Ursachenforschung der Abrißwut in Bremen und anderswo

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    • Lieber Nothor!

      Deinem Fazit " Die Menschen wollen es wohl leider nicht mehr schön, sondern praktisch" kann ich nicht zustimmen. Die Altbaugebiete gehören heute zu den attraktivsten Wohnorten in fast jeder deutschen Großstadt.Der Run auf die Gründerzeitviertel ist nach wie vor da und verteuert die Wohnungsmieten enorm. Die Altbauviertel bieten etwas, was in den modern gestalteten Wohnvierteln fehlt: Atmosphäre, Schönheit, Identität. Natürlich werden weiterhin moderne Wohungen nachgefragt. Der Grund: Die gegenwärtige Wohnraummisere. Aber wenn die Leute könnten, würden sie lieber in den schöngestalteten Gebäuden leben, übrigens auch die Architetken. Wir alle kennen doch das Bonmot: Modern ausgerichtete Architekten wohnen selbst gerne in Gründerzeit- und Jugendstilvillen.


      Auch dem anderen Fazit "Ich sehe keine einzelne Gruppe, der man eine Schuld geben kann" kann ich nicht folgen. Die moderenen Stadtpaner wollten nachweislich die neue Stadt und haben nach dem Krieg unsere Städte in einer sogenannten Zweiten Zerstörung nochmals verwüstet. Sie wollten die enge, mittelalterlich gestalteten Stadtkerne "auflockern", mehr Licht und Luft war die Prämisse, das ging nur durch Abriss. Sie mochten die als minderwertig empfundenen Bauten des Historismus nicht, die Kriegsschäden bildeten einen Auftakt zu diversen Abrissen. Und schließlich ging es darum, die Stadt für den Autoverkehr so angenehm wie möglich zu gestalten. Auch das ging nur durch Abriss. Als Beispiel für Bremen kann hierfür die Martinistraße herhalten. Pagentorn hat dazu dankenswerterweise einen Beitrag auf Bremen - Innenstadt - Allgemeines Jacobihalle lf. Nummer 47 eingestellt: Für den Autoverkehr wurde gar ein Gebäude aus der Zeit der Gotik geopfert.

      Damit wäre zumindest schon eine Gruppe ausgemacht, die für die Zerstörung unserer Städte (drei Argumente zu deren Beweggründen habe ich aufgeführt) - im Verein mit anderen Gruppen - verantwortlich war.
    • Da hast du sicherlich recht, mit beidem. Das Thema "Beliebtheit von Gründerzeitvierteln" ist ja schon mehrfach ausführlich diskutiert worden, ist unbestritten und ich teile es auch. Ich suchte selbst gezielt nach einer solchen Bleibe, Anders wollte ich nicht wohnen müssen.

      Hinsichtlich des "die Stadtplaner sind schuld" ist das so eine Sache, und mir persönlich zu einfach. Denn die Frage muss dann erlaubt sein weswegen quasi alle Stadtplaner in Ost- und Westdeutschland so tickten, und allerhöchstens mangels Finanzen oder vereinzeltem bürgerlichem Protest das eine oder andere doch nicht abgerissen wurde. Die "Stadtplaner" sind i.d.R. Angehörige von Stadtverwaltungen und realisieren, was die Politik vorgibt und sie wiederum aus Bürgerwillen, Wahlen, Umfragen und Gutachten herauslesen meint. Dazu kommen Presse und Lehre, die zusätzlich Propaganda machen für neues und gegen das Traditionelle. Das war aber wohl schon immer so. Die Stadtplaner, die ich kenne, sehen sich eher als Opfer von Lobbyinteressen aus Politik und Wirtschaft sowie gesetzlichen Zwängen unterworfen und meinen, deshalb könnte man nie das optimale umsetzen.
      Ich glaube vielmehr, dass es ein Phänomen ist, dass es so schon immer gab, der Wille wichtiger politischer Entscheider, irgend etwas zu verändern und zu hinterlassen. Will nicht jeder Politiker einen neuen Flughafen oder eine Autobahn einweihen, ein neues Regierungsgebäude bauen lassen oder eine Uni? Und wenn das nicht geht, na dann wenigstens irgendwas vorhandenes umgestalten und am Besten alles völlig neu und noch nie dagewesen. Das hat doch wunderbar mit den kruden Licht-und Luft-Theorien des Bauhaus zusammengepasst, und die Wirtschaft jubelte. Es gab nur Gewinner, deswegen rollte eine beispiellose Abriss- und Neubauwelle durch das Land die uns bis heute schmerzt an der wir noch lange herumreparieren müssen. Kein politischer Führer ist je unsterblich geworden, weil er etwas traditionelles bewahrt und erhalten hat, diese Dinge werden historisch immer negativ behaftet (reaktionär, fortschrittsfeindlich, zögerlich, antimodernistisch etc). Die Stadtplaner sehe ich da eher als willfährige Vasallen, wenn da einer widerspricht wird er halt aus dem Amt entfernt.

      Ich meine dass insbesondere nach dem 2. WK und bis heute mehrere Dinge unglücklich zusammen passen: 1. Es ist genug Geld vorhanden, je verrückter ein Bauvorhaben, desto mehr Geld wird dafür bereit gestellt. 2. Die Architekturlehre ist viel experimenteller und abenteuerlicher als je zuvor, sie grenzt bisweilen an Science-Fiction von sich selbst erhaltenen Städten oder exothermen Gebäudestrukturen usw. usf. Studenten werden aufgefordert, neu zu denken und alles anders zu machen, was ich auch als lernbehindert bezeichnen würde, da man so nicht aus Fehlern lernen kann und sie zwangsläufig wiederholt. 3. Ein unerschütterlicher Fortschrittsglaube mit gleichzeitigem Entwicklungstempo, das einem immer glauben lässt das aktuelle sei morgen schon zu alt. Es kann also garnicht modern genug sein, man baut bzw. kauft am besten jetzt schon das, was erst morgen erfunden und gebraucht wird. 4. Eine Schlagzeilenpresse, die Neues, das alte Hinwegfegende hofiert und tendenziell immer den Erhalt als fortschrittverhindernd kritisiert. M.m.n. hat die Presse hier eine oft unterschätzte Rolle. Neue Wege werden dann auch in der Architektur und in der Stadtplanung oft als Lösung für die Krisen unserer Zeit gepriesen, ohne dass untersucht wird inwieweit die neuen Lösungen von gestern vielleicht erst Probleme schufen, die es ohne sie nicht geben würde.
      Sicherlich kommt noch einiges hinzu, aber in der Summe erkenne ich eine sich selbst beschleunigende Spirale, in der ich keinem einzelnen Akteur die Schuld geben kann.
    • Warum werden Architekten gegenüber Malern und Komponisten benachteiligt ?

      Wenn ich mich recht erinnere, so hat Axel Spellenberg schon einmal die Frage aufgeworfen, warum dieser Drang, Bestehendes abzuräumen oder zumindest umfangreich daran herumzumanipulieren lediglich die ‚Königin der Künste’, die Architektur, betrifft. In der Tat fällt einem kein Fall ein, in dem an einem im Museum hängenden Gemälde eines großen Künstlers von den nachfolgenden Generationen – ‚Verbesserungen’ vorgenommen worden wären (von klassischen Bilderstürmen wollen wir hier natürlich nicht reden). Und hat man je davon gehört, daß man den Partituren von Bach, Beethoven, Mozart etc. nachträglich neue Passagen hinzugefügt, bzw. originale Teile weggelassen und das so veränderte Werk dann im Konzertsaal zur Aufführung gebracht hätte; die ‚Kunst der Fuge' mit Gospel-Anteilen sozusagen (von sogenannten ‚Cross-Over’ Konzerten wollen wir hier nicht sprechen) ? Am Geld kann es nicht liegen, denn gerade in der Musikbranche wird ja intensiv Gott Mammon gehuldigt…

      Also: Warum genießen z.B. Anton von Werner und Gustav Mahler Bestandsschutz, während an den Werken Franz Schwechtens jeder drittklassige nachgeborene 'Architekt' herumpfuschen darf ?
    • Pagentorn schrieb:

      Warum werden Architekten gegenüber Malern und Komponisten benachteiligt ?



      Also: Warum genießen z.B. Anton von Werner und Gustav Mahler Bestandsschutz, während an den Werken Franz Schwechtens jeder drittklassige nachgeborene 'Architekt' herumpfuschen darf ?

      Der Grund liegt darin, dass der öffentliche Raum kein geschlossenes Museum ist. Die Werke in einem Museum lassen sich nach Belieben abhängen und deponieren. Gebäude lassen sich -für denselben Zweck- nur abreißen oder erweitern. Letzteres ziehe ich dem Abriss immer noch vor. Wenn Sie jedoch die einzelnen Kunstwerke in Museen betrachten, lässt sich schon ein „Aufräumen“ mit Traditionen und damit auch einen Verlust an künstlerischer Qualität feststellen, spätestens ab 1945. Das betrifft also die bildenden Künste genauso. Nur ist hier ein Nebeneinander möglich, das im öffentlichen (begrenzten) Raum schwierig wird. Hinzu kommt, dass Gebäude abseits des ästhetischen Eindrucks einer Funktion dienen, man also Bauen kann ohne jeglichen künstlerischen Anspruch. Das ist in der Malerei schon etwas schwieriger (wobei man sich auch dort dieser Praxis annähert) und in der Musik beinahe unmöglich. Da der Raum öffentlich ist, gibt es keinen letzten Richter (zahlendes Publikum, Mäzene, Kuratoren etc) und Besitzer: er gehört dem Architekten ebenso, wie der Stadt, wie den Bewohnern etc. Letztere hätten die Möglichkeit, gegen die Scheusslichkeiten unbegabter Architekten zu protestieren- tun sie aber nicht, weil sie eine Stadt als funktionales und nutzbares Gebilde sehen und nicht als ästhetisches (und es in vielen deutschen Städten gar nicht anders kennen). Den zahlreichen Stadtplanern ist es ebenso egal, da niemand durch neue Gebäude repräsentiert wird (wie z.B. Kaiser oder Fürsten, die ihre Städte als Spiegelbild ihrer selbst sahen). Und den Architekten ist es ebenfalls recht, Schuhkartons zu bauen, da sie a) meistens kein Talent besitzen und b) ganz banal möglichst viel bei kleinem Aufwand verdienen wollen.

      Letztlich: man zahlt keinen Eintritt dafür, dass man sein Büro ansehen kann und kann dementsprechend auch nicht aus Protest seine Arbeit darin verweigern- man muss es nutzen, ob in einem Alt- oder Neubau. Ähnlich sieht es auch bei Wohnungen aus.
    • Ich glaube, es ist noch schlimmer: Es gibt bei den Verfechtern der Moderne einen "Umerziehungswillen", dem mit fast schon religiösen Eifer angehangen wird. Der Rest der Menschheit ist zwangszubeglücken, da er zu doof ist, zu erkennen was gut und und was schlecht ist.

      Deshalb auch die vehemennte Abneigung gegen und Bekämpfung von Rekos, obwohl diese deutlich weniger als ein Promille der Neubauten ausmachen dürften - Rekos sind gefährlich, weil sie die Augen dafür öffnen können, dass es zur Hässlichkeit auch Alternativen gibt.
    • Übrigens, ich würde niemals derartig plakativ eine "Schuld" der Protestanten behaupten, wie in einem der vorigen Beiträge persifliert wurde. Die Tendenz protestantisch geprägter Nationen zu Atheismus und Progressivismus lässt sich sehr einfach erklären, ohne die Schuld direkt dem Protestantismus aufzubürden. Im 18, 19. und frühen 20. Jahrhundert waren die protestantischen Länder Europas aufgrund der ihnen ureigenen Arbeitsethik tendenziell wohlhabender als die katholischen. Je besser es den Menschen geht, desto irreligiöser werden sie. Damit haben gewisse (nicht zwingende) Interpretationen der protestantischen Lehre unbeabsichtigterweise ein gesellschaftliches Umfeld geschaffen, das ein Verschwinden der Religion (und damit auch des Protestantismus selbst) begünstigt. Und dass Irreligiösität bzw. Atheismus statistisch gesehen mit einer Tendenz zu Progressivismus und Liberalismus einhergeht, ist wohl nicht zu bezweifeln.

      nothor schrieb:

      1. Es ist genug Geld vorhanden, je verrückter ein Bauvorhaben, desto mehr Geld wird dafür bereit gestellt. 2. Die Architekturlehre ist viel experimenteller und abenteuerlicher als je zuvor, sie grenzt bisweilen an Science-Fiction von sich selbst erhaltenen Städten oder exothermen Gebäudestrukturen usw. usf. Studenten werden aufgefordert, neu zu denken und alles anders zu machen, was ich auch als lernbehindert bezeichnen würde, da man so nicht aus Fehlern lernen kann und sie zwangsläufig wiederholt. 3. Ein unerschütterlicher Fortschrittsglaube mit gleichzeitigem Entwicklungstempo, das einem immer glauben lässt das aktuelle sei morgen schon zu alt.
      Absolute Zustimmung! Wer war denn schon seit langem der Held abendländischer Zivilisation? Richtig, der unruhige, rebellische Genius, der Einzelgänger, der die Welt aus fremden Höhen einsam überblickt, der, nur aus sich selbst schöpfend, die äußeren Wirklichkeiten gegen alle Hemmnisse als Widerspiegelung seiner inneren Verfassung gestaltet. Die Betonung des Individualismus war ein gewaltiger Motor des Abendlandes und stellt einen der maßgeblichsten Faktoren für die einzigartige zivilisatorische Entwicklung Europas dar. Das kreative Genie wird nicht niedergemacht zugunsten der Gleichmacherei eines Kollektivs, sondern in seiner Entfaltung gefördert und sogar zum Typus einer ganzen Zivilisation erhoben! Aber im Endeffekt war es ein Spiel auf Zeit, irgendwann musste man beinahe zwangsläufig an den Punkt gelangen, an dem die Objektivität des Kollektivs vollkommen der Subjektivität des Individuums weicht. Der Rubikon wurde längst überschritten. Objektive Qualität (sofern das Vorhanden einer solchen nicht per se abgestritten wird) zählt heute nichts mehr im Vergleich zu einem Zwang der Neuartigkeit, des Rebellentums, der Individualität. Da das Schöne schon verwirklicht wurde, ist eine Neuschöpfung von Hässlichem der Wiederholung der Schönheit aus heutiger Sicht künstlerisch überlegen. Ob wir allerdings wirklich im eigentlichen Sinne über das Flüsschen hinweg sind, ist natürlich die andere Frage. Die Dominanz des Individuellen gilt nicht nur als gesellschaftliches Endziel, sondern wird allgemeinhin als schon zum großen Teil verwirklicht postuliert. Das alles ist natürlich nur Schein, denn das, was einstmals tatsächlich Auflehnung gegen die Norm war, ist inzwischen selbst zur Norm geworden. Die derzeitigen Kultureliten sind das repressive Kollektiv, so sehr sie für sich auch den Nimbus heroischen Rebellentums beanspruchen. Was einstmals objektive Nicht-Qualität war, ist "objektive" Qualität geworden.

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    • "Objektive Qualität (sofern das Vorhanden einer solchen nicht per se abgestritten wird) zählt heute nichts mehr im Vergleich zu einem Zwang der Neuartigkeit, des Rebellentums, der Individualität"

      OK, aber warum kommt dann die Moderne derart uniform daher? Die Überwindung der Schönheit ist ja nun seit 70, 80 oder 90 Jahren "gelungen". Im architektonischen Alltag vermag ich nicht viel Neues zu entdecken, stattdessen werden Quader und Raster zum zigmillionsten Mal wiederholt. Einzelne Leuchtturmprojekte a la Elbphilharmonie ändern nichts an der einheitlichen Masse.

      Das wahre Rebellentum ist der Mut zur Reko!
    • Genau das hatte ich ja im letzten Abschnitt des Beitrags geschrieben. Im Endeffekt haben wir es hier mit Orwellschem Neusprech zu tun: Heute bedeutet es, "modern" zu bauen, wenn man denselben (minimal abgewandelten) Baustil bedient, der schon seit 100 Jahren existiert und seit Ende des Zweiten Weltkriegs komplett dominiert. Die derzeitigen Kultureliten haben die Begriffe des "Individualismus" und "Rebellentums" für sich okkupiert, so wie "Rationalität" und "Skeptizismus" heutzutage nicht bedeuten, wirklich auf Grundlage empirischer Fakten zu argumentieren, sondern bestimmte Positionen zu vertreten, von denen manche glauben (oder glauben wollen), dass man zu ihnen, beachte man die objektiven Fakten, geradezu gelangen müsse. Geradezu unbemerkt gehen diese neuen Bedeutungen, die man den Begriffen zuweist, in das kulturelle Bewusstsein ein, obwohl sie mit dem eigentlichen Sinn der Wörter nichts zu tun haben oder diesem sogar widersprechen. Die herrschende Elite hat nun einmal die Sprachhoheit und sichert sich die positiven Assoziationen. Es ist öfters zu beobachten, dass gesellschaftlich-kulturelle Bewegungen auf den Schock, ihre Ziele durchgesetzt zu haben, mit einer illusorischen, selbstbetrügerischen Flucht in die Zustände zuvor reagieren und diese für alle Zeit einzufrieren gedenken. Wie soll denn da eine Bewegung, die das Rebellentum und die Neumacherei zum kulturellen Ideal per se erhebt, dem entgehen, ohne sich selbst aufzulösen? Wäre sie hundertprozentig ehrlich, müsste sie dies natürlich bereitwillig tun, aber dem stehen die menschlichen Eitelkeiten entgegen. Es ist generell ein Zug unserer heutigen Gesellschaft: Die Menschen fühlen sich beim größten Konformismus, als wären sie tapfere Freiheitshelden im Kampf gegen ein feindseliges System. Dabei sind sie selbst doch das System. Im Endeffekt ist, abgesehen von pragmatisch-ökonomischen Erwägungen, diese Chimäre von Neuartigkeit und Rebellion sogar die einzig mögliche Rechtfertigung, um unsere derzeitige, offenkundig hässliche Architektur zu begründen: "Ja, Rekonstruktionen mögen zwar schön sein, aber sie sind nicht zeitgemäß, denn heute baut man modern und außerdem würde man damit den Konservativen in die Hände spielen". Ist aber nicht der, der krampfhaft an einem jahrzehntealten Status Quo festhält, konservativ?
    • Die erwartete Reaktion ist da !

      Das baupolitische Establishment, welches das einst großbürgerliche, reichsweit ob seiner Schönheit bewunderte Bremen, in den letzten Jahrzehnten nach seinem Geschmack fast bis zur Unkenntlichkeit verbogen und die Stadt – auch insofern – zum bundesweiten Objekt von Verachtung und Spott gemacht hat, ist natürlich in keiner Weise daran interessiert, an diesem, für es wohligen, abgeschirmten Zustand des ‚Schmorens im eigenen, abgestandenen Saft’ auch nur das kleinste Detail zu ändern. Daß mit unseren Ideen der ‚Muff von 100 Jahren’ endlich einmal ausgelüftet werden könnte, ist für diese Kreise eine Horrorvorstellung, welche sie bisher durch Ignorieren oder Lächerlichmachen wegzudrücken suchten. Da sie aber nun feststellen mußten, daß dies nicht mehr funktioniert, lassen sie ihre ersten Wadenbeißer von der Kette (siehe beiliegenden Leserbrief vom heutigen Tage; 08.01.2019). Eigentlich ist das für uns ein Grund zum Feiern !
      Und die in dem Leserbrief zum Ausdruck kommende Geisteshaltung (Rekonstruktionen “passen jedenfalls nicht zu einer modernen Stadtentwicklung“) erklärt auch, weshalb in Bremen so viel abgerissen wurde und immer noch wird. Es sind genau solche Personen, die dem Abriß- und Modernisierungswahn Schützenhilfe leisten…

      (Da dieser Leserbrief somit mehrere Themenstränge betrifft, erlaube ich mir, ihn dort jeweils einzustellen.)

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Pagentorn ()

    • Die Gründe für die Abrißwut kinderleicht erklärt… von Viktor

      Weil die Altstadt ja ein so schönes historisches Ambiente bietet, möchte man von diesem Charme profitieren und deshalb dort mitten hinein ein neues Gebäude setzten, dessen Büro-, Gewerbe- und Wohnflächen sich dann lukrativ vermarkten lassen. Dem Gebäude selber eine altstadtgerechte Fassade zu geben, wäre unwirtschaftlich und im Übrigen auch unzeitgemäß, sie hat daher zu unterbleiben (wer möchte schön 'unmodern' sein). Hauptsache die Nutzer können von dem Neubau auf die schöne umgebende historische Bausubstanz blicken. Und so reiht sich binnen kurzer Zeit ein solcher ‚egoistischer Bau’- von dem schön auszublicken, der aber selber unschön anzublicken ist – an den nächsten, bis von der 'Altstadt' nur noch der Name übrig bleibt.
      Bremen ist ein gutes Beispiel für eine derartige - im Endeffekt schizophren und selbstzerstörerisch zu nennende -, an zahllosen Orten immer wieder gleich ablaufende Bauentwicklung.

      Als Angehöriger der ‚Generation Golf’ wünschte man sich, viele der Bauverantwortlichen hätten das Pixi-Buch Nr. 177 mit den Zeichnungen von Jan Lööf mehr beherzigt, der in kindgerechter Weise genau die obige Entwicklung skizziert…

      (Man braucht nur die 'Insel' mit ihrer reinen Luft durch die 'Altstadt' mit ihrem historischen Charme zu ersetzen, dann stimmt diese Analogie haargenau !)

      Anbei einige Exzerpte aus dem Büchlein:

































    • Ich möchte hier an Pagentorn anschließend auf die Bilderserie "Die Veränderung der Stadt" hinweisen. Ich glaube, es waren 7 Bilderbögen, die die Veränderung einer kleinen, liebenswürdigen und schönen Stadt zu einer modernen Kleinstadt dokumentieren. Zwar alles nur ausgedacht, aber doch hochrealistisch gemalt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von findorffer ()

    • 100 Jahre Bauhaus

      In einer seiner Kolumnen hatte sich der Journalist Harald Martenstein vor ein paar Jahren mit zwei Bauhausdirektoren "beschäftigt". Zum 100jährigen Jubiläum des Bauhauses sicher eine köstliche Glosse, die allerdings auf realen Erfahrungen beruht. Sie zeigt, was Bauhausdirektoren wirklich wollen: Nämlich das, was ganz viele Menschen möchten. Und natürlich gehört es unter Den Strang "Abrißwut", denn das Gedanken"gut" der Moderne ist nun mal die Basis für viele Stadtplaner gewesen und auch deshalb für viele Zerstörungen verantwortlich.



      Und wo wohnt der Bauhaus-Direktor? In einer Altbauwohnung



      Heute ist Dessau, wo das formbewusste Bauen wohnt, eine erstaunlich formlose Stadt. Dessau war Residenz, mit Schloss und allem, was dazugehört. Von den alliierten Bombern und von der DDR ist das historische Erbe gleich zwei Mal unter den Pflug genommen worden. Geblieben sind weite Flächen, aus denen hin und wieder eine alte Fabrik oder ein verlassener Plattenbau ragt. In Dessau könnte man, wenn es nur genug Publikum gäbe, locker 20 Kulturfabriken eröffnen. Aber die Stadt schrumpft. Statt die Außenbezirke abzureißen und sich in seinen Kern zurückzuziehen, geht Dessau, weil es keinen wirklichen Kern mehr hat, einen anderen Weg. Die Natur darf sich Teile der Stadt zurückerobern, große Schneisen zwischen den Ruinen, wo städtische Urwälder entstehen, für Parks fehlt das Geld. Jeder Dessauer, der eine Idee hat, bekommt von der Stadt kostenlos 400 Quadratmeter zur Nutzung, Innenstadtlage, es gibt Steingärten, Apothekengärten, nichts wirklich Zukunftsweisendes. In den USA würde man vielleicht Siedler aus aller Welt rufen, Land nicht verpachten, sondern verschenken, der große Treck nach Dessau, hey, kommt alle, baut auf, wir wollen Zukunft. Aber dies ist eben Sachsen-Anhalt .
      Ich habe einen Termin beim neuen Direktor des Bauhauses, Philipp Oswalt, Mitte vierzig, Pendler. Das wichtigste und bedeutendste Meisterhaus, das Haus von Walter Gropius, ist durch Bomben zerstört worden. Nun lautet die Frage: Wird es wieder aufgebaut?
      Oswalt sagt, das geht sowieso nicht. So etwas wird heutzutage nicht mehr genehmigt. Diese niedrige Brüstung, die engen Türen, alles viel zu gefährlich und nicht behindertengerecht. Der neue Mensch ist offenbar doch nicht entstanden, der mit extrem engen Türen zurechtkäme. Der Direktor des Bauhauses wohnt in Berlin-Schöneberg in einer Altbauwohnung mit Stuck und Flügeltüren. Er sagt, das sei Zufall. Zufällig war ich auch mal bei seinem Vorgänger zu Gast, Omar Akbar. Auch er hat in einem Berliner Altbau gewohnt, Jahrhundertwende. Es ist, genau wie beim Realen Sozialismus, deutlich leichter, in der Theorie für das Bauhaus zu sein, als ganz konkret in einem Bauhaus-Gebäude zu leben.
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      Gibt es einen Link zu dem Artikel? Oder hast Du ihn von einer Printausgabe abgetippt? fragte Heimdall.

      Ich hatte den Artikel vor Jahren mal gelesen, ich glaube in der ZEIT oder im TAGESSPIEGEL, ich weiß es nicht mehr genau. Und jetzt zum 100jährigen erinnerte ich mich wieder daran. Ich gab daraufhin entsprechende Stichwörter bei Google ein und fand den Artikel im Verein mit anderen dann endlich glücklicherweise wieder.
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      Liebe Foristen!


      Diesen link aus der WELT von dem Architekturkritiker Rainer Haubrich will ich Euch nicht vorenthalten.


      welt.de/kultur/kunst-und-archi…almedia.email.sharebutton

      Kleiner Nachtrag noch:
      Ganz unten im Text des Welt-Artikels sind sehr aussagekräftige Leserkommentare abgedruckt, deren Meinungsbild doch große Ähnlichkeit mit dem vieler Foristen hier bei Stadtbild Deutschland hat.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von findorffer ()

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      Das ist sehr sehr häufig bei Artikeln die sich mit den aktuellen "modernen" Neubauten befassen der Fall. Gefühlt 80% der Kommentatoren sind sehr sehr unzufrieden. Wir sind mit Sicherheit nicht allein mit unseren Vorstellungen, sondern die Mehrheit der Bevölkerung ist auf unserer Seite! Nur diejenigen die sich "auskennen" z.B. Stadtplaner, Architekten o.ä sind leider anderer Meinung!


      Ein sehr interessanter Artikel übrigens! Danke!
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      Wenn also die Mehrheit des Volkes, die in menschenfeindlichen Bauwerken erstarrten gedanklichen Ergüsse des Bau-Establishments ebenso satt hat, wie wir hier Alle im Forum, dann wäre es die verdammte Pflicht und Schuldigkeit zumindest der öffentlichen Bauträger, die vom Souverän, dem Volk, finanzierten Neubauten fortan so zu gestalten, daß diese wieder dem Geschmack der Majorität im Volke entsprechen. Oder habe ich das Prinzip der Demokratie etwa falsch verstanden ?
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      Die deutsche Demokratie stellt ohnehin in vielen Bereichen einen Sonderfall dar.. Aber um Ihre konkrete Frage zu beantworten: sog. „demokratische Architektur“ ist vieles- außer demokratisch..

      Dazu noch ein interessanter Beitrag des leider verstorbenen Kunsthistorikers Norbert Borrmann (der sich hier zwar -vor allem im ersten Teil- mehr auf politische Repräsentativbauten bezieht, aber der sich insgesamt durchaus auf weite Teile des öffentlichen Raums und der modernen Stadtplanung übertragen lässt):

      sezession.de/wp-content/uploads/2015/12/Sez60_Borrmann.pdf
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      Sehr geehrter East_Clintwood,

      habe den von Ihnen 'verlinkten' Artikel schon einmal kurz überflogen. Er scheint mir eine - sehr zu empfehlende - Standardlektüre zur Thematik zu sein, die wichtige Argumente enthält, welche Jeder von uns für einschlägige Diskussionen mit Vertretern der Gegenseite parat haben sollte.

      Vielen Dank für das Einstellen !