Die Zweite Moderne in Bremen und Bremerhaven

  • [tt]
    An die Moderation:


    Es gibt hier Schwierigkeiten mit zwei Bildern beim letzten Eintrag Können die beiden kleinen Bilder ganz unten herausgenommen werden?

    Einfach in dem Beitrag auf "Bearbeiten" klicken, dann Dateianhänge anzeigen lassen und die überschüssigen Bilder bei den Dateianhängen löschen. Ein Beitrag sieht so aus wie deiner, wenn man Bilder hochlädt, sie aber nicht in den eigenen Beitrag einfügt. Du kannst bei den hochgeladenen Dateianhängen immer auswählen: "löschen", "als Vorschau einfügen" oder "Original einfügen". Wurde nichts ausgewählt und die Datei nur hochgeladen, dann erscheinen diese Bildchen unterm Strich und dem Wort "Bilder". Also hochgeladene Bilder löschen oder als Original einfügen.

  • Was würd man in Bayern zu solchen "Schuckkasterl" sagen? "mei, ist des greisslich"

    Vollendet das ewige Werk.

  • Onkel Henry,


    und in Bremen sagt man: "Schlimmer geht´s immer"!


    Schau Dir mal die Bilder an, die ich jetzt kürzlich gemacht habe, in Lesum. Ein ehemaliges Kasernengelände wurde zur Wohnbebauung umgewandelt. Ich "entdeckte" 20,25 oder gar 30 Häuser, die alle gleich aussahen. Ich hatte Zählschwierigkeiten, da ich immer wieder von vorne anfangen musste, die Häuser ähnelten sich ja so: 2 Haustypen, einer war etwas breiter als der andere. Serielles Bauen, wie die Modernisten immer wieder mit Avantgarde-Geste vortragen, ganz in unschuldigem Weiß (natürlich).


    Bis zum Horizont und weiter............................................................................................................



    Soweit das Auge blicken kann weiß, weiß, weiß...............




    Was mir wirklich gefiel - vielleicht auch wg. des modernistischen Hintergrundes diese Massenwohnbaus oder weil es einfach herausstieß aus der Menge und damit was besonderes war - ein alter Kasernengebau, evtl. mal eine Mannschaftsunterkunft. Diese Kasernenbaracke hatte mehr Ästhetik und Charme als die 30 anderen Häuser zusammen. Zeigt nicht allein das schon den Niedergang der gegenwärtigen Architektur?



    Hintergrund: Wir haben ja in Bremen eine rot-grüne Baupolitik. Der grüne Bausenator will Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen. Und Verdichtung. Die Grünen sind gegen Flächenfraß. Und dafür, dass wir weg vom Auto kommen. Und was passierte hier? Dieser Siedlung angegliedert ist ein Edeka-Markt mit vielen Parkplätzen!!! Das Gebäude ist ein Flachbau, man hätte also darüber - mit entsprechendem Handlungsgeschick und Druck darauf bestehen können, dass oben noch 2, 3 Stockwerke dazu kommen.
    Was die Bauweise angeht, so hat mich ein Artikel von Dankwart Guratzsch kürzlich (in der WELT) begeistert. Er schrieb, dass wir aufgrund der großen Attraktivität der Gründerzeitarchitektur in den Großstädten diesen als Baustil wieder verwenden sollten. Blockrandbebauung, 3 - 4 Etagen darüber, ruhige Innenhöfe für die Bewohner, ansprechende und künstlerisch gestaltete Fassaden. Auf dem oben gezeigten Gelände hätten wesentlich mehr Wohnungen entstehen können, was den grünen Ansprüchen voll entgegengekommen wäre.

  • Im nachfolgenden St. Magnus, ein Villenvorort, wurde vor ca. 6 Jahren der Park einer Jugendstilvilla verkauft. Der Investor freute sich natürlich und wollte hier "Bauhausvillen" bauen. Das ist schon seltsam: Das Bauhaus ist jetzt 100 Jahre alt, aber Bauhaus geht immer. Der Jugendstil lief etwa 4 - 5 Jahre vorher aus, aber das geht nie. Hätte natürlich gut gepaßt, im Park einer Jugendstilvilla!
    Was daran ärgerlich ist: Die Architektenseite betont man immer wieder, dass man so wie früher nicht mehr bauen könne, wir haben andere Zeiten und brauchen entsprechende architektonische Antworten, ach Entschuldigung: LÖSUNGEN. Wir sind sicher - so die Archtekten - dass wir für die heutige Zeit eine gute, moderne Architektur schaffen können. Dann sollte das aber auch für einen 100 Jahre alten Baustil gelten, indem sich nicht darauf einlässt. Die nachfolgenden Gebäude der Bauhaussildlung haben Architekten trotzdem "entworfen", auch wieder alles in Weiß (Im Bremer Norden muss ein Nest sein). So sieht Konsequenz aus. Hier mein Fotoblick in ein völlig abgeschottetes Siedlungsgebiet. Die Nomenklatura lässt grüßen.




  • Ein weiteres ekeliges Beispiel der hier schon öfter thematisierten hinterlistigen Vergewaltigung historischer Architektur zwecks profitmaximierter Neubaubebiete stellt diese Werbung für die Gebäude rund um Johann Georg Poppes alten Wasserturm auf dem Stadtwerder dar.
    -----MOD-----



    Modhinweis (Onkel Henry): Bitte den Tonfall mäßigen.

  • Bömers Spitze in der Überseestadt


    Vorweg: Ich habe noch in diesem Strang unter der lf. Nr. 11 ein weiteres Bild plus Kommentar betr. die Bebauung am Bahnhofsplatz ganz unten eingefügt.


    Nun aber zu meinem eigentlichen Anliegen. Im September 2017 interviewte der Weser-Kurier-Redakteur J. Hinrichs den Bremer Architekten Manfred Schomers zum Bürohaus Bömers Spitze. Schomers antwortete:


    "Das Gebäude bedient ein modisches Klischee: Ein Rahmen wird wie ein Netz über die Fassade gespannt, dazwischen Glas - fertig ist das Haus. Solch skelettierte Architektur gibt es zu oft. Man sollte darauf achten, dass bei zu viel Einfachheit nicht Langeweile entsteht. Für diesen unglaublichen Ort finde ich das Gebäude zu simpel. An dieser Stelle hätte etwas Einmaliges entstehen können. Als Beispiel sei nicht nur der Anspruch des Chile-Hauses Hamburg genannt, sondern auch viele Eckpositionen Bremer Häuser."


    Im Oktober 2017 stellte Clemens Pohl, geschäftsführender Gesellschafter der Justus Grosse Projektentwicklung fest: Wir wollen aufzeigen, dass es sich um ein Bauprojekt auf historischem Grund handelt und präsentierte aber ein Gebäude, das jeglichen Bezug zur Historie vermissen lässt. Undwieder gilt es festzustellen: das, was gesagt wird, deckt sich nicht mit dem, was wir sehen - wie so häufig im architektonischen Bereich. Immer wieder werbewirksam und markenerzeugend große Worte, die den Vergleich mit der dann folgenden Wirklichkeit nicht standhalten.


    Da hätte man besser den Gegenentwurf von Axel Spellenberg, der auch im Weser-Kurier abgedruckt wurde (es lässt also nicht sagen, man hätte es nicht gewusst) und der genau dieses von Clemens Pohl erwähnte historische Narrativ in seiner Fassadensprache verwendet hatte: Backstein als Verblender, wie er hier früher an den Gebäuden im Hafen üblich war. Dazu Dreieckarkaden und eine den Ort bezeichnende (Bömers-)Spitze, die ihren Namen zu Recht trägt - unverwechselbar oder wie M. Schomers sagte: Einmaliges.


    Und somit ist "Bömers Spitze" heute - leider nicht Spitze!


    Nachfolgend ein aktuelles Foto und danach zum Vergleich der Spellenberg-Entwurf:



    Und der Gegenentwurf von Axel Spellenberg: SPITZE


  • Dass auf der offenen Hässlichkeitsskale der Moderne nach oben hin noch immer Platz ist, zeigte mir ein Foto, das ich jetzt auf Spiegel online entdeckt habe. Es stammt aus Offenburg am Main. Und ich hielt bisher die Überseestadt für abstoßend, einfalltslos und kaum noch negativ steigerbar. Aber jetzt............


  • Offenburg am Main

    Offenbach am Main.


    Auf dieses Hafenviertel sind sie dort aber mächtig stolz. Endlich wieder so etwas wie in Frankfurt (oder gar Hamburg Hafencity en miniatur). Jeder, den Du dort sprichst, sagt, wie gelungen er dieses Viertel findet und wie gerne er dort wohnt. (Wären nicht die nächtlichen Konflikte mit dem direkt angrenzenden Arme-Leute-Viertel und deren Partys am Wasser liebendem Nachwuchs.)

  • Und wie denkst Du jetzt über dieses "Viertel", Heimdall? Die "Ästhetik" ist doch antiseptisch, oder?

    Für Offenbacher Verhältnisse gehört das sogar zum Besseren. Natürlich vor allem bedingt durch die Lage am Wasser. Die Verarbeitung ist teilweise mit Klinkerfassaden, die Wohnungen sind von der Ausstattung auf sehr gutem Neubaustand. Durchgangsverkehr ist von den Wohnbauten entfernt.


    Es gibt in Offenbach weit schlechtere Neubauten der letzten Jahre, z.B. das stumpfe Luisenhof-Quartier, die formlosen Neubauten zwischen Berliner Straße und Bahnhofstraße, ein seltsames Gebilde an der Berliner Straße/ Ecke Pirazzistraße oder gar die berüchtigte Neo-Platte an der Mathildenstraße/Gerberstraße.


    Dagegen ist das Hafenviertel regelrecht qualitätvoll und nobel. Zumal ein paar Relikte aus der Industrieepoche dort stehen bleiben sollen, z.B. der Hafenkran.


    Gleichwohl ist es eben typisch für Offenbach, immer Frankfurter Vorbildern als eher zweitklassige Kopie hinterherhecheln zu müssen. Ich habe bereits in den frühen Planungen des Quartiers gesagt, allerdings nur im privaten Kreis, warum man nicht mal etwas eigenes wagt und ein Quartier am Wasser mit Townhouses umsetzt. Also Grachten in eher hanseatischer Struktur mit Giebelhäusern auf schmalen Parzellen umsetzt. Das hätte dann eher einen "altstädtischen" Charakter gehabt als die eher einfallslosen Blöcke.


    Aber so viel Fantasie hatte keiner der Verantwortlichen. Offenbach eben.

  • Terrible boring!!! Wie unglaublich monoton und gar kein Phantasie.


    Muss dass denn unbedingt alles immer so blockig aussehen was die Modernen schaffen? Kuben, Kasten, Würfel usw.


    Kann doch weitgehend anders gestalltet werden......ja Giebelhäuser mit Details und Ornamenten, Sprossenfenster herrliche Bauten um an zu gucken und super um in zu wohnen.......

  • Gleichwohl ist es eben typisch für Offenbach, immer Frankfurter Vorbildern als eher zweitklassige Kopie hinterherhecheln zu müssen.

    Dieser Satz gilt genauso für Bremen. Die Überseestadt kann als vollkommen misslungener Versuch gelten, die Hafencity zu kopieren. Nur eben alles zu klein, zu billig, gewollt und nicht gekonnt. Ich will die Hafencity und hier v.a. die frühen Bereiche um die "Elphi" nicht verteidigen, aber weiter östlich hat sich zumindest eine großstädtische Dichte entwickelt, die dem Bereich guttut. Nicht einmal das schafft die Überseestadt. Es bleibt durchgehend beim Gefühl, in einem vorstädtischen Gewerbegebiet zu sein.


    Edit: Die gemachten Beobachtungen gelten für das bisher Gebaute. Bei den Dingen in Planung (Kellogg's-Gelände, Europahafenkopf, mit Einschränkungen Europaquartier) besteht zumindest die Hoffnung auf Besserung.

  • Dass auf der offenen Hässlichkeitsskale der Moderne nach oben hin noch immer Platz ist, zeigte mir ein Foto, das ich jetzt auf Spiegel online entdeckt habe. Es stammt aus Offenburg am Main. Und ich hielt bisher die Überseestadt für abstoßend, einfalltslos und kaum noch negativ steigerbar. Aber jetzt............



    Prora 2019...der Mensch zaehlt wieder nicht mehr

  • Die Modernisten haben sich vor etwa 120 Jahren sehr stark gegen den Historismus positioniert. Zu überladen war Ihnen die Architektursprache, Fassaden sollten beruhigter gestaltet werden - weniger war mehr. Die am Historismus festhaltenden Architekten wurden von den Modernisten heftig kritisiert, auch aus einer herablassenden Haltung heraus: Schließlich empfanden sie sich als Avantgarde, als personifizierter Ausdruck der neuen Zeit. Diese Avantgardehaltung besteht bei den Architekten heute immer noch, so, als wären nicht mehr als 120 Jahre vergangen. Die Fortschrittlichen leben rückwärtsgewandt.


    Ich habe mir schon oft Gedanken darüber gemacht, warum heute so ein Mist gebaut wird, warum die Gebäude immer unansehnlicher werden. Welche kritischen Erklärungsmodelle kämen da infrage?


    1. Wirtschaftliche Aspekte stehen wohl am Anfang einer jeden gestalterischen Motivation, heutzutage. Investorengerecht - denn diese haben ja ausschließlich wirtschaftliche Interessen. Die Politik des Europäischen Zentralbank wirkt hier dann noch zusätzlich wie ein städtebaulicher Brandbeschleuniger, die Feuerwehrleute sind dann die Modernisten. Die lassen aber das Haus erst abbrennen und sagen dann: gelöscht.


    2. Einfallslosigkeit. Wer nur noch am Computer hängt, kann auch nur noch Rechtecke herstellen. Das scheint sich inzwischen auch auf die entsprechenden Hirnregionen auszuwirken, deren Output wir dann als "neuen Wurf" entgeistert betrachten können. Die zeichnerischen Fähigkeiten der Architekten sind auf niedrigstem Niveau. Das "Denken mit der Hand" hat heute wohl keinen Stellenwert mehr.


    3. Die Architekten sind in ihrem Studium schon versaut worden und haben dort das Investorendenken gelernt - schließlich will jeder Architekt gut leben. Dazu muss man in einer Architektursprache entwerfen, die den Investoren gefällt - Investorenästhetik sozusagen. Die zeichnerische Aneignung früherer Architekturepochen scheint im Studium kaum noch eine Rolle zu spielen.


    4. Schließlich sei auch erwähnt,dass es eine Reihe von Architekten gibt, die diesen modernen Baustil für das non plus ultra halten. Er gefällt ihnen einfach. Sie sehen die Architekturentwicklung als einen sich immer weiter fortschreitenden Prozess an - und jetzt ist eben die Moderne dran. Aber gibt es auch ein danach, das nicht Postmoderne heißt und ein völlig neuer Architekturstil ist. Wer sollte den schaffen. Modern ausgerichtete Architekten mit Bauklötzchenbewusstsein?


    Traten die Modernisten als Kritiker der herkömmlichen Architekturstile auf und gefielen sich auch in dieser Rolle, so rücken sie nun selbst immer mehr in den Fokus der Kritik. EINE UNGEWOHNTE ROLLE, BESONDERS, WENN MAN SICH SELBST ALS SPEERSPITZE DER ENTWICKLUNG SIEHT!


    Ich würde mich freuen, wenn die verehrten Foristen meine Punkte 1 - 4 noch fortsetzen bzw. durch weitere Anregungen ergänzen. Meine Aufzählungen haben nicht den Anspruch der Vollständigkeit.

  • Als Forsetzung:
    Du darfst nicht unterschätzen, dass der Mensch ein Herdentier ist. Er orientiert sich am Zeitgeist und an seinem sozialen Umfeld, dem er gefallen will. So entgeht er der Isolationsangst, die eine der großen Ängste der sozialen Gattung Mensch ist. Und innerhalb eines sozialen Milieus werden Verhaltensmuster und auch "kreative Arbeiten" mannigfach kopiert.
    Ein Architekt, der plötzlich Neo-Jugendstilfassaden entwerfen würde, würde nicht nur Investoren irritieren (also möglichenfalls keine Wettbewerbe gewinnen und keine Auftraggeber finden), sondern auch seine BdA-Kollegen. Diese würden sich dann zum Teil im Spott ergießen, was wiederum den "guten Ruf" des betreffenden Architekten in Verruf brächte. So etwas halten nur sehr starke Persönlichkeiten aus. Die fehlen aber, zumindest hierzulande, in sehr vielen Bereichen.