Am 9.November findet unser großes Initiativentreffen in Frankfurt am Main statt. Unter der Rubrik "Aktuelles und Allgemeines" finden Sie alle Informationen vor.

Bremen - Westliche Vorstadt und Utbremen

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    • Bremen - Westliche Vorstadt und Utbremen

      Was für Lübeck der Angriff von Palmarum 1942, für Köln die Operation Millennium, für Hamburg die Operation Gomorrah, für Königsberg die Flächenbombardements von August 1944 und für Dresden die Angriffe ab dem 13. Februar 1945 waren, das war für Bremen die Nacht des 18. auf den 19. August 1944. Mit Ausnahme des Angriffs vom 20. Dezember 1943, der den Samen des Todes in den Turm der St. Ansgarii-Kirche einpflanzte, war kein anderer der übrigen 171 Luftangriffe auf Bremen (insgesamt also 173) für das Stadtbild und hinsichtlich des Verlustes an Menschenleben so verheerend wie dieser. Er stellte das einzige gezielte Flächenbombardement auf Bremen dar, welches primär Wohngebiete betraf und einen ganzen Stadtteil ausradierte: Nach dieser Nacht waren die ‚Westliche Vorstadt’ (auch ‚Alter Westen’ genannt) und die seit der Gründerzeit in die städtische Bebauung stufenweise einbezogenen ehemalige Feldmark ‚Utbremen’ Geschichte. Man sah am Morgen nach dem Angriff nur noch eine Ruinenwüste.

      Niemand hat jemals für dieses Gebiet großflächige Rekonstruktionen gefordert. Eine solche Forderung würde auch bis heute keinen Fürsprecher finden. Allerdings hätte man in Anlehnung an das belgische Ypern einige prägende Großbauten durchaus durch Totalrekonstruktionen zurückgewinnen können und sollen. Diesen Gebäuden möge der folgende Strang gewidmet sein.

      Abbildung 01
      Stadtkarte von 1938. Westlich von Altstadt und Bahnhofsvorstadt liegen (links) die Westliche Vorstadt und Utbremen.



      Abbildung 02
      Schon frühere Luftangriffe hatten die westliche Vorstadt gezeichnet.
      Hier ein Blick vom Dach des Bunkers des Diakonissen-Krankenhauses nach Südosten in die Nordstraße hinein. Im Hintergrund erkennbar (von links nach rechts): Turm von St. Michaelis, Turm von St. Remberti, Herdentorsmühle, Turm und Giebel des Lloydgebäudes, Turm von Unser Lieben Frauen, Vierungsturm des St. Petri Doms, Turm von St. Ansgarii, Turmpaar des Doms. Etwas links des Bildmittelgrundes: Das Volkshaus an der Nordstraße. Dieses ist neben den Türmen von ULF und Dom das einzige auf dem Foto sichtbare Gebäude, welches Krieg und ‚Wiederaufbau’ überlebt hat.



      Abbildung 03
      Der Blick in die Gegenrichtung nach dem 18./19. August 1944 – man sieht im Hintergrund die Willhadi-Kirche, die Roland-Mühle, St. Marien und den Waller Wasserturm – ist schon schwer verdaulich.



      Abbildung 04
      Aber dieses Luftbild offenbart das ganze Ausmaß der Zerstörung: Wir haben es hier mit einer Geisterstadt zu tun ! (Rot eingekreist: Michaeliskirche; blau eingekreist: St.Stephani in der Altstadt)

    • Haus Seefahrt

      Nachdem die 1545 gegründete und seit 1562 in ihrem ersten eigenen Hause an der Hutfilterstraße im Ansgari-Viertel ansässige Stiftung ‚Haus Seefahrt’, die sich bis heute der Fürsorge für alte Seemänner, deren Frauen und Witwen widmet, im Zuge des Durchbruchs der Kaiserstraße 1874 ihr Domizil an der Hutfilterstraße hatte aufgeben müssen, hatte sie ihren Hauptsitz an die Lützower Straße in der Westlichen Vorstadt verlegt, wo es bereits seit 1851 eine kleine Dependance gegeben hatte. Dort entstand von 1874 bis 1876 ein neues Haus Seefahrt, welches als Hauptzugang von der Lützower Straße her, das hierher von der Hutfilterstraße tanslozierte historische Portal erhielt. Neben 51 Wohnungen für die Stiftsinsassen wurde vor allem ein repräsentatives neues Verwaltungs- und Festgebäude im Innenhof des Stiftes errichtet, in dem seither alljährlich die berühmte Bremer ‚Schaffermahlzeit’ stattfand. Nach der Zerstörung im Bombenkrieg verlegte man Haus Seefahrt nach Grohn in ‚Bremen-Nord’ wohin auch das – schwer beschädigte, aber später wiederhergestellte – historische Portal umzog. Der dortige ‚dritte’ Seefahrtshof erhielt jedoch neben den Wohnungen der Stifts-Insassen keinen eigenen Festsaal mehr, denn die Schaffermahlzeit wird seit dem Zweiten Weltkrieg in der oberen Rathaushalle in der Altstadt begangen. So schön es auch ist, daß dieser Brauch in das Zentrum der Stadt und damit dorthin zurückgekehrt ist, wo er einst entstanden war, so hat doch Bremen mit dem Festsaalgebäude an der Lützower Straße einen veritablen Feierraum verloren…
      Auf dem Areal des ‚zweiten’ Hauses Seefahrt (von 1874) befindet sich gegenwärtig ein Sportplatz. Diese Nutzung als der der historischen Bedeutung dieses Ortes angemessen zu bezeichnen, fällt schwer.

      Abbildung 01
      Stadtkarte von 1938. Rechts unten ist der westliche Teil der Altstadt mit St. Ansgarii, rechts oben der westliche Teil der Bahnhofsvorstadt mit St. Michaelis zu sehen. Links sieht man die Westliche Vorstadt und Utbremen. Farblich markiert ist der Seefahrtshof von ‚Haus Seefahrt’ zwischen Lützowerstraße und Doventor-Steinweg.



      Abbildung 02
      Um neunzig Grad nach rechts gedrehter Ausschnitt aus Abbildung 01. Man erkennt sehr schön die beiden sich parallel gegenüber stehenden Wohntrakte der Stiftungsinsassen, sowie den großen Verwaltungs- und Festsaalbau (das ‚Haus Seefahrt’ im engeren Sinne).



      Abbildung 03
      Luftbild von Haus Seefahrt aus der gleichen Blickrichtung wie in Abbildung 02.



      Abbildung 04
      Blick über den ‚Panzenberg’ in den Doventor-Steinweg. Der rote Pfeil markiert den Eingangstrakt zum Seefahrtshof (hier hinter dem Bauvorsprung des Nachbargebäudes verborgen), der bereits 1851 als Dependance des alten Hauses Seefahrt an der Hutfilterstraße entstanden war.



      Abbildung 05
      Blick vom Panzenberg auf den Eingangstrakt am Doventor-Steinweig (rot eingekastelt).



      Abbildung 06
      Das Portal des Eingangstraktes am Doventor-Steinweg erinnert an die heute noch bestehenden Portale des Remberti-Stifts in der östlichen Bahnhofsvorstadt.



      Abbildung 07
      Blick vom Eingang an der Lützower Straße – vonSüdwest nach Nordost – über den Seefahrtshof in Richtung des Einganges am Doventor-Steinweg. Rechts kommt der Risalit des Festaalbaus ins Blickfeld. Links die Wohngebäude der Stiftsinsassen (Bremisch ‚Prövener’).



      Abbildung 08
      Blick von der Nordwestkante des Festsaalbaus in Richtung der Wohngebäude und des Eingangs am Doventor-Steinweg.



      Abbildung 09
      Blick vom Eingang an der Lützower Straße in Richtung Eingang am Doventor-Steinweg. Die Gartenanlage im Zentrum des Seefahrtshofs ist gut zu sehen.



      Abbildung 10
      Das an die Lützower Straße translozierte historische Eingangsportal des ersten Hauses Seefahrt an der Hutfilterstraße. Links die hohen Wohngebäude von 1874-1876.



      Abbildung 11
      Blick über vom Gehweg auf der gegenüberliegenden Seite der Lützower Straße auf den neuen Haupteingang von Haus Seefahrt.



      Abbildung 12
      Die Neptun-Statue in der Gartenanlage vor dem Portal des Festsaalbaus.



      Abbildung 13
      Der Festaalbau (Haus Seefahrt im engeren Sinne) von West.



      Abbildung 14
      Der Festsaalbau von Nordwesten.



      Abbildung 15
      Die Eingangshalle.



      Abbildung 16
      Eingangshalle. Durchblick durch den Wappensaal zum Festsaal.



      Abbildung 17
      Der Wappensaal (mit den Wappen der Vorsteher von Haus Seefahrt).



      Abbildung 18
      Der Festsaal.
      Besonderer Schmuck waren die Gemälde von Arthur Fitger, die Erdteile und Winde darstellend.



      Abbildung 19
      Die Gemälde wurden während des Krieges ausgelagert und haben so überlebt. Die die Erdteile darstellenden Gemälde befinden sich heute im Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven. Hier zu sehen: Europa und Afrika.



      Abbildung 20
      Die die Winde illustrierenden Bilder sind – z.T. – im Bremer Übersee-Museum ausgestellt.



      Abbildung 21
      Die für die Schaffermahlzeit eingedeckte Tafel im Festsaal.



      Abbildung 22
      Die Schaffermahlzeit 1912 mit Graf Zeppelin als Ehrengast.



      Abbildung 23
      Das Sitzungszimmer des Vorstandes von Haus Seefahrt.



      Abbildung 24
      Die Ruine des historische Portals an der Lützower Straße bei Kriegsende.



      Abbildung 25
      Der Vorkriegs-Stadtgrundriß dieses Areals überlagernd auf ein aktuelles Luftbild gelegt.
      Die Grundfläche des Festsaalbaus von Haus Seefahrt wird heute von neuer Wohnbebauung und einem Sportplatz eingenommen.



      Abbildung 26
      Der Sportplatz ‚Panzenberg’ in der Gegenwart. Hinten links würde der Festsaalbau in die Rasenfläche hineinragen.







    • Nochmal zu den in schockierenden Bildern dargestellten Kriegszerstörungen im Bremer Westen (lf. Nr. 1) Mir kam dabei gleich in Erinnerung, was Wolf Jobst Siedler in seinem beeindruckenden Buch "Die gemordete Stadt" geschrieben hatte, das sich ja besonders mit der Berliner Situation beschäftigt. Siedler berichtete sinngemäß, dass die meisten Gebäude lediglich "ausgebrannt" waren. Damit meinte er, dass die Fassaden vorne und hinten (ausgehend von einer Blockbebauung) noch standen. Das Dach war zerstört und die Holzdecken im Inneren sind durch Brandbomben verlustig gegangen.
      Wenn ich mir die Bilder vom Bremer Westen ansehe, denke ich immer an diese Aussagen von Siedler und schaue - diese im Hinterkopf - auf diese Zerstörungen. Wenn der erste Schock vorbei ist und man genauer hinsieht, kann man Siedlers These wohl auch für Bremen bestäigen. Eine Reihe von Gebäuden scheint auf den zweiten Blick nicht so zerstört wie auf den ersten. Dach drauf, im Inneren die Fußböden neu einbauen wäre besser gewesen als Flächenabriss.
      Aber - das mussten die Stadtplaner auch wollen. Diese hatten aber, wie wir jetzt wissen, ganz andere Pläne für die Zukunft unserer Städte.

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    • Hier nochmal ein sehr positiver Artikel zu einem der gelungeneren und von mir an anderer Stelle schon einmal vorgestellten Projekt "Deichhäuser" in der Überseestadt:

      Link zur Architekturzeitung

      Es ist wirklich nicht sehr schwer, mich zufriedenzustellen. Diese Form der Architektur mit Ortsbezug in Materialität und Gestalt (Klinker, minimalexpressionistisch) würde die Qualität neuen Bauens um 300% erhöhen, wenn es mal etwas konsequenter verfolgt würde und nicht immer nur als Zufallsprodukt abfiele.

      Wie gesagt, es ginge natürlich auch alles noch besser, aber allein ein solches Niveau durchgehend wäre ein riesiger Schritt für unsere Neubaugebiete.
    • Manchmal ergeben sich interessante Zufälle. Ich war letzte Woche in einer Kneipe, in der dieses Bild an der Wand hing:



      Komisch, dachte ich, das Haus kennste doch, und siehe da, es handelt sich wirklich um den einzigen überlebt habenden Altbau in einem weiten Umkreis von bestimmt 300 m. Dieser steht in Utbremen am Steffensweg und ist einer dieser bis zur Unkenntlichkeit verkrüppelten Gründerzeitler, die man so kennt hier im Norden und Westen des Landes. Hier mal eine Luftaufnahme der Umgebung:



      Und hier ein Foto mit Streetview:



      Das interessante hieran (neben dem schieren Überleben inmitten der Wüste, die Utbremen im wörtlichen Sinne war, siehe oben) ist nun, dass das Gebäude offensichtlich keineswegs erst nach dem Krieg in den beklagenswerten Zustand gebracht worden ist. Ich kann mir jedenfalls angesichts der Zerstörung auf dem ersten Bild nicht vorstellen, dass das Gebäude erst 1945 oder 1946 so entstellt worden ist und viel später kann das erste Bild ja nicht aufgenommen worden sein angesichts des noch nicht geräumten Schutts auf dem Bild.

      Will sagen: Die Entstellungswelle scheint auch schon vorher durch unsere Städte gerollt zu sein, wir wissen das schon von Einzelfällen, aber es ist doch interessant, einen solchen hier mal dokumentiert zu finden. Ich hatte wie gesagt immer gedacht, okay, ein typisches Nachkriegsopfer, dieses wohl ehemals schöne Eckhaus. Aber außer, dass das ehemalige Dachgeschoss unter Erhalt der bestuckten Gauben zum Vollgeschoss ausgebaut worden ist und natürlich Plastikfenster eingebaut wurden, datieren die wesentlichen Entstellungsmerkmale (Horizontalisierung, Entstuckung der unteren Geschosse) definitiv aus der Vorkriegszeit.