Die Argumentationskette

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    • Die Argumentationskette

      Guten Morgen, liebe Forengemeinde.

      Mit diesem Strang möchte ich den Versuch wagen, eine Argumentationskette ins Leben zu rufen die aus Vorurteilen, Vorwürfen, (sachlicher oder unsachlicher) Kritik, Faktendrescherei usw. ggü. Rekos, Denkmalschutz, historisches Stadtbild, den Verein usw. besteht und mit jeder Antwort ein weiteres Kettenglied hinzubekommt. Denn das ist die Bedingung: Jede Antwort auf einen Vorwurf, eine Kritik usw. enthält ebenso einen Vorwurf, eine Kritik usw. die man ggf. irgendwo gelesen oder aus eigener Erfahrung teilen kann.

      Diskussionen sind untersagt! (Das ist jedenfalls mein Wunsch. Wir werden sehen ob es klappt! ;) )

      Hintergrund des Ganzen ist es, Neulingen und Interessierten Argumente an die Hand zu geben, mit denen sie die Vorhaben des Vereins (in Bezug auf Reko aber auch Sehenswürdigkeiten, Denkmalschutz usw.) siegessicher verteidigen und nach außen tragen zu können. Auch wäre es reizvoll, einige der wichtigsten Argumente in Handzetteln und dergleichen zu verarbeiten, mit denen wir eines Tages auf die Straße gehen werden, samt Infoständen und allem Pipapo.

      Zurück zum Strang. Ein Beispiel wäre:


      Vorwurf: "Historisch ist ewiggestrig!"
      Gegenargument: "Nein, weil …"
      Vorwurf: "Eine historische Fassade beim Neubau kann sich niemand leisten"
      Gegenargument: "Es ist teurer als eine Rasterfassade, stimmt. Im Durchschnitt kostet … und … aber …"


      Und damit wäre ein Anfang gefunden. Mein Vorwurf lautet: "Historisch ist ewiggestrig!" (Ich hoffe auf argumentative Durchschlagskraft!)
      8i
    • Meine Widerlegung des modernistischen "Arguments", dass Historisches ewiggestrig sei: In der Geschichte hat es immer die Rückbesinnung auf ältere Formen gegeben, eigentlich ist unser derzeitiger Wahn, jede Verknüpfung mit der Vergangenheit zu vermeiden, etwas historisch Einzigartiges. Romanische Kirchen waren bewusst den Basiliken des alten Roms nachempfunden, und nach dem Intermezzo der Gotik lebte in der Renaissance das Erbe der Antike wieder auf. Der Klassizismus kopierte die Werke des Altertums, im Historismus wurde durch die Kombination alter Elemente ein neuer, gelungener Stil geschaffen. Das beschränkt sich nicht nur auf die Architektur: War denn Goethe "ewiggestrig", weil er sich nach seiner Phase des Austobens wieder auf die klassischen Stoffe fokussierte? Kultur entstand auch immer in dem Versuch, sich im Kontext der eigenen Gegenwart einem alten bzw. überzeitlichen Ideal anzunähern. Unser heutiger Zeitgeist ist relativistisch, die Existenz transzendenter Werte wird geleugnet, das Ideale soll nur noch im Kontext der jeweiligen Epoche verstanden werden. Dass es jedoch jenseits aller kulturellen Prägung so etwas wie eine "allgemeine" Schönheit gibt, wird klar, wenn man die Liste der weltweit beliebtesten Städte betrachtet, wenn man bedenkt, was denn generell die populärsten Touristendestinationen sind. Die Menschen zieht es in die historischen Städte, deshalb sind die Straßen von Rom, Paris, Wien oder auch Rothenburg ob der Tauber oder Lübeck vollgefüllt mit Touristengruppen, während sich nach Bochum oder Pforzheim wohl kaum ein Reisender verirrt. Es gibt so etwas wie eine (annähernd) objektive Schönheit, der moderne Relativismus führt einen aussichtslosen Kampf gegen die menschliche Natur. Zeitlicher Fortschritt ist nun einmal nicht unbedingt mit wirklichem Fortschritt identisch, warum sollen wir uns denn nun aufgrund eines Popanz wie "Ewiggestrigkeit" davon abhalten lassen, qualitativ hochwertig zu bauen? Wenn die Kultur der Gegenwart es nicht vermag, die menschliche Sehnsucht nach Schönem zu befriedigen, dann müssen wir diesen Fehlversuch eben wieder aufgeben. Die Moderne war ein Experiment und sie ist grandios gescheitert. Indem die Modernisten bei der Rechtfertigung ihrer Architektur auf die "Zeitgemäßigkeit" zurückgreifen müssen, beweisen sie nur, dass sonstige Qualitäten nicht vorhanden sind. Das Argument einer "Geschichtsfälschung" vermag auch nicht so recht zu überzeugen, schließlich ist Geschichte lediglich die Gesamtheit alles vergangenen Geschehens. Die Rückbesinnung auf alte Bauformen ist Ausdruck eines neuen gesellschaftlichen Zeitgeistes und wird so selbst Geschichte. War die Renaissance Geschichtsverfälschung? Der Klassizismus? Der Historismus?
    • Lieber Markus, ein guter Gedanke! In der Kontroverstheologie gab es so etwas. Handbücher für Debatten: Wenn der Katholik sagt, dass.... was antworte ich ihm dann als Protestant? (oder umgekehrt).
      Hier mal ein Versuch.

      Vorwurf: Das Berliner Schloss ist Disneyland!

      Antwort: Nein! Disneyland bedeutet, etwas zu bauen, das es so nie gegeben hat und nie hätte geben können, weder an diesem Ort noch in diesem Stil - etwa Cinderellas Schloss. Etwas zu rekonstruieren, wo es war und wie es war, gleicht hingegen eher der Einspielung eines Musikstücks. Bachs Brandenburgischen Konzerte heute aufzuführen, ist ja auch nicht Disneyland.

      Vorwurf: Ein Musikstück ist, wie auch ein Theaterstück, nicht an die Materialität gebunden. Ein Bauwerk, ein Gemälde und eine Skulptur dagegen schon. Sie gehen mit der Originalsubstanz unrettbar verloren. Sie sind folglich auch nicht reproduzierbar.

      Antwort: Doch. Zum einen wurden auch Musikstücke oft nur zum einmaligen Gebrauch komponiert - etwa das Requiem für einen Fürsten. Solche Werke heute in anderem Kontext aufzuführen oder anzuhören - Händels Krönungshymnen für Georg I. etwa daheim auf CD bei einem Glas Rotwein oder Gregorianische Choräle, die Teile des Messordinariums sind, auf der Autofahrt zum Picknick, ist weit mehr Disney als die Rekonstruktion eines historischen Bauwerks. Der Effekt der Verfremdung ist viel größer.

      Vorwurf: Zugegeben. Aber beim Musikstück habe ich die Partitur, die ich erneut einspielen kann.

      Antwort: Und beim Bauwerk die Pläne. Oft habe ich sogar Fotografien, die die Umsetzung des Plans dokumentieren, während ich von Bachs Brandenburgischen Konzerten keine Tonbandaufnahme habe, die mir sagt, wie man diese Werke um 18. Jh. eingespielt hat.

      Vorwurf: Dennoch hängt die Originalität in der Architektur viel mehr an der Substanz als in der Musik.

      Antwort: Auch das nicht. Zunächst müssen wir zwischen Materialität und Substanz unterscheiden. Seit dem 19. Jh. setzen wir Substanz zunehmend mit Materie gleich - besonders im Zeitalter des Materialismus. Früher bedeutete Substanz jedoch das Sein an sich, die Idee, die einer metaphysischen Sphäre angehörte. Diese Substanz (lat. substantia, griech. ousia) manifestierte sich in der Materie (lat. materia; griech hyle) als Form (lat. forma, griech. morphe). Jede Form war Abdruck, Abbild einer höheren Idee, auch in der Architektur. Diese Idee (also der Entwurf des Architekten bzw. sein Konzept) war das eigentlich Substantielle, nicht die Umsetzung in Materie. Dies war ebenso ein sekundärer Akt wie die Einspielung eines Musikstücks.

      Vorwurf: Dennoch ist die Umsetzung mit heutigen Techniken eine andere als damals.

      Antwort: Wie auch bei der modernen Einspielung eines historischen Musikstücks. In Bachs Weihnachtsoratorium klingen die barocken Holzflöten mehr nach Hirtenmusik als moderne Traversflöten aus Gold; in Haydns Missa in Tempore Belli lassen die alten Pauken mehr bedrohliche Kriegsmusik assoziieren als moderne Kesselpauken es vermögen.
      Im übrigen ist es gut, dass die Umsetzung nicht identisch ist. Eine Idee konkretisiert sich im 21. Jh. zwangsläufig anders als im 18. Eben diese unterschiedliche Art der Konkretisierung macht das Historische aus. Könnte man wie durch Zauberhand im 21. Jh. das Berliner Schloss exakt so wiedererstehen lassen, wie es im 18. Jh. war - so wäre das dann in der Tat ahistorisch. Es wäre zwar nicht Disney, aber es wäre ahistorisch. Gerade die jetzige Rekonstruktion ist aber nicht ahistorisch, weil sie die Andersartigkeit der Umsetzung erkennen lässt.

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    • Fortsetzung:

      Vorwurf: Nichtsdestoweniger bleibt der Akt der Rekonstruktion per se ahistorisch. Jede Epoche soll im Gewand der Zeit bauen.

      Antwort: Letzteres ist an sich richtig, ersteres nicht. Fangen wir mit ersterem an: Bei Rekonstruktionen geht es primär nicht um eine Alternative oder um ein Gegenmodell zum Bauen in zeitgenössischer Formensprache, sondern darum, an ganz bestimmten Orten ganz bestimmte Bauwerke wiederherzustellen: weil ohne diese Bauwerke der Ort seinen Charakter verliert oder ein Ensemble unvollständig ist. Es geht um Stadtraumreparatur und um die Sichtbarmachung des Genius loci. Mit dem Schloss ist eine hässliche Zahnlücke im Gesicht der Stadt gefüllt worden.

      Vorwurf: Aber Städte können, ja müssen sich doch weiterentwickeln.

      Antwort: Und dennoch gibt es Schlüsselbauten, die ihr Stadtbild bestimmen, die den Genius loci ausmachen. Was wäre Rom ohne Kolosseum und Petersdom, was wäre Athen ohne Akropolis. Diese Bauten bestimmten die Identität der Stadt seit Jahrhunderten, wenn nicht seit Jahrtausenden.

      Vorwurf: Rom war aber auch schon Rom, bevor es den jetzigen Petersdom gab.

      Antwort: Der Abriss der frühchristlichen Petersbasilika aus der Zeit Konstantins d. Gr. hat in der Tat eine tiefe Identitätskrise bei den damaligen Römern ausgelöst. Sie betrachteten das Neubauprojekt als einen Gewaltakt. Es hat gut 200 Jahre gedauert, bis der Neubau identitätsstiftend wurde. Und das konnte er nur werden, weil er von mindestens ebenso hoher Qualität war wie der Vorgängerbau. Aber der Palast der Republik hatte solche Qualitäten im Vergleich zum Berliner Schloss nicht.

      Vorwurf: Aber viele haben ihm nachgetrauert.

      Antwort: Es gab zwei Gruppen von 'Trauernden'. Die, die mit dem Bau persönliche Erinnerungen verbanden und die, welche dem SED-Regime anhingen. Aber bei Stadtgestaltung muss es um mehr gehen als um punktuelle Sentimentalitäten und um Ideologie. Davon abgesehen: wieviele Menschen, die vor 75 Jahren vor Trauer über den Verlust der Dresdner Frauenkirche weinten, weinten später vor Glück über ihre Wiedererrichtung? Doch wer hat jemals über den Abriss des Palastes der Republik geweint?. Niemand! Weil dieser Bau als Architektur nicht ansatzweise so identitätsstiftend war und Menschen nicht ansatzweise so berührt hat wie das Schloss mit seiner einmaligen Schönheit.

      Vorwurf: Ich halte das dennoch für falsch. Rekonstruktion leugnet den Lauf der Geschichte. Und gerade wir Deutsche müssen uns unserer Vergangenheit stellen.

      Antwort: Geschichte wurde zunächst einmal durch den Abriss des Schlosses geleugnet. Man wollte vergessen machen, was Berlin in allererster Linie war: eine brandenburgisch-preußische Residenzstadt. Man wollte 1950 die Geschichte vergessen machen, sie exorzieren, weil die aus der Geschichte gewonnene Identität der Formung einer neuen, klassenlosen und gleichgeschalteten Gesellschaft und der Bildung eines neuen, rein sozialistisch geformten Menschen im Wege stand. Durch den Wiederaufbau des Schlosses oder andere Rekonstruktionen wird die Geschichte hingegen wieder zutage gefördert.

      Vorwurf: Aber können wir uns das als Deutsche leisten? Die Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts zu beleben und die des 20. Jahrhunderts zu verdrängen?

      Antwort: Ja, das können wir - weil Rekonstruktion nicht Verdrängung von Geschichte ist, sondern Erinnerung an Geschichte. Zunächst ist Berlin ist eine so geschundene Stadt, allerorten werden wir an die Folgen von Nationalsozialismus, Zweitem Weltkrieg und SED-Diktatur erinnert. Aber gerade eine starke und selbstbewusste Demokratie braucht auch eine positive Identität, die sich - neben der nötigen Auseinandersetzung mit dem Versagen und der Schuld - aus den Verdiensten und großen Leistungen der Vergangenheit speist. Ein Mensch, der in sich immer nur das Negative sieht, der seine positiven Leistungen nicht anerkennt und sich selbst hasst, ist neurotisch und wird über kurz oder lang eine Gefahr für seine Umwelt. Das Berliner Schloss gehört zu Berlin ebenso wie das Holocaust-Mahnmal. Zumal durch den Wiederaufbau des Schlosses überhaupt erst die Proportionen, die Sichtbezüge, die Gestaltungselemente und die Ikonographie des gesamten Umfelds (bis zum Roten Rathaus, dem Bode-Museum und dem Brandenburger Tor) erst wieder Sinn ergeben. Ähnliches gilt für den Stadtraum und die Stadtsilhouette Dresdens in Bezug auf den Frauenkirche. Im Übrigen: Auch das Schloss als ein wiederaufgebautes Monument ist ein Mahnmal. Es erinnert an mehr an das verloren gegangene Original als ein Neubau.

      Vorwurf: Mag alles sein. Aber wenn im Mittelalter eine romanische Kirche abgebrannt ist, hat man diese nicht wiederaufgebaut, sondern durch eine noch schönere, noch prächtigere gotische Kathedrale ersetzt. Und diese Bauten wurden dann oftmals identitässtiftender als die jeweiligen Vorgängerbauten. Siehe Petersdom in Rom, siehe Parthenon in Athen, siehe Frauenkirche in Dresden.
      Insofern ist es ein Armutszeugnis, dass wir heute offenbar nicht mehr imstande sind, ja dass uns der Mut fehlt, Neues zu bauen.

      Antwort: Also erstens hat man auch früher schon in großem Umfang rekonstruiert - in zahlreichen, auch außereuropäischen Kulturen. Es gibt ein wunderbares Buch von Winfried Nerdinger dazu. Und zweitens: Mutig genug, Neues anstelle des Alten zu bauen, sind wir schon - davon zeugen die endlos vielen Flächenabrisse nach dem Zweiten Weltkrieg. Wobei ich weniger von Mut als vielmehr von Leichtsinn sprechen würde. Aber eines ist richtig: wir sind nicht mehr imstande, gleichwertiges Neues an die Stelle des Alten zu setzen. Und genau das ist der Punkt. Wo, bitteschön, entstehen heute Bauten in der Qualität des Parthenon, des Petersdoms oder der Frauenkirche? Welcher heutige Architekt hat die Qualitäten eines Iktinos, eines Michelangelo oder eines George Bähr? Welcher Stadtplaner hat die Weitsicht und das Kunstverständnis eines Perikles oder eines Julius II.? Herr Ulbricht, der das Schluss zugunsten eines militärischen Aufmarschplatzes abreißen ließ, und Herr Honecker, der den Palast der Republik baute, sicherlich nicht. Nein, wir müssen gute Architektur erst wieder lernen. Und wir müssen überhaupt erst einmal lernen, historisch zu denken. Nur dann können wir auch historisch bedeutsame moderne Architektur hervorbringen. Und selbst diese wäre keine Alternative zu Bauten wie dem Berliner, sondern nur eine Ergänzung.

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    • Suebicus schrieb:

      "Eine historische Fassade beim Neubau kann sich niemand leisten".
      Um die ursprüngliche Kette wieder aufzugreifen: da würde ich sagen, 1) moderne repräsentative Gebäude kosten ja auch Geld. Es hängt immer davon ab, wie aufwändig man bauen möchte, bzw. was es einem wert ist. 2) Viel entscheidender ist, wie genau hingeschaut und wie selten umgeplant wird. Siehe Berliner Stadtschloss gegenüber der Elbphilharmonie beispielsweise. 3) Wenn die letztlich geringen Mehrkosten z.B. über Spenden finanziert werden, und dann, im Fall von Wohnungen, möglicherweise noch vertraglich geregelt wird, dass das nicht auf die Mietpreise durchschlägt, kann man sich das sehr wohl leisten.

      Mein nächstes zu Argument zum bearbeiten wäre dann "Form follows function" oder "Form, Funktion und Konstruktion müssen eine Einheit bilden". Ein beliebtes Argument in der Architektenausbildung.
    • Man könnte den Spiess auch umdrehen und den Leuten, die solche Vorwürfe wie "ewiggestrig" und "Disneyland" in den Raum stellen, die Gegenfrage stellen: Was genau ist zeitgemässes Bauen und was muss dabei berücksichtigt werden? Welche Elemente müssen vorhanden sein und welche nicht? Welche Bauten gelten als repräsentativ für modernes Bauen und warum?
      Die meisten Zeitgenossen (ausser vielleicht dogmatiserte Architekten) wie Stadtplaner, Kommunalpolitiker und Journalisten werden dabei stark ins Rudern kommen.
      " Dem Wahren, Schönen, Guten "
    • Sorry, liebe Freunde, ich sehe jetzt bei nochmaligem Hinsehen, wie die Kette funktioniert. Ich hatte im Eifer des Gefechts eine eigene Ketten konstruiert, was, wie ich sehe, nicht Teil des Plans war. Vielleicht sind die darin enthaltenen Argumente aber trotzdem hilfreich.
      Aber ich gelobe Besserung und kehre zur eigentlichen Kette zurück:

      "Eine historische Fassade beim Neubau kann sich niemand leisten".

      Historische Fassaden generieren durch ihre Schönheit und ihre Lebensqualität einen ideellen Gewinn. Natürlich ist diese Art der Wertschöpfung etwas anderes, als einen Bau zu errichten, der steuerlich nach 30 Jahren abgeschrieben ist und dann durch einen Neubau ersetzt wird. Was unsere Städte ruiniert, ist das System der Spekulationsarchitektur. Architektur dient nicht mehr der Repräsentation, sondern ist zum Beuteobjekt von Profitgier geworden. Hier muss sich das Wertesystem der Gesellschaft ändern.
      Ein Beispiel für das alte Wertedenken: Papst Alexander VII. hat, obwohl der Vatikan pleite war, die Kolonnaden des Petersplatzes bauen lassen. Man drängte ihn, in den Kolonnaden Geschäfte oder Büroräume unterzubringen, damit das Ganze wenigstens etwas Rendite abwürfe. Er hat dann aber doch nur die reinen Kolonnaden als überdachte Prozessionsgänge errichtet. Doch wie wurde der Petersplatz dadurch aufgewertet, wurde zu einem Forum der katholischen Christenheit, zu einem identitätsstiftenden Ort! Welche ikonographische und städtebauliche Signifikanz besitzt der Platz! Er ist zu einem architektonischen Alleinstellungsmerkmal des Papsttums geworden und hat auf diese Weise eine geistige und spirituelle Rendite eingebracht, die mit Geld nicht aufzuwiegen ist. Was wir brauchen, ist eine Wertschätzung der ideellen Werte. Doch dazu brauchen wir wieder Bürgerkultur. Diese ist uns eigentlich schon mit dem Ersten Weltkrieg verloren gegangen. Also müssen wir auf einen Bewusstseinswandel hinarbeiten.
    • Maßwerk schrieb:

      Mein nächstes zu Argument zum bearbeiten wäre dann "Form follows function" oder "Form, Funktion und Konstruktion müssen eine Einheit bilden". Ein beliebtes Argument in der Architektenausbildung.
      "Form follows function": Dieses Argument ist besonders hinterhältig, da es einen wichtigen Aspekt der Architekturdebatte einfach ignoriert und die modernistische Interpretation des Begriffs "Funktion" voraussetzt. Die Bedeutung von "Funktion" ist keineswegs so eindeutig, wie es hier dargestellt wird, eine geistige Durchdringung des Wortes kann auch zu ganz anderen Ergebnissen kommen, als es die Modernisten implizieren. Sie pfropfen dem Begriff eine eigene Deutung auf, indem sie unbemerkt ihre Interpretation absolut setzen, und wir müssen uns davor hüten, der Täuschung auf den Leim zu gehen. Wir sollten uns daher nicht gegen die "Funktion" an sich, gegen den zweckgerichteten Pragmatismus stellen, nein, wir müssen die Begriffsvereinahmung offenlegen, die uns unterbewusst in eine gewisse Richtung lenken soll. Wer sagt denn, dass Schönheit nicht Teil der Funktion eines Gebäudes ist? Das modernistische Argument funktioniert nur, wenn man von vorhinein den Zweck jeglicher Ästhetik bestreitet. Studien belegen aber, dass eine schöne Umgebung sich positiv auf die menschliche Psyche auswirkt, eine faktische Grundlage zur Rechtfertigung qualitativ hochwertiger Architektur ist also gegeben. Dementsprechend ist schönes Bauen zutiefst pragmatisch, denn Pragmatismus bedeutet lediglich, dass die Bewertung einer Sache von deren Nutzen abhängig gemacht wird, und die Vorteile ansprechender Architektur sind objektiv gegeben. Um moderne Architektur mit "form follows function" zu rechtfertigen, muss man also ein ganz bestimmtes, eigentlich überhaupt nicht sicheres Verständnis von Funktion postulieren, das Fundament ist aber (im besten Falle) höchst wackelig und im Endeffekt haben die Modernisten dieses Hauptargument auf Sand gebaut.
    • Suebicus schrieb:

      "Form follows function": Dieses Argument ist besonders hinterhältig, da es einen wichtigen Aspekt der Architekturdebatte einfach ignoriert und die modernistische Interpretation des Begriffs "Funktion" voraussetzt.
      Man kann auch erwidern, daß dieses Argument in seinem Absolutsheitsanspruch nur noch in der Fassadengestaltung der Architektur Anwendung findet, wofür es keinen zwingenden Grund gibt. In allen anderen Bereichen wie der Innenarchitektur oder der Möblierung werden den Menschen Angebote nach persönlichem Geschmack gemacht. Jeder kann sich z.B. aussuchen, ob er seine Küche im "Landhausstil", mit viel Holz, mit viel Kunststoff oder mit viel Stahl einrichten möchte. Dabei ist eine Küche eigentlich noch am Ehesten der Funktion unterworfen.
      " Dem Wahren, Schönen, Guten "
    • Seinsheim schrieb:

      Bei Rekonstruktionen geht es primär nicht um eine Alternative oder um ein Gegenmodell zum Bauen in zeitgenössischer Formensprache, sondern darum, an ganz bestimmten Orten ganz bestimmte Bauwerke wiederherzustellen: weil ohne diese Bauwerke der Ort seinen Charakter verliert oder ein Ensemble unvollständig ist. Es geht um Stadtraumreparatur und um die Sichtbarmachung des Genius loci. Mit dem Schloss ist eine hässliche Zahnlücke im Gesicht der Stadt gefüllt worden.
      Das ist wohl richtig. Die Betonung liegt aber auf "primär". Die Rekonstruktion ist schon eine Alternative. Besser aber: Sie ist eine Alternative mangels Alternative.
      Abgesehen von einem leichten Neoklassizismus im Wohnungsbau, wie er z.B. von Patzschke vertreten wird, fehlt es eben noch an Alternativen der architektonischen Gestaltung. Also wird sicherheitshalber auf die Rekonstruktion zurückgegriffen. In Zukunft werden Freunde des traditionellen Bauens aber nicht darum herum kommen, Alternativen zu entwickeln. NIcht überall ist ein Ort, wo Rekonstruktionen möglich sind. Da ist dann Phantasie gefragt. Denn es geht ja auch um die Gestaltung unserer Lebenswelt.
    • Danke zunächst an suebicus und an den Münchener für die Antworten. Ich reiche jetzt dazu ein paar Erwiderungen der Anhänger der Moderne nach:

      Zum Argument "Schönheit ist auch eine Funktion" wird er sagen, dass Schönheit aber kein Selbstzweck sei, sondern sich echte Schönheit erst in der Art zeigt, wie man ehrlich und zweckmäßig gestaltet. Es soll ja in deren Augen durchaus ansprechend gestaltet werden, sie sehen sich ja selbst auch als Gestalter, die Ästhetik soll nur nicht losgelöst sein von Zweck eines Gebäudes. Dachtürmchen, Verzierungen, Fensterkreuze haben es da schwer.

      Und bei der Innenarchitektur werden sie sagen, na gut, solange es keiner sieht, soll ja jeder machen was er will, aber im öffentlichen Raum sollen lieber die Experten ran, sie sowas gelernt haben.
    • East_Clintwood schrieb:

      Vorwurf: Rekobefürworter wollen die Geschichte vergessen machen und bauen sich kriegszerstörte Sahnehäubchen wieder auf und wollen ihre Städte so gestalten, als ob keine Zerstörungen stattgefunden hätten, um die Schuld aus dem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen.

      Ich zitiere aus dem Politischen Testament Adolf Hitlers von 1945 (natürlich mit einer deutlichen Distanzierung!): „Es werden Jahrhunderte vergehen, aber aus den Ruinen unserer Städte und Kunstdenkmäler wird sich der Haß gegen das letzten Endes verantwortliche Volk immer wieder erneuern, dem wir das alles zu verdanken haben: dem internationalen
      Judentum und seinen Helfern!" An dieser Stelle kann man sich überlegen, ob der derzeitige Zustand unserer Städte nicht sogar den Neonazis in die Hände spielt. Für mich ist jedenfalls die Dresdner Frauenkirche ein wunderschönes Symbol des Friedens, der Versöhnung einstiger Todfeinde, des Sieges über den Krieg und seine Schrecken. Sie steht für einen heroischen Optimismus im Angesicht tiefster Abgründe, für einen unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen. Wir sollten den eisernen Trotz gegenüber dem Bösen glorifizieren, der in der Dresdner Frauenkirche zum Ausdruck kommt, und nicht die Werke der Destruktivität zu falschen Mahnmalen erheben. Jede Rekonstruktion ist ein weiterer Triumph über Hitler und den von ihm entfesselten Krieg.

      Wir haben in Deutschland heutzutage folgende Situation: Die Geschichte unseres Landes reicht Jahrtausende zurück, viele Großstädte erwecken hingegen den Eindruck, erst nach 1945 entstanden zu sein. In den Innenstädten von Köln, Essen, Dortmund, Stuttgart, Pforzheim, Magdeburg etc. erinnert nur noch wenig daran, dass die Wurzeln dieser Orte weit zurückreichen, dass hier unzählige Generationen lebten und wirkten, die Genese der Gemeinschaft ist verloren, die Geschichte unserer Vorfahren wie ausgelöscht. Es geht der Rekonstuktionsbewegung nicht darum, den Zweiten Weltkrieg aus dem Stadtbild zu verdrängen, sondern wenigstens einen Eindruck früherer Geschichte wieder
      zurückzuholen. Es darf keine Monopolisierung des Erinnerns geben, das Stadtbild sollte die Genese eines Ortes widerspiegeln und durch Verknüpfung mit der Vergangenheit identitätsstiftend wirken. Im Endeffekt entspringt dieses
      Argument der Modernisten einer irrationalen Hysterie, es ist praktisch unmöglich, die Zerstörungen des Weltkrieges ganz aus den deutschen Stadtbildern zu entfernen. Jetzt seien wir mal ehrlich: In der Rekonstruktionshochburg Dresden besteht keine Gefahr, den 13. Februar 1945 zu vergessen, auch wenn nun der Neumarkt teilweise wieder steht.
      Die Rekonstruktion von fünfzehn Altstadthäusern in einem Meer aus Beton und Moderne wird nicht die Zerstörung Frankfurts vergessen machen. Es geht uns nicht um Geschichtsverdrängung, sondern um das genaue Gegenteil: Wir wollen, dass wieder mehr Geschichte in unseren Stadtbilder sichtbar wird!
    • Maßwerk schrieb:


      Zum Argument "Schönheit ist auch eine Funktion" wird er sagen, dass Schönheit aber kein Selbstzweck sei, sondern sich echte Schönheit erst in der Art zeigt, wie man ehrlich und zweckmäßig gestaltet. Es soll ja in deren Augen durchaus ansprechend gestaltet werden, sie sehen sich ja selbst auch als Gestalter, die Ästhetik soll nur nicht losgelöst sein von Zweck eines Gebäudes. Dachtürmchen, Verzierungen, Fensterkreuze haben es da schwer.
      Man muss unterscheiden zwischen primären und sekundären Zwecken: Natürlich sollte ein Haus in erster Linie dazu dienen, vor Wind und Wetter zu schützen und abgesonderten Wohn- bzw. Arbeitsraum zu gewährleisten, dann erst kann die architektonische Schönheit beachtet werden. ABER: Es wurde durch verschiedene Studien belegt, dass die ästhetische Qualität des Umfelds einen Einfluss auf die Psyche der Menschen hat, dementsprechend obliegt jedem Architekten die Verantwortung, mittels ansprechender Fassadengestaltung zur Schaffung menschenfreundlicher Städte beizutragen. Gebäude leisten also, sofern sie an der Verschönerung der Welt Anteil haben, auch in dieser Hinsicht einen Beitrag zum Gemeinwohl, der sich wissenschaftlich nachweisen lässt. Deshalb lehne ich ein verkürztes Verständnis von Funktion ab. Was bedeutet es denn überhaupt, im Sinne der Modernisten zweckmäßig zu gestalten? Ihre Interpretation des Begriffs "Funktion" geht ja nicht über die unmittelbaren Zwecke hinaus, dementsprechend muss eigentlich jegliche Rücksichtsnahme auf ästhetische Erwägungen widersinnig sein. Wo zieht man denn da die Grenze zwischen zulässiger Ästhetik und unzulässiger? Wann geht die Schönheit zu weit? Und falls die Reduktion, wie von dir beschrieben, an sich ästhetisch sein soll: Diese Vorstellung von Ästhetik ist gescheitert, der allgemeine Geschmack entscheidet, was schön ist, und die Modernisten sind in der Hinsicht auf einsamem Posten. Natürlich ist der Schönheitsbegriff auch dem gesellschaftlichen Wandel unterworfen, dennoch bestehen maßgebliche Kontinuitäten, an denen man erst in der Moderne zu rütteln begann. Zu allen Zeiten spielte Schmuck in der Architektur eine Rolle, selbst im doch sehr schlichten Klassizismus gab es ornamentale Verzierungen und sonstigen Zierrat. Warum zieht es die Menschen heutzutage denn in die Altstädte und Gründerzeitviertel? Weil die moderne Ästhetik zwar dem Geschmack einer Minderheit entsprechen mag (und das will ich keineswegs abwerten), aber keineswegs das Gros der Menschen anspricht. Die Moderne kann sich lediglich aufgrund ideologischer Scheinargumente, wie sie hier in dem Strang präsentiert werden, im Sattel halten. Und noch einmal: Ich will den Geschmack der Modernisten nicht abwerten, ich halte es aber für falsch, diesen absolut zu setzen. Es ist das große Problem unserer ganzen Kunst- und Kulturszene, dass eine Minderheit die Allgemeingültigkeit ihrer ausgefallenen Vorstellungen postuliert und sich dementsprechend vom Rest der Gesellschaft entfremdet.

      Maßwerk schrieb:

      Und sie werden sagen, der Mensch als Inbegriff des Schönen ist ja auch durch und durch zweckmäßig gestaltet.
      Dennoch schmücken sich die Menschen mit Gold und Edelsteinen und achten auf ästhetische Kleidung.
    • Suebicus schrieb:

      selbst im doch sehr schlichten Klassizismus gab es ornamentale Verzierungen und sonstigen Zierrat.
      … ich erinnere mich an eine baugeschichtliche Vorlesung, wo es um die Auffassung zum Schmuck in dieser Zeit ging. Wenn ich mich recht erinnere, war es irgendwer in der Schinkel-Nachfolgezeit, des es so formulierte, dass Kunst am Bau gerade NICHT funktional sein soll, um vollkommen zu sein. Also auch eine Klarheit, aber mit ganz anderen Ergebnissen: hier die Konstruktion, und nebenher ganz selbstverständlich der Bauschmuck.

      Man muss ja gar nicht die Edelsteine heranziehen – unser Leben ist voll von Dingen, die nur schön sein dürfen: Vom Weihnachtsbaum über die Blumen auf dem Esstisch, Fotos, Steine von der letzten Wanderung, Gemälde von den Kindern bis hin zu den großen Kunstwerken, die manche an den Wänden hängen haben.

      Suebicus schrieb:

      Wo zieht man denn da die Grenze zwischen zulässiger Ästhetik und unzulässiger?
      Das finde ich ein gutes Argument. Ist doch auch gestaltete Funktion immer etwas, das über die Funktion hinausgeht, sie auf eine andere Ebene hebt. Es sollte natürlich immer einen Zusammenhang zwischen dem Ding und seiner Gestaltung geben; diesen Zusammenhang ausschließlich über die Funktion des einzelnen Elements herstellen zu wollen, ist eine Einengung. Bei der Blume auf dem Esstisch habe ich den Zusammenhang über die Atmosphäre, die beim Essen herrschen soll, und die Assoziationen, die mit Blumen verbunden sind. Genauso kann oder sollte es auch beim Bauschmuck sein.
    • Suebicus schrieb:

      East_Clintwood schrieb:

      Vorwurf: Rekobefürworter wollen die Geschichte vergessen machen und bauen sich kriegszerstörte Sahnehäubchen wieder auf und wollen ihre Städte so gestalten, als ob keine Zerstörungen stattgefunden hätten, um die Schuld aus dem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen.
      Wir haben in Deutschland heutzutage folgende Situation: Die Geschichte unseres Landes reicht Jahrtausende zurück, viele Großstädte erwecken hingegen den Eindruck, erst nach 1945 entstanden zu sein. In den Innenstädten von Köln, Essen, Dortmund, Stuttgart, Pforzheim, Magdeburg etc. erinnert nur noch wenig daran, dass die Wurzeln dieser Orte weit zurückreichen, dass hier unzählige Generationen lebten und wirkten, die Genese der Gemeinschaft ist verloren, die Geschichte unserer Vorfahren wie ausgelöscht. (...)
      Die Rekonstruktion von fünfzehn Altstadthäusern in einem Meer aus Beton und Moderne wird nicht die Zerstörung Frankfurts vergessen machen. Es geht uns nicht um Geschichtsverdrängung, sondern um das genaue Gegenteil: Wir wollen, dass wieder mehr Geschichte in unseren Stadtbilder sichtbar wird!
      Man kann sogar noch einen Schritt weitergehen: Die 15 rekonstruierten Häuser in Frankfurt und der Dresdner Neumarkt tragen zu der Erkenntnis bei, dass diese Städte älter sind als 60 Jahre bzw. dass sie ursprünglich aus mehr bestanden als aus einigen wenigen Monumenten (Dom, Römer, Hofkirche, Zwinger). Nur wenn mir vor Augen geführt wird, dass diese Städte schon vor 200, 500 oder 1000 Jahren blühende und große Gemeinweisen waren, wird mir die Zerstörung des Zweiten Weltkriegs bewusst. Die vermeintlichen Sahnehäubchen dienen letztlich also der Sichtbarmachung des Verlustes. Sie dokumentieren nicht nur die Geschichte vor 1945, sondern gerade auch die nach 1945.
    • Zum Thema Form follows function wurde schon von @Suebicus das Entscheidende festgestellt, dass nämlich Funktion mehr ist, als die rein technische bzw. praktische Zweckmäßigkeit.

      Beispiele:

      Das Ornament, scheinbar das Dysfunktionalste, was es in der Architektur überhaupt gibt, ist Teil des Dekors. Der Dekor wiederum erfüllt viele Funktionen: er strukturiert ein Gebäude, bestimmt seine Typologie, verleiht ihm Plastizität, bricht große Formen im Sinne der Fraktalität in Kleinformen herunter, die für den Menschen kommensurabel sind. Ornament ist Interpretament.

      Die Säule dient im Unterschied zur bloßen Stütze nicht nur der Lastabtragung. Sie veranschaulicht auch das tektonische Prinzip von Tragen und Lasten: durch Verjüngung und Entasis, durch die als abfedernde Poster gestalteten Basen und (dorischen) Kapitelle, durch die (ionischen) Voluten, die durch den Druck des Gebälks seitlich hervorzuquellen scheinen. Die Säulenordnungen geben einem Gebäude Charakter und Ikonographie, sie bringen in die Architektur ein skulplturales Element ein, als Abbilder des homo bene figuratus, des wohlgestalteten Menschen, schaffen sie sogar eine Verbindung zwischen Architektur und Mensch.

      Die gotische Gewölberippe und der Schlussstein zeigen die Konstruktion an, verdeutlichen aber auch, dass das Gewölbe auf einer metaphysischen Ebene als ein versteinerter Lichtstrahl zu denken ist. Damit veranschaulichen sie die Funktion der Kathedrale als Abbild des Kosmos.

      Die barocke Rustizierung weist das EG als eine eigenständige Zone aus - z. B. als eine Laden - oder Geschäftszone, die mehr dem Straßenraum zugehört - während die darüberliegende Beletage als separater Wohnbereich gekennzeichnet ist.

      All das sind elementare Funktionen, auf welche die Moderne verzichtet hat. Insofern ist die historische Architektur unendlich funktionaler als die Moderne. Die Moderne wirkt nur deswegen funktional, weil wir aufgrund einer technokratischen Verengung des Funktionsbegriffs die vielen anderen Funktionen - die ästhetischen, geistigen und sozialen - aufgegeben haben.