Was sind eure Lieblingskirchen?

  • In welcher Art und Weise sich die Rückkehr der Religion gestalten wird, weiß ich nicht. Ich hoffe inständig, dass es der Kirche gelingt, das Steuer noch einmal herumzureißen, da mir das Christentum, was die Lehre anbelangt, die sympathischste Religion ist und es auch einfach mit all seinen Traditionen und Kulturwerten zu uns Deutschen und Europäern gehört. Abseits dieser Erwägungen bin ich auch - mal mehr, mal minder - gläubiger Christ. Geht die Kirche unter, so bedeutet das nicht, dass der von der Kirche propagierte Religionsbegriff verschwindet, es treten dann lediglich neue Akteure auf den Plan, die ihre Rolle einnehmen. Die Versuche, einen Kult individueller Spiritualität als neuen Glauben zu etablieren, mögen zwar an sich gut gemeint sein, ich halte sie jedoch nicht für ausreichend, um den Hunger nach sinnstiftender Religion zu stillen, der viele Menschen befallen wird, wenn sich eine materielle Krise zu der schon bestehenden, sich dann aber noch verschlimmernden geistigen Krise gesellt. Institutionalisierung der Religion bedeutet einen evolutionären Vorteil, denn sie ermöglicht koordiniertes Vorgehen. Eigentlich kann (komplexe) Religion gar nicht so wirklich ohne Institution funktionieren. In Zeiten wiedererstehender Frömmigkeit wollen die Menschen eben keine Freiheit in der Religion, sondern urwüchsigen, mystischen, absoluten Glauben, das Erlebnis der Gruppe, das Gefühl, einer auserwählten Gemeinschaft von Wissenden anzugehören. Ich will das gar nicht als positiv darstellen, ich beschreibe es lediglich als historisch-gesellschaftlichen Mechanismus. Was ich mir generell wünschen würde, wäre eine wirklich skeptische, rationale Gesellschaft. Begriffe wie Skeptizismus/ Rationalismus werden heutzutage nicht wirklich im Sinne von echter Objektivität verwendet, sondern man hat ihnen einen atheistischen, materialistischen Stempel verpasst. Selbst wenn man nicht von der Existenz eines Gottes ausgeht, so muss man doch anerkennen, dass Religion in einem gewissen Rahmen der Gesellschaft nützt, sogar in meiner atheistischen Phase habe ich das eingesehen. Es sollte also einen Mittelweg geben zwischen Religion und Wissenschaft, zwischen einer materialistischen Weltsicht und einer spirituellen, denn beide Pole haben ihre Vorzüge als auch ihre Gefahren. Angesichts meiner Ausführung ist es wahrscheinlich unmöglich, ich weiß. Das ist eine große Tragödie der Menschheit, dass wir immer so zu Extremen neigen müssen...


    Auch die Tristesse heutiger Architektur hängt mit unserem Mangel an Spiritualität zusammen. Stirbt die Idee absoluter Wahrheiten, so muss zwangsläufig auch die alte Vorstellung einer transzendenten Schönheit fallen, folglich endet man im Relativismus. Da es die Schönheit per se dann nicht mehr geben darf, muss sich die Kunst eben einen neuen Zweck suchen und der ist dann Gesellschaftskritik. Schöne Kirchen, wie wir sie in diesem Strang betrachten dürfen, waren immer auch der Versuch, sich einem objektiven Bezugspunkt, nämlich der Schönheit in Gott, anzunähern. Dieses alte Ideal der Schönheit mag zwar nicht tot sein, da es fest in den meisten Menschen verankert ist, an Strahlkraft hat es jedoch ohne Zweifel eingebüßt, da es seine Unantastbarkeit verloren hat. So ist es nicht verwunderlich, dass, abgesehen von der Sagrada Familia, alle Lieblingskirchen, die hier bisher von den Usern genannt wurden, aus prämodernen Zeiten stammen.

  • Die Spätgotik und das Rokoko haben Vieles gemeinsam. Beide Stile stellen die Spätphase der Gotik bzw. des Barock dar.


    Wenn man sich vor Augen stellt: Einerseits das Gesprenge, das üppige, wuchernde Ast- und Rankenwerk spätgotischer Altäre (etwa bei Riemenschneider). Andererseits die Stuckarbeiten des Rokoko die wie feinstes Muschelwerk schäumende Gischt oder, zumindest in Süddeutschland, vor allem in Bayern, Bayerisch Schwaben und Oberschwaben, in höchster Vollendendung asymetrische Formen, Stuck und Kartuschen wie lodernde Flammen. Stuckmarmorsäulen, Altar- und Deckengemälde, die uns die Größe Gottes, auch im Leben und dem Bekenntnis der Martyrer und Heiligen sinnlich wahrnehmbar vor Augen stellen. Deren Verherrlichung in Altar- und Deckenmalereien gewähren einen Blick in die die himmlische Herrlichkeit oft auch bis in fernste Fernen und lassen diese sinnlich erfahrbar werden.


    Irgendwann war sowohl in der Spätgotik, als auch im Rokoko ein Höhepunkt der Kunst erreicht, wo keine weitere Steigerung bzw. keine weitere Verfeinerung mehr möglich war. Spontan fällt mir als Beispiel für den Höhepunkt oder Endpunkt des Rokoko die Klosterkirche von Zwiefalten ein. Aber auch die Innenausstattung der Wallfahrtskirche von Vierzehnheiligen und die Ausstattung der Klosterkirche von Amorbach mögen als Beispiel gelten.


    Es musste etwas ganz Anderes kommen, die Zeit war dafür reif. So wurde die Spätgotik von der Rennaissance und das Rokoko vom Frühklassizismus/Louis Seize/Zopfstil abgelöst, wobei es aber auch Übergänge, wie eine Art klassizistisches Rokoko gab.

  • Ich möchte mit der Übersicht meiner Britischen Lieblingskirchen fortfahren. Da das vorhandene Kulturerbe enorm reich ist, ist es nur sehr schwer, nur 5 auszuwählen.


    1. Kathedrale von Lincoln





    Gigantisches norman Meisterwerk. Die Lincoln-Kathedrale ist für England genauso wichtig wie die Kathedrale von Speyer für Deutschland. Sowohl das Äußere als auch das Interieur sind faszinierend, darunter große Meisterwerke aus Buntglas.







    2.York Münster




    Das charakteristischste Merkmal der britischen Kathedralen ist das extrem lange Kirchenschiff. Es erzeugt die einzigartigste räumliche Wahrnehmung, ganz im Gegensatz zu typischen französischen Kathedralen. In York Münster können Sie dies sehr gut fühlen, und es wird durch zahlreiche mittelalterliche Artefakte verstärkt, die im gesamten Gebäude erhalten wurden.







    3. St.-Pauls-Kathedrale




    Ein großartiges Meisterwerk des Barock, geschaffen von Maurermeister Christopher Wren, der nach dem Brand von 1666 der Hauptarchitekt von ganz London war. Lector, si monumentum requiris, circumspice!







    4.Petrikirche, Walpole, Norfolk




    Wir können lange über gigantische Kathedralen sprechen, aber für mittelalterliche Engländer waren ihre eigenen Pfarrkirchen viel näher. Es gibt Hunderte dieser kleinen Kirchen, jede mit ihrer eigenen Atmosphäre, aber insgesamt völlig unverändert seit den alten Zeiten. Ich bin kein Experte für mittelalterliche englische Kirchen, aber ich weiß, dass dies eine der einzigartigsten und am meisten erhaltenen ist.












    5. Kathedrale von Gloucester





    Britische Kathedralen der Spätgotik zeigen auch die dekorativen Effekte, die nur mit dem Spätbarock vergleichbar sind. Besonders in dieser Kathedrale kann man sehen, wie atemberaubend und faszinierend sie aussieht.

  • Ich möchte (zumindest jetzt) mit meinen italienischen Lieblingskirchen abschließen. Ich werde mich wieder auf nur 5 beschränken, auch wenn es sehr schwer ist, mich zu entscheiden.




    1.Sacra di San Michele - Keine Kommentare erforderlich










    2. Dom von Siena - von allen italienischen gotischen Meisterwerken gefällt mir dieses wirklich sehr. Es passt sehr gut in das Stadtbild und ist sowohl innen als auch außen schön. Ein unvollendeter Teil der Erweiterung mit ihren massiven Arkaden ist ebenfalls eine Sehenswürdigkeit!








    3. Sant'Ivo alla Sapienza - Borromini ist ein vergessener Meister des wahren Barock. Sein melancholischer und harter Charakter verbarg auch seine zerbrechliche und sehr religiöse Natur. Seine Werke sind wirklich einzigartig, selbst unter allen Kirchen Roms. Und dieser ist bei weitem mein Favorit.






    4. Mailänder Dom- Duomo di Milano, dieses großartige Meisterwerk und ein Entwurf der Freimaurerei. Im Geiste ist es dem Kölner Dom sehr ähnlich. Beide waren trotz großer Pläne unvollendet. Und beide waren endlich fertig, so dass wir von der großen Schönheit zeugen konnten!






    5. Petersdom - Ohne die Große Kathedra wäre diese Liste niemals richtig. Jedes einzelne Stück dieses majestätischen Berges wurde geschaffen, um Ehrfurcht zu wecken und allen zu zeigen, dass eine Kirche von Rom sie alle beherrscht. Es gibt keine einzige Kirche auf der Welt, die eine solche Atmosphäre hat. Sie können die Größe nicht verstehen, wenn Sie nicht drin waren. Man kann sich nur wie eine Ameise fühlen - alles ist gigantisch.




  • Boah, atemberaubende Fotos Deiner Beispiele ausgewählt. Aber das erste Beispiel Sacra di San Michele beeindruckt mich am meisten. Das kannte ich noch nicht! Das ist ja der italienische Mont St.Michel im Gebirge!!! Wo liegt das denn genau?

  • Todi, Umbrien, Italien: Santa Maria della Consolazione, ein Meisterwerk erhabenster, reinster Renaissance-Architektur.



    Di Adonovan0 - Opera propria, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7921231



    Di GiovanniPazzaglia - Opera propria, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28434526



    Di Marco Ilari - Opera propria, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28709503

  • muss ich meinen Senf auf dazugeben. Zum Thema Religion fällt mir ja nicht viel ein, ich halte den Begriff für verfehlt bzw als weitgehendes Synonym für Verwirrung, Wahnvorstellung und Blödsinn.
    Zu den heutigen Großkirchen, in ihrer heutigen Erscheinung, fällt mir erst recht nichts Positives ein.
    Umsomehr zu dem Begriff als solchen und auch zu den Gebäuden.
    Meine Lieblingskirche, zumindest was den InnenRAUM betrifft:
    :






    eigentlich sind die in Bilder wie diesem erweckten Assoziationen höchst nun ja, sinnlicher Natur:



    Das war die Pfarrkirche zu Scheibbs, NÖ.


    Auch sehr mag ich die schon gezeigte Neresheimer Kirche,



    sie sieht ja auch von außen was gleich und wäre damit, was Innen- und Außenwirkung anbelangt, ein Favorit für eine fiktive Gesamtwertung...


    natürlich erst recht 14HL-



    Von Ermell - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57230569



    wobei mich noch mehr Kloster Banz berührt hat:



    Von Reinhard Kirchner - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2530584


    Schlesien bewegt immer das Gemüt:



    Von CaS2000 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42258331


    wenngleich die Schwere dieser Fassade ev. nicht ganz glücklich ist (bin mir da nicht so sicher).


    Was das süddt. Rokoko betrifft, hab ich leider Lücken, ganz sicher stehen dort sehr viele potentielle Spitzenreiter ummadum, wie zB die Wieskirche.


    Mir in austria seind da nicht so sehr gesegnet, umsomehr mag ich unsere zarten Ansätze:



    schon durch die dort gefeierten Tridentinischen Messen hat sie eine hohe Spiritualität.


    Mit heimatlichen Kirchen ist es so überhaupt eine Sache...


    Graz ist zwar keine eigentliche Heimat und mir im Ganzen nicht so recht sympathisch, aber der Dom hat eine wunderbare Stimmung:



    Von Marco Almbauer - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50977598


    Und zu Wien fiele mir überhaupt gar vieles ein...


    natürlich steht unser Dom wohl letztlich ganz an erster Stelle:


    auch Maria am Gestade ist großartig, schon von der städtebaulichen Lage...



    auch das schmale, hohe Innere ist einzigartig:



    der Wiener Barock ist im sakralen Bereich nicht so großartig wie die Gotik, allerdings ist da die Peterskirche, einer meiner liebsten Barockräume:




    wenngleich die architektonische Gesamtleistung der Piaristenkirche wohl großartiger ist:



    fränkisch-böhm. Barock in Wien, kann es eine aufregendere Konstellation geben?


    an sich fühle ich mich sehr zu Provinzkirchen hingezogen...








    Von BSonne - Eigenes Werk, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57097653
    die Pfarrkirche Weitra entfaltet wie viele Waldviertler Kirchen eine besondere Stimmung.
    Oder St. Wolfgang bei Weitra (berührt mich mehr als das berühmtere am See):



    Sicher gibt es Großartigeres, aber...


    Dann wär da noch der großartige Dom zu Sankt Blö...äh Pöteln, ehschon wissen, der Hypolit-Dom eben:



    und schließlich, weil Heimat eben Heimat bleibt, überhaupt wenn dort eine ganz bedeutende Kirche steht:




    Quote from oststaatler

    Mailänder Dom- Duomo di Milano, dieses großartige Meisterwerk und ein Entwurf der Freimaurerei.


    auch wenn man den Mailänder Dom wie ich nicht sehr schätzt - von derartigen Blasphemien sollte man die Finger lassen.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • @ursus carpaticus Die Pfarrkirche zu Scheibbs ist der Wahnsinn. Wie ein unterirdischer Pilz, in diese Richtung könnte die Architektur der Zukunft gehen.


    Ich habe lange überlegt welche Kirche mein Liebling ist. Ich mag so viele Kirchen mit ihren unterschiedlichen Baustilen.
    Deshalb wählte ich diejenige Kirche aus, die mir am emotionalsten steht. Eigentlich ist es ein Kirchlein und ist fünf Minuten Fahrzeit entfernt von mir.




    Es ist die Kirche am Möninger Berg und ein Kraftort. Nähere Beschreibung hier.





    Der Ort strahlt einen unglaublichen Frieden aus.


    Außerdem liebe ich diese Stille.








    Oft besuchte ich diesen Ort mit meiner Großmutter und meinem Vater, die beide nicht mehr leben.




  • Hier die Aussicht auf das ehemalige Nonnenkloster in Seligenporten, damals „Felix Porta“ („glückliche/selige Pforte“). Ein ganz bezauberndes Essemble. Das Kloster ist integriert mit einem Pferdehof und bei meiner Familie hat es fast schon Tradtition, nach der 1. Kommunion und der Firmung mit der Pferdekutsche von Allersberg, meinem Heimatort, nach Seligenporten zu fahren.




    Caspar-David-Friedrich-Romantik




    Um die Kirche ist ein mittelalterlicher Ringwall mit einem Kreuzweg.





    Auf dem Herunterweg ein Blick nach Möning...




    und entfernter Blick nach Freystadt. Von weitem sieht man den Kuppelbau der Wallfahrtskirche Maria Hilf. Jedesmal bin ich auf das Neue überrascht, wenn ich diese herrliche Architektur in der Landschaft erblicke. (Eigentlich auch eine Lieblingskirche von mir).




  • Wenn ich jetzt rein architektonisch an die Sache rangehe - weiß ich nicht wo ich anfangen und aufhören soll. Wenn man hingegen eine Kirche "in Betrieb" erlebt (also Gottesdienste, Messen, Orgelkonzerte) hat man natürlich schon einen ganz anderen Bezug zum Bauwerk, als nur den optischen Eindruck.
    Da fielen mir zum Beispiel ein:
    - St. Philippus und Jakobus in Alt Ötting
    - Dom St.Stephan in Passau
    - Stift Dürnstein in der Wachau (Niederösterreich)
    - Heilig Geist Kirche,
    - St.Peter und
    - Frauenkirche in München Altstadt


    - zu guter letzt noch ein kleines schlichtes Kirchlein mit einem mittelalterlichen Turm und ein Kirchenschiff von 1936 (das alte wurd damals abgerissen da es für die Gemeinde zu klein wurde) St.Peter und Paul in München Trudering.

    Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden.

    Horst Seehofer