Paris - Notre Dame

  • Castrelli, diese Ideen eines privaten Wettbewerbs, den ein chinesisches Büro gewann (kleines Foto), werden Macron und alle Modernisten beeindrucken, ja begeistern. Vom alten Kirchendach ist nur noch die Flamboyant-Firstleiste erhalten (großes Foto). Das wäre dann auch ein modernes Holz in der Konstruktion von verdichteten Leimholzbindern. Wenn ich das, und den explizit neo-expressionistischen Vierungsturm, sehe, krümmt sich mir die Magenschleimwand. Es gibt aber noch schlimmere Visualisierungen. Und genau so was fasziniert viele Modernisten, die Viollet-le-Duc nichts abgewinnen. Nur wegen dieser Visualisierungs-Fanatiker und der großen Gefahr, die von ihnen ausgeht, habe ich mich mehrmals an die Verantwortlichen, u. a. den General, gewandt. Ich werde es jetzt nochmals versuchen, nur

    steter Tropfen höhlt den Stein.

    Im dritten Bild ist die von mir beabsichtigte Konstruktion des Kirchendachs (rechts) und Vierungsturms dargestellt. Dunkelbraun erkennt man die Eisenkonstruktion, die gotische Spitzbögen enthält, die die Dachbinder stabilisieren. Dadurch braucht man weniger Material. Das ist das ´Kölner´ (Dom) Modell. Am schwierigsten ist die Konstruktion des Vierungsturms, hier der über der Vierung diagonal verlaufende Hauptbinder in Eisen mit den Postamenten für die Apostelskulpturen. Ab der 1. offenen Galerie erkennt man die Holzkonstruktion, die sich eng an Viollet-le-Ducs nach oben schräg verjüngende Konstruktion anlehnt, jedoch eigenständige Merkmale aufweist. Das mit Brandschutzmitteln gestrichene Holz wird, wie zuvor schon geschildert, komplett mit Blei verkleidet, so dass es besser gegen Feuer geschützt ist. Auch das Schmiedeeisen wird mit Eisenbrandschutzfarbe gestrichen. Das neuartige, hochverdichtete Holz hatte ich nur angedacht, um das Gesamtgewicht der Konstruktion und damit die Last auf die Vierungspfeiler zu entlasten, weil es 12 mal leichter ist als das handelsübliche Holz, aber so stabil und brandsicher wie Stahl. Da man es hinter der Bleiverkleidung nicht sieht, spielt es keine Rolle, welche Holzart es ist. Auf alle Fälle würde es kein Leimholz werden, wie auf dem großen Foto, sondern vom Lärchenbaum zu Balken behauenes Vollholz. Ich vertraue auf die genialen Wissenschaftler, die das neuartige Verfahren (s. Google, verdichtetes Holz) entwickelt haben, aber alternativ ist auch ganz normales Holz denkbar.

  • Architekten, die mit der Hand zeichnen und konstruieren, machen mir per se schon einen kompetenteren Eindruck. Die Verbindung Hirn-Stift-Papier ist wesentlich mehr auf Gefühl ausgelegt, wodurch handgezeichnete Entwürfe auch meist die menschlicheren sind - zumindest ist das meine Empfindung. Allerdings nimmt einem beim Von-Hand-Entwerfen keiner Geometrie, Perspektive und Statik ab, weswegen man als von Hand entwerfender Architekt wohl tatsächlich mehr kann, als nur die Physik. Architektur als Baukunst - also Kunst - gibt es immer seltener. Das wollte ich trotz Themenfremde mal hier loswerden. Evtl. möchten Sie ja, @VON ZIETEN, dem interessierten Nachwuchs Ihrer Zunft im Strang Lehre für historische Architektur ein paar Tipps hinterlassen.

  • Civitas fortis, das ist hervorragend formuliert. Ich könnte es nicht besser.

    Stelle zum Thema "Zeichnen" mal 2 Welten gegenüber: kleineres Bild oben, die von mir nach einem Jahr der Suche definitiv entschiedene Turmfassung Notre-Dame. Gegenüber der Computer-Visualisierung (großes Foto) sieht das primitiv und dilettantisch aus. Ich beherrsche weder die digitale Zeichentechnik noch kann ich sie finanzieren. Aber es geht alleine um die Frage: wer und was nützt oder schadet Notre-Dame? Der modernistische Entwurf zweier chinesischer Designer des Büros SOM, die 2019 unter 226 Entwürfen aus 56 Ländern den 1. Preis gewannen (Auslober privat: GoArchitect, Buchverlag Los Angeles), über den 30.000 Personen während des Verfahrens abstimmten? Oder meine armselige, aquarellierte Bleiskizze? Nun denn, ich erkenne in dem Wettbewerbssieger keine grundlegende Neuerung, allenfalls neo-expressionistische Glasarchitektur.

    Verlockend klingende High-Tech-Ideen wie die "Paris-Time-Capsule" oder das "Mirror-Roof" der Chinesen habe ich auch nicht zu bieten. Nur die armseligen Apostel auf ihren Postamenten, die zum Glück kurz vor dem Brand heruntergenommen wurden. Was für eine Vorsehung! Und da kommen die Modernisten und kappen sie vom Mirror-Roof ab - passt ja nicht zum High-Tech, der alte Kram von Viollet-le-Duc. Ich habe nur Formen anzubieten, die Sie - wenn Sie die Baustilkunde der gesamten Weltarchitektur von vorne bis hinten durchblättern - nicht auffinden werden. Sie resultieren im Grundriss eines Kapitells aus dem Quadrat (s. Skizze oben u. unten), in der Frontansicht aus der diagonalen Quadratteilung. Hieraus werden auch die Arkadenbögen, Wimperge (Ziergiebel) oder Ballustraden-Arkaturen definiert. Niemals weicht auch nur ein Formdetail von der geometrischen Grundbasis ab. So betrachtet, wäre der neue Vierungsturm ein formal einheitliches Ganzes , daher stilistische Novität, welche im Jahr 1980 schon ein Marburger Kunsthistoriker erkannt hatte. In einer Ausstellung sah er Pläne von mir und schrieb: "Wie sind Sie auf diese Stilformen gekommen, ich kann sie in der Bau- und Kunststilistik nicht finden?" Woran man sieht, wie lange ich daran schon gearbeitet habe, 1975 löste ich mich erstmals von der Moderne. Danach folgten schwere Jahre und Jahrzehnte der Isolation.

    Wenn ich wollte, könnte ich auch solche irrsinnig modernistischen Ideen für Notre-Dame entwerfen, das beherrsche ich, abgesehen von der digitalen Zeichentechnik, auch. Aber das könnte ich niemals mit meinem Gewissen vereinbaren. Sollen die französische Nation mit "Ihrer Dame" machen, was sie will, ich werde sie nicht beleidigen oder das Werk von Viollet-le-Duc der Lächerlichkeit preisgeben und verunehren, halte mich aber an das Wort Platos: WENN DIE GUTEN NICHT KÄMPFEN, WERDEN DIE SCHLECHTEN SIEGEN. Wobei die Modernisten natürlich von sich überzeugt sind, die GUTEN zu sein, wir Liebhaber von Tradition, Klassik, Gotik und Alt-Paris die SCHLECHTEN. So, wie man uns von Modernistenseite in Frankfurt als Rückwärtsgewandte, Ewiggestrige und Rechtsgerichtete titulierte. Die Schlacht um Notre-Dame wird eine schwere werden. Daher hoffe ich auf den konservativ und christlich gesinnten Général d´armée Jean-Louis Georgelin, den Chefbauleiter von N-D, der besser den Modernisten als dem armen guten Chefarchitekt Villeneuve hätte zurufen müssen: "Haltet die Klappe!"




    , ,

  • @vZieten


    Ich nehm an, das Zietenschloss in Warmbrunn hat was mit Euch zu tun?


    https://www.google.at/search?q…=911#imgrc=Bz_rHUqHoAUHoM

    Das Zietenschloss in Warmbrunn ist mir nicht bekannt. Nur das Zietenschloss Wustrau am Ruppiner See, etwa 15 Kilometer vom ehemaligen Rittergut und Landhaus meines Großvaters entfernt gelegen. Schloss Wustrau war der Wohnsitz des Husarengenerals , des "Alten Zieten", der auch dort begraben liegt. Ein späterer preußischer König besuchte einmal das Grab, wie Theodor Fontane berichtet, und sagte zum damaligen Besitzer: "Der Grabstein hat einen Fehler". Worauf der alte Herr dem König erwiderte: "Der darunter hat noch größere". Wobei mit dieser humorigen Geschichte der Bogen von meinem Vorfahren zu mir gespannt wäre. Schloss Wustrau wurde nach der Wende restauriert, heute eine Perle.

  • @VON ZIETEN

    Könnten Sie Ihre Entwürfe zu Frankfurt oder zum Reichstag in die hierfür in Frage kommenden Stränge einstellen? Das würde mich - und wohl auch viele andere Foristen - sehr interessieren.

    Meine Entwürfe zu Frankfurt wurden als Originalzeichnungen von der Stadt Frankfurt per Wettbewerbspreissumme 10.000 DM aufgekauft. Ob sie noch exisitieren, weiß ich nicht. Jedoch noch immer abgedruckt in dem Buchband des Architekturverlags SpringerVieweg, "Dom-Römerberg-Bereich - Wettbewerb 1980", für 36.99 €, das noch auf dem Markt erhältlich ist. Kopien der Originalzeichnungen besitze ich nicht.

    Meine Entwürfe zum Reichstag, vor allem die detaillierten Ansichten und Schnitte, wurden als Originalzeichnungen aus der Ausstellung der Wettbewerbsarbeiten im Berliner Staatsratsgebäude entwendet und daher vom Auslober nie an mich zurückgesandt. Wer diese Zeichnungen heute in Händen hat, entzieht sich meiner Kenntnis, aber irgendwo müssen sie noch liegen. Damals konnte ich keine Kopien in dieser Größe bezahlen, die digitale Technik war noch in den Anfängen. 1/2 Jahr Zeichenarbeit an der Reichstagskuppel und Fassade ist verschollen.

  • Danke für deine Ausführungen, ja genauso meinte ich es, ich hatte schon Figurenbesetzungen assoziiert, etwa Macron mit dem fast mystisch ominös absurden Klamm, dem„Vorstand der zehnten Kanzlei", der aber eher wie ein Ludwig II. im Endstadium oder eine verletzliche Gottheit behandelt wird und vollkommen unnahbar und unergründbar ist, vermutlich aber auch nur ein kleines Rädchen in einem unendlich größeren, unverständlichen System. Klamm (als absolutistischer Herrscher über seinen Bürokratiestaat) kommuniziert auch in Briefen seine Aufträge an K. die sich jedoch unter den Mühlen der Bürokratie in Schall und Rauch auflösen, gleichwohl sie natürlich immer noch gelten. Das System besteht einzig aus Paradoxa die jedoch von jedem Glied der Kette als "unzweifelhaft richtig" klaglos angenommen werden, mögen sie auch noch so absurd sein. Dies hat letztlich K. überhaupt an seiner Existenz zweifeln lassen, ist er denn überhaupt Landvermesser? Kafka hat diese Selbstauflösung offensichtlich induktiv gemeint, Brod hat sie deduktiv verstanden: "K. zweifelt daran überhaupt je Landvermesser gewesen zu sein " daraus folgert Brod fälschicherweise "es ist zweifelhaft, ob K. überhaupt Landvermesser ist".

    Darüberhinaus wird K.s komplette vita activa in der Handlung nicht nur ad absurdum geführt sondern im Nichttätigkeitszwang gerade zu nivelliert, ausgelöscht. In dem ganzen Roman arbeitet der Landvermesser K. kein einziges Mal als Landvermesser. Das lässt Raum für interessante Spekulationen (ein Nicht-Landvermesser K. ist ja auch eine reizvolle Interpretation.)

    Mein Like Rastrellis galt dem, dass er die Assoziation zu Kafka aufgeklärt hat, nicht dass anzweifeln des Berufsstandes von Zietens. Ich hoffe, durch dieses Missverständnis habe ich dich nicht beleidigt, lieber von Zieten? Ich wollte eigentlich gestern alles schon fix aufklären, aber ich war zu müde.

    Liebe Kaoru, es tut mir leid, Dich falsch verstanden zu haben. Aber aus den literarischen Vergleichsbildern, Assoziationen und Symbolen konnte ich nichts herauslesen. Meine Welt ist die Architektur, Kunst, die Sprache das Zeichnen. Ich wünschte, in der Sache Notre-Dame nicht ein einziges Wort und Buchstaben schreiben zu müssen. Schon gar nicht an die oberen Verantwortlichen. Ein "kleines Rädchen" ist Macron allerdings in Sachen Architektur+Rekonstruktion, da weiß er rein nichts, und daher muß er die Dinge nach unten delegieren. Das ist in unserem Land haarscharf gleich. Ich muß die Bereitschaft Macrons, mir freundlich via Kabinettschef geantwortet zu haben, dennoch dringend loben, betrachte ich vergleichsweise nur die Gepflogenheit unseres hiesigen Dorfbürgermeisters, der auf meine Eingaben tunlichst nicht zu antworten pflegt. Da konnte es sein, ich habe einen Vorschlag für den Bau eines neuen Parkplatzes an der Schule eingereicht - keine Antwort, Resonanz, Dank - aber exakt nach meinen Plänen wenige Wochen später ausgeführt. Es bleibt uns Architekten kein anderer Weg, als den der Bürokratie zu gehen....von der Wiege bis zur Bahre, Formulare, Formulare.

  • Ich muß jetzt doch mal auf die Bleibedachung kommen - natürlich bin ich dafür daß es wieder original so rekonstruiert wird, eben mit Bleibedachung und nicht mit Kupfer oder sonstwas. Was mir da allerdings da zu einfällt - auch die berüchtigten Bleikammern von Venedig waren mit Blei gedeckt, was in diesen Gefängniszellen an warmen Tagen zu einer unerträglichen Hitze führte. Könnte es denn sein, daß bei Notredame Bleiverdachung verwendet wurde, um die Wärme auf dem Dach besser speichern zu können?

  • Aus Sicht der Allgemeinheit wäre zu wünschen, dass der Landvermesser Z., der unzweifelhaft ein Landvermesser ist, nicht zum Zuge kommt.

  • Das Zitat von Rastrelli geht noch immer in meinem Kopf herum.

    Ich glaube, aus der Sicht der Allgemeinheit wäre zu wünschen, dass der Entwerfer dieser Orgie auch nicht zum Zuge kommt.

    Aber wer soll denn nun zum Zuge kommen? Ein Forist schreibt in diesem Strang am 25. Mai 2019: "Ich hasse Viollet le duc". Ich hasse auch, nämlich diese Orgie. Und liebe Viollet-le-Duc. <3:gutenacht:

  • Sinnentstellende Zitatverwendung.


    Ich hatte geschrieben:

    Aber hier geht es ja um Notre-Dame. Aus Sicht der Allgemeinheit wäre zu wünschen, dass der Landvermesser Z., der unzweifelhaft ein Landvermesser ist, nicht zum Zuge kommt. Denn das beste wäre doch eine genaue Rekonstruktion von Dach und Vierungsturm. Dazu wäre ein Architekturwettbewerb, der dann auch nicht der zweite, sondern der überhaupt erste in dieser Sache wäre, nicht erforderlich. Der Architekturwettbewerb war ja ursprünglich angedacht, um auszuloten, ob der Wiederaufbau in sichtbar veränderter Form erfolgen sollte. Eine denkmalpflegerische Rekonstruktion wäre aber die beste Lösung. Da unterstütze ich die Position von Dombaumeister Villeneuve und zahlreicher Kunsthistoriker.

    Die entscheidenden Punkte habe ich jetzt nochmal hervorgehoben. Die Alternative ist nicht: Zieten oder ein moderner Entwurf, sondern: Rekonstruktion oder ein neuer Entwurf. Ich bin für Rekonstruktion. In für die Allgemeinheit nicht sichtbaren technischen Details kann man vom Zustand vor dem Brand abweichen. Kriterium sollte dabei sein, dass sich praktische Verbesserungen ergeben. Die konkreten Details müssen Fachleute klären.


    Die äußere Gestalt der Kathedrale sollte meines Erachtens so wiederhergestellt werden, wie sie vor dem Brand war. Dein Turmentwurf im Zieten-Stil ist sehr schön. Es erschließt sich mir aber nicht, wieso die Turmgestalt von Viollet-le-Duc nicht rekonstruiert werden sollte. Weil der Architekt keine Lust dazu hatte, ist schon ein schwaches Argument. Ich halte es auch für fahrlässig, zu sagen, dem oberflächlichen Betrachter werde es kaum auffallen, dass das nicht mehr der Turm von Viollet-le-Duc ist. Das hieße ja: künstlerische Details sind nicht so wichtig. Doch, sind sie. Notre-Dame ist eine gotische Kathedrale. Der gotische Spitzbogen ist überall zu finden, auch am ursprünglichen Vierungsturm. Da kann man nicht plötzlich sagen: Ein Dreieck tut es auch.


    Den Zieten-Stil könnte ich mir gut bei Neubauten vorstellen. Beim Vierungsturm geht es aber um den Wiederaufbau eines Teils eines zum überwiegenden Teil vorhandenen historischen Bauwerks. Die Argumentation, hier müsse man neu entwerfen, man könne oder dürfe nicht rekonstruieren, ist die Argumentation der Modernisten. Sollten sich die Verantwortlichen für einen "Neubau" entscheiden, würden sie zweifellos einen Entwurf auswählen, der stärker von Viollet-le-Duc abweicht. Wer modernistische Verunstaltungen der Kathedrale verhindern will, sollte sich für eine Rekonstruktion einsetzen.

  • Der Zieten-Entwurf gefällt mir sogar weit besser als das "Original", zumal er in seiner mehr ausgeprägten "Durchbrochenheit" noch "gotischer" wirkt, sprich einer späteren gotischen Epoche verhaftet scheint und auch stilistisch mehr mit den Giebeltürmchen konform geht. Dass ein (vollständiger) Neubauaufbau stets auch eine Neuinterpretation ist, ist wohl aus den Rekoerfahrungen wohlbekannt. Wir haben darüber hinaus oft mit Vereinfachungen oder Modernismen zu tun, die unserer Sache grundsätzlich nicht zuträglich sind. Hier geht es um die interessante Frage einer "Verbesserung" (über welchen Aspekt, nämlich inwieweit eine solche überhaupt vorliegt, man trefflich streiten kann - das mit dem "non disputandum" erscheint mir eher als leere Formel ). Ist ein solcher Gedanke überhaupt "zulässig"? Zieten hat das schön schlüssig aus dem Denken des Architekten heraus dargelegt. Da der Dachreiter letztlich eine eklektizistische Zutat ist, einer Epoche somit angehört, die es mit der stilistischen Genauigkeit niemals genau genommen hat, scheint mir Zietens Vorgehensweise sehr zulässig. Ehrlich gesagt ham wir andere Sorgen, als dass ein Architekt versucht, selbstständig aus dem Geist des Vorgängerbaus etwas weiterzuentwickeln. Bei den BRD-Rekodebatten müsste man so etwas schon "taktisch" vehement ablehnen, weil sich "Rekos" wenn überhaupt nur "puristisch" durchsetzen lassen, und man sonst Gefahr liefe, jedwede Menge modernistischen Unsinn mitgeliefert zu bekommen. Aber hier kann man das weit entspannter sehen. Und eigentlich ist es ein Idealzustand, dass Architekten im alten Geiste selbstständiges Denken entwickeln. Davon haben hier im Forum früher etliche geträumt, gerade Anhänger eklektizistischer Stile. Schon allein darum würde ich zu mehr als bloß respektablem Umgang raten.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Der Zieten-Entwurf gefällt mir sogar weit besser als das "Original", zumal er in seiner mehr ausgeprägten "Durchbrochenheit" noch "gotischer" wirkt, sprich einer späteren gotischen Epoche verhaftet scheint und auch stilistisch mehr mit den Giebeltürmchen konform geht. Dass ein (vollständiger) Neubauaufbau stets auch eine Neuinterpretation ist, ist wohl aus den Rekoerfahrungen wohlbekannt. ,

    Ich habe oben ja ausdrücklich erwähnt, dass auch Viollet-le-Duc eigenwillig entworfen und gebaut hat. Vom ursprünglichen, jahrhundertelang auf dem Dach befindlich gewesenen, gotischen Vierungsturm ist er maßgeblich abgewichen. Warum eigentlich nicht? Auch die im 19. Jh. vollendeten Türme von Köln und Ulm sind nicht mehr authentisch, wenn man die mittelalterlichen Turmrisse betrachtet. Viollet-le-Duc war ein ausgewiesener Neo-Gotiker, ein Stil, den ich eigentlich nicht besonders mag. Aber er hat in der Stilgeschichte seinen Platz. ursus carpaticus hat es sehr trefflich formuliert, das war nämlich meine Absicht, "noch gotischer zu wirken". D.h. noch mittelalterlicher als Viollet-le-Duc, dessen Historismus deutlich erkennbar ist. Ich suche keinen neuen Historismus, sondern Stilformen, die der Romanik und Gotik einen 3. Charakterzug hinzufügen können. Wie wurde ich da schon von Kollegen angegriffen und als entartet eingestuft. Die Moderne glaubt, alleinseligmachend als quasi krönender Abschluss der Menschheitsarchitektur gelten zu müssen. Jede kleinste Regung eines Stilwandels wird bis auf den Tod bekämpft und versucht auszumerzen. Die Freunde der wahren Rekonstruktion eifern ebenso gegen stilistische Experimente, aus ihrer Sicht kann es gar nichts anderes als das historisch Überlieferte geben: "Der gotische Spitzbogen ist überall zu finden....da kann man nicht plötzlich sagen: ein Dreieck tut es auch" (Zitat Rastrelli). Nun denn, da geht er überein mit meinem verstorbene Universitätslehrer , Bauhistoriker Arnold Tschira, ein hoch anerkannter Fachmann, der die romanische Kirche Münsterschwarzach puristisch von allen barocken Innereien bereinigt hat, sehr zum Leidweisen von Kollegen. Überall Rundbogen, da kann man nicht sagen: barock tut es auch. Meine lieben Damen und Herren, welche Kirche ist denn heute noch lupenrein echt? Filippo Brunellesco hat auf den gotischen Dom Florenz eine Renaissancekuppel gesetzt, Jede Epoche hat ihre Stilmerkmale in vorherigen Bauten hinterlassen, war das verwerflich? Ich komme daher und mache nichts anderes, und die Zeitgenossen schlagen mit Hauen und Stechen auf mich ein. Architekt 2020 zu sein, der auch nur einen einzigen Strich eines Stilexperiments publiziert, ist eine Strafe. Von den Puristen der Moderne auf der einen, den Puristen des Historismus auf der anderen Seite. Wehe, wenn es nur einer wagt, abzuweichen! Daher habe ich seit 1977 keinen Auftrag mehr erhalten. Man kann einen Architekten mit der Neigung, das Vergangene abzuschütteln und Neues zu wagen, auch mit der strengsten aller Strafen, der geistigen und beruflichen Isolationen, heimsuchen. Wen interessiert es von den feinsinnigen und edel gesinnten Zeitgenossen, ob man da am Ende am Hungertuch nagen muß?

  • Kein schlechtes Bild? Paris Heart Beat. Ein gläsernes Ornament im Entwurf der chinesischen Sieger eines Privatwettbewerbs (s. VON ZIETEN, Gestern, 17:35).

    Da sehen sowohl Viollet-le-Duc und ich sehr armselig aus. Perfektion vom Feinsten. Und damit kriegt man das Paris Heart zum Schlagen, Macron und alle Modernisten. Das brillante Ornamentwerk überzeugt, wenn auch Teil des neo-expressionistischen Vierungsturms aus High-Tech-Spiegelglas. Da werden die Unentschlossenen ins Wanken geraten, vielleicht sogar die Historisten? Ich kann mit solcher Brillanz nicht im Traum mithalten, meine Skizzen sind so unbeholfen, krumm, ungenau wie die Bauzeichnungen von Villard de Honnecourt, dem Verfasser des berühmten Bauhüttenbuchs aus der Zeit vor 1235. Es war einfachste, dilettantisch erscheinende Zeichentechnik, aus der als Vorlagenbuch große Werke der Gotik hervorgingen. Die einfache schlichte Kunst Villards hat das Herz von Paris und Frankreichs zum Schlagen gebracht.

  • romanische Kirche Münsterschwarzach puristisch von allen barocken Innereien

    Münsterschwarzach ist doch ein pseudoroman. oder -ottonischer oder sonst was Neubau der 1930er Jahre?




    Mit dem Glas-Zeux kann ich weniger anfangen. Da ist mir die Zietengotik viel lieber. Ich hätte aber noch eine Anregung.

    Aus dieser Perspektive:


    24964-p1040364-jpg

    macht sich das in der Durchsicht ergebende Andreaskreuz irre gut, weil den "gotischen Eindruck" verstärkend.

    Aus dieser Perspektive jedoch:



    24951-p1040357-jpg


    ist es nicht zu sehen.

    Theoretisch müsste man das Ganze doch so drehen können, dass es aus der Schrägsicht sichtbar wird? Denn diese Schrägsicht ist praktisch viel relevanter, weil sie eben freien Blick gewährt.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • @ von Zieten: "Nicht alles was glänzt ist Gold"

    Und die Negativeinstellungen zu Ihrer Auftragslage sind unnötig, sprich eher selbstbehindernd. Das sind selbsterfüllende Prophezeiungen, negative Selbstaffirmationen mit geistiger Wirkkraft. Die können Sie ablegen, denn am Können liegt's nicht.


    Das von Citoyen erwähnte Portrait der badischen Klosterkirche Schwarzach ist hier zu finden:

    RE: Schwarzach (Gde. Rheinmünster) - ehem. Kloster (Galerie)


    Darin erwähnte ich auch die Veröffentlichung der Grabungsbefunde und die Restaurierungs- und Rekonstruktionsmassnahmen von Arnold Tschira, des Architektenlehrers unseres Herrn von Zieten. Zusammenhänge tun sich da auf! Alte Schule eben. Wenn es mit den Aufträgen so rar blieb, dann ist der Grund neben der eigenen Haltung, auch ein kultureller Generationenkonflikt, eben ein Verdrängungskonflikt.

    Der wahre Architekt zeigt sich in seiner stilbildenden Schöpferkraft!

  • Münsterschwarzach ist doch ein pseudoroman. oder -ottonischer oder sonst was Neubau der 1930er Jahre?


    Richtig heißt der romanische Kirchenbau, wie Citoyen auch zitiert, Münster Schwarzach, nicht zu verwechseln mit Münsterschwarzach. Fehler von mir. Hier hat mein Hochschulprofessor Arnold Tschira in der Restaurierung von 1960 ein stilreines romanisches Bild zu schaffen unternommen. Barocke und historistische Ausstattungselemente wurden entfernt oder beseitigt. Ich erinnere mich wieder, als er uns Studenten im Jahr 1965-67 seine Arbeit an dem Münster zeigte. Tschira hat meine Arbeit als Architekt früh geprägt, ich verdanke diesem fundierten Bauhistoriker viel. Arme heutige Studenten haben nicht mehr solche Lehrer.

    In der Tat fehlt das "Andreaskreuz" in meiner Perspektivzeichnung. Habe es schlichtweg vergessen. Das Kreuz wird von 16 Balken gebildet, die im Kreuzpunkt mit einem zentralen Mittelpfosten verbunden sind. Es dient zur Stabilisierung der Turmkonstruktion.

  • Quote

    24964-p1040364-jpg

    Werter von Zieten, dein Entwurf spricht für dein berufliches Können und bemüht sich, die gotische Architektursprache ansprechend weiterzuentwickeln, dennoch muss ich gestehen, mit dieser deiner "Kölschen Lösung"

    nicht so recht warm zu werden. Einige Gedanken dazu mag ich dir noch ausführen:

    Der Vierungsturm Viollet-le-Ducs hat untrennbar zum ikonographischen Erscheinungsbild der Kathedrale mit beigetragen, viel mehr, als in Köln.

    Durch die veränderten Fenster geht der Bezug zu den großen Kirchenfenstern verloren, deren Form sie vorher aufgenommen und weitergeführt haben.

    Viollet-le-Ducs Vierungsturm stellt buchstäblich den architektonischen Höhepunkt der Kathedrale da. Diese Bedeutung wird durch seine besonders filigrane und reiche Dekoration noch unterstrichen. Bei dir, lieber von Zieten, vergröbert sich jedoch dieses krönende Element, dadurch wirkt leidlich grobschlächtig. Charakteristische, für Notre Dame zum Wahrzeichen gewordene Dekorelemente wie die Wasserspeier oder die Krabben sind bei dir nur angedeutet oder fehlen gar.


    Ich hoffe, von Zieten, du verstehst meine Kritik konstruktiv und nicht als Angriff gegen Dich. Aber ich will ehrlich sein in meiner Kritik.

  • Find ich eigentlich nicht. Mit tut das Fehlen von Eklektizismus gut. So ein Dachreiter muss nicht das ganze ikonographische und sonstige Programm aufnehmen. Letztlich ist er nur Zierrat und Zutat und keineswegs "eigentliche Erfüllung". Markantestes Element dieses Dachreites ist ohnedies der "Widerspruch" zu den stumpfen Türmen, deren Manko er ausgleicht. Dass Dachreiter nachträglich aufgesetzt werden und somit späteren Stilepochen wiedergeben, ist ganz normal. Vielleicht war diese Frühgotik à la Limburg/Lahn mit den sehr stumpfen Spitzbögen, welche die Romanik noch nicht wirklich überwunden haben und dem unbedingten Willen zum Aufwärtsstreben widersprachen, sogar ein stilistischer Fehler VdD. Wenn das Andreaskreuz also "redupliziert" wird, wodurch auch die mich zunächst irritierende Leere in den durchbrochenen Räumen wegfällt, bin ich rundum begeistert.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Liebe Kaoru, die Architektur ist ein schweres Feld. Sie lebt vom realen Bau, nicht Zeichnung. Solange ich meinen ´Köln´schen´ Entwurf nicht umgesetzt habe, wird man die definitive tektonische Wirkung nicht begreifen.

    Gerade Violett-le-Ducs Vierungsturm hat sich absichtlich von der Gotik distanziert, indem er die Überladenheit des Historismus auf das Dach setzte. Er gilt als "vandalisme restauratore". Man muß schon einmal genauer hinsehen, um die gravierenden Unterschiede zur Baukunst des Mittelalters zu entdecken. Das veranschauliche an einer Gegenüberstellung eines Reimser Seitenschifffensters.

    Linkerhand das Fenster, gezeichnet nicht von, sondern nach dem französ. Kunsthistoriker des 19. Jh. Gailhabaud, rechts von Villard de Honnecourt des 13. Jahrhunderts. Man beachte die Unterschiede der Zeichentechnik. Die linke, sehr präzise Zeichnung entspricht exakt der Zeichenweise des 19. Jahrhunderts, wie sie auch Viollet-le-Duc pflegte. In der rechten Villars sind die Details(Kapitelle) sehr "vergröbert" dargestellt. Im linken Bild greift bereits die Präzisionszeichentechnik des Historismus ein, Ich habe immer die These aufgestellt: >Je präziser und technisierter die Architekturzeichnung wurde, umso mehr ist die Baukunst verfallen ,bis hin zur heutigen 3D-Technik< Villard und Zeitgenossen haben auf dickem Pergament grob gezeichnet, aber die Werke der Gotik sind in ihrer unglaublichen Schönheit und Kühnheit nie mehr erreicht worden. Das mußte selbst Goethe eingestehen, als er erstmals das Straßburger Münster erblickte, mit Vorurteilen seiner Zeit kommend. Viollet-le-Ducs Vierungsturm als Höhepunkt der Kathedrale zu sehen, verleiht ihm zu viel der Ehre. Dieser Höhepunkt gebührt unbestritten dem Innenraum mit der großen West-Rosette. Hieran ragt Viollet-le-Duc nicht heran, und das wollte er auch nicht. Das wollte ich auch niemals. Aber mich wieder an die gröblichere, mittelalterliche Denkweise zu nähern, das schon eher. Ich stehe Villard de Honnecourt sehr nahe, weniger dem Historismus, versuche dennoch, Viollet-le-Ducs Werk zu achten, indem ich die äußere Grundgestalt seines Turms weiterentwickle, was er übrigens auch getan hat, nämlich aus dem mittelalterlichen Vorgänger-Vierungsturm heraus. Diesem bei weitem ´gröber´ und mittelalterlicher gewesenen Turm will ich mich wieder annähern. Ich werde niemals von mir selber abweichen, von dem von mir seit 1975 entwickelten und in tausenden von Original-Zeichnungen und vielen Wettbewerben niedergelegten >Triangularen Stil<. So wenig wie Vincent van Gogh historistisch gemalt hat. Lieber hat sich der bettelarme verkannte Maler für seinen Stil erschossen. Mit "Kritik" der Zeitgenossen muß jeder Künstler leben. Allzumal Architekt. ,