100 Jahre Bauhaus - haben Verein und Forum dazu eine Meinung?

  • @Elbegeist Richtig, bei technischen Geräten bin ich voll auf der Linie des Bauhauses. Deshalb stehen in meinem Keller noch einige Radiogeräte, die ich nicht übers Herz bringe, sie wegzuschmeißen. Diese Wertigkeit im Zusammenspiel mit dem reduzierten Design gefällt mir außerordentlich gut. Da fällt mir auch Dieter Rams ein.


    (By the way, ich frage mich, wer den Tanz und das Bühnenbild auf Schülerniveau gestaltet hat? Warum hat man keine Tänzer aus einem Staatstheater angeheuert? Oder irgendeinen Profi?)

  • Als ich den Livestream zur Festveranstaltung der Museumseröffnung anschaute, musste ich ein Zwischenspiel zwischen drei Rednern und der nachfolgenden Kanzlerin über mich ergehen lassen. Leider wurde es im Fernsehen nicht gezeigt: eine Gruppe von Jugendlichen, ausgestattet mit großen weißen rechteckigen Papptafeln, sprang etwa eine gefühlte Viertelstunde auf der Bühne herum, schwenkte diese Tafeln, setzte sie zusammen und auseinander. Dazu klang als Begleitung ein nervendes Klingeln. Es tut mir leid, aber ich bin bis heute nicht hinter den Sinn dieser Darbietung gekommen. Vermutlich bin ich dazu zu alt. Kann mir vielleicht jemand auf die Sprünge helfen?

    Es waren Schüler der Palucca-Schule in Dresden. Solche Darbietungen werden heute oft "Performance" genannt. Gret Palucca nannte es "Ausdruckstanz". Es handelt sich um eine Spielart des modernen Tanzes. Das ist nicht im eigentlichen Sinne Bauhauskunst, aber am Bauhaus wurde auch Theater gemacht. Insofern passte es schon gut in den Festakt. Die Aufführung dauerte etwa fünf Minuten. Die Musik kam von kleinen Glocken oder Schellen. Das Wort "Klingeln" trifft es nicht so gut. Es gibt sogar modernen Tanz ohne Musik - ein interessantes Phänomen. Eine Botschaft hatte die Aufführung nicht. Es geht beim Tanz um die Nutzung des menschlichen Körpers und seiner Bewegungen zur Erzeugung von künstlerischem Ausdruck - vielfach ohne klare Botschaft. Die Platten waren einfach Accessoires.


    Zu alt bist du für diese Kunst eigentlich nicht, denn es gibt die Avantgarde schon seit über hundert Jahren. Was mir auffällt: Während dem Tanz und anderen Kunstformen noch ein poetischer Aspekt zugestanden wird, ist das Bauen heute meist völlig kalt und rational. Es wird nur unter technischen Gesichtspunkten betrachtet. So leider auch beim Dessauer Bauhaus-Museum. Alle vier Seiten haben die gleiche Fassade, die nur durch ein paar Linien gegliedert wird. Der innere Aufbau des Gebäudes ist am Außenbau nicht ablesbar. Ein Bezug zum Standort oder Inhalt des Gebäudes ist nicht erkennbar. Um wie vieles interessanter sind dagegen die historischen Bauhausbauten in Dessau!


    Aufzeichnung des Festaktes zur Eröffnung des Dessauer Bauhaus-Museums in der Mediathek - verfügbar bis 8. Oktober 2019. Die Tanzeinlage startet ungefähr bei Minute 51:30. Drei Minuten vor dem Ende des Festaktes kommen die Tänzer noch einmal mit dem symbolischen Band, das von den Politikern durchschnitten wird. Der Festvortrag von Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford) ist recht gut (geht von Minute 25 bis etwa Minute 51). Er arbeitet Besonderheiten, aber auch Schattenseiten des historischen Bauhauses heraus.

  • Danke für die Erläuterung der Hintergründe. Mich begeistern Ausdruckstänze und ich besuchte früher Performance-Kunst, die von Frieder Weiss untermalt wurden. Das Niveau kann auf diesem Gebiet sehr hoch sein.
    Die Schüler haben natürlich ihr Bestes gegeben. Schulgebäude werden heutzutage auch alle im Bauhaus-Modul-Stil gebaut, von daher passt es auch wieder.

  • Phillipp Oswald, ehemaliger Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, hatte das Bauhausmuseum vorgeschlagen und fünf Jahre für dessen Realisierung gekämpft. Hier sein Statement zum neuen Bau:
    -auf Grund der Mehrkosten des Standorts Stadtpark wurde das ursprüngliche Raumprogramm empfindlich beschnitten
    -ursprünglich waren 2500 m2 geplant, hiervon 1500 für Dauerausstellungen
    -wegen der Mehrkosten von 3 Mio wurden Ausstellungsflächen um 400 m2 reduziert.
    um den Rest für Kunstgut nutzen zu können, wäre der Einbau einer Klimabox erforderlich, diese konterkariert die architektonische Idee und ist im üblichen Rahmen nicht finanzierbar. Dieses Problem bestand auch am alten Bauhausgebäude und war Grund für den Neubau.
    -es sind gegenwärtig keine Ausstellungen für das Erdgeschoss geplant oder in Vorbereitung
    -mit dem Fehlen eines Wechselausstellungsbereichs sind Möglichkeiten zur Forschung, Sammlungsentwicklung, Kooperation mit anderen Häusern zur Schaffung neuer Besuchsanlässe erheblich eingeschränkt
    -die in D. genutzte Ausstellungsfläche ist 40% kleiner, als geplant, 25% kleiner, als in Weimar und 38% kleiner als beim Neubau Bauhausarchiv Berlin
    -entgegen der beratenden Experten für Stadtplanung, Architektur und Touristik, des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung und des Direktors, präferierte Kulturminister Dorgerloh den Standort im Stadtpark. Er verzichtete auf eine sachliche Begründung, bewegte den Stiftungsrat zur Selbstentmachtung, die Entscheidung an das Kabinett der Landesregierung zu delegieren und damit den wiss. Beirat und den Direktor herauszuhalten.
    -das Kabinett benutzte eine sachlich unzutreffende Vorlage mit einer Reihe wahrheitswidriger Darstellungen
    -der Landesrechnungshof hatte die Entscheidung als "nicht nachvollziehbar" bezeichnet, sowohl aus finanzieller als auch aus städtebauförderrechtlicher Sicht
    -die Vorgaben des Budgetgesetzgebers zum finanziellen Rahmen könnten mit dem bisherigen Raumprogramm am Standort nicht erfüllt werden. Die Kabinettsentscheidung sei "auf der Basis fehlender und nicht sachgerechter Informationen"getroffen worden.
    Nachdem Herr Oswald als Stiftungsdirektor den Leiter der Staatskanzlei über die Fehler der Kabinettsvorlage informiert habe, sorgte Minister Dorgerloh für die Neuausschreibung seiner Stelle.
    Quelle: Wochenspiegel für Dessau-Rosslau, v. 11.September 2019, Seite 4

  • Zeit ein Fazit zum Bauhaus Jubiläumsjahr zu ziehen. Die große Euphorie und Feierstimmung blieb aus. Am Ende hat man zuviel berichtenswertes ausgeklammert und nötige Diskussionen umfahren.
    Baunetz schreibt: "...Weitgehend verdrängt blieben das ganze Jubeljahr hindurch "..." die etwas dunkleren Seiten des Bauhauses. Wie viel hätte man über politische Verwerfungen, latenten Rassismus und obskure Esoterik, falsch verstandene Emanzipation und Karrieren quer durch die Systeme erzählen können..."
    https://www.baunetz.de/meldung….html&action=kommentieren

  • Vielleicht darf ich als Dessauer dazu eine kurze Einschätzung geben. So, wie sich damals die Bauhausmeister durch eine nun wieder aufgebaute Mauer von den Einwohnern aus- oder abgrenzten, so lehnt eine Mehrheit dieser Einwohner heute den Bauhausrummel ab. Natürlich werden tausende Touristen heran gekarrt, aber diese sind schnell wieder weg. Nach der Sanierung der Kavalierstraße hat der Umsatz der umliegenden Geschäfte den alten Stand nicht wieder erreicht.
    McDonalds schließt seinen innerstädtischen Standort und C&A verlässt das Dessau-Center als eine der ersten von 100 Schließungen. Die Lücken werden von Billigst- und Ramschläden aufgefüllt. Das Niveau der Stadt sinkt und ist durch die Bauhauspolitik nicht aufzuhalten.

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    Dem kann ich nur zustimmen. Gestern in Dessau gewesen, Stadtführung mit Bus gemacht, am Schlossgelände, UBA und Bauhaus gewesen und einiges dazu gehört hat sich der Eindruck verfestigt, dass der Bauhausrummel eher aus einer Elfenbeinturmperspektive gesteuert und forciert wird, und die Dessauer Bürger wenig mitgenommen werden. Gegenüber der "Meisterhäuser" steht ein 08/15-Neubau Baujahr 2019, der uns selbstbewusst als ein "Bauhaus lebt" verkauft wurde. Ein Bau, der bei uns in Nürnberg an jeder Straßenecke hochgezogen wird von denjenigen Unternehmen, die für Gestaltungsarmut bekannt sind. Herrjeh, mit Bauhaus setzt Dessau glaube ich aufs falsche Pferd. Da haben andere Städte mehr. Vor allem wirkt Bauhaus nicht neben Bauhaus, Bauhaus wirkt nur neben Historismus, Gründerzeit und Jugendstil, finde ich.

  • Bauhaus wird heute doch garnicht mehr gebaut. Das wird nur immer behauptet, aber der klobige Würfelrechteckbrei, der heutzutage überall entsteht hat doch nichts mit dem Bauhaus gemeinsam. Bauhaus hat das Fenster in seiner flächigsten Prägung kultiviert, das hat mit den bodentiefen Schießscharten heute ja wenig zu tun. elegante Flugdächer, sichtabe Kontruktionen aus Beton und Stahl gibte heute auch kaum, alles wird hinter schwulstigen Gipskartonwänden versteckt. Außer der Formarmut haben heute Entwürfe mit dem Bauhaus nichts zu tun.

  • Kulturpolitisch auf das Bauhaus zu setzen, ist eine nachvollziehbare und sinnvolle Vorgehensweise für Dessau. Damit hat die Stadt ein Alleinstellungsmerkmal par excellance. Eine Alternative ist nicht zu sehen, weil Dessau - so bitter das klingt - nichts Adäquates zu bieten hat. Insofern kann ich die Kritik, auf dieses Pferd zu setzen, nicht nachvollziehen. Allenfalls darf man fragen, wie die Umsetzung erfolgt ist und wie gelungen und nachhaltig sie sich präsentiert. Das kann ich aber aus der Ferne nicht beurteilen.

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  • Man kann nur auf etwas setzen, mit dem sich die Mehrheit der Dessauer identifiziert. Das ist z.B. das Dessau-Wörlitzer Gartenreich mit einigen Schlössern im Stadtgebiet und der idealen Landschaft. Als absolutes Alleinstellungsmerkmal haben wir immer noch die bahnbrechenden Leistungen von Professor Junkers.

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    Naja, die Diskussion um die Platzfassung des Schlossplatzes in Dessau zeigt es doch. Die Bürgerschaft schlägt vor, ein historisierenden Entwurf an der Stelle der seit langem leerstehenden Schule aus DDR-Zeiten zu bauen, der sich etwas an die Renaissance des verlorenen Vorgängerbaus anlehnt. Die Stadtverwaltung ist dagegen und möchte, dass der Investor dort das Hotel so bauen darf wie er möchte, man erwartet dass etwas modern-bauhausmäßiges entsteht. Wir alle wissen wohl, was das bedeutet. Selbst wenn dort eine hervorragende Bauhaus-Adaption entstehen würde kann man sich fragen, ob das die beste Lösung für den Platz ist, neben frühgotischer Stadtkirche und Renaissance-Schloss - und unzähligen Plattenbauten. Fotos davon kann ich erst später liefern, die krieg ich aktuell noch nicht von der Kamera.

  • Nicht falsch verstehen, das Bauhaus-Erbe zu kultivieren und zu vermarkten ist richtig. Aber wenn man es wie ein Leichentuch über die ganze Stadt ausbreitet bekomme ich meine Zweifel. Unser Stadtführer hat tatsächlich vertreten, dass das Umweltbundesamt ganz klar eine weiterentwickelte Bauhausarchitektur sei. Und viele der Neubauten an den Straßen, die seit den 1990'ern enstanden, sind natürlich auch dem Bauhauserbe verpflichtet. Das wirkte auf mich dann doch wie Trotz oder Schönreden, und weniger wie ein selbstbestimmter, glücklichmachender Weg der Stadtbildgestaltung.

  • In Stuttgart habe ich auch den Eindruck, man beruft sich gerne auf die Weissenhofsiedlung als Vorbild und Gründungsmythos der modernen Stadt wenn architektonische oder stadtplanerische Entscheidungen gefällt bzw. rechtfertigt werden. Jede Kritik daran muss selbstverständlich als rückwärtsgewandt gelten. So kann ein solches Erbe der Bauhaus-Moderne auch zur Bürde werden, jedenfalls für all jene die sich mehr traditionelles Bauen wünschen.

  • Man kann das Ganze nur im Zusammenhang mit der politischen Geschichte Dessaus sehen. Die Nazis waren hier schon vor der Machtergreifung stark. D. wurde dann Gauhauptstadt und mit seinem vorzüglichen Theater das "Bayreuth des Nordens". Daraus eine (linke) Bauhausstadt zu machen, war deshalb oberstes Anliegen der Linkspartei, konkret ihres alten und neuen Vorsitzenden. Aber er stößt auf wenig Gegenliebe.

  • Eine Möglichkeit wäre, alte ungebaute Entwürfe des Bauhauses in Dessau zu bauen. Aber davon, dass Modernisten einen „auf Bauhaus“ machen, halte ich grad mal gar nichts. Mich interessiert die private ‚Interpretation’ dieser Leute nicht. Sie können nichts, was ein Bauhausprofessor konnte, insofern fehlen hier die künstlerischen Voraussetzungen auf ganzer Linie. Entweder richtig oder gar nicht.

  • Eine Möglichkeit wäre, alte ungebaute Entwürfe des Bauhauses in Dessau zu bauen.

    Ich fände es allerdings anregender, erst einmal viele der ungebauten (neobarocken, neogotischen oder Jugendstil-) Entwürfe des 19. und ganz frühen 20. Jahrhunderts zu bauen. Das Bauhaus kann sich dann gerne hinten anstellen... smile:)

  • Das ist doch viel zu teuer. Und außerdem entspricht das nicht der Linie, die die Linkspartei in Dessau durchziehen will. Die verteilt doch schließlich schon über zehn Jahre kleine Werbeaufkleber mit dem Ortsschild "Bauhausstadt Dessau"

  • Man kann das Ganze nur im Zusammenhang mit der politischen Geschichte Dessaus sehen. Die Nazis waren hier schon vor der Machtergreifung stark. D. wurde dann Gauhauptstadt und mit seinem vorzüglichen Theater das "Bayreuth des Nordens". Daraus eine (linke) Bauhausstadt zu machen, war deshalb oberstes Anliegen der Linkspartei, konkret ihres alten und neuen Vorsitzenden. Aber er stößt auf wenig Gegenliebe.

    Dessau ist nun mal der wichtigste Ort des Schaffens des Bauhauses. Wo sonst soll man auf dieses kulturelle Erbe setzen, wenn nicht dort? Vielleicht noch im Weimar, aber da hat das Bauhaus so viel Konkurrenz, dass es in Dessau weitaus besser aufgehoben ist. Mit Politik hat das gar nichts zu tun, allenfalls mit Kulturpolitik.

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