Leerstand - Das Ende der Autogerechten Stadt

  • Ja, alle reden über die Antriebe, aber dass das dann erstmal dieselben unterbesetzten und überdimensionierten Kisten mit demselben Platzbedarf in der Stadt wären, ist dann nicht so Thema. Natürlich brauchen wir innerstädtisch wie Du richtig skizziert hast eine ganz andere Form der Mobilität mit einem Mix aus klassischem ÖPNV, Fuß/Rad und diesen neuen "smarten" Konzepten, die die eigentlich alte Idee des Anrufsammeltaxis in eine neue Zeit bringen. Außer vielleicht dem Abgasproblem wird durch neue Antriebsformen wenig gelöst, es bedarf weiterer Schritte und natürlich wäre Deutschland prädestiniert dafür, so etwas auszuprobieren und zu entwickeln.


    Aber mit einer paralysierten Politik und Unternehmen, die maximal risikoscheu agieren, ist so etwas nicht möglich und wird dann doch wieder in den USA oder China entwickelt und nach Deutschland exportiert, während hier allen Ernstes Leute der Meinung sind, die Feinstaubdiskussion würde Deutschlands Autoindustrie schaden. Was sollte diesmal anders sein als bei der Einführung des Katalysators, der damals von derselben Kakophonie aus "geht nicht" und "deletär für den Standort Deutschland" begleitet wurde?

  • Ja, alle reden über die Antriebe, aber dass das dann erstmal dieselben unterbesetzten und überdimensionierten Kisten mit demselben Platzbedarf in der Stadt wären, ist dann nicht so Thema.

    Weil es unbequem ist, und Angst macht. Die Autoindustrie schaut wahrscheinlich genau so angstvoll auf dieses Thema, wie einst die Nokia-Leute in Finnland, als die ersten Smartphones kamen. Ein Produkt zu erneuern ist immernoch einfacher als eine ganze Branche zu transformieren. Ich stelle mir die Frage ob es mir wichtig ist, in meinem Auto zu sitzen oder ob es mir wichtiger ist, das Ziel zu erreichen. Ich fahre auch nur deshalb Rad, weil es geht, die Strecken nicht lang sind, ich kann an Staus vorbei fahren, ich kann vor jedem Geschäft halten (parken), ich muss keinen Stellplatz suchen und unterm Strich bin ich genau so lange unterwegs wie mit dem Auto in der Rush-hour. Nur eben angenehmer, billiger und spannender. Immerhin bin ich ein Architekturfan und schaue mir gerne Häuser an.


    Mein "Stuttgart"-Beispiel ist vielleicht zu hoch gegriffen, vielleicht wäre das eher was für Wolfsburg, Rüsselsheim oder Ingolstadt. In Stuttgart regiert aber ein grüner Ministerpräsident, da könnte doch was gehen. Nur je kleiner die Kommune, desto geringer dürfte der Druck im Kessel sein.

  • der Migration der letzten 5 Jahre

    Ich sprach nicht von 5 Jahren. Die fünf Jahre änderten teils das Erscheinungsbild in einigen bislang nicht betroffenen Landgemeinden oder im Osten. Bei uns änderte sich schon überhaupt nichts mehr im Straßenbild.
    https://images.app.goo.gl/dMuT5BFQF586xK3N9
    https://images.app.goo.gl/VK2cU4wKEZKyWa5i9
    (Die Dellen sind Einbürgerungen und Rückgänge des zusätzlichen Zuzugs, keine Abwanderung.)


    Die kapitalistischen Produktions- und Dienstleistungszentren wirken wie Staubsauger. Sie saugen das Land und die Länder aus, zerstören die Strukturen in den Herkunftsländern, machen die Angesaugten unfruchtbar, und saugen weiter. Dabei haben sie mit den selbst erzeugten Problemen (Verkehr, Wohnraum, Müll, Umweltverschmutzung, Konflikten) zu kämpfen. Bei den Konflikten geht es dabei weniger um aktuelle Polizeistatistiken (ich einige Leute, die auf Anzeigen verzichtet haben, oder denen davon abgeraten wurde, die somit in der Statistik gar nicht auftauchen), sondern auf das zukünftige Potenzial beim Einbrechen des Wohlstands.


    Mehr aber äußere ich nicht zu dem Thema. Dieses Thema ist hinsichtlich der Moderation und des Forumsfriedens nicht erwünscht. Und diesem Wunsch versuche ich weitgehend entgegen zu kommen.

  • Ich schaffe mein Auto ab, sobald es für mich unverhältnismäßig teuer ist. Solange die Stadt mir kostenlose Straßen und Parkplätze bereitstellt, und ich nur meine private Versicherung und die extrem niedrige Steuer zahlen muss, behalte ich den Wagen.

    Viele können das aber nicht. Ich würde auch am Liebsten alles mit dem Fahrrad erledigen. Ich bin durch familiäre Verpflichtungen auf Gedeih und Verderb vom Auto abhängig. Man plant ja jetzt durch Co2-Steuern etc. das Auto zu verteuern, aber das hat fatale Folgen, wenn man keinen Plan B für die Schwachen hat, die nicht in S-Bahn-Nähe wohnen, die sich in der Stadt keine Wohnung leisten können etc. (Nebenbei bemerkt, auf dem Land ist der Verkehr an der Haupstraße genauso so schlimm, außer man wohnt in einer verkehrsberuhigten Zone).



    Weil es unbequem ist, und Angst macht. Die Autoindustrie schaut wahrscheinlich genau so angstvoll auf dieses Thema, wie einst die Nokia-Leute in Finnland, als die ersten Smartphones kamen.

    Ich schau auch angstvoll auf dieses Thema. Stichwort "Rust Belt",



    Ja, wir haben viele kleine Startup-Unternehmen in Deutschland, die allerdings nicht die gut bezahlten Arbeitsplätze schaffen (da jammern viele). In meiner Branche verdient man bei gleicher Arbeit bei den großen Playern fast das Doppelte. Außerdem schaffen die großen Industriebranchen nun mal viele Arbeitsplätze im Gegensatz zu facebook oder Google (so innovativ sie auch sind). Mal sehen wie sich Siemens mit der Elektrifizierung des kriegszerstörten Irak schlägt.



    Wie soll realistisch eine möglichst autofreie Infrastruktur gestaltet werden? Und sind die Parameter wirklich so gesetzt, dass es in Deutschland umsetzbar ist?

  • Das es nicht von heute auf morgen geht ist doch klar. Ich sehe auch nicht, dass es eine "one size fits all"-Lösung für das ganze Land geben wird, da die Probleme überall anders gelagert sind. Aber man muss auch sehen, dass uns unsere Wirtschaft, die unseren Wohlstand garantiert, uns auch gleichzeitig krank und depressiv macht. Bullshit-Jobs, Pendelei, Autoverkehr, Emissionen und die Platzverschwendung sind direkte Belastungen, die Ineffizienz hinsichtlich der Ressourcen sogar ganz globale. Man sollte über Alternativen nachdenken, und einfach nur die Motoren austauschen greift zu kurz. Andere sind da schon viel weiter. In meinen Augen hat der Überlebenskampf der Mobilitätsindustrie nur Erfolg MIT diesen Denkansätzen und nicht ohne sie. Auf dem flachen Lande Autos "zu verbieten" halte ich für Blödsinn, aber die selben Grundsätze, nach der Mobilität im flachen Brandenburger Land organisiert wird auch als Architektur für Frankfurt oder Stuttgart zugrunde zu legen, nämlich dass jeder mit einem Fahrzeug seiner Wahl bis vor jede Türe fahren darf wann immer er will, halte ich für nicht mehr zeitgemäß, und schoan gar nicht, dass staatlicherseite die belastenste Variante subventioniert wird.


    Ich habe mich 2005 mal bei eine Roadtrip im verschneiten Oberbayern verfahren, und habe irgendwann auf einem Bauerhof wenden müssen. Der Herr dort hat mich ganz entrüstet angeguckt. Genau das will ich auch in belasteten Städten: 'Warum fährst du hier mit deiner Karre herum, es gibt deutlich sozialere Angebote'.

  • Viele können das aber nicht. Ich würde auch am Liebsten alles mit dem Fahrrad erledigen. Ich bin durch familiäre Verpflichtungen auf Gedeih und Verderb vom Auto abhängig. Man plant ja jetzt durch Co2-Steuern etc. das Auto zu verteuern, aber das hat fatale Folgen, wenn man keinen Plan B für die Schwachen hat, die nicht in S-Bahn-Nähe wohnen, die sich in der Stadt keine Wohnung leisten können etc.

    Eben!


    Ich kümmere mich derzeit um meine pflegebedürftige Mutter, die nur schwer gehen kann. Wie soll ich die denn zum Arzt transportieren? Oder mal ins Café, damit sie auch noch ein wenig soziales Leben hat?


    Und, weil der Fernseher als Einkaufsargument abgetan wurde: Für mich alleine als Großstadt-Single könnten die wichtigsten Einkäufe eventuell mit dem Fahrrad erledigt werden. Aber momentan versorge ich mehrere Personen, für die ich mindestens einmal pro Woche einen Großeinkauf mache. Da ist der Kleinwagen voll. Wie sollte ich denn die Wasserkästen, Kartoffelsäcke und vollen Einkaufstaschen alle mit dem Fahrrad transportieren? Eventuell mit einem Anhänger, aber mit so etwas kenne ich mich überhaupt nicht aus, weiß nicht mal, ob der an mein Fahrrad passen könnte. Von den "Fahrkünsten" mit einem solchen Gerät mal abgesehen.


    Natürlich, so das Gegenargument, könnte ich das mit Car-Sharing-Modellen erledigen. Dazu müsste aber erst mal ein flächendeckendes Netz zu günstigen Konditionen geschaffen werden. Bislang ist damit in unserer Gegend nicht viel los.


    Das sind, wie gesagt, alles bislang Gedankenspielereien vor allem für den Innenstadt-Single-Haushalt. Und am ehesten für jenen, der so viel Geld hat, dass er auch wieder umswitchen kann, wenn es mit Fahrrad oder Bus nicht mehr richtig Spaß macht.


    Letztlich läuft es darauf hinaus, wenn man das Auto weg haben will, dass Einkäufe des täglichen Bedarfs eben dann online erledigt werden. Amazon liefert. Und, damit sind wir an der eigentlichen Ausgangsfrage des Threads: Die Innenstädte werden weiter veröden. Denn, was soll ich da noch, wenn ich dort nichts mehr einkaufe? Ich kann natürlich einen Kaffee oder ein Bier dort trinken. Aber, wenn mir der Weg dorthin erschwert wird, überlege ich es mir, ob ich ausgerechnet für diesen Kaffee im Regen im Fahrrad eine längere Distanz radeln möchte, mir umständlich ein Auto miete oder an der Bushaltestelle warte.

  • Aber man muss auch sehen, dass uns unsere Wirtschaft, die unseren Wohlstand garantiert, uns auch gleichzeitig krank und depressiv macht. Bullshit-Jobs, Pendelei, Autoverkehr, Emissionen und die Platzverschwendung sind direkte Belastungen, die Ineffizienz hinsichtlich der Ressourcen sogar ganz globale. Man sollte über Alternativen nachdenken, und einfach nur die Motoren austauschen greift zu kurz. (...) nämlich dass jeder mit einem Fahrzeug seiner Wahl bis vor jede Türe fahren darf wann immer er will, halte ich für nicht mehr zeitgemäß, und schoan gar nicht, dass staatlicherseite die belastenste Variante subventioniert wird.

    Ich will gar nichts gegen diese Betrachtungen und die damit verbundene Vision einwenden. Aber, es muss klar sein, dass dies nur durch eine radikale geistige Revolution zu bewerkstelligen ist.


    Den Menschen, denen seit Beginn der industrialisierten Moderne, spätestens seit 1945, eingeimpft wurde, dass Glück in Materie besteht, müsste der geistige Fokus auf seelische Werte verschoben werden.


    Es müsste ihnen klar gemacht werden, dass der große Fernseher und der SUV nichts sind gegen das Gefühl, der alten Nachbarin die Tasche die Treppe hoch getragen zu haben oder mit der Freundin abends ein Spiegelei vom selbst gehaltenen Huhn bei Kerzenlicht zu essen.


    Es ist die Rolle rückwärts ins 18. und 19. Jahrhundert. Und dies, während gleichzeitig in Asien die Wirtschaft zu brummen beginnt.


    Die Asiaten werden uns mit Technologie, Produkten und Verführung überschütten, und der Europäer wird standhaft bleiben müssen und sagen: "Ich fahre mit dem Fahrrad, arbeite nur noch 4 Stunden und trage mein altes Cord-Sakko auf." Das ist mir natürlich sympathisch, eigentlich sogar mein altes Programm. Aber - soviel zur menschlichen Natur - sexy ist es leider nicht. D.h., die jungen Männer, die den hübschen Frauen gefallen wollen, überlegen sich eben, ob der Porsche Cayenne vielleicht besser ankommt als der 3-Gang-Drahtesel. Und dann wird Peter eben einen "Bullshit-Job" annehmen, um bei der hübschen Petra landen zu können. Sofern nicht die völlige geistige Revolution stattgefunden hat.


    Nun, vielleicht werden wir zu dieser spirituellen Revolution ja durch die Umstände gezwungen. Dann werden die Karten neu gemischt, und manches Problem löst sich von alleine.

  • Ich habe in den letzten Jahren immer wieder verschiedene Outlet-Center besucht (meiner Frau zuliebe). Meine Beobachtung: Während die ursprüngliche Idee des günstigen Fabrikverkaufes in den Hintergrund gerückt ist, werden die Outlet-Center mehr und mehr zu attraktiv gestaltetem Ersatz für verödende Innenstädte. Man bummelt von Geschäft zu Geschäft, hat an frischer Luft alles fußläufig und kann im Gegensatz zum Internet alles anfassen und ausprobieren, bevor man es bestellt. Es gibt Restaurants und Cafés, bei passendem Wetter sitzt man draußen.


    Und wenn man nach einigen Stunden fertig ist, muss man mit seinen dutzenden von Taschen NICHT aufs Fahrrad oder in den Bus. Nein, man setzt sich ins Auto, das man direkt vor dem Outlet-Center geparkt hat, und man fährt bequem nach Hause.


    Will ich jetzt die Outlet-Center als perfekte Lösung anpreisen? Nein, mir geht es um die menschlichen Bedürfnisse, die dadurch deutlich werden. Der Mensch als soziales Wesen will nicht nur anonym im Internet shoppen. Er will unter Menschen sein. Außerdem will er sich in sauberer, optisch ansprechender Umgebung aufhalten, bei schönem Wetter am liebsten unter Bäumen. Und, last but not least, er möchte sich dort NICHT mit dem Fahrrad oder der U-Bahn hinquälen (und vollbeladen zurückquälen) – sofern dies aufgrund der Distanzen überhaupt möglich ist.


    Vielleicht sollte man mal die Realitäten menschlichen Verhaltens berücksichtigen, anstatt sein Wunschdenken in die Menschheit zu projizieren, nach dem Motto: Alle Menschen wollen gefälligst aufs Auto verzichten. Dafür sind alle Menschen gefälligst bereit, entweder auf soziale Kontakte zu verzichten oder im Regen mit einer Kiste Öko-Brause auf der Schulter auf den Bus zu warten.


    Ich habe jetzt drei Jahre in der Nähe von Amsterdam gearbeitet. Das Parken in Amsterdam ist nur etwas für Begüterte, das Schnellbahnsystem gut ausgebaut, jeder hat ein Fahrrad, und die meisten ausländischen Touristen kommen mit Bahn, Schiff oder Flugzeug. Trotzdem ist die Stadt voller Autos.


    Vielleicht sollte man überlegen, ob man wirklich Leben und Flanieren und Sightseeing und Shopping und Kultur und Arbeiten zusammen auf dieselben vollbepackten Innenstädte konzentrieren muss. Diese menschenzusammenpferchenden Ideen wie exzessiver Wohnraumverdichtung, Nichtbebauungssanktionierung und Bestrafung des Pendelns per Auto, die die vom Ökowahn geplagten grünen Ideologen propagieren, verstärken den Verkehrskollaps mehr als die (stagnierende) Auto-Quote.


    Entzerren wäre also nicht schlecht, und Abrücken von der Wahnvorstellung, dass alle Menschen in Innenstädten wohnen sollte, anstatt alles Leben auf diese Zentren konzentrieren zu wollen und die Schuld für die dadurch verursachten Probleme einfach den bösen Autofahrern in die Schuhe zu schieben.

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    Gutmensch = Gut gemeint, nicht zuende gedacht, schlecht gemacht

  • Also den Eindruck von austerbenden Innenstädten, den ihr da beschreibt, den habe ich keineswegs. Wo seid ihr denn so unterwegs? Auf die meisten Städte jenseits der 200.000 Einwohner dürfte das Gegenteil zutreffen. Ich will als Stadtbewohner ja für ein Eis oder einen Kaffee nicht über die Autobahn zu einem Outlet-Center fahren müssen. In einem Outlet war ich übrigens 2003 das letzte mal, und habe mir da schon gesagt "nie wieder". Ich fühlte mich wie eine Ratte in einem Versuchsaufbau, das war nix für mich.


    Wenn hier was ausstirbt, dann sind es die inhabergeführten Geschäfte. Und das hat weniger mit Verkehr zu tun, sondern mehr mit Dienstleistung. Ein Geschäft, das um 18:00 Uhr schließt, ist für mich sogut wie unerreichbar. Es müsste dann dermaßen spezialisiert sein, dass ich meinen Alltag darauf abstelle dahin zu gehen. Für einen Bäcker oder einen Blumenladen würde ich aber kaum einen halben Gleittag nehmen. Hier in Nürnberg gibt es noch zahlreiche Geschäfte, die um 10:00 Uhr öffnen, ab 12:00 Uhr bis zu zwei Stunden Mittagspause machen und bereits um 18:00 Uhr oder 18:30 Uhr wieder schließen. Mit einer 41-Stunden-Woche kommt man da als Kunde quasi kaum hin, nur wenn man muss weil man die Leistung nicht einfach im Internet bestellen kann.


    Wenn also die Innenstädte aussterben, wieso dann der Hype um die Großstädte, die Mieten, die Gentrifizierung?

  • Wo ist nur das blitzgescheite Bürgertum aus dem 19. Jahrhundert hin? Das frage ich mich oft, wenn ich irgendein Buch aus dieser Zeit lese.
    Wir hatten mal andere Prioritäten als Wachstum und Konsum und wir waren in der Welt mal für etwas anderes bekannt. Ich bin ja sehr stark im deutsch-französischen Austausch der Partnerstadt meiner Heimatmarktgemeinde involviert. Bevor die Gäste uns besuchten, wurden sie vorab gefragt, was sie in Deutschland immer mal sehen möchten. Die Antwort kam prompt: sie hätten großes Interesse die Produktionsstätten von Audi in Ingolstadt zu besuchen. Da Führungen um Jahre ausgebucht sind, konnte dieser Wunsch nicht erfüllt werden. Das hat mich sehr nachdenklich gestimmt.


    Neben Spiritualität, Demut, Bescheidenheit, (die hier selten zu finden, weil das kein Eindruck macht), bräuchte man Ideen wie Mobilität flexibel gestaltet werden könnte. Jedem sollte die Möglichkeit gegeben werden, möglichst bequem seine Arbeit zu erreichen oder sich um seine Angehörigen zu kümmern. Das hat der Mann bereits im You-Tube-Film erwähnt. Dazu müsste die technische Forschung (Vernetzung) etc vorangetrieben werden. Dann bräuchte es eine andere Stadtplanung. Gemischte Viertel sollten entstehen, die Industrie, Stadtpark, Cafe, Wohnungen, Natur vereinen, anstatt den Menschen zu zwingen Kilometerweit mit dem Auto zur Arbeit zu fahren oder zu einem Erholungsgebiet.


    Aber vorher bräuchte man wirklich eine geistige Revolution, den Menschen sollte Zeit für Bildung geschenkt werden,(eine 40-Stunden ist viel zu viel und gehört verboten) charismatische Persönlichkeiten, die die Menschen voranbringen, vereinen und dennoch Abgründe nicht ausschließen usw.

    Es müsste ihnen klar gemacht werden, dass der große Fernseher und der SUV nichts sind gegen das Gefühl, der alten Nachbarin die Tasche die Treppe hoch getragen zu haben oder mit der Freundin abends ein Spiegelei vom selbst gehaltenen Huhn bei Kerzenlicht zu essen.

    Ja, eine sehr schöne Vorstellung!

  • Unattraktive Innenstädte haben eine schlechte Zukunftsprognose. In Straßburg ist mir nichts von Leerstand o.ä. aufgefallen, die Stadt bietet eben noch ein echtes Erlebnis, das über reinen Konsum hinausgeht und das kein virtueller Raum ersetzen kann. Man schlendert durch die Gassen, bestaunt die Häuser, genießt das Flair. Hoher Anteil an Gastronomie. Dagegen sehen die austauschbar-funktionalen Einkaufsstraßen vieler deutscher Innenstädte schlecht aus. Diese sucht man doch nur zum „shoppen“ auf, daraufhin wurden sie optimiert. Wenn sich dies jetzt zunehmend ins Internet verlagert, bleibt kaum etwas übrig was für einen Aufenthalt an diesen Orten spricht, denen es an Alleinstellungsmerkmalen bzw. Sehenswürdigkeiten fehlt. Dabei wird die Frage des richtigen Verkehrsmittels ziemlich nebensächlich.

  • Wo ist nur das blitzgescheite Bürgertum aus dem 19. Jahrhundert hin? Das frage ich mich oft, wenn ich irgendein Buch aus dieser Zeit lese.Ja, eine sehr schöne Vorstellung!

    Ja, das frage ich mich auch, wo ist die "Leichtigkeit des Seins" hin. Ich frage mich auch immer wie es meine Mutter geschafft hat, in den 1980'ern zwei Söhne groß zu ziehen, gleichzeitig zu arbeiten und das ganze ohne Auto. Waren in der DDR die ÖPNV-Angebote so viel leistungsfähiger? Waren die Dienstleistungen durch Geschäfte und Kindergärten so viel besser als heute? War ihre Arbeitszeit so viel flexibler als es heute der Fall ist?


    Wenn ich das weiter denke dann stellt man sich irgendwann wirklich die Frage, wohin alles führt. Es gibt rasend schnellen Fortschritt, und trotzdem bleibt die Organisation unserer Alltagsangelegenheiten eine nicht kleiner werdende Herausforderung, die oft unsere gesamte Aufmerksamkeit und Zeit frisst. Das Leid der Welt steht dann immer hinten an.


    Franka: Das Beispiel des Besuchs, der das Audiwerk besuchen will, das verstört mich auch etwas. Aber andererseits ist es für mich dann doch nicht so ungewöhnlich. Ich selbst habe mir in Dessau z.B. "Ferropolis" angesehen, eine riesige Freilichtausstellung ausrangierter Tagebaugeräte. Oder in Wien haben wir uns die Produktion der Konditorei Demel angesehen. Ist das nicht irgendwie vergleichbar? Werksführungen "hinter den Kulissen" sind doch nichts ungewöhnliches. Ich sehe da vielmehr die Sehnsucht des Menschen, seinen Entdeckerdrang 'unter den Stein zu schauen', Geheimnisse zu lüften. Und jeden interessiert nunmal was anderes.

  • Ich gehöre zur Sandwichgeneration (oder auch zur verlorenen Generation). Selbst alleinerziehend und habe eine Mutter die blind, alt und krank ist. Letzten Herbst sprang mein Auto in der Frühe nicht an. Ich musste zu Fuß zum Kindergarten laufen, dann weiter zu Fuß zum Bahnhof auf der komplett anderen Seite des Ortes. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es beim Kindergarten nicht. Gott sei Dank erwischte ich den Zug und fuhr dann per U-Bahn und Bus zur Arbeitsstelle. Es war eine Katastrophe. Dabei habe ich flexible Arbeitszeiten (vielleicht irgendwann mit Homeoffice floet:) )
    Ich höre oft, das vieles einfacher in der DDR war (wenn man sich mit der Politik arrangierte). Ökonomen sagen aber auch, dass die DDR früher oder später kollabiert wäre, hätte es vorher die Wiedervereinigung nicht gegeben. Effizient scheint dieses System ja nicht gewesen zu sein.


    Ich selbst habe mir in Dessau z.B. "Ferropolis" angesehen, eine riesige Freilichtausstellung ausrangierter Tagebaugeräte


    Ja, stimmt. Ich besuchte im Ruhrpott auch den Gasometer und die Industrieanlagen. Es war auch der Wunsch von der französischen Jugend. In ihrer Gegend wurde ein wahres Füllhorn an guten Dingen ausgeschüttet. Unzählige Höhlen sind dort zu finden, es gibt Flüsse für Rafting und herrliche Klöster und Burgen. Alles eingebettet in einer wunderschönen Kulturlandschaft ohne Flurbereinigung. Ich beneide sie um ihre alten Baumbestände, die erhalten geblieben sind. Und last but not least, das gute Essen! Man hat das Gefühl, man könnte kulturell einfach nicht mithalten. (Nebenbei bemerkt, dass wird von uns auch nicht erwartet).

  • Ich kann die Zustände in der DDR nicht beurteilen, dazu weiß ich zuwenig wie das alles gesellschaftlich, wirtschaftlich, staatlich gelenkt und gefördert, subventioniert, zusammenhängt. Ich weiß eben nur dass es damals weder Digitalisierung gegeben hat noch ein Auto in jedem Haushalt, ja wir waren nicht wirklich "privilegiert" und hatten nichteinmal einen Telefonanschluss. Aber meine Eltern hatten beide Arbeit, und haben es irgendwie hinbekommen, dass sie arbeiten gehen konnten ohne Probleme zu bekommen und mein Bruder und ich heil im Kindergarten ankamen und von dort auch weider abgeholt wurden. Wenn ich heute meine Kollegen ansehe, junge Eltern, das erste Kind, die Frau nimmt Elternzeit und bleibt daheim und der junge Vater, via Smartphone im ständigen Kontakt zu seiner Frau und in ständiger Alarmbereitschaft. Er muss dies kaufen, muss das kaufen, kommt später, muss früher weg, kommt freitags garnicht, braucht homeoffice. Daneben eine ältere Kollegin, die bald Oma wird, schüttelt nur den Kopf und fragt sich wieso er soviel Stress hat, die Frau sei doch zu Hause. Sie habe auch Kinder groß bekommen, ohne Smartphone, ohne Auto, und ich weiß nicht ob sogar alleinerziehend.


    Ohne die Leistungsfähigkeit jedes Einzelnen bewerten zu wollen, aber offenbar gelingt es dem technischen Fortschritt nicht, uns von den Alltagslasten effektiv zu befreien. Wir haben immer zu wenig Zeit, zuviel zu regeln, zu viel Stress und zuviele Sorgen. Üble Arbeitszeiten (wir haben regulär 41 h/Woche, Pausen zählen nicht mit und müssen nachgearbeitet werden), vor vielen Jahren bereits weggefallene Hausarbeitstage usw. für Behördengänge machen es mir ohne Kinder schon fast unmöglich, an irgend einem kulturellen Leben teilzunehmen. Alles, was am Tag vor 18, 19 Uhr stattfindet ist für mich tabu, da ich da noch arbeite. Insofern nehme ich auch keinerlei Dienstleistungen wahr, die vor 18, 19 Uhr angeboten werden. Ich würde sogar mehr im Internet kaufen, wenn ich nicht das Problem hätte mit den Paketlieferungen, die in irgendwelchen Geschäften hinterlegt werden, die ebenfalls um 18 Uhr schließen. Als Großstädter kaufe ich dann doch lieber in der Innenstadt ein, meist in den Ketten und Filialen.


    Lange Rede kurzer Sinn, eine Innenstadt ist eben mehr als ein Outlet-Center. Echte Architektur, echte Plätze, echte Begegnungen. Dazu muss sie aber attrraktiv sein, muss gut erreichbar sein, sollte den Menschen und nicht dem Verkehr gehören. Denn ein Eis an einem Fluss, auf einer 400 Jahre alten Steinmbrücke zu genießen, in welchem Outlet geht sowas? Wenn die Stadt aber so aussieht wie in @hollandas Fotos aus Beitrag 5 - ja dann ist ein Outlet eine echte Alternative.

  • Wenn ich heute meine Kollegen ansehe, junge Eltern, das erste Kind, die Frau nimmt Elternzeit und bleibt daheim und der junge Vater, via Smartphone im ständigen Kontakt zu seiner Frau und in ständiger Alarmbereitschaft. Er muss dies kaufen, muss das kaufen, kommt später, muss früher weg, kommt freitags garnicht, braucht homeoffice. Daneben eine ältere Kollegin, die bald Oma wird, schüttelt nur den Kopf und fragt sich wieso er soviel Stress hat, die Frau sei doch zu Hause. Sie habe auch Kinder groß bekommen, ohne Smartphone, ohne Auto, und ich weiß nicht ob sogar alleinerziehend.

    Ohne mich aus dem Fenster lehnen zu wollen, aber das liegt wohl daran, dass die Menschen hier (unabhängig vom Geschlecht) labiler geworden sind. In meiner vorletzten Arbeit erlebte ich Deine geschilderte Erfahrungen so oft.
    Es müssen, wenn wir beim Beispiel "Kind" bleiben wollen, so viele optionale Entscheidungen getroffen werden (Pränataldiagnostik, Kaiserschnitt etc), die einen durchaus verwirren können.
    In der Steinzeit hat sich die frischgebackene Mutter in der Höhle zurückgezogen, um zu genesen und die Herde hat sich um das Kind gekümmert. Heute sind wir hochtechnisiert, aber im Krankenhaus wird man spätestens am dritten Tage rausgeschmissen und man ist allein, weil alles sich um die Effizienz dreht.


    Lange Rede kurzer Sinn, eine Innenstadt ist eben mehr als ein Outlet-Center. Echte Architektur, echte Plätze, echte Begegnungen. Dazu muss sie aber attrraktiv sein, muss gut erreichbar sein, sollte den Menschen und nicht dem Verkehr gehören. Denn ein Eis an einem Fluss, auf einer 400 Jahre alten Steinmbrücke zu genießen, in welchem Outlet geht sowas? Wenn die Stadt aber so aussieht wie in @hollandas Fotos aus Beitrag 5 - ja dann ist ein Outlet eine echte Alternative.

    Nürnberg ist in dieser Hinsicht eine gebrauchstaugliche Stadt. Man kann dort gut shoppen gehen.
    Allerdings muss ich zugeben, dass ich ganz selten in der Innenstadt einkaufe. Wirklich oft besuche ich das Franken-Center. Das ist eine kleine Einkaufsmall, die meine Bedürfnisse rundherum abdeckt. Es ist gut gelegen, die Gegend ist ringsherum sowieso trist und ohne Stress leicht erreichbar.



    Das Franken-Center in Nürnberg/Langwasser


    Dieses Franken-Center nahm niemanden etwas weg. Traurig fand ich damals den Bau der Mall in Plauen. Plauen hatte einen recht hübschen Stadtkern, der durch die Mall verschandelt wurde. Das fand ich damals schon schade.

  • Ohne mich aus dem Fenster lehnen zu wollen, aber das liegt wohl daran, dass die Menschen hier (unabhängig vom Geschlecht) labiler geworden sind. In meiner vorletzten Arbeit erlebte ich Deine geschilderte Erfahrungen so oft.Es müssen, wenn wir beim Beispiel "Kind" bleiben wollen, so viele optionale Entscheidungen getroffen werden (Pränataldiagnostik, Kaiserschnitt etc), die einen durchaus verwirren können.
    In der Steinzeit hat sich die frischgebackene Mutter in der Höhle zurückgezogen, um zu genesen und die Herde hat sich um das Kind gekümmert. Heute sind wir hochtechnisiert, aber im Krankenhaus wird man spätestens am dritten Tage rausgeschmissen und man ist allein, weil alles sich um die Effizienz dreht.

    Es könnte auch etwas mit höheren Ansprüchen und der zunehmenden sozialen Spaltung der Gesellschaft zu tun haben. Ein Vater in meinem Freundeskreis stöhnte vorletztes Jahr mal darüber, dass es unglaublich schwierig sei, die finanziellen und kommerziellen Ansprüche der Kinder zu erfüllen. Das fängt doch schon beim iPhone für 700 Euro an, das nach 4 Wochen vom Tisch fällt, dann wieder repariert werden muss, den Kosten für Kleidung, für Urlaube, für Bildung usw.usf.


    Letztlich entscheidet sich bei der "Betreuung" der Kinder, ob die in Zukunft zu den wenigen sozialen Aufsteigern gehören, die die guten Posten in Wirtschaft und Verwaltung bekommen, oder zum Heer der Billiglöhner herabsinken. Wird da nicht hinsichtlich der äußeren Statussymbole mitgehalten, wird das Kind gemobbt, trägt eventuell Schäden im Selbstbewusstsein davon, hat es schwerer, sich im Berufsleben durchzusetzen. Hinzu kommt hier der Sprachaufenthalt in den USA, dort das Auslandssemester usw. Und da die spätere Rente unsicher ist, schließen die Eltern gleich nach der Geburt einen Aktien-Sparplan für das Kind ab.


    All das erhöht natürlich den Druck auf Eltern, vor allem wenn da nicht mehr - wie früher - ein Familienverbund mit Großeltern und Tanten im Hintergrund steht, der die "Betreuung" etwas abfedern kann.


    Das ist keine schöne Entwicklung, aber ich beobachte sie.

  • Es könnte auch etwas mit höheren Ansprüchen und der zunehmenden sozialen Spaltung der Gesellschaft zu tun haben. Ein Vater in meinem Freundeskreis stöhnte vorletztes Jahr mal darüber, dass es unglaublich schwierig sei, die finanziellen und kommerziellen Ansprüche der Kinder zu erfüllen. Das fängt doch schon beim iPhone für 700 Euro an, das nach 4 Wochen vom Tisch fällt, dann wieder repariert werden muss, den Kosten für Kleidung, für Urlaube, für Bildung usw.usf.
    Letztlich entscheidet sich bei der "Betreuung" der Kinder, ob die in Zukunft zu den wenigen sozialen Aufsteigern gehören, die die guten Posten in Wirtschaft und Verwaltung bekommen, oder zum Heer der Billiglöhner herabsinken. Wird da nicht hinsichtlich der äußeren Statussymbole mitgehalten, wird das Kind gemobbt, trägt eventuell Schäden im Selbstbewusstsein davon, hat es schwerer, sich im Berufsleben durchzusetzen. r

    "Zunehmende soziale Spaltung" - sehe ich eher nicht. Dass Kindern von Eltern mit deutlichen Einkommensunterschieden in der Schule aufeinander treffen, ist nichts Neues. In meinem Abiturjahrgang 85 hatten reichte die Spreizung von Schülern, die jeden Morgen um 4 aufgestanden sind, um mit dem Austragen einer Tageszeitung zum Familieneinkommen beizutragen bis hin zu denen, die zum 18. Geburtstag ein Auto geschenkt bekommen haben.


    Rückblickend kann ich keinen Zusammenhang mit dem späteren beruflichen Erfolg erkennen. Die diesbezügliche Trennung wurde viel früher, bereits in der Grundschule vollzogen - entscheidend war der Bildungshintergrund der Eltern, nicht der materielle.

  • Ich denke, dass sich die Situation seit den 80er Jahren verändert hat. Die Stellensituation ist unsicherer geworden. Zugleich herrscht auch im Studium seit Einführung der Bachelor-/Master-Systeme ein ganz anderer Geist, bei dem es primär um eine verschulte berufliche Nutzbarmachung geht. Zu jener Zeit in den 80ern waren recht sichere Jobs mit geordneten Arbeitsverträgen noch die Regel. Wir haben heute auf der einen Seite viele Leute, die international agieren, um gut verdienen zu können. Ich kenne Leute, die ständig mit dem Flieger unterwegs sind, heute Termin in Düsseldorf, morgen in Berlin, nächste Woche Besprechung in London. Das gab es damals nur bei Top-Managern. Auf der anderen Seite haben wir teils prekäre Arbeitsverhältnisse, z.B. mit Zeitverträgen ohne Sicherheiten. Und der Bedrohung durch Arbeitslosigkeit in Folge der zunehmenden Rationalisierungen/Digitalisierung. Zugleich erhöhen sich ständig die Lebenshaltungskosten, was spätestens seit der Euro-Einführung in vielen Bereichen stark spürbar ist.


    Dass aber der Bildungshintergrund der Eltern eine große Rolle spielt, stimme ich Dir völlig zu. Allerdings sind die Eltern mit hohem Bildungshintergrund auch jene, die ihre Kinder stärker fördern, "fit" für die Globalisierung machen. Dazu gehören z.B. teuere längere Auslandsaufenthalte des Nachwuchses.


    Die Diskussion ist interessant, allerdings bewegen wir uns auch zunehmend ins off-topic.

  • Ohje, jetzt haben wir hier eine soziologische Diskussion losgetreten. Aber das Stichwort "Bildungshintergrund" ist sicherlich ein wichtiges Thema, auch was unsere Innenstädte angeht. Bildungshintergründe scheinen sich ja gesellschaftlich zu vererben. Die Bildungstiefe der Eltern überträgt sich oft auch auf die der Kinder, zumindest dann, wenn die Eltern ihre Kinder an ihren Alltagsproblemen teilhaben lassen - bzw. sie damit belasten. Ich hatte das Glück, das habe ich erst später rausgefunden - dass meine Eltern ihre Alltagsprobleme von uns Kindern abgeschirmt hatten. Wir durften stets ungestört unseren Neigungen und Interessen nachgehen. Wobei die auch nicht teuer waren, Statussymbole gab es in den 1980'ern und 1990'ern nicht so, oder ich hab davon nichts mitgekriegt.


    Lange Rede kurzer Sinn, ich glaube nicht jeder weiß es zu genießen, in einer historischen Umgebung zu flanieren. Nicht jeder kann eine auf kulturhistorisches Grundwissen gegründete Beziehung zu dem aufbauen, was er sieht: Dort eine Neorenaissance-Fassade, hier ein Historismusgründerzeitler, die Figur da an der Fassade, die das Gebälk trägt, ist ein sog. Atlant - oder eine Karyatide? Viele, die eine gute Schule hatten, hatten wenigstens mal einen Kunstunterricht in dem das mal behandelt wurde. Andere aber, die sehen hier alte Kästen, marodes Gemäuer, da bröckelt doch der Putz, wo ist der Handyshop, ich brauch ne neue Hülle. Da ist es wirklich völlig wurscht ob man in einer schönen alten Stadt einkauft, die als "echte Kulisse" Geschichte erzählt und man gleichzeitig seine Besorgungen machen kann, oder ob man in einer tageslichtbefreiten Mall die Gänge abmarschiert.

  • @nothor da wir 36 Jahre des Lebens im Durchschnitt mit "Wohnen" verbringen, denke ich schon, dass man soziologische Betrachtungen von der Architektur nicht ausschließen darf. Oder wie Leo Krier auf der AltstadtPro-Tagung sagte: Architektur und Stadtplanung soll den Menschen zum Bürger erheben und sie nicht zum Bewohner degradieren.


    Anderes Beispiel: Es ist schon Jahre her, da erwähnte mein damaliger Freund, dass früher auf dem Bauernhof seines Vater ein altes Haus stand, das man Anfang der 70er Jahre abriss. Als ich neugierig nach den Bildern fragte und völlig entsetzt reagierte, als ich sah "was" da abgerissen wurde, - nämlich zwei wunderschöne fränkische Fachwerkhäuser, - zankten wir uns heftig. Ich würde ja überhaupt nichts verstehen und hätte sowieso mit meinem alten Geraffel keine Ahnung und so weiter und so fort.
    Jahre später und längst nicht mehr zusammen, gab er mir im nachhinein recht und bedauert jetzt, dass sein Vater dieses Haus, das doch so viele Generationen im Besitz seiner Familie war, durch ein seelenloses Gebäude im 50er Jahre Stil ersetzt wurde. Der Abriss muss damals ein Kampf mit dem Bagger gewesen sein, da das Fachwerkgerippe so verzahnt und stabil stand.


    Die heutigen Menschen sind soziologisch so geprägt, dass sie kein Gespür, kein Blick für schöne Architektur haben.
    Aber(!) man kann sie überzeugen. Das geschieht nicht über Nacht! Steter Tropfen höhlt den Stein, manch harte Nuss konnte ich knacken, aber es ist Missionsarbeit.



    Das Land braucht Männer und Frauen, die auf der Arbeit, durch Leserbriefe, auf der Gemeinde, auf der Straße, die Menschen in Deutschland beeinflussen und ihre Gedanken von Export, Urlaub, Zahlen und Geschäfte für eine Weile aus dem Geleise zu bringen.

    Ich denke, dass sich die Situation seit den 80er Jahren verändert hat. Die Stellensituation ist unsicherer geworden. Zugleich herrscht auch im Studium seit Einführung der Bachelor-/Master-Systeme ein ganz anderer Geist, bei dem es primär um eine verschulte berufliche Nutzbarmachung geht. Zu jener Zeit in den 80ern waren recht sichere Jobs mit geordneten Arbeitsverträgen noch die Regel.

    Früher war alles besser. :D
    Jeder schwärmt von den goldenen 80er Jahren. Wie einfach das Geld verdienen damals war. Das sagen auch viele Amerikaner, die ich traf. Heutzutage hat man keine Chance mehr Vermögen anzuhäufen, nicht - wenn man nebenher Verpflichtungen hat. Ein einfacher Arbeiter konnte sich damals ein kleines Reihenhaus leisten, das wäre heute nicht mehr möglich. Vielleicht noch in NRW, aber nicht mehr in meiner Gegend.



    Ich kenne Leute, die ständig mit dem Flieger unterwegs sind, heute Termin in Düsseldorf, morgen in Berlin, nächste Woche Besprechung in London. Das gab es damals nur bei Top-Managern. Auf der anderen Seite haben wir teils prekäre Arbeitsverhältnisse, z.B. mit Zeitverträgen ohne Sicherheiten. Und der Bedrohung durch Arbeitslosigkeit in Folge der zunehmenden Rationalisierungen/Digitalisierung. Zugleich erhöhen sich ständig die Lebenshaltungskosten, was spätestens seit der Euro-Einführung in vielen Bereichen stark spürbar ist.


    Oh ja, mein Freundeskreis ist da sehr unharmonisch, von der Konzernspitze, bis zum Arbeitslosen ist alles vertreten. Mittlerweile bin ich gezwungen, die Freunde separiert zu unterschiedlichen Festen einzuladen, weil sie aufeinander losgehen. Die Lebenswirklichkeiten könnten in Deutschland nicht unterschiedlicher sein.