Mobilität und Städtebau

  • Hier wäre es nicht undenkbar, dass der bekannte ,,Bio-Effekt" zu beobachten ist. Fragt man Konsumenten, was für Lebensmittel sie gerne kaufen, dann gibt ein erheblicher Teil an, dass sie gerne Bio kaufen oder zumindest auf gute Tierhaltung achten. Analysiert man aber deren echtes Einkaufsverhalten, so spiegelt sich dies nicht wieder.

    Ein gutes Beispiel. Tierische Bio-Produkte sind eine große Errungenschaft für dieses Land. Es hat mich ungemein gefreut, dass auch mein hiesiger Lebensmittelhändler alternatives Biomarken einführte. Früher gab es Bioläden nur in der Stadt. Natürlich könnte das noch besser angenommen werden. Auf alle Fälle hat man ein gutes Angebot geschaffen. Man hat endlich eine Wahlmöglichkeit (!!!!) und das Fleisch ist auch bezahlbar.

    Es geht, wenn man will!

    Die Niederländer haben es dagegen seit Jahrzehnten im Blut, ihren Alltag auf zwei Rädern zu bewältigen. Es gehört zu ihrer Kultur. Und dafür beneide ich sie.

    Ich war noch nie in den Niederländen. Aber solche Kultur wünsche ich mir hier auch. Alle auf´s Rad :)

    Beauty matters!

  • Die Niederländer haben es dagegen seit Jahrzehnten im Blut, ihren Alltag auf zwei Rädern zu bewältigen. Es gehört zu ihrer Kultur.

    Das ist mit Sicherheit ein Kernproblem in Deutschland. Was andere Foristen hier ja bereits zum Ausdruck gebracht haben ist Reproduktion eines ganz schlechten Images. Eigentlich hat außer dem Auto (zumindest bis zum Abgasskandal) jedes nationale andere Verkehrsmittel ein sehr spezifisches Imageproblem, ich denke der rote Faden wird klar, wenn ich Stichworte nenne. Bahnhöfe (Drogenmissbrauch, zugig, vernachlässigt) und Züge (unsicher und schmutzig, dazu unzuverlässig), Fahrrad (Schweiß, Dreck und Regen bzw. Eis, und gefährlich), Bus (Armutsverkehrsmittel, auch schmutzig, Regen), U-Bahn (stickig und unsicher, Infektionsort). Alles irgendwie unbequem und mit Risiken verbunden. Bevor jetzt in die Tasten gehauen wird, ich sage nicht, dass manches Urteil keinen wahren Kern hat. Ich möchte nur behaupten, dass wenn es zur Kultur gehört, dass z.B. alle Radfahren, es wohl trotz weiterhin ähnlicher Nachteile eindeutig positiver betrachtet wird. Das hat dann nicht nur den Grund darin, dass die Bedingungen tatsächlich besser sind fürs Fahrradfahren, sondern auch erheblich, dass es als normal angesehen wird und nicht mit irgendwelchen weniger angesehenen (Restnutzer-) Gruppen verbunden wird, wie es in Deutschland z.B. mit den Buslinien auf dem Land ist, die als reines Transportmittel für Menschen ohne Führerschein gelten.

  • Der Grund ist in der Tat wohl kaum im Wetter von Sachsen-Anhalt zu suchen, denn in den eher feuchteren Niederlanden bewegen sich ganze Massen von Menschen wie selbstverständlich im Alltag mit dem Fahrrad. Warum dies hierzulande nicht funktioniert? Es ist einerseits die schlechte Infrastruktur für Fahrräder, andererseits unsere eigene Trägheit und Faulheit. Und da nehme ich mich nicht aus, obwohl ich leidenschaftlich gerne Fahrrad fahre, allerdings in der Freizeit und nicht im Alltag. Die Niederländer haben es dagegen seit Jahrzehnten im Blut, ihren Alltag auf zwei Rädern zu bewältigen. Es gehört zu ihrer Kultur. Und dafür beneide ich sie.

    Ich bin auch in einem eher "fahrradfernen" Haushalt großgeworden. Das Fahrrad war für meine Eltern bestenfalls ein Freizeitgerät, das sie zudem nicht oft benutzten. Bei mir war es schlicht ein Kreis Freunde, die den gleichen Weg zur Schule hatten und mit 15 beschlossen hatten, nicht mehr mit dem blöden, vollen Bus fahren zu wollen (6 km eineStrecke). Obwohl ich derjenige war, der am wenigsten radsozialisiert war, blieb mir wenig übrig, als mich ihnen mit meinen Torpedo-3-Gangfahrrad anzuschließen, wenn ich nicht nicht alleine im Bus sitzen wollte.


    Hieraus hat sich innerhalb weniger Wochen eine anhaltende Liebe zum Verkehrsmittel Fahrrad entwickelt, auch half natürlich, dass es genau in dieser Zeit doch einige große technologische Sprünge gab, so dass mein nächstes Fahrrad (heute würde man wohl "Stadttrekkingrad" sagen, mit 21 Gängen) sich schon dermaßen viel besser fuhr als alles, was vorher war, dass ich tatsächlich nie mehr zurückgeschaut habe.


    Es sind also sehr individuelle Geschichten, die uns zu Fahrradfahrern machen, Deshalb möchte ich auch von niemandem irgendetwas verlangen. Das muss eine individuelle Entscheidung bleiben, über die andere nicht zu urteilen haben. Blöd finde ich eben nur, wenn irgendwelche übergeordneten Gründe gesucht werden (Wetter), um das eigene Verhalten zu erklären. Deutschland hat eines der fahrradgeeignetsten Klimate der Welt, selten heiß, selten sehr kalt, nicht unbedingt windig, selten wirklich anhaltende Niederschläge. Es gibt sehr viele Gründe, nicht das Fahrrad zu nehmen, das Wetter gehört objektiv nicht unbedingt dazu.


    Gerade mit den weiteren Technologiesprüngen der letzten 10, 15 Jahre (wartungsfreie Lichtanlagen - was war das früher für ein ewiges Geeier mit den Dynamos und den kaputten Lichtern - wartungsfreie, gute Nabenschaltungen (kein Vergleich zu den alten Torpedo 3- oder 5-Gangbiestern, die einem mit jedem Tritt die Lust am Weiterfahren raubten - neue Bremssysteme, Scheiben oder Öldruck statt der alten Cantilever, die immer schleiften und an denen immer "was" zu tun war) - es macht auch objektiv einfach viel mehr Spaß, heute Fahrrad zu fahren als vor 20 oder 30 Jahren. Hinzu kommen nun noch die E-Fahrräder, die noch einmal eine ganze Menge zum Fahrradfahren motivieren und z.B. das Schwitzproblem recht gut lösen können, das Leute haben, die sich für die Arbeit nicht noch einmal umziehen können (da hat man im Medizinbereich natürlich einen Vorteil).


    Wie gesagt, ich bleibe dabei: Fahrradfahren ist einfach praktisch ideal für fast alle, die Wege von unter 10 km eine Strecke haben zur Arbeit. Und durch E-Bikes ist dieser Radius in den letzten Jahren eher noch erweitert worden, auch in den hügeligeren Städten und Landschaften Deutschlands. Gerade für die typischen Büroarbeitsplätze ein idealer Ausgleich, man kann abschalten, bewegt sich, kommt an die frische Luft, der Rücken wird entlastet, Muskeln aufgebaut, und alles das ohne nervige Fitnesstudiobesuche und extra Wege zum Sport, die ironischerweise auch oft noch mit dem Auto zurückgelegt werden.


    Am Ende ist es für mich eher Privileg als Last, viel Fahrrad zu fahren. Ich mache sonst praktisch keinen Sport und weiß, wie ich aussähe und was für Probleme ich hätte, wenn ich jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit fahren würde. Nochmal 10 kg mehr und permanent Rückenschmerzen. Es ist also gleichzeitig praktisch und gesund. Mehr geht eigentlich nicht aus meiner Sicht.

  • Ich bin auch in einem eher "fahrradfernen" Haushalt großgeworden. Das Fahrrad war für meine Eltern bestenfalls ein Freizeitgerät, das sie zudem nicht oft benutzten. Bei mir war es schlicht ein Kreis Freunde, die den gleichen Weg zur Schule hatten und mit 15 beschlossen hatten, nicht mehr mit dem blöden, vollen Bus fahren zu wollen (6 km eineStrecke). Obwohl ich derjenige war, der am wenigsten radsozialisiert war, blieb mir wenig übrig, als mich ihnen mit meinen Torpedo-3-Gangfahrrad anzuschließen, wenn ich nicht nicht alleine im Bus sitzen wollte.


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    Siehst Du, und deshalb muss ich Dir die Kompetenz in dieser Frage absprechen. Wir ehemaligen Ostdeutschen redeten nicht übers Radfahren, sondern fuhren ein halbes Jahrhundert bei Wind und Wetter zur Schule und zur Arbeit. Und beneideten die wenigen Autobesitzer, die im Trockenen sitzen durften. Der Wunsch nach dem "Dach überm Kopf" war riesig. Unserer Elterngeneration versprach man einst den Volkswagen, und uns den Trabant. Es besteht kein Bedarf, die Entwicklung zurück zu drehen. Als Sportgerät gern, aber mehr nicht!

  • Die Wenigsten wissen, dass Dessau sich heute als Radfahrerstadt darstellt. Bis zur Wende hieß es sogar, wir hätten nach Amsterdam die meisten Radfahrer. Aber wo fahren sie denn? Der internationale Radfernweg R1 führt durch die Stadt und zu den Sehenswürdigkeiten. Durch und weg. Der innerstädtische Radverkehr wurde enorm reduziert. Dafür sind die Straßenränder zugeparkt.

  • Siehst Du, und deshalb muss ich Dir die Kompetenz in dieser Frage absprechen. Wir ehemaligen Ostdeutschen redeten nicht übers Radfahren, sondern fuhren ein halbes Jahrhundert bei Wind und Wetter zur Schule und zur Arbeit. Und beneideten die wenigen Autobesitzer, die im Trockenen sitzen durften. Der Wunsch nach dem "Dach überm Kopf" war riesig. Unserer Elterngeneration versprach man einst den Volkswagen, und uns den Trabant. Es besteht kein Bedarf, die Entwicklung zurück zu drehen. Als Sportgerät gern, aber mehr nicht!

    Da kommen wir der Sache doch schon näher. Deine Abneigung gegenüber Fahrradfahren hat also nicht viel mit dem Wetter in Dessau zu tun, sondern mit Deiner Lebensgeschichte. Wir sind alle geprägt von unseren Biografien und wenn Deine Kindheits- und Jugenderinnerungen eben durch Frieren an Bushaltestellen und Nasswerden auf klapprigen Rädern geprägt waren, erklärt sich doch schon unsere andere Sicht.


    Ich hatte diesen Satz weiter oben schon mal geschrieben und auch Heimdall hat diese Aussage so ähnlich paraphrasiert: Verzicht muss man sich leisten können. Wenn man nur ein Fahrrad hat, macht es vielleicht weniger Spaß als wenn man weiß, dass man auch Auto fahren könnte (wobei ich für mich persönlich wirklich nur Vorteile sehe im Fahrradfahren, allein schon der Albtraum Parkplatzsuche morgens am Arbeitsplatz und abends zu Hause disqualifiziert für mich tägliches Autofahren einfach).


    Ähnlich gelagert und ebenfalls in der oben genannten Studie anklingend ist eben, dass die privilegierte Mittelschicht Westdeutschlands weniger oder andere Statussymbole benötigt. Mein Auto ist klapprig, mein Fahrrad meistens schmutzig, ich laufe in alten Kapuzenpullis, Funktionsjacken und Jeans mit Turnschuhen herum, weil mir das alles egal ist. Es hinterfragt mich in meinem Umfeld aber auch niemand trotz meines schräbbeligen Auftretens, ich kann es mir einfach leisten, auf Aussehen wenig zu achten (auch wenn es meine Frau in den Wahnsinn treibt ;)).


    Hingegen erklärte mir ein türkischstämmiger Kollege mal recht schlüssig, warum statusorientierte Türken (also Typ Bildungsaufsteiger) trotzdem so oft auf Äußerlichkeiten achteten, also hochwertige (wenn auch nicht immer geschmackvolle) Klamotten tragen und bling-bling Autos fahren: Weil sie in ganz anderem Maße in Frage gestellt werden, im beruflichen wie im öffentlichen Leben. Wer er so rumlaufen würde wie ich, würden alle das schlimmste vermuten, was ist das denn für einer? Also laufe ich in abgewetzten grünen Kasacks mit unpassenden, zu weiten grünen OP-Hosen durch die Gegend und er im gebügelten und gestärkten weißen Kittel mit perfekt sitzender, weißer Hose. Fand ich sehr interessant. Deshalb auch dieses Schickimicki-Gehabe in vielen migrantischen Schichten: die würden in meinem Aufzug nirgends reinkommen oder ernstgenommen werden.


    Deshalb fahren sie -wie Du, wenn auch aus anderen, aber ebenfalls biografischen Gründen- nur ungern Fahrrad, weil das in Euer beider Umfeld anscheinend negativ mit Not und Armut verknüpft ist. "Der hat nichtmal ein Auto". Interessantes Thema. Wichtig bleibt, sich mit Urteilen über die jeweils anderen zurückzuhalten. Jeder hat seine Gründe, sich so oder so zu verhalten. Das heißt aber trotzdem nicht, dass man nichts ändern müsste. Fahrradfahren ist aus gesellschaftlicher, gesundheitlicher und umweltpolitischer Sicht so dermaßen sinnvoll, dass man es fast nicht genug fördern kann.

  • Ich meine, dass man in einer gut mit U-Bahn et cetera vernetzten Stadt nicht unbedingt (als Privatmann oder -frau) ein Auto benötigt. Als Gewerbetreibender sieht das natürlich wieder anders aus und die dürfen auch in Ladezonen usw mit ihrem Verkehrsmittel stehen. aber im Grunde genommen gibt die jeweilige Stadt die Möglichkeiten vor. Es bleibt dem Einzelnen jedoch überlassen, ob er das Angebot annimmt oder trotzdem lieber ein eigenes Auto benutzen möchte. Diese Freiheit wird auch weiterhin bestehen. Natürlich kann der Staat über Steuern auf Treibstoffe und KFZ Steuern hier viel steuern. Den "Reichen" kommt das sogar entgegen, da sie dann noch weniger Verkehr und freie Straßen haben. auch ein interessanter Aspekt.


    Wer jedoch auf dem Land lebt, der ist unweigerlich darauf angewiesen.


    Wir leben in einer interessanten Zeit und momentan sprechen wir nur über die Möglichkeiten, die unsere Technologie derzeit bietet. Wer weiß, vielleicht wird das Auto zukünftig durch zB Elektrokleinflugzeuge, Flugzeuge mit Bioverbrennungsmotoren oder bemannte Wasserstoff-Drohnen ersetzt. Das sind dann ganz neue - im wahrsten Sinne des Wortes - Horizonte, die sich da auftun werden. Der Verkehr verlagert sich dann zu einem Teil in die Luft. Wie auch immer, es bleibt spannend und wird ganz anders kommen als wir uns es heute alle vorstellen können!

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Naja, dass der Stelllantis-Autoboss, dessen Marken bisher die Entwicklung von nachhaltigen Antrieben, wie die meisten großen Autohersteller auch, jahrelang verschlafen haben, so argumentiert verwundert mich nicht.

  • Schade, dass der Titel nur Clickbait war, und man rein gar kein Klartext zu lesen bekam. Der Autoboss hätte mit Sicherheit die entsprechende Datengrundlage seines Konzerns, um klare Angaben zur Co2 Bilanz machen zu können. Stattdessen gab es nur ein ,,schauen wir mal was dann in zehn Jahren tatsächlich eingespart wurde". Ziemlich platt.

    Wenn man belastbare Zahlen lesen mag und dazu einen kleinen Studienüberblick, empfehle ich diesen Artikel (auch ganz frisch noch):

    https://www.autobild.de/artike…eherstellung-3729677.html


    Wenn man Herrn Tavares Andeutung ernst nimmt zu seinen E-Autos, und das mit den Informationen der Tagesschau zur Situation in Deutschland verbindet (,,Fast die Hälfte aller Erwerbstätigen (48 Prozent) hat nach eigenen Angaben weniger als zehn Kilometer zum Arbeitsplatz zurückzulegen" und fährt dies mit dem Auto trotzdem), so kann man eigentlich wirklich nur einen breiten Umstieg aufs Fahrrad forcieren.

  • So müsste es überall sein, Helge.

    Hier in Bayern (Nürnberg ist 30 km von meinem Wohnort entfernt) wäre das Leben mit Kindern undenkbar. Nicht, weil wir nicht überleben könnten, sondern weil meine Kinder komplett sozial isoliert wären. Die ganzen Aktivitäten mit Freunden (Verein, Spiele...) sind nur mit dem Auto machbar. I

    Beim Thema "Kinder" sehe ich, wie gesagt, selbst in unser Wohnlage, den einzigen gravierenden Nachteil durch unseren Autoverzicht.


    Unser Sohn besucht eine bilinguale KiTa. Echte zweisprachige KiTas gibt es selbst in Hamburg nur eine Handvoll. Das Problem ist dabei nicht das tägliche Pendeln zur 12km entfernten KiTa - die liegt sehr zentral und nur 200m entfernt vom Arbeitsplatz meiner Frau, ist auch für mich gut erreichbar. Sondern eher, dass das Einzugsgebiet der KiTa der gesamte Großraum Hamburg ist. Die Einladungen zum Kindergeburtstag kommen dann schon mal vom gegenüberliegenden Ende des Ballungsraums aus einer Neubausiedlung im Speckgürtel ohne ÖPNV-Anschluss. Erreichbarkeit: Faktisch nur per Auto. Für uns heißt das dann, auch mal für längere Strecken ein Taxi nehmen zu müssen. Wir haben uns regelrecht selbst dazu "erziehen" müssen, das entspannt zu sehen. Ja, es kann passieren, dass der 3stündige Besuch beim Kindergeburtstag Taxikosten von 120 Euro verursacht. Kommt vielleicht 3x im Jahr vor.

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    Wenn man Herrn Tavares Andeutung ernst nimmt zu seinen E-Autos, und das mit den Informationen der Tagesschau zur Situation in Deutschland verbindet (,,Fast die Hälfte aller Erwerbstätigen (48 Prozent) hat nach eigenen Angaben weniger als zehn Kilometer zum Arbeitsplatz zurückzulegen" und fährt dies mit dem Auto trotzdem), so kann man eigentlich wirklich nur einen breiten Umstieg aufs Fahrrad forcieren.

    Es bleibt aber ein großer Unterschied, ob man zwischen Auto und Rad wählen kann (Regen, Sturm) oder zum Radfahren gezwungen ist, wie wir in den 60ern und 70ern. Diese Alternative sollte man nie ausschließen.

  • Ja, es kann passieren, dass der 3stündige Besuch beim Kindergeburtstag Taxikosten von 120 Euro verursacht.

    Um Gottes Willen. eek:)

    Beim Thema "Kinder" sehe ich, wie gesagt, selbst in unser Wohnlage, den einzigen gravierenden Nachteil durch unseren Autoverzicht.

    In einer vielleicht nicht allzu fernen Zeit werden Deine Kinder das Wort "Kinder" durch "Eltern" ersetzen. Stichwort Pflege. Damit war ich die letzten Jahre beschäftigt. Einkäufe machen und bringen, zum Arzt bringen, Ausflüge (Café, Verwandte) mit jemandem, der nur noch schwer (und am Rolllator) gehen kann, Mutter ein- und ausladen, Rollstuhl ein- und ausladen, im Notfall schnell vor Ort sein...

  • Um Gottes Willen. eek:)

    In einer vielleicht nicht allzu fernen Zeit werden Deine Kinder das Wort "Kinder" durch "Eltern" ersetzen. Stichwort Pflege. Damit war ich die letzten Jahre beschäftigt. Einkäufe machen und bringen, zum Arzt bringen, Ausflüge (Café, Verwandte) mit jemandem, der nur noch schwer (und am Rolllator) gehen kann, Mutter ein- und ausladen, Rollstuhl ein- und ausladen, im Notfall schnell vor Ort sein...

    Ja, ist bestens bekannt. Wir sind Angehörige der "Sandwich-Generation" und haben beides:

    Nachwuchs und pflegebedürftige Eltern, bzw. mittlerweile nur noch meinen pflegebedürftigen Vater. Einkaufen mit Rad ist kein Problem - schon gar nicht für den sehr begrenzten Bedarf, der über das gelieferte Essen auf Rädern hinaus überhaupt noch bleibt.

    Für Fahrten zum Arzt wird einer "unserer" Taxifahrer gerufen. Im Hamburger Westen haben sich manche Fahrer auf den Transport älterer Menschen mit körperlichen Einschränkungen spezialisiert - kein Problem. Jedenfalls nicht im Hinblick auf ein fehlendes eigenes Auto. Die Fahrtstrecken sind zudem sehr kurz und das Trinkgeld meist der Hauptteil der Kosten.


    Wenn wir etwas als echte Einschränkung empfinden, dann, wie bereits beschrieben, einzelne Aspekte des "Transports von Kindern".

  • Was bisher noch nicht thematisiert wurde, ist das Problem der Unterstellung der Räder in Mehrfamilienhäusern. Unser Fahrradkeller ist dermaßen überfüllt, daß es jedes mal einer umfangreichen "Räumung" bedarf, ehe man das Rad draußen hat. Beim Wiedereinstellen ebenso.

    Man wägt also jedes mal intuitiv ab, ob sich die Räumerei lohnt, so daß gerade bei Kurzstrecken - und hier liegt ja der große Vorteil- die Entscheidung negativ ausfällt.

    Was könnte die Lösung sein ?

  • Was bisher noch nicht thematisiert wurde, ist das Problem der Unterstellung der Räder in Mehrfamilienhäusern ... Was könnte die Lösung sein ?

    In Hamburg gibt es dafür die Fahrradhäuschen (in großer Zahl, ca. 400 Stück).


    Die sind aber v.a. für klassische Fahrräder eine Lösung. Familien mit Kindern bevorzugen oft große Lastenräder - die passen aber meistens nicht in die Häuschen. Insofern: Ja, die Stellplatzfrage ist auch bei Fahrrädern ein echtes Problem.

  • Bei uns bauen sie derzeit Fahrradparkhäuser. Das ist dann allerdings nur zum Abstellen beim Shopping in der Innenstadt. Also, das wird nicht in den Stadtteilen gebaut. Zudem bin ich mir nicht sicher, ob diese Diebstahlschutz bieten.


    In meiner alten Wohnung lag der Fahrradraum im Keller, und es waren einige Stufen zu überwinden. Da ich ein Fahrrad von 1950 habe, mit Stempelbremse, dass entsprechend schwer ist, habe ich deshalb ein neues Fahrrad gekauft. Auch ohne Gangschaltung, aber mit Rücktrittbremse (mit den Handbremsen komme ich nicht klar), aber die modernen City-Bikes sind einfach leichter. Ein älterer Nachbar hatte ein E-Bike. Der meinte, dass es ihn schon sehr anstrenge, das schwere Rad die ca. 10 Stufen herunter zu schleppen.


    Am Sonntag war ich bei einem Bekannten. Als wir das Haus verließen, stand eine Nachbarin im Flur und Polizei kam. In der Tiefgarage war der Motor ihres E-Bikes gestohlen worden. Mein Bekannter: "Das kommt hier regelmäßig vor. Die warten oben, bis jemand herausfährt, dann huschen sie hinein. Auch uns wurde das schon gestohlen. Deshalb muss man den Motor jedes Mal entfernen." War ganz neu für mich, denn ich habe mich noch nie mit der Thematik E-Bike beschäftigt.

  • Es bleibt aber ein großer Unterschied, ob man zwischen Auto und Rad wählen kann (Regen, Sturm) oder zum Radfahren gezwungen ist, wie wir in den 60ern und 70ern. Diese Alternative sollte man nie ausschließen.

    Gibt es heute denn irgendeine Einschränkung bezüglich der Wahlmöglichkeit? Ich kenne nur finanzielle und gesundheitliche Hürden, die jeweiles das eine oder das andere Verkehrsmittel unerreichbar werden lassen. Von welcher Gefahr sprechen Wir, wenn Zwang angesprochen wird? Ist es Zwang, wenn Autos zum ersten Mal überhaupt für die Umweltkosten, die sie verursachen, den Käufer zahlen lassen? Oder ist es Zwang, wenn man begrenzten Stadtraum neu verteilt? Bisher kann man mit dem Auto doch überall hinkommen, selbst da, wo gemeinhin von Autofreiheit ausgegangen wird mit Genehmigung, wie Fußgängerzonen oder sogar alpine Berghütten.

    Immer wenn in heutigen Diskussionen in unserer Gesellschaft von Zwang empört geredet wird, geht es meistens mehr darum, Verantwortslosigkeit, also im eigenen Verantwortungsbereich aufgelaufene Missstände, nicht beheben zu wollen und müssen. Das kann ja durchaus nicht grundlos passieren, so kann ein ,,Sanierungszwang" zur falschen Zeit finanziell oder als Belastung schwer verkraftbar sein, oder eine Verpflichtung sauber seine Logistikaufgaben abzuwickeln kann dazu führen, dass man feststellt über seinen Verhältnissen gelebt zu haben, aufgrund politischer Anreize. Das ist alles nicht schön, aber auch ziemlich mies, dafür dann die Gesellschaft weiterhin in Haftung nehmen zu wollen, mit dem Verweis, dass die Freiheit gefährdet würde. Dabei gab es noch nie die Freiheit konsequenzfrei negative Effekte zu produzieren. Das war immer nur eine Scheinfreiheit auf Kosten der Umwelt oder anderer Mitglieder der Gesellschaft (wir haben auch deshalb so verdammt hohe Abgaben). Es ist die richtige Richtung, wenn solche Scheinfreiheiten zumindest danach abgeklopft werden, ob sie verhältnismäßig sind. Beim Klimaschutz kam man nun zur Erkenntnis, dass die Scheinfreiheiten eigentlich nicht im Verhältnis stehen zur Klimaerwärmung. Die echte Freiheit, nämlich z.B. Mobilität zu nutzen, wird einem bei der Frage nicht genommen. Zumindest, wenn man für diese echte Freiheit kämpft, überall mit irgendeinem sauberen Verkehrsmittel zu angemessenen Kosten und Aufwand zu kommen.

  • ^(...) Zumindest, wenn man für diese echte Freiheit kämpft, überall mit irgendeinem sauberen Verkehrsmittel zu angemessenen Kosten und Aufwand zu kommen.

    Hier kommen wir zu einem wichtigen Punkt: Kosten.


    Immer wieder wundere ich mich, warum der ÖPNV so teuer ist - oftmals ist es viel günstiger mit dem Auto irgendwo hin zu fahren.


    Dabei braucht der ÖPNV wesentlich weniger Platz, wesentlich weniger Energie, gerade die Schienenfahrzeuge sind oft 40 Jahre und mehr in Betrieb...


    Ich kann mir das nur so erklären: Der Straßenverkehr und hier meine ich vor allem der innerörtliche Straßenverkehr profitiert ganz einfach davon, dass die Straße "öffentlicher Raum" ist und insofern komplett aus Steuergeldern bezahlt wird … von allen Steuerzahlern, inklusive von jenen, die gar kein Auto besitzen. Und der vom sogenannten "motorisierten Individualverkehr" in Beschlag genommene Straßenraum beträgt inklusive "ruhender Verkehr" mindestens 70-80%.


    Jetzt kommt bestimmt das Argument, dass die Autofahrer ja auch Steuern bezahlen. Das ist richtig, tut die Bahn aber auch. Trotzdem muss die Bahn ihre Strecken selbst bezahlen (Schienenmaut) der Autofahrer zahlt aber über seine Steuern hinaus nichts.

  • Ja, es kann passieren, dass der 3stündige Besuch beim Kindergeburtstag Taxikosten von 120 Euro verursacht. Kommt vielleicht 3x im Jahr vor.

    Eben das klingt erstmal viel. Aber wenn man fürs Auto mindestens 10 €/d veranschlagt, müsste man alle 2 Wochen mit den Kindern auf irgendeinen Geburtstag fahren, um aufs gleiche rauszukommen. :wink:


    Ich führe seit Jahren penibel - auf den Cent genau - eine Excel-Liste: Früher über die Kosten meines Autos und seit einem halben Jahr über die Kosten von Bahn, Tram, Mietauto, Mitfahrgelegenheit etc. Im Moment zahle ich für Mobilität 7.35 €/d (bei 1940 km/m), beim Auto waren es 9.63 €/d (1360 km/m). Dass die Öffis teuer sind halte ich für einen Mythos.


    Alles eine Frage der Einstellung.