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Bremen - Häfen

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    • Bremen - Häfen

      Bremen – Häfen

      Nach Auffassung des am 1. August 1945 von der amerikanischen Militäradministration eingesetzten neuen Bürgermeisters und Präsidenten des Senats, Wilhelm Kaisen, hatte der Wiederaufbau der Häfen absoluten Vorrang vor allen anderen Bauprojekten der damaligen Zeit.
      Eine Haltung, wie die des Lübecker Bürgermeisters Otto Passarge, nach der es für das Selbstverständnis seiner Mitbürger essentiell war, daß Lübeck alle seine sieben Türme behielt und alle Turmhelme rekonstruiert werden mussten (Passarge hätte als Bremer Bürgermeister sehr wahrscheinlich den Wiederaufbau von St. Ansgarii ‚in situ’ vorangetrieben), war Wilhelm Kaisen eher fremd. Da beide Sozialdemokraten waren, kann diese unterschiedliche Herangehensweise bzgl. des Wiederaufbaus wohl nicht am Parteibuch gelegen haben. Aber Passarge war gebürtiger Lübecker in Lübeck und Kaisen war hingegen gebürtiger Hamburger in Bremen (ein Schelm, wer Böses dabei denkt…).
      Jedenfalls sollte man doch wohl erwarten können, bei dieser damaligen Prioritätensetzung zumindest einige repräsentative Bauten aus der Wiederaufbauzeit im Hafenareal antreffen zu können. Leider weit gefehlt: Es entstanden allerorten nur nüchterne Zweckbauten.
      Die derzeitige Neustrukturierung der stadtbremischen Hafenareale birgt jetzt die Möglichkeit, damalige Fehler zu korrigieren. Diesen Chancen soll dieser Themenstrang gewidmet sein.

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    • Hafenhaus am Freihafen I.



      Im Zuge der Anlage des Freihafens I. (heute Europahafen genannt) ab 1887 wurde am Kopf desselben der repräsentative Amtssitz der Hafenverwaltung und der Bremer Lagerhausgesellschaft, das sog. Hafenhaus errichtet. Der in neugotischen Formen errichtet Bau nahm mit seinem zentralen Turm Anleihen beim mittelalterlichen Glockenturm von Brügge. Jeden Mittag um 12 Uhr fiel von seiner höchsten Spitze der sogenannte ‚Zeitball’ der dadurch den Hafenarbeitern das Signal zur Mittagspause gab. Nach dem Untergang des Gebäudes im 2. Weltkrieg wurde diese Tradition nicht mehr fortgeführt. Der Neubau des erweiterten, eher einer gigantischen Lagerhalle gleichenden Weser-Bahnhofs nahm nun das Areal ein. Seit der Jahrtausendwende und dem Abriß des Bahnhofs befindet sich hier eine Freifläche, die jetzt neu bebaut werden soll. Doch anstatt an die große Tradition des Ortes anzuknüpfen, sollen hier vier belanglose Großbauten entstehen, deren einzige Raffinesse darin besteht, daß sie die Tiernamen der ‚Bremer Stadtmusikanten’ tragen sollen. Ach wie originell ! Die Alternativplanung von Axel Spellenberg nimmt demgegenüber Motive des alten Hafenhauses wieder auf und entwickelte diese in reizvoller Weise weiter…

      Abbildung 01
      Hafenhaus auf der Stadtkarte von 1938 (rot markiert).



      Abbildung 02
      Ansicht des Hafenhauses von Nordwesten (vor 1914).



      Abbildung 03
      Ansicht des Hafenhauses von Südwesten (vor 1914).



      Abbildung 04
      Vergleich des Hafenhauses mit dem Gebäude des Glockenturms im flandrischen Brügge.



      Abbildung 05
      Luftbild des Freihafens I. (vor der Zerstörung im 2. Weltkrieg). Das Hafenhaus ist rot eingekreist.



      Abbildung 06
      Luftbild des gegenwärtigen Europahafens. Das ehemalige Areal des Hafenhauses ist rot eingekreist.



      Abbildung 07
      Die zur Realisierung vorgesehene neue Bebauung des Areals. Artikel in den ‚Bremer Nachrichten’ vom 15. Januar 2019.



      Abbildung 08
      Erste befürwortende Leserbriefe (in den ‚Bremer Nachrichten’ vom 19. Januar 2019).



      Abbildung 09
      Die den Geist des Ortes atmende Alternativ-Planung von Axel Spellenberg.




      Hier ein Film zum Projekt:




      Wieder einmal vergibt Bremen eine große Chance, sich auf sich selber zu besinnen !!!

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    • Ich hatte natürlich auch gehofft, dass die Neuplanung des Areals etwas mehr Bezüge zum alten Kopfgebäude aufwiese, zumal darauf auch in den Wettbewerben hingewiesen wurde, muss aber auch sagen, dass man hier nun ein Areal hat, welches wirklich gar nichts mehr mit dem Vorkriegsgebiet zu tun hat. Die Dokumentation des Vorzustandes ist sehr sinnvoll, zumal dieses Kopfgebäude sicherlich das prachtvollste der drei Hafenbecken war (die anderen beiden haben ja bis in die heutige Zeit überdauert), meiner Meinung nach ist in diesen vollkommen veränderten peripheren Gebieten aber moderne Architektur nicht so schädlich wie in der Altstadt.

      Ich habe auch nichts dagegen, dass in der Überseestadt der Moderne gefrönt wird, wenngleich ich natürlich Axel Spellenbergs Entwurf dem aktuellen für haushoch überlegen halte, dort denke ich also möglicherweise wie ein Modernist. Wir sollten uns trotzdem als erstes auf die zentralen Bereiche der Altstadt und als zweites auf die gründerzeitlichen Stadterweiterungen konzentrieren, die Idee mit dem Teerhof z.B. ist grandios - hier aber denke ich, dass sie sich meinetwegen mal austoben sollen; ich gehe sogar soweit, mich dem zweiten Leserbriefschreiber tlw. anzuschließen, dass die Chance für Bremen in diesem Projekt wirklich eine große ist. Dort entstehen Arbeitsplätze und Wohnungen in einem zumindest aufwändig gestalteten und durchdachten Ambiente mit den halböffentlichen Nutzungen der erhöhten Erdgeschosszonen, das ist nicht die übliche Renditeschrottarchitektur, wie auch immer man zu den Anleihen an die Nachkriegsspeicherarchitektur stehen möge. Die völlig unironisch und ernstgemeinten Vergleiche zum Central Park sind dann natürlich wieder der typisch-bremische, verschrobene und doch irgendwie liebenswerte Größenwahn, von dem ich schon öfter sprach....



      Ja, das ist sehr modern. Und auch ich finde die Gestaltung zumindest "mutig". Es ist aber qualitativ weit über dem, was wir dort sonst so zu sehen bekommen. Die ganze Gegend ist stark durch die frühe Nachkriegsarchitektur der wiederaufgebauten Speicher und Schuppen geprägt, dazu passt das schon ganz gut. Hoffe trotzdem, dass Ihr noch mit mir redet nach diesem "Outing" ;)
    • In der Tat gab es im Hafenbereich schmerzhafte Verluste eindrucksvoller Architektur.

      Dennoch:

      Ich denke, die Überseestadt sollte man der Moderne überlassen! Schon, damit man sich nicht unglaubwürdig macht (und als ein weiteres abschreckendes Beispiel?)

      Umso kräftiger kann dadurch die Argumentation pro Altstadt werden: Nach dem Motto: Tobt Euch in der Überseestadt aus, aber hegt, pflegt und repariert die Altstadt in Material und Maßstäblichkeit! Das wäre auch historisch korrekt!

      Die Altstadt ist die Altstadt! Ihr gebührt eine besondere Sanftheit im Umgang unter Beachtung, Wahrung und Wiederherstellung ihres Charakters! Ein Stückweit gilt dies auch für die Alte Neustadt und die Bahnhofsvorstadt - gleichsam dem Viertel und dem vorderen Schwachhausen!

      Dem Hafengebiet aber, welches ohnehin kein (halbwegs) geschlossenes Ensemble mehr bildet, sollte aber eine weitgehende Freiheit erhalten bleiben. Eine Freiheit, die taugt, dort einen eigenen Charakter zu entwickeln und dem Menschen die Wahlfreiheit zu geben!
    • So in etwas wollte ich das auch gemeint haben, wenngleich etwas verschwurbelter. Lass die Modernisten sich austoben in diesem Gebiet, das ohnehin "verloren" ist aus unserem Blickwinkel. Es ist in der Summe auch durchaus eine leichte Steigerung in den Entwürfen festzustellen, immerhin hat sich nun Klinker als dominierendes Fassadenmaterial etabliert und es gibt gar nicht so wenige ansehnliche Entwürfe mit frühmodernen Anleihen an die 20er-Jahrearchitektur, die ich bei Gelegenheit auch nochmal zeigen werde. Vieles geht ja erst jetzt in Bau. Das ehemalige Kelloggsareal soll nun sogar "Neuinterpretationen Bremer Häuser" erhalten und insgesamt recht dicht und urban bebaut werden unter Erhalt von Teilen der prägenden Altbebauung (Silo, altes Verwaltungsgebäude - wohl das einzige überlebende Vorkriegsgebäude im Umkreis von 500 m). Es entsteht dort gerade ein recht regionaltypischer, um nicht zu sagen bremischer Stil bei vielen Projekten. Man muss den nicht mögen, aber es ist zumindest nicht mehr die ortlose WDVS- und Glasarchitektur der 2000er Jahre. Und es wird viel mehr Altes erhalten als in vergleichbaren Projekten, sogar einstöckige Schuppen der Nachkriegszeit - das ist gegenüber der Tabula rasa-Planung der ersten Masterpläne ein Riesenfortschritt. Selbst der Speicher XI war ja mal abrissgefährdet, trotz Denkmalschutzes aufgrund eines fehlenden Konzeptes bis sich Herr Hübotter der Sache annahm.

    • Aufteilung des Stadtgebietes in ‚Interessens -Sphären’?

      Lieber Heinzer und lieber RaHaHe !

      Eingedenk des in den frühen 90er Jahren von Nils Aschenbeck postulierten ‚Dreigestirns', dessen Realisierung alleine schon herkulische Kräfte erfordern wird (die wir nicht zersplittern dürfen) habe Sie beide natürlich vollkommen recht !

      Auch mir waren schon ähnliche Gedanken, wie die von Ihnen beiden formulierten, durch den Kopf gegangen. Gedanken, die an eine Definition von Interessens-Sphären erinnern. Ich wäre sofort bei Ihnen, wenn sich eine derartige Aufteilung so einfach bewerkstelligen ließe. Selbstverständlich ist es reizvoll, sich vorzustellen, daß ‚wir’ in Alt-, Neu.-, Bahhofsvor- und Östlicher Vorstadt das Vorrecht hätten, während sich die ‚Modernisten’ z.B. in den alten Hafengebieten und den erst nach dem 2. Weltkrieg entstandenen Stadtquartieren nach Herzenslust beweisen könnten…

      Ich für meinen Teil fürchte, daß ein derartiges Arrangement an dem Absolutheitsanspruch der ‚Moderne’ scheitern würde, die überall mitreden und – bestimmen will. Die in den vergangenen Wochen aufgezeigten Abgänge an historischer Architektur in den diversen Stadtteilen hatten ja – von meiner Seite – primär das Ziel den Lesern zu verdeutlichen, in welchem überbordenden Ausmaß die Moderne Gelegenheit hatte, das Stadtbild maßgeblich zu prägen und eben nicht – durch Reparatur oder Rekonstruktion – dem historischen Bestand den Vortritt zu lassen. Aber all das reicht der Moderne noch immer nicht aus: Selbst die verhältnismäßig winzige Fläche von St. Ansgarii hält sie fest in ihrer ‚Faust’ und verteidigt diese mit großer Vehemenz.

      Um hier eine Änderung zu bewirken, dürfen wir somit nicht defensiv nur auf das ‚Dreigestirn’ verweisen, sondern müssen die Moderne offensiv in den Arealen herausfordern, die – nicht nur sie selber – als Gebiet ihre ureigensten Hausmacht ansieht. Wenn sie auf diese Weise merkt, daß sie selbst dort nicht mehr wie selbstverständlich freie Bahn hat, vielleicht ist sie dann ja in der Altstadt endlich einmal zu Konzessionen bereit !



    • Die Modernisten (nicht die Moderne) sind ein Gegner, mit dem wir nicht auf Augenhöhe stehen. Insofern werden wir scheitern, wenn wir nicht flexibel sind.
      Sie sitzen am längeren Hebel und haben (noch!) die Argumente der zeitgenössischen Götter auf ihrer Seite: Geld! Aber das lässt sich noch aussitzen und bekämpfen. Schönes Bauen wird schon noch wieder erschwinglich!

      Wenn wir aber bei jedem neuen Bauvorhaben mit Rekonstruktionsvorschlägen oder -forderungen aufwarten, dann wird es immer heißen "diese Spinner mal wieder".

      Wenn wir aber punktuelle Stadtbildreparaturen fordern und uns des Vorwurfs der Naivität erwehren können, indem wir zeitgemäße Nutzungsvorschläge machen und Verkaufsargumente bringen (Stichwort: Marktpsychologie), dann können wir kleine Erfolge feiern. Schlagen diese dann ein, kann es weitergehen.

      Frankfurt KANN in diesem Fall ein Glücksbringer sein! Wenn dort in vier bis fünf Jahren eine mittelfristige Bilanz gezogen wird und das Projekt erfolgreich war, dann haben wir beste Argumente.
      Zudem bringt Herr Zech selbst die Kleinteiligkeit auf die Agenda! Er hat die Zeichen der Zeit wohl erkannt: Man kann die Einkaufzentren auf der grünen Wiese nicht auf deren Feld schlagen! Die Stadt hat eine eigene Strahlkraft!

      Nebenbei sei einmal auf das Designer Outlet Berlin verwiesen: Schaut es Euch mal an. Zwar wird dort in ungekonntester Weise versucht, "Altstadt" zu imitieren, aber es WIRD versucht! Insofern in dies der Beweis dafür, dass klassische Stadtbilder (Kleinteiligkeit, Winkeligkeit) auch zeitgenössischen "Verkäufern" ein Verkaufsargument sind und dass nicht jeder erfolgreiche Handel unter Dach erfolgen muss!
      Wenn also Einkaufszentren Stadt imitieren, kann Stadt so falsch nicht sein! Auf diesem Feld kann die echte Altstadt nur gewinnen!
    • Es gibt gerade für die Überseestadt mittlerweile auch zumindest interessante Entwürfe, eine positive Entwicklung ist -wenn man nicht auf einer kompromisslosen Position für klassische Architektur steht - nicht von der Hand zu weisen. Hier z.B. mal ein Entwurf für ein Bürogebäude von Wirth Architekten:



      ist zumindest nicht das Übliche, Rasterige mit Naturstein, was uns sonst überall beglückt, hat den Wettbewerb aber natürlich nicht gewonnen.

      Das hier ist der Gewinnerentwurf für gefördertes Wohnen in der Überseestadt, ebenfalls Wirth Architekten, nur eine Skizze, und es gibt reichlich zu kritisieren, keine Frage. Aber von "ortlos" kann hier keine Rede sein:



      Diese Hafenschuppen standen recht offensichtlich Pate, bis hin zu der "Nummerierung" im Giebel:



      Auch dieses Fassadendetail der Wohnneubauten im Europaquartier (Springer Architekten) finde ich ansprechend:



      Genauso wie dieses Wohngebäude von Forster Architekten:



      und nochmal Springer Architekten aus Berlin mit diesem schon mal gezeigten Wohngebäude:


      Es ist am Ende immer eine Glas halbvoll/halbleer-Diskussion, und weiß Gott, mein Glas war hier auch schon oft genug halbleer, erst letztens für alle erkennbar. Trotzdem finde ich, dass es der Trend zu etwas ortstypischerer und "klassischerer" Architektur allmählich auch nach Bremen schafft, zumindest in die Überseestadt, weswegen ich diese auch nicht so in Bausch und Bogen verurteilen möchte trotz mannigfaltiger Ärgernisse. Immerhin ist dieser ortlose "International Style" mit seinen Natursteinrasterfassaden oder Stahl/Glas-Kompositionen (und am schlimmsten, die weißen Putz-auf-Wärmedämmungsfassaden) ganz offensichtlich auf dem Rückzug und macht einem in seiner Qualität weiterhin sehr schwankenden Stil mit Bezügen zu norddeutscher Backsteinarchitektur Platz. Es gibt natürlich auch reichlich einfallslose Billigentwürfe, die auch durch das gewählte Fassadenmaterial nicht zu retten sind, diese habe ich uns hier mal erspart.

      Zumindest durchaus spannende Zeiten, auch in Bremen.
    • Konsensfähigkeit sollte ein Merkmal unserer – von einzelnen Bürger bzw. Leserbriefschreiber bereits wahrgenommenen - „bestimmten Gruppe“ sein.
      Ich stimme hier Heinzer und RaHaHe zu, dass wir uns punktuell für Schwerpunkte entscheiden sollten. Ich denke ebenso, dass es unserer „bestimmten Gruppe“ nicht förderlich wäre, wenn wir in allen Stadtteilen Bremens sofort auf den Plan treten und konsequent Rekonstruktionen einfordern, die dort vor Ort einmal beheimatet waren – unabhängig davon, dass Herr Spellenbergs Pläne ihren eigenen, sicherlich unverwechselbaren Charme, Stichhaltigkeit und Überzeugungskraft für uns haben. Die Gefahr einer ablehnenden „Ach, die schon wieder!!“-Reaktion ist zu berücksichtigen.

      Wie wäre es, eine „Hitparade“ der „Must have“-Rekonstruktionen in Bremen per Abstimmung hier im Forum anzuregen? - Bei der Auflistung der Gebäude sollte allerdings die „Machbarkeit“ eine entscheidende Rolle spielen. Ein rekonstruiertes Staatsarchive würde also nicht gehen, weil ein Neubau/Wiederaufbau direkt die Balgebrückstraße blockieren und den Straßenbahnverkehr dort zum Erliegen brächte.

      Zum Hafenkopf. Mein erster Eindruck von den Plänen der dänischen Architekten ( Cobe) war gut. Mir sprangen sofort die Dächer der Häuser ins Auge, die an alte Fabrikdächer und Schuppen erinnern, sowie die Farbe der angedachten Klinker/Fassaden der Neubauten, die ebenfalls auf alte Hafenspeicher verweisen und somit das gesamte Hafen-Quartier (endlich einmal!!) widerspiegeln und sich hier im vorhandenen Bestand einfügen wollen.

      Es überrascht mich nicht, dass uns ausgerechnet dänische Architekten vorführen, wie moderne Architektur im Konsens mit bestehender Bausubstanz und an Anlehnung an bestehende Quartiere funktionieren kann – ohne ewig dem Bauhaus zu huldigen.
      Da ich mich oft in Dänemark aufhalte, sind mir besonders die moderne, teils gewagten Industrie-Neubauten oder Wohnhäuser im Gedächtnis, vor denen ich jedes Mal aufs Neue fasziniert mit offenen Augen und Mund verweile und mich an Form und Gestalt ergötze und sage: Gewagt, aber interessant und nicht abstoßend.
      Moderne Architektur kann funktionieren – auch im Einklang mit historischem Erbe.
      Leider funktioniert dies nur im Ausland – nicht aber in Deutschland. Und wenn, dann sind es Ausnahmen wie von Heinzer dkomentiert und (noch) viel zu selten. Besonders in Bremen.
    • Bei dem offenen Werkstattverfahren zur Bebauung des "Überseeinsel" genannten Gebiets zwischen Weser und Europahafen mit dem ehemaligen Kelloggsgelände gab es nun auch eine öffentliche Präsentation mit der Möglichkeit, mit den Architekten zu diskutieren.

      Das Gebiet und die Planung machen einen sehr durchdachten Eindruck, der Hauptinvestor Klaus Meier vom Windkraftdienstleister wpd hat offensichtlich Lust auf neue Wege... es werden alle relevanten alten Gebäude auf dem insgesamt 41 ha (davon 15 ha Kellogs) erhalten, vom alten Vorkriegsverwaltungsgebäude, das in eine Grundschule umgewandelt werden soll über den alten Getreidesilo und die "Reishalle" wird hier extrem viel Wert auf ein offenes Vorgehen unter maximaler Beteiligung der Öffentlichkeit gelegt, ganz anders als etwa beim Sparkassenareal, der Vorteil eines lokalen Investors.

      Es soll im westlichen Teil die Idee des Bremer Hauses in weitgehend verkehrsberuhigten Wohnstraßen wiederaufgenommen werden, ein Versuch, der mannigfaltig gescheitert ist, meist eben wegen der Stellplatzpflicht und dem vergleichsweise hohen Preis/qm wegen der schmalen Gebäudebreiten... vielleicht klappt es ja diesmal, das Bremer Büro "gruppeomp" hat diesen Teil des Wettbewerbs gewonnen und will sich im persönlichen Gespräch geäußert wirklich Mühe geben, das nett zu gestalten mit diesen schönen halböffentlichen Übergangszonen vor den Häusern, das diese Quartiere auszeichnet...

      Ein paar Bilder (Quellen: Wirtschaftsförderung Bremen, Weserkurier, Delugan Meissl Associated Architects, gruppeomp):

      Luftbild des wirklich ideal gelegenen Areals zwischen Weser und Europahafen in Südwestausrichtung, die Innen-/Altstadt liegt wenige 100 m rechts/südöstlich:



      Masterplan:


      Der zentrale Silo und die Reishalle sollen erhalten werden, die Umwandlung in ein Hotel und eine Markthalle soll noch in diesem Jahr beginnen:





      (Delugan Meissl Associated Architects, Wien)

      Die gruppeomp kümmert sich um den westlichen Teil des Geländes und möchte eine kleinteilige, an die typische Bremer Reihenhausbebauung der Gründerzeit im Blockrand angelehnte Struktur schaffen, hier ein Beispielquartier, von denen es 4-5 gibt im Gesamtentwurf:



      Von diesem letzten Teil habe ich leider keine sehr guten Bilder, aber die Quartiere machen wirklich einen zwar dichten, aber "bremischen" Eindruck... auch wenn das ganze wenig bis nichts mit neuklassischer Architektur zu tun hat, dachte ich mir, dass es das wert ist, hier gezeigt zu werden.

      Hier könnte ein neue Stück Bremen abseits der Kistenarchitektur der bisherigen Überseestadt entstehen, man merkt den Machern wirklich die Lust und den guten Willen an, hier etwas Einmaliges entstehen zu lassen. Zahlreiche gute Ideen, wie z.B. die Parkgaragen bereits in Vollgeschosshöhe zu bauen, um sie später besser umnutzen zu können, wenn das Thema Auto mal irgendwann nicht mehr so wichtig ist, zeigen diesen guten Willen an. Das Gelände ist bereits öffentlich zugänglich, noch diesen Sommer soll ein kleiner Bierbrauer an der Weser einen Biergarten eröffnen, auch mit dem Umbau der Bestandsgebäude wird noch in diesem Jahr begonnen. Ein jahrzehntelang vollkommen unzugänglicher, städtisch "toter" Bereich kann so von den Bremern wiedererobert werden und das haben diese auch vor, wie das sehr große Interesse an den zahlreichen öffentlichen Veranstaltungen zeigt.

      Es ist hier zusammen mit dem benachbarten und bereits gezeigten Europahafenkopf das erklärte Ziel der Macher, die offenkundigen Fehler der bisherigen Projekte in der Überseestadt nicht zu wiederholen.

      In der Hoffnung, nicht gelangweilt zu haben, verbleibe ich.... ich habe noch ein Krächerchen im Ärmel, dies allerdings für das hier wie sonst häufig vernachlässigte Bremen-Nord. Kommt vielleicht heute Abend auch noch.
    • Danke an Heinzer, dass du den Termin am letzten Sonntag auf dem Kellogs-Gelände wahrgenommen und uns hier in einem Beitrag so ausführlich das Gebotene geschildert hast. Ich selbst muss lernen, mir solche Termine in den Kalender zu schreiben - sonst sausen sie an mir vorbei, und das ist ärgerlich.

      Ich stimme dir zu, Heinzer, die Pläne für das alte Industrie-Gelände erscheinen ausgewogen. - Endlich!, bin ich versucht zu sagen. Solche Ausgestaltungen hätte ich mir für den bereits (sinnlos, meiner Meinung nach) verbauten Teil der Überseestadt gewünscht. Nun scheint zumindest das "Tor" zum "neuen Stadtteil" einer durchdachten Strategie zu folgen.
      Ganz am Rande sei gesagt: Hier an der Wasserkante kann ich mir einen Libeskind vorstellen, denn seine Bauten brauchen Platz zum Entfalten. Das kann das Sparkasse-Areal nicht bieten - es sei denn, es geht in die Höhe.
      Und ein Libeskind darf - so überschwenglich Bürgermeister und Senator bereits sind - bestimmt höher wie der Dom bauen. Damit hätten die Schapiras ihr Ziel erreicht, was die Baudirektorin verhindern will. Man muss nur einen berühmten Architekten aus den Hut zaubern, und schon wird alles/vieles möglich gemacht.
      Aber noch ist es ja nicht soweit.

      Heute war auch gleich der Spatenstich für die Zech-Pläne am Hafenkopf im ehemaligen Europahafen.
      Spatenstich? - Aber wir haben doch kaum Pläne oder Visualisierungen gesehen? Wie können die einfach anfangen zu buddeln, ohne dass wir hier vorab unseren Senf dazugeben dürfen?
      Haben die (Investoren und Architekten) das etwa geahnt und wollten dem Getöse einfach aus dem Weg gehen?

      Wie auch immer.
      Nun, mit dem Tag des Spatenstiches, sind auch auf der Homepage des COBE-Architektenbüros aus Kopenhagen, Dänemark, weiterführende Informationen und (ganz wichtig für uns) Bilder zu sehen.
      Das Team um den Gründer und Creative Director Dan Stubbergaard will mit den Projekt "Europahafenkopf" ein Scharnier zwischen dem Hafen (Industrie) und der Innenstadt (Historismus) errichten.
      Die Gebäude sind (man mag es kaum glauben) den Bremer Stadtmusikanten nachempfunden - zumindest was die Größe der Gebäude anbelangt (angesichts der 200-Jahr-Feier des Märchens über die tierischen Musikanten, die Räubern das Fürchten lehrten und Bremen als Musikanten, Band oder Boy-Groupe nie wirklich erreichten, klingt das bannig kitschig und eigentlich an den Haare herbeigezogen - aber was soll's).

      Hier noch der Link zu den Infos und Bildern:

      cobe.dk/project/europahafenkopf
    • Ich bin da extrem hin- und hergerissen. Diese alberne Idee mit den Bremer Stadtmusikanten ist ja nicht neu, das hat dieses Berliner Büro Robertneun ja auch schon für seine Baukörper am Sparkassenareal gehabt. Auf mich wirken diese erzwungenen Bezüge zu irgendetwas Historischem immer so glaubwürdig wie der Name "Katharinenklosterhof" für ein Parkhaus auf dem Areal des für den Bau abgerissenen Katharinenklosters.

      Ich hadere auch mit der Architektur. Mir gefällt die Nutzung der Erdgeschosse als halböffentliche und hervorgehobene Zone, auch mit der Stahlbetonstruktur, die ganz offensichtlich an die Schuppenarchitektur der unmittelbaren Nachkriegszeit anknüpft (siehe Schuppen 1) kann ich gut leben. Aber ich kann mir immer noch nicht vorstellen, wie diese Sheddächer auf Hochhäusern aussehen werden und auch die Fassadengestaltung ist mir zu modernistisch/monoton oder eben krampfhaft geschüttelt.

      Positiv ist sicher die Materialität mit rötlichem Klinker/Backstein und insgesamt der ganz klare Versuch, hier etwas Besonderes auf die Beine zu stellen, etwas, das abweichend von den sonstigen Renditekisten so etwas wie Stadtleben in die Wüste Überseestadt bringen soll. In der Summe ist die Planung sicher besser, als dort weiterhin diese peinliche Brache in Toplage ertragen zu müssen, es entstehen Wohnungen für 500 Menschen inkl. 25% geförderten und ordentlich Arbeitsplätze.

      Mein Fazit ist insgesamt mit leichten Bauchschmerzen aufgrund der Gestaltung auch positiv. Für eine gebeutelte Stadt wie Bremen ist das ein insgesamt durchdachtes und ordentliches Projekt mit einer enormen Strahlkraft auf die weitere Entwicklung. Meine fromme Hoffnung ist ja immer, dass solche qualitativ anspruchsvolleren Sachen die Latte für Neubauten insgesamt einfach höher hängen, aber leider hat sich das auch in der Vergangenheit schon zu oft als Trugschluss erwiesen. Schade ist natürlich, dass sich als Referenz in Bremen mehr und mehr die Architektur der Nachkriegszeit entwickelt, so etwas ist ja auch schon beim Wallkontor (ex-Harms-Gelände):


      (Weserkurier)

      und beim neuen ZOB:

      (Knerer und Lang)

      zu beobachten gewesen. Da scheint in der Bauverwaltung jemand auf die 50er Jahre zu stehen. Besser als die 70er oder 2000er Jahre allemale, trotzdem bleibt immer ein schaler Eindruck ob der wieder einmal verpassten Möglichkeiten zurück.