Ursachenforschung der Abrißwut in Bremen und anderswo

    This site uses cookies. By continuing to browse this site, you are agreeing to our Cookie Policy.

    Jahreshauptversammlung 2019: 1. und 2. Juni in Balingen/Zollernalb. Mach mit!

    • Ursachenforschung der Abrißwut in Bremen und anderswo

      Mit diesem neuen Strang möchte ich gemeinsam mit den anderen Foristen herausfinden, welche gesellschaftlichen Gruppen für die vielen Abrisse seit Kriegsende die Verantwortung tragen.


      Wenn ich mir die verschiedenen Beiträge über die "Veränderungen" unserer Innenstadt in den letzten Jahrzehnten so ansehe, nehme ich Erstaunen, Ungläubigkeit, ja Entsetzen, wahr. Hinter all dem scheint die unausgesprochene Frage zu stehen: WER HAT EIGENTLICH SCHULD AN DIESER VERSCHANDELUNG DER BREMER INNENSTADT? Die Beantwortung dieser Frage wird wohl nicht den einen Schuldigen hervorbringen, sondern eine Art Schuldkonzert. Ich versuche mal, hierzu, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, einige Verursacher zu benennen:
      • Da wäre zum einen die Bremer Baubehörde, die die Bebauungsprozesse seit Kriegsende steuert und wie wir wissen, auch ästhetische Vorgaben macht. So wurde der Dudlerbau am Bahnhofsplatz von der Baubehörde auch deshalb favorisiert, weil das Gebäude Klarheit ausdrückt. Gebäude mit "Klarer Kante", mit klaren Linien sind sicherlich von der Baubehörde bevorzugte Objekte - kurz, alles was in Richtung Moderne geht. Dazu habe ich auch ein Beispiel aus der Nachkriegszeit, dass ich noch einstellen werde.
      • Die Denkmalschutzbehörde. Es geht erstmal um den Zeitraum der 1940er- bis 1970er Jahre. Die Bauten des Historismus waren nicht angesehen, ja, wurden sogar gehasst. Ab den 1970/80er Jahren wurde es allerdings auch für die Denkmalschutzbehörde immer schwerer, Gebäude unter Schutz zu stellen. Die Gesetze waren erheblich verschärft worden. Auch dazu hätte ich einen Zeitungsartikel.
      • Die Politik. Sie trägt die politische Verantwortung für all die Abrisse seit Kriegsende. Mal hat sie selbst Abrisse entschieden (wie im Beispiel Gästehaus des Senats/Parkallee deutlich wird), mal lässt sie die Baubehörde an der langen Leine agieren. Sie könnte den Bürgern bei der Stadtgestaltung mehr Befugnisse einräumen, sie könnte Gestaltungsgesetze, die Innenstadt betreffend, erlassen, sie könnte einen Gestaltungsbeirat ins Leben rufen. Alles leider nicht passiert.
      • Die Architekten. Je mehr Zeit vergeht, desto unfähiger scheinen die Architekten zu werden. Vergleicht man Vorkriegsfotos mit der heutigen Situation, so kann man nur feststellen, dass die Stadt hässlicher geworden ist. Das ist Architektenwerk, deren Ausreden wir hier nicht mal diskutieren sollten. Es geht um Unfähigkeit, Hybris einer sich als Avantgarde definierenden Architektenschaft, fehlende Vorstellungskonzepte zm Thema Schönheit sowie die inzwischen weitverbreitete Unfähigkeit, zu zeichnen (sehen mit der Hand). Dazu kommt, dass sich Architekten aus ökonomischen Erwägungen gegenüber dem Investor prostituieren.
      • Die Investoren. Eigentlich kann man Ihnen den geringsten Vorwurf machen. Sie wollen Kohle verdienen - das weiß jeder - kommen oft gar nicht aus Bremen, haben deshalb keinen Bezug zur Stadt.
      Dies alles wird gerne von der flankierenden "Erkenntnis" des Zeitgeistes eingefasst. Aber der Zeitgeist verkommt heute ähnlich wie die Lieblingsbehauptung der Modernisten, "Schönheit liegt im Auge des Betrachters", zur abgedroschenen Phrase und dadurch zur Ausrede und Begründung für die scheußlichen Gebäude, die in den letzten Jahrzehnten unsere einst so schöne Stadt heimgesucht haben. Wenn alles nur noch im Auge des Betrachters liegt, dann gibt es ja keine Bausünden, keine Kritik mehr.

      The post was edited 3 times, last by findorffer ().

    • Lieber Herr Findorfer,
      ein sehr wichtiges und bislang, wie ich finde, vernachlässigtes Thema!
      Das wird wieder ein sehr interessanter Faden auf ApH!
      Mit vielen neuen Erkenntnissen.

      Z.B. Waren es vorwiegend die Sozialdekraten die den Flächenabriss zu verantworten haben, oder genau so viele Christdemokraten.?

      Die ostdeutsche SED ist im Vergleich dazu relativ leicht zu durchschauen:
      Modernistische Bauideologie und Marxistisch-Leninistische Ideologie in den Köpfen der Genossen.
      Die Architektur der Gründerzeit und davor ist die Architektur der "schlechten alten Zeit" des Kapitalismusmus und Feudalismus und deshalb wertlos, ja besser, zu tilgen.
      Das wurde dann nach Bedarf einfach beschlossen und durchgesetzt.

      Die westdeutschen Sozialdemokraten, denke ich, dachten ganz ähnlich wie die Genossen der SED, ist doch da immer auch eine gewisse Geistesverwandtschaft gewesen.
      Ich jedenfalls habe die Sozis immer als SED "Light" empfunden, auch genauso langweilig..

      Aber die Christdemokraten, waren die genauso modernistisch veranlagt? Ich denke, die haben zumindest Kirchen vom Abbruch ausgenommen.

      Beispiel: Der Abbruch des Essener Rathaus durch die regierende SPD.
      Das intakte, genutzte und ohne Kriegsschäden gebliebene Rathaus wird abgebrochen, die Stadtverwaltung zieht in Mietunterkünfte um, bis heute... Außer einem, ich glaube inzwischen auch schon wieder abgebrochenen, Parkhaus, gibt es keine weitere Nachnutzung des Geländes.
      Gratulation an die Genossen zum besten Schildbürgerstreich!
      Ich fordere hiermit den Wiederaufbau des alten Essener Rathaus!

      Na, ich freue mich auf das Weitere...
    • V.a. Investoren und Lobbyisten, die Partikularinteressen vertreten und mit viel Kapital im Rücken und direktem Zugang zu Politik und Verwaltung für ihre Sache trommeln. Dabei werden dann Argumente wie "neu und innovativ", "Arbeitsplätze", "Repräsentation" oder "gut für die Stadt und die Menschen" und manchmal wohl auch Schmiergelder auf den Tisch gelegt und entsprechende Kampagnen gefahren.... Welcher Politiker soll dagegen immun sein? Die Gegenargumente "Das alte ist auch nicht alles schlecht", "Kann man noch benutzen oder wieder herrichten", "braucht nur etwas Farbe und ist außerdem selten", die oft auch nicht konzertiert und aus berufenem Munde kommuniziert werden, sind da oft wirkungslos, für viele sogar weltfremd. Für mich sind es also nicht nur ausschließlich irgendwelche Politiker, die aus sich heraus alles umkrempeln wollen - viele DDR-Städte stehen heute besser da als die meisten BRD-Städte. Es sind desinteriessierte und leicht verführbare Menschen und wenige laute, die das falsche wollen, wie Baulöwen, Investoren, Stadtplaner und intellektuelle Verführer wie z.B. Le Corbusier oder Mies van der Rohe mit ihren giftigen Städtebaurezepten oder von Lobbyisten. Ich sehe zumindest die heutigen Politiker da eher als Opfer denn als Schuldige. Die hören auch nur auf die Stimme, die ihnen am lautesten und beharrlichsten ins Ohr schreit.
    • Die Ursachen liegen in einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber dem eigenen kulturellen Erbe- man kann nun partikuläre Gruppen herausfiltern, aber letztlich liegt es an einer tiefgreifenden Mentalität des Selbstbezichtigung, die nur in Deutschland vorhanden ist bzw nur in Deutschland diese Macht entfalten kann. Beispiel: müsste man ein Lutherhaus rekonstruieren, wäre die Reaktion: man dürfe nicht unkritisch Luthers Wirken rekonstruieren. Wollte man ein gründerzeitlichen Haus rekonstruieren, käme sogleich, dass die „dunkle“ Periode des Wilhelminismus (wie alles vor 1933 ein „Vorläufer der Nazis“) Gott sei Dank überwunden sei. Eine Kirche verböte sich, weil es von Eurozentrismus (von wo an es nur ein kleiner Schritt zur Rassenlehre ist) zeugte. Alles dies ist politisch verdächtig, weil in vordemokratischen Zeiten entstanden (wobei die Baupolitik zu jenen Zeiten wesentlich demokratischer war: man orientierte sich stets am kollektiven Ästhetikempfinden). Diese ‚Krankheit‘ lässt sich nicht auf Parteien reduzieren, Klett war z.B. in der CDU, die genau so anfällig für solche Denkmuster ist wie linke Parteien. Was daran liegt, dass die CDU eine Partei der Wirtschaft und rein ökonomischer Aspekte ist und weniger des klassischen kulturellen Nationalkonservatismus (was wiederum ebenfalls eine Kriegsfolge ist: eine ‚deutsche Volkspartei‘ wäre undenkbar gewesen). Linke Kreise legen ihren Fokus hingegen auf andere Argumente: Rekonstruktion sei „Geschichtsvergessenheit“, man soll also die Verhässlichung der Städte als groß angelegtes „Mahnmal“ verstehen. Sozialisten hingegen sehen ihr eigenes ideologisches Erbe in Gefahr und setzen, neben diesem Umstand, auch Funktionalität (Masse) vor Ästhetik (Elite).

      Hinzu kommt natürlich der Hass ‚demokratischer‘ (=mittelmäßiger) Architekten auf alles Gekonnte und Schöne- von jeder Rekonstruktion auf dem Dresdener Neumarkt werden sie widerlegt. Das nagt an ihnen. Ihr Hass beschränkt sich nicht nur auf vergangene Erzeugnisse sondern bezieht sich auch auf die Mehrheit der Bevölkerung, die solche Schönheit bevorzugen. Sie verstehen ihr Werk insgeheim auch als Rache und Beleidigung gegenüber all jenen, deren Geschmackssinn noch intakt ist und ihre „Werke“ grundsätzlich ablehnen.

      Also wendet man sich an die Politik und Wettbewerbskommissionen, die in kleinem Zirkel das Gesicht ganzer Städte und unseren öffentlichen Raum zu einem Labor einer längst gescheiterten Architektursprache missbrauchen.

      Ein anderer Aspekt ist, dass Architektur als Mittel der Repräsentation ebenfalls politisch verdächtig ist. Repräsentation bedeutet letztlich: besser und schöner sein zu wollen, als andere. Von da an ist es ebenfalls ein kleiner Schritt zu (bösen) Überlegenheitsgefühlen. Ein neuer nationaler Stil z.B., der sich nicht in bereits Bekanntes aus dem Ausland einreiht, wäre undenkbar. Anleihen an klassische Formensprache oder die Verwendung ortstypischer Materialien und tradierter Bauweisen sind tabu (es sei denn als ‚kritische Rekonstruktion’, wobei wir dann wieder bei obigem Punkt wären). Also verbietet sich solcherlei Architektur auch aus Gründen der Ablehnung von Prachtentfaltung und selbstauferlegter Bescheidenheit. Durchschnitt wird dann Pflicht. Unterer Durchschnitt wäre sogar eine Übererfüllung der Erwartungshaltung der Entscheidungsträger.

      Kurz: die Ursachen liegen tief. Jede Rekonstruktion muss über Jahrzehnte andauernde Diskussionen (von vorgeschobenen Bauvorschriften über ideologische Grundsatzdebatten und und und) abgerungen werden, und sei sie noch so klein- und am Ende erwarten diese Politiker auch noch Dankbezeugungen dafür, dass sie den „Ewiggestrigen“ einen Knochen hinwarfen. Also: Bevor auf der mentalen Ebene (die immer noch eine Kriegsruine ist) keine Revolution geschieht, wird dies auch noch lange so bleiben.
    • East_Clintwood wrote:

      Die Ursachen liegen in einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber dem eigenen kulturellen Erbe- man kann nun partikuläre Gruppen herausfiltern, aber letztlich liegt es an einer tiefgreifenden Mentalität des Selbstbezichtigung, die nur in Deutschland vorhanden ist bzw nur in Deutschland diese Macht entfalten kann. Beispiel: müsste man ein Lutherhaus rekonstruieren, wäre die Reaktion: man dürfe nicht unkritisch Luthers Wirken rekonstruieren. Wollte man ein gründerzeitlichen Haus rekonstruieren, käme sogleich, dass die „dunkle“ Periode des Wilhelminismus (wie alles vor 1933 ein „Vorläufer der Nazis“) Gott sei Dank überwunden sei. Eine Kirche verböte sich, weil es von Eurozentrismus (von wo an es nur ein kleiner Schritt zur Rassenlehre ist) zeugte.
      Diese Interpretation der Dinge mag für Abrisse und Zerstörungen seit etwa 1975ff. hinkommen, als also "linke" oder "post-68er"-Denke ihren Marsch durch die Institutionen antrat. Nicht zufällig aber markiert das Jahr 1975 im Westen gerade eine partielle Zeitenwende hin zu mehr Erhalt von Altbausubstanz.

      Nein, für die Abrisswut der beiden unmittelbaren Nachkriegsjahrzehnte ist die hier auch wieder anklingende "Schuldkult"-Erklärung einfach nicht stichhaltig. Von den Planern, die damals die autogerechten Städte, die Tangenten, die Hochstraßen und "Durchbrüche" planten, waren die meisten in der Nazizeit sozialisiert und setzten die Planungen aus dieser Zeit nur um. Bereits die Nazis hatten die extrem kritische Einstellung der Architekten der ersten Moderne gegenüber der Architektur der Kaiserzeit vollumfänglich übernommen, weswegen es auch schon in den 20er- und 30er Jahren zu ersten "Modernisierungen" (meist Entstuckungen) und sogar Abrissen gründerzeitlicher Gebäude gekommen war. Auch Kahlschlagsanierungen (meist Flächenabrisse) von Altstadtsubstanz war den Nazis alles andere als fremd.

      Hier jetzt wieder und wieder die Kurve zur Studentenbewegung, "Schuldkult" und allgemeiner linksgrüner Durchseuchung zu suchen, wird der Komplexität des Themas einfach nicht gerecht bzw. ist imho grob falsch, zumindest für die Zeit der "zweiten Zerstörung" unserer Städte. Dass eine gewisse Missachtung vor kaiserzeitlicher Architektur seit den 80er Jahren auch durch die allgemeine kulturelle Hegemonie der Erben der Studentenbewegung, also später, eine Rolle spielen mag, möchte ich nicht bestreiten. Für den Abriss und/oder die Verstümmelung so vieler grandioser kaiserzeitlicher Gebäude kann man aber beim besten Willen nicht die Entwicklungen 1968ff. verantwortlich machen. Diese waren - ganz umgekehrt- in Teilen sogar ausgelöst durch die Naziplaner und Kahlschlagsanierer in unseren Städten.
    • Lieber Bismark, Reschbanner, Notor und Clint Eastwood!

      Ich ward schneller als die Moderation, die ich gebeten hatte, einige Beiträge unter dem Strang Bremer Innenstadt in diesen neuen Strang einzufügen. Da das bisher noch nicht passiert ist, habe ich meinen ersten Beitrag dazu hier auf diesem Strang oben noch mal eingefügt. Ich bitte um Kenntnisnahme, evtl nachblättern auf Bremen Innenstadt die letzten Beiträge.
    • Heinzer wrote:

      Nein, für die Abrisswut der beiden unmittelbaren Nachkriegsjahrzehnte ist die hier auch wieder anklingende "Schuldkult"-Erklärung einfach nicht stichhaltig.
      Teils würde ich dir da zustimmen: ich gebe dir recht darin, dass die Ursachen für weitere Abrisse in den 50'iger Jahren komplex waren und daran auch nicht weniger Architekten und Stadtplaner beteiligt waren, die bei Speer und Co. in die Schule gegangen waren.
      Andererseits gibt es aber genau diese Argumentation: "Wir dürfen wegen der Schuld, die Deutschland durch den NS auf sich geladen hat, nicht rekonstruieren" durchaus auch in der ersten Nachkriegszeit. Siehe die Polemik von Walter Dirks gegen die Rekonstruktion des Goethehauses von 1947, der genau so argumentiert.
    • Sehr richtig! Das Thema Bildung darf man hier nicht vergessen, bzw. das Fehlen einer ausreichenden Kunst- und Geschmacksbildung. Auch mangelnde Wertschätzung für das Alte, das lange seinen Dienst und Zweck erfüllte, und Nachhaltigkeitsaspekte.
      Unser gesellschaftliches Handeln ist leider durchdrungen von betriebswirtschaftlichen Dogmen "rechnet sich das (für mich)?", wobei die Betriebswirtschaft wohl die am häufigsten irrende "Wissenschaft" ist. Dabei hat niemals jemand, der nur betriebswirtschaftlich denkt, etwas Großes, dauerhaftes geleistet.
      Architektur wird tatsächlich immer in einem politischen Kontext gestellt, anders als die bildende Kunst, die Musik, Tanz oder Design. Der Vorwurf der Rückwärtsgewandtheit taucht fast nur in Architekturdiskussionen auf, aber nicht in anderen Genres. Jahrezehntelange Defizite in der Bildung zu Kunst- und Architekturfragen zugunsten politischer und betriebswirtschaftlicher Schwerpunkte haben weite Teile der Bevölkerung blind und immun gemacht. Da haben es dann Partikularinteressen leicht.
    • Sie meinen also, dass die unmittelbar in der Nazizeit sozialisierte Generation frei von Schuldgefühlen war und die autogerechte Stadt nicht eine Flucht nach vorne (=>Fortschrittsgläubigkeit der 50er Jahre) und weg von der eigenen Vergangenheit war? Aufgrund der Scham dieser „Nazi-Generation“ waren die 68er doch überhaupt erst in diesem Ausmaß möglich. Tut mir leid, aber das Beispiel Stuttgart lässt sich nur auf dieser Ebene nachvollziehen- Sie glauben doch wohl kaum, hätte Napoleon alle deutschen Städte verwüstet, die nachgekommenen Deutschen aus den Stadtzentren (weil modern) Industriegebiete gemacht hätten? Dass wir diese „Kurve“ hier wieder verlassen müssen, weil sie unangenehm ist, zeigt, dass ich wohl nicht sooo Unrecht habe. Sie insinuieren, dass die Städte heute ohnehin so aussähen, wie sie aussehen: und das ist grundfalsch. Auch mit diesem Argument möchte man oft den Mentalitätswandel schönreden und als Kontinuität erscheinen lassen. Ist es aber nicht. Nehmen wir Frankfurt in den 20er Jahren: die gesamte Altstadt wurde saniert, Fachwerk sogar freigelegt. Wenn die Nazis abrissen und neu bauten, war es -wie in Köln- stets unter Berücksichtigung des regionalen Stils (ohne es loben zu wollen, „gekonnt“ war ihr Bauen nicht). Und schauen Sie sich andere kriegszerstörte Städte an, wie Warschau oder London: mit wie viel Liebe wurde das eigene Erbe rekonstruiert- NUR in Deutschland war die „autogerechte Stadt“ möglich: genau aus den genannten Gründen. Und NUR in Deutschland sind Diskussionen darüber möglich, ob man Alt-Lübeck „kritisch“ rekonstruieren oder modern bebauen sollte.

      PS: es geht hier um Ursachenforschung: das Dritte Reich und dessen bis heute nachhallenden sozial- und kulturpolitischen Folgen gerade hier auszulassen, weil unbequem, würde diese Diskussion zu einem „Reden um den heissen Brei“ machen.
    • Heinzer wrote:

      Für den Abriss und/oder die Verstümmelung so vieler grandioser kaiserzeitlicher Gebäude kann man aber beim besten Willen nicht die Entwicklungen 1968ff. verantwortlich machen.
      Das ist richtig, aber die Abneigung gegen die Gründerzeit ist ein anderes Thema als die Ablehnung von Rekonstruktionen oder der Abriss erhaltener mittelalterlicher oder frühneuzeitlicher Bausubstanz.
      Die Abneigung gegen die Gründerzeit war seit etwa 1920 Konsens im gesamten politischen und gesellschaftlichen Spektrum. Gegen die überlieferten Altstädte mittelalterlich-frühneuzeitlichen Gepräges gab es eine vergleichbare Abneigung in der Zwischenkriegszeit keineswegs - eher sogar im Gegenteil.

      Ich denke allerdings auch, dass der Gedanke, man dürfe wegen des Nationalsozialismus nicht rekonstruieren, erst später zur Entfaltung gekommen ist (auch wenn er vereinzelt schon in den 40'iger und 50'iger Jahren geäußert wurde). In der unmittelbaren Nachkriegszeit standen wohl eher praktische Erwägungen in Kombination mit einem modernistischen Verständnis von Stadtplanung im Vordergrund.
      Überhaupt sollte man sich vielleicht keine Illusionen über den Wiederaufbau von Städten nach großen Katastrophen machen. Reutlingen beispielsweise wurde 1726 zu 80% durch einen Stadtbrand zerstört. Die Häuser aus der ersten Phase des Wiederaufbaus in der Mitte des 18. Jahrhunderts, die noch erhalten sind, sind meistens genauso schmucklos und nichtssagend wie die Wiederaufbauarchitektur der ersten Nachkriegsjahre.
    • Ich erinnere daran, dass in einschlägigen und reichweitenstarken Zeitungen bzgl der Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt davon die Rede war, dass „Rechte“ (= deutsche Assoziation: „Nazis“) dafür plädieren und es daher kritisch zu beäugen sei (künftige Rekos in Frankfurt werden sich ebenfalls mit diesem Vorwurf auseinandersetzen müssen: und vermutlich daran scheitern- der Knochen wurde ja schon hingeworfen). Sie sehen, auch das Mittelalter ist vor ideologischer Instrumentalisierung nicht sicher. Und meinen Sie ernsthaft, dass in einer polnischen/französischen/usw. Stadt z.B. darüber diskutiert würde, den Schmuck an das Salzhaus wieder anzubringen, wenn er sogar noch erhalten (!) wäre? Oder in Nürnberg das Pellerhaus wiederzuerrichten, nachdem bereits der (wohl aufwändigere) Innenhof rekonstruiert wäre? Oder darüber, ob man das freigelegte kleine (mittelalterliche) Altstadtquartier in Berlin zumindest in Teilen rekonstruieren sollte? Wie gesagt: nur in Deutschland führt man solche Debatten.
    • Heinzer wrote:

      Nein, für die Abrisswut der beiden unmittelbaren Nachkriegsjahrzehnte ist die hier auch wieder anklingende "Schuldkult"-Erklärung einfach nicht stichhaltig. Von den Planern, die damals die autogerechten Städte, die Tangenten, die Hochstraßen und "Durchbrüche" planten, waren die meisten in der Nazizeit sozialisiert und setzten die Planungen aus dieser Zeit nur um. Bereits die Nazis hatten die extrem kritische Einstellung der Architekten der ersten Moderne gegenüber der Architektur der Kaiserzeit vollumfänglich übernommen, weswegen es auch schon in den 20er- und 30er Jahren zu ersten "Modernisierungen" (meist Entstuckungen) und sogar Abrissen gründerzeitlicher Gebäude gekommen war. Auch Kahlschlagsanierungen (meist Flächenabrisse) von Altstadtsubstanz war den Nazis alles andere als frem
      Hier jetzt wieder und wieder die Kurve zur Studentenbewegung, "Schuldkult" und allgemeiner linksgrüner Durchseuchung zu suchen, wird der Komplexität des Themas einfach nicht gerecht bzw. ist imho grob falsch, zumindest für die Zeit der "zweiten Zerstörung" unserer Städte. Dass eine gewisse Missachtung vor kaiserzeitlicher Architekten ur seit den 80er Jahren auch durch die allgemeine kulturelle Hegemonie der Erben der Studentenbewegung, also später, eine Rolle spielen mag, möchte ich nicht bestreiten. Für den Abriss und/oder die Verstümmelung so vieler grandioser kaiserzeitlicher Gebäude kann man aber beim besten Willen nicht die Entwicklungen 1968ff. verantwortlich machen. Diese waren - ganz umgekehrt- in Teilen sogar ausgelöst durch die Naziplaner und Kahlschlagsanierer in unseren Städten.
      Ich glaube, man sollte sich auch vom Bezug der Planer zu den Nazis lösen. Denn es fanden z. B. in unseren nördlichen Nachbarländern in Skandinavien zeitgleich jeweils ganz ähnliche Entwicklungen wie in Deutschland statt - unter durchgängig demokratischen Bedingungen!

      Die meisten größeren Städte Skandinaviens weisen heute trotz fehlender Kriegszerstörungen ein den deutschen Städten recht ähnliches Bild mit einem hohen Anteil von Nachkriegsarchitektur in den Zentren auf - "wunderbares" Beispiel: Oslo. Man könnte meinen, große Teile des Zentrums wurden zerbombt. Es war aber nur die Moderne, die hier bereits seit den 30er Jahren und dann verstärkt in der Nachkriegszeit durchgegriffen hat.
    • Denkmalpflege in Bremen

      In den 198ß/90er Jahren ging der Weser-Kurier noch wesentlich kritischer mit den bis dahin schon vielen Abrissen um als heute und hatte auch eine entsprechende Berichterstattung, die in bestimmten Abständen abgedruckt wurden. Heute gehen die Artikel nicht mehr so reflektiert in die Tiefe, sondern sind bezogen auf das Bauschaffen und den Stadtbildverlust eher affirmativ. Die Serie von dem Reakteur Peter Groth hieß damals:



      In den 1990er Jahren kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Sprecher der Initiative "Bremer Stadtbild", CarstenMeyer, und dem damaligen Landesdenkmalpfleger Hans-Christoph Hoffmann, die ich hier im angekündigten Kontext der Ursachenforschen wiedergeben möchte. Der Artikel im WK ist vom 21. März 1991, die Ecke rechts oben bitte ich zu ignorieren.

    • East_Clintwood wrote:

      Ich erinnere daran, dass in einschlägigen und reichweitenstarken Zeitungen bzgl der Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt davon die Rede war, dass „Rechte“ (= deutsche Assoziation: „Nazis“) dafür plädieren und es daher kritisch zu beäugen sei (künftige Rekos in Frankfurt werden sich ebenfalls mit diesem Vorwurf auseinandersetzen müssen: und vermutlich daran scheitern- der Knochen wurde ja schon hingeworfen). Sie sehen, auch das Mittelalter ist vor ideologischer Instrumentalisierung nicht sicher. Und meinen Sie ernsthaft, dass in einer polnischen/französischen/usw. Stadt z.B. darüber diskutiert würde, den Schmuck an das Salzhaus wieder anzubringen, wenn er sogar noch erhalten (!) wäre? Oder in Nürnberg das Pellerhaus wiederzuerrichten, nachdem bereits der (wohl aufwändigere) Innenhof rekonstruiert wäre? Oder darüber, ob man das freigelegte kleine (mittelalterliche) Altstadtquartier in Berlin zumindest in Teilen rekonstruieren sollte? Wie gesagt: nur in Deutschland führt man solche Debatten.
      Das ist aber die Situation heute. In der ersten Nachkriegszeit, über die wir oben geredet haben, spielten sicherlich andere Erwägungen die ausschlaggebende Rolle.
    • Grundursache ist wohl der Fortschrittsglaube, der sich durch weite Teile des 20. Jahrhunderts zieht und sich an der Begeisterung für Technik und Energie, speziell für das Auto, an neuen Möglichkeiten der Massenfertigung und je nach politischer Ausrichtung an utopischen Vorstellungen der jeweiligen Couleur festmachen lässt.

      Die Nichtrekonstruktionen oder Flächenabrisse kamen ja auch in anderen Ländern vor, siehe Rotterdam bzw. Stockholm.

      Der spezielle Aspekt, dass man sich in Deutschland seiner näheren Vergangenheit schämt(e), und bei der Gelegenheit dann gleich die gesamte Vergangenheit hinter sich lassen will oder wollte, kommt dann noch oben drauf.

      Edit: da waren schon andere schneller, die ähnliches angemerkt haben ...
    • HelgeK wrote:

      Ich glaube, man sollte sich auch vom Bezug der Planer zu den Nazis lösen. Denn es fanden z. B. in unseren nördlichen Nachbarländern in Skandinavien zeitgleich jeweils ganz ähnliche Entwicklungen wie in Deutschland statt - unter durchgängig demokratischen Bedingungen!
      Die meisten größeren Städte Skandinaviens weisen heute trotz fehlender Kriegszerstörungen ein den deutschen Städten recht ähnliches Bild mit einem hohen Anteil von Nachkriegsarchitektur in den Zentren auf - "wunderbares" Beispiel: Oslo. Man könnte meinen, große Teile des Zentrums wurden zerbombt. Es war aber nur die Moderne, die hier bereits seit den 30er Jahren und dann verstärkt in der Nachkriegszeit durchgegriffen hat.
      Oslo hatte auch nicht die größte mittelalterliche Altstadt Europas, wie Frankfurt. Man sieht in Oslo übrigens durchaus gewachsene Strukturen- man findet sehr viele historische Spuren. „Man könnte meinen, große Teile des Zentrums wurden verbombt“- genau, TEILE. Käme Ibsen heute nach Oslo: er würde seine Stadt noch kennen, sogar der Grundriss ist exakt derselbe. Käme Schopenhauer nach Frankfurt: er fände weder sein Haus, noch wüsste er wo er sich abseits des Römers überhaupt befände.
    • Dennoch nimmt Deutschland da freilich nicht die (im Negativen) einzigartige Stellung ein, wie wir sie hier gerne postulieren. HelgeK hat da schon Recht. Man schaue auch einmal nach England. Obwohl die dortigen Kriegszerstörungen sich nicht mit den unsrigen vergleichen lassen, erinnern die Zentren vieler englischer Großstädte an die schlimmsten Quartiere von Essen oder Köln und zeigen sich als ihren deutschen Pendants keineswegs überlegen. Auch gerade Skandinavien kann viele Beispiele für übelste Flächenabrisse von historisch erhaltenen Stadtvierteln vorweisen. Ich glaube kaum, dass sich ein Wiederaufbau zerstörter Städte in diesen Ländern besser gestaltet hätte als bei uns in Deutschland. Sagen wir es einmal so, die Kriegszerstörungen haben dafür gesorgt, dass es möglich war, das vielleicht noch einen Tick radikaler durchzusetzen, was so auch in anderen europäischen Ländern üblich war. Vielleicht haben dann spezifische Umstände wie das Noch-Vorhandensein utopistischer Architektureliten aus dem Dritten Reich oder die übersteigerte, geradezu apotropäische Ablehnung der Vergangenheit das Ganze weiter befeuert. Dennoch ist die Wurzel dessen nicht rein deutsch, sondern eher ein europäisches - oder sagen wir lieber west/nordeuropäisches - Phänomen. Wie wir hier schon öfters ausgeführt haben, der Abrisswahn wütete in protestantischen Ländern am schlimmsten (und das sage ich als Protestant). Der Protestantismus war selbst geboren worden aus dem Geist der Rebellion, des Nicht-Anerkennens der Tradition als Wert an sich. Schon Max Weber hat die besondere protestantische Arbeitsethik beschrieben und nicht umsonst neigten protestantische Länder eher zu einem pragmatischen, ökonomischen Ethos. Das befeuerte die wirtschaftliche und wissenschaftliche Entwicklung und sorgte für den gewaltigen Vorsprung, den sich der Norden Europas in den letzten Jahrhunderten gegenüber dem Süden erarbeitet hat. Hiermit wurden auch gesellschaftliche Erneuerungen im protestantischen Raum bereitwilliger aufgenommen, angefangen mit der Aufklärung. Frankreich ist natürlich die große Ausnahme, aber auch hier stellten die protestantischen Hugenotten bis zu ihrer Vertreibung die gesellschaftliche Elite dar. Aber eine Übertretung des gesunden Maßes führt gerne ins Verderben und im Rausch des Neuen wird man oftmals desensibilisiert für den Unterschied zwischen vermeintlichem und tatsächlichem Fortschritt. Und so sehen wir heute, dass auch die negativen Auswüchse der Moderne im protestantischen Europa viel folgenschwerer wüten als im katholischen. Man braucht eben beides: Aufgeschlossenheit gegenüber gutem Neuen UND gutem Alten. Katholische Länder gelten fast allesamt als architektonische Musterländer: Österreich, Italien, Spanien, Portugal, Polen (Polen zumindest, was den Wiederaufbau nach dem Krieg anbelangt). Selbst innerhalb der Bundesrepublik kann man differenzieren: Württembergs Wiederaufbau war viel weniger traditionell als der des direkt nebenan liegenden katholischen Bayerns. Dieses Schema mag zwar natürlich nicht immer zutreffen, derzeit führen protestantische Städte wie Dresden oder Potsdam die Rekonstruktionsbewegung an. Dennoch ist die Tendenz in meinen Augen nicht zu leugnen. Dementsprechend liegt die Wurzel der ausgeprägten Abrisskultur in Nordeuropa auch in der (zeitweilig) spezifischen Ausrichtung der dortigen Kulturen begründet, die für viel Gutes gesorgt, sich in diesem Falle jedoch destruktiv entfaltet hat.
    • Eine der Ursachen der Abrißwut ist die Abdankung des Kaisers

      Ich möchte hier einfach einmal den folgenden Gedanke in den Ring werfen, auch wenn mir bewußt es, daß er Vielen sicherlich als steile, in diesem Kontext orchideenhafte, These erscheinen wird:

      Auch wenn mittlerweile in der Forschung die Erkenntnis im Vordringen begriffen ist, daß er den neueren Baustilen durchaus nicht so netativ gegenüberstand, wie landläufig immer gern behauptete wird, so war er nichtsdestotrotz natürlich einer der, wenn nich gar der große Schutzherr des Historismus: Die Rede ist von S.M. Kaiser Wilhelm II. Wäre der Epochenwechsel vom 9.November 1918 ausgeblieben oder zumindest in einer Art erfolgt, die Wilhelm den Thron belassen hätte, denke ich, hätten sich das Bauhaus, dessen Epigonen und auch die Bauverantwortlichen der beiden deutschen Diktaturen niemals zu den unerbittlichen Richtern und Vernichtern des gründerzeitlichen und wilhelminischen Bauens aufschwingen können. Abgesehen davon, daß es den 2. Weltkrieg mit Wilhelm nicht gegeben hätte, wären somit viele Gebäude unter der fortdauernden kaiserlichen Protektion unantastbar gewesen und deshalb erhalten geblieben !
    • HelgeK wrote:

      Die meisten größeren Städte Skandinaviens weisen heute trotz fehlender Kriegszerstörungen ein den deutschen Städten recht ähnliches Bild mit einem hohen Anteil von Nachkriegsarchitektur in den Zentren auf
      Mir ging es in Basel ähnlich. Ich dachte, ich käme in eine unversehrte Stadt, aber jenseits des unmittelbaren Altstadt-Bereichs sah die Stadt ganz ähnlich zerfasert aus wie in der Bundesrepublik. Und, sie wurde, je weiter ich an die Peripherie vorstoß, je jünger die Architektur wurde, umso monströser.