Bremen - Östliche Vorstadt

    This site uses cookies. By continuing to browse this site, you are agreeing to our Cookie Policy.

    • Bremen - Östliche Vorstadt

      Bremen – Östliche Vorstadt

      Der Stadtteil östliche Vorstadt, bestehend aus den Ortsteilen, Steintor, Fesenfeld, Peterswerder und Hulsberg, ist – wie wir Dank der umfangreichen Dokumentationen von Heinzer wissen – ein noch intensiv durch das klassische ‚Bremer Haus’ der 2. Hälfte des 19. und des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts geprägter Bereich und deshalb bis heute von hoher Urbanität. Dennoch wurden auch hier in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg – und nicht nur im Zusammenhang mit der Gott sei Dank abgewendeten Mozart-Trassen-Planung – diverse Bausünden begangen. Diese sollen in diesem Strang im Vordergrund stehen.
    • Geschäftsstelle Nr. 2 der Sparkasse in Bremen

      Unser Forums-Freund MAK hat im Themenstrang ‚Bremen-Innenstadt’ (Seite 9, laufende Nummer 172) bezüglich der Geschäftstelle der Sparkasse Bremen ‚Vor dem Steintor’ Nr.18/22, Ecke ‚Fehrfeld’ die folgenden deutlichen Worte gefunden, die meine Wenigkeit nur unterstreichen kann:

      „[…] das Sparkassengebäude zersetzt mir gern die Großhirnrinde.“

      Damit die Nichtbremer nachvollziehen können, auf was sich diese Aussage bezieht, hier einmal Ansichten des Gebäudes vor und nach dem Umbau in der Nachkriegszeit (ob das Gebäude Bombenschäden hatte wäre noch zu eruieren, ist aber eher unwahrscheinlich).
      In der Kassenhalle hat sich teilweise sogar die originale Stuckdecke erhalten (die wohl zwischenzeitlich auch abgehängt war, denn sie war ja schließlich in der Nachkriegszeit soooo unmodern… ; heute ist man aber froh, daß man wenigstens dieses Relikt aus besseren Zeiten noch besitzt).

      Abbildung 01
      Das Gebäude ‚Vor dem Steintor’ Nr. 18/22 auf der Stadtkarte von 1938 (rot markiert).



      Abbildung 02
      Ansicht des Gebäudes vor 1914.



      Abbildung 03
      Vergleich der Ansichten (links vor 1914, rechts Gegenwart). Ein Meisterwerk der Fassaden-Entdekorierung !



      Abbildung 04
      Das Luftbild des Gebäudes aus der Gegenwart offenbart, daß man durch den Umbau in der Nachkriegszeit aus einem ehedem bewußt die Ecksituation betonenden Gebäude ein unscheinbares Etwas gemacht hat, was sich beinahe schon seiner exponierten Lage zu schämen scheint und daher besser gar nicht auffallen will…

    • Der Ortsteil "Steintor", in dem das Sparkassengebäude steht, ist von allen Stadtteilen der Östlichen Vorstadt inkl. des Ostertors, welches zu Mitte gehört, sicherlich der heterogenste. Er hatte anders als die anderen Ortsteile auch relevante Bereiche mit Kriegszerstörungen, v.a. im Bereich zwischen Osterdeich und dem Hauptstraßenzug "Vor dem Steintor" gibt es mittleren Bereich eigentlich die einzige Ecke in der ganzen östlichen Vorstadt, in der es flächig zu Zerstörungen gekommen ist, was den Charme dieser Bereich um Berliner und Lübecker Straße denn auch entsprechend stark dämpft.

      Auch hat er bislang (wohl auch wegen des weniger attraktiven Baubestandes) am wenigsten vom Gentrifikationsprozess profitiert, den die restliche Östliche Vorstadt durchmacht, die Szenen, die sich hier alltäglich abspielen, haben schon etwas surreales, es gibt auch ein kleines Rotlichtviertel usw. usf.

      Insofern sind hier Fehlsanierungen, wie etwa die Sparkasse, leider auch in den Wohnstraßen gang und gäbe, noch in den 80er Jahren waren die Häuser in manchen Straßen praktisch unverkäuflich, wer damals hier für 30-50.000 Mark ein gut erhaltenes Bremer Haus gekauft hat, dürfte seinen Einsatz locker verdreißigfacht haben.
    • Heinzer, ich glaube nicht, dass die Zerstörungen im Bereich der Lübecker- und Berlinerstraße auf Kriegszerstörungen, sondern auf Nachkriegszerstörungen zurückzuführen sind. Im Konzept des Mozarttrassenbaus war ja auch eine Abzweigung vorgesehen, die durch die Theodor-Körner-Straße im Ostertor zum Körnerwall führen sollte. Der Platz Körnerwall sollte in der gesamten Breite mit einer Straße bebaut werden, die Häuser nach Westen hin alle abgerissen werden.Ich glaube mich zu erinnern, bei zweien hat man es geschafft, inzwischen stehen da Neubauten. Aber dann ging es ja garadeaus weiter ins Steintorviertel. Gegenüber vom Körnerwall befindet sich ja ein Spielplatz, da stand aber mal ein Haus. Und soweit ich weiß, wurde dieses Gebäude im Zuge der geplanten Straßenführung abgerissen - die Eigentümer wurden natürlich vorher enteignet, das galt vermutlich auch für das sogenannte Sielwallhaus daneben, eigentlich ein sehr schönes, für die gehobene Bürgerschaft erbautes Haus, dass nun durch seinen Alternativanspruch für bestimmte Szene nutzbar zu sein, total runtergekommen ist.
      Dann ging´s weiter, in den"Krummen Arm" und von dort quer Richtung Berliner Straße. Das Postamt dort ist ja relativ neu, ich kenne noch die Situation ohne Bebauung. Hier wurde, auf dem Postamtgrundstück, vorher abgerissen, genau so wie bei dem darauffolgenden Platz mit seinem Wochenmarkt und an der Lübecker Straße (alles was dort Neubau ist, ist nur möglich gewesen aufgrund vorheriger Abrisse). Die Querspange von der Mozartstrae sollte dann bis zur Hamburger Straße gehen.
    • Es wird eine Mischung gewesen sein. Es gibt hier schon Straßenzüge, die ganz klar sehr früh nach dem 2. WK wiederaufgebaut wurden, als noch gar nicht "flächensaniert" wurde:



      Das ist typischer, früher Wiederaufbau z.B. (könnte noch aus den 40er Jahren stammen), auch diese Häuser gegenüber



      sehen nicht wie das Ergebnis von Abrissen aus, auch wenn sie eher aus den späten 50er Jahren stammen.

      Und auch diese Häuser:



      an dem von Dir genannten Platz sehen für mich wie klassischer Wiederaufbau der ersten 10, 15 Nachkriegsjahre aus und noch nicht wie die typischen Ergebnisse von Flächensanierung. In diesem Teil des Steintors scheinen mir durchaus stärkere als in der Gegend "übliche" Kriegszerstörungen vorzuliegen, die dann später natürlich auch weitere Abrisse leichter gemacht haben, das Phänomen kennt man ja auch aus anderen Gegenden.

      Vom Kriege unberührte Gebiete sehen auch heute meist noch zumindest einigermaßen gut aus trotz der unvermeidlichen und überflüssigen Abrisse, die wir hier dokumentieren. Unproportional schlimmer sieht es in Gegenden mit vielen Teiltreffern aus, denn hier waren die ohnehin geringen Hemmschwellen dann in den 60er und 70er Jahren noch geringer als ohnehin schon. Hinzu kommt, dass fast das gesamte Areal zwischen Lübecker Straße und dem alten Fundamt wirklich runtergekommen war, noch schlimmer als die ohnehin schon insgesamt sehr sanierungsgestaute Östliche Vorstadt im Allgemeinen. Da fiel es dann natürlich leichter, Schneisen und Trassen zu planen, glaube ich Dir sofort, dass das tlw. auch Folge der verfehlten Verkehrsplanung ist, dieser Platz mit den Trinkern und dem Wochenmarkt und der Post, den Du erwähntest und der oben tlw. abgebildet ist, sieht in der Tat sehr nach "Sanierungsbrache" aus, wie auch diese jetzt als Spielplatz genutzte Freifläche um die ehemalige Vasmerstraße im Ostertor, wo auch nur noch exakt ein altes Haus (jetzt als Kita genutzt) steht:



      Trotzdem gibt es auch im Steintor und sogar in einem möglichen Trassenbereich zur Hamburger Straße noch solche Juwelen wie die Heidelberger Straße, bei denen die "Neubauten" eindeutig frühe Nachkriegsbebauungen von Bombenlücken sind:


      Vielleicht kann Pagentorn mit seinem enormen Wissen hier weiterhelfen? Wie stark war das Steintor zwischen Osterdeich und "Vor dem Steintor" zerstört?
    • Aber die Heidelberger Straße sollte im Zuge der Trassensanierung auch abgeräumt werden. Irgendwann aber gab es ja keine Mehrheiten mehr bei der Bremer SPD, die Mozarttrasse wurde eingestampft. Deshalb, und nur deshalb wirde die Heidelberger gerettet. Denn von dort bis zu dem von Dir fotografierten Platz so ab Lübecker Straße sollte alles noch abgerissen werden. Glücklicherweise wurde der Sanierungswahnsinn abgebrochen.

      Man hat im Bereich der Theodor-Körner-Straße und umzu die Eigentümer der Altbremer Häuser enteignet. Sie durften keine Reperaturen an ihren Gebäuden mehr durchführen, Sanierungsgebiet. Dann mussten die Eigentümer ihre Häuser an die Stadt verkaufen, dafür geb es in den 60er Jahren 30 000 DM.--. 20 Jahre später wurden diese Gebäude für das 3 - 4 fache wieder verkauft. Unsaniert wie sie waren.Teilweise wohnten die alten Eigentümer noch in ihren ehemaligen Häusern und mussten nun mit ansehen, wie ihre Häuser, die teilweise schon seit mehreren Generationen in Familienbesitz waren,in fremde Hände übergingen.

      Die von Dir aufgeführte Vasmer Straße ist auch so ein schönes Beispiel für den Mozarttrassen-Wahnsinn. Alles abgebrochen, bis auf ein Haus. Daneben war ja die Albrechtstraße, da stand auf der westlichen Seite auch nichts mehr, ebenso wie auf den südlichen Häfen. Zwischen Albrechtstr., Vasmerstr. und Auf den Häfen war alles abgerissen. Es sah aus wie nach dem Krieg, nur ein Haus stand eben noch und das hast Du freundlicherweise hier eingestellt. Die Abrisse zogen sich hin bis zur Kohlkökerstraße.

      Was die Nachkriegsbebauung im Steintor angeht, das sieht - wie Deine Bilder zeigen -in der Tat aus wie frühe Nachkriegsbebauung. Meine Bemerkungen bezogen sich jetzt nur auf das Mozarttrassenprojekt.
    • Friedenskirche



      In der Nordostecke des von Heinzer und findorffer gestern thematisierten Ortsteils ‚Steintor’ – hart an der Grenze zum Fesenfeld und Hulsberg – liegt an der Südseite der Humboldtstraße die 1867 bis 1870 nach Entwürfen von Simon Loschen (dem Architekten des berühmten Leuchtturms am Neuen Hafen in Bremerhaven) vom späteren Bremer Baudirektor Johannes Rippe erbaute 'Friedenskirche'. 1939 wurden im Innern des Zentralbaus die, die Gurtbögen tragenden, gusseisernen Säulen durch Mauerwerk ummantelt und die bisherige Holzdecke durch Gewölbe ersetzt. Der Altar an der Ostwand verlor seinen neugotischen Rahmen, sowie das Altarbild. Gleichzeitig wurde der baufällige hölzerne Vierungsturm beseitig. Im zweiten Weltkrieg ging der unmittelbar südlich an den Kirchenraum anschließende Gemeindesaal zugrunde und wurde nicht wieder aufgebaut. In den 1990er Jahren beseitigte man die Kanzel von 1939 und verlegte den Altar in die Mitte des Schiffes.

      Es wäre dieser Kirche zu wünschen, daß man im Innern die ursprüngliche Altargestaltung und im Äußeren den Vierungsturm wiederherstellen würde. Der Wiederaufbau des letzteren würde die Friedenskirche an die Seite von St. Nikola in Passau rücken, deren Turm ja auch nach langer Zeit rekonstruiert wurde und der dem hiesigen Vierungsturm sogar etwas ähnelt.

      Allerdings ist ein derartiges Ansinnen bei der gegenwärtigen Gemeindeleitung ziemlich illusorisch, wurden doch unter ihrer Regie in diesem Gotteshaus so edle Dinge wie die Friedensmesse ‚The Armed Man’ von Karl Jenkins (ebenso wie in der Gedächtniskirche von Speyer und der Pauluskirche in Hambach) und ‚Die zehn Gebote’ von Johann Kresnik inszeniert…

      Abbildung 01
      Friedenskirche auf der Stadtkarte von 1938 rot markiert



      Abbildung 02
      Blick nach Westen in die Humboldtstraße (vor 1914). Man erkannt deutlich, daß die Kirche in der Bauflucht der Straße steht.



      Abbildung 03
      Blick auf die Kirche von Osten (vor 1939).



      Abbildung 04
      Blick auf die Kirche von Westen (vor 1939). Die Wasserspeier am Vierungsturm, die man in Abbildung 03 noch sehen kann, waren bereits in den 1920er Jahren nicht mehr vorhanden, wie dieses, aus diesen Jahren stammende Foto beweist.



      Abbildung 05
      Grundriß der Kirche (Norden liegt links). Man erkennt deutlich den südlich an den Kirchenraum anschließenden Gemeindesaal.



      Abbildung 06
      Blick im Innern in Richtung Süden zum Altarraum. Die gußeisernen, die Gurtbögen tragenden Säulen sind gut sichtbar.



      Abbildung 07
      Detailbild des Altars.



      Abbildung 08
      Blick in den Gemeindsaal nach Norden (in Richtung Kirchenraum) vor dem Zweiten Weltkrieg.



      Abbildung 09
      Vergleich der Nordost-Ansicht der Kirche: Links: Ursprungszustand ab 1870. Mitte: Zustand ab 1939. Rechts: Gegenwart. Man erkannt sehr gut, daß zwischen Portaltür und Rosette ein Mandorla-artiger Fassadenschmuck vorhanden war, welcher Christus zeigte und mit einer eigenen Fialen- geschmückten Verdachung versehen war. Auch diese Elemente wurden bereits 1939 entfernt.



      Abbildung 10
      Vergleich des ursprünglichen mit dem gegenwärtigen Kirchenraum. In beiden Fällen blickt man nach Süden in Richtung (ehemaligem) Altarraum.

      The post was edited 3 times, last by Pagentorn ().

    • Rutenbergstift

      Das vom Bauunternehmer Lüder Rutenberg 1865 errichtete Bauensemble des ‚Rutenbergstiftes’ diente der würdigen Behausung von sozial schwächer gestellten Personen. Es umstand auf drei Seiten einen kleinen Platz und ähnelte so dem Bredenkamp im Fesenfeld-Viertel, dem Theodor-Körner-Wall im Ostertor und dem Bülow-Platz in der Westlichen Vorstadt. In der Nachkriegszeit wurde es durch das neue Gemeindezentrum der benachbarten Friedenskirche ersetzt. Wieder mal ein Verlust von Unverwechselbarkeit…

      Abbildung 01
      Lage des Rutenbergstiftes auf der Stadtkarte von 1938 (rot markiert).



      Abbildung 02
      Blick von Norden in die platzartige Anlage des Rutenbergstiftes; wohl kurz vor dem Abbruch.



      Abbildung 03
      Ähnliche Ansicht wie in Abbildung 02.



      Abbildung 04
      Rutenbergstift Nr. 7.



      Abbildung 05
      Rutenbergstrift Nr.16.



      Abbildlung 06
      Vergleich der Nordansicht von Rutenbergstift und Gemeindezentrum.



      Abbildung 07
      Vergleich der Kartenansicht von Rutenbergstift und Gemeindezentrum.



      Abbildung 08
      Das neue Gemeindezentrum von Nordost gesehen.



      Abbildung 09
      Luftbild der Gegenwart von Nord.



      Abbildung 10
      Luftbild der Gegenwart von Süd.





    • Altstadt-Silhouette + Vorstadt-Panorama = Urbanität der klassischen europäischen Stadt



      Anbei ein Bild welches – am Beispiel Bremens – illustriert, was uns Allen hier im Forum als idealtypisch gilt, nämlich die in den Jahrzehnten vor 1914 zur höchsten Vollendung gelangte Symbiose zwischen den mittelalterlichen Altstädten und den Vorstädten des späten 19. Jahrhunderts. Beide ergänzten sich in wunderbarer Weise und ergaben zusammen mehr als die Summer ihrer Teile ! Wenn wir durch unsere Aktivitäten einen Teil dieser goldenen Epoche der Baugeschichte zurückgewinnen können, dürfen wir uns glücklich schätzen.

      Bilderläuterung:

      Das Bild ist im Fesenfeld-Viertel der Östlichen Vorstadt aufgenommen worden. Der Fotograf, (dessen Hauptaugenmerk – wie auch das der übrigen auf den Dächern stehenden Personen – offensichtlich dem Zeppelin galt), stand auf dem Dach eines Hauses an der Hornerstraße (die an der unteren Bildkante entlang und rechts zur Bismarckstraße führt). Rechts blickt man in die Schönhausenstraße (benannt nach dem Heimtort Otto von Bismarcks, Schönhausen in der Altmark), der direkten südlichen Parallelstraße zur Bismarckstraße.

      Hier die Blickrichtung auf der Stadtkarte von 1938 (markiert durch roten Pfeil);






      Die Silhouette der Altstadt im Hintergrund läßt (von links nach rechts) die folgenden vertikalen Akzente erkennen:

      Hauptgiebel und Dachreiter des Polizeihauses, Ostturm des Gerichtshauses, Observatoriums-Turm des Alten Gymnasiums, Westturm des Gerichtsgebäudes, Dach und Turmhelm der Baumwollbörse, Vierungsturm des Domes (nur ganz ansatzweise), Dom-Türme, Süd- und Nordturm der Kirche Unsere Lieben Frauen (der letztere offensichtlich eingerüstet), Turm von St. Ansgarii, Dach des Hauptgiebels des Lloydgebäudes, Lloydturm, Nordturm von St. Stephani (ganz klein) und Turm der Rembertikirche.

      (Nur als Anekdote für den, den es interessiert: In einem der Häuser links von dem Eckgebäude an der Einmündung der Schönhausenstraße in die Hornerstraße haben Vicco von Bülow (Loriot) und Evelyn Hamann in den 1970er Jahren im Auftrag von Radio Bremen den Klassiker ‚Weihnachten bei den Hoppenstedts’ eingespielt. ;) )



      The post was edited 1 time, last by Pagentorn ().

    • Das Haus Dobbenweg Nr. 10




      Das Haus Dobbenweg Nr. 10 wird täglich von tausenden Pendlern passiert, die in ihren Kraftfahrzeugen oder in den Bussen und Bahnen des öffentlichen Nahverkehrs in Richtung Innenstadt an ihm vorüber fahren. Daß die Meisten das Gebäude schlicht übersehen dürften, ist bei seinem jetzigen Aussehen nicht verwunderlich. Lediglich das vergoldete Bremer Wappen über der Eingangstür - Zeuge für die einstige Nutzung des Gebäudes durch die 'Feuerversicherungsanstalt der Freien Hansestadt Bremen' und der Zahnschnitt unter dem Hauptgesims deuten noch darauf hin, daß das Haus einst bessere Zeiten gesehen hat.
      In der Tat war einer seiner ersten Bewohner, Friedrich Carl Biermann (1872 – 1923), in Bremen kein Unbekannter: Er war seit 1906 Alleininhaber der von seinem Vater gegründeten Tabakfirma ‚Leopold Engelhardt & Biermann’, welche zu dieser Zeit um die 5000 Mitarbeiter beschäftigte. 1911 wurde er – wie in der alten Zeit üblich – auf Lebenszeit in den Senat gewählt, dem er bis zur Absetzung des Senats durch die kommunistische Räterepublik 1919 angehörte. Wir haben es beim Gebäude Dobbenweg Nr.10 somit mit einem Haus zu tun, zu dem noch die Ratsdiener mit dem erfolgten Wahlbeschluß des Senats ausgesandt wurden, um den Gewählten zwecks der Annahme der Wahl zu befragen. Ebenso wird hier – da Biermann die Wahl ja annahm – das sogenannte ‚Isen’ stattgefunden haben, die Ausgabe der vom gewählten Senator auf eigene Kosten anzufertigenden ‚Senatoren-Kringel’, eines reichhaltigen Backwerks, an jeden, im Hause vorstellig werdenden Gratulanten.
      1913 verzog Biermann in seine neu erbaute Villa ‚Haus Blumeneck’ an der damaligen Schwachhauser Chaussee Nr. 66 – welche heute vom Kippenberg Gymnasium genutzt wird.
      Im Hause Dobbenweg Nr.10 befand sich seit dem Jahre 1920 ein Fremdenpensionat, welches als ‚Haus am Brunnen’ bekannt war – so benannt wegen seiner Nähe zum Centaurenbrunnen, direkt vor seiner Haustür. Diese Umnutzung brachte auch Umbauten mit sich: So wurden der vornehme Altan über der Außentreppe zur Eingangstür und auch die Treppe selbst beseitigt. Dafür erhielt das Gebäude zwei Erker auf beiden Seiten des Eingangs, der nun zu ebener Erde lag. Zudem wurde noch eine Etage aufgestockt. Der Umbau zur Feuerversicherungsanstalt, der dem Gebäude sein Gesicht komplett nahm, dürfte wahrscheinlich erst in der Zeit nach 1945 erfolgt sein.
      Dieses Haus mit großer Geschichte hätte mit Sicherheit eine bessere Behandlung verdient und sollte in stilvoller und dem Gebäude angepasster Weise restuckiert werden !

      Abbildung 01
      (oben). Das Haus Dobbenweg Nr. 10 in der Gegenwart.

      Abbildung 02
      Luftbild des Hauses (rot eingekreist), an der Westgrenze des Stadtteils Östliche Vorstadt und des Ortsteils Fesenfeld.



      Abbildung 03
      Blick auf das Haus (rot eingekreist) durch die Kronen der Bäume am Centaurenbrunnen.



      Abbildung 04
      Westlicher Eingang zur Bismarckstraße. Das Haus Dobbenweg Nr. 10 ist ganz rechts im Bild mit seinem gediegenen Altan zu erkennen.



      Abbildung 05
      Senator Friedrich Carl Biermann jun..



      Abbildung 06
      Die Firmenzentrale des Unternehmens Leopold Engelhardt & Biermann, Langenstraße Nr. 128, Ecke Albutenstraße. Auf diesem altstädtischen Grundstück befindet sich heute z.T. das Pressehaus.



      Abbildung 07
      Für die meisten Bremer immer noch ein Begriff: Das sog. Waldschlößchen im Bürgerpark, ein Holzgebäude, welches gastronomisch genutzt wird. Nicht so bekannt dürfte sein, daß dieses Gebäude ehemals auf der in den 1890er Jahren im Bürgerpark stattfindenden Nordwestdeutschen Handels-, Gewerbe-, Industrie- und Kunstausstellung der Pavillon der Tabakfirma Leopold Engelhardt & Biermann war, die das Gebäude nach Ende der Ausstellung dem Bürgerparkverein stiftete.



      Abbildung 08
      Eine Metalldose der Firma.



      Abbildung 09
      Die 1913 von Friedrich Carl Biermann bezogene neue Villa an der damaligen Schwachhauser Chaussee Nr.66.




      Abbildung 10
      Das Haus Dobbenweg Nr. 10 nach seinem Umbau zum Fremdenpensionat ‚Haus am Brunnen’ in den 1920er Jahren.



      The post was edited 5 times, last by Pagentorn ().

    • Die ‚Pieck-Häuser’ in der Östlichen Vorstadt




      Die auf dem Themenstrang ‚Guben’ gerade dokumentierte Diskussion um das dortige Wilhelm Pieck Denkmal veranlaßt mich zu dem anliegenden Beitrag, zu dem ich aber Folgendes vorausschicken muß:

      Die Lebenslinien Wilhelm Piecks und meines Vaters verliefen – wenn auch jeweils zu unterschiedlichen Zeiten – partiell parallel: Beide waren gebürtige Gubener, beide kamen nach Bremen, verehelichten sich hier und bekamen hier Kinder. Anders als bei Pieck war der Wegzug meines Vaters aus Guben jedoch nicht ganz freiwillig. Zu behaupten, daß Pieck und seine Genossen an diesem erzwungenen Exodus ganz unbeteiligt gewesen wären, hieße, die Tatsachen zu verdrehen. Auf eine verquere Art muß ich folglich Pieck sogar dankbar sein, denn ohne ihn würde es mich aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht geben.
      Aber abgesehen von dieser - aus meiner ganz persönlichen Perspektive - einzigen positiven Ausnahme, hat dieser Mann sehr viel Unheil zu verantworten: Als überhaupt erster hauptamtlicher Parteisekretär der Bremer SPD hat er maßgeblich dazu beigetragen, daß die hiesige Sozialdemokratie schon sehr früh sehr links geprägt wurde, eine Weichenstellung, die selbst der kurz nach ihm ebenfalls nach Bremen kommende, pragmatischere Friedrich Ebert und der 1919 von Hamburg herüberkommende Wilhelm Kaisen nie wirklich ändern konnten. Die Spätfolgen sind nach 74 Jahren ununterbrochener Herrschaft (gerechnet ab dem 1. August 1945) der in diesem Sinne geprägten SPD, im verarmten Bremen von heute, unübersehbar. Das Berliner Stadtzentrum, gegen dessen Zerstörung Pieck als Präsident der DDR nichts tat, ist ein anderes, Allen hier im Forum vor Augen stehendes Opfer dieses Mannes. Von der Unterdrückung der Bürger in der sich schnell etablierenden kommunistischen Diktatur ganz zu schweigen.

      Ich schreibe dies, damit nicht der falsche Eindruck entsteht, ich würde hier eine Hagiographie dieses Mannes verfassen, der ja in der Retrospektive gerne als die - im Gegensatz zum spröden Ulbricht - joviale Vaterfigur verklärt wird. Das würde auch jemandem, dessen Familie von Pieck und seinen Genossen alles genommen wurde, wohl nicht recht anstehen ! Mein Ansinnen ist es, sozusagen als Gegenpol zu dem Gubener ‚Denkmal’, ein Bewußtsein dafür zu wecken, daß dieser Mann auch in Bremen seine negativen Spuren hinterlassen hat. Vielleicht werden dann in fernerer Zukunft an den Stätten von Piecks Bremer ‚Leben und Wirken’ Mahn-Plaketten angebracht, mit dem Wortlaut:

      „Hier hat Wilhelm Pieck gelebt / gearbeitet. Er war einer der maßgeblichen Wegbereiter der 2. deutschen Diktatur. Unter seiner Politik hatten Millionen Menschen zu leiden. Der Nachwelt zur Warnung !“


      Abbildung 01
      Foto von Heinzer mit dem Wohnhaus von Pieck in der Alwinenstraße Nr. 26 – das gelbe Haus mit Erker in der Bildmitte. (Siehe oben).

      Abbildung 02
      Exzerpt aus einer in der DDR verfaßten Pieck-Biographie.


      Abbildung 03
      Piecks aus Bremen gebürtige Ehefrau Christine Häfker.



      Abbildung 04
      Übersicht zu den ‚Pieck-Häusern’ in der östlichen Vorstadt (rot markiert). Daneben lebte er noch – in chronologischer Reihenfolge der Einträge im Bremer Adressbuch: 1899 in der Bachstraße 19 (in der Südervorstadt), 1904 in der Nordstraße Nr. 125 (in Walle), 1905 in der Nordstraße Nr. 89, 1906-1907 in der Lloydstraße Nr. 87 (in Utbremen) und 1910 am Schulhof Nr. 4 (in der Altstadt beim ehem. Katharinenkloster).



      Abbildung 05
      Detail der Übersicht.



      Abbildung 06
      Piecks erste Erwähnung im Bremer Adressbuch erfolgte – obwohl er bereits 1896 in die Stadt gekommen war – erst im Jahre 1899. Er war dort im Hause ‚Am schwarzen Meer Nr. 76’ (nach der Umnummerierung der Häuser im Jahre 1908 trägt das Haus heute die Nr. 129/131) gemeldet, wo auch sein Schwiegervater Häfker lebte. Hier ein Luftbild des Gebäudes (rot eingekreist). Dieses liegt übrigens schräg gegenüber der Pathologie des Krankenhauses St.-Jürgen-Straße.




      Abbildung 07
      Der Adreßbucheintrag von 1899.



      Abbildung 08
      Luftbild der Hildesheimer Straße Nr. 28 (rot eingekreist), in der Pieck von 1901 bis 1903 – erneut gemeinsam mit seinem Schwiegervater – gemeldet war.



      Abbildung 09
      Straßenansicht der Hildesheimer Straße Nr. 28 (das Gebäude rechts von dem, welches gerade renoviert wird. Man sieht, es handelt sich um ein Bremer Haus in der Variante für Kleinbürger.



      Abbildung 10
      Pieck mit Frau und Kindern im Jahre 1902. Das Bild könnte im Garten der Hildesheimer Straße entstanden sein. Da aber die Gärten dort sehr klein waren, müßte man eigentlich die rückwärtigen Fassaden der Häuser an der Achimer Straße sehen können. Da man dies nicht tut – könnte das Bild auch auf der Parzelle (so nennt man in Bremen die Schrebergärten der ‚Laubenpieper’) der Familie aufgenommen worden sein.



      The post was edited 5 times, last by Pagentorn ().

    • Abbildung 11
      Luftbild der Alwinenstraße Nr. 26 (rot eingekreist). Links im Hintergrund die Friedenskirche an der Humboldtstraße. Oben im Bild das Zentralkrankenhaus St.-Jürgen-Straße.



      Abbildung 12
      Haus-Ansicht der Alwinenstraße Nr. 26 (entnommen Piecks DDR-Biographie) im Vergleich mit der gegenwärtigen Situation. Wie man sieht hat man seit Piecks Zeit den Wintergarten durch einen gemauerten Erker ersetzt.


      Abbildung 13
      Piecks Einbürgerungsurkunde, die im wohl im damaligen Stadthaus, dem seinerzeitigen Sitz der Polizeibehörden (und Vorgängerbau des heutigen Neuen Rathauses) ausgehändigt worden sein dürfte. Durch diese Urkunde verlor Pieck die preußische und erlangte die Bremische Staatsbürgerschaft.



      Abbildung 14
      Exzerpt aus Piecks DDR-Biographie mit der Passage über Piecks Wahl in die Bremische Bürgerschaft.



      Abbildung 15
      Der Konventssaal im zweiten Stockwerk von Heinrich Müllers Neuer Börse am Marktplatz. Dieser Saal, der eigentlich für die Handelskammer, den Eigentümer des Gebäudes, errichtet worden war, wurde von der Kaufmannschaft dauerhaft an die Bürgerschaft für deren Tagungszwecke vermietet. Hier hat der junge Pieck - per Fotomontage dem Bild hinzugefügt - als SPD-Abgeordneter gesessen und seinen Linkskurs kontinuierlich verfolgt.



      Abbildung 16
      Wilhelm Pieck war der erste hauptamtliche Parteisekretär in der Geschichte der Bremer Sozialdemokratie. Als solcher hat er nicht nur den Reichsparteitag der SPD, der 1904 im heutigen Stadtteil Ostertor unter Beteiligung von Bebel, Ebert, Luxemburg, etc,. stattfand, organisiert, sondern auch die erste, 1907 fertiggestellte Parteizentrale der SPD an der Faulenstraße in der Altstadt mit geplant. Links ist die Hauptfassade zur Faulenstraße, rechts die Rückseite zum ‚Geeren’ zu sehen. Als in den 1920er Jahren das neue Volkshaus an der Nordstraße in der westlichen Vorstadt erbaut worden war, wurde dieses Haus an die Firma ‚Gebrüder Leffers’ veräußert. Heute befindet sich an selber Stelle das Funkhaus von Radio Bremen – interessante Traditionslinie, nicht wahr ?



      Abbildung 17
      Foto aus DDR-Zeiten, welches Wilhelm Pieck mit seinem Sohn Arthur, einem gebürtigen Bremer zeigt.



      Abbildung 18
      Das Grab von Piecks Frau und Kindern auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin.



      Abbildung 19
      Das Titelblatt von Piecks DDR-Biographie.

      The post was edited 2 times, last by Pagentorn ().

    • Abbildung 20
      Fußzeile des Titelblatts.



      Abbildung 21
      Und diese Kostbarkeit zum Schluß: Der Beginn des Bremen-Kapitels in der DDR-Biographie.
      Wer hätte es für möglich gehalten, daß in einer vom ‚Marx-Engels-Lenin-Stalin-Institut beim Zentralkomitee der SED’ herausgegebenen Publikation, die St. Ansgarii-Kirche – unsere gute Anschari – eine solch prominente Rolle spielen würde...???

      The post was edited 1 time, last by Pagentorn ().

    • Bilder vom heutigen (21.03.2019) Nachmittag.

      (ich bitte die miserable Qulität meines Uralt-Handys zu entschuligen):

      1. Hildesheimer Straße Nr.28

      Blick aus der Hemelinger Straße nach Osten in die Hildesheimer Straße.






      Das 'Pieck-Haus' kommt in Sicht.




      Die Renovierung des Nachbarhauses hat sich gelohnt. Die Wintergärten sind ebenfalls wieder vorbildlich 'in Schuß'.



      'Star-Foto' des 'Pieck-Hauses'.




      Blick von Osten auf das 'Pieck-Haus'.




      Blick nach Osten in Richtung 'Verdener Straße'.




      Blick zurück nach Westen in Richtung Hemelinger Straße und Admiral-Brommy-Platz.



      Blick aus der Verdener Straße nach Westen durch die gesamte Hildesheimer Straße bis zum Admiral-Brommy-Platz

      The post was edited 2 times, last by Pagentorn ().

    • Ja, die Hildesheimer Straße ist eine typische Straße in der Östlichen Vorstadt, wenige bis keine Nachkriegsbauten, reichlich Verhunzungen, wobei in Peterswerder aufgrund seines sozioökonomischen Aufstiegs in den letzten 20 Jahren doch viele Fehlsanierungen rückgängig gemacht wurden. Die Nordseite der Straße hatte früher fast durchgehend Wintergärten, von denen vor 15 Jahren nur noch wenige standen, jetzt sind es wieder deutlich mehr.

      Hier wird gerade der Wintergarten an einem Nachbarhaus rekonstruiert:



      Auch dieses Haus in der Hildesheimer Straße hat in den letzten 3 Jahren seinen Wintergarten wiederbekommen:



      Auch diese Wintergärten sind neu, wobei mich das alberne aus der Reihe-Tanzen des mittleren Hauses mal wieder nervt. Es musste wohl schwarz sein, Haus aber vorbildlich saniert, das sah vorher so aus wie der linke Nachbar, entstuckt und mit veränderten Fensterproportionen:



      Auch auf der Südseite ist gerade ein Haus wieder in den Originalzustand gebracht worden mit neuen Fenstern und einem rekonstruierten Wintergarten (rechts daneben einer der vielleicht drei Nachkriegsbauten in der Straße):



      Die Straße "Am Schwarzen Meer" jedoch ist Sinnbild der Probleme in Bremen. Ständig wechselnde Traufhöhen, ständige Versätze im Blockrand (tlw. großzügige Vorgärten, tlw. bis an die Straße grenzende Bebauung), v.a. an der Nordseite einige ganz fürchterliche Neubauten und fassadengedämmte/entstellte Bremer Häuser. Aber auch hier kriecht eine langsame Verbesserung langsam nach Osten... trotzdem eine dieser unheimlich zerrockten Hauptstraßen, wie es sie nur in Bremen geben kann. Die von Ihnen abgebildeten Ansichten stellt da schon definitiv die "bessere" Seite der Straße dar.

      Vielen Dank für diese kleine Reise durch die Östliche Vorstadt anhand der jeweiligen Wohnhäuser Wilhelms Piecks!
    • Hier mein verschobener Beitrag aus dem Parkstraßen-Thread:

      Ich möchte außerdem daraufhinweisen, dass man gar nicht abreißen muss, um zu zerstören. Ein viel größerer Teil der überkommenen, aber mittlerweile zerstörten Vorkriegsarchitektur ist nämlich "nur" bis zur Unkenntlichkeit kaputtrenoviert worden, ein Phänomen, das ich in diversen mittlerweile etwas in die Jahre gekommenen Galeriesträngen zu dokumentieren versucht habe. Beispiele aus meinem Fundus, die hier auch alle schonmal gezeigt wurden, aber weils so schön war:

      Das rechte Haus ist ein renoviertes Altbremer Haus und sah noch in den 50er Jahren genauso aus wie sein linker Nachbar.



      Verflieste Variante aus einer der schönsten Straßen Bremens, der Herderstraße:



      Die Horizontalisierung zerstört außerdem völlig die Proportionen der Fassade, weswegen das rechte Haus nochmal schlimmer als das "nur" entstuckte linke Haus aussieht (völlig abgesehen von dem schon nach wenigen Jahren rott wirkenden Anstrich auf dem schönen Wärmedämmverbundsystem, mit dem beide Häuser - als wäre es nicht genug - auch noch traktiert wurden):



      Wenn das zum Grundmuster wird, so wie in diesem Beispiel aus dem Schwarzen Meer (die rechten 5 Häuser sind allesamt Bremer Häuser, KEINE Neubauten!), dann kann sich wohl jeder denken, das so etwas wertmindernd und letztlich nachbarschaftszerstörend wirkt:



      Gern zeige ich auch immer wieder diesen schier unglaublichen Zwitter, der so tatsächlich und wirklich seit 40 Jahren in der Feldstraße steht:



      Die Variante für den ganz Faulen: Man muss den Stuck nichtmal abschlagen, einfach so ne minderwertige Klinkerfassade vorklatschen wie bei diesen beiden Häusern reicht auch:



      Verschiedene Formen der Zerstörung, beim rechten hat der Stuck wenigstens noch überlebt:



      Nochmal zwei Kracher aus der Friesenstraße, links das gesamte Repertoire inkl. Horizontalisierung und Verklinkerung, aber auch der neue Anstrich und die übergebliebene Stuckzierleiste unterm Dach "retten" das rechte Haus nicht:



      In der östlichen Vorstadt oder Schwachhausen sind so etwas nur Einzelfälle, über die man lachend hinwegsehen könnte, in den sozioökonomisch schlechter gestellten Stadtteilen bei den kleineren, schlichteren Bremer Reihenhäusern z.B. in Walle, Gröpelingen oder Woltmershausen/Rablinghausen sind durch eine Verdichtung dieser Verschlimmbesserungen aber ganze NAchbarschaften zerstört worden, die den Krieg eigentlich unbeschadet überstanden hatten.

      Vieles, das die Bevölkerung intuitiv auf "den Krieg" schiebt, ist Nachkriegszerstörung, ich möchte fast soweit gehen, zu sagen, dass die Nachkriegszeit mehr zerstört hat als der Krieg selbst. Er hat eben nur den gestalterischen Konsens zerstört und wenn erst ein Hausbesitzer in einer kleinen Wohnstraße in -sagen wir Walle- angefangen hat, den Stuck abzuschlagen, die beiden Vorderfenster zu einem zu vereinigen und zu "horizontalisieren" und das ganze mit einer brüllend hässlichen Billigklinkerverblendung nebst Aluhaustür zu verzieren, konnten es die Nachbarn meist gar nicht mehr abwarten, auch zum Baumarkt zu fahren und den Mist zu wiederholen, weil es so schön modern aussieht.
    • Roon bleibt in seiner Straße farblos

      In der Roonstraße, fast in der äußersten Nordwestecke des Stadtteils Östliche Vorstadt und des Ortsteils Fesenfeld gelegen, findet sich an der bahnseitigen, nördlichen Hälfte der Straße eine fast lückenlose Reihe spätgründerzeitlicher ‚Bremer Häuser’ deren Bau im Jahre 1891 begonnen und im Jahre 1897 abgeschlossen wurde. Unter den Erstbeziehern werden im Bremer Adressbuch von 1892 für Bremen so prominente Familiennamen wie Hauschild (der Familie gehörte die in Bremen ansässige, seinerzeitige Großherzoglich Oldenburgische Hofbuchdruckerei) und Donandt (aus dieser Juristen-Familie ging der noch vor 1914 zum Senator gewählte und bis 1933 amtierende große Bürgermeister Martin Donandt hervor, den manche als den bisher letzten wirklichen Bürgermeister unserer Stadt bezeichnen…) genannt. Erbauer dieser vierzig Häuser umfassenden Zeile soll – laut einer mündlichen Überlieferung – der Maurermeister Johann Wilhelm Randermann gewesen sein. Einige dieser Häuser bilden kleine Ensembles von denen drei hier kurz vorgestellt werden sollen:

      Die Häuser Nr. 1- 3

      Diese beiden 1893 bis 1894 fertiggestellten Bauten, deren Erstbezieher ein Privatier und ein Inhaber einer heute nicht mehr bekannten –wohl kleineren – Handelsfirma waren, fallen zunächst einmal schon alleine dadurch aus dem Rahmen der standartmäßigen ‚Bremer Häuser’ der Spätgründerzeit, als sie nicht lediglich drei sondern vier Fensterachsen aufweisen. Sie sind als spiegelbildliches Doppelhaus konzipiert, deren vorkragennde aneinandergrenzende jeweils zwei Fensterachsen, einen vierachsigen Mittelrisalit bilden. Die beiden Fenster des ersten Obergeschosses beider Häuser werden jeweils von zwei Lünetten bekrönt und beide Lünettenpaare werden jeweils von zwei Medaillons flankiert, die in beiden Fällen zum einen die behelmte Pallas Athene, zum anderen Herkules mit dem Umhang des Nemeischen Löwen zeigen. Diese Darstellungen, von denen man annehmen kann, daß Sie Stuckmodeln der Firma Lauermann aus Detmold entstammen, sollen wohl für die ‚Weisheit’ und die ‚Stärke’ stehen, die in diesem Doppelhaus eine Heimstatt haben sollen. Meines Wissens im heutigen Bremen einzigartig an einem Privathaus sind jedoch die Lünetten selber, die jeweils eine Baumwollblüte, eine Vase, noch eine Vase und eine Lilie darstellen. Das Einzigartige ist nun, daß diese Lünetten in polychormen Mosaik ausgeführt worden sind. Es ist nicht auszuschließen, daß diese vom ‚Kaiserlichen Hoflieferanten’, der Mosaik-Fabrik Puhl & Wagner aus Rixdorf (heute Neuköln) stammen. Dies müßte aber erst noch verifiziert werden.

      Die Häuser Nr. 73 – 79

      Diese – heute die Nummern 75 bis 81 tragenden – Gebäudegruppe taucht erstmals 1897 im Bremer Adressbuch auf, muß also 1896 (spätestens zum Redaktionsschluß des Adressbuches für das Folgejahr) fertig gewesen und bezogen worden sein. Die Gebäude zeigen zwar die traditionelle Dreiachsigkeit der typischen ‚Bremer Häuser', weisen aber in den Fensterbekrönungen ihrer vier Portalrisalite einen besonderen Reliefschmuck – wohl auch von Lauermann in Detmold – auf. Während die mittleren beiden Giebelfelder auf Industrie und Handwerk sowie auf Handel und Schiffahrt verweisen, enthalten die beiden äußeren die Porträtmedaillons von Graf Moltke und dem Namensgeber der Straße, Kriegsminister Albrecht von Roon. Der Witz bei der Sache ist dabei gegenwärtig der, daß das Medaillon des ‚großen Schweigers’ durch eine naturalistische Fassung hervorgehoben ist (so als ob er der Staßé seinen Namen gegeben hätte), während Roon farblos geblieben ist und daher eher übersehen werden kann.

      Die Häuser-Gruppe in der Mitte der Zeile

      Diese größte Gruppe innerhalb der Nordzeile vermittelt immer den Eindruck, als wenn sich der Baumeister bei ihm an der Fassade des Katharinenpalastes in Zarskoje Selo orientiert hätte. Aber das mag nur meine subjetkive Empfindung sein.



      Nachfolgend die Abbildungen:

      Die Lage der Roonstraße (rot markiert) im Verhältnis zu Altstadt (links unten in Form von Stadtgraben, Ostertors-Torhäusern, Kunsthalle und Altmannshöhe sichtbar) und Weser (unten) auf der Stadtkarte von 1938.





      Die ‚Mosaik-Haus’-Gruppe (blau) und die ‚Roon-Moltke’-Gruppe (rot) auf der Stadtkarte.





      Ansicht der Mosaik-Haus-Gruppe von Südost.





      Ansicht der Mosaik-Haus-Grupppe von Südwest





      Der ‚Mittelrisalit’ mit den Medaillons und Lünetten.





      Mediallon mit der behelmten Pallas Athene.





      Mosaik-Lünette mit der Baumwollblüte.





      Mosaik-Lünette mit Vase.





      Medaillon mit Herkules unter dem Fell des Nemeischen Löwen.





      Mediallon mit der behelmten Pallas Athene.




      The post was edited 2 times, last by Pagentorn ().