Paris - Notre Dame

  • Ziemlich sinnlose Kurzmeldung im Deutschlandfunk, die nicht wirklich was aussagt. Es gibt offensichtlich keinen neuen Sachstand. Bewahren wir also einfach die Ruhe. Was Macron angeblich möchte, haben doch die deutschen Nachrichtenmacher ergänzt. Da wird nichts Konkretes gesagt. Das bezieht sich auf seine ersten Äußerungen unmittelbar nach dem Brand. Will der Deutschlandfunk die Stimmung in eine bestimmte Richtung lenken? Die Ausschreibung eines Architektenwettbewerbs wäre eine Meldung.


    In Chartres brannte der Dachstuhl im Jahre 1836 nieder. Bis 1841 wurde ein neuer Dachstuhl aus Eisen errichtet und das Dach mit Kupfer gedeckt. Es ist einfach Hysterie, wenn manche meinen, so etwas wie den Brand von Notre-Dame de Paris habe es noch nie gegeben und man könne das nicht einfach wiederaufbauen. Technische Details, Materialwahl wird man diskutieren. Aber letztlich ist hier simple denkmalpflegerische Rekonstruktion gefragt. Aufgrund der Bedeutung dieser Kathedrale ist gar nichts anderes vorstellbar.

  • Sieht wohl weiterhin nicht so gut aus.


    Trotz eingegangener Spenden in der Höhe von Hunderten Millionen Euro ist ungewiss, ob die Kathedrale Notre Dame in Paris nach dem Flammeninferno vor mehreren Monaten gerettet werden kann. Laut dem Dekan des Doms, Patrick Chauvet, ist diese noch immer in Gefahr: „Heute können wir sagen, dass vielleicht eine Chance von 50 Prozent besteht, dass sie gerettet werden kann.“


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    https://www.krone.at/2068292

  • Ein aktueller Bericht von France24 (siehe unten) verdeutlicht dass beim Brand einige tragende Metallteile massiv beschädigt worden sind. Das gleiche gilt für zahlreiche Steine, deren Tragfähigkeit durch die große Hitze nicht mehr unbedingt gewährleistet ist (das erinnert doch sehr an die Dresdner Frauenkirche 1945). Selbst die Strebepfeiler haben inzwischen ein stützendes Korsett bekommen. Die gesamte Statik ist also überaus fragil. Die Rettung von Notre Dame wird ein sehr schwieriges Unterfangen, aber es muss gelingen!
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  • Quelle: paris-museum


    Ein Bericht in Bildern (BBC) von den aktuellen Bau- und Sicherungsarbeiten an der Kathedrale.

    Präsident Macron hatte sich ja für einen schnellen und modernen Wiederaufbau ausgesprochen. Ich glaube, noch immer scheint nicht klar zu sein, inwieweit die verbliebene Konstruktion überhaupt wiederaufbau- und tragfähig ist - und wenn ja, wie die endgültige Entscheidung bezüglich der Rekonstruktion - alt oder neu - aussehen wird.

    Ich hoffe, dass wegen der Corona-Krise nicht erstrecht etwas übers Knie gebrochen wird, als Zeichen für die Nation quasi. Früher hat man Pestsäulen errichtet...

  • Wie die Zeitung "Le Parisien" gestern Abend berichtet, sind jetzt auch hier die Arbeiten auf der Baustelle eingestellt worden aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung von Corona (Ausgangssperre, Schutz der Mitarbeiter usw.) :augenkrummblau:

    Ab kommender Woche sollte Stück für Stück das geschmolzene Gerüst (200-300 Tonnen Last) abgebaut werden, das in sich droht einzustürzen und mit ihm nach wie vor das gesamte Gewölbe.

    Jetzt wo die Baustelle gesperrt ist, verlagern sich die Arbeiten hin zu Arbeiten in Büro und Labor, zu weiterer Diagnose, Bewertung und Restauration. Und man wird sich darauf konzentrieren, die Kathedrale zu reinigen, einen permanenten Regenschirm zu installieren und die Orgel zu entfernen.


    Derweil ist es trotz Wachpersonal und Videoüberwachung am Dienstag erneut zu einem Einbruch auf der Baustelle gekommen. Zwei angetrunkene Männer wurden gefasst. Sie hatten mehrere Steine gestohlen, um sie auf dem Schwarzmarkt oder auf ebay zu verhökern. Im vergangenen November hatten Einbrecher Möbelstücke aus dem Inneren der Kathedrale geraubt, die Ermittlungen halten an. Vor zwei Jahren wurde ein Mann gefasst, der einen Wasserspeier verscherbelt hatte. Der sei ihm vor die Füße gefallen, versuchte er sich zu rechtfertigen...

    Touristen haben zu Weihnachten Dekoration vom Weihnachtsbaum vor der Kathedrale geklaut (Kugeln, Girlanden) und es kommen nach wie vor hunderte Anfragen nach einem echten verkohlten Stück Stein als Souvenir. :aufdenkopf:


    Ich hoffe, ich habe alles richtig wiedergegeben, was mir der Google-Übersetzer so ausgespuckt hat.

  • Die Fragilität, die bei solchen Bränden entsteht, erklärt wohl auch, weshalb man sich in entsprechenden Situationen im Barock oder im 19. Jh. sich sehr viel beherzter - bzw. rigoroser - für einen völligen Neubau entschied. Man denke an St. Paul vor den Mauern in Rom. Den Aufwand, jeden einzelnen Stein zu prüfen und die technischen Möglichkeiten, ihn irgendwie wiederzuverwenden oder brüchige Wände wieder zu stabilisieren, hatte man damals einfach nicht.

  • Den Beitrag habe ich auch gesehen, hier noch ein aktueller Cliß über den Wiederaufbau.


    Besonders deutlich wird die Hybris der modischen Architekten, die alle Ergänzungen Viollet-le-Ducs als "unzulässige Zutat" verunglimpfen aber selbst den Spitzturm abstrakt wiederaufbauen wollen - natürlich doppelt so groß wie im 19. jahrhundert und hinterleuchtet, damit ihr Oeuvre aus dem Weltall zu sehen ist.


    https://www.zdf.de/kultur/kult…-dame-kulturdoku-100.html

    „Ärzte können ihre Fehler begraben, aber ein Architekt kann seinen Kun­den nur raten, Efeu zu pflanzen.“
    George Sand

  • Diese modernistischen Stararchitekten ticken doch - wie alle narzisstischen Ideologen - nach einem ganz simplen Schema: Wir allein wissen, was richtig ist. Zwar wird der Durchschnittsmensch uns für das, was wir tun, hassen und verachten, aber gerade darin zeigt sich dessen Inferiorität und unsere Überlegenheit.

  • Die 3sat-Doku ist absolut sehenswert:


    3sat - Notre-Dame: Schöner als zuvor? Die Debatte um den Wiederaufbau (verfügbar bis 4. April 2025)


    Das Angenehme an diesem Film ist, dass er sich unaufgeregt und sachlich mit den Argumenten für und wider einen veränderten Wiederaufbau von Notre-Dame auseinandersetzt. Er kommt zu dem Schluss, dass ein Wiederaufbau in der bisherigen Gestalt zu erwarten ist. Als Protagonist der Befürworter moderner Zutaten tritt hier übrigens der Architekt Alexandre Chassang auf.


    Ich fasse den Sachstand, wie er in der Doku mitgeteilt wurde, kurz zusammen: Das Team um "Dombaumeister" Philippe Villeneuve ist seit dem Brand mit Arbeiten zur Sicherung und zur genauen Ermittlung der Schäden beschäftigt. In der Corona-Krise ruhen nun alle Arbeiten. Es steht jetzt der Abbau des Gerüsts über der Vierung an, was eine heikle Aufgabe ist (hatte classica schon berichtet). Villeneuve wollte bis Juni einen Schadensbericht erstellen. Das wird sich wohl verzögern. Dieser Bericht wird Grundlage der weiteren Maßnahmen sein. Denn man muss erst mal wissen, wie belastbar die baulichen Strukturen sind. Man muss auch überlegen, wie man die Bleireste entfernt usw.


    Auf der Baustelle wird also ganz sachlich im Sinne der Denkmalpflege gearbeitet. Daneben gibt es die öffentliche Debatte, die Villeneuve als "typischen Gallierstreit" bezeichnet. Franzosen diskutieren eben gerne, aber wenn es drauf ankommt, dann ...


    Gegen einen modernen Wiederaufbau spricht, dass dieser mit Präsident Macron in Verbindung gebracht wird. Es gibt daher schon aus politischen Gründen eine starke Gegnerschaft. Der Film zieht Parallelen zu den Grands Projets früherer Präsidenten. Diese waren aber eigenständige Projekte, während Macron nur die Gunst der Stunde zu nutzen versucht, ein Nationalsymbol zu "kapern". Damit wird "Jupiter", wie er in Frankreich spöttisch genannt wird, sicher nicht durchkommen. Macron hat nicht das Format eines Mitterand. Ich sag mal: Wer will schon eine Macron-Kathedrale?


    Die Kathedrale ist UNESCO-Welterbe. Die UNESCO wünscht einen Wiederaufbau in der bisherigen Form. Moderne Architektur würde den Welterbetitel gefährden. Die (weitgehende) Rekonstruktion des Zustandes vor dem Brand wird zudem argumentativ auf die Charta von Venedig gestützt. Die gebietet nämlich die Rekonstruktion, da die wesentlichen Teile des Baues erhalten und die zerstörten Teile bestens dokumentiert sind.


    Zwei Tage nach dem Brand war ein Architekturwettbewerb angekündigt worden. Darum ist es inzwischen still geworden. Eventuell gibt es einen Wettbewerb zur Neugestaltung des Parvis (Vorplatzes). Die nach dem Brand von einigen Architekten aus dem Ärmel geschüttelten Architekturphantasien werden in der Doku klar als solche bezeichnet. Vieles sei nicht ernst gemeint gewesen (z.B. Schwimmbad auf dem Dach von Notre-Dame).


    Wie gesagt: Das weitere Vorgehen wird sich auf das Gutachten von Dombaumeister Philippe Villeneuve stützen. Überdies ist die Kathedrale auch weiterhin Sitz des katholischen Erzbischofs von Paris. Das schließt viele der Neugestaltungsphantasien aus.


    Die Fragilität, die bei solchen Bränden entsteht, erklärt wohl auch, weshalb man sich in entsprechenden Situationen im Barock oder im 19. Jh. sich sehr viel beherzter - bzw. rigoroser - für einen völligen Neubau entschied. Man denke an St. Paul vor den Mauern in Rom. Den Aufwand, jeden einzelnen Stein zu prüfen und die technischen Möglichkeiten, ihn irgendwie wiederzuverwenden oder brüchige Wände wieder zu stabilisieren, hatte man damals einfach nicht.

    Das gilt übrigens auch für den Wiederaufbau europäischer Städte nach dem Zweiten Weltkrieg.

  • Genau dieser juvenile Chassang ist es ja, der zeitgleich den Spitzturm von Viollet-le-Duc verteufelt und parallel seinen selbst entworfenen Turm, doppelt so groß und nachts hinterleuchtet, als die einzig wahre Lösung preist. Plötzlich sind die Charta von Venedig, Weltkulturerbe und Materialauthentizität nicht nachrangig - das zeigt den Narzißmus von Chassang & Co. schon recht gut.

    „Ärzte können ihre Fehler begraben, aber ein Architekt kann seinen Kun­den nur raten, Efeu zu pflanzen.“
    George Sand

  • Wenn ein Attentat mit Säure oder Feuer, was Gott verhüten möge, einen großen Teil der Sixtinischen Madonna in Dresden zerstören würde - kein Mensch käme auf die Idee, die fehlenden Stellen modern zu ergänzen.


    Warum wird ein Bild als einheitliches, in sich geschlossenes und unberührbares Kunstwerk akzeptiert, aber ein Bauwerk nicht?

    Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,

    Und verstehe die Freiheit,


    Aufzubrechen, wohin er will.


    Hölderlin

  • Dieses Argument, lieber Bentele ist sehr sympathisch, könnte im Fall von Notre Dame de Paris aber im Gegensinne verwendet werden. Während die Sixtina als ein Werk aus einem Guss von einer einzelnen Person geschaffen wurde, ist die Pariser Kathedrale das Produkt ständiger Veränderungen, Um- und Anbauten. Mehrere Planwechsel lassen sich allein schon an der Hochschiffwand des Langhauses ablesen, von den rekonstruierenden Vervollständigungen Viollet-le-Ducs ganz zu schweigen (aufschlussreich in diesem Zusammenhang übrigens auch Davids Gemälde von Napoleons Krönung, das die barocke Ausstattung des Chors erahnen lässt).

    Man könnte vielleicht so argumentieren, dass die historischen Epochen trotz unterschiedlicher Stile in einer gewissen Kontinuität standen und das Erscheinungsbild der Kathedrale bis zum Brand zwar nicht homogen, aber doch in sich stimmig war. Und diese Stimmigkeit würde durch eine Architektur, die sich durch den expliziten Bruch mit der Geschichte definiert, zerstört.

  • Bentele

    Solche Vernichtungsphantasien gegen Kunstwerke finde ich widerlich. Sowas sollte man gar nicht erst schreiben. Mir erscheint das wie eine unheilvolle Prophezeiung.


    Der Vergleich mit einem Gemälde passt nicht. Ein Gebäude, noch dazu ein so großes und altes wie Notre-Dame ist kein "in sich geschlossenes und unberührbares Kunstwerk". Teile sind aus dem Mittelalter, Teile sind von Viollet-le-Duc usw. Die Kathedrale ist nicht das Werk eines einzelnen Künstlers.


    Zerstörte Gemälde sind übrigens im Regelfall verloren und werden nicht rekonstruiert. Deshalb solltest du deine perverse Vernichtungsphantasie gar nicht erst denken. Rekonstruiert werden Malereien nur als Teil von Gebäuden. Ich wüsste jedenfalls keinen Fall, wo ein Gemälde als autonomes Kunstwerk rekonstruiert worden wäre. Wenn man das berücksichtigt, ist es vielleicht doch ganz gut, dass Werke der Architektur anders beurteilt werden als Gemälde.


    Nachtrag: Da war Seinsheim schneller.

    Man könnte vielleicht so argumentieren, dass die historischen Epochen trotz unterschiedlicher Stile in einer gewissen Kontinuität standen und das Erscheinungsbild der Kathedrale bis zum Brand zwar nicht homogen, aber doch in sich stimmig war. Und diese Stimmigkeit würde durch eine Architektur, die sich durch den expliziten Bruch mit der Geschichte definiert, zerstört.

    Sehr treffend formuliert!

  • Rastrelli, das stimmt doch vielfach nicht.


    1. Wenn Teile von Gemälden zerstört sind (z.B. nach Säureattentaten) werden diese in der Regel rekonstruiert.


    2. Natürlich kann man ein Kunstwerk wie ein Gemälde mit einem Bauwerk vergleichen. Der Denkmalwert und der Weltkulturerbewert sind immer eine gesellschaftliche Zuschreibung und diese nationale Zuschreibung hat die Kathedrale als rekonstruiertes Gesamtkunstwerk von Viollet-le-duc erhalten. Als sich Napoleon dort krönen ließ war hatte der Bau diese Bedeutung noch nicht.


    3. Die Charta von Venedig, sonst immer schnell zur Hand, spricht sich eindeutig für eine Rekonstruktion nach Teilzerstörung aus, wenn der zerstörte Teil gut dokumentiert ist. Im falle von Notre Dame kennen wir jeden Holznagel.

    „Ärzte können ihre Fehler begraben, aber ein Architekt kann seinen Kun­den nur raten, Efeu zu pflanzen.“
    George Sand

  • Lieber Rastrelli, ich habe keine Zerstörungsphantasien, ich habe in früher Kindheit genug Zerstörung erlebt, um mich etwa mit Phantasien in solchen ergehen.


    Gedankenexperimente aber müssen erlaubt sein. Die Frage war eher als sokratische Frage gedacht. Seinsheim hat die meiner Ansicht nach beste Antwort darauf gegeben: Es geht um die Brüche, die auch bei einem zusammengesetzten und nicht von einem Schöpfer geschaffenen Werk, wie es die meisten großen Gebäude sind, als Zerstörung erlebt werden können. Und damit sind wir bei der Kernfrage fast aller Rekonstruktionen in Deutschland: Fast keine ist zu haben ohne diese von Seinsheim beschriebenen Brüche!


    Und diese wollen jetzt eben auch viele in Notre Dame.

    Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,

    Und verstehe die Freiheit,


    Aufzubrechen, wohin er will.


    Hölderlin

  • Toller Beitrag. Ich frage mich nur, wie man nach dem Zweiten Weltkrieg Kathedralen wie den Kölner Dom (der zugegeben nicht gebrannt hat) oder andere Kirchen saniert hat - ohne diese ausgefeilte Technik.