Almaty (Galerie)

  • Almaty ist ja die alte Hauptstadt von Kasachstan und immer noch die größte Metropole dort. Die Architektur ist tatsächlich noch sehr sowjetisch geprägt. Bin mal gespannt ob du auch Bilder der neuen Hauptstadt Astana hast, die im Vergleich wohl hypermodern erscheint.

    " Dem Wahren, Schönen, Guten "

  • Eine sehr schöne Galerie, der man bei genauer Betrachtung viel entnehmen kann. Ich möchte im Folgenden auf einige Bilder näher eingehen. Einmal hat sich Stahlbauer offenbar bei der Datierung verschrieben. Die Bilder müssten wohl alle von 2006 sein.

    Almaty (Kasachstan) 2006




    Dies ist das überregional bekannteste sowjetische Gebäude Almatys: das Hotel "Kasachstan". Es wurde 1975-1977 erbaut und schon 1979 unter Denkmalschutz gestellt. So fix waren die damals! Bei der Überprüfung der kasachischen Denkmalliste vor einigen Jahren wurde der Denkmalschutz bestätigt. Das Gebäude ist nur 102 m hoch, war aber bis 2008 das höchste Gebäude Almatys. Städtebaulich diente es als Höhendominante des Stadtzentrums. In der Sowjetunion wurden relativ oft Hotels für internationale Gäste als Stadtdominante errichtet. In der DDR wurde dieses Konzept am Alexanderplatz in Berlin sowie im Zentrum von Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) umgesetzt. Während die beiden DDR-Beispiele inzwischen modernisierte Fassaden haben, zeigt das Hotel "Kasachstan" noch das ursprüngliche Aussehen. Mit seiner dekorativen Dachkrone, der leicht gekrümmten Fassade und den in spitzem Winkel zur Fassadenlinie angeordneten Balkonfenstern gilt es als bedeutender Vertreter sowjetischer Baukunst. In den 80er Jahren war das "Kasachstan" in anderen Teilen der Sowjetunion, aber auch in der DDR sicherlich das bekannteste Gebäude der gesamten Kasachischen Sowjetrepublik. Einfach ein Symbol der kasachischen Metropole. Sein Bild findet sich auch auf kasachischen Geldscheinen.


    Dass Glanz und Elend im sowjetischen Städtebau oft dicht beieinander liegen, zeigen die beiden folgenden Bilder:

    Almaty 2016




    Die Brunnenanlage erkennen wir auf dem ersten Foto vom Hotel "Kasachstan" wieder. Das Elend, das wir oben sehen, ist also der unmittelbare Vorplatz des berühmten Hotels! Beide Bilder zeigen eine sowjetische Stadt im Stillstand, nicht im Verfall! Das sah in den 70er Jahren auch schon so aus! Solche rechteckigen Grünanlagen nennt man im Russischen "Skwer" (von engl. "square"). Sie sind typisch für sowjetische Städte. Das Haus auf dem oberen Bild hinter dem Grün ist ein "Kleinod" sowjetischen Massenwohnungsbaus. Diese Typenbauten sehen, wenn sie neu sind, auch nicht besser aus. Der "Skwer" ist gut gepflegt. Das Wasserbecken wirkt im Sommer mit Wasser natürlich besser.


    Ein weiteres Beispiel für Kontraste:

    Almaty 2016
    Solche Gebäuden könnten überall in Sowjetistan stehen.



    Ja, das stimmt. Man beachte die "Klimaanlagen" an der Fassade. Hinter dem grottigen Hochhaus sehen wir aber Luxusgeschäfte, nämlich die folgenden:

    Der Eiffelturm (bitte mit zwei Eff schreiben) wird hier zum Werbegag degradiert. Das postsowjetische "Architekturjuwel" hinter dem Türmchen ist das "Französische Haus". Der Name steht neben dem großen Rundfenster an der Fassade, links in kasachischer Sprache, rechts in russischer. Das "Französische Haus" am Nasarbajew-Prospekt (benannt nach dem amtierenden Präsidenten) beherbergt mehrere Läden französischer Luxusmarken der Kosmetikbranche.

  • Das folgende Gebäude ist die eigentliche architektonische Sensation in Stahlbauers Galerie. Ohne meinen Kommentar jetzt würde es wohl übersehen werden, denn das obere Foto ist aus so großem Abstand aufgenommen, dass man das Raffinement der Fassadengestaltung kaum erahnen kann. Mir war dieses Haus bislang völlig unbekannt. Infos zur Architektur und Entstehungszeit konnte ich nicht ermitteln. Das untere Foto wurde aus der entgegengesetzten Richtung aufgenommen. Das "Hochschulgebäude", um das es uns geht, ragt hinten quergestellt etwas hervor.

    Den Namen der Institution können wir auf dem Dach lesen, erst in kasachischer, dann in russischer Sprache: "Kasachische Nationale Technische Universität". Der Bau ist das Hauptgebäude der TU, die zu den größten Hochschulen des Landes gehört. Zur näheren Betrachtung der Fassade kann ich euch zwei Fotos anbieten, Nummer 1 und Nummer 2. Das zweite Bild könnt und solltet ihr vergrößern. Das Denkmal vor dem Gebäude ist im traditionellen Stil gehalten, stammt aber aus postsowjetischer Zeit. Es zeigt nicht, wie man auf den ersten Blick annehmen könnte, einen kommunistischen Revolutionär, sondern den kasachischen Geologen Kanysch Satpajew, dessen Namen die TU heute trägt. (Früher hieß sie mal - na, wie wohl? - richtig: Lenin.)


    Der eigentlichen Fassade wurde eine große Betongitterstruktur vorgelegt, in die schräg gestellte dekorative Betonelemente eingesetzt sind. Ob diese Betonelemente bewusst zur Verschattung der Innenräume eingesetzt wurden, kann ich nicht sagen. In den noch stärker von Sommerhitze betroffenen mittelasiatischen Metropolen Taschkent, Duschanbe und Aschchabad hat man das aber bei einer Reihe repräsentativer Bauten gemacht. Man findet jedoch keine zweite Fassade wie diese.


    Die Fassade verweist in ihrer ornamentalen Anmutung auf die mittelasiatische Kunsttradition. Die Rückwand hinter den Betonelementen ist türkis oder hellblau gestrichen, was die Lieblingsfarbe der Kasachen ist. Die Monumentalität des Gesamtbaus unterstreicht die Bedeutung der technischen Wissenschaften für den weiteren "Aufbau des Kommunismus".
    Aus stilkritischen Gründen kann ich sicher sagen, dass dieses Gebäude im Zeitraum zwischen 1967 und 1983 entstanden sein muss.


    Weil ich so gern die Aufschriften an Fassaden lese, will ich auch zum folgenden Bau etwas sagen:


    Dem Aussehen nach ein Institutsgebäude aus den 70er Jahren. Die senkrechte und an der Seite waagerechte Lamellengliederung könnte wieder der Verschattung dienen. Das Gebäude in der Gogolstraße beherbergt heute das "Business Center Kaz-Zhol". Hier könnt ihr ein Büro mieten.



    Die folgenden beiden Bilder zeigen Teile ein und desselben Gebäudekomplexes. Stahlbauer hatte sie auseinandergerissen und einmal als "Parteigebäude", einmal als "Bankgebäude" gedeutet. Ich konnte die Identität noch nicht ermitteln.

    Auf dem unteren Bild konnte ich über dem Eingang nur die untere der beiden Schriftzeilen als "Kasachstan" entziffern. Stahlbauer, vielleicht könntest du einen vergrößerten Bildausschnitt zur Verfügung stellen?


    Ich glaube nicht, dass dieses Bauwerk von der Kommunistischen Partei genutzt wurde. Zum einen entspricht es nicht ganz der Typologie sowjetischer KP-Bauten. Zum anderen ist die KP-Zentrale der Kasachischen SSR ja bekannt. Sie folgt in der Galerie weiter unten.

  • ... und zwar hier:

    Auch hier lohnt sich ein genauerer Blick auf die Fassade (bitte vergrößern). Der Unterschied zum nicht identifizierten Gebäude im vorigen Beitrag ist augenfällig. Die Parteizentrale zeichnet sich durch einen leicht erfassbaren festlichen und repräsentativen Charakter aus. Die Anlage ist zentralsymmetrisch, mit leichter Betonung der Mitte. Die Lage ist "herausgehoben" (man muss eine Treppe hinaufsteigen). Heute hat in dem Gebäude die Stadtregierung von Almaty ihren Sitz.


    Der Platz der Republik wurde ab 1975 angelegt und mit seinen umgebenden Bauten bis 1982 fertiggestellt. Zu der Zeit starb Leonid Breschnew, und der neue Platz erhielt den Namen "Breschnew-Platz", weil Breschnew vor seinem Einzug in den Kreml kurzzeitig KP-Chef in Kasachstan gewesen war. Im Zuge der "Entbreschnewisierung" (aka Perestrojka) wurde der Platz 1988 erneut umbenannt. 1990 erhielt er dann den heutigen Namen.


    Die beiden kleinen Hochhäuser, von denen das folgende Bild eines zeigt, haben erstaunlicherweise einen hohen Wiedererkennungswert. Es gibt sie so nur einmal im Sowjetreich. Die Werbeaufbauten auf dem Dach gehören zur ursprünglichen Ausstattung.




    Auf dem Bild über diesem Text sehen wir, was am 1. Mai in Kasachstan tatsächlich gefeiert wird, nicht der Tag der Arbeit, sondern der "Tag der Einheit des Volkes von Kasachstan". Er dient der Selbstpräsentation der kasachischen Vielvölkerfamilie und der Stärkung der nationalen Einheit. Stahlbauers Meisterfoto dazu:

    Die Dame links ist der Inbegriff einer russischen Frau. Der Falkner rechts pflegt die traditionelle Kultur der Kirgisen, Kasachen oder Uiguren. Im Hintergrund schaut ein Polizist in sowjettypischer Uniform herüber: Ein fotografierender Stahlbauer aus Deutschland ist sicherlich verdächtig.


    Der Breschnew-Platz galt als herausragendes Beispiel sowjetischen Städtebaus. Die Schöpfer des Ensembles wurden mit dem Staatspreis der UdSSR ausgezeichnet. Der gleich nach Fertigstellung verfügte Denkmalschutz wurde 2015 aufgehoben.


    Lieber Stahlbauer, nochmals danke für die tolle Bilderstrecke in der Tradition der DDR-Reportagefotografie!