauchende und auch teuerste. Eigentlich müsste jeder gefahrene Kilometer 15 Cent (andere Studien sagen deutlich mehr) mehr kosten. Diese Kosten werden aktuell noch externalisiert und damit von der Allgemeinheit getragen. Und nein, "Demokratie" heißt nicht, daß das Autofahren weiterhin pauschal massiv subventioniert werden muß!

  • Hallöchen und schönen Sonntag!

    Folgender Bericht passt sicher ganz gut zum Namen dieses Themenstrangs.

    Die Firma Rheinmetall entwickelte Ladestationen für Elektroautos, die man in den Bordstein integrieren kann. Ein Pluspunkt für das Stadtbild ist die unauffällige Bauweise. Nach der erfolgreichen Testphase werden diese Ladebordsteine nun in Serie produziert.

    Pilotprojekt erfolgreich: Rheinmetall bringt Ladebordstein als Serienprodukt
    Rheinmetall schließt die Erprobung von Elektroauto-Ladebordsteinen ab. Nach dem erfolgreichen Test wird nun der Regelbetrieb aufgenommen.
    ecomento.de

    Es gab auch schon mal die Idee, Ladestationen in Straßenlaternen zu integrieren. Die Stromeitung ist dort eh schon vorhanden. Daraus wurde aber offenbar nichts.

  • Schön, wenn solche verbliebenen Probleme nun innovativ gelöst werden. Bin mal gespannt, ob sich das durchsetzen kann. Wahrscheinlich scheint mir, dass es bei den klassischen Ladestationen bleiben wird. Es gibt eine große Trägheit bei solchen Dingen, selbst im Innovationsbereich.

    Insgesamt ist nun aber noch klarer als vor einem oder zwei oder gar 5 Jahren, dass sich batterielektrisch betriebene Fahrzeuge weltweit als Standard durchsetzen werden. Es gibt jetzt die Produkte, die auch gekauft werden, es wird innerhalb weniger Jahre ein ordentlicher Gebrauchtwagenmarkt entstehen, die Batterien halten deutlich länger als kolportiert, die Preise fallen. Dänemark, wegen seiner hohen Strompreise lange als relativ langsamer Transitionsmarkt angesehen, startet nun richtig durch, bereits aktuell sind 2/3 der Neuzulassungen batterielektrisch betriebene Fahrzeuge. Von 20% BEV bis 80% BEV dauerte in den bisherigen Märkten, die diese Transition vollzogen haben, ca. 7-8 Jahre.

    Deutschland hatte auch gerade einen neuen Aprilrekord und nun erstmals einen Marktanteil von knapp 20% BEV am Gesamtmarkt. Dies liegt v.a. daran, dass der auch von mir totgesagte VW-Konzern nun einige sehr gute E-Fahrzeuge am Markt hat, das muss man einfach so sagen. Es ist eigentlich schon seit Jahren Zeit, sich von den ganzen Nebelkerzen wie Brennstoffzelle oder E Fuels zu verabschieden. Wird es alles nicht geben oder nur als Nische (zum Beispiel für Oldtimer). In Deutschland und Österreich machen von den wenigen überhaupt vorhandenen Wasserstofftankstellen gerade eine nach der anderen zu.

  • In Deutschland und Österreich machen von den wenigen überhaupt vorhandenen Wasserstofftankstellen gerade eine nach der anderen zu.

    Pro Tankstelle hat der Staat eine Million Euro etwa in den Sand gesetzt. Die Förderung gibt es übrigens bis heute für neue Tankstellen, wer also weiteres Geld brennen sehen möchte, dem Staat ist das egal. Ich darf an dieser Stelle gerne auch an unsere vergangene Debatte hier im Forum erinnern, über die üppigen Förderungen für Solarstraßenbeläge. Da ist man mittlerweile weiter, nun fördert man Solarzellen zwischen den Schienen. Alles mit sehr wenig Sachverstand als sinnlos vorneweg zu erkennen, aber wie sich auch hier zeigt, das Geld ausgeben geschieht kopflos.

  • Pro Tankstelle hat der Staat eine Million Euro etwa in den Sand gesetzt. Die Förderung gibt es übrigens bis heute für neue Tankstellen, wer also weiteres Geld brennen sehen möchte, dem Staat ist das egal. Ich darf an dieser Stelle gerne auch an unsere vergangene Debatte hier im Forum erinnern, über die üppigen Förderungen für Solarstraßenbeläge. Da ist man mittlerweile weiter, nun fördert man Solarzellen zwischen den Schienen. Alles mit sehr wenig Sachverstand als sinnlos vorneweg zu erkennen, aber wie sich auch hier zeigt, das Geld ausgeben geschieht kopflos.

    Ja, Deutschland hat irgendwie so die Fähigkeit, normaler und sozusagen "etablierter" Innovation sehr kritisch gegenüberzustehen und dafür Wolkenkuckucksheime als realistisch zu sehen und Milliarden zu verbrennen, Beispiele

    - Transrapid

    - Wasserstoff/Brennstoffzellenantriebe

    - Kernfusion

    - Flugtaxis

    Abgeschaltet hat man funktionierende, abgeschriebene Kernkraftwerke, verhindert/bremst die allgemeine Elektrifizierung nach Kräften aus mittels Nebelkerzen a la E Fuels und Wasserstoff, sogar (noch schwachsinniger) im Heizungsbereich und hat sich bis 2021 immer neue Hürden für den Ausbau erneuerbarer Energien ausgedacht, mit dem Ergebnis, dass man blank dastand, als Russland das Gas abstellte.

    Es ist wirklich einfach, EE und Batterien massiv ausbauen (trägt sich alles von selbst, sind hauptsächlich planungsrechtliche Hürden, Preise fallen und fallen). Es beelendet mich, dass es auch im Jahr 2025 noch Menschen gibt, die wirklich glauben, dass Wasserstoff irgendeine relevante Rolle außer für ausgewählt großindustrielle Prozesse in Deutschland spielen wird.

    Es wird alles elektrisch: Heizen, Fahren, Transportieren (straßengebunden). Nichts wird das verhindern können, denn es ist ein globaler Prozess. Und das durfte man auch schon vor 10, spätestens 5 Jahren wissen. Trotzdem wurde in Deutschland selbst über den allergrößten, offenkundigsten Schwachsinn immer so diskutiert, als seien das wirkliche, realistische Alternativen zur Elektrifizierung.

  • Nur eine Frage an die "nicht einverstanden"-Reagierer: Seid Ihr anderer Meinung bzgl. der Entwicklung/Beschreibung der Situation oder findet Ihr die Entwicklung falsch? Weil ich nicht ganz weiß, was damit gemeint ist: Meint Ihr immer noch, der Verbrenner hat abseits von Nischen eine Zukunft oder das Brennstoffzellenauto wird sich durchsetzen - oder seht Ihr die Entwicklung ähnlich, seid aber nicht mit ihr einverstanden?

  • Es gab auch schon mal die Idee, Ladestationen in Straßenlaternen zu integrieren. Die Stromeitung ist dort eh schon vorhanden. Daraus wurde aber offenbar nichts.

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    In Berlin gibt es einige. Jedoch ohne die sonst oft übliche Reservierung der Parkfläche daneben.

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    In Berlin gibt es einige. Jedoch ohne die sonst oft übliche Reservierung der Parkfläche daneben.

    Es laufen hier mehrere Prozesse umeinander und gegeneinander. Ländlich und suburban wohnende Menschen werden sehr oft ihr Auto zu Hause, zumindest von Februar bis Oktober sogar mit Solarstrom laden können und brauchen kaum innerstädtische Lademöglichkeiten/diese nur auf Reisen. Stadtbewohner hingegen "sollen" ohnehin eher weg vom MIV. Sie können wesentlich schlechter billig ihr Fahrzeug laden, weil sie keinen Solarstrom nutzen können und keinen festen Stellplatz haben. Insofern ist meine nicht sehr mutige Prognose, dass die Transition zur E-Mobilität auf dem Lande/in den suburbanen Räumen wesentlich schneller gehen wird als in den Städten.

    Die Ironie an dieser Geschichte ist nun, dass in den Medien und allgemein im Netz aber genau umgekehrt so getan wird, als sei der Umstieg auf E-Mobilität nur ein weiteres Folterwerkzeug der städtischen "Eliten" zur Qual der Bewohner in ländlichen Regionen. Die Realität spricht eine andere Sprache: PV als Stromerzeuger auf riesigen Dachflächen ist v.a. auf dem Land attraktiv UND verbreitet. Eine eigene Wallbox fürs Laden des E-Autos auf dem eigenen Stellplatz ebenso. Mit den abstürzenden Batteriepreisen werden nun mehr und mehr Menschen gerade auf dem Land begreifen, dass sie selbst die größten Profiteure der Elektrifizierung sind.

    In den Städten wird es eben wegen der Stellplatz/Ladeproblematik schwierig(er) bleiben, auch wenn natürlich auch hier der Anteil an E-Fahrzeugen zunimmt. Arbeitgeber können zum Beispiel Lademöglichkeiten bieten, so etwas wird natürlich mehr und mehr kommen. Aber das geht alles nicht von heute auf morgen.

  • In den Städten haben wir nur deshalb ein Problem, weil der Ausbau der Ladeinfrastruktur politisch unzureichend unterstützt wird. Es gibt keinen prinzipiellen Hinderungsgrund. Unsere skandinavischen Nachbarn machen doch erfolgreich vor, wie es geht. In Oslo gibt es kaum einen öffentlichen Parkplatz ohne Ladesäule daneben. Auch städtische Mieterhaushalte haben so kein Problem damit, ihr Auto nachts aufzuladen.

    Warum sich deutsche Politiker lieber in abwegigen Gefilden wie Wasserstoffnutzung durch PKW oder E-Fuels verirren, ist mir auch ein Rätsel. Vordergründig spielt sicher die Lobbyarbeit der deutschen Autoindustrie eine Rolle, die die Elektrifizierung um mindestens 1 Jahrzehnt verschlafen hat, und den Prozess ausbremsen möchte, um Zeit zu gewinnen.

    Dass die Autoindustrie Wasserstoff und E-Fuels selbst für tote Pferde hält, verdeutlicht das Ausbleiben jeglicher Investitionen in diese Richtung. Letztendlich schadet man sich mit der Verzögerungstaktik aber nur, der kostspielige Parallelbetrieb zweier Welten wird verlängert, und man zerstört global seinen Ruf als Innovationsführer.

    Wasserstoff und E-Fuels sind im PKW prinzipbedingt unwirtschaftlich und viel zu teuer. Anders sieht das in der Luftfahrt aus.

  • Gut wären zum Beispiel auch flexible Strompreise an den Ladesäulen, wenn viel Strom zur Verfügung steht bei Sonne und Wind wird der Strom billiger und die ladenden E-Autos können so sogar die Netze entlasten, wenn kaum EE zur Verfügung stehen, eben teurer. Momentan ist das Grundniveau gerade für "Spontanlader" noch ziemlich hoch in Bezug auf die Preise, wenn man sieht, dass tlw. 49ct/kWh fällig werden.

    Auf dem Land rutschen jetzt gerade massenhaft große PV-Anlagen aus den 2000ern aus der (sehr üppigen) Einspeisevergütung, so dass sich auch sehr viele Landwirte jetzt Gedanken machen können, wie sie die Anlagen weiternutzen können. Es gibt schon mehrere Firmen, die Elektrotraktoren anbieten - auch hier wird es jetzt eine rasante Entwicklung geben. Das gleiche gilt für E-LKW, die sich rasant durchsetzen, der E Actros von Mercedes ist ein Superprodukt und die Produktion momentan voll ausgelastet. Der ÖPNV wird ebenfalls und in naher Zukunft praktisch komplett elektrifiziert werden, vom Stadtbus bis zur nicht elektrifizierten Nebenbahnlinie, alles im Batteriebetrieb.

    Insgesamt hat Deutschland wie gesagt eine Neigung, sich kleiner und schlechter zu machen, als es ist. Zum Beispiel hat der Volkswagenkonzern jetzt wirklich und auch international anerkannt einige sehr gute E-Autos im Angebot, der Enyac von Skoda oder der id7 gehört so mit zum Besten, was es zur Zeit gibt. Die neuen Elektromotoren von VW sorgen wegen ihrer extrem guten Effizienz ebenfalls für Aufsehen, manche dieser Fahrzeuge kann man mit 12-15 kWh/100 km bewegen, das ist sehr, sehr wenig.

    Hier mal ein Video von zwei erfahrenen amerikanischen Motoringenieuren, die seit Jahren Motoren auseinanderbauen und "untersuchen" und die regelrecht begeistert sind vom neuen E-Motor von VW:

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    Deutschland ist oftmals besser, als es gemacht wird. Wir werden - mit den üblichen anscheinend nötigen und unvermeidlichen Verzögerungen - auch diesen Wechsel schaffen und es wird weiter konkurrenzfähige Industrieprodukte aus Deutschland geben. Ich mache mich dieses Defätismus und des Runterschreibens auch manchmal schuldig, es macht ja auch Spaß, übers Telefax und gescannte Exceltabellen und Diesel-Dieter herzuziehen.

    Diese Fixierung auf e Fuels ist in der Tat sehr gut mit dem Lobbyismus der Mineralölkonzerne zu erklären, es wäre ja auch zu schön gewesen, man kann die ganze Transport- und Verteilungsinfrastruktur beibehalten und die Autobauer können weiter ihre Verbrenner bauen, außerdem lieben die Deutschen es einfach, wenn irgendwas verbrennt und hinten oder oben Rauch rauskommt. Die Wasserstoffgeschichte ist schwieriger zu erklären....

  • Nochmal was zur Elektrifizierung. Hier weiter oben finden sich zahlreiche Beiträge, die Elektromobilität grundsätzlich in Frage stellen, als lächerliche Idee einer abgedrehten Elite. Es wird viel auf das Gewicht der Batterien abgehoben, wie ineffizient es sei, soviel Gewicht rumzuschleppen etc.

    Ich habe mal geschaut, was der aktuelle Passat mit dem kleinsten und effizientesten Dieselmotor verbraucht und was sein elektrisches Pendant ID7 verbraucht. Hierbei muss man wissen, dass ein Liter Diesel ziemlich genau 10 kWh Energie enthält. Der aktuelle Passat (so etwa peak German Diesel engineering) verbraucht im WLTP-Zyklus 4,9l/100km. Das ist ein extrem guter Wert (für ein Auto dieser Größe). Der ID7 Kombi verbraucht nach WLTP 14 kWh/100km.

    Das bedeutet, er braucht ziemlich genau 3,5x weniger Energie als der neueste Top-Passat. Ein 2,2-Tonnen Familienfahrzeug, das das Äquivalent von zwischen 1,2 und 1,8 l Diesel/100km verbraucht. Selbst bei 180 km/h verbraucht er nur 27 kWh/100km, also etwa 2,7l Diesel/100km, in der Stadt meist nur um 12 kWh (1,2l)/100km. Ja, WLTP ist gerade bei Elektroautos nicht übermäßig realistisch, aber selbst mit Abzug eines Unterschieds von 20% zu den realen Werten (die es natürlich auch beim Verbrenner gibt, wenn auch vielleicht nicht im gleichen Ausmaß) bleibt immer noch ein Faktor 3.

    Die Elektrifizierung von Verkehr und Heizen wird den Primärenergieverbrauch, der manchen Foristen hier so immens wichtig war, um den Faktor 3 im Verkehr und 4-5 beim Heizen senken. Hier mal eine aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts ISE:

    Trotz eines weiter steigenden Transport- und Vekehrsaufkommens wird der Primärenergiebedarf für den Sektor Verkehr mit einer weitgehenden Elektrifizierung um den Faktor 3 sinken.

  • Hmm, das ändert aber nichts daran dass es den Stromverbrauch um den Faktor 2-3 erhöhen wird. Ob wir die Infrastruktur dafür werden bereitstellen können ist bei gleichzeitiger Energiewende tatsächlich fraglich.