Paris - Notre Dame

  • Michelangelo hat sich in der Sixtinischen Kapelle ebenfalls selbst dargestellt, in der abgezogenen Haut des geschundenen Apostels Bartholomäus. Mir ist noch nie in den Sinn gekommen, dass dies ein Zeichen der Hybris sein soll.

  • Was ich jedoch als sehr störend empfinde, ist die pauschale Herabwürdigung von Rekonstruktionen und damit der Arbeit von Denkmalpflegern und Restauratoren. (...) Du stimmst in den Chor modernistischer Architekten ein, denen es hauptsächlich um Selbstverwirklichung geht.

    Lieber Rastrelli, lassen Sie uns einmal ganz unaufgeregt diskutieren, um der dreigliedrigen Sache des Vereins StadtbildD Denkmalschutz, Klassische Architektur/Stadtreparatur und Rekonstruktion näher zu kommen und behilflich zu sein.


    Ich habe ganz sicherlich einige der Foristen in ihrem Meinungsbild provoziert und beunruhigt, indem ich hier Alternativen aufgezeigt habe. Ich bin, wie man ja schon hinlänglich mitbekommen hat, Architekt und in der Moderne aufgewachsen (Vater Architekt) und ausgebildet worden. Meine Hochschulprofessoren waren Egon Eiermann (Gedächtniskirche Berlin) und Rolf Gutbrod, ein Anhänger von Rudolf Steiners Architektur. Da ist es doch nicht selbstverständlich und einfach, sich wieder von den Vorbildern Bauhaus und Moderne zu lösen und neue Wege hin zur Klassik zu beschreiten. Nein, es war und ist ein erbitterter Streit mit den "Modernisten" bis auf den heutigen Tag.

    Auf der wichtigen Tagung von PRO ALTSTADT e. V. Frankfurt, im Sept. 2018 zum Thema "Städte brauchen Schönheit und Seele", waren nur drei Klassik-Architekten eingeladen: der luxemb. Architekt Leon Krier (baute für Prince Charles), einer der Patschke-Brüder und ich. Gemeinsam haben wir unsere Sache leidenschaftlich vertreten, sehr zum Mißfallen der taz, die die Tagung via Pressebericht zu verunglimpfen suchte. Der für unsere Sache immer wieder ebenso leidenschaftlich kolumnierende WELT-Redakteur Dr. Dankwart Guratzsch war auch unter den Gästen und Vortragenden. Er hatte mir schon im Sept. 2007 in einem persönl. Brief geschrieben: "Sie sind die treibende Kraft für den Wiederaufbau von Altstadtquartieren." Da ging es um das bevorstehende, wieder aufzubauende Frankf. Altstadtquartier, das ich als erster Architekt 1980 im damaligen Wettbewerb bereits vorausgeplant hatte.

    Nun soll ich also "in den Chor der modernistischen Architekten einstimmen", die aus Notre-Dame dasjenige zu machen suchten, was Sie ja kennen? Die beiden obigen Bilder zeigen links meinen Entwurf, rechts Violett-le-Duc, beide von mir original gezeichnet. Ist der linke, mein Entwurf für den Vierungsturm N-D, "Modernismus" im Stil eines Norman Foster oder der zahlreichen anderen Architekten? Diese Formen, Details, Ornamente würde kein Modernist machen. Es gilt bei ihnen vielmehr noch immer das Manifest von Adolf Loos unter dem Titel: "Ornament und Verbrechen". Das müssen Sie mal lesen (s. Google). Ein "Verbrechen", ja, das begehe ich der Manifestation der Puristen zufolge in deren Augen, die sich bis dato weltweit durchsetzen. Und in deren Chor sollte ich einstimmen?

    Man kann und darf mir vieles vorwerfen, wenn man will, nicht aber, in den Chor der Modernisten einzustimmen.

    Und nicht: "....die pauschale Herabwürdigung von Rekonstruktionen und damit der Arbeit von Denkmalpflegern und Restauratoren."


    Gerade mit Denkmalpflegern habe ich als Stuttgarter Architekt keine unbedingt positiven Erfahrungen gemacht: in meinem Kampf mit wenigen Freunden haben wir zwei denkmalgeschützte(!), besonders schöne Bauwerke vor dem Abriß bewahrt: den Gründerbau der Allianz-Versicherungen (1. Foto) und eine traumhaft schöne, heute sanierte Villa (wohnt modernistischer Architekt drin!) des Architekten Albert Eitel (2. Foto). Im erbittersten Streit mit der Kirche um den Innenumbau der spätgotischen Stiftskirche (3. Foto), die wir, Initiative Historische Stiftskirche, innen kriegszerstört, wieder rekonstruieren wollten, siegten die Modernisten (Hamburger Architekt Hirche) mit dem wohl erschrecklichsten Umbau einer mittelalterlichen Kirche in Deutschland (4. Foto). Stahlseile an den Decken halten eine Panzerglaskonstruktion! Die alte, ausgezeichnet bespielbare Walcker-Orgel wurde demontiert und nach Polen verkauft, eine neue, modernistisch puristische Orgel gebaut. Der von den noch vorhandenen spätgotischen Arkaden nach dem Krieg freigelegte Vorgängerraum mit einer gewölbten Holztonne stand unter Denkmalschutz, der wegen (angeblicher) kirchenmusikalischer Argumente von der Denkmalbehörde zum Abriß freigegeben wurde. Ich hatte 1997 noch versucht, der ev. Kirchenleitung einen Rekonstruktionsplan mit Neubau einer historistischen Orgel, Empore und Kirchenbänken schmackhaft zu machen (5. Foto). Doch der Plan der Wiederherstellung der spätgotischen Netzgewölbe, Arkaden und prachtvollsten steinernen Kanzel scheiterte an der Anwort des zuständigen Dekans, der die Zeichnung zwar "sehr schön und beeindruckend" fand, aber kein Geld für eine Realisierung zu haben vorgab, Über 30 Millionen Euro hat der moderne Umbau am Ende gekostet, ich hatte ca. 100 Mill. für die Reko veranschlagt. Ja, und die Kirchenmusik, deren Einwände - in der (akustisch vorzüglichen) Holztonnenkirche akustisch unbefriedigend aufführen zu können - durch den Denkmalschutz stattgegeben wurde, klagte nach dem Umbau mit den Panzerglaselementen, die Akustik sei miserabel. Folge: man muß seitdem bei jedem Konzert hohe schallabsorbierende Akustikplatten aufstellen.


    So auch mein Engagement für die denkmalgeschützten Seitenflügel des Stuttg. Hauptbahnhofs, der sogen. "Bonatzbau". Für den Erhalt der Flügel hatte ich mich nicht nur in einem Architektenwettbewerb zum Neubau des Tiefbahnhofs planerisch ausgesprochen, sondern auch in einer Landtags-Petition und vielen Aktionen mit Initiativen, Schreiben an OB, Politiker usw. Alles vergeblich, wie man heute sieht, das Denkmalamt des Landes B-W hatte die denkmalgeschützten , besonders wertvollen Seitenflügel 2010 zum Abbruch freigegeben. Die Bilder mit den Wasserwerfern und einem in den Augen blutenden, danach nahezu erblindeten, älteren Demonstranten gingen um die Welt, als die Flügel abgerissen wurden. Ja, solche Folgen kann "die Arbeit von Denkmalpflegern" auch haben. Wegen dieser bösen Ereignisse mußte der Ministerpräsident Mappus aus dem Amt. Bis heute gibt es Gerichtsprozesse.


    Was die Denkmalpleger u. a. sonst noch alles arbeiten? - Bauten des Betonbrutalismus unter Denkmalschutz stellen und unter Berufung auf DEHIO/Charta von Venedig, Rekonstruktionen immer wieder verhindern - es ist bekannt. Was nicht heißt, dass es nicht auch andere in dieser Zunft gibt.

    Ich habe schon als Schüler für den Erhalt eines Barockbaus in meiner Heimatstadt im Schwarzwald via Leserbriefarbeit gekämpft, das war um 1964, also vor 56! Jahren. Nach Abriß des Gebäudes wurde ein gesichtsloser Zweckbau hingestellt.

    Nein, ich bin der allerletzte, der die Arbeit von Denkmalpflegern herabwürdigt - allerdings in den genannte Fällen zu Recht kritisierte -aber nach dem zunächst Abbruch und danach aufwendigen, gelungenen Rekonstruktion des erwähnten neo-klassizistischen Gründerbaus der Allianz (Foto 1) erst, wurde dieser wieder unter Denkmalschutz gestellt. Schon bemerkenswerte Arbeit der Denkmalpfleger nach ihrer Abbruchfreigabe, oder? Nur ein Kollege und ich haben sich für den Erhalt und Wiederaufbau eingesetzt, der Abriß war definitiv beschlossene Stadtratssache, aber wir siegten letztendlich wie durch ein Wunder: "Oberbürgermeister Rommel gibt Initiative nach", stand damals in der Presse in dicken Lettern. Auch schon wieder 45 Jahre her. Darüber, und unsere winzige Initiative, hat die Stuttgarter Zeitung vor ein paar Jahren wieder berichtet.

    Und da soll ich "Rekonstruktionen pauschal herabwürdigen"? Wo standen Sie, als ich mit Freunden für das Stadtbild von Stuttgart wichtige Bauwerke vor dem Komplettabriß bewahrt habe?


    Nicht zuletzt war ich der einzige Architekt im Wettbewerb Reichstagsumbau Berlin nach der Wende, der die historische, wilhelminische Kuppel rekonstriert hat. Ich bin Norman Foster unterlegen - der Bauherr mit Bauminister Schneider (CSU) wollte meinen historistischen Entwurf in der Jury prämieren, aber die "Modernisten", die die Mehrheit hatten, haben es in gleich zwei Abstimmungsverfahren verhindert. Nein, Spellenberg singt schon lange nicht mehr im ´Chor der Modernisten´. "Selbst verwirklichen" konnte ich mich schon gleich gar nicht, weil dies etwa tun zu wollen, haben die Modernisten bis dato erfolgreich verhindert. Ich muß nur einen einzigen klassischen Strich machen und nach aussen tragen, und schon heult der Chor der Modernisten auf. Mitunter, und leider, und zum Nachteil der Sache, auch der ´Chor´ derjenigen, denen ich verbunden bin, der Klassikfreunde.


    Das war eine lange, aber unverzichtbare Rede meiner Rehabilitation. Lassen Sie sich Zeit zum Lesen.



    Foto 1 Abriß beschlossen 2 Abriß beschlossen 3 kriegszerstört 4 1999-2000 um- und neugebaut



    Foto 5 Rekonstruktionszeichnung für die spätgotische Hallenkirche der Stiftskirche Stuttgart

    Freier Architekt Dipl.-Ing. Axel Spellenberg, Stuttgart 1997

  • Wer sich ein Bild über das Ausmaß von Übergriffen auf Kirchen in Frankreich und auch anderen Ländern machen möchte, dem sei folgende Internetseite der Observatoire de la Christianophobie (oder der Beobachtungsstelle für Christophobie) empfohlen:


    Observatoire de la Christianophobie - Beobachtungsstelle für Christophobie


    Die im Original französischen Beiträge können durch den Übersetzer (oben rechts auf der Internetseite) auch auf deutsch gelesen werden.

  • Falscher Strang, ich weiß, aber ich habe auf die Schnelle keinen passenderen gefunden und möchte gerne eine aktuelle Nachricht aus Frankreich verlinken.


    Die FAZ berichtet, daß es allem Anschein nach jetzt definitiv zu einer Rekonstruktion des 1844/45 abgetragenen Nordturms der Kathedrale St. Denis kommen wird. Ursprünglich für den Wiederaufbau von Notre Dame in Paris geplante Gelder können umgewidmet werden, da sie dort (wohl aufgrund der hohen Spendenzusagen) nicht mehr benötigt werden. Die Rekonstruktion ist schon länger angedacht gewesen, aber bislang konnte man sich auf keine Finanzierung einigen. Am 23.12.2020 haben die sieben Departements der Île-de-France nun 20 Millionen Euro für das Rekonstruktionsvorhaben freigegeben.


    Der allen bekannte aktuelle Zustand:


    https://de.wikipedia.org/wiki/…t-Denis_-_Fa%C3%A7ade.jpg


    Die Kathedrale mit Turm:


    https://de.wikipedia.org/wiki/…lix_Benoist_1844_1845.jpg


    Hier der Artikel:


    https://www.faz.net/aktuell/ge…urm-zurueck-17120070.html

  • Na ja, was sagt man dazu? Super Sache. Obwohl mir die Behebung der Straßburger Asymmetrie noch lieber wäre. Man stelle sich das bei uns vor: weil die Spenden für die Garnisonkirche so überschießen, wird gleich auch die Wismarer Marienkirche mitaufgebaut…

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Bei uns würde man mit dem überschüssigen Geld wohl ein Dokumentationszentrum zum Abriss des Turmes in den 1840er Jahren bauen....

  • Ich finde dieses Vorgehen in St. Denis doch sehr fragwürdig. Kriegszerstörungen der jüngeren Geschichte zu tilgen, ist die eine Sache, aber Bauveränderungen, die weit mehr zurückliegen, zu revidieren, ist eine andere Hausnummer. Zumal sich hier die Frage stellt, woher man bis ins Detail zuverlässiger Vorlagen bekommen möchte, um den Turm in seiner ursprünglichen Gestalt präzise zu rekonstruieren. Das kann doch nur mehr oder weniger eine Annäherung werden. Oder existieren Bauzeichnungen, die den Turm vor seiner Abnahme dokumentieren?

    Kunsthistoriker, Webdesigner und Blogger

    Hat die Website für Stadtbild Deutschland erstellt und war eine Zeit lang als Webmaster für Forum und Website verantwortlich.

  • Ich finde dieses Vorgehen in St. Denis doch sehr fragwürdig. Kriegszerstörungen der jüngeren Geschichte zu tilgen, ist die eine Sache, aber Bauveränderungen, die weit mehr zurückliegen, zu revidieren, ist eine andere Hausnummer. Zumal sich hier die Frage stellt, woher man bis ins Detail zuverlässiger Vorlagen bekommen möchte, um den Turm in seiner ursprünglichen Gestalt präzise zu rekonstruieren. Das kann doch nur mehr oder weniger eine Annäherung werden. Oder existieren Bauzeichnungen, die den Turm vor seiner Abnahme dokumentieren?

    Die Frauenkirche in Dresden als Ganzes gesehen ist auch bloß eine Annäherung , Äußerlich ist sie 1:1 dem Original entsprechend wiedererstanden , der Rest wurde zwar in Sandstein aber teilweise ehemalige Baufehler ausmerzend und heutigen Nutzungsansprüchen angepasst wiederaufgebaut. Sie ist daher ein Eindeutiges Bauwerk des 21. Jahrhunderts in sehr gut gemachter historisierender Form , warum sollte dies bei der Kirche in St. Denis nicht gelingen !?

  • Ich finde dieses Vorgehen in St. Denis doch sehr fragwürdig. Kriegszerstörungen der jüngeren Geschichte zu tilgen, ist die eine Sache, aber Bauveränderungen, die weit mehr zurückliegen, zu revidieren, ist eine andere Hausnummer.

    Wie war das mit der Rekonstruktion des Schlingengewölbes in der Schlosskirche in Dresden? Es wurde vor über 250 Jahren abgebrochen, und Grundlagen waren bloß ein paar alte Ansichten und Fragmente. Und doch bin ich froh, dass man den Mut hatte, die Sache zu wagen, und das großartige Ergebnis spricht für sich!


    Natürlich kann man den Abbruch als historisches Fakt nehmen. Aber dann ist eben jede Rekonstruktion geschichtswidrig. Nach Deiner Interpretation würde sich die Frage nach einer Zeitschranke stellen, ab welcher nicht mehr rekonstruiert werden darf - äußerst problematisch. Selbst die Fertigstellungen des Kölner Doms oder des Ulmer Münsters hätte man dann damals womöglich in Frage stellen müssen nach Jahrhunderten des Stillstands. Darf eine Zeit nicht ihren eigenen geistigen Hintergrund des Bauens und Rekonstruierens aufstellen?

    Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,

    Und verstehe die Freiheit,


    Aufzubrechen, wohin er will.


    Hölderlin

  • Quote

    Zumal sich hier die Frage stellt, woher man bis ins Detail zuverlässiger Vorlagen bekommen möchte, um den Turm in seiner ursprünglichen Gestalt präzise zu rekonstruieren.

    Wenn ich mich richtig erinnere (Quellen würde ich bei Interesse recherchieren), wurde der Nordturm der Kirche seinerzeit, nachdem die statischen Probleme schon länger bekannt waren, unter Leitung von Viollet-le-Duc nach akribischer Planung und unter genauer Dokumentation Stein für Stein abgebaut und teilweise für eine spätere Rekonstruktion eingelagert.

    Unter anderen Umständen würde man die Rekonstruktion vermutlich auch nicht in Betracht ziehen.

  • Wie war das mit der Rekonstruktion des Schlingengewölbes in der Schlosskirche in Dresden? Es wurde vor über 250 Jahren abgebrochen, und Grundlagen waren bloß ein paar alte Ansichten und Fragmente. Und doch bin ich froh, dass man den Mut hatte, die Sache zu wagen, und das großartige Ergebnis spricht für sich!

    Tja, das ist unser Dresden. :biggrin:. Aber so etwas wäre nirgendwo sonst in Deutschland möglich.

  • Ich finde dieses Vorgehen in St. Denis doch sehr fragwürdig. Kriegszerstörungen der jüngeren Geschichte zu tilgen, ist die eine Sache, aber Bauveränderungen, die weit mehr zurückliegen, zu revidieren, ist eine andere Hausnummer.

    Das hat natürlich schon etwas, so ganz würd ich diese Argumentation nicht von der Hand weisen (außer in Straßburg, wo mir diese Asymmetrie als Amputation erscheint, aber das ist wohl eine gewisse Pathologie meinerseits). Es ist nämlich zu bedenken, dass hier ein über etliche Generationen geprägtes Erscheinungsbild schwerwiegend verändert wird. Das ist bei Kriegszerstörungen nicht so der Fall, denn hier lebt der Vorzustand nicht nur in (bald verblasster) persönlicher Erinnerung, sondern in unzähligen Photographien fort. Die FK war nie aus dem Bewusstsein verschwunden. Auch geht es beim Aufbau nach Kriegszerstörungen zunächst und grundsätzlich darum, IRGENDWAS zu schaffen, hinzustellen, etwas auszufüllen, denn dort, wo was war, steht ja maximal eine Ruine, was man idR nicht besser als durch Reko, auch ev. von Vorzuständen bewerkstelligen kann. So gesehen zählt der Vergleich mit der DDner Schloßkapelle nicht so.

    Bei St. Denis kommt mW noch eines hinzu: das ist doch heute Gangland, oder? Von der Kirche soll man sich angeblich besser nicht allzu weit entfernen, und die Kirche wurde regelmäßig von Devastationen heimgesucht, sogar Morde am Personal werden reportiert*. Somit ist es fraglich, ob man sich an diesen mächtigen Türmen von der Ferne erfreuen kann.

    * ich denke, es hier gelesen zu haben: https://de.wikipedia.org/wiki/Sire_(Roman)

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Wie war das mit der Rekonstruktion des Schlingengewölbes in der Schlosskirche in Dresden? Es wurde vor über 250 Jahren abgebrochen, und Grundlagen waren bloß ein paar alte Ansichten und Fragmente. Und doch bin ich froh, dass man den Mut hatte, die Sache zu wagen, und das großartige Ergebnis spricht für sich!

    Nun, das kommt immer auf den Standpunkt an, den man selbst innehat. Als Kunsthistoriker und Wissenschaftler kann ich es nicht gutheißen. Zumal man in Dresden die Möglichkeit gehabt hätte, den letzten Zustand vor Kriegszerstörung herzustellen. Für den Betrachter, der nur an der ästhetischen Wirkung interessiert ist, ist das aber wahrscheinlich ein Idealzustand.


    Natürlich kann man den Abbruch als historisches Fakt nehmen. Aber dann ist eben jede Rekonstruktion geschichtswidrig. Nach Deiner Interpretation würde sich die Frage nach einer Zeitschranke stellen, ab welcher nicht mehr rekonstruiert werden darf - äußerst problematisch. Selbst die Fertigstellungen des Kölner Doms oder des Ulmer Münsters hätte man dann damals womöglich in Frage stellen müssen nach Jahrhunderten des Stillstands. Darf eine Zeit nicht ihren eigenen geistigen Hintergrund des Bauens und Rekonstruierens aufstellen?

    Ja doch, denn die Kriterien in der Denkmalpflege haben sich ja im Laufe der Zeit weiter entwickelt. Und die heutige Zeit nutzt gerne die Zerstörungen des zweiten Weltkrieges als Schranke. Wenn man rekonstruiert, dann in aller Regel in dem Zustand vor der Kriegszerstörung. Dresden und St. Denis brechen jetzt aus diesen Konventionen aus und betreiben Denkmalpflege wie vor 150 Jahren.


    Wenn ich mich richtig erinnere (Quellen würde ich bei Interesse recherchieren), wurde der Nordturm der Kirche seinerzeit, nachdem die statischen Probleme schon länger bekannt waren, unter Leitung von Viollet-le-Duc nach akribischer Planung und unter genauer Dokumentation Stein für Stein abgebaut und teilweise für eine spätere Rekonstruktion eingelagert.

    Immerhin.

    Kunsthistoriker, Webdesigner und Blogger

    Hat die Website für Stadtbild Deutschland erstellt und war eine Zeit lang als Webmaster für Forum und Website verantwortlich.

  • Nicht bloß immerhin - der Turm wurde damals abgebaut mit dem ausdrücklichen Ziel, ihn zu rekonstruieren. Der Bau wurde für damalige Verhältnisse genauestens dokumentiert, das Originalmaterial eingelagert zwecks des Wiederaufbaus. Ich denke, wenn eine Rekonstruktion ihre Berechtigung hat, dann diese!

  • Ein sehr interessantes Vorhaben!

    Seit den 1850er Jahren haben die Bürgermeister von St. Denis den Bürgern versprochen dass der Nordturm rekonstruiert werden soll, doch erst der Zuspruch 2017 vom damaligen Präsidenten Hollande hat das Projekt wieder realistisch gemacht.

    Durch mehrere Unwetter wurde nämlich der Turm damals destabilisiert uns musste daher Stein für Stein abgetragen werden. Viollet-le-Duc wollte sogar die ganze Fassade abtragen und durch eine symmetrische historistische ersetzen was zum Glück nicht geschah.

    Seit dem Sommer 2020 können jedenfalls die Leute der Region oder generell interessierte bei der "Dombauhütte" vorbeischauen und selbst mit Hand anlegen beim Modellieren von Formen in dem Stein. Doch erst 2022 wird die Rekonstruktion so richtig losgehen: sie wird über 10 Jahre andauern da man mit den mittelalterlichen Werkzeugen arbeiten wird. Die Baustelle kann man dann sogar gegen Eintritt besuchen. Mehr Infos mit einem Video auf Französisch gibt es hier:

    https://www.tourisme93.com/basilique/remontage-de-la-fleche-de-saint-denis.html#:~:text=Le%20chantier%20de%20reconstruction%20de,m%C3%A9c%C3%A9nat%20et%20les%20visites%20payantes.


    @Moderation OberstMadig  Franka  Snork kann man die letzen Beiträge in einen neuen Strang zu St. Denis verschieben?

  • Wirklich sehr interessant.


    Grundsätzlich sehe ich es wie tegula als problematisch an seit Jahrhunderten teilweise zerstörte Gebäude zu rekonstruieren oder gar nie fertig gewordene zu vollenden. Auch wenn das Straßburger Münster in der gegenwärtigen Form sicher nicht den Plänen und Wünschen derjenigen entspricht, die es einst entworfen und begonnen haben, so ist die asymmetrische Fassade doch zwischenzeitlich zu einem Markenzeichen geworden.


    Anders liegt dies jedoch bei der Kathedrale von St. Denis, wo ja die Beseitigung des Turmes gerade mit der Absicht der späteren Rekonstruktion vorgenommen wurde.


    Ich würde es für sinnvoll halten, für die Begleitung der Rekonstruktion einen eigenen Strang zu eröffnen.

    In diesem Zusammenhang: Es ist schon seltsam, das Spendengelder für den Wiederaufbau von Notre Dame de Paris für andere Vorhaben verwendet werden dürfen (ungeachtet das diese sicher auch zu begrüßen sind).

  • Als Kunsthistoriker und Wissenschaftler kann ich es nicht gutheißen.

    Dieser Satz war auf Dresden bezogen. Dazu möchte ich anmerken, dass in Dresden auch Kunsthistoriker und Wissenschaftler arbeiten.


    Zumal man in Dresden die Möglichkeit gehabt hätte, den letzten Zustand vor Kriegszerstörung herzustellen

    Das klingt so nach einer vertanen Chance. Aber nein, da hat man nichts verpasst.


    Für den Betrachter, der nur an der ästhetischen Wirkung interessiert ist, ist das aber wahrscheinlich ein Idealzustand.

    Nein, es geht nicht nur um Ästhetisches, sondern auch um Geschichtlichkeit, um Zeitschichten. Sowas lieben Denkmalpfleger. Der Wiederaufbau fügt dem Gebäude ohnehin die Zeitschicht der Gegenwart hinzu. Man kann die Uhr nicht einfach auf den Tag vor der Zerstörung zurückdrehen.


    Ja doch, denn die Kriterien in der Denkmalpflege haben sich ja im Laufe der Zeit weiter entwickelt. Und die heutige Zeit nutzt gerne die Zerstörungen des zweiten Weltkrieges als Schranke. Wenn man rekonstruiert, dann in aller Regel in dem Zustand vor der Kriegszerstörung.

    Ich erinnere an den Wiederaufbau der Michaeliskirche in Hildesheim, wo man nach dem Krieg den ottonischen Ursprungsbau wieder ans Licht gebracht hat, der vor der Zerstörung barock überformt war. Erinnert sei auch an die Rückführung des Lustgartens von Sanssouci auf den Zustand der friderizianischen Epoche. Hier orientiert man sich an der künstlerisch und geschichtlich (Person Friedrichs des Großen) bedeutendsten Epoche. Die Arbeiten begannen 1927 mit der Errichtung der staatlichen Schlösserverwaltung und werden bis heute fortgeführt. In der Gartendenkmalpflege sind Rekonstruktionen früherer Zustände recht häufig.


    Zu nennen wäre auch das Haus Zur Steinernen Glocke am Altstädter Ring in Prag. Ein gotischer Stadtpalast, der 1973-1987 genauestens erforscht und von seiner barocken Umhüllung befreit wurde. Auch hier geht es insbesondere um Sichtbarmachung von Geschichtlichkeit.


    Abweichungen von tegulas Regel gibt es auch im Innern des Domes zu Brandenburg an der Havel, der Marienkirche in Berlin oder der Thomaskirche in Leipzig. In allen drei Fällen haben die Denkmalpfleger zu DDR-Zeiten nicht den letzten Zustand konserviert, sondern im Rahmen notwendiger Restaurierungen Verbesserungen vorgenommen. Die Auseinandersetzung mit Baudenkmalen ist wesentlich komplexer, als es tegula darstellt.


    Tegula hat insofern recht, als es an solchen Maßnahmen immer auch Kritik gibt. Sie werden aber nur nach umfangreichen Vorarbeiten und Recherchen, bauhistorischen Untersuchungen und Abwägen verschiedener Kriterien durchgeführt. Die Kritiker verfügen meist nicht über den Kenntnisstand der an solchen Projekten beteiligten Fachleute. Ich erinnere daran, dass tegula erst den Umweg über die Mostviertler Sondergotik brauchte, um vom Wiederaufbau des Dresdner Schlosses Kenntnis zu nehmen. Das fand ich damals schon drollig.


    Zu St-Denis: Das Westwerk der Abteikirche erweckte den Eindruck, als sei der Bau im Mittelalter abgebrochen worden. Ich dachte früher auch, man hätte den Nordturm nicht mehr geschafft, so wie es beim Straßburger Münster ja tatsächlich der Fall war. So gesehen wird die Wahrnehmung des Bauwerks durch den derzeitigen Zustand also verfälscht.